Es braucht bisweilen sehr viel, um Menschen aufzurichten, sie zu motivieren, ihnen Mut zuzusprechen. Um Menschen zu erniedrigen, braucht es hingegen viel weniger. Es geht innerhalb weniger Minuten, habe ich manchmal das Gefühl. Und das verstehe ich nicht. Es liegt natürlich auch an den Selbstzweifeln, die jede*r Einzelne von uns in sich trägt. Habe ich ein gutes Urvertrauen geschenkt bekommen, dann haut einen ein kritisches Wort nicht so schnell um. Ist es allerdings nicht so gut um den Selbstwert und das eigene Vertrauen in sich selbst bestellt, dann braucht es nur einen Windhauch, andere zu entmutigen.

Ein Beispiel: Ich habe einen tollen Arbeitskollegen. Er ist ein paar Jahre jünger als ich, aber schon in der Hackordnung höher angesiedelt, was ich ihm von Herzen gönne, weil er wirklich ein richtig Guter ist. Wenn er einem zuhört, dann ist er voll da. Kontrovers kann es zugehen, was auch keinerlei Probleme oder Irritationen bereitet. Und dann berichtet er letztens mit leuchtenden Augen: „Alles, was ich heute bin und verkörpere, verdanke ich meinen Eltern. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Und dafür werde ich ihnen stets dankbar sein.“ Das ist so wunderschön und schmerzlich zugleich. Er ist nicht einmal den glatten Weg gegangen. Mittlere Reife, weil er nie verstanden hat, wozu Lernen gut sein soll? Dann hat er eine Ausbildung absolviert und gemerkt, dass es das nicht allein gewesen sein kann. Also hängt er den Techniker dran. Auch das macht zwar Spaß, erfüllt ihn aber nicht. Also sattelt er noch ein Maschinenbaustudium drauf. Es passt, weil er unerschütterlich daran glaubt, dass alles gut ist. Seine Familie steht bei allen Entscheidungen vollkommen hinter ihm – selbst, wenn sie nicht genau verstehen, was er da gerade macht. Klar hat er auch schon Trennungen hinter sich und weniger rosige Zeiten. Aber er vertraut darauf, dass alles gut wird, weil er ein solides, gesundes Fundament mitbekommen hat. Das freut mich für ihn. Und noch mehr freut mich, dass er nicht vergisst, wem er das zu verdanken hat.

Und dann gibt es diese anderen Menschen, die eben nicht so einen glücklichen Start ins Leben hatten. Ich kenne einen Mann und darf ihn mittlerweile Freund nennen, der bis heute nicht genau weiß, wie die eigentlichen Geschehnisse abgelaufen sind, denn über „so was“ wurde nicht geredet. Er weiß, dass er mindestens zwei Halbgeschwister hat, darüber hinaus aber auch noch andere zur Disposition stünden. Und weil sein Vater wohl verschiedene Frauen in Nöte gebracht hatte, was ihm über den Kopf zu wachsen schien, munkelt man, dass sein Autounfall auf schnurgerader Strecke vermutlich kein Unfall war. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt – und das im ländlichen Bayern. Unverheiratet, schwanger und das vor ca. 55 Jahren. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was diese Frau sich alles anhören musste. Sie lernte einen anderen Mann kennen, der sie und das Kind annahm. Und das bedeutete natürlich, man müsse nun auf ewig dankbar sein. Scherereien waren nicht erlaubt, weshalb dieser Mann bis heute immer hübsch angepasst ist. Seine Mutter habe ihn jeden Tag seit der Grundschule dazu gezwungen, mindestens drei Stunden zu lernen. In der Oberstufe sei ihm dies zugutegekommen, keine Frage. Er ist schon sehr dankbar…aber sein Urvertrauen? Der leibliche Vater entzieht sich seiner Verantwortung und überlässt es den Frauen und ungeborenen Kindern, „in Schande“ zu leben. Dass es solche Formulierungen und Denkweisen überhaupt gab und wohl zum Teil auch noch gibt, ist schon schlimm genug. Zeit seines Lebens fühlt er sich verpflichtet, dankbar zu sein. Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein absoluter Befürworter von Dankbarkeit und Demut. Nur mag ich es nicht, wenn man Kindern so eine Verpflichtung per se aufzwingt. Was er allerdings gelernt hat, ist opportun zu sein. Er hat schon früh lernen müssen, wie wichtig es sein kann, nicht aufzufallen und angepasst zu sein – schlichtweg, um zu überleben. Denn wenn die eigene Mutter ständig erwähnt, dass sie ruckzuck wieder alleine dastünden, wenn er nicht brav lernen und auch sonst nicht weiter negativ auffallen würde, dann versucht man natürlich alles, um bloß nicht anzuecken.

