Es gibt Themen, die sind lustig. Und es gibt solche, die sind nachdenklich. Heute ist es anders. Heute finde ich dafür nicht wirklich die richtigen Worte. Doch hübsch alles der Reihe nach.
In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich lebe, gibt es auf meiner Etage zwei Wohnungen, die der Eigentümer an den Kinderschutzbund vermietet hat. Klingt auf den ersten Blick sehr sozial, dient vor allem aber der durchgängigen Miete, ohne sich um irgendwas kümmern zu müssen. Nun werden die Wohnungen rund ums Jahr munter belegt mit Jugendlichen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Leider werden sie nur – zumindest aus meiner Sicht – nicht groß weiter betreut. Mir ist völlig klar, dass sämtliche Sozialberufe unterbezahlt sind und auch in der Regel mit einem geringen Mitarbeiterschlüssel daherkommen. Dennoch kann dies kein Grund dafür sein, dass die jungen Menschen quasi keiner wirklichen Betreuung unterliegen. Da ich mich selbst sozial schimpfe und auch noch erinnern kann, wie ich als junger Mensch unterwegs war, habe ich in den letzten Jahren nie was gesagt und mich nie beschwert – ein Gegensatz zu den meisten anderen Mietern und Eigentümern im Haus. Natürlich waren manche dieser jungen Leute lauter als andere. Das Treppenhaus sieht nach einem Umzug auch immer ramponiert aus. Das belastet mich nun weniger, aber die Eigentümer der Wohnungen hier natürlich schon, was ich auch verstehen kann. Die Betreuungsstelle damit konfrontiert, kam normalerweise die Standard-Antwort: „Ja, können Sie denn beweisen, dass das der- oder diejenige war?“ Damit war der Fall für sie erledigt, was ich schon recht unverschämt finde.
Nun erweist sich meine Nachbarin als besonderes Exemplar. Sie, die derzeit noch ein Er ist, macht gerne einen auf schüchtern, huscht schnell in ihre Bude, in der sie dann allerdings laut schreien kann. Ständig sind Bekannte von ihr vor Ort, die dann den Geräuschpegel so in die Höhe treiben, dass ich es in meinem Wohnzimmer gar nicht mehr aushalten kann und ins Schlafzimmer trabe. Andere Nachbarn haben sich bereits beschwert, ich habe noch hübsch die Füße stillgehalten. Bis ich dann nachts durch starken Lärm geweckt wurde – nicht einmal, sondern regelmäßig. Es ist so, wie ich mir das in manchen Sozialwohnanlagen vorstelle, was mir für die Menschen dort auch sehr leid tut. Andererseits kann es auch nicht sein, dass ich hier richtig fett Miete abdrücken muss und dann vom Schlafen abgehalten werde. Als ich am nächsten Morgen an der Nachbarstür geklingelt habe, kam keine Reaktion. Erst später, als wieder einmal das vereinbarte langgezogene Klingelzeichen ertönt ist, bin ich dann auch raus und habe die Mieterin darum gebeten, zukünftig bitte leiser zu sein. Diverse Nachbarn hätten sich bereits beschwert. Ich habe die Hausverwaltung nun auch angerufen, die mir geraten hätten, zukünftig sofort die Polizei zu rufen. Ihr Lebensgefährte wird daraufhin direkt aggressiv und beschimpft mich. Wohlgemerkt: Er ist immer da, obwohl eigentlich nur sie die Mieterin ist und ihr auch nicht erlaubt ist, Besuch über Nacht zu haben. Das interessiert mich ja noch nicht mal. Es interessiert mich hingegen schon, wenn man mich vom Schlaf abhält.
Von einer Nachbarin erhalte ich eine Nummer vom Kinderschutzbund, die zuständig sein soll. Es finden zwei Gespräche mit der Dame statt, die mir versichert, sich nun endgültig darum zu kümmern, da besagte Mieterin schon mehrere Verweise erhalten hätte. Das war am 5.3. Danach kam keine Info mehr, die Lautstärke ging hingegen ungebremst weiter. Nicht allerdings, ohne vorher durch meine Wohnungstür von ihrem Typen angebrüllt zu werden: „Fick Dich, Du Fotze!“
Ich habe Angst. Ja, ehrlich wahr. Ich habe mit psychisch Kranken gearbeitet, ich habe im Gefängnis Schwerverbrecher geschult. Aber hier muss ich eingestehen: Ich habe Angst. Ich wohne allein, die Gestalten, die da lautstark durchs Treppenhaus poltern zu jeder Tages- und Nachtzeit, machen mir Angst. Es geht so weit, dass ich mich nicht einmal mehr traue, die Polizei zu rufen, wenn es laut ist, denn ich befürchte danach, dass ich eine aufs Maul bekomme. In der Hoffnung, dass die Dame vom Kinderschutzbund ihr Versprechen hält, halte ich aus. Im Aushalten bin ich ja leider Spitzenreiter. Letzte Woche werde ich dann um 4:10 Uhr abrupt geweckt. Zunächste hoffe ich noch, dass es sich nach fünf Minuten erledigt haben wird, sehe jedoch nach einer Dreiviertelstunde ein, dass dem nicht so ist. Völlig gerädert starte ich meinen Tag – nicht jedoch, ohne die Dame vom Kinderschutzbund zu kontaktieren. Die spricht mir später auf die Mailbox, wie schwierig alles sei. Die Behörden würden zu wenig Kohle zur Verfügung stellen, sie arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Es sähe so aus, als müsse die Mieterin in die Obdachlosigkeit. Da zuckt natürlich ein Teil in mir. Ein anderer hingegen sagt: Was soll sie denn noch alles anstellen? Der Fernseher ist schon aus dem Fenster geflogen. Gottseidank war der Nachbar im Erdgeschoss gerade nicht im Garten. Sie hatte zahlreiche Chancen, zeigt allerdings nie Einsicht und ist ständig das Opfer.
