Nickeligkeiten

Heute wird es heiß, aber die Tagesplanung ist gechillt. Daher passt’s für mich Sommermuffel. Ich bin mit meiner Kollegin zum Frühstück verabredet. Sie verspätet sich für ihre Verhältnisse ordentlich, was ihr allerdings nur ein bisschen leid tut, und kommt – anders als geplant – mit dem Auto. Sie war schon auf dem Sprung, aber hat dann beim Abschiedskuss mit ihrem Freund die Gunst der Stunde genutzt und ihn kurzerhand vernascht. So selig, wie sie grinst, kann ich’s ihr nicht mal übel nehmen. Ihre Offenheit entwaffnet einfach.

Wir quatschen wieder ausgiebig über alles Mögliche. So was kommt einfach viel zu kurz. Außer von ihr, bekomme ich vom restlichen Team kaum etwas mit. So viele Teams treffen sich privat, um den Teamgeist aufrechtzuerhalten. Da unserer vorher schon nicht vorhanden war, muss man auch nichts aufrechterhalten. So einfach isses manchmal. Ich komme ja Gottseidank genug rum in der Firma, weshalb ich immer genügend Austausch habe, aber meiner lieben Kollegin ergeht es leider anders. Das würde ich auf Dauer nicht aushalten. Da gönne ich ihr zum Ausgleich den Quikie am Morgen von Herzen.

Apropos aushalten: Wen habe ich lange nicht erwähnt? Richtig, Heinz. Er bekennt sich klar dazu, nicht in den Knast gehen und dort schulen zu können/ wollen. Das kann ich sehr gut verstehen. Er weiß ja eigentlich um seine Oberlehrerart. Und die käme so gar nicht gut bei den Jungs an. Er hätte dort einen verdammt schweren Stand. Ich frage mich schon hin und wieder, ob ich das hingegen zu leicht sehe? Keine Ahnung… Ob es Naivität ist? Oder Gutgläubigkeit? Ich kann es nicht sagen. Wenn ich so rückblickend darüber nachdenke, finde ich mich schon etwas strange. Übernächste Woche bin ich ja wieder da und weiß, ich mache es exakt erneut so. Wer kann schon gegen seine eigene Natur? Und trotzdem hoffe ich, dass ich dafür nie einen hohen Preis zahlen muss. Drückt mir dafür gerne die Daumen.

Vorhin habe ich eine Art Rüffel bekommen. Nichts Schlimmes. Nur das Blöde daran: Die Person hat recht. Die Kamera funktioniert nämlich immer noch nicht. Entsprechend hätte ich die Schulungen gar nicht durchführen dürfen. Zuständig dafür ist die Justiz. Denen ist es wurscht, wenn die Schulungen – und damit die willkommene Abwechslung – nicht stattfinden. „Bestraft“ würden dadurch also die Inhaftierten. Und genau das mag ich ja nicht. Doch streng genommen, kompensiere ich die Fehler anderer, was mich – im schlimmsten Fall – in arge Bedrängnis bringen könnte. Ich hoffe immer auf das Beste, aber ein wenig fahrlässig ist das schon. Ihr seht schon, ich nenne es nur „ein wenig fahrlässig“. Ja, so kann ich mir meine Welt schon immer wieder nett zurechtbiegen. Ich weiß schon darum – nur ändern kann ich es so schlecht. 🤷‍♀️

Der restliche Tag läuft ohne Aufregung ab. Ich glaube, mich macht das Wetter zu antriebslos, um mich so richtig aufzuregen. Ich telefoniere mit Freunden und Familie, was mich ja immer glücklich macht. Nun gilt es nur noch, mir einen Schlachtplan fürs Wochenende zurechtzulegen. Ein Punkt ist schon mal klar geregelt: Ich gehe nicht raus. Wenn ich die Hitze meiden kann, tu ich das. Ob ich wohl in einem früheren Leben Vampir war? Es ist nicht, wie bei den Menschen mit der Lichtkrankeit, aber ich mag dämmriges Licht oder auch völlige Dunkelheit. Das wirkt irgendwie beruhigend auf mich. Wäre ich ein Tier, würde ich auch keinen Winterschlaf brauchen. Vermutlich würde ich den Sommerschlaf etablieren. Das wäre doch was, oder? Ich wäre voll die Trendsetterin. Oder ich wäre ein Hybrid: Im Sommer als Faultier unterwegs und im Winter irgendwas aktives. Vermutlich ein kleines Äffchen. Die halten ja keinen Winterschlaf. Was weiß denn ich?

Ihr merkt schon, mein Hirn fängt wieder leicht an zu köcheln. Ein weiterer Agendapunkt ist eine Mail an die Tuse vom Institut. Sie mag es wohl nicht, dass ich nachgefragt habe, wie sie es finanziell zu kompensieren gedenken, dass wir nur noch Webinare haben. Gebucht sind Präsenzseminare. Da ihr das wohl nicht passt, bietet sie großzügigerweise an, dass ich kostenlos ab September kündigen könnte. Aaaaah ja. Glücklicherweise hat mir ein Freund den Paragraphen rausgesucht, der dargelegt, dass dies ohnehin mein gutes Recht und keine Kulanz ihrerseits ist. Doch von Kündigung mittendrin, was wenig sinnvoll ist, war nie die Rede. Das ist eine Möglichkeit, sich unbequemer Menschen zu entledigen. Schon krass. Da mag es dann nicht mehr verwundern, dass bereits einige aus anderen Kursen ihren Vertrag gekündigt haben. Dienstleistung scheint nicht jeder zu verstehen. Vielleicht beginne ich meine Mail mit einem Zitat aus dem Duden und bringe ihr näher, was die Bedeutung ist? Ehrlich, so was pisst mich regelrecht an. Dienstleister heißt nicht Sklave. Aber wenn eine vereinbarte Leistung nicht erbracht wird, dann darf man das als Kunde schon rückmelden. Ich habe ja in der Tat viel Verständnis, wie Ihr mitbekommen habt, als ich von den Inhaftierten berichtetet hab. Aber wenn mich jemand verarschen will, ist mein Verständnis schnell verbraucht.  Aber… ich mache es, wie Scarlett O’Hara: Ich verschiebe es einfach mal auf morgen. Zur Not kann ich ja mit meinen Knastbekanntschaften drohen. WAR EIN SCHERZ! Zumal es mich noch recht harmlos erwischt hat mit der Instituts-Schnepfe. Einen Mitschüler hat sie am Telefon wüst beschimpft. Daher habe ich auf schriftlicher Antwort bestanden. Ich habe auf diese Nickeligkeiten eigentlich keine Lust. Nur kann man auch nicht alles so hinnehmen, oder? Vorhin erfahre ich, dass eine weitere Mitschülerin meines Kurses das Institut wechseln will. Sie tut es allerdings kommentarlos. Wie will die Olle was lernen, wenn es ihr keiner sagt? Eben. Dann mach‘ ich das eben. Kann sich ja nicht jeder drücken. 😉

Verschwendung, Tankdeckel und Humor…

Die Nacht beginnt bei mir nicht so früh wie am Vortag. Da war ich so richtig platt. Ich starte meinen Tag trotzdem ausgeschlafen und gemächlich, schaffe es aber nicht, erst auf den letzten Drücker da zu sein. Bei der Justiz sollte man sich angewöhnen, sich Zeit zu lassen. Doch das lerne ich in diesem Leben nicht mehr. Entsprechend warte ich wieder fast 15 Minuten im Auto. Aber mittlerweile kennen die Jungs mich an diesem Tor. Der Lustige mit den „Doktorspielchen“ steht schon grinsend mit dem Fieberscanner hinterm Tor. Er misst und sagt: „Eiskalt, diese Dame.“ In Zeiten von Corona ist das wohl ein Kompliment. Da wir auf einen Wärter warten müssen, fragt er mich, was ich schule? „Lean Management. Jetzt sind Sie schlauer, hm?“ Er winkt ab. „Na, des is net moans.“ Ich erkläre ihm, worum es geht. Wenn nach Möglichkeit jeder seine Arbeitsprozesse auf den Prüfstand stellt und dabei nach Verschwendung Ausschau hält, man permanent nach der Verbesserung strebt. Er wirkt nicht angetan. „Ich könnte das auch gern mal für die Justiz anwenden und Sie alle schulen.“ Da gehen gleich drei Herren in Deckung und behaupten, das nicht zu brauchen. „Wetten, ich finde Verschwendung in Ihren Abläufen?!“ Doch sie bleiben bei nein. Wer hätte das gedacht, hm?

Ein älterer Wärter holt mich ab, während ihm die drei Kollegen vom Tor noch viel Spaß mit mir wünschen. Jungs bleiben einfach Jungs. Ich winke zum Abschied und wünsche Ihnen weiterhin viel Langeweile ohne mich. Der Produktionsverantwortliche klärt mich kurz auf, noch ca. eine Viertelstunde zu brauchen, dann würde er seinen Inhaftierten Bescheid geben. Ich lasse mich bereits in den Schulungsraum bringen, den ein anderer Kollege aufschließen muss. Doch das ist gar nicht mehr nötig. Bei Öffnen der Tür, sitzen die Jungs schon da. Bumm, wie eine Wand. Das ist recht normal, dass die Teilnehmer zu Beginn nicht gerade einen Freudentanz aufführen. Aber wenn alle schon da sitzen, es von jetzt auf gleich still wird und man die Abwehrhaltung förmlich spüren kann, ist es nicht gerade der Kracher. Also direkt in die Vollen: „Ich merke schon, Sie konnten vor Vorfreude nicht richtig schlafen, hm?“ Zwei, drei grinsen leicht, der Rest (elf, zwölf) verziehen keine Miene. Na, das kann ja heiter werden.

