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auch Chefinnen können überraschen

Natürlich hat mein Arbeitstag gestern länger gedauert als geplant. Aber ich wurde ja nicht in Heidelberg erwartet. Daher war alles ok. Meine Chefin war tatsächlich zurück – wenn auch nur im Home Office. Und ohne Aufforderung meinerseits, hatte sie mir mittags eine Rücksprache reingelegt, weil sie das Thema Nebentätigkeit besprechen wollte. Das hat mich dann doch überrascht, weil es weiß Gott dringendere Themen gab und gibt. Als sie auf meinem Monitor erscheint, erfasst mich echtes Mitleid. Sie ist völlig fertig. Von einer Freundin weiß ich, dass wohl die totale Erschöpfung das schlimmste Symptom für sie bei Corona sei. Und genau diese Erschöpfung springt mich an. Ich biete ihr sofort an, den Termin zu verschieben. Sie sieht es selbst ein, dass sie ins Bett gehört. Aber diesen Termin wolle sie nicht noch mal schieben. Ja, für mich ist er wichtig, aber es stirbt auch niemand, wenn wir erst nächste Woche sprechen. In der Tat will sie aber auch erstmal ein paar Infos zu aktuellen Themen, um auf Stand zu sein, bevor wir zu meiner Nebentätigkeit kommen. Sie leitet sie weiter an Personal, will aber wissen, wie weit das schon bei mir gediehen sei? Und sie muss mich darüber aufklären, dass die Arbeit immer Vorrang hätte. Weiß ich. Sollte es also betrieblich notwendig sein, müssten wir mal meinen freien Tag canceln. Da wir kein bisschen kriegsentscheidend sind und auch keine festen Anwesenheitszeiten haben, sehe ich dem gelassen entgegen. Und dann überrascht sie mich wieder. Sie wisse, dass die Nebentätigkeitsthemen meine Herzensthemen seien und ich (noch) nicht so in meiner derzeitigen Tätigkeit gefordert sei. Sie wolle um Himmelswillen, dass ich bei ihr im Team bleibe. Was war nicht gehe: Dass ich das Unternehmern verlasse. Wenn ich mich in Richtung Personalabteilung bewegen wolle, würde sie mir keine Steine in den Weg legen. Dann betont sie erneut: Ich solle bitte, bitte bleiben. Aber wenn ich unglücklich wäre, sollte ich mich – wenn auch schweren Herzens – innerhalb der Firma umschauen. Ihren Monolog beendet sie: „Claudia, ich will Dich auf jeden Fall behalten, aber Du sollst Dich dabei auch gut fühlen.“ Puh. Wenn sie so obertourig unterwegs ist, mäht sie alles nieder. Aber gerade ist sie ruhig und richtig anwesend. Ich bedanke mich und stelle klar, noch keine einzige Bewerbung geschrieben zu haben. Wir würden sehen, wie sich das mit der Akademie entwickeln würde. Und dann spricht sie noch die Mail von Heinz an, über die sie sich geärgert hätte. Nächste Woche sei Klausurtagung. Da würde sie ihm mal den Kopf gerade rücken – und da sei sie auch nicht allein. Wow… Sie lässt mich überrascht zurück. Schauen wir mal.

Die Fahrt nach Heidelberg war nun nicht ganz so entspannt. In der Tat macht sie mich so platt, dass ich gar nichts mehr essen gehe. Aufgrund von Corona ist die Rezeption nicht besetzt. Den Schlüssel gibt es per Code. So weit, so unspektakulär. Ich stelle den Fernseher an, was sich schon schwierig gestaltet. Umschalten, Lautstärke regulieren… nichts geht mehr. An die Batterie gelangt man nicht, weil sie per Schräubchen gesichert ist. Nichts geht mehr. Ich bekomme einen Lachflash. Dann google ich, weil es keinen einzigen Knopf gibt und erfahre: Ja, manche Fernseher haben keinen Ausschaltknopf mehr. Aaaaaaah ja. Kurzerhand, wobei ich dafür auf einen Sessel klettern muss, ziehe ich einfach den Stecker. Willkommen in Heidelberg. Ich mach einfach Freitag weiter und schlafe erstmal. Hoffentlich träume ich nicht von Knöpfen…

es ist mal wieder Heinz-Showtime

Kaum hatte ich gestern meinen Beitrag verfasst, erhielt ich eine Mail von meinem ach so nicht geschätzten ehemaligen Kollegen Heinz. Der Typ ist echt der Kracher. Nun ist er gar nicht mehr in meinem Team, schafft es aber dennoch immer wieder, mich ohne Ende zu triggern. Weise Menschen könnten sagen: „Reg´ Dich doch nicht so über den Deppen auf.“ Würde ich ja, wenn ich es denn könnte. Ich merke gerade, je älter ich werde, desto stärker reagiere ich darauf, wenn meine Werte verletzt werden. Ein Heinz schafft das, ohne sich dafür auch nur ansatzweise anstrengen zu müssen. Und so schrieb der Gute mal wieder an einen großen Verteiler. Mein größtes Highlight dabei: Er schickt sich die Mail selbst auch immer noch in CC. Alter! Die Mail liegt doch ohnehin im Ordner „gesendet“ – doch vermutlich hat ihm das noch keiner gezeigt…also diesen Ordner, meine ich. Es muss bei Heinz alles seine Ordnung haben und wird vermutlich auch noch ausgedruckt und in Ordnern sauber abgeheftet. Bei der Stasi wäre er der beste Mann gewesen.
Weil er ja keine Anrufe mehr persönlich entgegennimmt, da er in der Wiedereingliederung ist, hat er mich vor ein paar Wochen per Mail an seinen vorübergehenden Chef verwiesen. Mit ihm solle ich alles Weitere seine Person betreffend klären. Das allein hatte schon eine verdammt rote, brennende Stirn bei mir verursacht, weil ich mehrfach dagegenschlagen musste. Er hatte einen leichten Schlaganfall im Dezember…kein Problem mit den Ohren. Aber gut. Ich habe dann entsprechend seinen Chef informiert, dass meine Chefin den armen Heinz entlasten wolle, weshalb ich die Schulungen übernehmen würde. Nicht, weil ich darauf Lust habe, sondern weil es kein anderer machen kann. Mensch, das sind so Aufgaben, die ich in etwa so gerne mag wie Fußpilz.
Nun trötet Heinz in der Mail, er sei von der Buchungsabteilung darüber informiert worden, dass er nicht mehr zuständig sei. Ganz klare Anschludigung in meine Richtung, ihn nicht informiert zu haben. Und das schreibt er hübsch an alle Führungskräfte in Kopie. Da kann ich auch mit viel Augenzudrücken nicht sagen: „Huch, das war bestimmt nur ein Versehen seinerseits.“ Ein einfacher Anruf hätte alles klären können. Anrufen geht ja aber nicht, weil er ja eigentlich gar nicht da ist, da er ja in der Wiedereingliederung ist. Mir ist dann kurzfristig eine Ader geplatzt, aber ich habe mich eines Soldatenspruchs erinnert, immer eine Nacht drüber zu schlafen, bevor man bei Beschwerden zurückschießt. (Bitteres Wortspiel, wie mir gerade auffällt.) Mittlerweile schafft der Doofkopp es aber dann doch, mich auch nachts gedanklich zu beschäftigen. Und so haue ich morgens in die Tasten mit den Worten: „Wenn das nun die Art der Kommunikation sein soll, die wir zukünftig leben wollen, finde ich das einfach nur noch beschämend.“ Man, finde ich mich gut! Ich rabotze und stelle mal klar, wie der Sachverhalt wirklich war. Bevor ich es versende, frage ich jedoch eine liebe Kollegin. Sie beschwichtigt und sagt schon, ich könne das so schreiben, aber was ich denn erreichen wolle? Na, ganz einfach: So ein Volldepp kommt seit Jahr und Tag mit seinem anschwärzenden Kollegenschwein-Gehabe durch, ohne dass ihm einer auf die Finger klopft. Dabei weiß jeder, wie er tickt. Wenn man dann nichts macht, nimmt man es doch billigend in Kauf, oder? Keiner kann ihn leiden, aber niemand sagt was. Mir reicht es nun endgültig. Zwischendurch reagiert dann jedoch jemand anderes auf die Mail. Darin lobt er den Deppen auch noch, denn dieser hat im Anhang eine Teilnehmerliste und das Feedback von Teilnehmern angehängt. Das an sich hatte mir gestern schon körperliche Schmerzen bereitet. Mein Kollege lobt ihn ob des positiven Feedbacks, sagt aber zu mir: „Wir wissen doch, was er für ein Depp ist. Lass´ ihn laufen.“
Mir fällt gerade auf, dass ich mich bei dem Studenten ähnlich verhalten habe. Doch für mich macht es in der Tat einen Unterschied: Wir reden hier von einem verdammt hoch bezahlten, faulen Kollegen, der immer versucht, andere anzuschwärzen. Ich lösche meine Mail, doch vom Tisch ist es damit trotzdem noch nicht.
Es kann doch echt nicht angehen, dass wir nicht beizeiten reagieren und unsere Grenzen ziehen, oder? Wenn ich mir die politische Weltlage gerade ansehe, sieht man ja auch deutlich, was dann passiert. Im Nachhinein zu sagen: „Jöj jöj jöj, das war jetzt aber nicht nett von Dir, Putin“, ist für mich eine Farce. Und ja, mir ist klar, dass ich Heinz gerade mit Putin vergleiche. Er schießt nicht mit echter Munition, setzt verbal aber durchaus auch Kriegstaktiken an. Harter Vergleich, ich weiß. Ständig schwärzt er irgendwen an, was durchaus für den Betreffenden weitreichende Folgen haben könnte. Warum fällt es so schwer, da mal aufzustehen und zu sagen: „Es reicht. Bis hierher und nicht weiter! Das ist meine Grenze!“ Ich glaube, das werde ich ihm schreiben müssen – mit dem Hinweis darauf, dass ich keinen Führugskreis in den Verteiler aufnehmen würde, dies aber das letzte Mal sei. Ob das was bringt, weiß ich nicht. Aber es einfach laufen zu lassen, widerstrebt mir gerade doch sehr. Klingt wieder nach einem Gerechtigkeits-Feldzug, hm? Mal ernsthaft: Einfach permanente Verletzungen hinzunehmen und weiterzumachen, kann doch auch keine richtige Alternative darstellen, oder? Das Böckchen marschiert also mal wieder. Irgendwann nutzen sich die Hörner wahrscheinlich ab…aber heute noch nicht. Go, Böckchen, go!

