Herrlich. Gefühlt geht die Achterbahnfahrt doch noch weiter. Nicht ganz so arg, wie es zuvor der Fall war, aber doch noch ausreichend. Gestern hatte ich den ganzen Tag mündliches Fälletraining im Institut vor Ort. Es war anstrengend, aber durchaus gut und sinnvoll. Meine Überzeugung reichte von „ach was, das geht ganz locker“ über „uuups, die Frage würde ich lieber nicht beantworten wollen“ hin zu „wenn das kommt, schmeiß ich hin und renne weg“.
Erstmal war ich allerdings im falschen Raum. Der Aushang am Eingang war etwas missverständlich. Ich saß auch nicht allein im falschen Raum. Da waren durchaus noch andere blinde Hühner dabei. Doch das konnte schnell gelöst werden, weil ich mir einfach unsicher war und so lange rumgefragt habe, bis dann klar war: Wir sind im falschen Wald gelandet. Zunächst fing es harmlos an. Eine Mitschülerin, die ich nicht kannte, kam beim ersten Versuch schon sehr arg ins Straucheln. Dabei dachte ich noch: „Hossa, einfacher Fall, einfache Fragen…das läuft ja wie geschnitten Brot.“ Andere Beispiele waren dann schon haariger. Ich bin ziemlich sicher, die Dozentin hat den Anspannungsgrad sehr unterschiedlich gewählt. Bei den ohnehin schon Unsicheren war sie durchaus sanfter. Eine online zugeschaltete Teilnehmerin fand ich dann mal so richtig entzückend: „Och, die Diagnosekriterien habe ich noch gar nicht gelernt. Das schau ich mir eventuell mal an.“ Eventuell??? What??? Das ist die Grundlage! Hammer. Manche sind echt gechillt. Und das sind dann diejenigen, die es nachher locker bestehen, schätze ich mal.
Was mich hingegen ungemein beruhigt hat: Die absoluten Cracks in der Vorbereitung haben die mündliche auch mit mehreren Fehlern bestanden. Es gibt ja immer so Kandidaten, bei denen man in der Schule schon wusste: Die haben Tag und Nacht seit drei Jahren durchgelernt und wissen alles. Damals war ich noch so, dass ich nahezu gar nicht gelernt habe. Fürs Abi habe ich mal ein paar Stunden was in Bio nachgelesen, mehr aber auch nicht. Heute unvorstellbar, wie scheißegal mir das alles war. Und es hat gereicht. Jetzt habe ich schon deutlich mehr investiert. Aber die meisten anderen haben Teilzeitjobs oder machen sogar in Vollzeit diese Vorbereitung. Und die besten beiden haben in der Prüfung gerade mal drei Fehler weniger als ich. Das hat mich gestern dann doch ein wenig runtergepflückt und innerlich lächeln lassen. Ich kann also doch gar nicht so brummelhohl sein, wie ich mir das bisweilen selbst attestiere. Ist doch auch gut zu wissen, oder?

Heute darf ich hingegen wieder arbeiten. Die Luft ist schlichtweg raus für dieses Jahr. Noch dazu arbeite ich bis zum Ende ausschließlich konzeptionell. Ich gebe keine Schulung, keinen Workshop und nichts mehr. Nein, ich hocke da und konzipiere, was das Zeug hält. Das ist in etwa so sexy wie die Erstellung der Steuererklärung. Da denke ich auch immer: Das machst Du sofort im Januar des Folgejahres, dann hast Du es hinter Dir. Und dann kommt der Januar…plötzlich folgt der Februar…und das geht hübsch so weiter, bis ich dann doch denke: Jetzt muss ich das aber echt mal machen, sonst muss ich noch lernen. Also wähle ich das geringere Übel der unliebsamen Aufgaben und taste mich langsam an das Schlimmste heran. Und derzeit? Mache ich eben beide ganz arg unliebsamen Aufgaben zur selben Zeit: Beruflich konzeptionell arbeiten, privat lernen. Was bin ich doch für ein armes Kind!
Und damit nicht zu viel Langeweile aufkommt, habe ich mich vorhin für meinen EMDR-Kurs im nächsten Jahr angemeldet. Der beginnt allerdings nicht entspannt im März, sondern bereits im Januar. Stellt Euch mal vor, es könnte langweilig werden! Ach Du Schande, da wüsste ich ja nichts mit mir anzufangen. Könnt Ihr einfach mal nichts machen? Ich rede nicht vom stupiden Fernsehen oder Lesen. Nein, einfach davon, wirklich gar nichts zu machen. Wie war doch gleich die Frage von meinem großen Neffen: „Wie soll das denn gehen?!“ Richtig, weiß ich auch nicht. Dabei soll es so gesund sein und vor allem kreative Prozesse freisetzen. Ich bin in der Tat am kreativsten, wenn ich eine Deadline habe und der Druck so richtig ansteigt. Dann sprudel ich vor Ideen. Vorher ist das eher so ein von links nach rechts Schieben. Hände hoch, wem es ähnlich geht?
Wenn ich da an meine zwanghafte Kollegin denke, die für alles ihre Abarbeitungslisten pflegt…puh! Während man in meiner Bude immer ein paar Untermieter, wie beispielsweise Wollmäuse, findet, hat sie vermutlich einen Katalog für Staubkorngrößen entwickelt. Täglich legt sie sich bestimmt mit einer Lupe auf den Boden und überprüft, was sich am Küchenboden so alles tummelt. So habe ich dann natürlich auch wieder eine E-Mail von ihr im Postfach, in der sie darauf verweist, mal wieder mit unserer Chefin gesprochen zu haben. Sie hänge uns (meinem Kollegen und mir) eine Präsentation an und fordere uns auf, ob wir das von ihr für einen anderen Zusammenhang Erarbeitete nicht auch in unsere Planung miteinfließen lassen könnten. Am Arsch, die Waldfee! Aber so was von auf gar keinen Fall! Ich möchte, dass die Leute Spaß haben und nicht das Ritzen anfangen, weil sie sich diesen Mist reinpfeifen müssen. Bei Diskussionsbedarf dürften wir uns melden. Ich will nicht diskutieren. Ich mach´s einach nicht. Mir langt´s nämlich echt… Denn während ich nicht weiß, wie ich meinen Mist noch erledigt bekommen soll, schaukeln sich unsere Höchstverdiener die Eier. Und ja, ich kann das so sagen, weil sie laut eigener Aussage NICHTS zu tun haben. Außer Heinz. Der rettet natürlich wie immer die Welt. Ich warte ja immer darauf, dass er sich das Hemd aufreißt und darunter auf seiner Hühnerbrust ein fettes, tätowiertes „S“ zum Vorschein kommt. S für „Suuuuuupermann“. Oder vielleicht auch ein „H“? Für „Heinz the best man in the fucking company“? Oder…ach, lassen wir das.
Als Krönung gibt´s dann noch eine Einladung zur diesjährigen Weihnachtsfeier, die wir mit zwei anderen Teams gemeinsam abhalten wollen. Da bin ich Heinz, meinen Ex-Chef und manch andere Pupsnase durch die Umstrukturierung losgeworden, soll aber mit denen zur Weihnachtsfeier latschen? I glaub s hackt! Leider, leider kann ich da ohnehin nicht, weil ich schon Urlaub habe. Zu schade. Andernfalls hätte ich wohl sagen müssen: „Nö, weil wegen is nich!“

