Gestern steht ganz im Zeichen von Bügeln, Aufräumen, Kramen, aber auch Chillen. Abends schreibt mich jemand aus meiner Vergangenheit an. Hin und wieder haben wir Kontakt, weil er immer viele Status-Meldungen auf What’s App postet. Dieses Mal schickt er mir aber direkt und schickt einen alten Zeitungsartikel mit. In diesem wird ein alter Auftritt von uns beschrieben. Wir rätseln, wann das war…93 oder 94? Puh, das ist gefühlt ein völlig anderes Leben. Einerseits war es diese Zeit, in der wir noch nicht erwachsen waren, aber auch keine Kinder mehr. Ich wollte damals schon gerne nur raus und weg. Er hat sich hingegen bei uns wohlgefühlt… angenommen, irgendwie Zuhause. Er schwelgt in Erinnerung, während ich denke, wie gut es ist, dem entkommen zu sein. Einer Umgebung, in der ich immer wusste, beobachtet und bewertet zu werden. Er hat nie in unserem Dorf gewohnt, hatte nie diese dominanten Tanten um sich herum. 

Ich frage ihn, ob er da eigentlich schon wusste, schwul zu sein? „Bist Du verrückt??? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht mit mir, aber was das war? Nee, davon hatte ich keine Ahnung… oder wollte es wohl auch nicht haben.“ ‚Irgendwas stimmt nicht mit mir’… ist das nicht traurig? Ich habe mich auch nie passend gefunden… nirgendwo. Aber vollkommen anders. Er berichtet mir dann mit Lach-Smileys, wie sein Vater immer am Fernseher gemault hätte, wenn Biolek erschienen sei: „Bah, diese schwule Sau!“ Klar, dass mein Bekannter da nichts gesagt hat. Seine Lach-Smileys erinnern mich an diese traurigen Clowns, die sich ein Lachen aufschminken, obwohl es sie innerlich zerreißt. Mittlerweile ist der Gute 43 Jahre, wohnt schon längst nicht mehr in der Gegend, aber besucht seine Eltern oft. Er hat seinen Partner geheiratet, während seine Eltern immer noch nichts von seiner Präferenz wissen. Es hat mich schon oft genug getroffen, gefragt zu werden, ob ich denn nicht auch mal endlich Kinder wolle? Aber um ein Wievielfaches muss es schmerzen, nicht nur enttäuschte Nicht-Großeltern auszuhalten, sondern sich zu fürchten, ihnen die ganze Wahrheit zu sagen? Dabei bin ich mir sicher, seine Mutter weiß es und ist damit völlig fein. Aber der Vater will es partout nicht wahrhaben. Und so wird eine Komödie gespielt, während es eigentlich eine Tragödie ist. 

Und dann höre ich wieder – auch gestern (und ich hab Dich trotzdem lieb, Schätzchen) – dass es doch nirgendwo so liberal wie in Deutschland zugehe. Für Homosexuelle wäre es doch überhaupt kein Problem mehr. Ist das so? Ich glaube, in den Großstädten stimmt das zum Teil durchaus. In bestimmten Branchen, wie der Modewelt beispielsweise, ist das bestimmt auch ok. Aber in dörflichen Bereichen ist das immer noch anders. In meiner Kindheit sagte eine Frau aus der Nachbarschaft immer, wenn sie von ihrem Sohn sprach: „Unser Leo ist ja krank.“ War er nicht. Er war einfach schwul und ist bereits sehr zügig nach Köln gezogen, wo er nicht mehr „der Kranke“ war. 

Die Sehnsüchte sind dieselben wie bei den meisten anderen. Nur der zusätzliche Druck und die Angst vor Ablehnung sind wohl anders. Mein Bekannter versucht nun, zwei Lesben dabei zu unterstützen, schwanger zu werden. Adoption ist in Deutschland ja ohnehin schon schwer, aber als homosexuelles Pärchen ungleich schwerer. Er wird auf alle Rechte verzichten und möchte nur dabei unterstützen, guten Menschen die Elternschaft zu ermöglichen, ohne dass diese teure Hormontherapien über sich ergehen lassen zu müssen. Ob es irgendwann solche Bezeichnungen, wie ’schwule Sau‘ einfach nicht mehr gibt? Ich würde es mir wünschen…

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