Omma im Sendemodus

Es geht mir gut. Kann natürlich an dem Umstand liegen, dass meine Chefin noch bis einschließlich morgen krankgeschrieben ist. Klingt böse, ich weiß. Ich gönne ihr dabei gar nichts Schlechtes, sondern freue mich über meine Freiheit. Das ist ein riesiger Unterschied, wie ich finde.
Ein anderer Umstand zur Freude, ist die Tatsache, dass ich Donnerstagabend nach einem Workshop Richtug Heidelberg düse. Dort treffe ich nicht nur meine verrückteste Cousine, sondern wir treffen auch unseren „kleinsten“ Cousin. In der Tat überlege ich gerade, ob einer von den Jungs größer ist als der vermeintlich Kleinste. Sei es drum: Ich freue mich riesig – zumal ich auch noch nie in Heidelberg war. Und auch das Wetter kann mir die Suppe nicht versalzen. Klar, von 20 Grad auf um die Null am Wochenende…das ist schon ein Sprung. Aber ich bin auch völlig fein damit, eine Café-Tour zu machen. Mei, ich bin ganz schön anspruchslos, hm? Wir lernen auch die neue Freundin von dem „Kleinen“ kennen. Und als absolut guter Mensch (haha) habe ich ihn schon gefragt, ob er das seiner Holden wirklich, wirklich antun wollen würde? Wir zwei Mädels in Kombi sind nämlich…nun ja…ich finde uns ja normal, aber bisweilen sind wir wohl für den ein oder anderen eine kleine Herausforderung. Schauen wir mal, ob sie danach professionelle Hilfe benötigt.

Der Kracher-Praktikant hat heute noch mal nachgelegt und wollte mir noch ein paar Fragen stellen. Fairerweise muss ich echt gestehen, er hat sich in die Materie eingelesen. Das macht wirklich kaum jemand. An Ambition mangelt es bei ihm also nicht. Da er mich nicht mal gefragt hat, wie ich es denn am Freitag empfunden hätte, habe ich auch nichts dazu gesagt. „Pick your battles“, wie meine Chefin – so sie anwesend ist – gerne zu sagen pflegt. Und naja, alle Schlachten muss ich ja echt nicht schlagen. Und beim dicke-Eier-Vergleich kann ich per se ja nur schlecht abschneiden.
Dafür habe ich gestern einen anderen Studenten kennengelernt, der den Deppen eindeutig aufwiegt. Oh man, der ist noch so jung, aber schon so groß (1,96 m). Und dabei so süß verlegen. Sein dickstes Plus ist allerdings, dass sein Vater Schotte ist. Da gerate ich ja ins Schwelgen. Dooferweise sind seine Mom und sein Dad leider glücklich miteinander. Man kann wohl nicht alles haben.

In meiner Mittagspause hole ich meine Brille ab und schlendere kurz zu Tchibo. Ja, Schleichwerbung, ich weiß. Allerdings bekomme ich dafür gar nichts. Mir fehlt eben die Influencer-Attitüde. In meinem Gesicht sind zudem alle Falten echt und nichts reingespritzt. Da kann man ja nur abstinken.
Da meine Bohnen im Angebot sind, kaufe ich gleich zwei Kilo. Die Bedienung ist so freundlich, mich auf ein Angebot aufmerksam zu machen, bei dem mir ganze fünf Prozent erlassen werden, wenn ich fünf Kilo einkaufen würde. So was macht Sinn, würde ich ein Büro betreiben. Für mich als in der Regel Alleintrinker (klingt das nicht herrlich? Ich bin Kaffeeholiker!) lohnt sich das allerdings nicht. Doch dazu komme ich gar nicht…also dazu, etwas zu entgegnen, denn die Omma hinter mir erledigt das für mich. Bei der Erwähnung von „fünf“, prustet sie schon los: „Wer soll das denn alles trinken, hören Sie mal?!“ Gut, dass sie ja nicht gemeint war. Der Verkäuferin verrutscht ganz kurz das Gesicht, bevor sie mich dann weiter aufklärt. Und wieder quakt die Omma dazwischen: „Da müssen Sie ja in einem Büro hocken, wo alle den Kaffee trinken.“ Stimmt zwar, aber sie ist doch gar nicht gemeint. Und Omma setzt noch einen nach: „Ich kann auch nicht immer denselben Kaffee trinken. Und das müsste man bei fünf Paketen ja. Ich brauche da eindeutig Abwechslung.“ Die Verkäuferin atmet tief durch. Ob die wohl Yoga macht? Oder irgendwelche Achtsamkeitsrituale? Ich glaube, so was ist im Einzelhandel ein absolutes Muss. Omma rempelt mich an: „Wo haben Sie denn die Hose her?“ Da erkenne ich meine Chance und schicke sie quer durch den Laden. Doch Omma ist nicht dumm: „Ach was, ich hab´ ja schon die Arme so voll.“ Höflich, wie ich es durchaus sein kann, biete ich ihr an, die Ware ruhig schon neben meine auf den Tresen zu legen, was sie dann auch gerne tut. Gottseidank, sind wir die mal für zwei Minute los. Ich bezahle meine zwei Pakete, weil mir fünf dann wirklich zu viel sind, während Omma auch schon wieder zurück ist. Sie wirft der Verkäuferin die Hose regelrecht auf die Theke und belehrt diese: „Sie haben nur noch 36/38 da hängen. Müssen Sie mal was nachlegen.“ Die Verkäuferin schaut mich an, ich zucke mit den Schultern und zwinkere ihr zu: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag…und vor allem: Nette Kunden!“ Sie gluckst und bedankt sich. Omma schnallt natürlich nichts, weil sie schon wieder nur sendet. Oh man. Wieso sterben solche Menschen eigentlich nie aus? Andererseits: Worüber könnten wir uns sonst amüsieren?

Zum krönenden Abschluss habe ich heute Abend noch eine „Kollegiale Fallberatung“, auf die ich so viel Lust verspüre, wie ich Bock auf einen Zahnarzttermin hätte. Ich muss die zwei Stunden allerdings durchstehen, da sie Teil meiner Ausbildung sind. Allerdings ist mein Plan heute der, den die meisten regelmäßig an den Tag legen: Ich werde zuhören. Von mir wird kein Beispiel kommen, keine Vorbereitung, nichts. Entspannt zurückgelehnt, schaffen es andere ja durchaus auch. Warum sollte es bei mir also nicht auch mal so gelingen? Ich freue mich auf diese neue Erfahrung. Feurioooooo!