Am Sonntag zerlegen sie dann mit vereinten Kräften die komplette Wohnung. Ich mutmaße, man hat der Mieterin mitgeteilt, dass sie in den kommenden Tagen die Wohnung räumen müsse. Das nehmen sie und ihre Kumpanen wohl zum Anlass, ihr Mütchen zu kühlen. Es scheppert, es rumst, es gibt Geschrei. Es wird auf Wände eingeschlagen, auf Türen, einfach alles. Dieses Mal tagsüber. Da kann ich nicht einmal die Polizei rufen, wenn ich mich denn überhaupt trauen würde. Gestern höre ich sie noch einmal tagsüber, dann erstmal nicht mehr. Als es abends an meiner Tür klingelt, verfalle ich in Schockstarre. Ich tu´ so, als sei ich nicht da. Ich habe wirklich richtige Angst und will, dass das nur noch vorbei ist. Ich weiß nicht, ob das jemand kennt? Diese lähmende Angst, wenn jemand offenkundig aggressiv ist. Ich kenne das noch von meinem betrunkenen Ex von vor vielen Jahren. Da kann man nicht vernünftig argumentieren. Da geht es ausschließlich um den Selbsterhaltungstrieb. Heute Mittag klingelt es wieder an meiner Tür. Tagsüber ist meine Angst nicht so groß. Vor mir stehen der Hausmeister und eine Nachbarin aus dem Stockwerk unter mir. Meine Wohnungstür ist über und über mit Rasierschaum besprüht. Auf dem Boden wurde der Badezimmereimer entleert. Es wimmelt von Rasierklingen, verteiltem Rasierschaum, leeren Verpackungen, Kippen und dergleichen. Mir wird schlecht. Das Klingeln gestern Abend waren wohl besorgte Nachbarn, denn die respektlosen Vollidioten haben sich schon gestern ausgetobt. Während ich am Laptop gesessen und gearbeitet habe, haben sie – dieses Mal plötzlich lautlos – ihr Werk vollbracht. Ich rufe die Dame vom Kinderschutzbund an, die mir mit Schweigepflicht kommt. Ich blaffe sie in meiner Fassungslosigkeit an, was sie – verdammte Scheiße – nicht verstanden hätte, als ich ihr berichtet hätte, ich hätte Angst vor diesen Menschen??? Sie würde ja nur die Mieterin kennen und nicht das Aggro-Pack drumherum. Und dann kommt doch tatsächlich die passende Frage: „Können Sie denn beweisen, dass die das waren?!“ Tja, so sieht´s aus. Herrlich, oder? Ich rufe die Polizei an und frage, ob sie Angaben zum gestrigen Vorfall bräuchten, weil meine Nachbarn alles dokumentiert und die Polizei informiert haben. Doch hier kommt der nächste Klopper: „Ich sehe gerade, ja…Ihre Wohnungstür wurde verziert und Unrat vor die Tür gekippt. Naja, das ist unschön, aber ja keine Straftat.“ Ich habe einen Stein im Magen und frage nach: „Ich hoffe, Sie scherzen?!“ Der Herr gibt sich locker: „Wenn Sie Stress mit Ihren Nachbarn haben, können wir da nichts tun. Es ist ja nichts beschädigt.“ Richtig. Die Türe steht noch, meine Knochen sind noch heil. Aber wie es innerlich aussieht, das ist ja scheißegal. Resigniert frage ich: „Es muss mich also erst jemand zusammenschlagen, bis da was passiert?“ Ja, so ist es wohl. Die Dame vom Kinderschutzbund ruft später an und hofft für mich, dass nun Ruhe einkehre, da der Schlüssel nun in ihrer Obhut sei und die Dame nicht mehr hier wohnen würde. Naja. Menschen, die nichts zu verlieren haben, können rundherum rumlungern und sonst was anstellen, aber hey, ich hoffe einfach auch mal.
