Ich habe schon mal angefangen und den Anfang dann wieder verworfen. Es fällt mir schwer, alles in Worte zu packen, was mir durch den Kopf geht. Am Mittwoch kam der Entwurf zum Vertrag, nachdem ich noch mal mit der Personalerin gesprochen habe. Sie richten sich komplett nach mir, wann ich anfangen will. Wenn ich noch zwischen Beendigung des Jobs und Einstieg in den neuen Job einen längeren Urlaub einlegen möchte, gehen sie auch da mit. Das finde ich schon krass. Davon habe ich oft gehört – allerdings bei der deutlich jüngeren Generation. 🙂 Daher bitte ich lediglich darum, ab 1.4. starten zu können und diese Woche noch alles über die Bühne zu bringen, denn ich möchte persönlich zu meiner Chefin und mit ihr sprechen. Das kann die Personalerin vollkommen verstehen und erledigt alles zügig, damit es auch funktioniert. Ich erhalte also Donnerstag den unterschriebenen Vertrag per Scan, der nun per Post unterwegs ist.

Und so fahre ich gestern Morgen zu meiner Arbeitsstelle. Meine Chefin wird sich schon denken können, was los ist, weil ich ihr den Termin ja eingestellt habe. Genauso ist es auch. Wir reden zwei Sätze Geplänkel, bis ich ihr offenbare: „Das ist kein leichter Gang heute für mich.“ Sie lässt die Schultern sacken und entgegnet: „Ich bereite mich seit zwei Tagen auf die Akzeptanz vor.“ Und dann reden wir. Ich erkläre meine Beweggründe, die sie verstehen kann. Sie hätte sich natürlich gewünscht, dass ich noch bleibe, denn sie will ähnliches mit mir für ihren Bereich schaffen. Aber wann, steht in den Sternen. Ich wünsche ihr dabei alles Glück der Welt – und einen noch längeren Atem. Meine jetzige Firma ist noch nicht so weit. Sie sind verwöhnt und satt. Es gibt keine echte Not. Solange es die nicht gibt, wird Veränderung keine Chance haben. Das wissen wir beide, nur hofft sie noch, es doch schneller bewegen zu können. Ich sehe mich vor fünf Jahren. Ich sichere ihr zu, sie noch bis zuletzt voll zu unterstützen, was sie sich auch erhofft hat. Dann fragt sie mich tatsächlich: „Wenn Du ich wärst: Wen soll ich einstellen? Wie muss die Stelle aussehen und beschrieben sein?“ Und ja, ich lasse mich natürlich dazu hinreißen, ihr zu antworten. Was habe ich davon, wenn sie scheitert? Sie hat ohnehin ein mehr als schwieriges Team, eine dumme Vorgesetzte und einen narzisstischen obersten Boss. Wir ticken in unserer Haltung und Vision ähnlich, was in einem anderen Kontext gut hätte funktionieren können. Nur bräuchte es dazu mehr Menschen mit Veränderungsbereitschaft. Ich berichte ihr, dass ich auch zukünftig nur vier Tage arbeiten werde, was sie zu einem breiten Grinsen veranlasst. Hä? Und dann klärt sie mich auf: „Ich könnte Dich doch als Trainerin einkaufen in Deiner freien Zeit? Ich habe die Freigabe bekommen, extern gute Trainer mit der Durchführung zu beauftragen.“ Das bringt mich dann doch zum Lachen, da sie weiß, wie sehr ich unseren obersten Boss verabscheue – und wie sehr es ihn vermutlich auf die Palme brächte, wenn er davon Wind bekäme. Wer weiß, was noch passiert? Vorerst habe ich wohl genug damit zu tun, in meinem neuen Job ab April anzukommen.

