Ich sehe mich selbst im Brautkleid. Ja, ich werde heiraten. Es wird so, wie ich es mir gewünscht habe: Ein fließendes Kleid, das zu meiner Strandhochzeit im allerengsten Kreis passt. Noch ehe ich meinen zukünftigen Mann erblicke, klingelt der Wecker. Echt jetzt?!?! Das darf ja wohl nicht wahr sein!! Ich will doch wissen, wer das ist, damit ich Ausschau nach ihm halten kann. Ihr könnt Euch vorstellen: So ein abruptes Ende eines echt tollen Traums, ist ein mieser Einstieg in den Tag. Schönen Dank auch. Missmutig verlasse ich das Bett und steig unter die Dusche.

Heute geht’s nämlich nach Fürth. Ich habe meine Ausbildung zum Resilienz-Berater, die bis Samstag dauert. Der Traineranteil in mir ist etwas genervt, weil keine wirklich klaren Vorgaben vorab kamen. Auf eine Mailanfrage hin konnte ich in Erfahrung bringen, dass es um 10 Uhr losgeht. Mit eineinviertel Stunden Puffer fahre ich entspannt los und komme an keiner einzigen Stelle in einen Stau. Herz, was willst Du mehr? Da die Atta-Girls schon fleißig waren, kann ich auch schon vor Schulungsbeginn in mein Zimmer.

Wir sind acht Teilnehmer, was ich bereits vorab wusste. Die Verteilung ist der Kracher: Ein Mann, sieben Frauen. Der Background ist auch wieder die komplette Lindenstraße. Meine direkte Sitznachbarin gefällt mir auf Anhieb. Eine in Düsseldorf geborene Kölnerin ebenso – obwohl das schon ein harter Ritt ist. 🙂 Aber es gibt auch die Trigger-Menschen, was mich im Laufe des Tages schon auch nervt. Der einzige Mann (neben dem Dozenten) haut dann auch mal einen Klopper raus: Ernährung sei nicht so sein Steckenpferd. „Vegan leben zu müssen, wäre für mich der Untergang! Wir vernichten doch damit die Natur!“ Ich schmeiß mich weg. Der nächste Klopper kommt in der Mittagspause von der Rheinländerin. Wobei vorher noch eine Szene voranging. Wir waren ursprünglich zu fünft, die in den Biergarten wollten. Drei trugen eine medizinische Maske, wir zwei in Bayern lebenden eine FFP2-Maske. Ach ja, einheitliche Regeln wären ja auch zu langweilig. Es wird häufig diskutiert, aber ist nun mal eine Tatsache: Fürth liegt zwar in Franken, und die gibt es schon viiiiiiiel länger, aber Bundesland technisch gesehen, gehört dies zu Bayern. Ja, liebe Franken, ich weiß, dass das nicht gerecht ist. Zum Ausgleich ist einer Eurer Landsleute (dä Maggus) Ministerpräsident Bayerns. Also passt’s doch wieder. Und so gelten hier bayerische Regeln, sprich FFP2-Maskenpflicht. Die Kellnerin kommt zu uns und fragt, ob die drei Damen auch eine FFP2-Maske hätten? Nö. Dann könnten sie eine erwerben, denn: „Sie müssen hier FFP2-Masken tragen.“ Prompt motzt die Dame, die mich ohnehin schon triggert: „Ich muss gar nichts!“ und stiefelt raus. Ihre Schwester seufzt, verdreht die Augen und geht ebenfalls. Sind wir nur noch drei, wobei die Rheinländerin eine Maske kauft – wir leben schließlich nach dem Motto: „Et is, wie et is.“ Und die Gastronomie hat sich die Regeln nicht ausgedacht. Nun dürfen wir an unseren Tisch und bestellen. Hier merke ich, doch schon eine Weile bei den Bayern zu leben, denn die Kölnerin bestellt ein Bier, aber nicht so ein ganz Großes. „A halbe denn?“ In München sagt man da schon „a hoibe“, aber in Franggn is des a weng anderst. Nee, sie wolle weniger als 0,5 Liter. „A Schnitt also.“ Ein Schnitt ist eher das letzte Bier, bevor man geht. Das Halbliterglas wird mit voll aufdrehtem Hahn befüllt, bis es halb voll Bier und halb voll Schaum ist. So was gibt’s nur in Bayern. Ich liebe es. Eine Viertelstunde später sagt die Rheinländerin dann ganz süß zur Kellnerin: „Jetzt hätt‘ ich gern ein ganzes“, was ein Stirnrunzeln hervorruft. Immerhin ist das Glas ja nicht kaputt. Völkerverständigung ist was Feines… und die Franggn… mei, es sind halt Franggn, gä? Sie pflegen ihre ganz eigene Sprache.

Nach der Pause geht’s in die Diskussion. Und da steigt dann der Nervpegel. Manches ist mir zu schwarz-weiß. Die Sicht auf Deutschland ist sehr negativ. Es ist alles so absolut. „Und dann diese Zeit! Und diese uneinsichtigen Menschen!“ Ich mag die Haltung nicht: „Ich weiß ja soooo viel mehr! Und ich muss Dich bekehren, damit Du auch ein Sehender wirst.“ Da könnte ich mal eben göbeln. Der Dozent ist zumindest so aufmerksam, mein Genervtsein zu erkennen. Klar, mein Gesicht spricht ja auch Bände. Er setzt mehrfach an, mich was zu fragen, aber zwei Damen sind nonstop damit beschäftigt, sich gegenseitig in ihrer „Deutschland engt sooooo ein, ich kann nicht mehr atmen“-Haltung zu bestätigen und übertrumpfen. Ich gähne innerlich. Geht mir das auf den Sack. Wir machen eine kurze Pause, bevor es dann mal ans Eingemachte geht. Die Haupttrigger-Tuse stellt sich zur Verfügung, wobei ich innerlich schon mal vorsorglich die Augen verdrehe. Aber dann wird’s doch noch gut, und ich fange an, sie besser zu verstehen. Sie wird keine Freundin von mir, doch ich kapiere, warum sie so ist, wie sie ist und auch – was noch spannender ist – was mich so an ihr triggert. Als sie ihre Mutter beschreibt, muss ich schmunzeln und bin gleichzeitig entsetzt: „Meine Mutter war ein Tyrann. Ich bilde mir ein, zu wissen, wie es in Nord-Korea sein muss.“ Wow. Da frag ich mich mal wieder, warum manche Menschen überhaupt Kinder in die Welt setzen? Wie sagte eine Freundin letztens, die gerade zwei Hunde aus dem Tierheim holt? „Die kontrollieren Dein Zuhause, schauen sich genau an, wo die Hunde hinkommen, machen Auflagen und kontrollieren diese auch. Ich wünschte, sie würden bei Kindern genauso hinschauen und überprüfen, wie es mit denen in ihrem Zuhause läuft.“ Stimmt. Aber da gibt’s ja wieder zu wenig Kapazitäten. Traurig.

Alles in allem gehe ich versöhnlich in den Feierabend, aber ich spüre, wie müde ich bin. Fortbildungen sind immer auch anstrengend. Wenn sie dann aber auch noch auf emotionaler Ebene ablaufen, passiert mit einem selbst auch ganz schön viel – vorausgesetzt, man ist offen dafür und lässt sich darauf ein. Es bleibt also spannend… und verbunden mit der Hoffnung auf ein klareres Bild in meinem Traum nächste Nacht. Drückt mir die Daumen – am besten für beides.

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