Zunächst einmal das Wichigste: Der Mann, den ich im Traum letzte Woche heiraten wollte, ist mir nicht mehr erschienen. Also weder in der Realität, noch im Traum. Jetzt könnten weise Menschen entgegenhalten, ihn vielleicht doch in der Realität getroffen zu haben, weil ich ja nicht wisse, wie er aussähe. Glaubt mir: Es war kein brauchbares „Material“ dabei. Ja, ich weiß, ich komme immer noch in die Hölle. Macht mir aber immer noch nichts.

Wo soll ich nur anfangen und wo enden? Es waren aufregende Tage, die ich erlebt habe. Die Fortbildung hat sich noch total gedreht für mich. Am ersten Tag war ich ja eher skeptisch bis genervt. Jetzt bin ich kein Strukturfanatiker (wie meine Müsli-Kollegin), aber ein gewisses Maß setze ich dann doch voraus. Es gab kein Skript, keinen Ablaufplan, gar nix. So was befremdet mich. Und dann war da ja diese Kackbratze, die ja ach so perfekt meisterlich ausgebildet war, es allerdings nicht anwenden konnte. Das hat sich dann recht schnell relativiert. Dadurch ist sie zu keiner Freundin geworden, aber sie war mir schlichtweg egal. Von meiner „Selbsterfahrung“ berichte ich Euch mal lieber nicht. Ich denke, das schreckt den einen oder anderen dann doch zu sehr ab.:-) (Nein, wir haben nicht nackt im Regen getanzt oder anderes abgefahrenes Zeug gemacht oder gar Pülverchen eingeschmissen!) Die Gruppendynamik war überaus spannend, die Teilnehmer an sich ehrlicherweise ein Geschenk. Ich mag es sehr, Menschen kennenzulernen, denen ich sonst im Alltag vermutlich niemals begegnet wäre. Und da waren schon ein paar sehr interessante Exemplare dabei. So durfte ich auch endlich mal eine Frau kennenlernen, die polyamor lebt. So was kenne ich „behütetes Scheißerle“ ja nur von Berichten. Interessant auch, wie groß ihr Bedürfnis war, das dann doch recht schnell klarzustellen. Ich finde solche Lebensarten, die soooo unendlich weit von meiner Erziehung entfernt sind, immer schon spannend. Künstler, beispielsweise. Die üben auch eine totale Faszination auf mich aus. Ich will gar nicht so sein, aber ich höre ihnen gerne zu, wenn sie aus ihrer Welt berichten. Dann denke ich oft: „Und Deine Familie hält Dich für einen Paradiesvogel, dabei bist Du einfach nur ein Spießer – verglichen mit diesen Menschen.“ Da sehe ich es mal wieder so was von deutlich vor mir: Es ist immer alles eine Frage der Relation.

So auch inhaltlich: Eine Fortbildung muss nicht unbedingt einer festen Struktur folgen, um erfolgreich sein zu können. Es bedarf in erster Linie Herz und wohlwollendem Miteinander. Der Trainer hat zu 80 Prozent Blickkontakt zu mir gehalten, was für mich auch erstaunlich war. Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich so was nicht auf den Grund gehen wollen würde. Es war kein unangenehmes Starren, dennoch auffällig. Am letzten Abend kamen er und ich dann ins Gespräch, wo ich danach gefragt habe. Es hätte ja schließlich auch nur meine schräge Wahrnehmung sein können. Doch das war es nicht, wie er bestätigte. Was war es dann? Nun, einerseits war es Fürsorge, weil ich so jemand bin, der auf alle anderen achtet und dafür sorgt, dass niemand zu kurz kommt. Da war er in Sorge, ob ich auch genügend auf mich selbst achte. In einem Resilienz-Training keine dumme Sache, gell? Aber der andere Grund, der hat mich dann doch erschüttert. Dieser Grund war Angst. Ja, so habe ich auch geschaut. Er habe Angst vor mir. Hoppla. So etwas trifft mich dann ja doch, was er jedoch entkräftigt hat: „Ob Du das wohl bitte bei mir lassen kannst?!“ Naja, das fiel mir zugegebenermaßen schwer. Ich hätte einen messerscharfen Intellekt, würde sehr klar formulieren und dabei seine altbekannte Angst schüren, er sei ja selbst gar nicht so schlau, so begabt und wisse viel zu wenig. Spannend, oder? Trotzdem fand ich das natürlich schlimm. Zum Abschied hat er mich noch gefragt, ob ich nicht mal zusammen mit ihm Trainings geben wollen würde? Er denke, es würde sich perfekt ergänzen und einen Mehrwert für die Teilnehmer bringen. Ganz ehrlich? Ich war nicht nur gerührt, sondern mein Ego schon auch sehr gepinselt. Ich bin eben auch nur ein Mensch mit seinen ganz eigenen (und vielen) Schwächen.