Aus geplanten dreißig Minuten, werden über sechzig. Da ich meinen alten Chef vorhin gesehen habe, informiere ich meine Chefin noch darüber, ihm Bescheid zu geben. Die bisherigen Kommentare zu meiner Kündigung waren zumeist: „Bleede Kuh…oba für Di g´freit´s mi.“ Mein alter Chef ist gerade mit seinem Chef in einer Besprechung. Ich frage, ob ich kurz stören dürfe, was wohl kein Problem darstellt. Und so sage ich brav: „Du hast mich vor fünf Jahren eingestellt, daher wollte ich Dich wissen lassen, dass ich gerade gekündigt habe.“ Sein Chef öffnet verdutzt den Mund. Mein alter Chef nickt bedächtig und sagt: „Gut so. Des g´freit mi. Des reißt a Loch hinein, oba des homs verdient.“ Naja, ganz so sehe ich es nicht. Ich glaube sogar, was ich auch meiner Chefin gesagt habe, dass das eine Chance für das Team ist. Sie war skeptisch, mein alter Chef will das so gar nicht glauben. Und doch bin ich davon überzeugt, denn nun kann sich keiner mehr verstecken. Und niemand ist eingeschüchtert, weil „Claudia ja die Expertin für Trainings ist“. Erlernte Hilfslosigkeit. Sie verlassen sich darauf, dass ich es schon richten werde. Jetzt dürfen sie selber wachsen, was ich ohne Häme meine.
Mein Ex-Chef ergeht sich noch in lieben Worten, wie froh er gewesen sei, mich damals gewinnen zu können und wie exzellent und perfekt (finde ich nicht) ich immer alles erledigt hätte. Er wirkt wie ein stolzer Papa, was mich schon rührt. Und er selbst scheint auch ein wenig sentimental zu sein: „Du wirst hia feyn (fehlen), oba des host gonz richtig g´macht. Do konnst stolz sei!“ Ich scherze noch, um nicht flennen zu müssen: „Schätzelein, das ist kein Bewerbungsgespräch mehr. Du brauchst Dich nicht so ins Zeug zu legen!“ Er lächelt und nickt: „Guad g´macht!“

Und so verlasse ich das Gebäude, atme tief durch und fühle mich gut. Es ging dann doch alles recht schnell vom Assessment übers Angebot bis hin zur Kündigung. Das ist typisch für mich, denn ich fackel´ nicht lange. Es ist nicht, dass ich solche Entscheidungen leichtfertig fälle. Aber wenn eine Entscheidung her muss, dann muss sie her. Es nutzt ja nichts, damit lange schwanger zu gehen. Entsprechend passt es sehr gut, nachmittags zu einer Freundin zu fahren, mit Kaffee auf den Abschluss anzustoßen und anschließend im Schwarzlichtmodus Minigolf spielen zu gehen. Sie freut sich total für mich, auch wenn das heißt, wir werden uns in der Arbeit nicht mehr lange sehen: „Ach, die Freude überwiegt einfach, weil ich weiß, dass es Dir gut tut. Und das zählt!“ Das nenne ich Freundschaft. Wie die kleinen Kinder malen wir unsere Gesichter mit Neonfarbe an, was außer uns keiner tut. Und dann giggeln wir uns durch den Parcours mit verschmierten 3D-Brillen und kindlicher Freude. Uns ist es so wurscht, wer gewinnt (sie), weil es einfach nur um Spaß geht. Zur Krönung gehen wir mit den geschminekten Gesichtern noch beim Kroaten essen. Wir ernten zwar ein paar komische Blicke, doch die sind uns einerlei. Freiheit ist wirklich ein tolles Gefühl.

Heute geht´s dann zu viert zum Weihnachtsmarkt und anschließend zu einem Freund zum Essen. Ein bisschen befürchte ich, sentimental zu werden. Die drei freuen sich für mich, haben mitgefiebert und mich bestärkt. Und auch, wenn ich nicht aus der Welt bin und hier erstmal wohnen bleibe, sehen wir uns nicht mehr mal eben in der Mittagspause oder verabreden uns spontan nach der Arbeit. Es ist eine Form von Abschiednehmen, auch wenn es noch knapp vier Monate dauert, bis ich wirklich weg bin.
Ich bin gespannt, wie die Reise weitergeht. Da ist einerseits Freude und richtig Bock auf diese Aufgabe, weil ich so viel gestalten kann. Und andererseits ist da auch Sorge, nicht gut genug zu sein, Menschen zurückzulassen, die mir ans Herz gewachsen sind und in eine ungewisse Zukunft zu schauen. Die Aufregung überwiegt gerade…und die Gewissheit, dass der Schritt sein muss. Ein guter Freund sagte Dienstag: „Das freut mich – auch wenn es längst überfällig war.“ War es das? Ich hoffe, er behält recht. Und jetzt heißt es erstmal: Hoch die Glühweintassen!

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