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Wie einfach war’s doch als Kind…

Ein kleiner Junge – vielleicht 7 oder 8 Jahre alt – geht schnurstracks auf ein kleines Mädel zu, das ich auf etwa 6 Jahre tippe. Klar und laut fragt er: „Und? Geht’s Ihr a auf d’Wiesn?“ Ein schüchternes: „Ja“ ist die Antwort. Er sagt noch zwei, drei Sätze, bis er sich umdreht und seiner Mutter laut zuruft: „Los Mama, trau di! Der Mo (Mann) is a nett.“ Gemeint ist der Vater der kleinen Maus. Dessen Frau und andere Tochter sitzen neben mir auf der Bank. Die Frau neben mir lacht. Der Mann grinst vor sich hin. Es ist ja auch ein Kompliment.

Und ich denke nur: Warum kann es nicht immer so unkompliziert und einfach laufen? Warum muss es immer komplizierter werden, je älter wir werden? Es scheint, als würden wir alle mit jedem weiteren Lebensjahr lernen, uns mehr zurückzunehmen. Oder geht es nur mir so? Ich fand den kleinen Jungen einfach genial.

Ich komme wieder aus dem Krankenhaus. Die Atemzüge sind mittlerweile auf zwei reduziert, bevor eine lange Pause entsteht. Es dauert also nicht mehr lange. Und doch schlägt das Herz noch… vielmehr ist es ein Flattern. Es wirkt, als hätte er sich schon verabschiedet, nur der Körper kämpft noch. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie so ein Körper noch seine allerletzten Reserven mobilisiert. Und die Welt dreht sich immer noch… so wie gestern noch und auch morgen wieder. Die S- Bahn ist auch wieder voll. So, als würde gerade nichts passieren.

Vor mir sitzen zwei kleine Lausbuben in Lederhosen… schätzungsweise 2 und 4 Jahre alt. Sie wissen noch nichts von der Welt. Sie strahlen, mampfen ihre Brezn und sind völlig unbeschwert… und ich wünsche ihnen, dass es möglich lange so bleiben wird.

… und die Welt dreht sich weiter…

Manchmal ist das Leben schon eigenartig. Während man noch fleißig dabei ist, sich über Kleinigkeiten fürchterlich aufzuregen, passieren gleich nebenan wirkliche Dramen.

Der Mann einer Freundin stirbt. Was so schlicht klingt, ist es nicht und dann irgendwie doch. Es gehört zum Leben dazu, dass wir alle sterben müssen. Und doch leugnen wir dieses Thema. Ich kenne so viele, die nicht bereit sind, über das Thema zu reden oder darüber nachzudenken. Was will man damit erreichen? Leugnen hilft so gar nicht. Keiner kann sich verstecken.

Gerade komme ich aus dem Krankenhaus. Wir waren zu viert im Zimmer: Drei Frauen und der Sterbende. Und es war friedlich. Wann er stirbt, kann keiner genau sagen. Er ist stark mit Morphium sediert. Nach sechs Atemzügen folgt eine längere Pause. Wir zählen alle automatisch mit. Es waren Stunden zuvor noch acht Atemzüge, teilen mir die beiden anderen Frauen mit.

Und was fühle ich? Frieden. Die Stimmung ist vollkommen friedlich. Wir tauschen Erinnerungen aus und lachen sogar, während ständig zwei von uns seine Hände halten. Er stirbt nicht allein, was ich sehr gnädig finde. Es gibt einige, die sagen, sie könnten das nicht – diese Begleitung des letzten Weges. Letztlich muss das jeder selbst für sich entscheiden.

Und da sitze ich dann und frage mich, wer bei mir sitzen wird? Ich habe keine Angst vor dem Tag X, aber ich möchte nicht allein sein, schätze ich. Das macht mich mal wieder sehr dankbar all den Menschen gegenüber, die das tagtäglich beruflich tun. Ich bin so froh, mittlerweile eine Arbeit zu haben, bei der ich sehe, wie sich etwas entwickelt. Auf einer Palliativ-Station oder im Heim sieht man nur den Rückschritt. Das stelle ich mir enorm schwer vor…

Und doch gibt es mir etwas, diesen Frieden zu erleben. Da ist eine Ruhe, die sanft wirkt. Mir wird so deutlich, wie sehr das hier auch zum Leben dazugehört. Wird es noch hart werden? Ganz bestimmt. Und die schlimmen Zeiten stehen seiner Frau noch bevor – wenn sie richtig realisiert, dass dieser Schritt endgültig ist. Dann werden wir wieder unsere Erinnerungen hervorkramen, gemeinsam lachen und genau so manche Träne verdrücken. Und vor allem: Gemeinsam weiterleben.

 

 

 

Pädagogisch für den Pöppes

Wisst Ihr, was mich nervt? Pädagogisch wertvolle Mütter. Solche, die ja ach so toll sind und noch tollere Kinder haben. Schon mal aufgefallen? Es gibt nur noch hochbegabte oder ADHS-Kinder. Wo sind die normal gestörten Kinder hin, wie ich eins war? Alle ausgestorben? Folgen der Klimaerwärmung?