Die Hausverwaltung verweist an die Polizeit. Der Kinderschutzbund verweist an die Polizei. Die Polizei verweist an einen Anwalt zwecks zivilrechtlicher Klage. Ääääääh? Keiner übernimmt Veranwortung. Mein Nachbar von gegenüber kommt später noch mal zu mir und zeigt sich geschockt. Was er tun könne? Wie es mir gehe? Die Polizei würde es bestimmt regeln. Ich desillusioniere ihn mit meiner Info. Er starrt mich an…fassungslos, wie ich es zwei Stunden zuvor ebenfalls war. Dieser Nachbar hat einen Migrationshintergrund (Bosnier). Meine Nachbarin ein Stockwerk tiefer genauso (Afrika). Warum ich das sage? Weil die Menschen, die sich in der Bude nebenan getummelt und alles verwüstet haben, diesen auch haben. Sie haben in ihrer Sprache gebrüllt, die ich nicht verstehen konnte. Und die sind es, die anderen Menschen, die ebenfalls nicht in Deutschland geboren worden sind, das Leben schwermachen. Denn diese schlechten Beispiele bleiben hängen. Dann heißt es wieder „Die Ausländer“. Aber da gibt es auch das Gute: Mein Nachbar bietet mir an, ich könne immer und jederzeit zu ihm und seiner Frau rüberkommen.
Und ich? Zweifle natürlich an mir. War es falsch, sie anzusprechen und fair sein zu wollen? War es falsch, nicht die Polizei zu rufen? Ich schäme mich, weil ich mich hilflos fühle…und allein. Alle wissen es selbstverständlich besser: Die Hausverwaltung, der Kinderschutzbund, mein Vermieter: „Hätten Sie mal besser die Polizeit gerunfen.“ Das sagt sich so leicht, wenn man nicht verängstigt ist, weil man nichts zu befürchten hat.
Vermutlich wird nichts mehr passieren. Vermutlich sind sie weitergezogen. Vermutlich sind aber keine 100 %. Und so werde ich die nächsten Wochen damit zubringen, immer über meine Schulter zu schauen. So auch morgen, wenn ich meine EMDR-Ausbildung starte und gegen 18:30 Uhr nach Hause komme. Kein schönes Gefühl…gar nicht. Aber es hilft ja nicht, ich muss da durch.

3 Kommentare

  1. Aus meiner Zeit als Studentin, damals auch in einem Haus mit „schwierigen“ Mietern wohnend, kann ich mich noch erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als die von mir angerufene Polizei es ziemlich uninteressant fand, dass sich jemand abends an meiner Wohnungstür zu schaffen machte (und auf mein lautes Rufen nur mit einem Lachen reagiert hatte …). Zum Glück ist mir nichts passiert und es kam auch später nie wieder vor. Das bei dir klingt für mich noch weitaus unangenehmer. Ich kann ohnehin nicht verstehen, warum manche Menschen meinen, ihre Aggressionen und ihren Frust an irgendwelchen zufällig in der Nähe befindlichen Mitmenschen auslassen zu müssen. So, als wären sie der Meinung, ihre offensichtlich großen Probleme würden kleiner, wenn sie Dritten Probleme machen. Irgendwie glaube ich aber nicht wirklich, dass sie einen besonderen Hass gerade auf dich entwickelt haben. Du warst ja nicht gerade die Einzige, die sich beschwert hat! Aber du warst halt die, die am nächsten dran war, also die im Wortsinne „nächst gelegenste“ Möglichkeit, um ihre Wut abzulassen. Aus ihrer Sicht haben sie mit dem, was sie dir vor die Tür gekippt haben – und natürlich v.a. mit der Zerstörung der „eigenen“ Wohnung – vermutlich „ihr Statement“ gesetzt… . So dass du die Ausbildung morgen aus meiner Sicht entspannt angehen kannst. Zumal EMDR sicher hilfreich ist, im Körper ggfs. noch aus der Situation gespeicherte Ängste loslassen zu können – und dich auf die jetzt angebrochene Zeit ohne diese nervtötenden Nachbarn freuen zu können 💖💖💖!

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    1. Danke. Heute Morgen lag auch kein Geschenk vor meiner Tür.
      Einbruch hab ich auch schon zur Studizeit hinter mir. Es sei wohl Beschaffungskriminalität, so damals die Polizei. Alles durchwühlt, der Türknauf total abgeschlagen. Ich kam zunächst erstmal nicht in die Wohnung. Dann war alles rausgerissen, durchwühlt und das Bisschen, was ich an Wert hatte, gestohlen. Obwohl das lange her ist, schaue ich heute oft noch direkt aufs Schloss, ob das noch vorhanden ist.
      Ich konzentrier mich jetzt erstmal auf die hoffentlich spannende Fortbildung. Wird schon. 😉 bin ja eine Stehauffrau

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