Ich kann sie schon verstehen. Da sitzen harte Jungs vor mir und haben Sorge, belehrt zu werden. Da hätte ich zunächst auch mal keinen Bock drauf. Ich sage: „Juut, dann legen wir mal los. Der Chef braucht noch 15 Minuten, aber den brauchen wir ja auch nicht wirklich, um arbeiten zu können.“ Einer fragt sofort: „Juut? Wo kommen Sie denn her?“ „Rheinland. Sie haben also Pech, es wird auch lustig heute.“ Hier und da bröckelt das Eis. Es ist immer ein Testen, ein verbales Abtasten und Beschnuppern. Geschenkt wird einem hier nichts. Leider kristallisiert sich heraus, dass der Teamgeist hier alles andere als gut ist. Es gibt verschiedene Unstimmigkeiten und einen, der quasi permanent lügt, alles besser weiß und nach seiner Haft nach Nizza zurückgeht, wo er angeblich eine Tauchschule betreibt. Er habe ausreichend Geld, um für sein Leben ausgesorgt zu haben. Puh, mit solchen Kandidaten ist es schwer, eine Schulung zu halten – vor allem, weil seine Kollegen hier genervt von ihm sind.

Aber es sind auch Spaßvögel dabei. Ich habe schwarze Kugelschreiber (das Beste an der gesamten Schulung) für jeden. Kritisch betrachtet ihn einer und merkt an: „Der ist ja schwarz!“ Und ich: „Klar, pink mit Strass war leider alle.“ Er grinst mich an: „Och, wir hätten durchaus ein paar, die darauf spünden.“ Wir reden hier von der Sorte Jungs, die andere als Frauenersatz „benutzen“. Oder als ich den Spruch von meiner lieben Omi bringe, dass man so lange lernen könne, wie die Finger alle gleich lang seien und einer seine Hand hochhält und lachend viereinhalb Finger präsentiert. Interessanterweise kommt er aus Italien, aber hat den halben Finger nicht an die Mafia verloren. Ich lach‘ mich schlapp und sage ihm, wie bewundernswert ich doch fänd, bei so vielen von ihnen noch Humor zu erleben. Sie zucken nur mit den Schultern: „Ohne überlebst Du hier drin nicht.“

Und das stimmt buchstäblich. Alle ein bis zwei Jahre begeht jemand hier Selbstmord. Selten sind es die Neuzugänge. Es erschüttert meine Kollegen jedes Mal, wenn sie ihn tags zuvor noch am Arbeitsplatz gesehen haben, wo noch alles in Ordnung schien. Die Arbeit bringt sie auf andere Gedanken, aber zwölf bis dreizehn Stunden sind sie auf Zelle, was 8 qm bedeutet. Da müssen sie witzeln, um nicht zu verzweifeln. Nach dem Essen, das Corona bedingt jetzt einzeln in der Zelle zu sich genommen wird, sagt einer: „Der Vorteil: Sie sitzen auf dem Bett direkt neben dem Klo. Und bei dem Festschmaus müssen sie nicht weit gehen, um den dann wieder loszuwerden. Oder ein anderer Vorteil: Haben Sie einen Fernseher auf Ihrem Klo? Wir schon.“ Und ich lache in dem Moment mit ihnen, was sie wohl brauchen. Das ist ihr Leben, ihr Alltag. Als Rückmeldung kriegt der schwierige Teilnehmer eine klare Ansage von den Jungs, dass sie sich mehr dieser Schulungen wünschten und es sie wütend mache, wie manche Vollidioten es jemandem von draußen mit ihren Nörgeleien und Sticheleien schwer machten. Sie hofften, ich käme wieder – und zwar genauso, wie ich heute war. Es ist also alles gut. Bis auf einen Russen, der mich leider so gar nicht verstehen und dem man den Frust darüber ansehen konnte.

Der Wärter am Tor erzählt mir, traurig zu sein, weil ich morgen nicht mehr zu ihnen käme. Ich eröffne ihm, in zwei Wochen wieder da zu sein. Er schaut sofort in seinen Kalender und verkündet freudestrahlend, dann auch Tagesschicht zu haben. Dann würden wir zwei uns mal privat treffen und über Verschwendung reden. Ääääh, ich weiß nicht, wie ernst er das meint, aber ich nehme es mal mit Humor.

Weniger humorig verläuft derweil der Tankversuch. Es bleibt auch nur bei einem Versuch, denn der Deckel lässt sich partout nicht öffnen. Schlüsselkratzspuren zeigen mir, dass es meinen Vorgängern ähnlich ergangen sein muss. Wider meine Natur, will ich in der Bedienungsanleitung nachschauen, die aber nur in einer Sprache vorhanden ist – und zwar nicht der meinen. Wenn schon nicht deutsch, dann zumindest englisch? Auch nicht.  Ich breche ab und bringe den Wagen unbetankt zurück. Dabei ist es schon wieder so stickig und ich bin langsam unleidlich.

Ich komme zeitgleich mit Oppa von gegenüber an, als ich nach der Post sehen will. Als ich zwei Minuten später in meiner Küche ankomme, ist er schon wieder oberkörperfrei auf seiner Terrasse unterwegs. Puh, so weit gehe ich dann nicht, aber ich entledige mich auch vieler Klamotten, schenke mir ein Radler ein und setze mich auf den Balkon. Für diese Woche reicht’s echt. Und doch denke ich an die Jungs, die all das nicht haben und noch für einige Jahre entbehren müssen. Da geht es mir doch verdammt gut – mit und ohne öffenbarem Tankdeckel und Nudisten-Oppa…

Nicht nur Monster

Mir fallen bereits um 20 Uhr die Augen zu. Das ist echt nicht mehr normal. Ich wache zweimal kurz auf, aber schlafe dann doch wieder weiter bis zum Morgen. Da sieht man mal, wie platt ich bin. Es schlaucht und macht mich müde, aber es ist ein zufriedenes Müde. Wenn ich das beruflich nur öfter hätte. Und doch: Wenn ich es genau betrachte, dann ist es gut so, nicht fest hier zu arbeiten. Ich hätte zu viel Verständnis, würde zu sehr versuchen, die Ursachen zu ergründen. Und das ist nun mal schlicht und ergreifend nicht der Job. Da eine saubere Trennung hinzubekommen, wäre für mich nicht möglich.

Ein Kollege, der schon über 20 Jahre hier arbeitet, erzählt mir in der Pause, sich nur einmal dazu hinreißen gelassen zu haben, thematisch tiefer einzusteigen. Zwei Inhaftierte hätten sich während der Arbeit gestritten. Er sei irgendwann hingegangen, um zu schlichten, aber dazu musste er zunächst verstehen, was das Problem war. Einer war ein Türke, der einen griechischen Mann ermordet hatte. Der andere war ein Vergewaltiger. Beide waren entsetzt vom jeweils anderen und dessen Abgründen. Der Türke behauptete damals: „Zuhause würde man mich feiern dafür. Warum bin ich hier ein Straftäter? Aber eine Frau zu vergewaltigen? So was geht gar nicht!“ Der Vergewaltiger muss wohl gegengehalten haben: „Aber die Frauen leben alle noch. Der Grieche allerdings nicht mehr!“ „Aber wie leben die Frauen noch? Was ist das für ein Leben? Der Grieche war hingegen schlecht. Der hatte es verdient.“ Puh. Mein Kollege hat versucht, beiden zu erklären, dass beides schlimm sei und man so was nicht miteinander vergleichen könne. Es wurde eine längere Diskussion, wie man sich vorstellen kann. Und zufriedenstellend kann man so eine Diskussion für niemanden beenden. Mein Kollege habe sich seitdem auf keinerlei Diskussion mehr eingelassen, die außerhalb der Arbeit läge. Das hätte ihn die damalige Erfahrung gelehrt. Kann ich nachvollziehen. Ob ich wohl auch an den Punkt käme, da nicht mehr tiefer einsteigen zu wollen? Mir fällt es schwer, professionell zwischen Mensch und Kollege/Mitarbeiter zu unterscheiden. Nur wenn man da nicht aufpasst, kommt man schnell in den Wald. Andererseits besteht die Gefahr, zu stumpf zu werden. Und das würde ich auf keinen Fall wollen.

