Es regnet. Nachdem das ja auch lange genug angekündigt wurde und sich keiner dran gehalten hat, passt es nun endlich doch. Heute Morgen habe ich mich sogar bei dem Gedanken ertappt, wie schön jetzt ein Glühwein wäre. Oder ein warmer Eierpunsch…auf dem Weihnachtsmarkt. Ja, ich habe auf den Kalender geschaut und festgestellt, dass wir gerade mal Anfang August haben. Und was heißt das? Nichts. Petrus scheint sich jedenfalls nicht darum zu scheren. Warum also sollte ich das tun? Ich trage lange Jeans, musste sogar eine Jacke überziehen…das ist alles, wie es auch in der Vorweihnachtszeit so ist. Die fünf Grad Unterschied machen den Bock dann auch nicht fett, oder? Eben.

Die letzten Tage war ich immer irgendwie beschäftigt. Kennt Ihr das? Ihr seid beschäftigt, fragt Euch aber dann rückblickend, womit eigentlich? So richtig kann ich das gar nicht sagen. Die Arbeit plätschert vor sich hin. Nächsten Montag habe ich dann eine Audienz bei der neuen Chef-Chefin – als Einzige der beiden bisherigen Teams. In welche Richtung es gehen soll, weiß ich schon. Ob ich das auch will, weiß ich allerdings noch nicht. Das Positive: Ich werde zu einem Gespräch zwecks Austausch gebeten. Damit bin ich in der besseren Position und kann auch meine „Forderungen“ stellen – auch wenn ich die natürlich nicht als solche bezeichnen werde. Es soll eine Academy geschaffen werden. Ja, schreibt man im Deutschen anders, aber sie wollen nun mal eine Academy und keine schnöde klingende Akademie. Ist auch pupsegal. Das Interessante daran ist: Keiner kann das. Trainer gibt es einfach nicht wirklich hier. Da bin ich die Einzige. Hier werden eher Workshops gehalten und Zahlen, Daten, Fakten geliefert. Menschen zu begeistern, ihre Leidenschaft zu wecken, ihnen den Nutzen von etwas aufzuzeigen, gehört einfach nicht dazu. Und da könnte ich mich auch viiiiiiiiel mehr austoben. Nur ist das nicht gewollt. Keiner versteht so wirklich, dass man sich auch eine Geschichte dazu ausdenken muss. Sie sind hier allesamt eher phantasielos. Und dann komme ich bunter Vogel daher.
Tja, und da steh´ ich nun und überlege, ob ich mir das Zähne Ziehen antun soll? Einerseits wäre es gut, wenn ich mich da austoben könnte. Ob ich dafür aber den nötigen Freiraum erhalte? Die Dame, die meine Chefin werden würde, ist alles andere als einfach. Da wird es rappeln. Andererseits: War es bislang leicht? Meine quasi nicht vorhandene Führungskraft ist jetzt auch kein Brüller gewesen. Und eigentlich wollte ich in eine andere Abteilung wechseln, dessen Leiter ich so toll finde. Ich folge Menschen – nicht nüchternen Zahlen. Da denke ich wieder an meinen Berliner. Mit solchen Menschen würde ich unwahrscheinlich gerne zusammenarbeiten. Das wäre anstrengend, da gäbe es unglaublich viel Reibung, aber so würde eben auch Energie erzeugt. Es würde mich persönlich in der Entwicklung voranbringen, neue Wege aufzeigen. Ich bin diese Schnarchnasen hier einfach so leid. Es kommt eben auch darauf an, wer noch in das Team käme. Ich schätze, da wird niemand aus meinem Team dabei sein…oder vielmehr hoffe ich das. Außer meine liebe Kollegin, aber die wird garantiert nicht für dieses Team vorgesehen sein.
Vermutlich werde ich jedoch das mit der Academy machen. Warum? Weil ein paar der jungen Hühner in die tolle Abteilung wechseln und da Posten besetzen werden, dass mir übel wird. Und andererseits: Wenn ich eh nebenher selbständig als Trainer tätig werden möchte, dann kann noch mehr Erfahrung nicht schaden. Es kommt wohl einfach auf meine Entfaltungsmöglichkeiten an. Ihr seht schon: Es dreht sich wieder mal in meinem Kopf und schwirrt umher…

