heikel bis heiter

Ein Hoch aufs Amt! Stellt Euch vor, wie ich eine Flasche Champagner köpfe. Ich mag das Gesöff so gar nicht. Und noch weniger mag ich Amtsmissbrauch. Und ja, ich weiß, dass es auch viele gute Beamte gibt. Nur bei einigen merkt man deutlich, dass sie sich als etwas Besseres ansehen und Kniefälle erwarten. Wie ich das hasse! Ihr erinnert Euch, dass ich am 16.12.2020 (als ich die Absage für die Märzprüfung erhalten habe) bereits eine Mail verfasst hatte, mich doch bitte für die Prüfung im Oktober vorzusehen? In dieser Mail hatte ich ja auch darum gebeten, mir den Eingang der Mail kurz zu bestätigen. Es kam nichts. Letzte Woche hatte ich dann mittwochs angerufen und die Info erhalten, die Dame sei im Home Office. Ich könne sie ausschließlich per Mail erreichen. So weit noch in Ordnung. Ich habe höflich (denn ja, ich will ja auch was) nachgefragt, ob meine Mail eingegangen und ich für die Oktoberprüfung vorgemerkt sei? Die Antwort machte mich kurz stutzig, da die Dame mir kurz mitteilte, sie befinde sich im Home Office und könne mir erst am Folgetag dazu etwas sagen. Sollte man im Home Office nicht auch aussagefähig sein? Hm, gut, ich gebe zu, mein Anspruch ist der eines Normalsterblichen. Da kann ich also bei Göttlichkeiten nicht mithalten. Wie es scheint, haben die Dame und ich aber auch unterschiedliche Vorstellungen des Begriffs „morgen“. Denn „morgen“ wäre bei mir (und Adam Riese, ich habe nachgefragt) letzten Donnerstag gewesen. Gut, es kann ja immer was dazwischenkommen. Und es gilt immer noch: Ich will ja was vom Amt. Obwohl – das sollten wir mal festhalten – ich eine fette Summe auf den Tisch packen muss, um geprüft zu werden. Aber packen wir das mal beiseite. Vorgestern Abend habe ich dann noch einmal gemailt und mich entschuldigt, erneut zu mailen (ich glaube langsam, darin steckt mein Fehler…also in der Entschuldigung), aber ob ich denn nun angemeldet sei oder nicht? Ratet mal! Richtig, nix. Heute habe ich dann einfach noch mal angerufen. Die Dame, die sich nur mit Nachnamen meldet (nicht mit der Amtsbezeichnung oder ähnlichem), ist wahnsinnig gut drauf. Ich sage „Guten Tag“ und noch meinen Namen. Den versteht sie nicht. Ok, ich nuschel´ auch, wenn ich meinen Vor- und Nachnamen sage. Also wiederhole ich freundlich noch mal und sage ihr: „Ich habe Ihnen auch gemailt.“ Die Dame ist so gut drauf, dass sie mich anpampt, ich sei nicht die Einzige! Und die Bestätigungsschreiben würde sie heute versenden. Ich erkläre ihr ganz kurz, dass ich nur dies wissen wollte und im Schreiben nur von „umgehend“ die Rede war, jedoch keine Frist genannt wurde. Von einer Mitschülerin habe ich diese Frist dann berichtet bekommen, weshalb es nun einfach knapp geworden wäre. „Die Schreiben gänga heut´ no naus.“ Ach, weißte watt? Leck´ mich doch da, wo die Sonne niemals hinscheint! Ich bedanke mich recht höflich, sie sagt nur: „Wiederhöan“ und legt auf. Ich freue mich, solche Menschen mit meinen Steuergeldern zu finanzieren. Aber noch mal: Ich bin ja in Abhängigkeit. Und auch, wenn ich Nachtreten so ätzend finde, werde ich vermutlich dem Bürgermeister mal eine Mail schreiben, wenn der ganze Spuk vorbei ist und fragen, wie er den Begriff „Service“ definiert. Mal schauen, ob seine und meine Definition wenigstens ansatzweise deckungsgleich sein werden.

Dafür lerne ich heute technisch wieder eine Menge. Ich versuche ja immer, die positiven Seiten zu sehen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich nur zu gerne gedrückt, wenn es um Online-Schulungen geht. Die Konzeption ist eine völlig andere als bei physischen Schulungen. Es hilft aber alles nix, da ich nun die Azubis mit einer Online-Variante beglücken muss. Azubis, richtig. Wir reden da bei uns von 15- und 16-jährigen Flummis, die wie ein Sack Flöhe zu hüten sind. Sie sind mir technisch um Längen voraus, weshalb ich nicht mal eben larifari machen kann. Doch es gibt auch noch nette Kollegen, die einem behilflich sind. Und so lerne ich Funktionen, die ich mir nicht einmal hätte träumen lassen. Mit manchen Menschen zu hirnen und zu brainstormen, ist wie ein Segen: Wahnsinnig bereichernd. Ich hatte es schon wieder vergessen, denn in meinem Team ist Brainstorming immer: „Des homma imma so g´mocht. Was wuilstn do jetz ändern?“ Umso schöner, dass es dann doch auch anders geht.

Als ich später meinen Müll rausbringe, begegnet mir ein…mmmmh…wie soll ich diesen Menschen nennen? Ich fange mal anders an: Ich bin bei der Plattform nebenan.de registriert. Habe ich zu Beginn von Corona gemacht, damit ich helfen könnte, wenn da Bedarf bestünde. Tatsächlich posten da aber viele einfach, was sie verkaufen wollen. Ein paar Anfragen kommen schon auch wegen Kinderbetreuung oder Hofflohmärkten. Und da entdecke ich leider auch einen Herren aus meiner direkten Nachbarschaft. Seine Posts sind…nun ja…heikel bis heiter. Er ist ein klarer Sexist, der jemanden sucht, der bei ihm aufräumt, putzt und für ihn einkauft – am besten ohne Bezahlung, noch besser, wenn sie bei ihm einzöge, denn er suche schon auch eine Frau. Aber die „Weiber“ seien ja gar nicht so einfach. Bis 40 Jahre seien sie Dienerinnen, aber dann würden sie plötzlich zu Königinnen mutieren, die angebetet werden wollten. O-Ton, ja. Und – ich schwöre – nichts hinzugedichtet. So was könnte nicht einmal ich mir ausdenken. Ihr könnt Euch eventuell vorstellen, wie gut diese Posts ankommen? Manch eine Frau hat ihm geantwortet, er solle seine Wortwahl und Haltung einmal überdenken. Da fühlt sich der Gute aber angepisst! Schließlich sei er behindert und benötige Hilfe und keine guten Ratschläge. Vorher hatte er nämlich auch gejammert, dass niemand sich kümmern würde und er doch behindert sei. Da gab es gute Anregungen, wie er einen Pflegegrad erwerben könne, welche Hilfsleistungen es gebe usw. Aber der gute Mann will ja im Grunde „nur“ eine Putze, die ihm zwischendurch den Hobel pustet. Klingt eklig, ist es auch. Als ich dann am Müllhäuschen ankomme, kommt er auch angewackelt. Mich schüttelt es schon. Vorletztes Jahr (vor diesen Posts) hat er mich mal ganz plump angemacht, woraufhin ich nur meinte, mir käme kein Mann ins Haus. Stimmt zwar nicht, aber ich wollte auch nicht sagen: „So was, wie Sie, käm mir nie im Leben in die Hütte.“ Heute kramt er allerdings in der Elektroschrott-Mülltonne. Gut, er hat auch mal einen Post gebracht, wo er dringend um Unterstützung bei einer Entrümpelung gebeten hat. Da liegt es auf der Hand, sich noch mehr Plunder in die Wohnung zu schleppen. Er kommentiert nur kurz: „I schau´ nua kuaz, ob do wos Brauchboas drin is.“ Ich murmel´ nur knapp: „Ok.“ Ich brauche keine Gespräche zum Elend dieser Welt im Allgemeinen und in seinem Fall ganz speziell. Dieser Kelch zieht an mir dann auch Gottseidank vorüber. Glück gehabt! Ach, der Tag ist also doch noch schön. Yippiiiiiiiiiiiieh! Vielleicht sollte ich ihm mal die Kontaktdaten der Dame vom Amt geben und beteuern, sie sei ein heißer Feger im Dienerinnengewand? Das könnte durchaus lustig werden. Der Nachteil: Es wäre keine Kamera zugegen. Ich müsste mich einzig und allein auf meine Phantasie verlassen. Mmmmh, ich lass´ es mir noch mal durch den Kopf gehen.