Lustig war auch eine andere, ältere Geschichte meines Kollegen. Er hat früher Fußball gespielt. Dabei hat er irgenwann einen Ellenbogen ins Auge bekommen, was ihm ein Veilchen beschert hat. Montags in der Arbeit kommt irgendwann ein Inhaftierter vorbei und spricht ihn an: „Das geht mich zwar nichts an, aber wir können das regeln, wenn Sie Probleme haben.“ Mein Kollege hat zunächst nicht verstanden, warum er Probleme haben sollte? „Na, das blaue Auge! Wir haben gute Kontakte draußen, die Ihnen helfen können.“ Da wurde ihm damals anders. Er hat es direkt richtiggestellt. Und irgendwie – auf eine sehr krasse Art – war das ein riesiges Kompliment vom Inhaftierten.

So ist es mir vor Jahren ergangen, als ich mit Langzeitarbeitslosen gearbeitet habe. Zum Abschied hat einer (damals auf Bewährung!) zu mir gesagt: „Sie waren immer korrekt! Wenn Sie jemals eine Waffe brauchen, besorge ich Ihnen eine. Versprochen!“ Ääääh… nö. Ich kann ja nicht mal auf Kirmesrosen schießen. Aber das ist es ja gar nicht. Es geht darum, dass sie sich damit erkenntlich erweisen wollen. Dabei reicht bei mir da ja völlig eine Tafel Schokolade, aber ich lebe nun mal nicht in ihrer Welt. Ich habe wohl auch einfach mehr Glück in meinem Leben gehabt. Denn bei einer Sache bin ich mir sicher: Jeder von uns könnte zum Mörder werden. Wir haben alle einen Überlebensinstinkt. Und Rachegefühle sind auch zutiefst menschlich. Das kann jeder gerne von sich weisen, doch derjenige belügt sich selbst. Ob ich den Rachegefühlen nachgebe, steht auf einem anderen Blatt. Und eine tatsächliche Genugtuung bereitet Rache auch selten. Es bringt nicht zurück, was ich verloren habe. Aber auch, wenn ich verstehen kann, dass jeder von uns zum Täter werden kann: Eine Waffe von jemandem besorgen zu lassen, kommt für mich nicht infrage – so nett gemeint das Angebot von meinem damaligen Klienten auch war… oder so gut gemeint das Angebot von dem Inhaftierten meinem Kollegen gegenüber damals war.

Und doch… Ich zitiere mal meinen Kollegen, der mir das sogar heute aufschreiben musste: „Mia glangt des i woaß des i kannt‘ wenn i woin dat.“ Geil, oder? Allein dafür hat sich mein Tag schon gelohnt. Aber es ist was dran. Weder er noch ich hätten die jeweiligen Angebote damals angenommen. Aber trotzdem ist es auch gut zu wissen, dass es Möglichkeiten gäbe – die nie, nie, NIE infrage kämen. Und trotzdem.

In einer Pause treffe ich einen Inhaftierten, den ich im Dezember in der Schulung hatte. Stolz berichtet er mir, was sie alles angepackt und verbessert hätten. Das Arbeiten fänd er jetzt angenehmer. Mir geht das Herz auf, als ich diesen Stolz höre. Das höre ich von meinen Kollegen außerhalb des Gefängnisses nicht. Dabei haben sie wesentlich mehr Annehmlichkeiten. Aber ob sie zufriedener sind? Dazu sagt heute ein Inhaftierter etwas Interessantes: „Wissen Sie, wenn ich draußen bin und mir eine Arbeit nicht passt, gehe ich einfach. Ich hab immer gedacht, ich brauche das alles: Haus, Auto, Urlaub usw. Hier habe ich 8 qm – und das reicht auch. Ich glaube, ich bin im Kopf freier als Sie oder manch einer Ihrer Kollegen. Freier als die ganzen Leute, die sich nie so radikal verkleinern und anpassen mussten.“ Wenn er da mal nicht Recht hat…

Über Tag treffe ich auch zweimal den russischen „Anführer“ von gestern, der mich freundlich grüßt und nett mit mir plaudert. Er fänd es schade, heute keine Schulung bei mir zu haben. Ich glaube, dass er das sogar ehrlich meint. Ich biete Ablenkung vom Knast-Alltag. Wie sagte ein Inhaftierter so treffend, als ich meinte, dass Überlastung auf Dauer krank mache: „Ich habe gerne möglichst viel zu tun. Es gibt nie zu viel. Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind eingesperrt. Wenn ich arbeite, vergesse ich für die Zeit meine Situation. Und die möchte ich nur zu gerne vergessen.“

Ein anderer bittet mich, „draußen“ den Menschen zu erzählen, dass sie nicht alle nur Monster seien, sondern auch Menschen. Sie hätten auch gute Seiten – auch wenn sie Schlimmes getan hätten. Und das versuche ich hiermit in der Tat ein bisschen. Die Taten sind grauenvoll. Ein paar kenne ich davon, die meisten nicht. Aber kein Mensch kommt als Monster zur Welt. Und nein, ich bin nicht naiv. Ich sehe die Welt nur nicht mehr ständig in schwarz und weiß. Es gelingt mir nicht immer, aber immer besser.

Recht und Gerechtigkeit?

Fangen wir mal mit Fakten an: In Niederbayern gibt es eindeutig mehr Mücken. Und nein, wir haben gestern nicht draußen gesessen. Wie denn auch bei dem Regen? Trotzdem hat mich eine oder mehrere der Mistviecher angezapft. Ich hasse sie! Im Nacken habe ich einen Stich, am linken Bein gleich zwei nebeneinander. Ich hab als Kind ja schon einmal völlig verzweifelt meine Mutter gefragt, warum der liebe Gott Mücken erschaffen hätte. Gut, nachdem ich viele Folgen der Big Bang Theory gesehen habe, glaube ich Sheldon durchaus die Theorie mit dem Urknall, den kein Gott erwirkt hat. Aber der Kern der Frage ist nach wie vor unbeantwortet: Warum gibt’s diese Drecksviecher??? Gegen die können sie gleich auch einen Impfstoff entwickeln. Man man man… so kann ich nicht arbeiten.

Ich schlafe selig und wache mit Vorfreude auf. Ja, es ist auch durchaus Sorge dabei, weil ich so schlecht vorbereitet bin, aber ich freue mich eben auch. Das muss wirklich komisch für Außenstehende sein, doch ich mag es, mit den Inhaftierten arbeiten zu dürfen. Aber zunächst muss ich wieder die Hürde der Beamten nehmen. Und heute habe ich wieder mal Glück: Es sind zwei lustige Vögel dabei. Ich muss meinen Perso hinterlegen, aber trotzdem noch mal meine Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse usw. angeben. Auf Nachfrage tut’s dann aber auch nur meine Mobilfunknummer. Ich grinse ihn an und frage: „Und dann rufen Sie mich an?!“ Er grinst zurück und sagt: „Wenn Sie des wolln, daat i’s scho mochn.“ Da rückt der Zweite näher mit dem Fieberscanner und ergänzt: „Un ätzat spualn ma Doktorspiele.“ Ääääh… nö. Aber lustig sind sie eben schon. Nur der, der mich dann abholt und zur Arbeit begleitet, ist wieder so ein Spaß-Befreiter. Und noch schlimmer: Er ist die Entdeckung der Langsamkeit. Ich könnte hier niemals fest arbeiten. Da würde ich an Ungeduld sterben. Ja doch, ich weiß, dass ich an der arbeiten muss. Irgendwann mal, versprochen.

Ich pfeife mir im Schweinsgalopp einen Kaffee rein und starte auch schon. Heute ist die Mischung nicht so bunt, wie beim letzten Mal. Eine Hälfte ist deutsch, einer ist Franzose, der Rest sind Russen. Verstehen können mich zum Glück alle. Es geht richtig harmonisch und locker zu. Eigenartigerweise ist das für mich genauso, als würde ich andere meiner Kollegen schulen. Heute reden wir sogar noch offener als mit dem Team vom letzten Mal. Ich habe ein interessiertes Publikum, das wirklich etwas lernen will, was ehrlich ungewöhnlich ist. Ich bin sofort wieder in meinem Element – die Aufregung war umsonst. Irgendwie ergibt es sich immer, dass es dann doch passt, wofür ich wirklich, wirklich dankbar bin.

In der Pause erfahre ich von Zweien, die bald raus dürfen – einer in zwei Wochen, der andere in 8 – 12 Wochen. Der Kollege, der in zwei Wochen raus darf, hat keine Angst davor – was einige durchaus schon haben. Sie werden zwar „vorbereitet“, indem sie stundenweise Freigang haben, was langsam gesteigert wird. Aber die Welt hat sich nach 30 Jahren doch sehr verändert… Und so lange sitzt er schon ein. Dass er nicht nur Kaugummis gestohlen hat, kann man sich vorstellen. Erst am Ende frage ich meinen Kollegen, was er gemacht hat, um so lange hier zu landen. Würde ich ihn wiedersehen, hätte ich das nie gefragt. Es ist schon gruselig, wozu Menschen imstande sind. Aber: Warum werden sie so? Ein Anderer verabschiedet sich am Ende, weil er beim nächsten Mal auch nicht mehr da sein wird. Ich wünsche ihm alles Gute für draußen, aber da klärt er mich auf: Er wird verlegt, weil er eine Intensivtherapie macht. Macht er sie nicht, kommt er nie wieder aus dem Gefängnis raus. Aber er hat Angst davor. Ein Jahr Intensivtherapie hat er schon einmal gemacht. Vier hat er nun vor sich und sagt, das sei die schlimmste Zeit für ihn gewesen. Er hätte sich seelisch nackt machen müssen, um dann aufarbeiten zu können. Puh. Er zittert leicht, als er mir davon berichtet. Also bestärke ich ihn und fordere ihn auf, es mal umgekehrt zu sehen: Er darf sich mit professioneller Hilfe seinen Dämonen stellen, wofür andere Leute viel Geld zahlen müssten. Er grinst verlegen und sagt: „Ich weiß, das ist meine Chance… aber ich hab echt richtig Schiss davor.“ Kann ich verstehen. Ich würde ihn zu gern umarmen, was nicht nur aufgrund von Corona verboten ist. Von ihm bekomme ich ein tolles Kompliment: „Man merkt Ihnen die Begeisterung an, uns was beibringen zu wollen. Schade, dass wir uns nicht noch mal sehen.“ Ja, das bedauere ich auch und wünsche ihm, dass sein Weg nicht zu schmerzvoll sein wird.