Mein Chef hingegen verharrt weiterhin konsequent in seinem Jammertal. Und ich konnte es wieder nicht lassen, als ihm mein Ohr zu schenken. Ein paar Ideen zum Perspektivenwechsel habe ich ihm auch angeboten, die dann allesamt mit: „Jo scho, oba…“ abgeschmettert wurden. Da frage ich mich, warum ich dumme Nuss immer wieder aufs Neue den Versuch starte – zumal er mir dann zusätzlich in seiner unbändigen Dummheit manch einen reinwürgt. Er merkt es nicht. Die Treffer sitzen dennoch oft ganz gut. So stelle ich mir einen betrunkenen Boxer vor. Der weiß auch nicht mehr, wohin er schlägt. Bekommt man seinen Schwinger allerdings ab, tut´s dennoch weh.
Daher wird der kommende Montag spannend werden. Da geht es um meine Einschätzung der Kompetenzfelder. Ich musste mich selbst einschätzen, zusätzlich dann aber auch mein Chef, der Chef vom Nachbarteam und mein derzeitiger Chefchef. Die Ergebnisse werden mir am Montag vorgestellt. Wir werden nicht in allem einer Meinung sein. Da diskutiere ich gerne und bin offen für das, was kommen wird. Außer bei meinem Chef. Da fällt es mir jetzt schon schwer, gleichmütig in das Gespräch zu gehen. Wie soll ich mit der Bewertung eines aus meiner Sicht völlig inkompetenten Volltrottels umgehen? Die größte Herausforderung wird sein, mich zu beherrschen, nicht Dinge zu sagen, wie: „Na, wenn die Voraussetzung bei Dir gereicht hat, an die Position zu kommen, sollte ich vielleicht mit meiner Kompetenz direkt beim Vorstand anklopfen?“ Das wäre natürlich nichts, wo ich wirklich sein wollen würde. Aber Ihr versteht vermutlich, was ich damit sagen will. Es wird ganz arg schwer. Doch auch das ist alles eine Frage der Relation, denke ich mir. Denn im Grunde bin ich völlig unabhängig. Sollten mir das Gespräch bzw. die Inhalte völlig gegen den Strich laufen, habe ich ja eine Exit-Strategie: Ich kann jederzeit meinen Wunsch zurückziehen. Und das nicht etwa aus Feigheit. Ehrlich nicht. Wenn ich das zurückziehe, dann mit den Worten: „Wenn Ihr noch nicht soweit seid, dann mach´ ich mich doch nicht müd´, Euch zu überzeugen.“ Wenn ich auch viel mit mir hadere und echt nicht weiß, ob das wirklich was für mich ist, weiß ich, dass ich mehr Führungswerte in mir vereine, als mein Chef das je getan hat. Daher…wird der Montag spannend.

