Achterbahn der Gefühle

Heute ist…ein verdammt guter Tag. Dabei läuft gar nicht alles, wie am Schnürchen. Es ist trotzdem ein guter Tag. Am Morgen hingegen ist mir, als hätte die Nacht gerade erst begonnen. Ich stehe etwas neben mir und kann mich erst mit einer Dusche so richtig wecken.
Die Vorbereitung für den heutigen Workshop schließe ich mit einer Präse noch ab. Gott, wie schön doch Präsenz-Worshops sind. Da würde ich auch nie mit Powerpoint arbeiten. Miro ist bei uns nicht erlaubt. Confluence überfordert einige noch zu sehr. Also muss die gute, alte Präse her. Zum Glück muss es nicht mehr der alte Overhead-Projektor sein. Mit dem habe ich zu meinen Anfängen auch noch hantieren müssen. Vorerst bleiben wir noch bei Online-Workshops, doch das wird sich nun mit und mit ändern. Gottseidank!
Die größte Herausforderung ist bei der Truppe das Zeitmanagement. Doch ich schaffe es so einigermaßen, die Viel-Diskutierer einzufangen. Das Mädel, das ich hierbei nebenher mit ausbilden soll, sagt wieder mal kein Wort. Auch das Ausbleiben einer Kontaktaufnahme ihrerseits nehme ich zum Anlass, im Anschluss mit ihr unter vier Ohren zu sprechen. Ich frage sie auch ohne Umschweife, ob sie kein Interesse daran hätte, keine Zeit vorhanden sei oder ich sie schlichtweg einschüchtern würde? Nee, das sei es alles nicht. Sie habe nur immer noch nicht verstanden, was ihre Aufgabe sei. Ich erkläre es ihr zum wiederholten Mal und fordere sie dann auf, aktiv nachzufragen, was noch unklar sei. Nö, da gebe es gerade nichts. Es ist, wie es immer mit ihr ist: Sie hat keine Fragen, nur leider auch immer noch keine Ahnung…gepaart mit sauwenig Antrieb. Schlechte Kombi.

Und dann habe ich auch schon das große Vergnügen, mit meinem Chef zu reden. Er hat nun endlich zum Termin eingeladen, um die weitere Vorgehensweise bzgl. Potenzialgeschiss zu besprechen. Zunächst muss er allerdings noch jammern, dass er erst morgen seine Zweitimpfung erhalte und etliche andere, die ihre Erstimpfung nach ihm erhalten hätten, ihn nun überholt hätten. Zefix! Wenn er das gewusst hätte! Ist doch klar, wenn zwischen Erst- und Zweitimpfung bei Astra ca. zwölf Wochen liegen und bei BionTech ca. sechs. Ja, aber unfair sei das schon. Da pack´ ich mir an den Kopf. Wenn mir noch einer mit „unfair“ und diesem Mist kommt, hau´ ich ihn ungefragt einfach aus der Hose. Ich kommentiere trocken: „Wolfgang, ich habe noch gar keine Impfung erhalten. Also komm´ mal runter. Du genießt bald schon den bestmöglichen Schutz!“ Wieso muss dieser Volldepp immer noch meckern und jammern?
Aber dann kommen wir zu mir. Und er redet völlig gegen die Arbeit als Führungskraft. Und ob ich mir das gut überlegt hätte? Und ob das so sinnvoll sei? Und ob ich auch wüsste, dass das nicht nur Zuckerschlechen sei? Ich frage ihn, ob ich das richtig verstehe, dass er mich als naiv empfinde und mir das ausreden wolle? „Äääääh…des…naaaa…i woas a net. Na. Des passt zu Dia. I hob´ nur grad a massives Problem mit dära Firma. I konn´ goar net profissionell sei.“ Er entschuldigt sich sogar dafür. Hossa. Und dann macht er trotzdem so weiter und heult mir sein Ströphchen, dass er sich wegbewerben würde, wenn er nur 20 Jahre jünger wäre. Alter! Die Frage ist gerade weniger, ob ich geeignet bin, als vielmehr, ob er dafür geeignet ist. Doch die Antwort habe ich mir ja schon selbst mehrfach gegeben…und nicht nur ich.

Dann habe ich meine Rücksprache mit meinem eventuell potenziellen zukünftigen Chef-Chef. Und ich muss zugeben: Ich bin echt nervös. Hossa! Denn hieran liegt mir ganz viel. Nach einer Viertelstunde sagt er mir, es brauche Charaktere und Persönlichkeiten, damit sich etwas ändern könnte. Und daher stehe ich ohnehin auf seinem Zettel. Er könne mir noch nichts versprechen, da dieses Team ja erst gegründet werden müsse. Aber ich sei auf seiner Liste. Er habe nur Positives über mich gehört. Ääääh? Da bin ich mal etwas baff. Bis hierher weiß er noch nicht einmal, was ich studiert habe oder an Ausbildungen/Fortbildungen habe. Als ich ihm das kurz schildere, fühlt er sich bestätigt, dass ich genau richtig auf seiner Liste stehe. Ich bin…geplättet. Das heißt noch nichts, klar. Das bedeutet auch nicht, dass es dort wie im Rosengarten zugeht. Doch so tolles Feedback zu erhalten, das andere von sich gegeben haben, erfüllt mich schon mit Stolz…und auch ein bisschen Demut. Ich ärgere mich ja auch oft, dass alles irgendwie verpufft, doch scheint ja wohl etwas anzukommen. Und so strahle ich über sämtliche Bäckchen, als wir das Gespräch beenden und denke einmal mehr, wie unterschiedlich Führungskräfte doch sind. Auch da gibt es die Bremser und Enthusiasten…und die Deppen. Ratet mal, in welche Kategorie mein Chef passt? Ich weiß, schwere Aufgabe.

Ich fahre meinen Laptop runter und bin verdammt glücklich. Eine Stunde später klingelt mein Dienst-Handy. Die meisten würden sagen: Nach Dienstschluss ist das Handy aus. Aber ich bin ja da. Wenn irgendwer gerade was braucht, kann ich doch schnell helfen. Doch weit gefehlt! Es ist die Impf-Abteilung im Haus, die mir spontan einen Impftermin für Montag anbietet. Da zucke ich nicht, sondern rufe nur freudig: „Ja klar! Wie geil ist das denn?!“ Die Frau am anderen Ende lacht. Ich dachte, alle reagieren irgendwie so. Ich hatte mich darauf eingestellt, erst den Piekser in zwei bis drei Wochen zu erhalten.
Was bin ich doch für ein Glückskeks, oder? Jetzt kommt nur noch meine Schule, bei der wir über psychotrope Substanzen sprechen. Gut, ein ziemlich radikaler Bruch zu den Glückshormonen, aber im weitesten Sinne könnte man das ja auch einen rauschartigen Zustand schimpfen.