Ich gehöre schon auch zu den Menschen, die sagen, dass für Täter mehr getan wird als für die Opfer. Aber unterm Strich sind beide Seiten Opfer, und wir müssten für beide mehr tun. Niemand kommt als Monster zur Welt. Ob derjenige, der 30 Jahre gesessen hat, draußen überhaupt zurechtkommen wird, ist fraglich. Er wirkt nicht so reflektiert. Er wirkt eher verbittert, was ich schon auch verstehen kann. Was ist schon schwarz-weiß? Wenn es nur so einfach wäre. Doch an seiner Schuld gibt es keinen Zweifel.

Derjenige, der in zwei bis drei Monaten rauskommt, ist ein ganz anderer Fall. Er ist höflich, zuvorkommend, hat viel Vorwissen und… ist unschuldig. Sind sie das nicht alle? Er hat seine Strafe verbüßt, aber er behauptet nach 15 Jahren immer noch, unschuldig zu sein. Und er führt ein gutes Argument ins Feld: Der Justizminister hat behauptet, dass jedes vierte Urteil ein Fehlurteil sei. Ja, da zählen auch kleinere Delikte zu. Fakt ist aber auch, wenn Du einmal einen Stempel hast, wirst Du den auch nicht mehr los. Es gibt manchmal klare Beweise, oft aber nur Indizien. Es gibt sogar eine Täterin, die gestanden hätte, aber sie hätte es auch zwischendurch mal wieder widerrufen. Da steh ich nun und überlege: Stimmt das, was er sagt? Ich weiß, es behaupten viele. Aber er ist bald raus. Durch mich hat er keinerlei Vorteile. Vielleicht braucht er das, um vor sich selbst besser dazustehen zu können? Vielleicht ist es auch die Wahrheit. Interessant ist nur, dass nachher meine Kollegen sagen, dass sie mit den Inhaftierten noch nie in der Tiefe gesprochen hätten. Fachlich, ja. Aber alles darüber hinausgehend? Ein klares Nein.

Da zeigt sich wieder deutlich, dass ich a) dieses Erzähl’s-mir-Gesicht habe und b) nicht auf Dauer hierfür geeignet wäre. Ist doch auch eine wertvolle Erkenntnis. Die Russen hingegen sind der Kracher. Sie beschweren sich nicht und sind bestens untereinander organisiert. Bei einem spielerischen Element pfeift einer seine Kollegen auf russisch an. Optisch sieht er ihm ähnlich, wenn auch deutlich jünger, aber ich sage ihm lachend: „Ich glaube, ich nenne Sie nur noch Putin.“ Er lacht, schnalzt mit der Zunge und bewegt den rechten Zeigefinger wie ein Metronom. Als ich beim Feedback frage, ob der Umgang so ok war oder ich zu frech war, sagt der Boss von ihnen: „Chätten Sie gemerkt wenn…“ Ich zucke spielerisch zusammen, was uns alle zum Lachen bringt. Für ihn steht fest: Für manche ist es schlimm hier. Für andere ist es das Paradies. Für ihn? Ach, da läuft’s gut hier. Immerhin war er zwei Jahre in Isolationshaft. Da sei das doch jetzt alles schick. Aaaaaah ja.

Wahnsinn, wie unterschiedlich das hier wahrgenommen wird. Nach 14 Tagen, sagen alle, hätte man sich ans Einschließen gewöhnt. Irgenwann freue man sich sogar darüber. Für mich ist das nicht vorstellbar. Und – so straffällig die Männer hier auch alle sind, sind sie doch eine Bereicherung für mich und meinen Horizont. Klingt echt komisch, ist aber so. In diesem Sinne bin ich gespannt auf morgen.

… ein echter Montag…

Ums kurz zu machen: Der Grashüpfer hat bei mir Hausverbot bekommen. Auf mehrmalige Kontaktaufnahme meinerseits, kam so gar keine Resonanz. Da hab ich ihn rausgeschmissen. Wer sich so quer in den Stall stellt, ist es selber schuld, wenn er rausgeschmissen wird, oder? Wehe, mir widerspricht jetzt einer. Der fliegt dann auch vom Balkon – direkt dem Grashüpfer hinterher.

Ich mag heute Morgen nicht aufstehen, aber es hilft alles nix. Ich muss. Und so schlurfe ich also los. Keiner meiner Kollegen ist im Büro, was sich immer noch eigenartig anfühlt. Wann wird es wohl wieder so etwas wie Normalität geben? Ich denke, so bald wird das nicht der Fall sein. Seit vielen Wochen ist es heute das erste Mal, dass ich wieder mal an einer Teambesprechung teilnehme. Ich weiß wieder, warum ich mir zu dieser Zeit immer so gerne andere Termine reinlegen lasse. „You hold it in your head not out“ par excellence. Da wird meine Geduld wieder über Gebühr strapaziert. Nee, nee, nee, diese Selbstbeweihräucherung bereitet mir schrecklich viel aua. Mein Part liegt bei unter einer Minute. Ich weiß nicht, wie man so Zeit totschlagen kann? Nächste Woche muss ich mir wieder was Alternatives suchen. Denn wenn einer den Blutsturz wegwischen muss, den ich sonst hier bereiten werde, wird das eine fiese Sauerei sein, die ich keinem antun möchte.

Ich hetze wieder durch die Gegend und stecke kurz bei einem Kollegen des Nachbarteams den Kopf durch die Tür. Ich nenne ihn immer Schnucki-Wucki. Das „Wucki“ findet er schwul. Ist es aber gar nicht. Männer! 🙄 ich nenne ihn weiterhin so. Und weil ich Rheinländerin bin, lässt er es mir durchgehen. Er fragt mich, ob ich auch mal ohne Hetzen und Stress könnte? Ich grinse ihn an und schüttel‘ den Kopf. Ich brauche es, einen vollen Kalender zu haben. Andernfalls würde ich mich noch mehr über meine Kollegen aufregen. Und damit ist ja wohl keinem gedient.

Später als geplant, aber dann eben endlich doch, starte ich nach Straubing. Voller Erwartung gehe ich zum Mietwagen, um dann enttäuscht festzustellen, dass es ein kleiner, popliger Toyota ist. Ja, das Luxusgör in mir hätte mehr erwartet. Und das dämliche Ding verfügt noch nicht einmal über ein Navi!!! Ja, gibt’s denn heute so was überhaupt noch??? Ich bin bass erstaunt. Und gereizt. Ich flitze zu meinem Auto und hole meine Handyhalterung raus. Nicht mal die Lüftungsschlitze sind groß genug, um da vernünftig was ans Halten zu bekommen. Und es kommt, wie es kommen muss: Ich nehme prompt die falsche Ausfahrt. Wie oft bin ich die Strecke jetzt schon gefahren? Richtig. Schon oft. Richtung Stuttgart fahre ich nur, wenn es zu meiner Sis geht. Vielleicht war mein Herz da mal wieder lauter als mein Verstand. Wieso hab ich eigentlich von Geburt an so gar keinen Orientierungssinn, dafür aber meine Sis umso mehr davon? Bei 160 km/h fängt die Karre dann auch noch an zu vibrieren! Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mir wohl was bei Eis.de oder Amorelie bestellt. Puh… es ist wohl ein echter Montag. Als ich endlich ankomme, dröhnt mein Schädel. Ich hau mir eine Kopfschmerztablette rein und mich aufs Bett. Später habe ich noch ein Date…

Als ich los muss, ist es schon besser. Ich treffe die liebe Kollegin beim Italiener. Endlich nehmen wir uns die Zeit, noch mal ausgiebig zu klönen. Jeder, mit dem ich spreche, bestätigt meinen Eindruck: Die Zeit ist irgendwie weg. Es steht so vieles still. Beruflich halten viele von uns den Atem an. Aber schaut man auf den Kalender, ist das Jahr schon gefühlt rum. Es ist und bleibt wohl das eigenartigste Jahr aller Zeiten für mich. 1999 ist auch eines, das mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Im Januar hatte ich eine fette Blasenentzündung. Im Februar ist mir eine Frau mit 70 Sachen ins Auto gefahren. Im März habe ich meine Mom gefunden, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hat. Danach war nichts mehr so wie früher. Daher ist 99 auch der unangefochtene Spitzenreiter der schlimmsten Jahre. Aber das eigenartigste ist nun das Jahr 2020. Wie wir das wohl im Rückspiegel einmal betrachten werden?

