Die Rückreise mit all ihren Tücken und Nickeligkeiten liegt hinter uns. So eine Rückreise ist ja jetzt kein Highlight. Es ist eher ein notwendiges Übel. Wir vertreiben uns die elende Wartezeit mit Namensgebung anderer Leute. Manchmal stellen wir auch ihre Dialoge nach. Bisweilen glaube ich ja schon, wegen meines Mundwerks irgendwann in die Hölle zu gelangen. Mein Neffe sichert mir diesen Ort in jedem Fall zu. Bei sich selbst bleibt er eher skeptisch. Er sei ja nicht so böse wie ich. Is klar… Ich wette alles, was ich habe, darauf, dass wir uns später dort treffen und das Regiment übernehmen werden.
Unser Flug geht mit über einer Stunde Verspätung los. Die Toiletten funktionieren dieses Mal, aber die Unterhaltungselektronik wieder nicht. Das wird aber nicht einmal mehr erwähnt. Das kekst mich schon irgendwie, aber ich versuche ohnehin, einfach nur zu schlafen. Wie sagt mein kleiner Neffe so schön? Auf so einer Reise siehst Du Gottes komplettes Tierreich. Es gibt die Ruhigen, genauso wie die Egozentriker. Es gibt die Lauten und Genervten. Und es gibt diejenigen, die ihren Sitz von der ersten Sekunde an nach hinten knallen – auch für ihre Kinder. Egal, wie eng es für die Leute dahinter wird. Und erst die Stewardessen können dann darauf hinwirken, während der Mahlzeiten die Rückenlehnen senkrecht zu stellen, was sie vorher eigenartigerweise nicht verstehen konnten. Das passiert alles links von mir. Dabei ist der Herr, der echt eingeengt da sitzen muss, keiner, mit dem ich spaßen würde. Ich wette darauf, er hat früher geboxt. Zusätzlich zu der typischen Boxernase hat er auch noch auf den rechten Oberarm „game over“ tätowiert. Manchen Humor mag ich ja besonders gern.
Auch die Deutsche Bahn enttäuscht uns nicht, weil sie natürlich völlig überfordert ist. Der ICE ist gerappelt voll mit Leuten, die sogar im Gang sitzen…also nicht auf einem Sitz, sondern einfach auf dem Boden. Versucht da mal, mit einem fetten Koffer zu rangieren. Es ist eine ganz eigene Studie für sich, die sich uns da bietet. Der Bimmelzug, den wir dann trotz Verspätung und Abhetzerei noch bekommen, startet ohne ersichtlichen Grund auch noch später. Als die Durchsage kommt: „Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis“, schnauzt eine Omi rechts von mir: „NEIN!“ Und ich kann sie verstehen. Es ist in den letzten Monaten kaum ein Zug/ eine Bahn pünktlich losgefahren.
Ich bin total geflasht von den Menschen in der Bimmelbahn. Kinder, die selber schon Kinder haben und Typen, denen ich im Hellen schon nicht begegnen möchte – geschweige denn im Dunkeln. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift: „Ich hasse Menschen!“ So was kann man sich doch nicht ausdenken, das glaubt einem ja niemand. Er geht auf seinen schmierigen Kumpel zu und mault los: „Haste auch so´n Scheißtag?!“ Der nickt und erkundigt sich, woran es denn beim Menschenhasser liege? „Meine Bewährungshelferin hat den Termin kurzfristig abgesagt.“ Bei „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ denke ich immer, solche Dialoge habe sich ein Gehirnamputierter ausgedacht, aber weit gefehlt. So sieht bisweilen die Realität echt aus. Der andere raunt: „Hab´ auch gesessen, weil die Arschlöcher mich erwischt haben.“ Äääääh…wo bin ich hier??? Da sag´ mal einer, man müsse weit wegfliegen, um was zu erleben. Es reicht, einfach in die Regionalzüge zu steigen und den Menschen zu lauschen. Dafür muss man sich nicht einmal anstrengen, denn sie reden gerne besonders laut. Willkommen in der ehemaligen Heimat…
Um 17 Uhr sind wir bei meiner Sis, um 19:30 Uhr liege ich im Bett, um zwei Uhr geht´s wieder los Richtung München, denn da müssen wir am nächsten Abend zu einem nachgeholten Konzert. Ihr seht schon: Es geht weiter, wie ich aufgehört habe – turbulent. Das Konzert hätte vor zwei Jahren stattfinden sollen. Und als meine Sis und ich so auf dem Tollwood-Gelände stehen, fallen mir gleich mehrere Sachen auf. Es scheint Corona gar nicht mehr zu existieren, was ein gewisses Maß an Freiheit verspricht. Leider ist meine Nase nicht mehr an dieses Bouquet an Düften gewöhnt. Und irgendwie klappt alles auch ganz gut – inklusive öffentlichen Verkehrsmitteln. Plötzlich springt es mich regelrecht an. Melissa spielt die ersten Töne, und mir schießen die Tränen in die Augen. Das letzte Konzert haben wir vor 20 Jahren besucht, als meine Sis gerade erfahren hatte, schwanger zu sein. Sie hat damals nichts gesagt, sondern