bis zu den Waden im Wasser

Heute ist mal wieder Samstag. Und dazu scheint passend die Sonne. Und so hocke ich auf meinem Balkon, genieße meinen Chai Latte und resümiere meine Woche. Mit Blick auf mein letztes Wochenende muss ich mal wieder feststellen: Da, wo Du Energie hingibst, wird mehr draus. Je mehr ich manche Dinge analysiere, mich ärgere und ungerecht behandelt finde, desto mehr Energie verschwende ich auf diesen Rotz. Und so bin ich dann einmal ordentlich tief durchatmend in meine neue Woche gestartet.
Direkt zu Beginn werde ich überrascht: Meine Chefin ist krank. es hat sie wohl voll erwischt, was mir für sie leid tut. Dennoch genieße ich es, sie diese Woche mit ihrer Verbissenheit nicht um mich haben zu müssen. Allerdings haben wir am Freitag (hoffentlich mein letzter, an dem ich arbeiten muss) einen Ganztages-Workshop mit externen Beratern. Und genau der liegt in ihrer Verantwortung. Ihr könnt es schon erahnen: Einer meiner Kollegen, der seine Vertretung übernimmt, eröffnet mir freudestrahlend, dass dies nun unsere Aufgabe sei. Das bedeutet im Klartext, ich darf organisieren. Organisation ist allerdings so gar nicht meins. Doch das sollte ich schon locker hinbekommen. Inhaltlich sprechen wir uns auch kurz ab, so dass ich Flipcharts pinseln und eine Agenda stricken kann. Die Tatsache, dabei meine Chefin nicht dabei zu haben, entspannt mich perverserweise. Ich kann also gestalten, ohne ständig kontrolliert zu werden.
Und dann konfrontiert mich mein „neuer“ Kollege. Neu, weil er ja erst seit diesem Monat zu uns gewechselt ist. Ich hätte auf ihn einen…naja, wie solle er das sagen…also…einen Eindruck gemacht, ich sei „pissed off“. Stimmt. Warum denn? Irgendwie fasse ich es nicht, dass ich ihm das erklären muss. Aber gut, ich erkläre mich – nicht rechtfertige mich, sondern beschreibe, was meine Chefin so alles die letzten Wochen und Monagte gepredigt und versprochen habe, um es dann doch nicht zu halten. Und was macht er? Er bestätigt mich und sagt, er sehe es ja genauso. Daher bitte er mich, uns zu dritt zusammenzusetzen, um unserer Chefin unser Feedback zu geben. Ich stöhne und frage, warum immer ich zu so was aufgefordert werden würde? Meine männlichen Kollegen wären von Anfang an auf Ablehnung. Und so strickt er mir dann das Konstrukt, dass meine Chefin auf die ja auch nicht setze. Ich hingegen sei ihre „Säule“ – was auch immer das bedeuten soll. Mich brauche sie, auf mich zähle sie. Wieso behandelt sie mich dann so doof? Sie sei sehr betroffen gewesen, als ich so einsilbig reagiert habe. Ach was! Und er legt noch nach: „Lass´ uns ihr diese eine Chance noch geben. Und dann machen wir das so, wie wir das wollen und wie es auch am besten funktioniert.“ Ich mag das nicht. Wie kann ich mich da verweigern? Obwohl es mich ankaast, wenn man mich an der Ehre packt und von mir mehr verlangt als von den anderen Kollegen. Andererseits will ich natürlich lieber gutgelaunt arbeiten als mit mieser Laune.

Aufgrund der Krankheit, kann mein Nebentätigkeitsgespräch mit meiner Chefin nicht stattfinden. Dabei will ich das ja unbedingt erledigt wissen. Die restliche Zeit läuft allerdings gut. Freitag ist dann der Workshop, auf den ich mich sogar freue. Einen der externen Berater kenne ich bereits und schätze ihn unwahrscheinlich. Er ist längst im offiziellen Rentenalter, aber ihm macht die Arbeit immer noch Spaß. Allerdings hat er nun von 100 Beratertagen auf 50 pro Jahr runtergeschraubt, was ihm richtig schwerfällt, doch seine Familie wolle schließlich auch was von ihm haben. Er ist Anfang siebzig! Das ist ein Mensch, dem ich das komplett abkaufe. Er macht, was er macht, aus Überzeugung und mit guter Laune, doch nie mit erhobenem Zeigefinger. Sein Kollege erinnert mich an Rudolf Vogel, den Schauspieler aus ganz alten Filmen. Während ich ihm zuhöre und zuschaue, kommt mir der Gedanke – nur der blöde Name will mir nicht einfallen. Kennt Ihr das? Es lässt mich bis zum Abend nicht los, wo ich ihn dann nach viertelstündiger Recherche endlich finde.
Dieser Berater ist bereits 63 und will auf keinen Fall in den nächsten Jahren aufhören. Da gibt´s diese Labersäcke, die nur heiße Luft produzieren. Doch diese beiden Herren sind anders. Man merkt, dass sie wissen, wovon sie reden und auch schon manches geschafft haben. Demgegenüber sitzt dann ein neuer Praktikant von uns. Ich sehe ihn erstmalig und hatte vorab nur per Skype oder Teams mit ihm Kontakt. Und da ich ja so ein Mutti-Gen in mir habe, hatte ich ihm vorab schon gesagt, er könne gerne immer zu mir kommen, wenn irgendwas sei. Und wenn er, weil er eine Stunde zur Arbeit benötigt, zu spät zum Termin am Fraiteg käme, sei das kein Problem. Bei dieser Vorstellrunde, in der ich mir schon jung vorkomme und denke, ich kann gar nicht auf diese jahrelange Expertise zurückgreifen, agiert der 20-Jährige völlig anders. Abgesehen davon, dass er im Anzug erscheint, während wir anderen recht zwanglos rumlaufen, trumpft er dann auf. Mit seinen 20 Jahren könne er auf jahrelangen Leistungssport zurückgreifen, wäre als Trainer für die Jugend da, die ja so perspektivlos sei, und arbeite auch schon seit Jahren als Berater – also wie die Herren aus der Beraterfirma. Zum Glück ist nicht Hochsommer, denn da fliegen mehr Fliegen durch die Gegend, die mir in den offenen Mund fliegen könnten. Als er sich outet, BWL zu studieren, sehe ich so ziemlich jedes meiner Vorurteile bestätigt. In der Pause erklärt er mir dann echt richtig schnöselig, dass er ja selbst im Home Office Anzughose und Hemd trage, weil diese Klamotten ihm ja eine gewisse Haltung verleihen würden. Das sei enorm wichtig, da Kleider Leute machen würden. Ich überlege, ihm die Novelle von Gottfried Keller zu empfehlen, entscheide mich aber dagegen. Im Feedback zum Ende des Workshops fühlt er sich berufen, am ausführlichsten seinen Senf dazuzugeben. Er bedankt sich dann auch tatsächlich bei den externen Beratern: „Normalerweise sind so ältere Berater ja doch sehr praxisfern und predigen denselben Stiefel von vor 30 Jahren, aber bei Euch hatte ich da echt ein anderes Gefühl.“ Alter! Ich kann so eine Dreistigkeit und Überheblichkeit nicht fassen. Mir steckt er in der Pause, was ich alles gut gemacht hätte…aber, naja, die Mail meinerseits, er solle sich keinen Stress machen, wenn er im Stau stehe…da habe er sich schon gefragt, ob ich ihm nicht zutraue, so einen Termin einzurichten? Er habe schließlich selber schon Workshops gehalten und als Berater gearbeitet. Er würde aber verstehen, dass ich es nur gut gemeint hätte, daher sei es ok. Oh man…was berät er denn? Wie man sich die drei Haare am Sack effizient wegrasiert? Ich nicke nur, bedanke mich für den Hinweis und entscheide: Von mir bekommt er nicht einmal Feedback. Er darf von anderen auf die harte Tour lernen, wie man auf die Nase fällt. Mein Kollege sagt im Nachgang zu mir, er würde ihn im Feedbackgespräch ganz klar darauf hinweisen. Ich nicht. Ich führe auch kein Feedbackgespräch mit ihm, sondern überlasse das gerne meinen Kollegen. Ich werde ihn nämlich auch nicht mehr zur Unterstützung anfordern. Er beklagt beim Feedback doch tatsächlich auch noch, dass es schon nicht toll gewesen sei, die Post its beschrieben zu haben (ca. 20 Stück), auf die wir jetzt gar keinen Bezug genommen hätten – wohlgemerkt vor den externen Beratern. Mein Kollege bügelt das direkt ab: „Du bist Praktikant. Da gehören die Aufgaben dazu. Wir brauchen sie ja eh später noch.“ Ich vermute, er hätte einfach gerne den Workshop übernommen und durchgeführt, um uns mal zu zeigen, wie es richtig geht. Irgendwie interessant: In mir regt sich nicht mal das kleinste Wörtchen, das ich ihm mitteilen möchte. Das heißt was, nämlich dass mir der Typ so scheißegal ist, dass ich nicht mal meinen Atem an ihn verschwenden möchte – mit oder ohne teuren Anzug. Bitte nicht falsch verstehen: Ich lerne gerne – gerade auch von jungen Leuten, weil sie eine andere Sicht auf vieles haben. Aber das hier? Nee…das geht so gar nicht.

Interessant ist für mich allerdings, wie unterschiedlich Selbstwert verteilt ist. Der kleine Schnulli ist total von sich überzeugt, während ich total hadere und überlege, gut genug zu sein, meine Unterstützung in einer Praxis anzubieten? Darauf angesprochen von einem lieben Kollegen, komme ich total ins Schwimmen. Seine Reaktion: „I kenn´ da aan Physio, den i fragn kannt. Wie groß darfs´n sei?“ Wie? Watt? Woher soll ich wissen, wie groß mein Praxisraum sein soll? Und er piekst nach: „Ab wann gings´n?“ Ich bekomme Panik. „Madl, wennst des net probierst, wirstas nie wissn, gä?“ Vielleicht frage ich den Schnösel, was man saufen muss, um sich so dicke Eier wachsen zu lassen? Obwohl ich nach wie vor Demut für eine meiner guten Eigenschaften halte.
Mein Kollege hat mir aber eine Antwort abgerungen: Ca. 15 qm ab 1.5. Das heißt noch gar nichts. Es heißt nur, dass es innerlich mehr Gestalt annimmt. Es ist quasi, wie wenn ich im Meer stehe und spüre, dass es echt saukalt ist. In dem Moment, in dem ich losspringe, gewöhne ich mich an die Temperatur und genieße die grenzenlose Freiheit und den Rausch des Meeres. Aber die Überwindung, wirklich zu springen, hemmt mich noch. Sagen wir mal so: Meine Waden sind schon zur Hälfte im Wasser. Der Rest folgt hoffentlich auch bald.

bockig, eckig, sperrig…

Was war das für eine aufregende, anregende, anstrengende Woche. Manchmal bin ich erstaunt, wieviele Emotionen in sieben Tage gepackt werden können. Manchmal ist es wohl so. Und manchmal ist dafür wochenlang emotional alles wie Winterschlaf. Wenn ich dann noch gerade die passenden Lieder im Radio oder auf dem MP3-Player ins Ohr gedudelt bekomme, ist das für mich stimmig. Und bisweilen denke ich mir dabei durchaus: Man, man, man, hast Du eine am Helm. Doch das gehört wohl dazu, schätze ich.