Kaffee für alle

So langsam wächst mein Arbeitsvolumen wieder richtig hübsch an. Da kommt in den nächsten Wochen einiges auf mich zu. Und da ich auch neue Konzepte stricken muss/darf, passt es sogar mit der Arbeit von Zuhause. Nur ist das Konzeptionieren so gar nicht meine Spaßarbeit. Trotzdem muss ich es machen, weil es manche Kollegen so gar nicht können. Der gute Heinz (ich muss mal eine Lanze für den Vogel brechen, weil er sich echt bemüht) tut sich damit furchtbar schwer. Man kann ihm so ziemlich jede Präse geben, die er dann mit ganz viel heißer Luft aufbläst, was sogar auf den ersten Blick kompetent wirkt. Aber einen Aufbau, zielführende Auflockerungen und adressatengerechte Aufbereitung liegen ihm einfach nicht. Und auch, wenn ich sehr, sehr gerne mit anderen Menschen zusammenarbeite – konzeptionell arbeite ich am liebsten allein. Ist ähnlich, wie mit dem Schreiben. Wenn wir früher Sketche oder Gedichte für Familienfeiern benötigt haben oder es ums Verfassen von Theaterstücken ging, konnte ich nie etwas damit anfangen, wenn es hieß: „Lass´ uns das doch gemeinsam machen.“ Dann wird nämlich endlos diskutiert, aber es kommt nix aufs Papier. Daher bereite ich immer gerne was vor, das man dann nachher auseinandernehmen, ergänzen oder aufhübschen kann. Manche Sachen gehen – zumindest in meiner Vorstellung – am besten allein. Jaja, ich werde immer schrulliger mit dem Alter.

Ich habe doch letztes Jahr noch mit verdammt heißer Nadel inklusive Wochenendarbeit an einem Teamentwicklungs-Workshop gestrickt. Den haben sie dann ja einen Tag vorher abgesagt, weil die Ansteckungsgefahr zu groß gewesen wäre. Der Ausweichtermin war für den 02.02. vorgesehen. Ratet mal…richtig. Wir dürfen doch ohnehin nicht mehr ins Büro, wenn nicht gerade die Hütte brennt und wir die einzige Person mit einem Feuerlöscher weit und breit sind. Also habe ich die Führungskraft kurzerhand angeskypt. Was soll ich sagen? Es gibt Sorgen, die verblassen vor dem Hintergrund richtiger Probleme. Der Vater meines Kollegen hat letztes Jahr im Sommer eine Krebs-Diagnose erhalten. Puh, da wurde schnell mit Chemo geschossen, was sich dann auch richtig gut zu entwickeln schien. Alles lief super, alle haben sich gefreut, wenn die Nachricht kam: „Ohne Befund“. Kurz nach Weihnachten kam dann allerdings die totale Kehrtwende. Es ging ihm dramatisch schlechter. Das verlief so rapide, dass er mittlerweile ein kompletter Pflegefall ist und in ein anderes Krankenhaus verlegt werden musste. Wenn dies nicht schon schlimm genug ist…aber nein. Aufgrund von Corona-Vorgaben dürfen sie seit dem Krankenhauswechsel nicht mehr zu ihrem Vater/ Mann/ Opa/ Schwiegervater/ Bruder usw. Der Patient selbst, verfügt zwar über ein Mobiltelefon, kann Anrufe aber ausschließlich mit Hilfe entgegennehmen. Und für so etwas ist gerade tragischerweise so gar keine Zeit da. Die Betten sind voll belegt, die Erschöpfung von Pflegern und Ärzten seit Monaten auf einem Höhepunkt angelangt – ohne Aussicht auf baldige Entspannung. Die Angehörigen haben schon fast Skrupel, einmal pro Tag im Krankenhaus anzurufen, weil die Schwestern genervt und am Ende ihrer Kräfte sind. Allen ist klar, dass der Kranke nicht mehr gesund werden wird. Alle wissen, dass das Ende für ihn naht. Nur kann keiner an seinem Bett sitzen, ihn trösten, sich selbst verabschieden und diesen Trauerprozess durchleben. Irgendwie hoffen sie noch, ihn nach Hause holen zu können, damit er im Kreise seiner Lieben versterben darf. Ob dies realistisch ist? Keiner kann was sagen. Einen Arzt bekommen sie nie ans Telefon.
Ist das nicht bitter? Ich verstehe alle Beteiligten – die Organisation drumherum, die vorgibt, dass nicht noch „kontaminierte“ Menschen das Krankenhaus heimsuchen. Ich verstehe den Kranken, der schmerzlich seine Lieben vermisst, eine Hand, die ihm Trost spendet, liebe Worte, die ihm vergeben und Entlastung ausdrücken. Und die Angehörigen, die so gerne mehr tun wollen, die so hilflos sind und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Ich sage immer, ich komme gut durch diese Zeit, was auch bislang stimmt. Aber in so einer Situation würde auch ich garantiert verzweifeln. Es sind schlimme Zeiten, die sich hoffentlich bald bessern werden. Dann wird es immer noch Krebs-Diagnosen geben und Menschen sterben, aber sie dürfen in Würde gehen, nicht in Einsamkeit.

In einer späteren Konferenz zeigt sich das Gefühl der Einsamkeit nicht so dramatisch, aber eben doch auch eindrücklich. Ein Kollege macht einen Witz auf Kosten eines anderen Kollegen. Es wird gelacht, wobei eine Kollegin anmerkt: „Tja, ich würde sagen, das kostet Dich einen Kaffee, mein Lieber.“ Besagter Kollege, der für flotte Sprüche bekannt ist, sagt eher nachdenklich: „Weißt Du, was? Ich gebe Euch allen liebend gerne einen Kaffee aus. Das wär´s mir wert, denn es würde bedeuten, wir würden uns endlich alle wiedersehen.“ Es folgt ein kurzes, betretenes Schweigen und dann zustimmendes Gemurmel. An allen Ecken und Enden lechzen die Menschen danach, sich wieder zu sehen und ihre Unbeschwertheit zurückzuerlangen. Ich kann´s verstehen und hoffe, ich komme weiterhin gesund an Körper und Geist durch diese Zeit. Und dann freue ich mich auch auf einen Kaffee mit den Leuten, auf unbelastetes Lachen und viele Umarmungen.

Schiach oder net – ich nehm´ zukünftig ´ne Amazone mit

Auch heute möchte ich mich nicht aufregen. Vielleicht hat der Oktopus doch ein Nachdenken bewirkt? Nein, nicht wirklich. Mir ist wohl einfach nur nicht danach, meinen Puls in die Höhe zu treiben – weder durch Sport, noch durch Aufregung. Beides gelingt mir, also kein Sport und keine Aufregung.