ET – kryptisch, dabei so logisch

Als erstes habe ich für heute ganz früh eine Einladung von einem Team bekommen. Alles Kerle, aber allesamt echte Mimosen. Bei den Werkern kann man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Bei den anderen…puh! Beim letzten Mal habe ich sie gelobt für ihr Ergebnis und darauf hingewiesen, dass dies allerdings nichts mit der Methode zu tun hätte. Oh je, da waren sie aber beleidigt, weil ich ja gesagt hätte, alles sei Scheiße. Ach, so was mag ich ja. Kleine Mimis. Sie wollten nach einem Monat noch mal nachfragen. Nun sind auch locker zwei vergangen. Als sie loslegen, bemerke ich, dass sie nicht die kleinste Kleinigkeit angepasst haben. Doch dieses Mal ist der Chef dabei. Also bekommt auch nur er Feedback. Und der is a Schwob. Die Sprache klingt, wie ich finde, immer recht nett: „Da dafür könnet mir net schwanger sei.“ Solche Formulierungen liebe ich. Er versteht mich auch, als ich ihm erkläre, worum es dabei gehe: Die Mitarbeiter sollen entwickelt werden. Tue er doch auch! Er sage ihnen schließlich, was sie zu tun hätten. Manchmal möchte ich mich erschießen – oder mein Gegenüber. „Nein! Die sollen ihre eigenen Ideen einbringen. Sonst behalten wir die ewig gleiche Suppe bei. Es kommt am Ende nur Dein Ergebnis heraus, und die Arbeiten hast Du delegiert.“ Ja, aber von seinen tollen Ideen könnten sie dann ja lernen! Was soll ich da noch sagen? Setzen, sechs? Und überhaupt könne er ja nur mit dem Strom schwimmen. Schließlich habe er zwei schulpflichtige Kinder Zuhause, für die er ja auch sorgen müsse. Da könne man nicht mal was ausprobieren oder gar auf Missstände hinweisen. Ich kündige ihm an, mein Vergleich, der jetzt komme, sei krass, aber im Grunde passend: „So hat es bei Adolf auch funktioniert.“ Da gibt er mir recht und erklärt mir, wie häufig er völlig widerwillig zur Arbeit gehe und den Scheiß so satt habe.
Ich glaube, so geht es ganz vielen. Auf Dauer macht das aber doch nur krank, oder? Mich regt auch vieles auf. Die Frist, die ich mir gesetzt habe, ist Mitte nächsten Jahres. Ist bis dahin die Umstrukturierung gelaufen und ich mit für mich herausfordernden Aufgaben versehen, ist alles chic. Falls nicht, ändere ich was – intern oder auch extern. Als gäbe es echt nur einen einzigen Arbeitgeber. Solche Menschen, die innerlich gekündigt haben (und ja, das hatte ich phasenweise auch), kosten die Firmen eine Menge Geld. Der Idelaist in mir will da was ändern. Nennt mich ruhig Don Quijote.

Für den morgigen größeren Termin fragt mal wieder keine der Verantwortlichen nach. Die eine Dame soll ich einarbeiten, während sie ständig mit Aussagen, wie: „Bin ich noch nicht zu gekommen“ um die Ecke kommt. Mein Spitzenreiter ist allerdings ihre Aussage: „Oh!“ Oder anderthalb minütiges Schweigen nach einer Frage, die ich stelle. Sie ist komplett passiv, bezeugt allerdings auf Nachfrage, voll motiviert zu sein. Die andere Dame ist zwar hoch motiviert, dafür aber total chaotisch. Wir müssen uns in diversen Veranstaltungen abstimmen. Das muss jedoch immer von mir ausgehen, weil sie es immer vergisst. Sprich: Ich pinsel´ eine Agenda, eine Präsentation, überlege mir ein strategisches Vorgehen und ernte ein: „Ach, das ist ja toll. Das können wir gerne so machen.“ Manchmal frage ich mich, ob viele einfach nur stumpf sind? Vermutlich weil sie wissen, dass es immer Deppen (wie mich) geben wird, die ja Input liefern. Was gäbe ich darum, einmal mit verbindlichen, motivierten Leuten zu arbeiten, die Bock haben, gemeinsam was zu bewegen. Da war es echt noch im Gefängnis leichter.

Zur Belohnung schaue ich kein Fußball, sondern fahre zu einer Freundin zum Grillen. Und wie das so ist, wenn man auf der Terrasse grillt, hängt schon der Erste übern Zaun. Nein, nicht um zu schimpfen, sondern um zu labern. Finde ich lustig, auch wenn mir das bei mir Zuhause vermutlich auf den Zeiger gehen würde. Und Rabbeldiwutz fachsimpeln der Nachbar und ich über die EM. Wir glauben beide nicht an eine echte Chance der Deutschen. Andererseits: Totgesagte leben länger, gell? So was fällt mir ja leicht bzw. fällt mir gar nicht auf, mit einem mir bis dato Unbekannten zu quatschen. Und dann auch noch unqualifiziert, aber fachmännisch. Die Freundin lacht sich in der Küche kaputt und verweist darauf, dass wir zwei Bekloppten eben einfach Rheinländer sind. Wir schaffen es, mit nahezu jedem ins Gespräch zu kommen, wenn wir denn wollen.
Zurück Zuhause, checke ich dann doch mal den Zwischenstand. Und da sehe ich, dass die Franzosen 1:0 führen, was mich nicht wundert. Allerdings wundere ich mich über den Torschützen, weil ich Hummels bislang in der deutschen Nationalelf wähnte. Und so frage ich mich, was „ET“ in Klammern dahinter wohl bedeuten mag? ET, wie der Spielberg-Klassiker? Also der Außerirdische? Und dann dämmert´s dann selbst mir hohler Nuss, dass das wohl Eigentor heißen muss. Das ist natürlich bitter. Ein Urteil kann ich mir nicht erlauben, da ich es ja nicht gesehen habe. Ist vielleicht auch besser so. Denn so kann ich nach einem schönen Abend glücklich und zufrieden ins Bettchen sinken. Ach, was will ich mehr? Ok, ein paar Dinge fallen mir schon ein. Doch fürs Erste ist alles gut so, wie es ist.

ein wenig Sehnsucht

Gott Fußball regiert mal wieder die Welt. Es ist ja nett, dass da wieder so etwas wie Normalität eingezogen ist. Normal ist dieses riesige Brimborium allerdings nicht. Eine einzige große Gelddruckmaschine. Und nein, ich habe nichts gegen Fußball. Und nein, ich will gar nicht in die gleiche Kerbe schlagen, was die Wiederaufnahme des gestrigen Spiels nach der Reanimation eines Spielers betrifft. Es gefällt mir nur nicht, wie vieles für den Fußball in den letzten 15 Monaten möglich war, in denen für andere Dinge im Kleinen striktere Regeln galten. Geld regiert eben immer noch die Welt. Ich dachte, dieses Konstrukt würde irgendwann bröckeln, aber das war wohl naiv. Genauso naiv, wie meine Mom immer meinte, mich wegen meiner hellen Hautfarbe trösten zu müssen, indem sie meinte, das würde irgendwann wieder ganz en vogue sein. Wurde es nie. Naja…gibt schlimmeres, gell? Und versteht mich nicht falsch: Ich mag Fußball echt gerne und schaue garantiert auch das ein oder andere Spiel. Nur dieses riesige Geschäft, das damit gemacht wird, finde ich ekelhaft.

