Es ist Karfreitag…mein früherer Anti-Tag schlechthin. In diesem Jahr ist er irgendwie völlig bedeutungslos. Der Tag macht mich nicht mehr wütend, wie er das in jungen Jahren immer gemacht hat. Den Sinn habe ich nie verstanden. Gut, nicht jeder hat ihn so exzessiv katholisch ausgelebt, wie das bei uns Zuhause der Fall war. Kein Fleisch, kein Fisch, kein Radio, kein Lachen, kein Witz, kein Pfeifen, kein Singen (außer bei der Chorprobe), dafür harte Gartenarbeit, Andacht, Messe und Beichte. Was für Schwachsinn. Doch jeder so, wie er mag.
Im Jahr 99 war der Tag dann auch schräg, weil meine Mom da noch auf der Intensivstation im Koma lag. Da wussten wir noch nicht, wie sie es überstehen wird…ob überhaupt die OP Erfolg gebracht hat. Mein damaliger Freund hat extra für mich „Stadt der Engel“ ausgeliehen, was an sich ein schöner Film ist, mich aber dauerweinen hat lassen. Das kommt mir echt vor, als sei es ein anderes Leben gewesen.

Dieses Jahr beginne ich den Tag mit einem Telefonat mit einer Freundin. Und in dem Gespräch gestehe ich freudestrahlend ein: Ich hatte so was von absolut unrecht mit einer Vermutung. Kennt Ihr das? Normalerweise sind wir Menschen ja so gepolt, dass unser Hirn recht haben will. Ich betone immer, wie völlig wurscht es mir sei. Meistens stimmt das auch. So, wie bei meiner Chefin, der ich etwas prognostiziert hatte, was sie partout nicht glauben wollte, was sich dann aber zwei Wochen später leider bewahrheitet hat. Ihr Kommentar: „Tja, so blöd ich das jetzt finde…aber Du hattest echt recht mit Deiner Einschätzung.“ Da geht mir dann keiner ab. Das bringt mir auch rein gar nichts. Ich habe einfach aufgrund meiner bisherigen Erfahrung in dem Bereich recht sicher gewusst, wie sich etwas weiterentwickeln wird. Die Milch ist allerdings verschüttet, weshalb wir darüber dann auch nicht mehr diskutieren müssen oder ich ein: „Ich hab´s doch gesagt“ hinterherschieben müsste.
In dem heutigen Telefonat ging es hingegen um eine Annahme meinerseits, von der ich im Vorfeld schon gesagt habe: „Ich hoffe echt so sehr, dass ich mit meinen Unkenrufen unrecht behalte.“ Und so kommt es dann Gottseidank auch. Manchmal möchte ich meine Lieben beschützen, was mir im Grunde gar nicht zusteht. Jeder muss seine Erfahrungen selber machen. Ich sage ja immer: Wer weiß, wofür es gut ist, dass ich keine Kinder bekommen habe. Ich wäre vermutlich so eine richtig krasse Glucke gewesen, was ja auch nicht gerade förderlich ist.

Und genauso verhält es sich dann auch mit meiner zweistündigen Skype-Schalte direkt nach meinem Telefonat. Eine Mitschülerin von der Fortbildung, die ich ganze zwei Mal Ende 2020 gesehen habe, teilt mir per What´s App mit, dass sie nun die schriftliche Prüfung geschafft habe. Ich hatte sie immer wieder mit Unterlagen versorgt. Gefragt hat sie danach nie. sie aber dankend angenommen. Wieder so typisch ich: Ich will ja nur helfen. Manch einer mag das vermutlich auch – aber nicht zwangsläufig alle. Und ich nehme manch einem damit vielleicht auch die Chance, sich da selbst durchzukämpfen und zu entwickeln. Sei es drum. Die Mitschülerin berichtet mir noch kurz davon, dass sie deutlich früher dran sei als ihre Lerngruppe, weshalb sie allein für das mündliche Fälletraining lernen müsste. Da ich weiß, wie elend ich mich letztes Jahr gefühlt habe, biete ich spontan an, so eine Prüfung via Skype mit ihr zu simulieren. Jaja, mein blödes Appell-Ohr, auf dem ich so gerne höre. Und tatsächlich schlägt sie sofort zu. Entsprechend habe ich jetzt zwei Stunden Prüfungssimulation hinter mir. Ich habe manche Kriterien schon wieder vergessen, weiß aber doch auch noch erstaunlich viel, wie mir auffällt. Die Dame wird´s gut machen und bestehen – da bin ich mir sehr sicher. Warum ich allerdings meine, meine Unterstützung so aktiv anbieten zu müssen, erschließt sich mir nicht. Hat was von „Ich muss nur noch kurz die Welt retten…danach flieg´ ich zu Dir…“ (Tim Bendzko). Da kann ich mich schon ganz schön wichtig fühlen, hm? Man, man, man…bisschen bekloppt ist ja schön, aber gleich so viel???