Mein erster Termin per Skype am Morgen bewirkt dann tatsächlich auch eher das Gegenteil. Ich lache – und zwar laut und viel. Ein Kunde (innerhalb der Firma, was sonst?) grantelt so herrlich auf Boarisch herum. Und wenn das einer so richtig macht, löst das bei mir immer Lachanfälle aus, weil ich dann durchweg die Bullyparade im Kopf habe. Irgendwie hat er alles zwischen – Anne Will, Lauterbach (da stehe ich voll hinter ihm), aber auch die Virologen. Er fragt sich, ob dies ein neuer Berufszweig sei? Es kommen alle möglichen Großkopferten mit in den Topf, genauso wie seine Vorgesetzten und überhaupt. Er macht einen Rundumschlag, während ich immer wieder lachen muss. Und dieses Lachen veranlasst ihn wiederum, etwas runterzukochen und bisweilen mitzulachen. Was ihm dabei so auf den Senkel geht, sind die sich überschlagenden Negativ-Schlagzeilen. Nirgends traut sich einer mehr, irgendwas Positives zu nennen. Die Fragen einer nne Will beispielsweise seien schon so formuliert, dass nur eine negative Antwort möglich sei. Stimmt…zumindest für mich. Deshalb schaue ich diese Art Format gar nicht mehr. Irgendwann hat er´s dann auch davon, dass sie all die hochdotierten Trainer aus dem Ausland nach Bayern geholt hätten, die „koa oide Sau net“ verstanden haben, es nun aber der Hansi gut bzw. besser hinbekäme. Aber jo, der sei ja auch ein Bayer (also kann man ihn auch verstehen). Daran hat er Spaß, das strahlt er aus. Dass er auch kein Hochdeutsch spreche, reibe ich ihm kurz unter die Nase, was ihm ein breites Grinsen entlockt (er hat die Kamerafunktion eingeschaltet). Darauf ist er auch noch stolz. Ich bedanke mich dann auch fein artig, dass er mich trotzdem akzeptiere, auch wenn ich nur „a bleeder Sau-Preiss“ bin. Aber da beruhigt er mich: Ich sei komplett respektiert – auch als Ausländer. Ich finde ihn putzig. Ja, das klingt ausländerfeindlich, was leider auch einige hier sind. Das ist er aber nicht. Er besitzt den Charme eines grantigen Bayern, der aber das Herz auf dem rechten Fleck hat.
Am Ende bedankt er sich sogar für das Gespräch mit mir, das ihm gut getan hätte – dabei hatte ich einen Redeanteil von etwa 15 Prozent, was zugegebenermaßen für mich ja eher untypisch ist. Ach, für solche Perlen bin ich dankbar, denn so lauthals lachen zu können, tut schon auch verdammt gut. Ihm hat´s auch nicht geschadet. Also passt´s ja. Und schon ist die Welt wieder ein bisschen heller.

Was in letzter Zeit immer häufiger passiert, dass ich zwar berufliche Rücksprachen habe, die Leute aber so voll sind, dass sie sich erstmal Luft verschaffen müssen. So ja mit dem ersten Skype-Telefonat, aber auch mit dem am Nachmittag. Da berichtet mir eine Kollegin von ihren Baustellen. Und da wundert´s mich dann wieder, wie das immer täuschen kann. Ich hätte sie immer als tough und selbstbewusst eingeschätzt. Aber Matsch am Paddel. Sie heiratet im Sommer und ist überkritisch mit sich selbst. Ich lerne heute auch ein neues, bayrisches Wort von ihr: „Schiach“. Denn so möchte sie auf keinen Fall aussehen. Es bedeutet hässlich. Hammer. Also, hätte mir ein Kerl irgendwo in einer Boazn (bayrisch: Kneipe) gesagt: „Du schaugst oba schiach aus“, hätte ich in meiner Verblendung vermutlich höflich: „Danke“ entgegnet. Knaller wär´s dann gewesen, wenn ich noch ein „Du aber auch“ hinterhergeschoben hätte. Wieder was dazu gelernt. Sollte also jetzt einer „schiach“ zu mir sagen, muss ich nur fest zuhauen.
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Meine Kollegin brächte ich mit vielen Attributen in Verbindung, aber nie und nimmer mit diesem.Sie hat etwas elfenhaft Zartes, ist hübsch und grazil. Und so findet ein spezielles Phänomen, was vor allem bei uns Frauen so häufig vorkommt, mal wieder seinen Auftritt. Erst abends bei meiner Lernrunde höre ich es dann aber mal bildlich aufgedröselt und einleuchtend erklärt (in einem anderen Zusammenhang). Wir gehen immer wieder mit uns ins Gericht. Davon kann ich nicht nur Liedchen trällern, sondern ganze Enzyklopädien füllen. Die Frage ist nur spannend, wen wir da mit hineinnehmen? Wir schleppen den Richter mit in unser inneres Gericht und den Ankläger. Habt Ihr so was schon mal bei einem echten Gericht gesehen? Dass es keinen Verteidiger gibt? Wie heißt es so schön: „Wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird Ihnen einer gestellt.“ Wie können wir denn immer so hart mit uns ins Gericht gehen, ohne einen Verteidiger mitzuschleppen? Warum tun sich das so viele von uns an? Ich finde dieses Bild perfekt. Wenn ich überlege, wie gut ich im Niedermachen meiner eigenen Person bin, dann möchte ich mir zukünftig vorstellen, wie so eine Amazone neben mir herschreitet und mit mir mein inneres Gericht betritt. Was wir jedem anderen zugestehen, dürfen wir doch wohl auch bei uns. Schade, dass ich diese Metapher heute nachmittag bei meinem Skype-Gespräch noch nicht kannte. Ich habe trotzdem aufbauende Worte gefunden. Es hat mir noch einmal gezeigt, dass wir alle unsere Ängste und Sorgen haben – ob begründet oder nicht. Ich wünsche mir mehr Amazonen. Elfen, meinetwegen auch Trolle oder einfach gute Geister, die wir innerlich mit in unsere eigene Abrechnung schleppen. Dann wird das Urteil milder, und wir haben auch häufiger was zu lachen, was nachweislich Glückshormone ausschüttet.

Zum Glück bin ich kein Oktopus

Leider kam in meinem Traum kein Pinguin vor. Vermutlich hatten sie Sorge, weil sie von der nekrophilen Idee gehört haben und sind ganz rasch abgehauen. Irgendwie schade, denn ich hätte mal gerne ihrer Sicht der Lage gelauscht. Wer hat wen verführt? War nicht alles ganz anders? Ist der Reiz ganz plötzlich vorüber gewesen oder kam das schleichend? So viele Fragen – und weit und breit kein Pinguin.

Heute ist mir so gar nicht nach Aufregen und Ärgern zumute. Böse Zungen behaupten, das könnte an dem Spruch liegen, der mir gestern noch geschickt worden ist: „Jeder sagt immer, ich würde überreagieren, wenn ich sauer bin. Oktupusse essen sich selbst, wenn sie sich sehr aufregen. Das ist Überreagieren.“ Und da ist ja auch was dran. Also nicht, dass mich das jetzt zum Nachdenken gebracht hätte, mich weniger aufzuregen. Das brauche ich ja. Nicht so arg, wie Detlef Steves, aber eben doch regelmäßig. Und ich lache viel dazu. Manchmal ist es eher Fassungslosigkeit – gepaart mit einem schier unerschöpflichen Maß an Humor, wofür ich echt verdammt dankbar bin. Samstag habe ich in der vernünftigen Schulung auch gelernt, dass es von einer reifen Persönlichkeit zeugt, wenn man auf schlechte Situationen mit Humor reagiert. Mein Gott, da müsste ich ja der beste Wein oder Käse der Welt sein…quasi schon überreif. Ich glaube jetzt nicht zwangsläufig, dass damit auch rabenschwarzer Humor gemeint war, den ich ja bisweilen sehr liebe, aber habe mir einfach gedacht, eins ist so gut wie das andere…sollte schon passen. Wenn nicht: OKTOPUS! Da habe ich aber einiges zu essen.

Nur heute habe ich einfach keinen Grund. Aufgrund von Besuchern, ist unser Online-Meeting stark abgekürzt. Da bin ich ja fast schon traurig! Nein, natürlich nicht. Ich skype so durch den Tag und finde dabei nicht immer den rechten Sinn, aber unterm Strich könnte es schlimmer sein. Ich habe einen Job, sitze warm und trocken…mei, des könnt´ scho au anders ausschau´n, gä? Aber das ist so ein Punkt, über den ich heute dann doch gestolpert bin. Bei LinkedIn hat sich einer erdreistet, so was in der Art zu schreiben, also quasi, dass man ja auch mal schauen und sich glücklich schätzen dürfe, einen Job zu haben. Hoppala, da sind aber einige losgezogen und haben da bitterböse Kommentare abgesondert, die echt nicht mehr feierlich waren. Dass keiner gebrüllt hat: „Ans Kreuz mit ihm!“, war auch alles. Woher kommt diese unbändige Wut? Wieso haben manche das Bedürfnis, Dreck über diesem (mir unbekannten) Herrn auszukippen? Es mag nicht mit meiner Meinung übereinstimmen (in dem Fall tut es das allerdings schon), aber muss ich deshalb direkt die Giftspritze rausholen? Da hat mich der alte Kackophant gestern mit ignoranteren Aussagen genervt, ohne dass ich ihn angeschrien habe. Naja, manche scheinen es zu brauchen, andere Leute mit ihrem Hass zu überziehen. Traurig…ich hoffe, das wird nicht noch schlimmer. Doch es scheinen immer mehr am Rad zu drehen. Bei den Jugendlichen und Kindern verstehe ich die Unzufriedenheit. Es ist eigentlich ihre coolste Zeit, und sie hocken Zuhause mit Menschen, von denen sie sich abnabeln wollen. Für uns Erwachsene finde ich es gar nicht so schlimm. Schön ist es auch nicht, aber auch kein Drama, das mich zum Riesenarsch mutieren lassen muss, oder?