Was ich hingegen gut finde, ist die Tatsache, nächsten Samstag ganz ohne Test zum Friseur zu können. Ich musste bislang noch keinen Test von einer anderen Person vornehmen lassen, was mich echt sehr erleichtert. Wenn sie einem so ein Stäbchen bis zum Hirn hochschieben, wüsste ich nicht, wie ich mit dem Tester verfahren würde. Da ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe, würde ich wohl denken, im Gegensatz müsste ich ihm/ihr auch was tun. Dann ist es doch besser, ganz ohne Testung zum Friseur zu können, oder? Man muss auch für die kleinen Dinge dankbar sein.

Dieses Wochenende komme ich so gar nicht in Schwung. Vermutlich liegt das am Wetter? Ich weiß es nicht. Den Kindern da unten scheint´s nichts auszumachen, denn sie kreischen und brüllen weiter um die Wette. Ist doch schön, wie frei und wild sie noch sind. Bis ein älterer Herr runterbrüllt – und das im breitesten Bayrisch. Mein Gott, es sind doch immerhin noch Kinder. Und ja, sie sind laut und nerven mich auch hin und wieder…wobei, eigentlich nur der Brüllhannes. Ich mag nicht, wenn Kinder sich überall aufführen, wie sie gerade wollen, weil Mutti und Vati denken, das Kind müsse sich doch bitte entfalten – mitten im Supermarkt. Da bin ich auch schwer genervt. Aber wenn sie draußen rumlaufen, finde ich das super. Da sollen sie kreischen, so viel sie wollen. Gehört doch dazu. Wir hatten den Vorteil, in einem Feldweg zu wohnen, wo es keine direkten Nachbarn gab. So konnte sich auch niemand beschweren. Aber hier? Wo es Wohnkomplexe gibt, da müssen Kinder doch draußen auch herumtollen dürfen. Den Sound höre ich lieber, als all die Rasenmäher und elektrischen Heckenscheren.

Ich sehne mich gerade wieder einmal nach Südamerika. Erst letztens habe ich eine Doku darüber gesehen. Da geht vieles einen viel natürlicheren Gang. Sicherlich ist es kein Zuckerschlecken, da zu leben. Das Leben ist mühsam, aber eben auch echt. Die Menschen sind so herzlich, so voller Lebensfreude und stolz auf ihre Kultur. Ja, ich möchte wieder dorthin…ein bisschen Erdung und Demut tanken. Das kommt alles wieder. Die Testpflicht ist ja jetzt schon innerhalb Deutschlands weg. Wenn sich die Zahlen so weiterentwickeln, ist nächstes Jahr bestimmt wieder mehr oder weniger alles andere drin. Dann wird´s kein Halten geben. Dann bin ich mal wieder unterwegs…auf der Suche nach neuen Impulsen und spannenden Geschichten.

aus dem Nichts

Was für ein Tag. Manchmal ergeben Dinge im Nachhinein dann doch einen Sinn. Ich bin froh, dass heute der letzte Tag der Woche ist. Gestern habe ich über zehn Stunden in der Arbeit gehockt. Da darf jetzt auch mal das Wochenende beginnen. Und dieses schwüle, drückende Wetter tut sein Übriges dazu, dass ich platt bin. Daher bin ich froh, wenn ich den heutigen Tag hinter mir habe.
Und so beginne ich mit meiner ersten Veranstaltung – nach diversen Skype-Telefonaten. Es läuft alles hübsch, wie geplant, was mich ruhiger werden lässt. Seit gestern schwirren so ein paar Dinge durch meinen Kopf. Da kann ein bisschen Ruhe nicht schaden. Nach dem Meeting ist vor dem nächsten Meeting, und ich will mir eigentlich kurz was zu schnabulieren machen. Doch da ruft mich ein direkter Kollege an. Ausgerechnet der, den ich wirklich gar nicht schätze, weil er immer und überall Feuerchen legt. Aber gut, ich schaue mal, was er denn so will.
Er kommt ganz harmlos ums Eck, wie ich das mit der Fahrerei nach Straubing gemacht hätte? Hä? Das kommt mir ein wenig spanisch vor, aber ok, gehe ich mal drauf ein und erkläre ihm – seit zwei Jahrezehnten in der Firma – den Ablauf mit dem Fahrzeugpool im Haus bzw. dem Vorgang des Auto Mietens. Er plaudert drauflos, was er in Straubing vorhabe, doch ich warte auf die Pointe. Als ich schon nicht mehr damit rechne, fragt er mich, was ich zu Heinz sage? Jetzt kommen wir der Sache näher. Heinz, Ihr wisst schon…DER Heinz. Was soll ich über ihn wissen? Er ist gerade in Urlaub, soweit ich weiß. Da lacht mein Kollege leicht und sagt: „Joa, so könnte man das auch nennen.“ Nun hat er mich neugierig gemacht, leider. Das ist so seine Masche. Heinz war gestern das erste Mal seit sieben oder acht Monaten in der Firma. Das hat mich schon gewundert, aber ich habe es der Vorstellung der neuen Chef-Chefin in unserer Austauschrunde zugeschoben. An der hat er allerdings dann nicht teilgenommen, was ich jedoch nur am Rande registriert habe. Jetzt erfahre ich, dass er ein Personalgespräch hatte. Direkt im Anschluss wurden alle Tage auf „abwesend“ bei ihm im Kalender gesetzt. Interessant. Mir wäre das nicht aufgefallen, weil ich da nicht nachschaue. Bei dem Personalgespräch war nicht nur der Chef-Chef dabei, sondern unser Chef nicht anwesend, dafür dann aber die Personalabteilung und eine externe Beratungsfirma, die für die „zur Verfügung Stellung auf dem Arbeitsmarkt“ verantwortlich zeichnet. Bums, da falle ich gerade mal vom Stängelchen. Wie ich jetzt vom Kollegen erfahre, war er nicht vorgewarnt und hat mit so was mal gar nicht gerechnet. Ob er nun ein Angebot erhalten hat und sich noch entscheiden darf, wissen wir nicht. Ob er (wieder) etwas angestellt hat, wissen wir auch nicht. Was wir jedoch wissen, ist: Eigentlich sollten keine Stellen mehr abgebaut werden. Der Prozess war abgeschlossen. Puh!
In der Sache ist es durchaus angebracht, jemanden wie ihn nicht im Unternehmen tolerieren zu können. Doch da sind seit 15 Jahren Dinge grundlegend schiefgelaufen. Was ich hingegen bemängele – bei allem Frust über ihn – ist die Tatsache, wie das nun passiert. Ohne Vorwarnung statuiert man hier ein Exempel. Im Grunde ein echtes No-Go. Und – wenn wir ganz ehrlich sind – ist das auch ein Armutszeugnis für die Führung. Man hätte dieses Vorgehen schon vor vielen, vielen Jahren im Keim ersticken müssen. Dann muss so jemand eng geführt werden. Doch so was jahrelang laufen zu lassen und dann aus heiterem Himmel (so schaut es für uns derzeit jedenfalls noch aus) zu agieren, hinterlässt ein Geschmäckle. Allerdings zeigt es mir, warum mein Chef seinen Urlaub gecancelt hat. Immerhin stehen alle Termine noch im Kalender von Heinz, die ja nun irgendwer übernehmen muss. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird…
Die ganze Umstrukturierung läuft ebenfalls in eigenartigen Bahnen. Mein Chef-Chef wird ja versetzt – so, wie einige andere auch. Ihm hatte man aber nur eine Woche zuvor gesagt, dass er diesen Bereich fest zugesichert bekäme. Nur um dann zu erfahren, man bräuchte ihn eigentlich gar nicht mehr im Unternehmen. Und ein paar Tage später die Info: „Och, kannst doch bleiben, nimmste eben diese Stelle.“ Jetzt verstehe ich den Frust auch eher. Trotzdem bleibt unterm Strich ein verdammt dickes Gehalt, was auch manches rechtfertigt. Auf der anderen Seite kann ich mir meine Mitarbeiter so auch munter sauerfahren und muss mich nicht wundern, wenn sie zu „Low Performern“ mutieren. Gott, wie ich dieses Wort hasse!!! Aber davon reden Konzerne ja gerne.

