Kennt Ihr das Gefühl: Es passiert nix und irgendwie doch jede Menge? Klingt nach einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung, ich weiß. Tatsächlich fühlt es sich aber so an. Also nicht der Teil mit der Persönlichkeitsstörung. Ich meine den Teil mit diesem paradoxen Gefühl. Die Zeit rennt nur so dahin. Unterm Strich bin ich irgendwie auch produktiv. Nur was dabei herauskommt, gefällt mir nicht so wirklich. Dabei ist meine Chefin total zufrieden. Dann könnte ich es wohl auch sein. Das alte Lied, hm? Ich bleibe auf der Suche nach dem Sinn. Entdeckt habe ich ihn bei meiner jetzigen Tätigkeit noch nicht. Derweil baue ich immer mehr Überstunden auf, weil ich aufgrund diverser Meetings nicht zu meiner eigentlichen Arbeit komme.
Nur mal so, damit Ihr versteht, was ich meine: Wir hocken heute zu acht in einem Meeting, in dem besprochen wird, wie das Layout aussehen soll, damit wir uns in der Arbeit „Zuhause“ fühlen. Geht schon mal nicht, weil ich in der Arbeit keine Jogginghose trage. Aber mal Spaß beiseite: Ich will mich da nicht wie Zuhause fühlen. Echt nicht. Die ersten Stimmen werden laut, ob die Plätze denn so ausreichen würden? In einer Zeit, in der immer klarer wird, dass wir nie wieder in voller Truppenstärke (nein, ich war nie bei der Bundeswehr tätig) vor Ort sein werden und das Arbeiten in der Zukunft ohnehin anders aussehen wird, ist diese Frage überflüssig. Dennoch diskutieren drei meiner Kollegen munter 20 Minuten darüber – ohne Ergebnis, versteht sich. Nun bin ich ja kein Mathe-Genie. Doch selbst mir ist klar, wenn ich mal den Stundensatz der Leute berechnen würde, die hier hocken und den umlege auf das, was wir mit Blabla und Pillepallerumtata am Ende als Ergebnis vorweisen können, dann wird das einen bitteren Geschmack bei den Menschen hinterlassen, die im Controlling sitzen…oder in der Buchhaltung…oder was weiß ich, wo sonst noch? Und damit nicht genug. Nein, es wird auch noch diskutiert, ob wir offene Regale in der Gemeinschaftsküche präferieren oder lieber verschließbare Schränke? Ja, ich weiß. Ich sollte hübsch lächeln, nicken und mir denken: „Mei, auch für den Scheißdreck werde ich bezahlt.“ Blöd nur, wenn mir die Zeit für das Wesentliche davonläuft. Aber gut, die Uhr läuft ja weiter. Dann kommen eben die tollen Überstunden dazu. Erst letzte Woche hat meine Chefin nämlich noch mal erwähnt, wie wichtig es ihr sei, dass auch ich an diesen Besprechungen teilnähme. Alle sollten gehört werden. Da zählt leider auch nicht die Pauschalantwort: „Ich gehe alle Entscheidungen dieser Art mit, weil sie mir ehrlich…ganz ehrlich-ehrlich vollkommen wurscht sind.“ Nein, ich müsse dazukommen. Tja, dann sammel´ ich eben weiter Überstunden und freue mich auf die netten Freitage ab Mitte März, die ich dann immer freinehmen werde. Schräg finde ich es dennoch…und ineffizient und ineffektiv auch. Doch ich bin wohl einfach nicht schlau genug, das Ganze zu durchschauen… Vermutlich, weil ich mit Überstundensammeln beschäftigt bin. Ob Schuhe oder Überstunden – Sammeln ist ja des Weibes liebster Zeitvertreib.