Und so genieße ich die schönen Seiten des Lebens. Ich bekomme nämlich Besuch. Nach längerer Zeit kommt eine Freundin zu mir. Ja, das ist Corona konform. Wir sind nur zu zweit. Und dann tun wir, was wir Frauen eben so gut können: Ausgiebig ratschen und dabei Nachtisch verputzen. Ja, Hauptspeise gibt´s auch, aber wir sind eben beide Nachkatzen. Solange es Menschen wie sie gibt, ist meine Welt in Ordnung. Zum Glück habe ich davon ein paar in meinem Freundeskreis. Gute Menschen, die auch kritisch sind, die auch hinterfragen…die aber nicht dominieren, provozieren oder stänkern müssen. Da bin ich doch wieder auf der Sonnenseite des Lebens – auch wenn die Sperrstunde unser Stelldichein im Vergleich zu sonst deutlich kürzt. Dann sehen wir uns eben bald wieder. So einfach.

Pinguine und Kackophanten

Es war einmal ein kleiner Kackophant…oh man. Dieser Dozent bringt mich irgendwann ins Grab. Er ist eine Mischung aus Dino, kleinerer Echse (weil er permanent seine Lippen leckt) und Gargamel. Immerhin muss ich ihm zugutehalten, dass er sich trotz seines biblischen Alters mit der Technik auseinandersetzt und es besser bewerkstelligt, als seine jüngeren Kolleginnen dies tun.
Heute lautet das Thema „Sexualitäten“. Richtig, mehr als eine. Ich schmeiße mich weg, als ich von den zwei schwulen Pinguinen im Zoo von San Francisco erfahre, die „stabil zusammengelebt“ haben. Was mir nicht klar war: Pinguine leben im Matriarchat. Da läuft es also wenigstens noch richtig. Besonders süß finde ich seine Formulierung: „Das sind also die beiden Modelle, die wir heute diskutieren“, während er munter weiter monologisiert. Er kann gar nicht anders, als Monologe zu halten. Immerhin lacht er auch immer mal wieder über seine eigenen Anmerkungen, was er sich aller Wahrscheinlichkeit nach infolge des Ausbleibens irgendeiner Regung seiner Schülerschaft antrainiert hat. Oder es handelt sich um eine Übersprungshandlung – ich weiß es nicht. Was mich in erster Linie so triggert, ist dieses Absolute. Die Pinguine, die er als Beispiel ins Feld führt, sind dafür eine gute Darstellung. Er spricht von der Kirche als Gesamtheit, die darauf angesprungen sein muss, als sich der eine schwule Pinguin dem Alpha-Weibchen unterwirft und fortan nun nur noch mit ihr schnackselt – ganz im Sinne der gottgegebenen Fortpflanzungsideologie. Und angeblich habe sich die komplette Schwulen und Lesben Community vorher über die schwulen Pinguine gefreut, die ihnen in die Karten gespielt hätten. Mittlerweile würde sie allerdings nun den weiblichen Pinguin als verführerisches Miststück abstempeln. Es mag Menschen auf beiden Seiten gegeben haben, die sich über die eine oder andere Neigung gefreut haben dürften. Doch er stellt es anders dar. Es sind immer ALLE oder NIEMAND. Man, man, man…

Ein weiterer Kracher: Er führt Lady Gaga ins Feld. Ich breche hier ab. Ich stelle mir vor, wie der Kackophant auf Klo sitzt und dort billigste Klatschblätter konsumiert. Sorry für dieses Bild, aber ich möchte nicht alleine mit diesen Bildern im Kopf zurückbleiben.
In der Kaffeepause rufe ich meine Sis an und tröte in den Hörer: „Ich will nix mehr über schwule Punguine hören!“ Ich ernte ein lautes Lachen und die Anmerkung: „So eine Begrüßung habe ich auch noch nie am Telefon erlebt.“ Ihr seht also: Es beginnen, sich erste Verhaltensauffälligkeiten zu manifestieren. Altobelli, ich habe mal wieder Hassfaszination.

Aber dann spricht er ein Thema an, das ich nicht ganz so einfach weglachen kann. Es sei zwar gut, darüber zu diskutieren, ob intersexuelle Babys bereits operiert werden sollen, aber man müsste dies schon tun, da das Kind sonst in der Schule gemobbt werden könnte. Wie bitte? Ja, das Thema Mobbing ist ein großes Feld. Aber hier sieht man das Alter des Herren: Viel besser soll es also sein, einem Menschen, der sowohl Anlagen für männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist, in eine Richtung zu zwingen, die ihm/ihr im Verlauf des Lebens große Probleme bereiten können??? Er darf seine Meinung privat haben. Aber hier geht es um eine Ausbildung auf wissenschaftlicher Basis. Und die Wissenschaft ist deutlich weiter…nur der Kackophant eben nicht.

Nach der Mittagspause sind nur noch acht Teilnehmer zugeschaltet. Fünf sind uns abhanden gekommen. Ob die wohl die Pinguine suchen gegangen sind, um diese zu therapieren? Ich stelle mir so einen Pinguin auf der Couch (wir reden schließlich von Tiefenpsychologie) echt putzig vor. Ob der wohl arg nach Fisch müffelt? Es gibt so viele ungeklärte Fragen auf diesem Planeten, die geradezu nach Antworten schreien.
Am Nachmittag spricht der alte Mann von Selbstbefriedigung. Na dann. Früher hieß es wohl, dass man deswegen in die Hölle käme. Ich stelle mir die fetteste Party überhaupt in der Hölle vor. Da will doch gar keiner mehr in den Himmel. Ich kenne es noch so, dass man davon blind werden soll. Gottseidank bin ich nur leicht kurzsichtig. Da sollte ich doch wohl noch so halbwegs auf der sicheren Seite sein und nicht in der Öffentlichkeit gesteinigt werden. Oh mein Gott, es tut mir leid, aber ich kann dem Ganzen hier so wenig abgewinnen, dass ich es der Lächerlichkeit preisgeben muss, um nicht in die Tischkante beißen zu müssen. Und ja, ich könnte ja einfach – wie die fünf anderen – abschalten. Aber dann verpasse ich noch das Beste. Der Typ ist wie ein Unfall: Ich kann nicht wegsehen bzw. -hören.

Es schneit übrigens wieder. Da würden sich die Pinguine bestimmt sehr freuen – schwul, bi oder hetero, ganz gleich. Und dazu erklärt uns der Kackophant die Löffelchen-Stellung. Jetzt habt Ihr mich: Liefert mich ein. Bitte!!! Und jetzt redet er von „Schmusen oder Petting“. Alter, und hierfür bezahle ich ernsthaft Geld. Nicht falsch verstehen: Im therapeutischen Setting kann auch durchaus die Sexualität thematisiert werden. Ich stelle mir nur vor, ich sitze beim Kackophanten und erzähle ihm von meiner (nicht wirklich!!!) sado-masochistischen Neigung, wobei er mir erklären würde, dass diese pervers sei, nur um dann auf das Thema Pinguine umzuschwenken.
Draußen beobachte ich derweil einen Specht, der in einen Baum reinhämmert. Oh, wie gut kann ich ihn gerade verstehen. Nur mir täte der Kopf danach zu weh.

