Es gibt die lauten Tage und die leisen. Manchmal ist es so, dass ich überdreht lachen muss, das Leben förmlich hinausschreie und nichts richtig ernstnehme. Und dann ist es wiederum so, dass es ruhiger wird, ich nachdenklicher werde und die Leichtigkeit vorübergehend futsch ist. Meist plätschere ich um die Mittellinie dahin. Klar, rege ich mich manchmal auf wie ein tasmanischer Teufel. Es gibt hin und wieder Ausschläge nach oben oder unten, aber es ist nicht so krass, wie ich das von manch anderem kenne. Obwohl meine Mom früher gerne gesagt hat, ich sei der Typ himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Das glaube ich nicht einmal. Im Vergleich zu meiner Sis, die früher immer unterm Radar geflogen ist, war ich schlicht und ergreifend einfach immer präsenter und sichtbarer. Und obwohl ich durchaus ein quirliges, lebendiges Kind war, das gerne durch Pfützen geradelt ist, gab es auch damals schon diese stillen Momente, in denen ich auf meinem Schreibtischstuhl saß und über die Welt sinniert habe, wobei ich weinen musste. Oder wenn ich mit tragender Stimme „Wir sind nur Gast auf Erden“ schmetternd tote Tiere beerdigt habe – allein mit mir, ohne zu wissen, dass meine Mom mich vom Fenster aus beobachtet hat. Irgendwie gab es diese zwei Seiten immer in mir – die laute und die leise. Vermutlich nennt man das Ambivalenz. Und über die stolpere ich immer wieder in meinem Leben.

Die Ambivalenz zeigt sich in meiner Arbeit immer sehr deutlich: Wenn ich Schulungen geben darf oder Workshops moderiere, bin ich in meinem Element. Da sprühe ich förmlich Funken und sprudele über. Ich arbeite so gerne mit Menschen, lerne von ihnen und tausche mich aus. Das absolute Gegenteil wird in mir ausgelöst, wenn ich in Meetings bin, die aus meiner Sicht so fruchtlos sind und nur aus Blabla bestehen. Und so kann es durchaus sein, dass ich wirklich regelrecht himmelhochjauchzend schwebe und innerhalb weniger Stunden abstürze und voller Wut bin, weil mir wieder mal jemand meine Zeit mit Worthülsen stiehlt.
Wut ist ohnehin gerade so ein Thema. Keine Ahnung, woher die kommt? Ich weiß, dass Wut ein Gefühl ist, was durchaus seine Berechtigung hat. Und Wut ist auch ein riesiger Motor für mich, weil er mich in Bewegung bringt, Dinge aktiv anzugehen und zu ändern. Zu viel Wut hingegen lässt mich eher lichterloh brennen. Gerade arbeite ich daran, meinen Schieberegler dafür zu finden.
Wenn ich mich so umschaue, entdecke ich Wut auch bei vielen anderen, die das aber nicht so benennen können oder wollen. Und ich höre auch immer wieder, wie schlecht Wut doch sei. Das ist absoluter Schwachsinn. Wenn wir dieses Gefühl unterdrücken, macht es uns früher oder später krank. Das passiert auch bei anderen unterdrückten Gefühlen, vor allem aber bei der Wut. Warum? Weil sie so geächtet ist. Wut ist beispielsweise etwas, „das einem Mädchen nicht gut steht“. Als wäre es ein Kleidungsstück, das man sich anzieht. Männern gestattet man dieses Gefühl schon eher, doch auch hier ist es nicht so gern gesehen – wenn auch toleriert.