Nun ist der Arbeitstag Gottseidank rum und hinterlässt mich mit ein paar Fragezeichen, die sich aber bestimmt mit der Zeit auch in Wohlgefallen auflösen werden. Ich packe meinen Müll zusammen und bringe ihn nach draußen, wo mir ein einsamer, kleiner Junge über den Weg läuft und mich mustert. Es ist nicht der Brüllhannes. Da bin ich aber froh. Ich frage ihn, ob ihm sehr langweilig sei? „Nö, gerade nicht. Ich geh´ jetzt zu ´nem Freund spielen. Aber sonst ist mir schon voll langweilig.“ Aha. Er begleitet mich ein paar Meter, also quatsche ich einfach weiter mit ihm und frage, ob er zur Schule gehe? Prompt kommt die Antwort: „Ja klar, aber das ist voll doof!“ Ich grinse: „Wieso finden alle Jungen eigentlich Schule so doof?“ Er holt Luft: „Weil ich da sechs Stunden und so sein muss.“ Was auch immer „und so“ ist. Ich grinse noch breiter, weil ich gerade an meine Arbeit denke: „Och, weißt Du, ich geh´ zwar nicht mehr zur Schule, aber dafür arbeiten. Und da ist es auch manchmal ganz schön doof. Da bin ich auch mindestens sechs Stunden, normalerweise aber länger.“ In völliger Kindermanier, wie es in der SodaStream-Werbung gezeigt wird, kommt postwendend: „Mein Papa arbeitet die ganze Nacht!“ Ob ich jetzt wohl fragen soll, ob sein Vater Prostituierter sei? Dann haben sie ein gutes Diskussionsthema am Abendbrottisch. Doch ich beherrsche mich, wie sich das gehört, und denke: Wir haben wohl alle unsere Verpflichtungen, die uns mal mehr, mal weniger Spaß machen – sei es in der Schule oder bei der Arbeit.

von Stuten und Fröschen

Heute Morgen düse ich wieder ins Büro. Ominöserweise steht ein Fenster sperrangelweit offen. Es ist 6:50 Uhr. Zwei Kollegen aus diesem Büro sind in Urlaub. Die andere ist Langschläferin. Und dann ich, säät der Jeck. Komisch, komisch, auch wenn ich Frischluft natürlich sehr mag. Erst spät am Nachmittag finden wir endlich heraus, dass die Handwerker gestern Schalldämpfer an der Decke installiert haben und dabei vergessen haben müssen, das Fenster auch wieder zu schließen. Die Tastaturen lagen auch umgedreht auf dem Schreibtisch. Wir hätten drauf kommen können, aber an so was habe ich nun wirklich nicht gedacht. Nur gut, dass wir es rausgefunden haben. Ansonsten wäre mir das nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Kurze Zeit später darf ich dann auch den zweiten Teil meines Workshops durchführen. Der Auftraggeber ist wohl zufrieden, obwohl ich wirklich „nur“ moderiere. Mir ist das zu wenig, aber wenn es gewünscht ist, bin ich nun mal nur Dienstleister und er Kunde. Mit den sechs Kerlen macht es mir allerdings sehr viel Spaß. Ein ganz Harter haut irgendwann raus: „Mit Dia daat i gäan oan saufn gänga.“ Das ist doch mal ein Wort! Wenn es wieder möglich ist, werden wir das vermutlich nachholen. Er trägt ein T-Shirt von Motörhead, weshalb ich weiß, dass wir Musik technisch auf einer ähnlichen Welle schwimmen. Als mir zwei Jungs dann noch verraten, dass sie vor zwei Jahren auf einem Disturbed Konzert waren, drohe ich ihnen das Schlimmster an, wenn sie mich beim nächsten Mal nicht mitnehmen würden. Angeblich werden sie mich beim nächsten Mal informieren. Wenn nicht, gibbet Kassalla. Der Grottenharte gesteht am Ende des Workshops dann auch, wie froh er sei, einfach raushauen zu können, was er wolle, ohne Angst haben zu müssen, ich würde wegen angeblicher Frauenfeindlichkeit zum Betriebsrat oder zur Personalabteilung rennen. Davon bin ich meilenweit entfernt. Mir macht das doch selbst viel Spaß, sie hops zu nehmen. In Teilen ist es wirklich eigenartig geworden…das verstehe ich nämlich nicht unter Gleichberechtigung.

Einer der anwesenden Teamleiter ist sehr speziell. Er ist knurrig oder vielmehr gibt er sich so. Irgendwie mag ich ihn, auch wenn ich seine politische Gesinnung vollkommen ablehne. Wir zwei frötzeln, seit wir uns kennen. Die anderen haben natürlich ihr Späßchen daran und machen kräftig mit. Als der Heavy Metal Fan sagt, ich werde schon sehen, wie wenig davon nachhaltig umgesetzt werden könne, wenn wir uns in zehn Jahren noch mal zusammenhocken, sage ich trocken: „Glaubst Du echt, ich bleibe hier noch zehn Jahre und muss mich mit dem da rumschlagen?“ Daraufhin erfahre ich ein neues Wort: „Woas? Däa is bekonnt als Stutentröster. Des is do däa Beste herinnen, dem´s hia hobm.“ Schawatt bitte??? Stutentröster? Ich will schon wie ein Pferd schnauben, denke aber, das würde dann missverstanden werden. Fortan nennen wir ihn natürlich nur noch so. Er schmunzelt dazu, ich habe Bilder im Kopf. Nicht gut. Doch unterm Strich, hey, bekomme ich mein Gehalt auch für so was hier, oder? Und ich merke, es macht gerade wieder etwas Spaß zu arbeiten.