Wir kommen nun zu wirklichen Abgründen und Perversionen. Mittlerweile schreibe ich mit einer Mitschülerin, damit wir wach bleiben. Als wir zum Thema Nekrophilie komme, lasse ich meiner Phantasie freien Lauf, weil ich darauf baue, dass er wieder Pinguinie ins Feld führen wird. Demnach wäre dies eine Möglichkeit: Die Schwulen-Community habe die Pinguin-Dame, die das Alpha-Weibchen der Gruppe war und den schwulen Pinguin unterworfen haben soll, gesteinigt und anschließend missbraucht. Meine Mitschülerin lobt meine Phantasie. Der Kackophant hingegen enttäuscht mich, weil er kein Beispiel dafür anführen könne, da diese Störung wohl so selten sei. Er kenne nicht einmal einen einzigen Fall von Nekrophilie. Dank meiner JVA-Erfahrung kenne sogar ich mehr als einen einzigen Fall. Ach ja…da habe ich dem alten Dino doch mal etwas voraus. Er zeigt sich auch fasziniert von der Geschichte. Wirklich analysieren kann er diese allerdings nicht. Ich muss mal schauen, ob das nicht auch ein Buch wert wäre? „Die ungeahnten, perversen Abgründe der Pinguine“ – das würde doch wohl ein Bestseller werden. Ich verschone Euch und berichte nichts mehr vom letzten Viertel. Es reicht, wenn ich heute alle Mühe haben werde, meinen Kopf wieder zu resetten. Ich bin mal gespannt, ob diese Nacht Pinguine durch meinen Traum schnackseln werden? Wenn ich mich morgen dran erinnern kann, werde ich es Euch wissen lassen. Ich weiß doch, wie sehr Ihr darauf brennt! 🤣

Milchreis zum Laschi-Gau

Es ist Samstag. Draußen schneit es sanft vor sich hin. Nirgends sehe ich ein Licht in den Wohnungen um mich herum. Da wird auch keiner Schule haben, wie es bei mir der Fall ist. Ach ja, selbstgewähltes Schicksal. Ich frühstücke und statte mich mit Kaffee und Tee aus, nur um zu warten…und zu warten… Wie lange machen wir das bereits mit den Online-Veranstaltungen? Aber das Institut schafft es dennoch nicht so richtig. Ich warte nun seit einer halben Stunde auf den Start des Seminars. Und Geduld ist ja meine Freundin. Sie und ich sind ja soooo dicke miteinander. Wie sagt der Maulwurfn so schön: „Ja nix lake, lake, hahaha!“
Da mein Thema heute Entwicklungspathologie heißt, gehört das vielleicht zum Programm? So kann sich bei mir etwas Pathologisches entwickeln. Ob es förderlich ist, meinen Kaffee ganz schnell zu trinken? Weil ich ja sonst nichts zu tun habe, ist der Thermobecher nämlich gleich schon leer. So war das früher mit meinem kleinen Neffen, wenn wir ins Kino gegangen sind. Ich habe beiden eingetrichtert, nicht die komplette Limo auf einmal zu trinken. Ja, ich habe zu den Tanten gehört, die die Kinder mit Zucker verwöhnt hat. Wozu ist eine Tante sonst gut, wenn nicht für all die Sachen, die Spaß machen (und verboten) sind? Der Große hat sich daran gehalten. Der Kleine hingegen? Fehlanzeige. Er hatte alles immer schon weg, bevor der Film losging. Und dann musste er nach fünf Minuten auf Toilette. Mit drei, vier und fünf Jahren, hat er sich dann allerdings nicht getraut, allein aus dem großen Saal zur Toilette und wieder zurückzufinden. Der fehlende Orientierungssinn meinerseits hat sich also weitervererbt. Ist doch auch was. Wenn ich mal irgendwann nicht mehr bin und er etwas nicht findet, wird er sich erinnern und sagen: „Wisst Ihr noch, wie das mit meiner verrückten Tante war?“ Na, da hinterlasse ich ja doch etwas, oder? Übrigens: Wir sind jetzt bei 38 Minuten angekommen, und das Webinar hat noch nicht begonnen. Ach Herz, was willst Du mehr? Wahnsinn. Ganze 57 Minuten später können wir dann doch starten. Isch bin impräschniert, watte Technik so ermöschlischt. Als Entschädigung verzichten wir dann auch auf eine Kaffeepause.

An Tagen, wie diesen, brauche ich Milchreis, denn ja, er verhilft mir zu mehr Ausgeglichenheit, Geduld und Toleranz, weil mir dann alles andere – auf gut Deutsch – scheißwurscht wird. Also schlendere ich mit Kopfhörer in die Küche und will alle Zutaten dafür rausholen, als ich fatalerweise feststelle: Der Milchreis ist wieder alle! Nein, es waren nicht die Mottenmadenmädels, die alles verschlungen haben, sondern tatsächlich ich irgendwann einmal. Die Panik ist groß! Ich warte die offizielle Pause ab, schmeiße mich in meine Jacke und Mütze und marschiere los. Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft ist ja bestimmt auch gut, nachdem ich erfahren habe, Armin Laschet ist nun Parteivorsitzender der CDU geworden. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen besseren Grund für einen fetten Pott Milchreis gehabt hätte?!?! Laschi…Vorsitzender…da kommt mir der Milchreis schon hoch, bevor ich ihn gekocht habe.
Nun denn, ich erreiche den Supermarkt und finde den Milchreis. Aber – typisch ich – entdecke ich noch ein paar weitere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Voll bepackt, geht´s an die Kasse. Bei einem Aritkel (Pizzakarton…bevor es zu Spekulationen kommen kann) frage ich die Verkäuferin, ob ich ihr wohl den Karton da lassen könne? Ich sehe keine Papiertonne. Sie lacht. Ah ja. Dann zuckt sie mit den Schultern: „Ja, wenn Sie wollen?!“ Würde ich nicht wollen, würde ich wohl kaum danach fragen. Sie gluckst vor sich hin. Echt jetzt? So komisch? Entweder hat sie eine affektive Störung oder sie gluckst wegen meiner Frage. Ich bin mir recht sicher, dass letzteres der Fall ist. Also sage ich, dass dies wohl mittlerweile üblich sei mit den Kartonagen. Sie gluckst wieder dümmlich und ergänzt: „Ist mir noch nie passiert.“ Gut, jetzt muss man sagen, die Holde ist dem Ei- und Samenzellenstatus noch nicht sooo lange entsprungen. Dennoch ist dieses Belächeln nicht gerade kundenorientiert. Das darf sie noch lernen. Aber das dürfen sie andere lehren…so richtig bayrische Grantler von mir aus. Plötzlich kommt ihr ein Geistesblitz: „Für Batterien haben wir so was.“ Ich überlege kurz, ihr mitzuteilen, keinen Nachschub für einen Vibrator eingekauft zu haben, aber verkneife mir auch das lieber. Sie lacht ja jetzt schon. Was wäre dann erst der Fall? Vermutlich würde sie den ganzen Supermarkt zusammenschreien.
Also packe ich alles in meinen Rucksack und trabe heim. Jetzt erledigt meine Küchenmaschine den Rest, während ich wieder ins Seminar einsteigen kann. Das technische Leben hat auch so seine Sonnenseiten, gell? Und das Allerbeste? Der Milchreis schmeckt sooooooo gut. Mein Seelenfutter eben. Und dazu scheint dann gerade plötzlich auch wieder die Sonne. Hach, wie schön!

Schottelsplack

Das Ende der Woche ist erreicht. Man glaubt´s ja kaum, dass es dann doch irgendwie gelingen konnte. Der Januar war noch nie mein Lieblingsmonat. Da kann er gar nicht viel dazu. Dennoch mag ich ihn nicht. Ich glaube, die Negativreihenfolge beginnt so: Januar, November. Weiter bin ich noch nicht, wobei ich den September ans Ende setzen könnte und davor den Mai. Blieben somit noch acht zu verteilende Monate. Ich weiß, ich hab´ vielleicht Sorgen!

Einen Eisvogel habe ich heute nicht gesichtet. Auch habe ich nichts von dem Vogel mit dem Vogel vernommen. Ich stolpere immer noch über dessen Formulierung: „Genieß´ es!“ Wenn einer psychisch angeschlagen Zuhause sitzt, sind das doch motivierende Worte. „Genieß´ die finsteren Gedanken“? Oder: „Genieß´ es, dass Du Zuhause bleiben darfst, während wir arbeiten müssen“? Ach, ich will mich heute nicht noch mal über den Tuppes aufregen.

