Willkommen zu einer weiteren Achterbahnfahrt. Wer will, darf gerne einsteigen und sich mitverwirren lassen. Eintritt ist kostenlos – außer ein paar durchschossene Synapsen, befürchte ich.
Ach ja…eine weitere Woche in meinem Chaos ist vollbracht. Wenn ich so zurückschaue, wundere ich mich dann eigentlich auch nicht mehr, warum ich das Gefühl habe, abzudrehen. Wenn ich am Anfang einer solchen Woche stehe, denke ich darüber aber nicht mal eine Sekunde nach. Schon schräg, ich weiß.

Die Woche hat ja mit der zweitägigen Fortbildung gestartet. Die Aufreger habe ich ja schon alle mit Euch geteilt…wobei natürlich nicht alle. Das waren nur die Spitzen des Eisbergs, doch die allein hätten schon ausgereicht.
Mittwoch war ich dann in der Firma, wo nun 3G gilt. Ich kann es verstehen, absolut. Mich betrifft es ja auch nicht groß, weil ich meinen Impfstatus vorzeige und durchgelassen werde. Aber es betrifft die Ungeimpften. Ich verstehe, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen. Alternativen fallen mir ad hoc nicht ein. Und doch zweifele ich an der Durchführung. Menschen, die wie ich in den administrativen Bereich fallen, können gut von Zuhause aus arbeiten. Menschen, die hingegen Maschinen bedienen, Sichtprüfungen durchführen müssen oder ähnliche Tätigkeiten, können das blöderweise nicht. Sind diese ungeimpft, müssen sie an den Eingängen einen Selbsttest vor den Augen der anderen durchführen. Das hat für mich schon etwas Entwürdigendes. Ja, in der Apotheke oder im Testzentrum macht das sogar jemand bei einem. Aber am Tor, wo die Kollegen auf den ersten Blick erkennen: „Ah, das ist also einer von den Ungeimpften“, finde ich das nicht gut. Noch mal: Mir fällt auch gerade keine Alternative ein. Wird dann jemand positiv getestet, muss er nach Hause und erhält keinen Lohn. So ist es nun mal beschlossen worden. Und auch das verstehe ich zum Teil, dann aber auch wieder nicht. Menschen, die im Home Office arbeiten können, sind da klar im Vorteil. Der Arbeitgeber muss sich Regelungen überlegen, um arbeitsfähig zu bleiben. Ich verstehe das alles, doch es macht mir auch Sorge, wie weiter gespalten wird. Das ist für mich einfach nur traurig. Und leider fühle ich dann viel zu viel. Ich möchte niemanden ausschließen, abstempeln und ausgrenzen. Diese Dynamik macht krank…und zwar große Teile der Gesellschaft.
Ich gehe in mein Büro und lege beherzt los. Es sind nicht mehr viele Resttage, bis mein Urlaub beginnt. Dafür ist der Arbeitsberg riesig hoch. Und auch, wenn ich Abwechslung sehr gerne mag, ist mein armes Hirn mehr als ein bisschen gefordert: Zwei Tage völlig neue Themen. Dann tiefes Eintauchen in die Arbeitsthematik, bei der ich ja gerade konzeptionell arbeite. Das ist kein Abspulen von irgendwelchen Routinen, sondern wirklich viel Hirnschmalz. Und natürlich bleibe ich mal wieder länger, als ursprünglich geplant. Ich lerne einfach nichts dazu…

Donnerstag ist dann wiederum Fälletraining im Institut angesagt. Wieder eine ganz andere Materie. Zu Beginn denke ich mal wieder: „Hab ich alles noch niiiiiiie gehört.“ Allmählich komme ich jedoch wieder rein. Da ich die Leiterin aufgrund ihrer herabwürdigenden, arroganten Art nicht mag (ich habe echt ein massives Hierarchie-Problem), hoffe ich, sie nimmt mich nicht dran. Wenn sie es tun sollte und sich dann ähnlich gebärdet, wie bei den anderen, wird sie den Drachen in mir kennenlernen. Wir mögen uns gegenseitig nicht. Sie mag unterwürfige, ängstliche Menschen, bei denen sie sich überlegen fühlen kann. Das habe ich leider nicht in meinem Repertoire. Nachmittags trifft´s mich dann aber doch. Ich bin selbst überrascht, wie ruhig ich bleibe. Meine ganze Körperhaltung ist allerdings eindeutig: Ich bringe möglichst viel Distanz zwischen uns, wie mir meine Mitschülerin nachher grinsend bestätigt. Sie findet keinen Punkt, mich niederzumachen, also weckt sie meinben Drachen auch nicht. Am Abend raucht dennoch der Schädel, und ich wünsche zwei meiner Mitstreiterinnen viel Erfolg für den nächsten Prüfungstag. Sie werden bestehen, da bin ich sicher.