Weil ich so anders bin und war, als meine Familie das wollte, habe ich jahrelang fest daran geglaubt, adoptiert zu sein. Das konnte beim besten Willen nicht meine Ursprungsfamilie sein. Dazu half der Satz meiner ätzendsten Tante auch kein bisschen: „Ich weiß nicht, womit mein Bruder ein Kind wie Dich verdient hat!“ Ich wurde nicht aufgeklärt, was ich denn genau falsch machte. Ich weiß es bis heute nicht. Es half ebensowenig, wenn meine Mutter meinte: „Die Leute denken nachher noch, wir hätten ein behindertes Kind!“ Und das nur, weil ich den Weg zur Schaukel vor Freude schreiend zurückgelegt habe. Auch wenig hilfreich war der regelmäßige Satz meines Vaters, weil ich nicht die Gabel so hielt, wie er das wollte: „Du bist ein Spastiker!“
Wenn ich das so schreibe, merke ich selbst, wie bitter das klingt. Dabei werde ich immer „feiner“ damit. Ich versuche leider immer noch, es vielen recht zu machen. Aber opportun sein, kann ich nicht. Manchmal wünschte ich mir das, weil mich das Gegenteil natürlich auch verdammt viel Energie kostet. Aber weil ich mich so häufig ungerecht behandelt gefühlt habe, kann ich Ungerechtigkeiten wohl so wenig leiden…wobei ich mir manchmal schon wünsche, mich für meine Belange so stark einzusetzen, wie ich das für die Belange anderer tu´. Was ich damit meine? Unter anderem meine jetzige Situation. Bin ich überzeugt davon, dass die Arbeitswelt da draußen auf mich wartet? Aber so was von gar nicht! Ich lenke mich ab, weil ich so viele Ängste habe, abgelehnt zu werden. Um nicht die Vermeidungsstrategie zu fahren, die ich leider häufig anwende, habe ich es dieses Mal an verschiedenen Stellen laut gesagt – und auch hier geschrieben: Ich suche mir was Neues. Damit setze ich mich selbst unter Zugzwang, weil ich keineswegs wortbrüchig werden will. Irgendwie verrückt, dass ich mich selbst übers Ohr hauen muss, um endlich den Sprung zu wagen. Wie heißt es so schön? „Angst beginnt im Kopf. Mut auch.“ In diesem Sinne habe ich mich heute überwunden und meine erste Bewerbung verschickt. Meine Chancen stehen nicht allzu gut für diesen Job. Viel wichtiger ist allerdings, es einfach jetzt gewagt zu haben. Was mein Herz dabei bereichert, sind gute Menschen, die mir Mut zusprechen. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ – oder einfach: Was ich wohl an Urvertrauen vermisse, füllen manche wertvollen Menschen für mich auf. Das macht mich dankbar…und ein bisschen mutiger.

Ich kenne viele vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensstarte. (Dieses Pluralwort musste ich doch echt nachschlagen…hätte auf „Starts“ getippt, war aber falsch. 🙂 ) Je mehr ich mich mit vollkommen anderen Menschen unterhalte, als denen, mit denen ich groß geworden bin, umso mehr steigt meine Toleranz. Das heißt nicht, dass ich für jeden Deppen Verständnis aufbringen möchte. Nur manches erklärt sich dann doch, wenn man die Menschen ein bisschen besser kennt bzw. man mehr von den Menschen und ihrer Geschichte erfährt.
Ich wünschte, alle hätten einen guten Start in dieses Leben. Dann gäbe es immer noch falsche Abzweigungen, dumme Entscheidungen oder schlimme Schicksalsschläge. Nur wären die Chancen größer, wenn wir alle nur so vor Urvertrauen strotzen würden. Und Urvertrauen heißt nicht Arroganz, sondern vielmehr vereinfacht: Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt. Wenn wir mehr davon hätten, würden wir auch nicht immer mehr vereinsamen – ein Phänomen, das in der Tat weit gefährlicher ist, als man landläufig meint. Einsamkeit verursacht nämlich auf Dauer Stress, der das Herz-Kreislauf- und Immun-System schwächt. Also lasst uns gemeinsam was dagegen tun, lasst uns auf Menschen zugehen, mit ihnen Zeit verbringen und sie bestärken. Davon haben wir am Ende dann auch alle was. Jo…so sieht meine Idealwelt aus. Schauen wir mal, was daraus wird. Jede Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt…

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