Natürlich hat mein Arbeitstag gestern länger gedauert als geplant. Aber ich wurde ja nicht in Heidelberg erwartet. Daher war alles ok. Meine Chefin war tatsächlich zurück – wenn auch nur im Home Office. Und ohne Aufforderung meinerseits, hatte sie mir mittags eine Rücksprache reingelegt, weil sie das Thema Nebentätigkeit besprechen wollte. Das hat mich dann doch überrascht, weil es weiß Gott dringendere Themen gab und gibt. Als sie auf meinem Monitor erscheint, erfasst mich echtes Mitleid. Sie ist völlig fertig. Von einer Freundin weiß ich, dass wohl die totale Erschöpfung das schlimmste Symptom für sie bei Corona sei. Und genau diese Erschöpfung springt mich an. Ich biete ihr sofort an, den Termin zu verschieben. Sie sieht es selbst ein, dass sie ins Bett gehört. Aber diesen Termin wolle sie nicht noch mal schieben. Ja, für mich ist er wichtig, aber es stirbt auch niemand, wenn wir erst nächste Woche sprechen. In der Tat will sie aber auch erstmal ein paar Infos zu aktuellen Themen, um auf Stand zu sein, bevor wir zu meiner Nebentätigkeit kommen. Sie leitet sie weiter an Personal, will aber wissen, wie weit das schon bei mir gediehen sei? Und sie muss mich darüber aufklären, dass die Arbeit immer Vorrang hätte. Weiß ich. Sollte es also betrieblich notwendig sein, müssten wir mal meinen freien Tag canceln. Da wir kein bisschen kriegsentscheidend sind und auch keine festen Anwesenheitszeiten haben, sehe ich dem gelassen entgegen. Und dann überrascht sie mich wieder. Sie wisse, dass die Nebentätigkeitsthemen meine Herzensthemen seien und ich (noch) nicht so in meiner derzeitigen Tätigkeit gefordert sei. Sie wolle um Himmelswillen, dass ich bei ihr im Team bleibe. Was war nicht gehe: Dass ich das Unternehmern verlasse. Wenn ich mich in Richtung Personalabteilung bewegen wolle, würde sie mir keine Steine in den Weg legen. Dann betont sie erneut: Ich solle bitte, bitte bleiben. Aber wenn ich unglücklich wäre, sollte ich mich – wenn auch schweren Herzens – innerhalb der Firma umschauen. Ihren Monolog beendet sie: „Claudia, ich will Dich auf jeden Fall behalten, aber Du sollst Dich dabei auch gut fühlen.“ Puh. Wenn sie so obertourig unterwegs ist, mäht sie alles nieder. Aber gerade ist sie ruhig und richtig anwesend. Ich bedanke mich und stelle klar, noch keine einzige Bewerbung geschrieben zu haben. Wir würden sehen, wie sich das mit der Akademie entwickeln würde. Und dann spricht sie noch die Mail von Heinz an, über die sie sich geärgert hätte. Nächste Woche sei Klausurtagung. Da würde sie ihm mal den Kopf gerade rücken – und da sei sie auch nicht allein. Wow… Sie lässt mich überrascht zurück. Schauen wir mal.

Die Fahrt nach Heidelberg war nun nicht ganz so entspannt. In der Tat macht sie mich so platt, dass ich gar nichts mehr essen gehe. Aufgrund von Corona ist die Rezeption nicht besetzt. Den Schlüssel gibt es per Code. So weit, so unspektakulär. Ich stelle den Fernseher an, was sich schon schwierig gestaltet. Umschalten, Lautstärke regulieren… nichts geht mehr. An die Batterie gelangt man nicht, weil sie per Schräubchen gesichert ist. Nichts geht mehr. Ich bekomme einen Lachflash. Dann google ich, weil es keinen einzigen Knopf gibt und erfahre: Ja, manche Fernseher haben keinen Ausschaltknopf mehr. Aaaaaaah ja. Kurzerhand, wobei ich dafür auf einen Sessel klettern muss, ziehe ich einfach den Stecker. Willkommen in Heidelberg. Ich mach einfach Freitag weiter und schlafe erstmal. Hoffentlich träume ich nicht von Knöpfen…

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