Der Anfang der Woche war durchaus als nervig zu bezeichnen. Dabei unterstelle ich den meisten Leuten keine böse Absicht. Und doch erwische ich mich bei totaler Verständnislosigkeit, wenn ich selbst Teil des Spiels bin. Menschlich, wenn auch nicht sonderlich groß meinerseits. Und genauso geht es dann auch weiter.
Der erste Tag der Fortbildung war Euphorie pur. Kennt Ihr das, wenn Ihr Euch wie ein kleines Kind fühlt und Euch überbordend über den kleinsten Pups freuen könnt? Wenn einfach die Grundstimmung so ist, dass Ihr denkt, Ihr könntet Bäume ausreißen? Und dazu scheint dann auch noch die Sonne. Mir war nach Tanzen und Singen zumute. Damit habe ich auch meine beiden Kursteilnehemrinnen angesteckt. Den einzigen Mann in der Präsenzrunde hingegen kann man gar nicht anstecken. Er ist außen vor, steht über den Dingen, wirft gerne weltmännisch mit hübschen Fremdwörtern um sich. Er kommuniziert nur in Richtung Trainer, weil sie qua Beschreibung ja die Expert*innen sein müssen. Die anderen Teilnehmer rangieren bei ihm zwischen „gerade noch akzeptabel“ bis hin zu „unter seiner Würde“.
Zwischen den Etappen haben wir kleine „shared learning teams“ und sollen dann noch ein paar Themen diskutieren bzw. erarbeiten. Er war seit Oktober noch nicht ein einziges Mal anwesend. Klar, da ist ja auch kein Trainer dabei. Solche Menschen sind mir, die übermäßig Wert auf ein gemeinsames Arbeiten und voneinander Lernen legt, naturgemäß suspekt und irgendwann dann auch unsympathisch. Er hat durchaus auch Expertise vorzuweisen, ist aber ein Ego-Shooter, der nach Trumps Prinzip „me first“ durchs Leben schreitet. Und damit torpediert er natürlich meine Werte. Mittlerweile bin ich dann aber doch für mich so weit zu sagen: Ich will auch gar nicht mehr mit jedem in meinem Sandkasten spielen. Es ist völlig ok, wenn manche in ihrer eigenen Ecke hocken und nur mit ihrem eigenen Spielzeug bzw. mit der Tagesmutti spielen wollen. Es herrscht dennoch ein gutes Miteinander.
Aber die Trainerinnen, die sich nahezu darin überschlagen, wie wichtig es sei, stets und ständig im Erwachsenen-Ich zu agieren, sehen das anders. Ich mag es nicht, wenn sich Leute als Experten ausloben – gerade in diesen zwischenmenschlichen Bereichen, also auf der Beziehungsebene. Denn niemand kann durchgängig sachlich sein, immer erwachsen auftreten und von sich weisen, auch mal kleinkariert zu handeln, wenn er/sie sich getriggert fühlt. Ansonsten wären wir ja Roboter. Diese Aura des „wir sind ja schon sooooooo weit“-Anstrichs tragen sie aber vor sich her. Das geht dann so weit, dass sie uns drei Frauen am zweiten Tag quasi in die Mobber-Ecke drängen wollen. Besagter Kursteilnehmer geht in Übungen zwar mit uns in Gruppenarbeit, beteiligt sich sonst aber nicht an gemeinsamen Gesprächen oder Aktivitäten – und zwar, weil er das so will. Völlig fein. Nicht fein, dass wir ihn wohl zum Opfer machen sollen – etwas, das er so gar nicht für sich verbucht hatte. Aber in dieser Aufmerksamkeit der Trainerinnen suhlt er sich dann doch plötzlich, wie „interessant und spannend“ diese Außensicht für ihn sei. Und diesem unsozialen Wesen attestiert man dann das Agieren im Erwachsenen-Ich. Wenn Ignoranz und Null Hilfsbereitschaft also gleichbedeutend mit Erwachsenen-Ich sein soll, bin ich echt gerne nicht erwachsen. Und ja, dann bediene ich diese Rolle sogar gerne. Ich ziehe mir den Schuh mal ausnahmsweise nicht an. Die Jüngste im Bunde nimmt es entspannt mit Humor. Die andere Mitschülerin läuft in der Pause zu dem Kollegen und entschuldigt sich, weil sie ihm auf keinen Fall wehtun wollte. Ich stehe mal wieder wie der Ochs´ vorm Berg und denke: Womit denn? Zumal er auch selbst sagt, es gar nicht so für sich erlebt zu haben. Nichtsdestotrotz möchte er nun – einmal im Mittelpunkt stehend – den anderen Teilnehmern, die online zugeschaltet sind und zu der Zeit in Pause waren, die Situation noch mal vorspielen. Puh, ich frage mich, ob wir nachher noch zu Muschi-Yoga und Bäume-Tanzen wechseln wollen und spüre dabei selbstverständlich ganz klar die totale Abwesenheit meines Erwachsenen-Ichs. Er, der nie hilfsbereit und unterstützend ist, fordert nun aber schon unsere Unterstützung. Und so sage ich ruhig: „Ich mache mit, wenn Dir das ein Bedürfnis ist. Mich nervt es allerdings gerade ganz massiv.“ Das bringt mir einen entsetzten Blick der supersozialen „ich bin ein totaaaaaaaal empathischer Mensch“-Dozentin (ihre Worte, nicht meine) ein. Ich schaue sie – ganz bockiges Kind – herausfordernd an und sage: „Das war Euch doch wichtig, oder? Offene Kommunikation und die Dinge ansprechend, richtig?“ Sie gerät kurz aus dem Tritt und flötet übertrieben: „Ääääh, klar. Vielen Dank für Deine Offenheit.“ Klar, Du mich auch.
Ich weiß, wie bockig das klingt. Ist mir egal. Wer mir den Stempel aufdrückt, darf es dann auch erleben. Die restlichen anderthalb Stunden stehe ich unter non-stop-Scannen der Empathin. Meine Wohlfühlzone schlechthin. Die andere Trainerin macht souverän weiter. Ich beteilige mich nur noch wenig, bin einfach müde und froh, wenn der heutige Rotz vorüber ist. Die Online-Teilnehmer melden sich mit „Tschüß…bis nächstes Mal“ ab, wir vier vor Ort sind nun allein mit den Trainerinnen. Die Empathin mustert mich intensiv. Ich glaube, ich würde mich gut in so einer Mafia machen, bei denen so Alpha-Testosteron-Schleudern rumspringen, weil ich sie konfrontiere: „Was willst Du mir sagen?“ Gut, wäre ich in einer Mafia, würde ich wahrscheinlich sagen: „Komm´ ran auf´n Meter.“ Oder vielleicht auch: „Pinkel´ mir auf die Füße, dann hack´ ich Dir Deine ab!“ Ach, mein Nicht-Erwachsenen-Ich hat immer so eine schöne Phantasie. Die Empathin bedankt sich übertrieben und erwähnt, wie toll sie doch fände, wie ich mich einbrächte. Aha. Doof nur, dass ich ihr das Null abkaufe. Sie schwimmt. Sie will gefallen, was ich verstehen kann. Dennoch ist dieses Stigmatisieren von Menschen nicht sonderlich empathisch. Sie hat eine Teilnehmerin, die wirklich ein riesengroßes Herz für andere hat, sehr unterstützend handelt und sich immer einbringt, mehrfach an diesem Tag zur Täterin gemacht, so dass diese schon völlig verunsichert ist. Das kann ich Gerechtigkeitsfreak ja mal so richtig leiden. Die Empathin schleimt mich also unglaubwürdig voll, was ich nur mit einem „Aha“ quittiere. Das wiederum bringt mir ein: „Mit Lob kannst Du nicht so gut umgehen, hm?“ Stimmt. Allerdings geht es mir gerade gar nicht ums Lob. Denn noch weniger kann ich mit unaufrichtigem Geschleime umgehen. Sie denkt also, den wahren Kern geknackt zu haben und meint nun, mich ganz siegessicher noch ein bisschen mehr provozieren zu müssen, indem sie immer näher kommt. Dazu mit Bemerkungen, wie: „Na? Das magst Du so gar nicht, ne? Na? Naaaaa?“ Sie ist über meinen Tanzbereich (Dirty Dancing) getreten, also hebe ich entschieden die Hand und sage sehr deutlich: „Und hier überschreitest Du eine verdammt fette Grenze. Das geht gar nicht!“ Sie reißt schockiert die Augen auf und entschuldigt sich, weil sie das nun wirklich nicht gewollt hätte. Ich frage mich einmal mehr, wie schmal das Brett mancher Menschen sein muss, sich selbst als totaaaaaaaaal empathisch zu bezeichnen und dabei nur über ein Feingefühl eines Vorschlagshammers zu verfügen? Ist mir auch egal. Und nun kommt ein meinetwegen völlig unerwachsener Zug in mir zum Vorschein: Sie verliert für mich. Sie hat viel Wissen, keine Frage. Sie kann auch manches gut erklären. Aber als kompetente Trainerin für sensible Themen hat sie sich gerade komplett disqualifiziert. Ich glaube, das merkt sie, weiß aber nicht, wie sie damit umgehen soll. Macht nichts…also mir nicht. Ich habe zeitgleich ja genug Wut in mir, mit der ich in den Abend gehe. Da ist es nur fair, wenn sie auch nachdenklich ist. Ja, kleinkariert, kindisch, aber ehrlich. Immerhin etwas.
Freitag ist meine Wut verraucht. Meine Achtung vor der Empathin kann ich allerdings nicht mehr steigern. Ich denke darüber nach, dass ich noch viel lernen muss und darf. Und das ist völlig in Ordnung, weil ich zumindest diese Erkenntnis habe. Nein, ich bin kein einfacher Charakter, aber ich behaupte auch nicht, einer zu sein. Ich bin mir meiner Ecken und Kanten durchaus bewusst. Und eine dieser Ecken begehrt auf bei Menschen, die mir was vorpredigen, was sie selbst nicht leben. Also: Komm´ ran auf´n Meter. Mit etwas Distanz muss ich schon über mich schmunzeln…und würde es vermutlich genauso wieder machen.

