Manchmal wundere ich mich ja schon. Warte mal, warum manchmal? Stimmt ja so gar nicht. Das tu´ ich in letzter Zeit immer häufiger. Es gibt Menschen, die so gar keinen Zugang zu Redewendungen haben. So auch einer meiner Kollegen, obwohl der definitiv autistische Züge hat. Dabei nehmen Autisten Sprichwörter ja in der Regel wörtlich. Er erzählte diese Woche dann davon, dass wir ja auf „heißem Stahl“ säßen…und meinte wohl die glühenden Kohlen. Bei meiner Kollegin hat er doof geschaut, als er sich bei ihr beschwerte, dass es ja in unserer Abteilung überhaupt nicht strukturiert ablaufe und sie mit: „Der Schuster hat die schlechtesten Leisten“ konnterte. Zugegeben, sie hat Sohlen gesagt, aber er hat nur entgeistert geschaut. Das habe er ja noch nie gehört! Echt jetzt? Dafür lobt er mich nun aber regelmäßig, wie ich es mal so gar nicht mag. Nämlich wenn es darum geht, von dem anderen was zu brauchen und darauf zu hoffen, mit Schmeicheleien dorthin zu gelangen. Er kommt dann an und grinst, weil er mit der „Expertin“ sprechen wolle. Ich habe gefragt: „Glaubst Du echt, wenn Du mir Zucker in den Hintern pusten willst, dass mich das dann geschmeidiger macht?!“ Dann zuckt er hilflos die Schultern: „Nein, aber Du bist doch die Expertin. Ich habe das nicht gelernt.“ Zugegeben, ich bin manchmal eine Mistbiene: „Und wieso bekommst Du dann fast das Doppelte meines Gehalts?!“ Er sucht nach Worten und gesteht: „Stimmt. Ich verdiene deutlich mehr.“ Jetzt könnte ich entgegenhalten, dass er es nicht verdiene, sondern lediglich erhalte, aber ich kneife es mir. Er setzt sich dennoch zu mir und lässt sich seinen gesamten Workshop konzipieren. Denn damit kommt man nicht weit: „Ich habe mir vorgestellt, dass wir das mal ganz anders machen. So, wie Du immer sagst, also interaktiv. Ich habe auch nur ein paar Powerpoint-Folien zusammengestellt (16 Stück) für die zwei Stunden.“ Da möchte ich einfach weinen. Und so frage ich: „Was ist das Ziel der Veranstaltung?“ Große Augen. Ich atme tief durch: „Was bezweckst Du? Was soll nach den zwei Stunden anders sein?“ Wieder große Augen, ein wenig Rumgestammel. Im Grunde will er die Leute für etwas sensibilisieren und gemeinsam vereinbaren, wie wir das in Zukunft gestalten wollen. „Und wie wäre es mit Fragen?“ Jetzt ist er wieder da: „Fragen finde ich gut!“ Klar…nur hat er keine. Er weiß für sich die Lösung und will genau die überstülpen und umgesetzt wissen – von den anderen natürlich. Predigen, aber nicht mitleben. Und ich staune mal wieder, wieso er hadert, dass sich nie was bei den Menschen ändert, wenn er was sagt.