Nina und ich erzählen uns Dönekes von der Arbeit, von früheren Jobs, von früheren Männern. Sie berichtet von ihrem Müsste-man-mal-Chef. Ich erzähle ihr vom Hobby-Mann. Während ihr Chef gerne sagte: „Da müsste man mal dieses oder jenes machen“, hat er andere immer vor den Karren gespannt und dann selbst die Preise abgesahnt. Den Hobby-Mann kenne ich von einem Kollegen. Sein Chef kassiert immer alle guten Ideen und präsentiert sie dann mit: „Do hob i des gmoacht… do hob i des…“ Dauernd spricht er in der ersten Person Singular. Vielleicht hat der Gute aber auch nix anderes in der Schule in Deutsch durchgenommen. Oder er hat bei den anderen Formen eine längere Krankheit gehabt? Man weiß es nicht.

Apropos Deutschunterricht. Auf meine Mail ans Flüchtlingsheim kam innerhalb von zwei Stunden bereits eine Antwort. Aufgrund von Corona ist gerade ein Arbeiten vor Ort nicht möglich. Aber Freitag haben sie eine Besprechung und schlagen meine Idee der Traumatherapie vor. Also: Daumen drücken! Es wäre schon toll, so wirken zu können.

Morgen muss ich zeitig aus dem Bett und ohne Frühstück los. Ganz einfach, weil die Inhaftierten ihre festen Zeiten haben. Ich hab mich gar nicht mehr richtig eingearbeitet, sondern mach mal wieder meine flexible, spontane Show. Hoffentlich fällt das nie auf. Aber dafür sollte ich zumindest einigermaßen ausgeschlafen sein. Daher krabbel ich jetzt mal ins Bettchen und versuche, zu dem herrlichen Regengeräusch Bubu zu machen. Gehabt Euch wohl… oder wie Ihr es mögt. 😉

Hüpf, Grashüpfer, hüpf (nur nicht in mein Schlafzimmer!!!)

„Et reeschnet, et reeschnet, die Ärdö wird nass, da kommen zwei Pastürkes, die waschen sich de Üürkes…“ Ich habe nachgeschaut: Es gibt ein Kinderlied, das „Es regnet“ heißt. Der Text fängt ähnlich an, aber dann ist er eben so ganz anders. Da kommen keine Pastöre drin vor. So hat es aber jedenfalls bei uns immer geklungen, wenn es geregnet hat. Hach, ich habe schon als Kind gerne Regenlieder gesungen. Und natürlich musste immer ein Schuss Plattdeutsch dabei sein. Ich weiß noch, wie ich mit meiner Schwester mal im Auto saß und es nonstop geregnet hat. Mein Vater hat zur damaligen Zeit für ein Kinderheim gearbeitet. Wir sind dann irgendwohin gefahren, weil er einiges nachliefern musste, das sie da fürs Zelten oder was auch immer gebraucht haben. Und meine Sis und ich haben dann ewig im Auto gesungen, während es gegossen hat. Da es bei uns im Dorf nicht viele Möglichkeiten gab, waren wir – wie selbstverständlich – im Kinderchor, später dann im Kirchenchor (ich im Letzeteren nicht freiwillig…aber was soll´s?). Mannomann, wir haben auch schon mal auf einer Goldhochzeit „So nimm denn meine Hände“ gesungen. Und die Leute haben geflennt. Dabei dachte ich noch, dass wir gar nicht so schlecht waren. Später hat meine Mom mir dann erklärt, es sei Ergriffenheit gewesen. Damit konnte ich nicht so wahnsinnig viel mehr anfangen, aber es war ok. Auf meiner Kinderkommunion habe ich dann auch ganz allein vorne gestanden und was vorgesungen. Heute hätte ich Sorge, dass der Blitz neben mir einschlüge, wenn ich das in einer Kirche täte, aber damals war das ganz ok. Eine Frau aus dem Dorf hat meiner Mutter dann eine ganz große Karriere für mich vorausgesagt. Ha ha, das wäre es gewesen. Wenn überhaupt, hätte ich in einer Rock oder Heavy Metal Band mitgemacht. Und das hätte dann eher wieder nicht in unser Dorf gepasst.

Ja, solche Erinnerungen kommen mir, wenn mein Hirn langsam wieder das Köcheln aufhört. Draußen rauscht es herrlich. Gut, ein Gewitter war nicht dabei, was mich ein wenig traurig stimmt, aber das tut´s auch, was da draußen gerade los ist. Es ist so beruhigend und gleichzeitig so erfrischend, wenn es nach dieser ekligen Hitze so richtige Schauer gibt. Da ich zum Lüften über Nacht einfach mal alles aufgerissen habe, meinte wohl ein Grashüpfer, es wäre tatsächlich Tag der offenen Tür. Er hängt jetzt da oben an der Decke, und ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Ignorieren? Oder mein Trampolin wieder runterklappen? Vielleicht ist er ja auf Reha hier und braucht ein bisschen Sprung-Unterstützung? Aber wenn der nicht mit mir spricht, kann ich ihm auch schlecht helfen, gell? Ist vermutlich ein Mann. Wäre er eine Frau, würde das Vieh mir ja ein Ohr abkauen. Ich weiß, meine Logik ist bestechend. Das höre ich immer wieder.

Ich packe mir eine Peel-Off-Maske ins Gesicht, die schön schwarz ist, und stelle mich ans Küchenfenster. Doch Oppa ist heute nicht da. Dabei hatte ich gehofft, ihn auch mal amüsieren zu können, wie er das mit seiner Nudistenvorstellung immer wieder schafft. Aber nix. Oppa hat sich beim Regen einfach nach drinnen verkrümelt. Dabei könnte er locker im Trockenen und trotzdem dabei draußen sitzen. Vermutlich hat er den Braten gerochen. Nee, nicht den Sonntagsbraten, den seine Else gerade zubereitet, sondern den Braten im übertragenen Sinne, dass ich auch mal einen coolen Einfall hatte. Oder er schläft noch, weil er eine heiße Nacht mit Omma hinter sich hat. Oh je, ich will gar nicht so genau darüber nachdenken. Ob ich das ekelig finde? Nö, gar nicht. Es ist eher der Neid, so lange schon so männerlos zu sein. Und nein, er ist keine Alternative für mich. Erstens gibt es Omma und zweitens…äääh…naja, sooo groß ist meine Verzweiflung dann doch auch nicht.

Da es wieder normaltemerapturig (geniales Wort, oder?) ist, kann ich auch wieder mehr denken. Und so habe ich gerade mal die Flüchtlingshilfe kontaktiert. Ich fänd es toll, hier traumatherapeutisch tätig werden zu können. Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass sie sich melden und Bedarf haben. Es fehlt mir im Job schon ungemein, wirklich etwas zu bewegen. Geht es Euch auch so? Ich denke da wieder an meinen kleinen Neffen, der sagte, wie toll es sei, wenn man am Abend sehen könne, was man tagsüber so alles getan habe. Das geht mir ab. Die meisten von uns arbeiten wohl in Jobs, die ganz ok oder sogar gut sind. Aber wer verwirklicht sich so richtig? Bin ich da zu idealistisch? Vermutlich schon. Wahrscheinlich erwarte ich zu viel. Aber ich kann irgendwie nicht anders. Irgendwas möchte ich bewirken. Mal schauen, ob mir das gelingt oder ich immer eine „Getriebene“ bleibe. Könnte der Grashüpfer doch nur reden. Ich würde gerne mal seine Meinung dazu hören.

Vorhin habe ich mit meiner Sis telefoniert. Gestern ging schon mal das Telefon, aber als ich nach zweimaligem Klingeln rangegangen bin, war das Gespräch bereits  weg. Ich habe also spekuliert, sie hätten sich irgendwie verwählt. Aber Pustekuchen! Dem war nicht so. Es kam aber auch kein neuer Anruf. Meine Sis hingegen hat gedacht, ich hätte sie weggedrückt, weil sie stören würde. Göttlich! Heute hat sie dann vorab eine Nachricht geschickt, ob es passen würde zu telefonieren. Es war gestern abends, kurz vor 20 Uhr, als sie angerufen hatte. Wobei also sollte sie da schon stören? Ich habe ihr feierlich erklärt, keinen Herrenbesuch oder dergleichen gehabt zu haben. Mein Leben ist gerade so was von langweilig! Da sagt man immer, Singles hätten aufregende Leben. Aber das kenne ich nur von „Sex and the City“. Die Wahrheit sieht eher stinkelangweilig aus. Mein Highlight ist Oppa gegenüber mit oben ohne. Trotzdem lustig, wie man ein und dieselbe Situation so unterschiedlich interpretieren kann. Und – sind wir mal ehrlich – da sind wir Frauen Meisterinnen unseres Handwerks, oder? Wenn ich überlege, was alles wie gedeutet werden kann. Puh! So kompliziert können Männer gar nicht denken. Und da diese ja meist so wortkarg sind, interpretieren wir Mädels da ja am allerliebsten jede Menge hinein. Gott, wenn ich daran denke, wie viele Kerle der Mädels in meinem Freundeskreis bereits mit Amnesie oder gebrochenen Armen irgendwo in einem fernen Krankenhaus gelegen haben! Allein daran wäre unser Gesundheitssystem kaputtgegangen. Dabei ist es manchmal einfach so schnöde, wie es ist: Wenn sich ein Kerl nicht mehr meldet, hat er einfach kein Interesse. In den seltensten Fällen ist er wirklich krank, hat appe Hände oder eine Lobotomie erfahren. Und trotzdem macht es immer wieder Spaß, sich Geschichten auszudenken, was alles vorgefallen sein könnte. Hach, ich bin doch froh, eine Frau zu sein und mir mit meiner Phantasie das Leben bunt malen zu können. In diesem Sinne rede ich jetzt vielleicht doch mal mit dem Grashüpfer. Wer weiß, was ich da alles erfahren kann?