Ihr seht, ich könnte mittlerweile auch ein „S“ auf der Brust tragen. S für „Supersau“ oder „Spielverderber“ oder „SELBER!!!!!“. Es wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher, dass ich in dem Schuppen jemals glücklich werden kann. Es ist ok, um Geld zu verdienen…aber erfüllend ist was anderes. Bin ich zu anspruchsvoll? Wenn ich sehe, mit welcher Leidenschaft mein Neffe seinem Job nachgeht, dann muss ich ernüchtert feststellen: Das gab es bei mir noch nie. Es gab Jobs, die ich ganz ok fand und bei denen ich auch Spaß hatte. Leidenschaft hat der Job allerdings noch nie richtig in mir wecken können. Außer vielleicht, als ich mit den Knastis gearbeitet habe. Das fand ich sinnvoll. Was heißt das also? Ich bin auf der Suche nach dem Sinn im leider falschen Wald derzeit. Naja, wir werden sehen, ob die Bäume sich irgendwann lichten…oder ob Afrika mich doch noch locken wird. Wäre da nicht dieses verdammte Sicherheitsgefühl in mir. Perfekt wäre ein reicher Mann mit sozialem Engagement, der mich heiraten wollen würde. 🙂 Also wenn Ihr jemanden mit diesen Attributen kennt: Immer her mit den Zuschriften. Ich bin allerdings auch für andere Ideen offen. Irgendwie wäre eine Wahrsagerin keine schlechte Überlegung. Gehen wir nächstes Jahr an, Püppi (Du weißt, wen ich meine)! Und wehe, die sagt mir keine schillernde Zukunft voraus. Dann stelle ich sie Heinz und meiner bekloppten Kollegin vor, damit sie auch mal weiß, was ätzend ist. So. Man, mein Folterrepertoire wird immer größer. In diesem Sinne: Immer schön die Kollegen ärgern!

4 Kommentare

  1. 🙂 Ich kann’s voll nachvollziehen.
    Ey, Superwoman, der Job, der rockt, der kommt bestimmt.
    Wenn ich einen reichen – heiratslustigen – Mann kennen würde, mit sozialem Engagement und Empathie, den würd ich allerdings erstmal selbst in Augenschein nehmen:).
    Aber Sicherheit ist ja auch nur so ein trügerisches Gefühl. Am Sichersten ist immer noch ein ausgeprägtes Selbstvertrauen.

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    1. Danke fürs Angebot. 😉 Aber im Grunde will ich das ja auch nicht. Ich warte auf den richtigen Mut und das Selbstvertrauen, um ganz auf mich und meine Bedürfnisse zu achten. Da helfen auch die fast 45 Jahre Lebenserfahrung nicht sonderlich.
      Rottweil… da war mein Vater mal im Internat. Irgendwann muss ich mir das mal anschauen.
      Genieß das Leben… und krall‘ Dir den Kerl ruhig selber. Wie sagen wir Rheinländer immer wieder gern: „Man mott och jönne könne.“ 😁

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  2. Ich bin auch so eine Trödelhanne, die Muse küsst mich oft auch erst in der letzten Minute, was soll man machen? Wobei es bisher ja auch immer so geklappt hat, da ist die Motivation daran etwas zu ändern halt auch nicht so groß. Ich glaube auch nicht, dass das klappen mit dem Ändern 🙂 Liebe Grüße und schön wieder öfter von dir zu Lesen!

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    1. Es stimmt… wenn kein Leidensdruck da ist, dann ändere ich mich auch nicht.
      Danke für die Rückmeldung, dass ich jetzt wieder häufiger schreibe. Mal schauen, ob das so bleibt. Im Moment ist bei mir sicher, dass nichts sicher ist. 😁 Aber lieb, dass Du so konsequent liest.
      Hab‘ einen tollen Tag!!!

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