Den Abschluss des Tages bildet eine Rücksprache mit meinem Chef-Chef. Das kam sehr spontan zustande. Meine Kollegin hatte ein Gespräch mit ihm und in dem Zuge auch gefragt, ob man auch Wünsche äußern dürfe, in welche Richtung man sich nach der Umstrukturierung bewegen wolle? Sie darf. In dem Zusammenhang fragt er auch nach mir und was ich denn wolle? Meine liebe Kollegin sagt ihm, was sie denkt, aber er gibt ihr mit, ich müsse ihm das auch noch mal selbst sagen, denn nur dann könne er auch wirklich dem anderen Chef dies mitteilen. Und so kommt dann die kurzfristige Rücksprache zustande. Er kommt in unser Büro und antwortet mir auf die Aussage, dass ich nicht gedacht hätte, wir könnten unsere Wünsche äußern: „Richtig. Man fragt nicht jedes Fröschchen, wenn man den Teich verlegt.“ Da seht Ihr mal, wie schnell man in der Tierwelt absteigen kann: Von Stute zu Frosch innerhalb von wenigen Stunden. Er kann uns nichts versprechen, das ist schon klar. Aber er kennt den Leiter der anderen Abteilung und würde mit ihm schon sprechen, wen er für dessen Bereich geeignet empfände. Wahrscheinlich wird das im ersten Aufschlag, das heißt bis zum ersten Oktober, noch nicht unbedingt was. Doch wenn sich dann alles rüttelt und schüttelt, wird sich da vielleicht was ergeben. Es schade, laut seiner Aussage, nicht, wenn man sich positioniere. Und da ich den anderen Leiter flüchtig kenne, mache ich es, wie meine Kollegin und stelle einen kurzen Termin in der kommenden Woche ein. Mir ist ein wenig mulmig, aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – egal ob Stute oder Frosch. In diesem Sinne: Es wird tierisch.

Geduld und abwarten

Es gibt sie immer wieder: Momente, in denen ich mit offenem Mund staune. Am liebsten natürlich, weil ich positiv überwältigt bin. Doch leider ist es heute wieder einmal mehr Fassungslosigkeit, die mich staunen lässt. Meine Überlegung war es ja, meine Kapselmaschine zu verschenken. Immerhin gibt es zwei Kartons Kapseln noch oberdrauf. Also rufe ich erneut bei der Caritas an. Dieses Mal ist ein Herr am anderen Ende des Telefons. Nein, sie hätten einfach alles voller Porzellan, weiteres könnten sie gerade nicht gebrauchen. „Äääääh, ich wollte eigentlich eher meine Kapselmaschine abgeben, kein Porzellan.“ Aber nein, so was würden sie nicht verkaufen. Auch nicht verschenken. Höchstens gerenalüberholen. Wie alt denn die Maschine sei? In der Hektik sage ich: „Fünf Jahre.“ „So oid scho? Na, do moch ma gor nix.“ Dabei habe ich gelogen, es sind bereits sieben Jahre, die die Gute auf´em Buckel hat. Krass, oder? Ich will sie sogar echt mit ca. 150 Kapseln abgeben. Aber nein, ist nicht gewünscht. Ich frage ihn, ob er sonst noch eine Anlaufstelle wisse, wo Menschen froh seien, wenn sie so was kostenlos bekämen? Nein, weiß er nicht. Und da sitze ich hier und staune eben Löcher in die Luft. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die sich wirklich über so was freuen würden. Nur wenn nicht mal die Caritas weiß, wie man die erreicht, wie will ich das denn wissen? Und etwas, das funktioniert und einwandfrei in Ordnung ist, kann ich einfach nicht wegschmeißen. Das widerstrebt in jeder Hinsicht allem, wie ich erzogen wurde. Krass…für Ideen Eurerseits bin ich also voll empfänglich! Allerdings würde ich ein Elektrogerät nicht unbedingt irgendwo an die Straße stellen.

Der Arbeitstag zieht sich heute in die Länge. Gleich mehrere Meetings warten auf mich und lassen mich gähnen. Starten darf ich allerdings mit meiner Rücksprache mit dem Chef. Und es ist, wie es ist: Es wird zu einem Jammern seitens des Guten. Wie schlecht er die Zukunft sehe, wie blöd doch alles laufe, wie sehr er doch jetzt erwarten würde, dass die neue Chef-Chefin sich endlich positionieren würde. Hä? Ich kläre ihn – der wesentlich mehr Erfahrung auf dem Gebiet in dieser Firma haben sollte, weil er seit 46 Jahren im Unternehmen ist – auf, wie wenig diese Frau sich gerade positionieren könne, da sie ja noch gar nicht wisse, welche Bereiche und welche Mitarbeiter ihr zugeschlüsselt würden. Darauf kommt von ihm: „Do host a wieda recht.“ Und trotzdem wolle er jetzt wissen, wie es für ihn weitergehe. Zefix! Er ist der Chef. Er sollte Stabilität und Zuversicht ausstrahlen. Dabei heult er sich regelmäßig bei mir aus…und gelegentlich auch bei meiner lieben Kollegin. Kein Wunder, bei den anderen kommt er ja kaum zu Wort, da die auch durchgängig jammern. Normal ist das alles nicht mehr.

Mein Betriebsratspezl verkündet mir wieder ein paar interessante Sachen. Vor allem aber mahnt er zu Geduld. Wie hieß der Spruch letztens: „Als die Geduld verteilt wurde, riss bei mir bereits der Faden.“ Und meine Umzugspläne, weiter raus zu ziehen, sind vermutlich auch erstmal zu beerdigen. Denn so, wie es ausschaut, werden wir ab nächstem Monat wieder mindestens drei Tage pro Woche in die Arbeit gehen müssen. Dann sind die Tage des Home Office gezählt. Und ja, ich habe es lange verflucht, aber dann den Nutzen darin erkannt, viele meiner nervigen direkten Kollegen nicht sehen zu müssen. Vor allem aber die Möglichkeit, weiter raus zu ziehen, hat mich fasziniert und völlig neue Optionen ins Spiel gebracht. Doch wenn ich nun wieder häufiger ins Büro fahren muss, platzen diese. Wir werden sehen. Ich glaube irgendwie nicht mehr daran, dass die Arbeit tatsächlich wieder zu einem „business as usual“ zurückkehren wird – zumal wir ein Flächenproblem haben, wie die meisten Firmen in Deutschland. Wir werden damit beginnen, und auch daran werde ich mich wieder gewöhnen – keine Frage. Die Zukunft wird dann zeigen, was sich nachhaltig doch ändern wird. Immerhin ist ja auch die Rede von einer Rente ab 68…wie ich mich freue! Nicht. Um mit den Worten von Franz Beckenbauer zu schließen, den ich trotzdem nicht mag: „Schau´n mer mal“.

vom sinnvollen Einsatz der Mücken

Die schlichte Wahrheit? Ich hatte gestern einfach überhaupt keinen Bock, etwas zu schreiben. Kommt auch mal vor. Rumgammeln bekommt mir einfach nicht. Während ich Donnerstag und Freitag noch voll in meinem Element war, ließ es ja schon Samstag merklich nach. Gestern war dann nur tote Hose angesagt. Mit anderen Worten: Ich habe den Tag nahezu mit Fernsehen zugebracht. Keine Meisterleistung, aber doch hin und wieder wohl normal. Es war auch so richtig herrliches Schmuddelwetter. Am Meer wäre selbst das toll. Am Meer ist nahezu alles genial. Nur so? Ist es eben ein Wetter, bei dem man so ungern unter der Kuscheldecke hervorkrabbelt.