mein Hirn schmilzt…

Was bin ich froh, wenn es hoffentlich heute Nacht ein fettes Gewitter gibt. Die Nacht war anstrengend. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich wach geworden bin und mich hin- und hergewälzt habe. Keine Ahnung, wie Leute ab 30 Grad erstmal von Sommer reden können. Für mich fängt der bei 20 Grad an und endet bei 24 Grad. Celsius, wohlgemerkt. Nicht, dass wir – wie auch immer – aneinander vorbeireden.

Heute Morgen ist es zumindest in meinem Breitengrad noch angenehm draußen. So sitze ich auf dem Balkon, genieße meinen Kaffee und probiere meine Marmelade. Ja, eigentlich ist sie eher winterlicher Art, aber wisst Ihr was? Das ist mir so was von scheißegal. Es gibt Dinge, die sommers wie winters gehen. Nahezu alles, wo man Zimt ranknallt, geht das ganze Jahr über. Vermutlich bin ich längst abhängig von dem Zeug. Macht aber nichts. Irgendwie schmeckt es so vertraut und heimelig.

So gar nicht vertraut und heimelig finde ich hingegen die Berichte über Demonstrationen in Berlin. Ich verstehe es nicht. Wirklich. Ich bin total überfordert mit so was. Nein, ich muss nicht allem folgen, ohne es zu hinterfragen. Aber zumindest erschließt es sich meiner Logik, dass niemals nahezu alle Regierungen dieser Welt die Köpfe zusammenstecken und sich einigen können, die Rechte aller Völker zu beschneiden. Wenn ich das schon verstehe, wieso können es dann nicht auch andere, die vermutlich höher studiert sind? Wobei es im letzten Jahrhundert auch Hochstudierte waren, die die wildesten Rassen-Ideologien entwickelt haben, die jeglicher Grundlage entbehrten. Ich frage mich, was in solchen Hirnen alles schiefgelaufen sein muss? Wieso lernen manche Menschen nicht einfach, dass man mit Hass und Ignoranz nicht weiterkommt? Es bleibt mir ein Rätsel. Und ja, ich sehe durchaus, dass die Medien in Teilen manipulieren. Ich sehe, dass vieles übertrieben dargestellt wird, um Meinung zu machen. Aber kein Zusammenschluss der Regime hat sich das Corona-Virus ausgedacht.

Aber kommen wir mal zu etwas echt Banalerem: Kennt Ihr das? Ihr hört von einem Film und denkt: Den muss ich sehen. Er wird so kontrovers diskutiert, da muss ich auch reinschauen. So geschehen bei mir. Und ich habe mir diesen ominösen Streifen (365 Days) reingezogen. Und es war, wie bei einem Unfall: Er war schlecht, aber ich musste hinsehen. So kann man einen Tag auch verbringen. Ob ich das nun wirklich gebraucht habe, um mitreden zu können? Nö. Aber was soll ich denn sonst bei so einem Wetter machen? Eben. Mein Hirn kocht einfach bei solchen Temperaturen. Sollte es so was wie Wiedergeburt geben, dann bin ich vermutlich nordischen Ursprungs. Echt wahr. Ein Erotikstreifen macht es da bestimmt nicht besser, was die Temperaturen betrifft, aber eben auch nicht schlimmer. Es waren ja auch nur zwei Stunden meines Lebens mit diesem Film. Der weitaus schlimmere Film, war der für mich schlechteste aller Zeiten: Mother. Oh Gott, hat den jemand von Euch gesehen? (Und ich frage hier nicht meine Kinobegleitung. Dass Du dabei warst, weiß ich ja schon.) Kann mir den Film einer erklären? Ich hatte Mühe, nicht völlig hysterisch im Kino loslachen zu müssen.

Und da haben wir ein weiteres Dilemma von Corona: Es kommen zu wenige neue Filme auf den Markt. Nein, das ist nicht kriegsentscheidend. Es bietet auch keine Grundlage für weitere Verschwörungstheorien – zumindest nicht von meiner Seite. Aber an Tagen, wie diesen, habe ich echt meine liebe Mühe mit dem knappen Angebot der Filme, die ich noch nicht kenne und das Potenzial haben, mich wirklich zu unterhalten. Denn ich bin wirklich zu nicht viel zu gebrauchen. Und da fang´ ich dann wieder das Träumen an. Das mit dem Bulli hat nicht funktioniert. Aber sollte ich mal im Lotto gewinnen, wird es in meinem Haus eine riiiiiiesige Klimaanlage geben. Nicht, wie bei den Amis. Da musst Du ja das ganze Jahr über Jäckchen im Haus tragen. Ist nicht so mein Fall. Aber an den Sommertagen würde ich das Ding schon aufdrehen. Dann könnte ich wenigstens etwas produktiv sein. Aber so? Keine Chance. Ich verstehe da die Südländer sehr gut, die mittags immer Siesta machen. Ist das Sinnvollste, was man tun kann. Vielleicht sollte ich das auch mal einführen? Aber dann kann ich nachts ja wieder nicht ordentlich pennen. Es ist ein Teufelskreis. Also: Wenn dann mal jetzt jemand so freundlich wäre und am Sönnchen schrauben könnte? Ich wäre ihm/ihr echt sehr verbunden. Ich gäb sogar mein Erstgeborenes dafür her – so ich denn eines hätte. Ihr seht es ja selbst: Die Temperaturen machen meinem kleinen Hirn wirklich sehr zu schaffen.

Was mir zumindest Freude bereitet, ist Oppa auf der anderen Seite. Wenn ich in meiner Küche bin, geht mein Fenster zur Vorderseite heraus. Auf der Rückseite sind keine Häuser mehr. Aber auf der Vorderseite eben schon. Und regelmäßig sehe ich Oppa, wenn ich in der Küche wusel´. Und das Schönste an Oppa? Er mag keine Shirts. Gut, an so heißen Tagen, wie es heute einer ist, kann ich das schon fast verstehen. Aber Oppa mag ab schätzungsweise 22 Grad schon kein Shirt mehr. Manchmal trägt er noch ein nettes Feinripp-Unterhemd, nur um es sich dann doch auszuziehen. Warum ich mir das anschaue? Habe ich das vorhin nicht erklärt? Es ist wie mit einem Unfall. Aber auch hier kann ich nur wieder sagen, dass ich so was schon ziemlich cool finde. Klar, es sieht schräg aus, aber es ist ihm egal. Außerdem ist es ja sein Zuhause. Was kann er dafür, wer alles auf seine Terrasse schauen kann. Der scheißt sich einfach nix, wie man hier so schön sagt. Gerade würde ich es ihm so gerne gleich tun, aber wenn ich ihn sehen kann, kann er mich vermutlich auch sehen. Und…äääh…wie soll ich sagen? Ich scheiß´ mir da durchaus was.

Also schwitze ich wohl weiter, finde den Sommer doof und freue mich auf das kühle Nass, das hoffentlich in ein paar Stunden kommt. Ich brauche es – und mal ehrlich: Bei meinen wirren Gedanken, braucht Ihr das auch. Es wäre also eine Win-Win-Situation. In diesem Sinne: Petrus, oller Knöterich, dreh´ den Wasserhahn auf! Wenn ich erst raufkommen und es Dir erklären musst, wird es ziemlich unbequem für Dich. Ich warne Dich, ich bringe Oppa von gegenüber mit. Und Heinz! Jawoll! Den lange nicht erwähnten Heinz. Also hopp, hopp!

Spiegeleier-Symptom

Baaaaaaaah, was ist das für eine abartige Hitze. Ehrlich: Wer mag denn so was? Wenn Du nur ruhig irgendwo sitzt, merkst Du, wie sich so ein kleiner Schweißtropfen auf die Reise macht und gemächlich den Rücken hinabrieselt. Zum Glück trage ich Hose mit Gürtel, denn auf… ach, Ihr wisst schon, was ich meine.