Stattdessen erhalte ich besorgte Nachrichten. Gleich zwei Mal! Herr Leckebusch sorgt sich, es könne mir etwas geschehen sein. Er habe so lange nichts von mir gehört? Und eine Bekannte spricht mir ebenfalls eine Nachricht auf, sie mache sich Sorgen, ob bei mir alles in Ordnung sei? Im Prinzip ist das toll und lieb. Und trotzdem kommt es mir wie eine kleine Schlinge um den Hals vor. Es sind beides Menschen, die schon lange nicht mehr im Berufsleben stehen. Durch Corona brechen ihre Freizeitaktivitäten weg, was bestimmt schrecklich langweilig und nervig ist. Aber ich kann nicht alles bedienen, was mir dann schon auch leid tut. Nur kann man nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Nein, nicht einmal ich.

Auf der anderen Seite werden die Rufe nach Verschärfungen laut. Soll ich Euch was sagen? Ich kriege sie nur durch Benachrichtigungen anderer Leute mit, weil ich seit Tagen keine Nachrichten geschaut habe. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie unbeschwert sich das anfühlt. Durch dieses gebetsmühlenartige Wiederkäuen der Medien mit nerviger Dramaturgie, fühle ich mich manchmal echt ausgewrungen, wie ein Schottelsplack. Ja, dieses Wort könnte ich ins Hochdeutsche übersetzen, mache ich aber nicht. Oooooh, Ihr glaubt´s nicht. Da schau´ ich gerade mal nach, ob es mittlerweile auch solche Perlen im Internet gibt und entdecke ein Lied aus dem Nachbarsdorf (eigentlich Feindesland) meiner Kindheit. Dieses Lied ist dem Schottelsplack gewidmet! Nun ist mein Plattdeutsch leider nicht so rein und flüssig, wie ich es mir wünschte, aber bestimmte Begriffe sage ich ja nach wie vor am liebsten auf Platt. Auch Schottlesplack. Dieser ist ein Begriff meiner Kindheit. Meine Mom hat immer Hochdeutsch mit uns gesprochen, weil sie von ihrer Schwägerin blöderweise dazu angehalten wurde, damit wir Kinder überhaupt zurechtkämen. Blöde Nuss, diese Tante von mir. Aber nicht nur deswegen. Nur trotzdem – oder gerade weil wir es nicht sprechen sollten – hat mich die Sprache immer fasziniert. Und von Dorf zu Dorf gibt es bisweilen große sprachliche Unterschiede. Mich verzückt es jedes Mal, wenn ich es höre. „Häs de ens e Täschedöök?“ Herrlich. „Ech jloöv, ech mott jet bööke!“ „Bööke“ sagte meine liebe Omma immer, die allerdings schon holländischem Einfluss unterlag. Meine böse Oma sagte dazu eher „jriene“. Ein Mann, der spät abends stockbesoffen aus einer damals noch völlig verrauchten Wirtschaft heimkam, wurde auch schon mal mit den Worten begrüßt: „Jank Dech buute uuttrekke, da konn datt Jöppke all uutfreese.“ Ich grinse hier. Und bevor ich weitere Perlen vor mich herwerfe, die ohnehin kaum einer von Euch versteht (außer vielleicht noch Fine und die Kleen), lass´ ich das mal lieber und schwelge alleine weiter in meinen Erinnerungen. Eins weiß ich dabei so sicher, wie ich mir dessen schon immer gewiss war: Sprache ist was Herrliches!

„i hob´ oan Eisvogl gseng“

Was ist das nur für eine Zeit? Gestern Abend jagt dann noch ein Highlight das nächste. Mein Prüfungsvorbereitungskurs startet, wo uns verkündet wird, dass die Gesundheitsämter wohl prüfen wollen würden, aber große Bedenken hätten, dass eine Prüfung im März überhaupt realisiert werden könnte. Sie denken nicht darüber nach, ob es einen Ausweichtermin geben sollte. Nö, die Prüfung würde dann erssatzlos gestrichen werden – so, wie letztes Jahr. Dies würde zur Folge haben, dass ich demnach erst nächtes Jahr im März geprüft werden könnte, also ein komplettes Jahr nach meinem originären Prüfungstermin. Ihr könnt Euch meine Freude vorstellen? Und obwohl es deutschlandweit eine einheitliche Prüfung gibt, darf ich mich nur hier vor Ort prüfen lassen. Dabei gibt es auch Gesundheitsämter, die noch ausreichend Plätze zur Verfügung hätten. Die Logik kann mir vielleicht mal ein schlauerer Mensch, als ich es offensichtlich bin, erklären? Ich wäre echt dankbar. Eine Ausnahme gäbe es dann aber doch: Ich könnte mich anderswo prüfen lassen, wenn ich nachweisen könnte, dort wirklich anschließend eine Praxis zu eröffnen – vorzugsweise mit einem Mietvertrag, den ich vorlegen müsste. Hä? Wie dumm müsste ich sein, Praxisräume anzumieten, wenn noch nicht einmal klar ist, wann ich die Prüfung ablegen darf? Verstehe einer die Bürokratie dieses Landes. Mir erschließt sie sich absolut nicht.

Als sei dies nicht genug, ruft mein Vermieter an. Jaaaaaaaaa, alsoooooo, er sei sehr zufrieden mit mir als Mieterin. Ääääääh, ja, er wolle die Miete erhöhen. Was ich denn dazu sagen würde? Leider habe ich meine Fanfare gerade verlegt, sonst würde ich prompt reintröten. Daher frage ich nur trocken: „Was erwarten Sie? Freudensprünge?“ Seine ehrlich betroffene Antwort: „Jo, a Mieterhöhung is immer a Scheißdreck, i woaß.“ Na dann! Aber die Miete läge ja deutlich unter dem Mietspiegel. Da muss ich dann doch kurz ironisch auflachen und ihm stecken, dass das so nicht stimme. Es sei sein Recht, die Miete zu erhöhen, aber die Miete sei nicht niedrig, und eine Wertsteigerung habe auch nicht stattgefunden. Jo. Un nu? Es gab im letzten Jahr die Möglichkeit für Mieter, Mieten aufgrund der finanziell angespannten Situation durch Kurzarbeit auszusetzen – gesetzlich sogar gestärkt. Habe ich nicht in Anspruch genommen. Und zum Dank, weil ich ja so eine gute Mieterin bin, bekomme ich jetzt die Erhöhung? Wir reden von 920 Euro Miete für 52 Quadratmeter. Nein, nicht in München. Nein, ohne vergoldete Armaturen. Nein, es steht auch kein Fuhrpark zur Verfügung. Nein, Dwayne Johnson weckt mich nicht persönlich. Nein, Essen ist nicht inklusive. Nein, auch sonst keinen Firlefanz oder Schnickischnacki. Für mich erhöhen sich die Nebenkosten, da ich im Home Office sitze, was er ja weiß, weil seine Mutter in derselben Firma hockt. Sein Vorschlag: „I konnt´ jo a die Miete jetz´ a bissl erhöhn und näxst Joar no a bissl?“ Spitze. Ich weiß nicht, was er von mir will? Die Absolution? Da muss er zu den Pfaffen laufen. Also sage ich ihm wieder: „Es ist Ihr gutes Recht. Tun Sie, was Sie für richtig halten.“ Wie sagt man auf bayrisch: So a Depp, so a bleeder. I mog nimma. Ich will ans Meer, will meine Füße im Sand vergraben. Umziehen ist keine Option, weil mich das auch wieder jede Menge Geld kostet und ich mir sicher bin, dass ich in spätestens zwei Jahren eh hier weg will. Also wieder radikale Akzeptanz. Ach, die können mich langsam alle mal muscheln.