Entsprechend schlecht war die Nacht. Wenn ich nur abgehangen habe (wie sich das für guten Schinken ja auch gehört), schlafe ich mies. Dabei muss ich heute ja wieder richtig früh raus, da ich ins Büro fahre. Nach langer, langer Zeit gebe ich mal wieder einen Workshop. Darauf freue ich mich schon. Ich kenne allerdings nur eine Hälfte der Truppe. Doch die anderen machen auch einen netten Eindruck. Reine Männertruppe, alles Werker. Das ist ja nach meinem Geschmack. Und dann bayern die „umanand“, dass es eine wahre Wonne ist, zuzuhören. Ich komme mir vor, als wäre ich in der Bully-Parade gelandet, was ich ihnen natürlich auch stecke. Sie sehen mir im Gegenzug meine rheinische Schnüss nach. Erst zum Schluss, als ich locker flockig „Pfia God“ trällere, dreht sich einer noch mal um und sagt: „Pfia God? Ah, sie ko nix dafüa, sie is halt a Preiss.“ Warum man das nun nicht sagt, haben wir nicht klären können. Donnerstag sehe ich ihn wieder, und da muss er mir Rede und Antwort stehen. Ich will ja nicht dumm sterben. Und im Internet finde ich auch nichts darüber. Ach, es soll mal einer aus den Bayern schlau werden! Ich werd´s jedenfalls nicht.
Besonders putzig ist einer, der mir nach fünf Minuten steckt, er wolle mir ja nichts, aber das sei alles Kindergarten. Er habe schon sooooo viele Workshops „do herinnen“ mitgemacht, nur brächten sie alle nichts. Weil die „Leit hoit deppert san“. Prinzipiell mag ich es, wenn man seine Meinung sagt. Doch diese Haltung, dass alle doof seien und nicht wollten, die mag ich nicht so. Wenn ich am Anfang schon denke, dass alles Mist ist, wird auch Mist dabei herumkommen. Dabei bringt gerade er dann gute Ideen für Abstellmaßnahmen. Ich weiß schon, was er meint. Es sind unterm Strich immer dieselben, die Dinge antreiben, umsetzen und was weiterentwickeln. Das ist auch schwer zu durchbrechen. Nur darüber zu jammern, bringt eben auch nichts. Manchmal denke ich echt, es geht uns noch viel zu gut. Da greift der Spruch meiner lieben Omma wieder: „Wenn Du willst, kannst Du viel; wenn Du musst, noch viel mehr.“ Solange die Not noch nicht groß genug ist, wird sich auch nur schwerlich etwas bewegen lassen.

Aber es ist schon eigenartig, wie unterschiedlich die Menschen sind. Die meisten mögen keine Veränderungen. Allgemein wird den Menschen ja nachgesagt, sie vermeiden Veränderungen nach Möglichkeit. Mir wird hingegen sehr schnell fad (ein Hoch auf Bully!). Wenn es zu lange gleichbleibend ist, werde ich schon kribbelig. Daher tu´ ich mich bisweilen schwer, zu ertragen, wie träge manche Menschen sind und nach dem Credo „Der liebe Herrgott hat es so gefüget“ leben. Ich weiß, manch einem müsste ich sogar dankbar sein, denn sonst müsste ich noch irgendwo als Archivar arbeiten. Wiederkehrende, routinierte Arbeit ist mir schlichtweg ein Graus. Ich brauche nicht jeden Tag was Neues…aber nach ein bis zwei Jahren darf gerne was Anderes daherkommen. Kennt Ihr das auch? Oder gehört Ihr eher zu denen, die gerne die Routine mögen?

Und dann wird mir heute noch ein toller Spruch zugeschickt, der mir direkt aus dem Herzen spricht: „Die Welt wäre so viel schöner, wenn Mücken Fett statt Blut saugen würden!“ Wenn es dann noch anschließend nicht jucken könnte, wäre das der Himmel auf Erden. Ich würde glatt eine Mückenzucht beginnen, eine Herberge aufbauen und die besten Bedingungen für die Viecher schaffen. Wenn sie doch heute innerhalb eines Jahres einen Impfstoff erschaffen können, können sie nicht da auch mal in so eine Richtung forschen? Ich bin sicher, das fänd breiten Anklang. Vielleicht sollte ich das mal in Berlin vorstellen? Welche Partei wohl als erste zuschlagen würde? Fragen über Fragen – und keine davon sinnvoll, was es gerade so schön macht.