Bereits morgens ist es schon drückend. Ich schlendere also gemütlich zur S-Bahn und warte am nächsten Bahnhof auf eine Mitschülerin. Es tut einfach gut, sich noch mal zu sehen. Nur das mit den Umarmungen ist einfach blöd – also dass man sich nicht umarmen soll. Doch es ist ja schon eine Steigerung zu sonst. Wir sind recht schnell am Café, aber meine Böckchen-Mitschülerin ist schon da. Wir zwei sind immer superfrüh irgendwo, aus Sorge, uns zu verspäten. Daher trifft man uns in der Regel zehn Minuten früher an. 😊 Ist wohl irgendwie in den Genen festgeschraubt. Leider hat es der Großteil nicht so mit der Pünktlichkeit. Wir warten noch über eine halbe Stunde, bis wir bestellen. So was nervt mich ja schon etwas, aber selbst fürs Aufregen finde ich es zu warm.

Wir klönen über Gott und die Welt. Ich finde es immer wieder spannend, wie manche Menschen unterwegs sind. Eine Mitschülerin kommt in einem süßen bunten Kleid und beugt sich kurz über den Tisch. Sie trägt keinen BH. Äääh. Und nein, sie ist keine knackige 17 Jahre alt. Sie ist auch kein Hippie-Mädchen. Eher das Gegenteil. Ich meine, Zuhause mache ich das auch. Aber draußen würde ich so niemals rumlaufen. Ich bewundere solche Menschen echt, die einfach nur tun, was ihnen gut tut. Wen es stört, der darf ja gerne wegschauen. Ich glaube, da darf ich noch eine ganze Menge lernen. Und nein, es wird nicht mein Ziel sein, ohne BH rauszugehen. Das steht eher sinnbildlich für die eigene Freiheit, wirklich nur das zu tun, worauf ich Bock habe. Und auf „die Gondeln tragen Trauer“ oder „die Wolken hängen tief“, habe ich keine Lust.

Wir haben ja auch zwei Männer im Kurs, die auch beide heute da sind – der Widder 20 Minuten zu spät, der andere 35 Minuten. Es wird gefrötzelt, dass es kracht. Als die Bedienung nachher zum Kassieren kommt, habe ich den Modus noch nicht verlassen. Der Widder fragt mitfühlend: „Das ist bestimmt abartig heiß an so einem Tag und dann noch mit Maske?!“ Die Bedienung antwortet schwitzig: „Auf meiner Stirn könnte man ein Spiegelei braten.“ Und schon rufe ich laut: „Wir brauchen ein Ei!!!!!“ Alle gucken mich mit großen Augen an. Nur die Bedienung lacht und kontert: „Ich geh nur kurz am Nebentisch kassieren. Danach, ok?“ Ich hätte es echt gerne gesehen, wie sie sich ein Ei auf die Stirn kloppt.

Und dann kommt auch schon die Überleitung vom anderen Böckchen: „Apropos Spiegelei: Kennt Ihr das Spiegeleier-Symptom bei Männern?“ Ääääh, wir schauen uns verständnislos an. Eine psychische Erkrankung sollte es hoffentlich nicht sein, denn die müssten wir ja schon mal im Kurs gehört haben. Die Erklärung folgt: „Na, wenn der Mann so dick ist, dass er seine Eier nur im Spiegel sehen kann.“ Oh weia. So, wie wir gackern und das bei der Hitze, müssen wir aufpassen, keine Eier zu legen. Völlig blöde, aber eben auch lustig. Aber dann wird es auch langsam Zeit, endlich aufzubrechen. Wir wollen die Nerven unserer Mitmenschen ja nicht überstrapazieren.

Zu dritt fahren wir mit der Bahn. Alle tragen Maske. Aber 1,50 m Abstand kann man hier drin logischerweise nicht einhalten. Wie auch? Es ist Freitagmittag. Da ist es ohnehin immer voll. Ein Herr steigt ein, lässt einen Platz in der Reihe frei und lässt sich daneben nieder. Und schon keift eine Frau los, er solle gefälligst 1,50 m Abstand halten. Ihn hört man nur ruhig etwas erklären, aber sie keift weiter. Ich überlege kurz, ihr vorzuschlagen, sich doch aufs Dach zu legen, da sie dort sicher sein dürfte, lasse es aber lieber. Wenn sie so panische Angst hat, sollte sie die Öffis am besten ganz meiden. Aber sie piekst den Mann immer wieder verbal an. Ich bewundere seine Ruhe. Manche Menschen sind echte Pestbeulen.

Aber es gibt auch die, die einem ständig zu nahe kommen. Ich frage (wie schon mal beschrieben) dann ja gerne, ob sie für mich mitzahlen wollen oder meine Geheimnummer besser kennen. Aber eine andere Mitschülerin berichtet von einer Freundin. Die sagt immer gern: „Sie stehen voll in meiner Aura, was ich als unangenehm empfinde. Macht es Ihnen etwas aus, auf Abstand zu gehen?“ Sie ist keine Eso-Schnecke, hat aber die Erfahrung gemacht, dass die Leute bei der Erwähnung von „Aura“ automatisch zurückzucken. Ich glaube, das werde ich mal ausprobieren müssen.

Da niemand für mich die Sonne abknallt, vollständig verhüllt oder mit einer Klimaanlage vorbeischaut, werde ich mich ab jetzt nur noch drinnen aufhalten. Vorhin habe ich Pflaumen in Amaretto eingelegt und mache daraus gleich eine schöne Marmelade für den Winter. Zu mehr bin ich heute nicht imstande. Morgen soll’s noch schlimmer werden. Dann bin ich eben noch einen weiteren Tag komatös. Auch das geht vorbei…. also hoffe ich doch!

Verse, Ferse usw.

Heute schlafe ich aus. Aber so richtig. Man, man, man, ist das ein schönes Gefühl, ohne Wecker ins Bett zu krabbeln. Ich genieße es, frühstücke in Ruhe und lasse mich treiben.

Gehört Ihr zu den Leuten, die auch gerne mal was schieben? Ich schon. Es gibt Sachen, die ich immer sofort erledige, wie beispielsweise Arztbesuche. Oder auch den Koffer, den ich sofort auspacken muss, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich damit warten müsste, würde ich vermutlich innerlich abdrehen. Aber bei anderen Sachen, puh, da kann ich die Dinge auch gerne auf die lange Bank schieben. Daher mag ich das Sprichwort auch: „Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank.“ Hat was, oder? Nehmen wir meine Wanduhr beispielsweise. Die Batterie ist leer. Gut, das weiß ich nicht erst seit heute. Nein, das ist ein Zustand, der vor Monaten eingetreten ist. Aber die Fotos gehören ohnehin einmal überholt. Rund um das Ziffernblatt sind nämlich Fotos angeordnet. Und da tummeln sich Bilder, die schon etwas älter sind. Zwei Menschen möchte ich auch ganz entfernen. Aber da das eben eine unangenehme Sache ist, schiebe ich sie. Zwischendurch erhalte ich ja durchaus Angebote, die Batterie für mich zu wechseln. Ehrlich, das schaffe ich dann doch so gerade noch. Das ist ja auch keine echte Handwerkskunst. Es sind wirklich die Bilder, die ich in Angriff nehmen möchte. Warum sollte ich die Uhr zwei Mal von der Wand nehmen? Eben. Viel zu umständlich. Und heute reicht es mir dann: Ich schaue, welche Bilder ich ausdrucken lassen möchte und ziehe sie mir – ganz old school – auf einen USB-Stick.

So gerüstet, fahre ich also zu DM. Es dauert, da nur ein Terminal funktioniert. Die Dame entschuldigt sich mehrfach, dabei beschwere ich mich absolut nicht und finde tausenderlei Kram, den keiner braucht, aber der trotzdem nett ist. So kaufe ich beispielsweise ein Wasserspray fürs Gesicht – mit Kokosduft. Mmmmmh. Was es nicht alles gibt! Ich hätte nie gedacht, dass ich so was brauche. Aber wenn ich es da so stehen sehe, spüre ich meinen dringen Bedarf. Bekloppt. Aber so funktioniert Einkaufen. (Zuhause ausprobiert, ist es auch echt lecker und erfrischend.) Als ich dann endlich zur Kasse gehen kann, höre ich, wie eine Frau die Kassiererin fragt, wo sie ein bestimmtes Produkt finden könne? Die Kassiererin ist zwar freundlich, kann aber leider nicht weiterhelfen. Und da sagt die Kundin, die gerade fertig ist, im Flüsterton: „Das gibt es auch bei Action!“ Die Kassiererin und ich fangen an zu lachen. Es hat so eine Situationskomik.

Das erinnert mich an einen ehemaligen Kollegen in der vorherigen Firma. Er war Trainer. Wir brauchen immer so unsere Geschichten, um die Leute aufzulockern, wenn sie verschüchtert in den Seminarraum schleichen. Er hatte eine ganze Palette an Obi-Geschichten, die mich bis heute zum Lachen bringen. Er wohnte in der Nähe so eines Ladens. Da er einmal zufällig ein orange farbenes Shirt beim Einkaufen trug, hat ihn ein Kunde kurzerhand gefragt, wo es denn die elektrischen Heckenscheren gebe? Er fand das so witzig, dass er kurzerhand geantwortet hat: „Beim Hagebaumarkt.“ Und so einen Mist hat er ständig gemacht.

