Erstens kommt es anders… zweitens als man denkt. Da ist was dran. Ich bin überrascht, überfordert, euphorisch und überhaupt. Mein Assessment war gut. Ich sah mich einem Tribunal von fünf Leuten gegenüber, was mich dann aber erst recht beflügelt. Während meiner Präsentation wurde ich schon mit Fragen konfrontiert, was allerdings ebenfalls gut für mich war. Wenn Fragen gestellt werden, wird es ja erst interessant. Besonders eine Frage gefiel mir richtig gut: „Nix für ungut, aber Du bist Trainerin. Wie kommst Du darauf, Führungskräfte coachen zu können?!“ Er hatte meinen Lebenslauf wohl nicht bekommen. Ich hab ihn angestrahlt und ganz ruhig meine Qualifikationen aufgezählt mit dem Abschluss: „Das ist alles nett, aber vor allem bin ich mir sicher aufgrund langjähriger Berufserfahrung. Das war die letzten Jahre quasi mein täglich Brot neben den Trainings.“ Man, fühlt sich das selbstbewusst an. Das Gefühl mag ich ja mal. 

Ich werde fachlich und menschlich befragt. Dann soll ich noch einen Fragebogen beantworten, während ein Personaler noch fragt: „Brauchen wir das echt noch? Sie hat doch schon das meiste davon beantwortet.“ Aber der Chef will es hören. Von mir aus. Ich schau mir die Fragen an, für die ich 20 Minuten Zeit hätte. Er kommentiert: „Du brauchst maximal die Hälfte der Zeit. Ich will es trotzdem hören.“ Und so erkläre ich die Dinge einfach heruntergebrochen. Schon entspinnt sich ein Beratungsgespräch, bei dem sie wirklich nach echten Tipps fragen, was ich voll cool finde, bis der Chef es irgendwann beendet. Wir besprechen noch ein paar Details im kleineren Kreis. Ich will weiterhin nur 35 Stunden arbeiten und freitags frei haben. Kein Ding. Ich möchte weiterhin den Freifahrtschein haben, extern auf eigene Rechnung Schulungen zu geben oder zu therapieren. Kein Problem. Hääää? Ich bekäme einen 100 prozentigen Home Office Vertrag. Jede Fahrt zu einer Zweigstelle würde Reise- und somit Arbeitszeit sein. Sie hätten in den letzten Jahren gelernt, wie wichtig gute Mitarbeiter*innen seien und wie schwierig diese zu finden wären. Oooookayyyyy. Ich suche den Haken, aber bislang klingt es gut. Allerdings ist der Sales Bereich nicht gerade mein Träumchen. Und daher frage ich auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten ich innerhalb der Firma hätte? Schulungen in deutscher Sprache fänd ich zwar super, aber ich bliebe auf Dauer nicht gerne nur in meiner Komfortzone. Da ernte ich nur ein breites Strahlen, dass sie das sehr begrüßen und ich mich in jede Richtung entwickeln könnte. 

Als ich meine Gehaltsforderung nenne, begehe ich allerdings einen Fehler. Ich nenne mein derzeitiges Gehalt. Normalerweise legt man 10 bis 15 Prozent drauf, aber da ist dieses Putzfrauen-Hausmeister-Kind in mir, das mich davon abhält. Sie zucken nicht mal, was mich noch mehr darin bestärkt, nicht clever gehandelt zu haben. Egal. Geld ist nicht alles. Sie zeigen mir noch Workshopräume und berichten von Schreibtischen für jedermann. Man setzt sich, wohin man will – jeden Tag aufs Neue. Selbst der Chef macht mit. Dabei sind für alle Schreibtische vorhanden. 

Etwas überdreht und später als gedacht (und prognostiziert) fahre ich heim. Mein eventuell neuer Chef schwirrt mir durch den Kopf. Er suche keine gleichen Leute, sondern unterschiedliche Puzzleteile. Es darf auch gerne mal gestritten werden, denn Glattgebügeltes bräuchten sie nicht. Sie benötigen Veränderung. Puh, genau das gefällt mir. Ich darf ein paar Tage nachdenken, dann melden sie sich. 

Zurück häufen sich die kritischen Stimmen, ich habe viel zu wenig gefordert. Nicht mal die Lohnsteigerung der IG Metall von 8,5 Prozent hätte ich einkalkuliert. Am nächsten Tag stelle ich mich der Ernüchterung, dass ich für einen Trainerjob im Sales-Bereich eigentlich auch nicht wechseln möchte. Ich werde wohl mal mit meiner Chefin reden müssen, um da was zu ändern. Und da ereilt mich auch schon eine Mail von der anderen Firma, in der sie mir für das Gespräch danken und sehr zeitnah ein weiteres Gespräch mit mir wünschen. Oh je. Ich finde sie richtig gut… aber der Job? Und dazu dann perspektivisch weniger Kohle? 

Ich wähle mich also am nächsten Tag bei Teams mit Magengrummeln ein. Zwei Gesichter strahlen mich an, während ich rumdruckse. Naja, ich hätte zu wenig Kohle gefordert und sei kein Pokerspieler… aber Geld liegenlassen, würde ich auch nicht wollen. Ich könnte verstehen, wenn die neue Forderung jegliches weitere Gespräch nun überflüssig mache. Die Personalerin dankt mir für die Offenheit und schaut ihren Kollegen an: „Wir machen weiter, richtig?“ Er nickt: „Klar.“ Sie wieder: „Du kannst die Stelle haben. Aaaaber… wir haben an eine andere gedacht, die wir gerade schaffen wollten und die noch nicht ausgeschrieben ist.“ Er übernimmt: „Weil Du was mitbringst, was wir nicht haben, aber dringend brauchen. In den Methoden sind wir schon ganz gut unterwegs. Was wir dringender brauchen, ist jemand, der die Führungskräfte im Verhalten schult und coacht. Wir brauchen eine Persönlichkeit mit Charakter. Die haben wir gesehen. Was meinst Du?“ Ich meine: Äääääääääh?! Das will ich schon lange machen. Wie cool sind die denn drauf, das in zweieinhalb Stunden zu checken? Sie wissen, was ihnen fehlt und kombinieren so schnell? Was ich noch bräuchte? „Eine Stellenbeschreibung?“ Es gibt bislang nur einen Entwurf. Ich könnte das komplett mitgestalten. Hallooooooo?! 

Da ich nun drei Tage am Stück zu einer Fortbildung (die letzte – für dieses Jahr) bin,  melden sie sich nächste Woche bei mir. Ich flippe aus. Und das Schönste: So liebe Menschen freuen sich für mich. Ich bin etwas überwältigt. Und klar, ich warte erst den Vertrag ab, denn immerhin gilt immer noch: Das Schwarze ist die Schrift. Aber wenn das was wird, dann… brauche ich Konfetti, einen Mojito zum Anstoßen und freue mich riesig auf 2023.

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