Überhaupt Männer, Wut und Ambivalenz…davon begegnet mir dieses Wochenende so manches. Ich habe einen Kollegen, den ich echt gerne mag. Er pendelt am Wochenende 500 km nach Hause und arbeitet nur während der Woche hier im Süden. Hin und wieder bleibt er mal ein Wochenende hier. Da haben wir uns auch schon mal getroffen. Kennt Ihr das, wenn so eine Katze um den heißen Brei schleicht? So kam mir das bislang oft vor. Und da ich ihn mag, ignoriere ich die Andeutungen geflissentlich. Dieses „Ich kann Dich gerne noch nach Hause begleiten“ oder „Wir können gerne noch einen Absacker bei Dir oder mir trinken“. Vorangegangen sind dann die typischen Signalsätze, wie: „Du bist so ganz anders als meine Frau…“ Da kann ich innerlich schon vorspulen, weil ich weiß, welche weiteren Sätze folgen. Standard ist dann: „Mit Dir kann ich ganz anders reden, als mit meiner Frau…“, „Du bist so lustig! Mit Dir kann ich ganz anders lachen“, um zum Lieblingssatz zu kommen: „Im Bett läuft ja auch schon lange gar nichts mehr bei meiner Frau und mir.“ Ich habe mir dazu mal männlichen Rat eingeholt, weil ich das für mich als herabwertend empfinde. Herabwertend der Frau gegenüber, die Zuhause sitzt, aber auch herabwertend mir gegenüber. Für so einen Spaß zwischendurch bin ich gut genug? Der männliche Rat ging da in eine andere Richtung. Im Grunde sei das eine Art Kompliment. Wenn der Mann sich Sex vorstellen könne, dann fände er die Frau schon gut. Ah ja. Das ist so eine Art Logik, die sich mir nicht erschließt. Vermutlich, weil ich mir auch keine echte Mühe damit gebe…?
Nun haben besagter Kollege und ich uns im Winter vor Corona zuletzt gesehen, wo er mich unbedingt noch zu meiner Wohnung begleiten wollte, was ich aber höflich ablehnen konnte. Er war sehr hartnäckig, aber verfügt nicht über meine Hörner. Gestern waren wir dann zum Frühstück verabredet. Und hier kommt die Ambivalenz: Natürlich freue ich mich auf das Frühstück, weil ich mich echt gerne mit ihm unterhalte. Und – mea culpa – natürlich freue ich mich auch über die Aufmerksamkeit. Gleichzeitig habe ich Magengrummeln, weil ich nicht will, dass er irgendwas versuchen wird. Ein bisschen ist es schon ein Spiel mit dem Feuer, denn ich könnte einfach kein Treffen zustandekommen lassen. Stur, wie ich nun mal bin, sehe ich aber auch nicht ein, warum Mann und Frau nicht einfach freundschaftlich verbunden sein können, ohne dass da was zwischen ihnen laufen muss. Ich sehe schon den ein oder anderen mit den Augen rollen und sagen: „Warum machst Du es so kompliziert?!“ Tja, willkommen in meinem Kopf.
Der Gute baggert mich nicht direkt an, betont aber dann doch, wie schade es sei, dass ich so prüde und langweilig sei. Also, ich sei nicht an sich langweilig, aber was meine Prinzipien (nichts mit einem liierten Mann anzufangen) beträfe, sei ich es eben schon. Ich lächle nickend: „Ok. In dem Fall bin ich gerne langweilig.“ Was mich dann – allerdings eher im Nachhinein – wütend macht, sind dann solche alles erschlagen wollenden Argumente, wie: „Weißt Du, wir leben ja nur einmal. Sollten wir das Leben da nicht einfach genießen?“ Das ist auch so ein Klassiker für mich geworden, den manche Männer immer wieder zücken. Wenn sie wollen, die Frau aber nicht, wird dieser Spruch gezückt. Keine Ahnung, wieviele Frauen auf so einen Spruch positiv reagieren, aber mir hat mal ein Mann gesagt: „Wenn Du die dümmste Anmache bei 100 Frauen ausprobierst und sie auch nur bei einer einzigen funktioniert, dann hast Du als Mann doch alles richtig gemacht.“ Ääääh…ich bleibe dabei: Ich bin froh, als Mädchen zur Welt gekommen zu sein. Im nächsten Leben bitte wieder gerne.