Eierlikör und gute Nachrichten

„Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, heißt es doch im Volksmund. Das glaube ich nicht so ganz. Gerade habe ich nämlich freien Blick auf noch kahle Bäume. Und was da abgeht? Puh! Meine Mom meint immer, die Laute, die Krähen so von sich geben, klängen ordinär. Stimmt irgendwie. Sie sind wuselig dabei, Nester zu bauen. Es gibt ein Nest, dessen Material von allen geklaut wird. Doch selbst dabei gibt es eine Hackordnung. Ganz schön aggressiv. Ähnlich, wie es bei den Menschen zu sein scheint. Ich finde mit Mühe und Not einen Parki beim S- Bahn- Parkplatz und trotte los. Ein junger Bursche (ja, ich verwende noch solche Worte) geht zwei Meter vor mir. Drei junge Typen kommen dem Burschen entgegen, rempeln ihn an und maulen ihn an: „Altaaaa!“ Er dreht sich im Gehen leicht um: „Was’n Digga? Ich lauf doch geradeaus.“ Die Rempler moppern weiter, während alle dabei weitergehen. Der Bursche vor mir dreht sich noch mal zur Seite und zischt noch mal. Ich muss einfach lachen, was ihn wohl verdutzt und aufbegehren lässt: „Is doch wahr!“ Ich grinse ihn an und sage: „Nicht jeder wurde mit gleichviel Hirn bedacht. Aber gegen drei wird’s doch etwas schwer, hm?“ Er schnaubt: „Ich hau auch vier von denen um.“ Ach, die Jugend war schon cool, oder? Da hab ich auch gedacht, keiner könne mir was. Ich wünsche dem Kleinen einen schönen Tag und gehe meiner Wege. Verstehen kann ich ihn schon. Und wahrscheinlich hätte ich den Mund auch nicht halten können. Der Unterschied ist nur: Ich könnt’s mit drei Typen nicht aufnehmen – außer verbal natürlich. Das brächte mir vermutlich eine dicke Lippe ein… wir werden es allerdings nicht erfahren.

Was so spielerisch jugendlich aussieht, ist im Erwachsenenalter ja gar nicht so viel anders. Da geht’s nicht mehr um Anrempeln auf dem Weg, aber beruflich dann eben doch. Es läuft nach wie vor sehr zäh mit Misstrauen und Kontrolletitum. Da ich mir gut vorstellen kann, dass wir wieder in Kurzarbeit schlittern können, beantrage ich die Genehmigung von Nebentätigkeit. Eine kleine Formalie, die normalerweise durchgewunken wird – zumal es keinerlei Schnittstellen zu meiner Tätigkeit gibt. Meine Chefin hab ich im Februar eh schon mal vorabinformiert. Jetzt erhalte ich dann erstmal die Einladung zu einem halbstündigen Termin – nur mit ihr. Ich habe ca. sechs bis acht Stunden pro Woche ausschließlich Team-Besprechungen. Nein, das ist leider keine Übertreibung. Eigentlich ist es so, dass wir auch richtige Kunden haben, für die ich arbeiten darf. Es nervt. Montag hab ich dann mal beschlossen, es meinen männlichen Kollegen gleichzutun, die knapp mit ja, nein oder „basst“ antworten. Es gelingt mir gut. Es bringt mir allerdings prompt einen Anruf meiner Chefin ein. Wie es mir gehe? Ok. Wenn was wäre, könne ich mit ihr sprechen. „Mmmh“, ist meine Antwort. Sie wartet, ich auch. Dann übertrieben freundlich: „Ich wünsche Dir eine gute Woche.“ Ich halte es nicht durch: „Ääääh? Wir haben in 30 Minuten das nächste gemeinsame Meeting?!“ Sie schnippisch: „Ich kann Dir doch trotzdem eine gute Woche wünschen!“ Ich kapituliere: „Stimmt. Das kannst Du.“ Sie ist bemüht, kann es aber nicht. Man merkt leider irgendwann zu sehr, dass sie weiterkommen will – egal, auf wessen Kosten. Und dabei verwendet sie nur Worthülsen, ohne es so zu meinen. Schade. Meine Kollegen waren von Anfang an nicht für sie. Mich hat sie leider auch verloren…

Umso glücklicher bin ich in anderer Hinsicht. Meine Fortbildung, zu der ich gerade fahre, findet heute hybrid statt. Gar nicht meins… vor allem nicht als Trainer. Aber ich bin ja Teilnehmer und darf es mir aussuchen. Ich wähle Präsenz, weil ich Zuhause sonst was mache – nur eben nicht am Ball bleiben. Wir sind nur zu viert vor Ort, doch das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Doch das, worüber ich mich noch viel mehr freue: Mein Sommer-Date vom letzten Jahr wird die zweite Coaching-Einheit im nächsten Monat nicht abhalten. Das ist ein Gefühl, als wäre Weihnachten, und ich sähe den Christbaum zum allerersten Mal. Es ist eine Portion Extra-Lametta. Perfekt! Ich hab außerdem noch Eierlikör im Gepäck, weil es meine Wettschulden sind. Ich hab meine Prüfung ja letztes Jahr bestanden. Und genau heute findet der nächste Prüfungszyklus statt, was mich an meine Zeit vor fünf Monaten erinnert. Entsprechend fühle ich mich gerade einfach nur gelöst und glücklich. Am Ende des Tages bin ich zwar müde, aber das war’s wert. So darf es bitte, bitte weitergehen.

Inseln des Glücks

Wie sieht ein rundum gelungener Tag aus? Ich schätze, das ist für jeden von uns etwas anderes. Für mich hat es viel mit Harmonie zu tun. Wir sind gestern gemütlich gestartet und gen Neuschwanstein gedüst. Es war – trotz traumhaftem Wetter – kein Stau auf dem Weg dorthin. Wenn dann die ersten Berge sichtbar werden, hat das schon was Erhabenes. Und das sage ich, der erklärte Meer-Fan. Daran wird sich auch nichts ändern. Beim Anblick des Meeres und damit verbundenem Wind…mmmh. Wenn dann noch die Zehen den ersten Sand spüren dürfen, dann habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Komisch, zumal ich nie am Meer gelebt habe – zumindest nicht in diesem Leben. Das Meer ist ständig in Bewegung und bringt auch in mir manches in Bewegung. Und genau das bringt mich innerlich ins Gleichgewicht. Man, klingt das paradox. Und doch ist es genau das Gefühl in mir, was es auslöst. Es wird also Zeit, noch mal ans Meer zu kommen.