war einfach nur herrlich überdreht. Melissa hat mir vor 30 Jahren meinen Sommerurlaub gerettet. Ich musste alleine mit meinen Eltern in Urlaub fahren, weil meine Sis Betreuerin in einem Sommerlager war. Was habe ich mich gewehrt…nur genutzt es hat nichts. Ich musste. Frisch getrennt von meinem ersten Freund, habe ich frustriert auf der Rückbank gesessen und die Kassette von Speelchens Brieffreundin rauf und runter gehört. Ein Wunder, dass das Band nie gerissen ist. Es war ihr Debütalbum, das ich Wort für Wort mitsingen konnte. Entsprechend schnürt es mir in meiner Sentimentalität hin und wieder den Hals zu. Diese Frau, die nun 61 Jahre alt ist, hat so viel Feuer im Hintern, so viel Leidenschaft in sich, dass ich sie regelrecht vergöttere. Sie wechselt dauernd die Gitarren, spielt Mundharmonika und betätigt sich nachher noch am Schlagzeug. Dazu ihre einzigartige, unverwechselbare Stimme…da kommen echt viele Erinnerungen hoch. Ich bin so was von dankbar, das hier erleben zu dürfen.
Am nächsten Morgen (Dienstag) komme ich sogar ganz gut vom Sofa (mein Bett wird von meiner Sis und Schwager belegt). Alles scheint gut zu laufen…bis…ja, bis Donnerstag. Morgens kratzt mein Hals wie blöde. Mittags kommen Kopfschmerzen hinzu. Nach der Arbeit schleppe ich mich zum Testzentrum und dann nach Hause, nur um wieder umzukehren, denn nun benötige ich auch noch einen PCR-Test. Oh man. Und ja, auch der ist positiv. Ich war mir ja ohnehin sicher, dass es uns alle früher oder später erwischt. Aber dann erwischt es eben mich. Die Temperatur steigt, das Schlafen geht kaum. Und so krebsel´ ich dann durch die Tage. In eine Praxis darf ich nicht, eine Krankmeldung benötige ich dennoch. Dazu muss ich meinen positiven PCR-Test an die Praxis schicken – gerne auch per Fax. Wer hat bitte schön ein Faxgerät Zuhause??? Die wenigsten. Und dann beginnt das Warten auf den Rückruf eines Arztes. Durch das Wochenende und die steigenden Infektionen zieht es sich bis Montagabend 18:36 Uhr. Ja, da war noch eine Ärztin da. Und nein, die Krankmeldung könne mir nicht geschickt werden. Ich müsste sie abholen. Häää? Ja, sie fänden das auch doof, aber so sei die derzeitige Gesetzeslage. Dienstagmorgen fahre ich also los. An diesem Tag fühlt sich mein Hals erstmalig nicht mehr wie rohes Fleisch an. Immerhin ein Teilerfolg. Wenn heute Abend dann endlich meine Temperatur nicht mehr ansteigt, werde ich dankbar sein…man wird so genügsam mit dem Alter. Ich betrete mit FFP2-Maske den Eingangsbereich und reiche meine Karte an die Sprechstundenhilfe. Die Gute wird panisch, verschüttet jede Menge Desinfektionsmittel über ihre Hände und die Anrichte, dass ich mutmaße, an offener Tuberkulose zu leiden. Sie bittet mich, draußen zu warten, dann würde sie mir die Bescheinigung rausbringen. Natürlich kann sie nichts dafür. Die Ärzte auch nicht. Aber das System ist langsam etwas arg verrückt, oder? Ich tüte alles brav ein, wische mir den Schweiß von der Stirn, der durch diese paar Schritte schon hervorgetreten ist, und gehe zum Briefkasten. Man, freue ich mich gerade auf meine Couch. Ich schicke vorab eine Mail an meine Chefin und aktiviere meinen Abwesenheitsassistenten. Und was machen zwei meiner Kollegen? Sie schreiben Mails, weil sie noch was brauchen. Gut, sie schreiben mir auch so was, wie „gute Besserung“. Aber in erster Linie benötigen sie mal wieder was. Und was mache ich? Ich, dumme Nuss, lese und beantworte meine Mails sogar. Dabei ist mein Job so was von unwichtig. Manchmal verstehe ich mich selbst kein bisschen. Aber dafür hat der Personalchef mittlerweile zugesagt, mit mir zu sprechen. Allerdings soll ihn wohl auch Corona ereilt haben. Hoffen wir mal, dass wir nächste Woche beide wieder fit sein werden. Irgendwie hatte ich es mir leichter vorgestellt…war es aber nicht. Also: Passt gut auf Euch auf, gönnt Euch Ruhe…und schwelgt in alten Zeiten. 🙂 Wenn das alles nichts hilft, hilft Streamen vielleicht? Probiert´s aus, sollte es Euch erwischen. Jede*r hat da so ihre/seine eigenen Mittelchen. Und erlaubt ist, was hilft.

3 Kommentare

  1. Trotz mehrerer Impfungen das Virus zu erwischen, ist kein Kriterium, aber dummfrech über gescheite Leute herzuziehen, die sich gegen den Koronaschwindel wehren, macht Dich leider zum typisch deutschen Meinungskretin. Hättest in den Kategorien üppige Stußmuse oder nette Niestüte bleiben sollen.

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