Und dann kommt es endlich spontan erneut zu einem Zoom-Gespräch mit meiner neuen Berliner Bekanntschaft. Mein alter Bekannter (den ich heiß und fettig liebe – solltest Du das gerade lesen, Mike) ist ja auch schon sehr markig. Doch mein neuer Bekannter toppt ihn gerade etwas. Ich referenziere noch mal auf meine Herkunft: 800-Seelendorf, streng katholisch, sehr behütet, Großfamilie. Ich kann nicht einmal genau herleiten, wieso ich das gefragt habe, aber irgendwie hat mich sein Beziehungsstatus interessiert. Und nein, gar nicht für mich. Ich schätze, ich werde den Herrn nie im wirklichen Leben treffen. Als er schmunzelt, bin ich auf alles gefasst. Das ist es wohl, was mich so fasziniert: Er ist so völlig anders und hat spannende Geschichten in seinem Köcher. Und dann berichtet er – frisch von der Leber weg: Er habe so etwas, was viele wohl als „Beziehung“ bezeichnen würden. Eine alleinstehende Frau mit drei Kindern. Sie träfen sich seit drei Jahren ca. einmal im Monat, da hunderte Kilometer sie trennten. Dann gäbe es aber auch noch eine Geliebte. Sie verbrächten 24 Stunden Exklusivzeit ausschließlich in seiner Wohnung. Alles, was „draußen“ ablaufe, bleibe draußen. Sie kennen nichts von der Welt des anderen. Und dann gäbe es noch eine Frau, mit der er wohl am intimsten sei – ohne jemals sexuell aktiv zu werden. Sie wüssten die intimsten Details, alle Hoffnungen und Sorgen voneinander, aber wären niemals körperlich geworden. Bei jeder Frau würde er einen anderen Anteil von sich ausleben und das sehr genießen. Ich grinse und kommentiere: „Alles andere als so eine Geschichte, hätte mich auch schockiert.“ Und ich stelle fest, es ist in der Tat so. Und dann ergänzt er: „So, um Dich dann doch zu schocken: Hin und wieder spielt auch ein Mann eine Rolle dabei.“ Es schockt mich nicht. Ich, mit meinem spießigen Leben, in dem nicht mal ein Mann derzeit vorhanden ist, bin völlig fasziniert. Es ist keineswegs meine Vorstellung, so zu leben. Und einmal mehr denke ich: Berlin ist einfach anders. Als ich ihm das so sage, pflichtet er mir bei. Eine Freundin hätte ihn mal besucht. Sie seien im Park spazieren gegangen, wobei ihnen eine Frau entgegenkam, die ausschließlich mit ihrem Schlafanzug bekleidet herumlief…ohne Wäsche. Seine gute Freundin habe mit offenem Mund dagestanden und ihren Blick schweifen lassen. Als sie wieder Luft bekam, muss sie wohl gesagt haben: „Nicht nur, dass da eine Frau im Schlafanzug herumläuft…es hat sich nicht mal einer außer mir danach umgedreht!!!“ Er ergänzt für mich: „Wenn ich mich nach jeder schrillen Gestalt in Berlin umdrehen müsste, hätte ich etliche Hexenschüsse.“ Ich finde so was faszinierend und toll, wie manche Menschen sich so frei ausleben. Es fiele mir unendlich schwer, das zu tun. Dabei tun sie ja niemandem damit weh. Sie tun einfach nur das, womit sie sich wohlfühlen – bezogen auf Klamotten, Frisur, aber auch in Sachen Sexualität.
Ich glaube, ich behaupte nie mehr, ein bunter Vogel zu sein. Dabei sagt er mir am Ende des dreistündigen Gesprächs (wir können einfach nicht kurz), dass er meinen Mut so toll fänd. Mut? Ich? Warum kommen die Menschen nur immer wieder darauf, das von mir zu denken? Aber auch das ist wohl alles eine Frage der Relation, oder? Ihr seht: Es schwirrt und schwirrt in meinem Kopf soooo vieles herum. Ich bin einfach wahnsinnig dankbar für all die Menschen, die mir so begegnen und völlig unterschiedliche Lebensentwürfe zeichnen. Ist das nicht herrlich? Ich finde schon.

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