Doch zurück zu Ludwigs Spuren. So bewegt, wie das Meer ist, so verlässlich stehen die Berge in dieser Umgebung. Das ist einfach majestätisch. Wie man auf Idee kommen kann, hier ein Schloss hinzubauen, erschließt sich mir nicht. Umso faszinierter bin ich, als ich es sehe. Irgendwann in meinen ersten Lebensjahren waren wir wohl mal hier, um uns das Schloss aus der Entfernung anzusehen. Daran habe ich allerdings keinerlei Erinnerungen mehr. Ich kann mich schon noch daran erinnern, als wir meine Großeltern zu damaligen Urlauben mitgenommen haben. Meine böse Omma ist in den Erinnerungen nahezu gar nicht existent. Dafür mein Oppa umso mehr. Er war ein neugieriger, offener Mensch, der daran Spaß hatte, Neues zu entdecken und sich an meiner kindlichen Faszination ergötzen konnte wie kein Zweiter. Ich war vorwitzig und hatte schon früh eine blühende Phantasie. Ich glaube, das hat ihm gefallen. Er, der nie vom Krieg erzählt hat, aber mit Sicherheit viel zu viel Grauen gesehen hat neben seiner Enkelin, die sich über alles Mögliche freuen konnte. Wenn er mich nur angesehen hat, bekam er schon feuchte Augen. Und wenn meine Eltern mal wieder schimpfen wollten und er zugegen war, kam sein: „Loat datt Känk. Datt hau et net bös jement.“ Keine Ahnung, warum der Draht zwischen ihm und mir so besonders war? Ich war schließlich nicht sein einziges Enkelkind. Vermutlich war es diese gemeinsame Neugierde aufs Leben? Ich schätze also, er hätte auch gestern eine Menge Spaß gehabt, wäre er dabei gewesen. Ich hätte seine Gesellschaft auf jeden Fall sehr genossen.
Corona geht uns, glaube ich, kollektiv mächtig auf den Zeiger. Aber ein Gutes hat es dann doch: Es ist nicht proppevoll. Meine Kollegin kommt aus dem Allgäu und weiß zu berichten, dass es gut und gerne vier, fünf Stunden dauern konnte, wenn man ins Schloss wollte. Heute gibt es keine Warteschlangen. Es wird vorher gebucht. Und aufgrund des Reiseeinbruchs weltweit, ist es hier vollkommen entspannt. Wir wandern den Weg hinauf, worauf ich stolz bin. Alternativ hätten wir nämlich durchaus eine Kutsche nehmen können, wie das einige tun. Aber mir tun a) die Pferde leid und b) hat meine Kollegin ein Trauma bzgl. Pferden. Die Sonne scheint uns zwischendurch ins Gesicht und kitzelt nur noch mehr gute Laune hervor. Wir sind über eine Stunde zu früh oben und können daher in Ruhe das Wetter genießen…gut, und das Beobachten anderer Leute. Das macht doch immer am meisten Spaß. Es sind schon einige Leute hier, aber eben kein Gedränge. Zwei Mädels fallen und natürlich besonders auf, weil sie geschlagene 30 Minuten posen und sich dabei im Wechsel fotografieren. Dann werden die Bilder begutachtet und die nächste Runde geknipst. Aaaaah, was bin ich froh, nicht mehr so jung zu sein, mich nicht Influencer schimpfen zu müssen und auf Botox schlichtweg zu verzichten. So ein Leben stelle ich mir schon anstrengend vor. Von außen betrachtet dient es allerdings der guten Unterhaltung.
Um Punkt 13:35 Uhr werden die Einlass-Terminals für uns freigeschaltet. Und auch hier danke ich den Corona-Umständen. Normalerweise umfasst so eine Führung 60 Teilnehmer. Wir sind gerade mal 18. Mehr als 20 sind auch nicht erlaubt. Wir sind zwar immer noch zeitlich stark limitiert, doch es macht trotzdem Spaß. Wie kann sich ein Mensch so was ausdenken? Ich bin echt fasziniert. Beispielsweise eine Tropfsteinhöhle einbauen zu lassen, ist schon echt krass. Die Räume sind auch gar nicht so überdimensioniert, wie ich angenommen hatte. In der Tat könnte ich mich hier durchaus wohfühlen. Gut, dieses Treppengerenne würde mich schon nerven. Aber hier gibt es Hucken (Erker, ich weiß), die laden mich total zum Verweilen ein. Sie sind natürlich abgesperrt. Wenn ich mir vorstelle, hier auf der gepolsterten Bank zu hocken, ein gutes Buch zur Hand, einen Chai Latte oder Kaffee neben mir…ach, das fänd ich schon echt dekadent, aber genial.
Ganz oben nehmen wir dann auch den Sängersaal in Augenschein. Hier würde ich zu gerne mal Theater spielen. Schade, dass es nie zu Aufführungen gekommen ist, weil Ludwig da schon zu schwermütig gewesen ist. Das Leben hat ihn enttäuscht. Das Rütteln an der Monarchie hat ihn fassungslos gemacht. Irgendwie mag ich diesen traurigen und doch so kreativen Kopf. Er hat immerhin Wundervolles erschaffen, statt nur vor sich hinzuschmollen. Auch wenn er früh gestorben ist, hat er der Nachwelt seine bunten Träume hinterlassen. Wer kann das schon von sich behaupten?
Auf dem Rückweg verweilen wir eine geraume Zeit auf dem Balkon, der einen traumhaft weiten Blick ermöglicht. Die Sonne küsst uns dabei, was mich breit strahlen lässt. Das macht einen tollen Tag für mich aus. Inspiration, neue Welten, aber auch Ruhe und Verweilen. Dazu gute Gespräche und andere Menschen. Zwei kleine Jungs sind in unserer Führung dabei gewesen. Der Große ist vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und man merkt ihm die Aufregung an. Ganz interessiert fragt er den Tourguide ein paar Dinge. Er ist so fasziniert, was mich total ansteckt und sofort wieder an meinen Oppa denken lässt. Im Rausgehen sage ich zur Mutter, wie toll ich ihre Kinder fänd, was sie unbändig freut. Auch dem Vater entlockt es ein stolzes Lächeln. Wieso vergeben wir eigentlich nicht viel häufiger Komplimente? Ich meine kein Geschleime, sondern einfach, wenn uns was positiv auffällt? Das kostet nichts, tut mir nicht weh und freut im bsten Fall mein Gegenüber. Eigentlich so einfach. Nur wenn ich im Hamsterrad renne, denke ich an diese einfachen Dinge oft gar nicht so richtig.
Nachdem wir unten angekommen sind, gibt es erstmal ein Radler, um den Durst zu löschen. Und ich bemerke einmal mehr, wie groß mein Durst wirklich ist. Natürlich meine ich damit nicht den Durst nach Flüssigem, sondern den Durst nach Austausch, neuen Eindrücken, Tieftauchen in andere Welten und einfach mal bewusstem Sein. Klingt wieder ein wenig esoterisch, ich weiß. Und doch fehlt mir das einfach mal Sein derzeit sehr. Da ich die Einzige bin, die daran etwas ändern kann, nehme ich mir das mal wieder verstärkt für die Zukunft vor. Ich möchte mir mehr Inseln schaffen, die mich beflügeln, um mir meine Welt zusammenzuspinnen. Auch wenn ich den Geist von Ludwig nicht gesehen habe, spüren konnte ich ihn wohl schon irgendwie.

bunte Märchen

Ich weiß ja nicht, wie es Euch so geht? Mir war und ist alles im Moment zu negativ. Es geht gerade eine Menge ab, bei dem ich kaum noch hinterher komme. Zweimal habe ich schon angesetzt und einen Beitrag verfasst, den ich beide Male in die Tonne getreten habe, weil es mir immer zu negativ war. Was will man auch erwarten? In den Nachrichten laufen die schlechten Nachrichten wie am Fließband. In den letzten zwei Jahren habe ich das Wort „Krise“ öfter gehört als in allen Jahren zuvor in Summe. Und das kann man faktisch auch nicht schönreden. Trotzdem wünsche ich mir kleine Inseln der guten Nachrichten, des gemeinsamen Lachens. Abartig finde ich auch die Sondersendungen, die es nun jeden verdammten Abend gibt. Derweil wird schon auch berichtet, dass Umfragen zufolge immer mehr Menschen unter Ängsten und Depressionen leiden. Ach was! Nette Hinweise, man solle sich dann Hilfe holen, schmerzen mich dann wiederum, da ich weiß, wie ellenlang die Wartelisten sind. Verrückte Welt.

Umso glücklicher bin ich dann an diesem Tag. Warum? Diese Woche haben neue Studenten bei uns angefangen. Sie müssen sich auch testen, keine Frage. Nur spüren sie in den meisten Fällen gar nichts, wenn sie Corona haben. Und so hockten dann Studenten und die Betreuerin zur Einarbeitung in einem Raum den ganzen Tag lang zusammen – meist ohne Maske. Am nächsten Morgen kam dann die Info: Huch, der eine Studi ist nun positiv getestet. Damit mussten auf einen Schlag alle Studis Zuhause bleiben, ebenso die Kollegin, die die jungen Hüpfer betreut. Und genau diese Kollegin bräuchte ich für eine Schulung. Sie wird die Schulung perspektivisch übernehmen. Die allgemeinen Parts hätte ich ihr dann gezeigt. Sie war allerdings für das Spiel zuständig – zusammen mit einem Studenten. Ich habe mir das wohl recht komplizierte Spiel gar nicht angeschaut, weil dieser Part von den beiden durchgeführt werden sollte. Tja, da musste ich die Schulung anderthalb Tage vor Durchführung leider absagen. Ist keine Raketenwissenschaft, nichts Weltbewegendes, also schmerzt diese Absage auch niemanden wirklich.
Ich habe derzeit lauter Piddelskram zu tun, also blöde, kleine Kackarbeit. Ich bin definitiv keine für die letzten zehn Prozent. Ich bin das noch weniger, wenn mir die 90 Prozent davor schon keine Freude bereitet haben. Mit entsprechend Überstunden ausgestattet, habe ich mir also kurzerhand diesen nun terminlich freigewordenen Tag als Gleitzeittag genommen. Mit einer anderen Kollegin zusammen haben wir spontan entschieden, heute frühstücken zu gehen. Es fühlt sich wie Urlaub an. Nach ein paar schlaflosen oder mindestens schlafgestörten Nächten (ein Dank an die Nachbarin!) gar nicht so verkehrt, kann ich Euch sagen. Anschließend haben wir sogar noch eine Runde durch den Westpark gedreht, wo die ersten Krokusse sprießen. Die Sonne strahlt, das erste zarte Grün kommt raus…und das gibt mir gerade einen guten Schub. Gerade mit einem Chai Latte auf dem Balkon – ach, geht´s mir gut. So eine kleine positive Insel meine ich, die wir uns wohl nur selbst gestalten können. Angeflogen kommen sie nämlich leider nicht.