so richtig zappeln, wäre noch mal schön

Was mich glücklich macht, ist die Tatsache, dass sich ein Van Halen-Spross auch mit Musik auseinandersetzt bzw. die Musik des Vaters und Onkels weiterführt. Ich höre mir über YouTube ein Live-Konzert an. Vermutlich sagt den Wenigsten hier Van Halen was. Aber bei Jump, das auf nahezu allen 80er Parties gespielt wird, flippen dann doch alle mit aus. Ach, ich glaube, ich kann dem Metal niemals ganz abschwören. Guter Rock ist schon auch was Feines. Doch so richtig fett auf die Ohren zu bekommen, gefällt mir echt sehr gut.
Da denke ich mal wieder an die „gute, alte Zeit“. Was bin ich gerne in die Rockfabrik gefahren. Bei uns gab es eigentlich nur zwei richtige Läden, in die man ging: Himmerich oder die Rockfabrik. Ich weiß noch, wie mein ältester Cousin zur Rocke gefahren ist und eine Tante völlig naiv fragte: „Wo geht der Jung denn jetzt noch nähen – um die Uhrzeit?“ Nee, mit Nähen hatte der Gute mal so gar nichts am Hut. Da er ein Junge war, konnte er sich in unserer Familie schon weit mehr erlauben als wir Mädels. Und es war ihm (und ist es, glaube ich, bis heute) völlig wurscht, was andere von ihm dachten. Er hat lange Jahre lange Haare getragen – sehr gewagt in einem kleinen, katholischen Dörfchen. Erst viel später bin ich mitgefahren – wenn auch unerlaubterweise. Während die andere Disco größer war und gleich mit drei Räumen aufwartete, bestand die Rockfabrik über viele Jahre nur aus einem größeren Raum. Und während man sich für Himmerich eher rausputzte, galt es für die Rocke, eher cool auszusehen. Es war ein wenig versifft, eher düster. Das passt ja auch besser zu Hard Rock und Metal. Meinem Vater war das mehr als suspekt, weil er Drogen witterte. Gab es da auch. Aber die reicheren Teenager haben weit mehr Drogen in Himmerich konsumiert. Da kamen dann auch Leute von über 100 km Entfernung angereist. Und das in unsere eher verschlafene Gegend.
Doch den schlechteren Ruf hatte die Rockfabrik und behielt ihn. Ist das nicht immer so? Wenn etwas düster aussieht, muss es gleich viel gefährlicher sein. Dabei können sich harte Drogen eher reiche Menschen leisten. Die lieben Klischees. Heute ist es noch schlimmer, doch auch früher gab es schon Drogen in der Schule. Ja, auch an einem bischöflichen Gynasium. Mich hat´s nie gereizt. Und es war bekannt, dass man auf die Nuss bekam, wenn man mir was anböte. Ich wusste eben immer schon, was ich nicht wollte. Ist ja auch leichter als umgekehrt.
Wenn ich die Musik höre, würde ich gerne wieder mal in die Rocke fahren und den ganzen Abend abzappeln. Vermutlich würden sie aber denken, ich sei aus dem Altenheim entflohen und nach meinen Pflegern Ausschau halten. Außer an Weihnachten. Da war es ein Brauch, noch mal dorthin zu pilgern und viele Leute von früher zu treffen. Doch die Discotheken sterben ja irgendwie aus, was ich echt schade finde. Wieviele Pärchen haben sich da gefunden? Gut, dafür gibt es heute Parship, Tinder & Co., denen ich nichts abgewinnen kann. Und mir fehlen wirklich Läden, in denen ich noch mal richtig abfeiern kann. In München gibt´s schon auch manchen Laden, doch keiner hat mich bisher richtig begeistern können. Kommt dann noch ein DJ hinzu, der sämtliche Lieder verhunzt, abkürzt oder gar andere Beats druntermischt, dann kriege ich so richtig schlechte Laune.
Mein Schwager wird dieses Jahr 50, vielleicht geht da ein bisschen was…also eine Möglichkeit, ein wenig zu tanzen. Allerdings wird es da eher Schwofmusik geben, die ich nicht wirklich mag. Paartanz sieht echt ganz nett aus, doch ich zapple lieber zu „richtiger“ Musik alleine ab. Ich weiß, das könnte ich in meiner Bude ja auch machen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Da kommt doch keine Stimmung auf! Es braucht schon das Drumherum, das Lichtspiel, andere zappelnde, schwitzende Leute, die richtige Lautstärke…so was eben. Ist, wie im Kino. Zuhause ist es nicht dasselbe.

Ansonsten mache ich heute erstaunlich wenig. Ich müsste mir endlich mal meine Bücher schnappen und lernen. Leider liegt mir das Lernen so wenig. Hat da irgendwer eine Idee, wie man daran Spaß entwickeln kann? Ach, wenn wir schon mal dabei sind: Weiß einer die wirklich echte Formel, wie man Spaß am Sport generieren kann? Ich rede nicht vom Zuschauen, was mich auch eher wenig reizt, sondern schon vom aktiven Selbermachen. Naja, vielleicht wäre ja ein Hard Rock-Metal-Tanzkurs das Richtige. Ob ich da aber Leute gewinnen kann, die mitmachen, ist fraglich. Und Headbanging ist in meinem Alter jetzt auch nicht mehr soooo lustig. Ich werde berichten, sollte ich auf so ein Angebot stoßen. In diesem Sinne: Rockiges, zauberhaftes Wochenende Euch allen!

viel warme Luft um nichts

Heute lese ich weniger und entsorge dafür wieder mehr. Wenn das so weitergeht, bleibt hier echt kein Stein mehr auf dem anderen. Meine Sis hat schon gewitzelt, wenn ich alles entsorgt hätte und immer noch diese Motivation empfände, könne ich bei ihr weitermachen. Äääääh…nö. Das ist jetzt kein neues Hobby von mir geworden. Es ist schlichtweg eine Notwendigkeit – auch wenn ich nicht weiß, wieso ich dafür 44 Jahre benötigt habe?

Jetzt geht es meinen Sofakissen an den Kragen. Ehrlich, irgendwann sind die dann doch auch zu oll und aus der Form geraten, als dass man sie noch bequem nennen könnte. Es sind ganz einfache, wobei bei vier größeren schon ein Reißverschluss eingenäht ist. Den trenne ich in geduldiger Kleinarbeit auf. Immerhin näht meine Sis. Und Reißverschlüsse kann man wiederverwenden. Ach ja, was bin ich plötzlich grün. Nee, das ist es gar nicht. Aber wenn man so was noch benutzen kann, wieso sollte man es da wegschmeißen? Das ist es ja vor allen Dingen, was mir schwerfällt: Ich kann nichts wegwerfen, was nicht defekt ist. Daher bin ich froh, wenn es andere noch verwenden können, was bei mir über Jahre eingestaubt ist.

Ist es eigentlich normal, dass jetzt plötzlich schwül-warmes Wetter herrscht? Erst will es gar nicht warm werden, dann ist es plötzlich schwül. Da soll mein Kopf noch mithalten können. Das scheint selbst die Kinder da draußen zu schaffen, weil ich heute nur sehr wenig von ihnen höre. Einzig Flecki, die mutmaßliche Corona-Katze, höre ich maunzen. Die Kinder machen sie immer nach, was die Gute noch nicht richtig zu nerven scheint. Würde mich jemand dauernd nachäffen, wäre ich nicht entspannt. Also: Nehmt Euch bloß in Acht! Passend dazu schickt mir heute Morgen ein Kollege einen Spruch: „Ich reg´ mich nicht auf! Ich reg´ mich nicht auf! Ich reg´ mich nicht auf! Ich leg´ sie einfach alle um!“ So, jetzt wisst Ihr, was Euch blüht, sollte es wer wagen, mich nachzuäffen. Vielleicht sollte ich Flecki die What´s App-Nachricht weiterleiten?

Von meiner Sis höre ich per Telefon, dass der Kleine Damenbesuch hatte. Es sei „nur eine Freundin“. So was wollte meine Mom mir bei Jungs auch nie glauben. Dabei war das bei mir wirklich etwas völlig Normales. Ich hatte immer schon Jungs als Freunde. Hallo? Frau muss doch schließlich auch Experten an der Seite haben, wenn die Kerle mal wieder völlig unlogisch – zumindest aus Frauensicht – handeln. Ich mag dieses Nüchtern-Abgeklärte. Wenn ich denke, wie viele Frauen alles wirklich bis ins Kleinste interpretieren…und dabei gab es gar keinen tieferen Sinn in einer Aussage, wie sich im Nachhinein herausstellt. Darin bin ich Expertin, wobei es deutlich besser geworden ist. Warum? Weil die Realität mein bester Lehrmeister war.
Schönes Beispiel für so ein Frau-Mann-Missverständnis: Mein holländischer Ex-Freund hat mir mal die Ohren zugehalten. Nicht lange, nur ein paar Sekunden. Ich dachte natürlich – das ist die Logik einer Frau – er habe mir etwas ganz Romantisches gesagt, eine Liebeserklärung gemacht, irgendwas in der Art jedenfalls. Und er wollte nicht allzu gefühlsduselig rüberkommen. Immerhin ist er ein Elite-Soldat. Mein Nachfragen brachte mir erstmal nichts ein, aber als ich nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht lockerlassen wollte, kam seine Antwort mit einem fetten Grinsen: „Ich hab´ gepupst.“ Mmmh, ich fand meine romantische Vorstellung irgendwie schöner und hätte besser die Illusion bewahren sollen. Unterm Strich wäre wohl beides nur warme Luft gewesen, oder? Besser als die schwüle heute…wobei: Gerade regnet es. Ich hoffe auf bessere Luft im Anschluss – so oder so.