Und dann kommt mir mein alter Chef in den Sinn, bei dem ich nicht lange war, mit dem ich aber immer wieder im Austausch stehe. Zuletzt waren wir fürs letzte Jahr verabredet, doch da ist uns der Lockdown dazwischen gegrätscht. Wir haben schon noch geappt zwischendurch, aber nicht wirklich richtig gesprochen. Also rufe ich ihn kurzentschlossen an, um endlich einen Termin zu vereinbaren, wann wir uns treffen. Was er dann berichtet, haut mich um: Er ist erst seit 15 Monaten verheiratet. Und ziemlich genau da fing es an, dass seine Frau ihn schlägt. Zu Beginn des Jahres sei er nicht mehr in der Lage gewesen, sich noch zu irgendwas aufzuraffen. Und wie er so im Bett lag, habe seine Frau neben ihm gestanden und immer wieder auf ihn eingetreten. Ihr Sohn, der gerade seine Ausbildung begonnen hat, wohnt bei ihm. Die Frau hat nach Polizei- und Amtsgerichtbesuchen nun endlich keinen Zugang mehr zur Wohnung. Bei all dem schwingt natürlich Scham mit. Und Schuld auch, also die Frage: „Was habe ich getan, um das zu provozieren?“ Sie war selbst viele Jahre lang Opfer in ihrer Kindheit. Die sichtbaren Narben am Körper müssen da eine eindeutige Sprache sprechen. Aber erst, als der Sohn sich traut, bei der Polizei auch Anzeige zu erstatten, wird das ganze Ausmaß bekannt. Es ist erschreckend. Nur leider auch ohne Einsicht ihrerseits, denn sie sieht nicht, dass es ein Problem gibt.
Und ich? Sitze mit dem Hörer in der Hand und staune mal wieder nicht schlecht, wie das Leben läuft. Es wundert mich, wie offen er zu mir ist, als er sagt: „Wenn nicht Dir, wem könnte ich so was denn dann erzählen? Bei Dir weiß ich, das geht.“ Wir haben uns vielleicht sechs Mal seit Anfang 2018 gesehen. Aber manchmal ist das wohl so. Mit wem kann ein Mann offen sprechen, wenn er von seiner eignen Frau geschlagen wird? Wer ahnt sie nicht, die Sprüche, die dann kommen: „Was ist das denn für ein Mann, der sich von seiner Alten schlagen lässt?! So ein Schlappschwanz!“ Im Urteilen sind immer alle so schnell. Genauso, wie in Formulierungen: „Das würde mir nie passieren!“ Wie oft habe ich den Spruch schon gehört? Dabei sind das schleichende Prozesse. Es dringt langsam in Dein Hirn, weil man irgendwie denkt, dass das nicht wirklich passieren kann, weil das einfach nicht geht. Ähnlich, wie es auch bei dem Thema Missbrauch und Belästigung ist: „Es kann doch gar nicht so vielen Frauen passieren. Das wird doch aufgebauscht. Ich kenne keinen Mann, der so was machen würde. Und außerdem: Was hatte sie denn an?“ Schade, wie wenig Mitgefühl bisweilen vorhanden ist, wie wenig Verständnis. Und ja, ich weiß auch, dass es Frauen gibt, die das nur erfinden. Ich weiß aber auch, dass es verdammt viele Frauen gibt, die das niemals erwähnen und zur Anzeige bringen. Und ebenso, dass die Dunkelziffer von geschlagenen Männern verdammt hoch ist. Wäre es nicht gut, wenn wir mehr hinschauen und hinhören, wenn wir anderen Menschen begegnen?

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