Dazu kommt noch eine andere tolle Aussicht: Der Freund meiner Kollegin hat sich leider auch mit Corona eingelassen. Sie hatte vor Wochen Karten für Schloss Neuschwanstein gebucht, die man – trotz Corona-Nachweis – nicht stornieren kann. Ich kann die Veranstalter schon verstehen, dass sie nach der Dürrezeit jetzt keine Kulanz mehr walten lassen können. Als sie erzählte, sie würde nun alleine fahren, damit nicht beide Karten verfallen würden, habe ich spontan gefragt, ob sie sich Begleitung wünsche? Und so werden wir morgen – bei prognostiziertem Kaiserwetter – das Schloss des Märchenkönigs besuchen. Das macht die Welt nicht heile. Das macht auch meine Chefin nicht zu einer Person, die anderen Menschen vertraut. Das macht auch meinen jammernden Ex-Chef nicht wett, der ja nicht mit 62 Jahren in Vorruhestand gehen kann, weil er zu wenig Geld habe, nun aber eine Wohnung in Italien kauft. (Und ja, er hat immer noch seine 80 qm große Wohnung, die er als Lager benutzt, was ihm meinen Kommentar eingebracht hat: „Weißt Du, was? Ich wünsche Dir, dass sie dort Geflüchtete unterbringen und Dich zwangsenteignen.“ Brachte mir nur einen Lacher von ihm ein und ein: „Jaja, ich weiß ja, dass Du sozial eingestellt bist.“ Bei manchen Menschen packe ich mir nur noch an den Kopf…)
Der Trip wird nicht alles ins Gute wenden. Aber er wird meinem Köpfchen ein wenig Freiraum geben, aus der Gedankenspirale auszubrechen, ein wenig rumzublödeln und zu staunen, wie „Verrückte“ solch wunderschöne, spinnerte Ideen zur Realität werden lassen. Ich freu´ mich auf die Umgebung und Einflüsse von Ludwig. Sollte ich seinem Geist begegnen, werde ich mit ihm plauschen. Wir brauchen nämlich für meinen Geschmack mehr Märchenschlösser, mehr bunte, schöne Ideen – und seien sie noch so überdreht. Denn die bösen Märchen, die derzeit auf dem Programm stehen, habe ich dick. Ich wünsche mir, mich inspirieren zu lassen, um mit neuem Elan in die Zukunft zu gehen. Denn Rabotzigkeit lähmt mich nur. Die brauche ich zwar zwischendurch auch, nur bremst sie meinen Freiheitsdang, meinen Gestaltungswillen und meine kreative Ader. Mal schauen, ob Ludwigs Schloss meine Motivation aus der Karibik hervorlocken kann? Ich vermisse die Gute nämlich mittlerweile ganz arg. Wenn sie einer von Euch sieht, richtet ihr das gerne aus.
In diesem Sinne: Ich wünsche Euch ein sonniges, schönes, buntes Wochenende!

was ist das für eine Zeit?

Was für eine Woche! Es ist so viel Wirrwarr im Kleinklein bei uns, dass wir künstlich beschäftigt wirken. Derweil beginnt ein Krieg auf unserem Kontinent. Das ist so unfassbar, dass mir die Worte fehlen. Das Perverse ist wohl: Zugetraut haben wir es Putin mehr oder weniger alle, oder? Nur dass er damit durchzukommen scheint, das überrascht mich. Gefühlt stehen wir am Rand und schauen wie Kindergartenkinder zu. Das erschüttert mich am meisten. Ich meine zu verstehen, was die Gründe sind. Die Ukraine ist nicht in der Nato, nicht in der EU. Demgegenüber steht ein Putin, der über Nuklearwaffen verfügt und munter damit droht. Aber es geht doch um Menschen, die in so einem irrwitzigen Krieg sterben. Wie ist es möglich, dass so was in der heutigen Zeit passiert? Andererseits: Wie vermessen, dass ich (und auch viele andere) so fassungslos sind, weil es in Europa passiert, wobei es in anderen Ländern seit Jahren auf der Tagesordnung steht, dass Bomben fallen, Menschen sich gegenseitig erschießen und sich gegenseitig hassen. Ich bleibe dabei: Das Ganze ist für mich einfach nur pervers.

Die Welt, in der wir heute leben, ist im Grunde die gleiche geblieben, dann aber auch wieder nicht. Wir Menschen sind anpassungsfähig, keine Frage. Das ist wohl unsere größte Stärke. Und dennoch wird unser Hirn gerade arg strapaziert – und bei dem ein oder anderen sogar überfordert. Corona mit all den damit einhergehenden Beschränkungen haben wir noch nicht mal verdaut. Abschließen werden wir damit so schnell ohnehin nicht. Und selbst, wenn wir ein Leben „nach Corona“ erreicht haben werden, werden die Spätfolgen noch lange zu spüren sein. Damit meine ich nicht das klassische Long Covid, von dem die Mediziner sprechen. Ich meine die anderen Schäden, die durch Vereinsamung und Angst entstanden sind und weiter entstehen. Viele Kinder und Jugendliche werden ihre Schäden davontragen. Vielleicht überraschen uns diese Menschen aber auch und werden dadurch stärker, als ich mir das gerade vorstellen kann? Ich weiß es nicht…und lebe eigentlich nach dem Prinzip Hoffnung und Zuversicht, dass alles gut werden wird. Wir werden uns weiterhin anpassen, ganz klar, weil es in der Natur des Menschen liegt. Und wer sich nicht anpasst, bleibt einfach auf der Strecke. Darwin lässt grüßen mit seiner These „survival of the fittest“. Und auch, wenn das ein „natürlicher“ Prozess ist, mag ich ihn nicht. Ich war immer fasziniert von Darwin und habe nicht zuletzt deswegen Bio Leistung belegt. Bei den Tieren und Pflanzen verstehe ich das auch. Aber bei uns Menschen…? Es ist im Grunde nichts anderes, ich weiß. Trotzdem macht es mich traurig.

Ich wünsche mir, wir würden endlich wieder näher zusammenrücken. Mir sind Grenzen egal, genauso wie Prozesse, auf denen in meinem Unternehmen der Fokus liegt. Es sind überall die Menschen, die betroffen sind und leiden. Aber sie können auch eine Menge bewegen, oder? Ich glaube nach wie vor daran, dass es mehr gute Menschen als böse gibt. Überhaupt glaube ich, dass kein Mensch böse auf die Welt kommt. Die Masken haben uns zum Teil anonymisiert und eine Distanz entstehen lassen. Es wird sie auch weiterhin noch brauchen, was ich verstehen kann. Aber vielleicht schaffen wir es ja trotzdem, wieder näher zusammenzurücken? Mehr auf andere zu schauen und sie zu integrieren.
In einem meiner Theaterstücke habe ich mal einen Scherz darüber eingebaut, den eine alte, tüddelige Oma sagt: „Die Russen kommen!“ Ich wünsche mir, dass dies wieder zu einem Scherz werden kann – und nicht der Wahrheit entspricht.