mit Lachen und mit Tränen

Heute Morgen ist es schon so warm, dass ich mich auf den Balkon fläze und etwas lese. Es dauert nicht allzu lang, bis auch die Kinder aus ihren Verstecken gekrabbelt kommen. Wenn ich die kleinen Mädels dabei beobachte, wie sie hintereinanderherlaufen und dann auf diesen Schaukelgeräten (die Pferdchen mit der riesigen Feder darunter, die hin- und herwippen) rumtoben, dann freue ich mich über diese Leichtigkeit, Unschuld und unbändige Freude. Zwischendurch kreischen sie wie wild, wenn sie einander fangen wollen. Oh man, war ich auch mal so jung? Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie wir in unserem Dorf rumgeströpt sind. Da haben wir auch nichts anderes wahrgenommen, als den Moment. Der hat einfach allen Raum eingenommen. Schade, wie mir das verloren gegangen ist…

Dialoge, die es vor zwei Jahren so jedoch niemals gegeben hätte, vernehme ich dann aber auch noch: „Lass die Katze in Ruhe!“ Hatte ich erwähnt, gegen Katzen allergisch zu sein? Zum Glück hocke ich im zweiten Stock. Das andere Mädel entgegnet: „Aber warum? Flecki ist sooo süß!“ Die Erste stellt mal altklug fest: „Und wenn sie Corona hat?!“ Was zum Henker??? Das sind kleine Mädels. Aber da sieht man, womit leider auch Kinder tagtäglich konfrontiert werden. Ich hoffe sehr, dass wir nicht allesamt zu großen Schaden von dieser Zeit davontragen.

Gegen Mittag wird es mir dann allerdings doch zu heiß und stickig. Ich gehe rein und will noch etwas wuseln. Es gibt noch eine Kiste mit Briefen, die ich durchforsten möchte. Dann sollte ich wirklich alle meine Briefe und Karten mal erledigt haben. Oh man, ich habe sogar die Briefe von meiner ersten Lauferei von vor 29 Jahren! Auch nicht übel. Nicht besonders eloquent, der Gute, aber immerhin bemüht. Heute ist er Vierfach-Vater und – was ich so gehört habe – wohl ganz zufrieden mit seinem Leben als Hausmann, während die Frau Hauptverdiener ist. Ha, es gab sie also auch schon früher, die emanzipierten Männer!
Über manche Briefe muss ich mich dann regelrecht schlapplachen. Ich habe vor Uuuuuuuurzeiten mal einen Betreuerschein gemacht. Bei der Fortbildung wurde ich Krawallbiene getauft. Oder ein anderes Mal, als ich in Taizé war, habe ich auch wieder neue Leute kennengelernt und jahrelang Kontakt gehalten. Neue Menschen kennenzulernen, war nie ein Problem für mich. Und da ich immer gerne Spitznamen verteilt habe, wurde ich ebenfalls mit selbigen bedacht. Eine Reihe von Briefen wurde von einem Bekannten an „Diplom-Hektikerin Claudia“ adressiert. Herrje, ich scheine manch einen inspiriert zu haben, sich einen netten Namen für mich auszudenken.
Ich lese Briefe, in denen Menschen mir schreiben, was sie in mir sehen. Beispielsweise hatten wir vor gefühlt 120 Jahren ein rumänisches Flüchtlingspaar bei uns Zuhause. Zu ihr hatte ich ein besonderes Verhältnis. Sie war so völlig anders als das, was ich sonst in meinem Dorf so zu sehen bekam. Sie war eine Art Vorbild für mich – so klug, belesen, mutig und herzlich. Als ich ihre Briefe lese, sehe ich sie wieder ganz genau vor mir. Mein jüngster Onkel war damals nach Amerika in Urlaub geflogen – was ganz besonderes! Und er hatte ein tolles, französisches Bett. Irgendwie war er durch die beiden Tatsachen schon viel cooler als die anderen Spießer. In seinem Zimmer haben wir sonntags oft rumgelungert und Filme geschaut, als wir zu alt waren, im Keller mit den Kleinen zu spielen. Das Bett habe ich immer bewundert, weshalb ich es bekommen sollte, als er sich ein neues Schlafzimmer bestellt hatte. Ich weiß noch, wie aufregend ich das fand, endlich mein altes, grünes Kinderzimmer loszuwerden. Es kam mir so erwachsen vor, ein französisches Bett zu haben. Und dann sehe ich meine Mom, die sich zu mir ins Zimmer setzt und mir erklärt, mir stünde das Bett zwar zu, aber Roxana und Horea würden es doch dringender brauchen. Sie hatten nur einen Lattenrost und eine Matratze. Meine Eltern und die Familie hatten einiges zusammengekratzt, nur ein Bett war keines dabei. Ob ich mir nicht vorstellen könnte, doch auf dieses Bett zu verzichten? Puh…ich hatte so lange darafhin gefiebert, aber da gab es doch keine andere Möglichkeit, oder? Und so habe ich es ihnen überlassen. Sie haben es bei ihrem Umzug nach Wuppertal mitgenommen, wo sie dann Stipendien für ihr Medizin-Studium erhalten haben. Ich glaube, ich habe sie noch ein Mal gesehen…und ein paar Briefe mit ihr geschrieben. Ist das lange her!
Auch ein Brief von der schottischen Freundin meiner Sis ist dabei. Sie ist in etwa im Alter meiner Mom. Als sie zu Besuch war, hatte meine Sis nicht durchgehend Zeit für sie, weshalb ich manche Stunde mit der witzigen Mary verbracht habe. In ihrem Brief schreibt sie mir, wie sich mich ihrem Mann beschrieben hätte, der danach gefragt hatte: „She is a one-woman-party – all over!“ Das verbuche ich mal als Kompliment.

Und wie das so ist, wenn die Erinnerungen mit den Briefen kommen: Ich lache aus tiefstem Herzen, und ich vergieße manche Träne. Es ist schön, das zu lesen. Manche Briefe werfe ich aber trotzdem weg. Es hat alles seine Zeit…und jede war auf ihre eigene Weise schön, traurig, lehrreich, verrückt und herausfordernd. Ich wünsche den Mädels (und später kommen die Jungs dazu) da unten, auch tolle Begegnungen zu erleben, schöne Erinnerungen zu sammeln und ihre Leichtigkeit dabei nicht zu verlieren. Und dabei denke ich an den Satz, über den ich stolpere: „Der Mut, der Lächerlichkeit zu trotzden, ist es, den wir am meisten brauchen.“ Also: Seid mutig, und sucht Euch Eure Abenteuer!