Ich fahre weiter zu einem Supermarkt und hole weit aus, um direkt in der Parklücke vorziehen zu können und später nicht rückwärts ausparken zu müssen. Aber dann entdecke ich, dass auf der anderen Seite gerade ein Fahrschüler seine Künste versucht und setze noch einmal zurück, um anderweitig zu parken. Ein Mann lehnt an seinem Auto und schaut genüsslich dabei zu. Entsprechend fühle ich mich bemüßigt, beim Aussteigen gleich klarzustellen: „Ich parke nicht immer so bescheuert ein! Da war nur dieser Fahrschüler.“ Doch er sagt nur: „Jo, jo“ und winkt ab. Ob er mich schon häufiger beim Einparken beobachtet hat? Möglich wäre es, gell?

Und so verbummel´ ich den Tag, checke – trotz überstundenfrei – meine Job-Mails und schmunzle mal wieder über muntere Rechtschreibfehler. Ein Kollege hat mein verfasstes Gedicht haben wollen und bedankt sich dann per Mail, da er voller Begeisterung noch einmal „meine Ferse“ gelesen hätte. Ich kenne ja durchaus Fuß-Fetischisten…und auch, dass manche Menschen aus Händen lesen können. Aber meine Ferse bleibt meine Ferse. Ich könnte Verse zu meinen Fersen verfassen, sie aber nicht anfassen lassen, denn da bin ich kitzelig. Mal ernsthaft: Rechtschreibung ist einfach wichtig für mich. Doch der Kollege hat es nicht mit der Sprache bzw. Schrift. Er ist dafür technisch ein Ass. Neben ihm komme ich mir immer fürchterlich dumm vor. Und er fragt – so auch vorgestern – dafür mich, wie man bestimmte Wörter schreibt. Das Wort „Imageverlust“ will er partout nicht schreiben, was ich erst verstehe, als er erwähnt: „Na, dann sag´ halt, wie ich das schreib´!“ Über diese Möglichkeit hatte ich gar nicht nachgedacht. Es hat mich nur verwundert, dass er es nicht schreiben wollte. Und zunächst lacht er, als ich sage: „I – ma – ge.“ Doch dann schreibt er es so auf. Ihm geht es vermutlich umgekehrt so, wenn er hört, dass ich keinen Nagel gerade in die Wand kloppen kann. Oder dass ich keine Lampe anbringen kann. Ist doch toll, dass wir Menschen uns gegenseitig so ergänzen können, oder? Und so wird mir deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, was mir leicht von der Hand geht – und ihm, was ihm so leicht erscheint. Nicht verkehrt, sich das hin und wieder einmal mehr bewusst zu machen, oder?

Jetzt genieße ich noch etwas die Wärme auf dem Balkon. Tagsüber ist es mir zu warm, aber abends ist es angenehm. Die Wände haben noch die Wärme gespeichert, die sie dann abgeben. Dazu ein gutes Buch und die Gewissheit, dass ich morgen einen schönen Tag mit auswärtigem Frühstück vor mir habe. So darf es gerne weitergehen. Später zünde ich noch meine Kerzen an und schalte die Lichterkette ein. Tja, Romantik geht eben auch allein – auch wenn es Menschen gibt, die mir unterstellen, unromantisch zu sein. Dabei kommt es ganz klar auf mein Gegenüber an, ob es mit der Romantik passt oder eben nicht. 😉 so long…

Warm – auch hinter Gittern

Ich schlafe bei dem heißen Wetter immer schlecht. X Male wache ich auf und freue mich schon, wenn ich wieder in meinem Bettchen nächtigen kann. Aber nächste Woche bin ich ja wieder hier. Plötzlich schaue ich auf die Uhr und sehe: Es ist bereits sechs Uhr! Mit einem Satz, der bestimmt so elegant wie bei einem Panter aussieht, springe ich aus dem Bett. Man, bin ich aber fix… nur um dann zu realisieren, dass ich heute ausnahmsweise später los muss. Ich lasse mich noch mal aufs Bett fallen und döse noch 30 Minuten.

Beim Frühstück bin ich nicht allein. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Leute auf Englisch. Keiner von ihnen ist native Speaker, das höre ich ganz deutlich. Bei ihr ist klar, dass sie aus Deutschland kommt. Sie redet und redet – über Spargel, Blumenkohl, Zucchini, Kohlrabi usw. Dieses Jahr sei es echt schwer gewesen, Gemüse zu vernünftigen Preisen zu bekommen. Die Studenten würden wesentlich länger benötigen, als die üblichen Erntehelfer. Er antwortet, und ich bin mir sicher: Das ist ein Holländer!! Ah, ich liiiiebe ja alles, was holländisch ist. Beim Rausgehen quatsche ich ihn dann natürlich auch an. Er kommt aus Alkmaar. Das kenne ich noch nicht. Aber ich versichere ihm, Holland zu lieben. Wieso wohne ich jetzt nur so weit entfernt von dort? 🤦‍♀️ Wer weiß, wohin es mich im Leben noch ziehen wird?

Heute geht’s zum Knast. Und heute habe ich Glück: Es sitzen mal keine Spaßbremsen am Eingang. Ich gebe Schlüssel und Ausweis ab und muss dann warten, bis mich jemand von der Justiz abholt. Das machen die meisten mit Begeisterung… also nicht. Irgenwann kommt dann aber einer der Herren, also muss ich noch fix durch den Metalldetektor – wie immer. Und der piepst – auch wie immer. Grinsend sage ich noch: „Mein Schmuck und Gürtel sind ja ausgezogen, aber den Bügel-BH, den wollen Sie lieber nicht fallen sehen.“ Er grinst zurück: „Des daat mo scho a no schoff’n. Oba bast scho so.“ Sie kennen mich ja doch mittlerweile. Und so zockeln wir bei strahlend blauem Himmel quer übers Gelände. Wann wird endlich Herbst?

Heute sichte ich die Unterlagen, die noch vor Ort sind. Durch Corona ist alles um Monate nach hinten verschoben worden. Montag bin ich noch mal in München in der Arbeit und kann alles Fehlende einpacken, bevor ich mittags wieder losdüse. Dieses Mal allerdings wieder mit Mietwagen. Wir dürfen also alle gespannt sein, was es werden wird. Ich bin mir ja für nix zu fein – sei es AMG, BMW oder was auch immer. Ganz bescheiden also. 😉

Mein Schulungsraum befindet sich im Keller, was per se ja schon nie der hellste, freundlichste Ort ist. Im Knast ist er jedoch noch düsterer. Zum Glück bin ich nicht zart besaitet. Zwei der Inhaftierten haben eine Hausmeisterfunktion. Sie wuseln in den Räumen hier unten herum und piefen sich auch einen weg. Anfangs ist mein Kollege noch bei mir, aber dann muss er auch schon wieder weiter. Ich krame und pöddele vor mich hin. Die beiden Insassen bauen Stühle und Tische für mich auf, während ich die Unterlagen krame. Sie kennen mich auch schon und sind immer sehr höflich und hilfsbereit. Plötzlich betritt dann aber ein Beamter den Raum und setzt sich demonstrativ auf einen Stuhl in meiner Nähe. Irritiert frage ich: „Brauchen Sie was von mir?“ Er schüttelt nur den Kopf. Ok. Dann mühe ich mich mal weiter ab, alles Aufgerollte an die Wände und die Flipchartständer zu hängen. Er zuckt nicht einmal, obwohl ich mich wirklich abmühe. Dann muss ich selbst zu einem Termin und schaue den Beamten wieder an: „Also, wenn Sie meinetwegen hier sein sollten, ich müsste dann wieder hoch?“ Er erhebt sich und nickt. Ich kläre ihn auf: „Ich war schon öfter hier und kenne mich hier aus.“ Er brummelt nur kurz: „Normalerweise sehen wir Sie über Kamera, aber die ist gerade defekt.“ Aaaaah ja. Ich war also eine halbe Stunde unbeaufsichtigt. Besser, wenn das keiner der Inhaftierten weiß. Und trotzdem fühle ich mich hier niemals unwohl. Irgendwie krass, oder?

Nach vielen vereinzelten Gesprächen weiß ich nun wieder mehr: Wir werden überall überprüft und kontrolliert. Ist schon interessant, wie viel Zeit damit verbracht wird, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. So was erschließt sich mir ja nicht. Es wird gepredigt, wie wichtig Fühungswerte doch seien. Doch da handelt es sich nur um Lippenbekenntnisse. Jede Abteilung kämpft für sich und gegen alle anderen. Dazu gibt es dann Menschen, denen man es anmerken kann, wie viel Freude sie daran haben, Feuerchen zu legen. Und niemand legt ihnen das Handwerk. Ich glaube ja, dass es so was wie Karma gibt. Und ich bin froh, immer noch ohne Weiteres in den Spiegel schauen zu können, was ich an ihrer Stelle nicht mehr könnte. Ich hoffe nur, die Zeiten ändern sich und die Menschheit begreift, dass es gemeinsam so viel leichter laufen kann. Dann hätte Corona zumindest diesen Nutzen gehabt. Aber bis dahin? Na, wird noch viel spioniert, kontrolliert und intrigiert. Hoffentlich verschlucken sie sich nur nicht am eigenen Gift.