Revolution und andere Lispelfallen

Ich bin mal wieder (immer noch?) müde. Dabei steh´ ich morgens recht ok auf. Aber spätestens nach der zweiten Abstimmungsrunde oder einem ach so wichtigen Meeting, merke ich diese Tendenz, wie mein Kopf nahezu magisch Richtung Tastatur gezogen wird. Ja, ich weiß um das Phänomen der Schwerkraft. Aber das hier ist mehr als pure Schwerkraft. Es ist Ermüdung durch Rumgesülze und Geschwaller vom Feinsten. Zu allem Überfluss habe ich dann letzte Woche auch noch ein neues Handy erhalten. Jetzt würden viele bestimmt „hurra“ schreien, weil es ja soooo cool ist, ein iPhone 12 zu besitzen – allein, ich mag kein Apple. Und auch privat muss ich nie den neusten Shit haben. Es interessiert mich schlicht und ergreifend nicht. Das Ding muss telefonieren können, what´s appen, um mit meiner Cousine zu kommunizieren von mir aus noch telegramen (nicht verschwörungstheorielastig, versprochen) und Ende. Nett sind auch ein paar andere Apps, auf die ich aber ehrlicherweise verzichten könnte.
Doch nein, in der Arbeit bin ich gezwungen, diesen neusten Mist zu bedienen. Die Kerle, die eigens dafür von extern eingestellt sind, um diesen Tausch von Altgeräten (hallo?! Ich habe das erst seit 2019!!! Wenn das alt ist, bin ich mit 45 Jahren ja schon scheintot!) vorzunehmen, sind richtig, richtig nett. Wirklich wahr, sie geben sich voll Mühe, beantworten Fragen und erklären einem alles in Ruhe. Trotzdem bin ich genervt. Und zu allem Überfluss geht jetzt nichts mehr per Fingerabdruck, sondern nur noch per Face-ID. Meine Augen (den Rest hat ja die Maske verdeckt) bzw. mein Blick muss ausgereicht haben, dass der liebe Kerl meinte: „Das können Sie auch in Ruhe Zuhause machen.“ Als ob ich da mehr Bock drauf hätte. Und so schiebe ich diese Sache eben…
Was ich allerdings nicht schieben kann: Mittlerweile erhalten wir weder Zeitnachweise, noch Abrechnungen per Post. Per Mail ist es wohl nicht erlaubt, weshalb wir so ein Online-Geschiss haben. An sich eine gute Sache, papierlos, umweltbewusst, alles ok. Ich frage mich allerdings, wie so manch älterer Kollege damit umgeht, der bislang nur über ein Handy, nicht jedoch über ein Smartphone verfügt. Doch, ehrlich wahr, es gibt sie noch, die Technik-Verweigerer. Irgendwie ziehe ich auch den Hut vor ihnen. Doof nur, dass man auf so einen alten Nokia-Knochen keine Apps laden kann. Noch doofer, dass man für unser System den Authenticator von Google installieren muss. Habe ich auch alles letztes Jahr installiert und passend gemacht. Nach dem Handy-Tausch ist allerdings vor dem neue-Apps-Installieren. Nun muss ich also diesen Authenticator neu installieren. So weit, so einfach. Trotzdem nimmt er die Zweifach-Authentifizierung nicht an. Ich finde es schon gar nicht so einfach, den Begriff „Zweifach-Authentifizierung“ dreimal schnell hintereinander fehlerlos zu sagen. Aber wenn das Kackding nicht mal mehr tut, was es soll, bin ich erst recht genervt. Ich rufe also in unserer Technik-Hotline an, die immer froh sind, wenn man sich bei ihnen meldet…ääääh, nicht. Da ich aber schon ziemlich weinerlich klinge, ist er zunächst noch freundlich, wälzt den Anruf aber vorsichtshalber mal auf die iPhone-Truppe ab. Warum? Weil er keinen Bock hat. Woher ich das weiß? Von der iPhone-Truppe. So was liebe ich total. Die einen sagen über die anderen, was sie für Deppen sind. Heidanei, des mog i fei so richtig. Ich erkläre umständlich mein Problem, der Herr sagt, er sei eigentlich nicht zuständig. Ich sage, ich sei eigentlich so weit, das Ding aus dem Fenster zu schmeißen, dann zu heulen und mich anschließend einfach ins Bett zu legen. Alkohol würde ich selbstverständlich bei allen Schritten dazutrinken. Er lacht. Und dann wälzt er eine FAQ-Datenbank zu diesen Themen. Was mache ich derweilt? Probiere einfach munter alle möglichen Knöpfe aus. Und irgendwie löse ich das Problem. Er kann´s nicht fassen – ich noch viel weniger. Er nennt mich seine „zukünftige Expertin für dieses Thema, wenn die nächsten Kollegen anrufen und die Deppen vom Technik-Support mal einfach wieder durchstellen“ würden. Is klar. Dann trinke ich eben mit den Anrufern gemeinsam einen per Skype. Ich frage ihn noch scherzeshalber: „Warum ist das mit der Technik eigentlich so doof?“ Und er kontert: „Warum kommt im Wort „Lispeln“ eigentlich ein „s“ vor? Ist das nicht diskriminierend?“ Da hat er mich. Es kommt so völlig unvorbereitet und plötzlich, dass ich einfach nur noch lachen kann. Kennt einer von Euch die Antwort? Ich glaube, mit solchen Fragen beschäftige ich mich lieber als mit meinen unsäglichen Meetings.
Es geht sogar so weit, dass ich schon recherchiert habe, welche Sabbatical-Möglichkeiten ich im Unternehmen so habe. Doof, dass sie „nur“ anbieten, geringfügig beschäftigt zu bleiben. Ich fänd es gut, wie es in anderen Firmen möglich ist: Du arbeitest bspw. sechs Monate voll, erhältst aber nur Zweidrittel Deines Gehalts. Für drei Monate Auszeit erhältst Du dann weiterhin Zweidrittel Deines Gehalts. Klingt doch besser als: Du arbeitest drei Monate nicht, bleibst aber für einen Tag pro Woche angestellt. Diesen einen Tag pro Woche musst Du mit Urlaub oder Gleitzeit ausgleichen. Aber Ihr seht: Ich beschäftige mich schon mal damit. Auch auf Hilfsprojekt-Seiten für Afrika habe ich mich schon mal umgeschaut. Es ist noch gar nichts konkret. Keine Ahnung, ob ich noch einen Schubser brauche?
Meine Chefin mutiert gerade auch etwas, was mich schon leicht nervt. Sie fängt an, auch so langsam Scheiße als Gold verkaufen zu wollen. Entgegen unserer Absprache hat sie mir bislang nur einen Freitag Mitte März als Gleitzeit bewilligt. Besprochen war, dass ich in den nächsten Monaten ab Mitte März an allen Freitagen meine Gleitzeit abbaue, um dann zu schauen, was ich so machen will. Ich bin echt ein Elefant – nicht nur meinen Hintern betreffend, sondern auch das Gedächtnis. Man sollte mir nie etwas versprechen und es dann nicht halten. Mit einem klaren „Nein“ kann ich leben. Mit einem „Ja“, das dann aber nachher gedreht wird, als hätte man nie drüber gesprochen, kann ich hingegen so gar nicht umgehen. Wir werden sehen…vielleicht ist das der letzte kleine Schubser, den ich noch brauche? Möglich ist alles… Wobei sie schon auch von meiner Sabbatical-Idee weiß und diese richtig gut findet.
Verrückt, diese Zeit. Jeden Tag wird eine neue Losung ausgerufen. Was gestern galt, ist heute vergessen. Ich mag Wandel und Veränderung, aber meine Werte haben dabei dennoch Beständigkeit, was ich nicht zur Diskussion stellen werde.

Dafür habe ich dann einen halbstündigen Termin, aus dem letztlich ein zweistündiger wird. Eine Führungskraft hatte eine kurze Rücksprache reingelegt und dann doch mit mir über Jan und Pitt philisophiert. Ob ich ihr jemand Gutes zum Thema Rhetorik nennen könne? Durch ein paar Fragen kamen wir dann an des Pudels wahren Kern: Ihr Selbstwert ist es. Und da bin ich dann wieder baff, denn die Gute ist gerade mal 34 Jahre alt, bereits seit vier Jahren Führungskraft, sehr empathisch, tatkräftig, verlässlich und sehr geschätzt – nur eben nicht so von sich selbst. Die größten Herausforderungen habe sie mit den Ebenen über ihr. Ach was! Es ist erstaunlich, wie sehr die Abschaffung von Hierarchien gepredigt wird, um andererseits durch Druck und Angst zu führen. Sie überlegt, ob es nicht besser sei, zu lernen, sich diesen Wesen in der Kommunikation anzupassen? Auf keinen Fall!!! Wir haben genug Speichellecker, Machtgeile und Verachtende. Da bin ich froh und dankbar für jeden, der menschlich und sozialkompetent ist. Ich bestärke sie darin, sich selbst treu zu bleiben, erkläre ihr Interventionsmöglichkeiten, wenn der Druck in solchen Runden zu sehr steige und biete ihr Unterstützung an, wenn sie da ein Sparring benötige.
Menschen dabei zu unterstützen, mehr an ihren Wert zu glauben, mehr bei sich zu bleiben und sie zu stärken, weil sie wirklich gut sind, das bereitet mir Freude. Dabei erkenne ich nur immer wieder deutlich: Ich arbeite nicht in meinem Stärkenfeld, nach meinen Neigungen und dem, was mir sinnhaft erscheint. Denn diese Art der Arbeit gehört gar nicht zu meinen Aufgaben. Ich mache sie nebenher unterm Radar…quasi als meine Form der Revolution. Nur weil ich andere Dinge auch kann, bei denen man mich einsetzt, machen sie mir automatisch Spaß. Wieso setzen wir nicht mehr Menschen nach ihren Neigungen ein, sondern verbrennen sie durch massiven Motivationsverlust? Der Wert der Mitarbeiter wird immer noch zu sehr unterschätzt. Dabei schreitet der Fachkräftemangel auf allen Gebieten munter voran. Es braucht neue Wege, neue Ideen und weniger Manager-Handbücher aus den 80ern. Wer Zeit und Lust hat, kann sich gerne mal auf YouTube den Kurzfilm „Musterbrecher“ anschauen. Da sieht man, dass es auch anders geht…und vor allem auch verdammt erfolgreich. In diesem Sinne: „Viva la Revolución!“ – um es mit Ches Worten zu sagen. 🙂