Der Arbeitstag verläuft dann ganz ok. Ich rufe einen eher tiefenentspannten Kollegen an, um zu fragen, wie wir mit der Teamentwicklung weitermachen sollen? Dazu komme ich allerdings erst nach 53 Minuten. Vorher schimpft er sich einen zusammen, wie Scheiße alles sei. Er hat eine Wut im Bauch, wettert über unsere Führungsriege und deren absolute Inkompetenz. Wow. Ich sehe das ja schon lange so, aber dieser Kollege hatte fest darauf vertraut, dass unsere Chefs in Zeiten der Not und des Sturms das Steuer tatkräftig packen und an vorderster Front stehen. Nun sieht er aber, wie sich alle wegducken, die eigenen Leute im Regen stehen lassen und sich nur um sich selbst kümmern. Noch mal: Für mich ist das keine neue Erkenntnis, aber meinen Kollegen nimmt es richtig mit. Und er berichtet von einem wohl eher typischen Männerthema. Er habe drei Bereiche gehabt: Arbeit, seine Frau mit Kind und das Privatleben mit seinen Kumpels. Seit Monaten gäbe es kein Privatleben mehr, weil sich Männer – seine Aussage – in Niederbayern in der Kneipe träfen oder auf dem Sportplatz. Sie kämen nicht auf die Idee, sich zu einem Kumpel auf die Couch zu hocken, was wir Frauen ja immer wieder praktizieren. Die Arbeit sei nun auch abhanden gekommen, weil wir ja nur noch im Home Office säßen. Dadurch fehle der Austausch auch da. Seine Frau sei dann auch noch genervt, weil die Kleine mehr Aufmerksamkeit brauche, er ja Zuhause sei und sich doch auch mehr kümmern könne. Mannomann. Ihr seht schon, wofür wir die 53 Minuten gebraucht haben. Und es wären noch mehr geworden, hätte ich noch einen Anschlusstermin. Runde zwei kommt nächste Woche. Zum Schluss sagt er ganz kleinlaut: „Sorry, jetzt habe ich mich nur ausgekotzt. Wie geht´s denn Dir?“ Naja, ich habe keinen Mann Zuhause, der nörgelt. Ich bin eine Frau und kann auch mal auf einen Kaffee zu einer Freundin oder telefonieren/skypen. Hoppla, mir geht´s dann wohl doch recht gut.

Die Krönung bildet dann die Rückmeldung meiner Kollegin am Abend. Mein Chef hatte ihr eine ominöse Mail geschickt, dass er sie gerne anrufen wolle, aber ihre private Nummer nicht habe. Was er besprechen wolle, ginge so schlecht am Telefon. Aaaaaaaaaaaaaaaah! Andeutungen sind was Feines. Vor allem, wenn man im Krankenstand Zuhause ist und das Schlimmste befürchtet. Diese Furcht habe ich gestern noch versucht, ihr zu nehmen. Dennoch schläft sie schlecht. Sie ruft ihn mittags an, nachdem ich ihr seinen Terminkalender durchgegeben habe. Und was will er wirklich? Sich kurz erkundigen, wie es ihr gehe, um dann sofort mit neunmalklugen Ratschlägen aufzuwarten. Es seien nicht die oberflächlichen Dinge, wie schnittige Autos, die Glück ausmachten. Ach! Ja, das habe er im letzten Jahr gelernt (da war er schon 60, immer schon als eitler Pfau bekannt, der spätestens nach zwei Jahren ein neues Auto als Prestigeobjekt brauchte). Er gehe jetzt jeden Tag spazieren, wobei er heute einen Eisvogel gesehen hätte. Wunderschön. Das seien die Dinge, auf die man sich konzentrieren müsse. Diesen Eisvogel bringt er immer wieder ins Gespräch ein. Ob er ihn als Metapher verwenden will, wird zu keinem Zeitpunkt so richtig klar. Er hat wohl im wahrsten Sinne des Wortes einen Vogel. Er habe ihr dann von all den Problemen seiner Mitarbeiter berichtet, von der psychischen Instabilität seines Kollegen und seines Chefs. Äääääh? Vertrauliche Personalien!!! Und dann kam noch mal der Eisvogel. Ob der wohl auch psychisch instabil ist? Ob das der versteckte, subtile Hinweis sein soll? Ihr Kommentar mir gegenüber: „Mir ist´s Blech weggefallen!“ Da muss ich dann doch lachen. Was denkt sich so ein kranker Vogel eigentlich, wenn er so was absondert? Und ja, ich weiß, er hat´s bestimmt nur gut gemeint. Das kann ich langsam nicht mehr hören! Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. Ich kann doch nicht niemals in die Führung gehen, dann nach dreieinhalb Monaten Krankenstand anrufen und von den eigenen Befindlichkeiten sowie einem Eisvogel schwafeln und über die Krankheiten der anderen um ihn herum jammern. Soll er doch den Vogel volllabern! Mich regt das auf, während ich es gleichzeitig unbezahlbar finde, wie völlig jenseits manche Menschen doch sind. Wenn ich das irgendwo läse, würde ich es nicht glauben. In einer Soap würde ich rufen: „Völlig überzogen.“ Wobei, wartet mal…das hätte ich getan, bevor ich diesen Chef kennengelernt hätte. Heute würde ich den Autoren ausfindig machen und ihm mehr von diesen Geschichten gegen cash anbieten. Ach, was gäb´ ich drum, manchen Vogel mal so richtig abschießen zu können?

Espressi im Tausch

Kennt Ihr diese Höhenflüge? Dieses Kribbeln und Hibbeligsein? Dieses Highsein vom Leben? Dieses Etwas, das berauscht, ohne dass es dafür eine richtig fundierte Begründung gibt? Wenn Ihr das kennt, kennt Ihr dann auch die Bruchlandung anschließend, die manchmal so abrupt kommt? Ich habe erst Anfang der Woche gesagt, dass ich meist positiv bin, gut gelaunt. Dass ich allerdings manchmal befürchte, zu stumpf zu werden, zu sehr an der Nulllinie zu verharren, ohne diese starken Ausschläge nach oben oder unten. Manchmal wagt sich dann aber doch etwas in mir, auch mal hoch hinaus zu schießen. Und dann werde ich da oben kurzerhand abgeschossen. So ergeht´s mir heute ein wenig. Zu hoch geflogen, zu viel gewollt, zu verbissen am Werk. Naja, auch das gehört dazu.