Ich möchte nicht jammern, denn ich führe wohl ein privilegiertes Leben. Bisweilen fühlt es sich dennoch nicht immer rund an. Von Männern Angebote zu erhalten, die liiert sind, fühlt sich nicht gut an. Auf Geburtstage eingeladen zu werden (wie jetzt erst passiert), wo ausschließlich junge Familien und vereinzelt Paare, die kurz vor der Geburt des ersten Kindes stehen, eingeladen sind, lässt mich mich auch unwohl fühlen. Das ist so, wie bei Bridget Jones. Die meiste Zeit bin ich völlig fein damit, Single zu sein. Schöner wäre es zu zweit, aber allein ist es nicht schlimm. Trotzdem fühlt man sich verkorkst und stigmatisiert, auf Feiern gehen zu müssen, wo man – neben den Kindern – als einziger Single rumläuft. Ihr seht schon: Gerade habe ich eher meinen Nachdenklichen, hm?
Mit Blick nach vorne freue ich mich auf eine kurze, wenn auch volle Woche. Von meiner Chefin weiß ich nun offiziell, dass sie schwanger ist und nicht zurückkommen wird. Wer ihr Nachfolger wird, weiß ich nicht. Die Hoffnung auf jemanden, der wirklich Führung lebt, habe ich aufgegeben. Es wird wohl so sein, dass ich noch ein wenig die Füße stillhalten muss, bevor ich meine Flügel ausbreite und losfliege. Wohin mich der Wind dann trägt, weiß ich nicht…ich hoffe, es liegt irgendwo am Meer.

2 Kommentare

  1. Ich gehöre jetzt zwar schon seit etlichen Jahren der verheirateten Fraktion an, aber es gibt männliche Verhaltensweisen, die auch vor einer verheirateten Frau nicht halt machen. Ganz ehrlich, da helfen nur klare Ansagen. Also klipp und klar sagen, ja, ich finde Dich auch sympathisch und verbringe gerne ein bisschen Zeit mit Dir, aber mehr wird nicht laufen. Wenn Du das nicht akzeptieren kannst, ist das Dein Problem und wir treffen uns halt nicht mehr, wenn Du nicht in der Lage bist, das zu lösen!

    Denn, es ist SEIN Problem, nicht Deins! Er rallt es nicht oder hat ein Problem mit seinem Selbstwertgefühl, wenn Du nicht mit ihm in die Kiste hüpfen willst. Da würde ich mir keinen Kopf drüber machen. Aber ich gestehe auch ehrlich: es hat Jahre gebraucht zu dieser Ansicht zu kommen. 🙂 Ein Vorteil der Ü50, man wird krasser, ohne Scheiß!

    Und jedem präsenten, lebensbejahenden Menschen sind auch stille Stunden eigen! Die braucht man einfach, um die Batterien aufzuladen, um wieder bei sich anzukommen. Das hat nix mit himmelhochjauchzend etc. zu tun. Das ist überlebensnotwendig, um die eigenen seelischen Batterien aufzuladen, um sich zu erholen, um zur Ruhe zu kommen. Sonst sind die Batterien irgendwann leer.

    Und ja, ich hasse auch Aktionen, die einfach nur meine wertvolle Zeit verbrennen und bei denen ich das Gefühl habe, mein Intellekt wird beleidigt und viel Geschwafel um nix gemacht. ARGS! Geht gar nicht. Wen das nicht wütend macht, der verpennt vermutlich eh sein Leben. 😉

    Wut ist nicht nur ein Motor, Wut reinigt auch und nimmt den Druck, damit man wieder klar sehen kann. Ähnlich wie Tränen vergießen. Es entlastet einen innerlich, man kann wieder durchatmen und klarer sehen, sich neu orientieren.

    Von daher: Mich interessiert es nur noch bei sehr nahe stehenden Personen, was sie über mich denken, wobei ich auch hier inzwischen ganz klar erkennen kann, ob es wirklich mein Problem ist, mein Fehlverhalten, oder ob es ein Problem des anderen ist. Und dann kann ich nur sagen: Löse DU DEIN Problem.

    Erleichtert vieles!

    Freue mich auf weitere Ereignisse aus Deinem Leben!
    Angeli

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Lady Angeli,
      danke für Deine lieben Worte.

      Ich schätze, es gehört dazu, hin und wieder auch mal zu hadern. Alles andere lässt einen nur abheben und zu oberflächlich leben.

      Es tut gut zu wissen, dass Du ähnliche Erfahrungen mit manch einem Kerl gemacht hast. 🙂 Männer sind ja nicht per se so. Ich kenne auch andere. Aber die Blöden vermiesen es den Netten. Tja…gilt wohl umgekehrt auch so, schätze ich.

      Heute habe ich mein Mitarbeitergespräch, was ich mir auch sparen könnte. Also denke gerne mal an mich. 🙂 Wenn es warm wird, ist er der Dampf, der aus meinen Ohren aufsteigt. Hihiii…

      Mach´ Dir einen schönen, sonnigen Tag,
      Claudia

      Gefällt 2 Personen

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