Der gestrige Tag war dann mein Angstgegner. Nicht etwa, weil ich Angst vor anderen gehabt hätte. Ich habe Angst vor mir bzw. meinen Reaktionen. Ich habe dieses Gesicht, das Meg Ryan in French Kiss beschreibt: „Zufrieden – schmunzeln; unzufrieden – runzeln.“ Der Termin ist aber mit der sogenannten Managementriege. Da sind – und ja, ich pauschaliere – schmieriges Lächeln und joviales Schulterklopfen an der Tagesordnung. Viele finden zwar vieles Scheiße, aber das wird weggelächelt, weil der oberste Boss es so will. Ich habe beschlossen, nur noch die Ausführung zu übernehmen. Für den Rotz im Vorfeld, das gegenseitige Anlügen und Beschönigen, das weit-weg-vom-Mitarbeiter-Sein stehe ich nicht zur Verfügung. Ganz entziehen kann ich mich dem nicht, denn zumindest körperliche Anwesenheit können sie verlangen. Vormittags kämpfe ich mit Magenkrämpfen. Mir geht es schlichtweg elend, was man mir wohl auch ansieht. Und anstatt zu sagen: „Ich geh´ dann mal nach Hause“, halte ich durch. Es soll ja schließlich keiner sagen, ich „performe“ nicht. Dabei könnte es mir doch egal sein, was diese Pissköppe sagen und denken. Sie sind eh schlechte Menschen. Aber ich will mir partout nichts nachsagen lassen. Meinem autistischen Kollegen verspreche ich auch im Vorfeld, brav die Schnüss zu halten. Und dann bringt er es auf den Punkt: „Nein! Du sollst doch gar nicht schweigen. Dem Obersten stinkt es nur, wenn Du die Perspektive der Mitarbeiter reinbringst und verteidigst. Die interessiert ihn nicht. Er möchte das Ganze aus höherer Flugebene betrachten.“ Bums. Ja, das meint er ernst. Und er sieht darin auch nichts Schlechtes. Die Mitarbeiter*innen müssen es nachher umsetzen und leben, doch einbezogen werden müssen sie nicht. Es ist das Prinzip Befehl und Gehorsam, aber bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Klar, oder?
Ich habe diesen riesigen Widerstand in mir, der – so befürchte ich – eines Tages wie beim Film Alien aus meinem Körper rausbrechen will. Genau das ist mein Dilemma: Es widerspricht allem, wofür ich stehe. Da ich – entgegen meinem Kollegen – eine Liebhaberin von Sprichwörtern bin, denke ich: Leb´ doch einfach, wie andere: „Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing.“ Allein, ich kann´s nicht. Und so sitze ich in diesem Termin und reiße mich zusammen. Zwischendurch denke ich dann natürlich schon: Ist es das? Soll es so sein? Also, mein Leben, meine ich. Soll mein Leben aus „Zusammenreißen“ bestehen? Will ich das? Es gibt auch hier wieder so einen netten Spruch:

„Du musst Dir im Leben drei Fragen stellen: Will ich das? Will ich das? Will ich das?“

Und die Antwort ist tatsächlich immer dieselbe: NEIN. Nur macht mich die Wirtschaftslage auch kirre. Das ewig gleiche Dilemma. Abends schreibt mich ein Bekannter an, der echt schöne Nachrichten für mich hat, weil es seiner gesamten Familie richtig, richtig gut geht. Und das sah Ende letzten Jahres eben völlig anders aus. Er fragt im Gegenzug, wie es mir gehe. Ich antworte ehrlich: Ich weiß es nicht. Also manches läuft, klar. Aber ich bin weit entfernt von „mir geht´s richtig gut“. Die Angst vor der Selbständigkeit – soll ich oder lass´ ich es einfach bleiben? Die ständigen, doofen Zweifel. Die Antwort war so genial, weil einfach: „Das ist typisch für Frauen. Immer Selbstzweifel. Jeder Mann hätte sich schon selbständig gemacht. Allein schon für die Kohle und damit er Chef ist. Und wenn was schief gegangen wäre, wären es die anderen sowieso schuld gewesen. Also, das, was die meisten Luftpumpen machen, schaffst Du besser.“ Da muss ich dann kurzzeitig schon grinsen.
Und dann purzeln andere Nachrichten rein… Ein Kollege ist von einem Auto vom Fahrrad geschossen worden. Ist noch mal gut gegangen, aber etliche Prellungen hat der junge Kerl dann doch davongetragen. Ein anderer Kollege und Freund berichtet, dass sein Vater am Freitag vom Motorrad geflogen ist. Auch hier war das Auto schuld, was aber natürlich stärker war. Zum Glück keine inneren Verletzungen, aber schon nicht mehr so spaßig. Dann erfahre ich noch vom Brustkrebs einer Cousine. Sie steht mir nicht nahe, aber es zeigt einfach, wie schnell alles vorbei sein kann. Wieso quäle ich mich dann mit diesen Nichtigkeiten so herum? Jeder fühlt das Seine, ich weiß. Gerade finde ich es echt besonders eigenartig. Und das geht, was ich so höre, einigen so. Ich möchte schaukeln…auf einer Hollywoodschaukel am Strand. Ja. Genau das wär´s. Wer kann das organisieren?

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