Und dann kommt der Freitag. Ich fahre wieder in die Arbeit und bin so richtig allein vor Ort. Passt mir gut. Ich habe schließlich genug zu tun. Allerdings haben wir einen fünfstündigen Team-Workshop. Nach anderthalb Monaten der Umstrukturierung sollen wir nun überlegen, was eigentlich unser Geschäftszweck sei? Da haut´s mir echt ´nen Schalter raus. Es gab neun Monate lang Meetings, Workshops und hassenichgesehn-Veranstaltungen ausgewählter Entscheider auf der grünen Wiese. Dann wurde alle Mitarbeiter aufgeteilt, wie bei einem Sklavenmarkt, ohne auch nur mal nachzufragen, was die Mitarbeiter denken, können oder gar wollen. Und jetzt kommen wir an den Punkt, an denen ich mir überlegen soll, was mein Geschäftszweck ist? Haben die den Knall nicht gehört?! Während ich auf Anschlag renne, um alles noch fertig zu bekommen, was am besten schon im September (als es uns in der Formation noch gar nicht gab) hätte starten sollen??? Hinzukommt, dass die Technik streikt. Alle, die Zuhause sitzen und zugeschaltet sind, haben eine Bombenleitung. Nur ich, die im Büro vor Ort ist, hat Schwierigkeiten und fliege dauernd raus. Das Problem ist seit Wochen bekannt, aber die IT-Abteilung wird nicht müde, jedem Anrufe zu erklären, sie hätten noch gar nichts von diesem Problem mitbekommen. Das kann es echt nicht sein. Dabei brennt´s mir unter den Nägeln, meine eigentliche Arbeit zu verrichten, zu der ich heute gar nicht komme. Ich arbeite in der Lean-Abteilung, wo es ja im Schwerpunkt darum geht, Verschwendung zu vermeiden. Das hier ist für mich mal Verschwendung in ihrer Urform. Und dazu dann meine vegan-militante Kollegin, die sich total freut, weil sie diese Struktur dringend benötigt. Wir werden nun vierzehntägig einen Team-Workshop anberaumen – immer freitags für vier bis fünf Stunden. Ääääääh??? Wir tagen, um zu tagen? Ich mache mir ernsthafte Sorgen um meine Halsschlagader… Irgendwann merkt man es mir dann auch an, dass ich keine Geduld mehr habe. Nach dem dritten Rauswurf durch die Technik sage ich genervt: „Ich glaube, ich fahre jetzt nach Hause – wahlweise mit vorher aus dem Fenster geschmissenen Laptop oder ohne.“ Ich bin frustriert und könnte echt einfach nur heulen. Gut, PMS ist auch mit an Bord, die blöde Kuh. Sofort nach Beendigung des unsäglichen Workshops ruft meine Chefin per Skype an, um zu fragen, wie es mir gehe. Das ist an sich sehr nett, aber wenn man kurz davor steht, einfach loszuflennen, würde ich lieber erstmal in Ruhe durchschnaufen. Ich beantworte ihr ehrlich, dass ich am Anschlag sei. Es blieben nun noch sieben Tage übrig, in denen ich den ganzen Berg bearbeiten sollte. Dann brauche ich keinen fünfstündigen Workshop, in dem ich erarbeiten soll, was mein Zweck sei, nur weil die Deppen vorher dazu nicht in der Lage waren. Weshalb habe man denn die Umstrukturierung geplant? Nur aus Langeweile? Meine Chefin ist voll korrekt und nicht schuld an dieser Lage. Sie wird auch nur verbrannt. Mein Limit ist aber gerade erreicht. Und da kann niemand dafür, dass ich auf verschiedenen Hochzeiten tanze. Aber die Arbeit allein würde mich schon vollends auslasten – ohne zusätzliche Fortbildung und anstehender Prüfung in einem anderen Bereich.

Innerlich schreit alles in mir, weg zu wollen. Weit weg. Wenn da Meer ist, umso besser. Die angespannte Coronalage tut ihr übriges dazu, die Gemüter aufzuwühlen. Ich hätte auch gerne Wellness gemacht, um mal runterzukommen, aber so, wie die Lage ist, hat das mit Entspannung gerade mal gar nichts zu tun. Ich vermisse es schmerzlich, einfach in den Arm genommen zu werden. Gefühlt driftet so vieles auseinander, und ich verkümmere emotional einfach. Das hört sich dramatischer an, als es wohl ist. Noch mal: PMS spielt auch eine entscheidende Rolle. Da hilft es auch nicht, dass beide Mitschülerinnen bestanden haben. Das freut mich riesig, sie haben es total verdient. Nur…ich auch. Die nächsten beiden sind nächsten Donnerstag fertig. Und ich darf dann noch eine Woche abwarten, bis ich dran bin. Eine Woche, sieben Tage – da mag sich der ein oder andere fragen: „Was soll daran schlimm sein?“ Nach Monaten der Anspannung, ist irgendwann die Luft raus. Ich will einfach nicht mehr. Die anderen haben sich zwischendurch einen gepichelt, was ich nicht kann und auch nicht mag. Wenn ich was unternommen habe, habe ich mir immer eingeredet: „Das ist voll ok, das darfst Du!“ Aber im Hinterkopf ist da immer dieses Stimmchen des schlechten Gewissens: „Ach, interessant…Du vergnügst Dich, dabei hättest Du die Zeit doch auch sinnvoller nutzen können, oder? Wenn Du meinst, dass Du Dir das erlauben kannst. Jammer nur nicht rum, wenn Du dann letztlich durchfällst!“ Und nein, ich höre keine Stimmen. 🙂 Es ist meine Erziehung, meine Genetik, meine Erfahrung, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Entsetzlicherweise passe ich wirklich vollkommen zu dem Typus Leistungsmensch. Alles, wofür ich nicht hart arbeiten musste, ist auch nichts wert. Und das ist der größte Bullshit, wie ich selber weiß. Nur: Mach mal was dran.

Ich bin mir sicher, wenn ich einen Monat weiter bin, wird die Welt anders aussehen. Dann wache ich nicht mehr morgens um fünf auf und denke an Diagnosekriterien oder an Aspekte, die ich in meine Schulung packen sollte. Ich bin einfach müde. Und das ist auch völlig normal, rational betrachtet. Da drinzustecken und das auszuhalten, ist aber wieder eine ganz andere Angelegenheit. Das fühlt sich ätzend an und gönne ich niemandem – nicht mal Heinz oder meiner doofen Kollegin.
Und jetzt packe ich mir wieder meine Bücher und lege los. Ein Ende ist ja in Sicht.

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