Und dann erlebe ich die Studenten in meiner Abteilung. Der letztens hier erwähnte Krachertyp ist nach wie vor da, allerdings sehe ich zum Glück wenig von ihm. Gestern gebe ich dann eine zweistündige Schulung, die ich bereits vor drei Jahren gegeben habe. Dabei stelle ich für mich fest, wieviel aussagefähiger ich jetzt darin bin. Aufgrund der Erfahrung fallen mir viel mehr Beispiele ein. Es macht totalen Spaß. Die Teilnehmer stellen superviele Fragen – da bin ich dann voll in meinem Element. Rundum gelungen, also bin ich rundum zufrieden, was auch mal schön ist. Nett auch am Ende von meinem Kollegen: „Das haben wir gut gemacht.“ Wir? Ah ja….
Ich habe einer neuen Praktikantin angeboten, gerne mitzukommen, um mal zu sehen, was wir so machen und um in die Thematik ein bisschen einsteigen zu können. Sie überrascht mich nach der Schulung: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich so was und Workshops übernehmen kann?“ Ääääääh? Sie würde sich schon Projekte wünschen. Klar, es gehörten auch andere Dinge dazu, also „typische Praktikantentätigkeiten“, was für sie voll ok sei. Aber sie hätte schon Lust, so was zu übernehmen. Ich hatte ihr ohnehin einen Part in meiner größeren Schulung im Mai in Aussicht gestellt, was sie gerne machen würde. Am liebsten sei es ihr allerdings, die komplette Schulung durchzuführen. Krass.
Derzeit schleppe ich fast immer Kollegen mit, die es eigentlich lernen und mir Schulungen abnehmen sollten. Ihr Fazit ist in der Regel: „Das schaffe ich nie. Da kommen ja soooo viele Fragen! Ich bin mir viel zu unsicher. Allein will ich so eine Schulung nie machen!“ Und dabei rede ich von Kollegen, die inhaltlich Ahnung von der Materie haben (sollten). Dagegen steht dieses junge Püppi vor mir und erzählt von einem Start-up-Unternehmen, wo sie zuletzt ihr Praktikum absolviert hätte. Sie kann nicht das fachliche Wissen vorweisen, das es vielleicht bräuchte, aber ich traue ihr erstaunlicherweise zu, dass sie Schulungen und Workshops souverän durchführen könnte. Vor allem aber erstaunt mich wieder einmal, wie selbstvertständlich so ein junger Mensch so ein Thema anspricht und für sich etwas einfordert. Das macht sie mit gutem Geschick und kein bisschen wie ihr ach so cooler BWL-Kollege. Es ist abolut nicht anmaßend, sondern etwas, das sie einfach und höflich anspricht. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich wir Menschen sind, oder?

Da ich für heute mein Karma-Konto genug befüllt habe, gönne ich mir einen chilligen Resttag. Ich werde gleich was kochen und dann später eventuell – aus reiner Renitenz heraus – einen Likör trinken. Es sind die kleinen Revolutionen, die mir Spaß machen. Ein Che Guevara wird aus mir wohl keiner mehr werden, aber vielleicht schaue ich mir ein bisschen was von der Praktikantin ab? Einfach mal schauen, was mir eigentlich Spaß machen würde und das dann auch klar durchziehen…statt immer auf dem Appell-Ohr zu hören und Dinge zu machen, von denen ich denke, sie würden andere glücklich machen. Also: Hoch die Tassen…und frohe Ostern Euch!

2 Kommentare

  1. Da ich eine mindestens ebenso katholische Kindheit vorzuweisen habe, wie du sie oben schilderst …, habe ich mir heute morgen auch schon einen „renitenten“ Kuchen zum Frühstück gegönnt und freue mich über deinen Likör… ! 😃 Diese katholische Kindheit verleitet vielleicht auch zu besonderer Hilfsbereitschaft auf der einen – und besonderer Bescheidenheit auf der anderen Seite … . Denn, hey, deine Chefin lobt dich!!! Das ist doch toll!!! Während es sich für mich tatsächlich nicht unmittelbar erschließt, warum du einer Dame, die dir bisher anscheinend eher wenig Wertschätzung für deine Mühe gezeigt hat, heute nicht nur zwei Stunden deiner Zeit schenkst, sondern auch noch richtig viel Arbeit und Engagement darein gesteckt hast. Aber natürlich kenne ich ähnliches auch von mir … .😎 „Herr, ich bin nicht würdig … „; „mea culpa, meine Schuld, meine große Schuld …“ wie oft haben wir das eigentlich heruntergebetet?! Hat Spuren hinterlassen, würde ich sagen … .💕

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    1. Oooooooh man, ich kann den ganzen Rotz auswendig aufsagen… auch noch nach all diesen Jahren. Ist das nicht völlig verrückt?!
      Und die Frau, der ich geholfen habe, bedankt sich immer. Sie ist ganz nett, nur habe ich im Grunde nix mit ihr zu schaffen. Es ist eher, dass man mich noch nicht mal zu fragen braucht, wenn man Hilfe benötigt. Mein Appell-Ohr schlägt auch so an. 🙄 ob das immer so im Sinne meines Gegenübers ist, ist dabei fraglich. 🤷‍♀️
      Dann iss Du mal weiter Kuchen, lach viel, und hab Spaß an diesem Tag – so, wie es an jedem Tag mehr tun sollten. 💃

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