Vorhin kamen dann auch die netten Jungs vorbei, die jährlich meine Wasseruhr und den Heizungsverbrauch kontrollieren. Völlig dämlich, ist die Wasseruhr tatsächlich hinter dem Badezimmerspiegel angebracht. Das ist im Süden gar nicht so unüblich, für mich aber nach wie vor immer einen Aufreger wert. Beim ersten Ablesen hatte ich alles aus dem Spiegelschrank gekramt. Dann hatte ich – ohne den Strom abzustellen – das Beleuchtungskabel abgeschraubt, den unhandlichen Schrank alleine abgenommnen und dabei Blut und Wasser geschwitzt. Die Jungs hatten ihn mir nach dem Ablesen einfach zackig wieder aufgehängt. Dafür gab es dann einen Espresso meinerseits. Im letzten Jahr hatte ich dann das Kabel abgeklemmt, nachdem ich die Leitung rausgenommen hatte (nennt man das so? Klingt irgendwie komisch.). Die Jungs haben den Spiegelschrank abgenommen, die Uhr abgelesen, den Schrank wieder rangehängt und mir versichert, ich bräuchte da gar nichts abzuklemmen beim nächsten Mal. Es gab wieder einen Espresso. Dieses Jahr klingelt´s, aber der Hauptakteur hat nicht seinen sonstigen Gefolgsmann dabei. Es ist dieses Mal so ein ganz junger Bursche. Der Ältere grinst mich an, weil er sich erinnert. Ich deute nur in die Küche, was er mit einem Nicken quittiert. Den Kleinen muss ich tatsächlich noch fragen, ob er einen Espresso wolle? Er zögert. Warum? Es ist ihm wohl unangenehm, da er Zucker mit Kaffee trinke. Süß – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bereite alles zu, während der Schrank runtergenommen und die Uhr abgelesen wird. Der Ältere erhält sogar zwei Espressi und jeder noch zusätzlich ein Wasser. So überrascht, wie sie immer dabei reagieren, schätze ich, sie bekommen nicht viel unterwegs angeboten. Klar, das sind ja auch nicht die Sternsänger. Aber einen Kaffee/Espresso oder ein Wasser kann man doch wohl anbieten, oder? Der Kleine berichtet, dass er in einen normalen Kaffee sieben Löffelchen Zucker reingibt. Alter! Ich habe mich seinerzeit für meine drei Löffelchen schon geschämt. Da siehste mal wieder: Es gibt immer einen, der mich noch toppt.
Und dann berichten sie von Wohnungen und Menschen, die sie sehen. Ich kenne das noch von meiner Außendienstzeit, was den Satz geprägt hat: Et jibt nix, watt et nich jibt. Wenn früher die Außendienstler nach ihrer Anfangszeit zu einer weiteren Schulung zu mir kamen, konnte ich immer den Satz vernehmen: „Sie glauben gar nicht, was mir alles passiert ist.“ Ich habe dann immer hübsch gekontert: „Sie glauben gar nicht, was ich alles glauben kann!“ Und so war es auch. Es war echt alles dabei: Versiffte Buden, kranke Tiere, dahinsiechende Menschen, Arme, Reiche, Dekadente, Nette, Aggressive, Flirtende usw.
Aber jetzt gibt es eben nur ein Thema: Corona. Der Ältere, der im Sommer sein Kiosk an einem See betreibt (und das letzte Jahr als sein mit Abstand erfolgreichstes beschreibt), räumt ein: „Zu Beginn war Corona für mich nur eine Grippe, nichts weiter. Ich habe mich gefragt, was der Aufriss soll?“ Seit er wieder ablesen geht und Menschen in ihren Wohnungen antrifft, wird er mit einem anderen Bild konfrontiert: Menschen, die krank waren, aber nichts gemerkt haben, gibt es zuhauf. Jüngere Menschen, die unter erbärmlichen Schmerzen gelitten haben, gibt es aber auch. Todesfälle von nicht Vorerkrankten, davon hören sie auch. Sie sehen die komplette Bandbreite. Und der Ältere hat seine Einstellung verändert, auch wenn er nach wie vor kritisch ist: „Normalerweise sterben 2.000 Menschen pro Tag. Jetzt „nur“ 1.000? Oder sind es insgesamt 3.000? Ich weiß es nicht.“ Ärzte, Pfleger und Schwestern sind auch bei den Wohnungsbesuchen anzutreffen. Sie lassen ihn wohl ernüchtern.
Und ich denke, genau das ist es. Eine Kollegin von mir schreibt, dass ihre Oma letztes Jahr verstorben sei, weil sie sich im Altenheim Corona eingefangen hätte. Gut, sie sei nicht mehr so taufrisch gewesen. Unwissentlich habe diese ihre Tochter angesteckt, also die Mutter meiner Kollegin. Die hat es völlig zerlegt. Sie habe Schmerzen gehabt, lange Zeit nur liegen können, immer noch Schwierigkeiten mit dem Atmen – von fehlendem Geschmackssinn ganz zu schweigen. Meine Kollegin hat Corona nie geleugnet, aber war auch nicht wirklich beunruhigt – bis jetzt. Betroffenheit verändert eben vieles – in allen Bereichen. Manchmal muss man erst schmerzlich erfahren, wie es einem selbst ergeht, bis man einsieht, dass nicht alles Mumpitz ist. Da darf jeder selbst entscheiden, wie er die Lage sieht. In Bayern ist es mittlerweile möglich, sich für die Impfung registrieren zu lassen. Und das habe ich getan. Mit den Angaben, eben keine relevanten Vorerkrankungen zu haben, und meiner Altersangabe, werde ich nicht so früh dran sein. Aber wenn ich informiert werde, gehe ich. Manche mögen das Herdenverhalten nennen, Naivität, Dummheit, mangelndes Nachfragen. Es ist mir wurscht. Ich bin es auch leid, mich mit Deppen rumzuschlagen und muss das trotzdem tun. Leben…und lassen, gell?

mit oder ohne Sprung – einfach neugierig auf die Welt

Der heutige Tag ist Gottseidank wieder etwas „normaler“. Bei diesen Konferenzen kommt nicht nur heißer Dampf raus. Im neuen Wirkungsbereich werde ich gut aufgenommen und sofort akzeptiert. So macht es dann auch echt Spaß, wobei da noch manches auf mich zukommen wird. Da darf ich mich dann mit der mir nicht sonderlich sympathischen Technik auseinandersetzen, aber wenn das alles ist, geht´s ja noch.

Und doch…hadere ich. So, wie sich die Zahlen entwickeln, kann ich mir nicht vorstellen, dass im März irgendeine Prüfung stattfinden wird. Demnach würden die März-Prüflinge auf Oktober geschoben. Ergo würde ich dann erst nächstes Jahr im März geprüft – wenn das dann klappt. Ich weiß, dass viele von uns mit Ungewissheit konfrontiert sind. Und wenn eine Entscheidung gefallen ist, verdaue ich sie dann auch schnell. Wie nennt das meine Mitschülerin (auch Böckchen) so schön? Radikale Akzeptanz. Darin bin ich dann auch wieder gut. Nur ist der Weg bis zur Entscheidung wieder so müüüühselig. Ich möchte der Gestalter meines Lebens sein und nicht von der Ersatzbank aus zuschauen müssen. Und ja, ja und nochmals ja: Es ist ein Jammern auf verdammt hohem Niveau. Aber das gestatte ich mir dann doch auch mal.

Zwischen Arbeit und Lern-Skype-Schalte brauche ich deswegen etwas, das mir gut tut. Bei dem Wirbelwind mit Schneeregen da draußen, flüchte ich in eine heiße Wanne und träume mich fort. Wasser hat eben immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Wie toll wäre es, von hier aus einfach rausschwimmen zu können? An jeden erdenklichen Ort der Welt. Die Vorstellung fasziniert mich. Wie ist das eigentlich mit diesen Virtual Reality-Brillen? Ich glaube, irgendwann brauche ich auch so ein Ding. Es ersetzt nicht diese wunderbar würzige Meerluft, wenn ich mit den Füßen im Sand versinke und das Wasser alles umspült und der Wind mir die Haare zerzaust. Alle Sinne können wohl nicht mit der VR-Brille betrogen werden, aber ein kleiner Ausflug, bei dem wir über alle möglichen Kontinente flanieren können, ist doch grandios. Und das alles, ohne dass Spinnen sich anschleichen und einen erschrecken. Ohne lästige Mücken. Und ohne Sonnenbrand – was bei mir ja nicht gerade unerheblich ist.
Und so träume ich mich fort. Nicht, weil das Leben nicht auszuhalten wäre. Nicht, weil ich traurig bin oder fliehen wollte. Sondern einfach, weil ich andere Welten sehen möchte und immer wieder diese unbändige Sehnsucht in mir spüre. Ich frage mich manchmal, woher diese kommt? Klar, mein Oppa ist ja gerne verreist, aber auch nicht so weit weg. Meine Mitschülerin denkt über einen Monat Auszeit nach, an dem sie die Küste mit ihrem Mann entlangfährt – allerdings in Brasilien, wo ihr Mann auch herkommt. Das stelle ich mir schon schön vor. Aber noch befriedigender finde ich es für mich, allein auf Tour zu gehen. Die Ungewissheit macht mich vorher wieder nervös. Doch ich werde gezwungen sein, andere Menschen anzuquatschen – was mir ja nicht wirklich wie ein Zwang vorkommt. Ich möchte durch Straßen schlendern und andere Leute beim Streiten, Lachen, Kaffeetrinken beobachten. Möchte mich zu denen gesellen, die mich aufmerksam mustern und mit ihnen mit Händen und Füßen kommunizieren. Ich will fremde Gesichter sehen und mir ausmalen, wie sie wohl leben, wen sie lieben? Ich schaue mir gerne Gesichter an – wie ein richtiger Voyer. Die wunderschönsten habe ich in Cusco entdeckt, wenn ich durch den Zoom der Kamera geschaut habe und niemand bemerkte, wenn ich sie beobachtet habe.
Es sind die Menschen, die mich nun einmal faszinieren…weniger die Prozesse, in denen sie arbeiten. Daher auch die Diskrepanz zu meinem Leben. Ich habe einen guten Job, ein sicheres Auskommen, ohne je reich werden zu können. Aber manchmal habe ich das Gefühl, innerlich zu verkümmern, wenn ich nicht raus in die Welt ziehe. Das wird manch einen den Kopf schütteln lassen und sich zu Äußerungen hinreißen lassen, wie: „Die Olle hat doch wohl ´nen Sprung.“ Und? Den habe ich wohl. Aber es ist meiner, und ich hege ihn sorgfältig. Und Ihr so?