Was ich dann allerdings durchschaue: Ich skype mit einer Führungskraft, die eine Einzelbeatmung wünscht. Ja, das nenne ich so, wenn die Leute nicht in der Lage sind, die Termine einzuhalten, die sie mal geschickt bekommen haben und der oberste Boss aber will, dass sie „aufgegleist“ sind. „Äääääh, Claudia, das kannst Du doch mal so nebenbei noch unterbringen, oder?“ Katsching, die Stunden läppern sich. Nett, wenn dann die Führungskraft den vierstündigen Workshop absagt und mir grinsend mitteilt: „Das schaffst Du doch in zehn Minuten, oder?“ Klar. Dazu mache ich noch drei Purzelbäume, acht Flic Flacs, lackiere mir und ihm die Zehennägel und erfinde die neuste Wunderwaffe gegen Arschlochitis…die chronische Variante, selbstverständlich. In der Tat schaffe ich es in einer Stunde, weil wir den zweiten Part außen vor lassen und es rein um die Methodik geht. Kurz muss er sich ausklinken, weil eine wichtige Nachricht reinkäme. Und die lässt ihn sichtlich schockiert zurück. Ich frage nach, ob er weitermachen könne? Sonst würden wir es verschieben? Nein, nein, winkt er fahrig ab. Eine Mitarbeiterin habe Krebs, wie er gerade erfahren musste. Bumm… Und schwups verändert sich die Prio mal gewaltig. Ich sage noch: „Aber bitte nicht Susi…?“ Und er stiert in die Kamera – völlig entgeistert: „Du sagst fei nix weida!“ Warum ich gerade auf sie kam? Keine Ahnung. Vermutlich weil ich sie sehr mag. Damit richtig zu liegen, ist verdammt ätzend. Und nein, das wünscht man natürlich keinem. Aber einer Mutter von einem Grundschulkind wohl dann doch noch weniger, oder? Wartet mal…worüber hatte ich mich noch genervt gezeigt? Richtig…völlig belanglos.

On top, weil es irgendwie noch nicht reicht, rufe ich meine Ex-Schwiegermutter in spe an, die es bereits zweimal versucht hat und nur den Anrufbeantworter erwischen konnte. Im Moment arbeite ich eben verdammt viel. Das schlechte Gewissen treibt mich, obwohl das ja auch völlig unangebracht ist. Die gute Dame sitzt den ganzen Tag in ihrer Wohnung rum und geht nicht raus. Sie ist sehr eigen. Ich mag sie, nur ist sie für ihre Einsamkeit schon auch mitverantwortlich. Und schon geht es auch los: Sie hoffe, ich sei nicht böse, weil sie mir erst Tage später gratuliert habe. Dabei sei ich doch die Schwiegertochter, die sie sich so gewünscht hätte. Puh…wenn die wüsste. Vermutlich hätte ich sie ziemlich getriezt, ihren Hintern hochzubekommen und nicht in ihrem Selbstmitleid zu versauern. Und trotzdem tut sie mir auch leid. Ihr Sohn trinkt leider immer noch. Mittlerweile käme keiner ihrer Geschwister mehr zu Besuch, wenn er da sei. Sie verheimliche ihm, ihre Geschwister einzuladen, wenn er am Wochenende in Urlaub fahre. Dabei käme sie sich schäbig vor, weil sie es ihm verheimliche und gleichzeitig so sehr hoffe, dass er endlich mal eine Woche wegfahre. Die nächtlichen Anrufe, wenn er betrunken sei, die verbalen Aussetzer, die er dann an den Tag lege…all das setze ihr zu. Und dann lobt sie ihn wieder, weil er im nüchternen Zustand doch der beste Mensch der Welt sei. Das typische Muster von Co-Abhängigkeit. Ich höre es mir an, weil ich nicht mehr tun kann. Das System ist, wie es ist. Alle Beteiligten spielen mit. Und doch bedauere ich mal wieder das vergeudete Talent.
Es gibt weit mehr Menschen, die krank sind, als wir auf den ersten Blick tagtäglich sehen. Vermutlich ist das auch ganz gut so, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Doch dann denke ich auch wieder: Sind wir nur da, um zu funktionieren? Darf es nicht auch ein bisschen mehr sein? Denn im Funktionieren bin ich ja auch Meisterin. Doch das hat nichts mit Zufriedenheit oder gar Glück zu tun. Herrje…es führt wieder zur Frage nach dem Sinn, Ihr merkt es schon, oder? Es wird einfach Zeit, dass der Frühling kommt, die Tage länger werden, die Einschränkungen wegfallen und wir uns alle wieder fest in den Arm nehmen können. Dann habe ich auch weniger Zeit zu grübeln. Hätte was, sage ich Euch…

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