Ich hatte eine „nette“ Unterhaltung mit einer Kollegin. Sie ist mir ohnehin schon nicht sympathisch. Und dann erzählt sie von ihren Kindern. Ihre Tochter sei hochbegabt. Und sehr sensibel. Aaaaah ja. Sie habe schon bei der Geburt der Tochter so viel Blut verloren, aber nach der Geburt ihres Sohnes sei es noch viel schlimmer geworden. Sie hätte heute noch (4 Jahre später) nicht die volle Literzahl Blut erreicht (wohl eher Hirnmasse). Äääh? Daher sagt sie auch jedem ungefragt, was er/ sie essen und trinken solle. Und dann labert sie mit stolz geschwellter Brust: „Meine Kinder dürfen ausschließlich französisch-sprachiges Fernsehen schauen.“ Hallo? Da würde ich auch ADHS bekommen. Das sei ja wohl das Mindeste. Wie kann man eine 8-Jährige und einen 4-Jährigen zu französischem Fernsehen zwingen und darauf hoffen, sie würden dann normal? Ein anderer Kollege musste da mithalten. Seine Kinder hätten dieses Jahr zum ersten Mal erfahren, dass das schwarze Ding auch Bilder zeigen kann – nämlich zur Fußball-WM. Die Kinder dürften 2 Mal pro Woche eine halbe Stunde fernsehen. Vergessen sie es, darf es nicht nachgeholt werden. Und das Beste: Sie dürfen nicht den Fernseher einschalten, sondern ausschließlich YouTube schauen. Logisch, oder? Für mich nicht. Und da darf Papa auch nicht schauen, was die Kinder auswählen. Die Entscheidung treffen die Kinder allein. Aaaaaah, wenn Ihr so ’ne Kacke macht, müsst Ihr Euch nicht wundern, wenn Ihr Psychos großzieht.

Ich weiß, dass viel Müll im Fernsehen läuft. Ich finde es gut, wenn Eltern auf ihre Kinder achten…schauen, was sie tun, was sie sich angucken usw. Aber diese Eltern, die sich darüber definieren, welche Sprachen ihre Kinder schon mit 8 können, gehen mir auf den Sack. Und ihr mitleidiger Blick, weil man ja kinderlos ist, der ist schon schwer anmaßend. Wisst Ihr was? Ich bin froh, dass ich kein Kind habe, dass mit Euren Psycho-Kindern in eine Klasse gehen muss!

Da sind mir die „einfachen, normalen Menschen“ schlichtweg lieber. Ich gehe durchs Werk und lausche folgendem Dialog:

Wenn der kimmt, der wos g’soagt hat, dess er kimmt, dann soagst mia B’scheid. Denn bast des.“ „Wer kimmt?“ „Na, der wos g’soagt hat, dess er kimmt.“ „Aaaah… und wos bast dann?“ „Na DES!“ „Aaah.“ Klingt nicht französisch, sondern einfach herrlich bekloppt.

Das ist der normale Wahnsinn, ganz unpädagogisch. Da wird man auch nicht belehrt. Fein auch, wenn diese komische Kollegin mir das völlig asoziale Verhalten eines Kollegen als „der ist ja auch sooo intelligent…vermutlich auch hochbegabt“ verkaufen will, weil das da normal sei, wenn man dann keine Sozialkompetenz hätte. Is klar. Jeder, der sich also Scheiße aufführen möchte, ist einfach kurzerhand hochbegabt. Funktioniert ähnlich wie das Pippi-Langstrumpf-Prinzip, nur gefiel mir der Ansatz von Astrid Lindgren besser.

Also, liebe Mütter: Ich weiß, es gibt auch Euch Normale da draußen. Ich hoffe, Ihr erzieht Eure Kinder so, dass sie den vermeintlich Hochbegabten mal den Spaß am Leben zeigen – ob auf Französisch oder mit dem Hammer, das ist mir egal. Lasst Euch von den Helikopter-Trutschen nicht verunsichern. Ich zähl‘ auf Euch!

Zeeland

Ich bin am Meer…genau mein Element – auch wenn mir dieses Mal entschieden zu viele Menschen hier sind. Das Wetter war dieses Jahr so bombe, dass etliche den September gleich mitgebucht haben.

Gestern bin ich gemütlich hergefahren und habe meine Pension gefunden. Sie gehört den Betreibern eines Muschelrestaurants. Äääh, jo, so gar nicht mein Geschmack. Nun war die Bedienung etwas überfordert, obwohl ich zur vereinbarten Zeit hier war. Sie ging drei Schritte voraus, drehte sich dann noch mal um Richtung Theke, dann wieder Richtung Ausgang. Watt denn nu? Hin, zurück, Linden küssen. Mei, so kommen wir nicht weiter. Auf einmal kommt eine Omi des Weges und will zahlen. Das macht die Dame noch konfuser. Sie fragt verwirrt, ob ich kurz warten könnte? „Klar, kein Problem. Soll ich den Koffer schon mal aus dem Auto holen?“ Darauf fragt die alte Holländerin, die gerade bezahlen wollte: „Haben Sie keinen Urlaub?“ Hä??? „Doch. Ab heute“, sage ich noch freundlich, woraufhin sie nur sagt: „Warum dann die Hektik?“ Dreht sich um und lässt mich stehen. Ich gebe zu, es brennt mir auf der Zunge, ihr zu stecken, dass sie sich reingedrängelt hat…oder noch besser: „Sind Sie nicht Rentner?“ Und auf ein „doch“ ein „Warum machen Sie dann nicht von Ihrem sozialverträglichen Frühableben Gebrauch?“ Ich habe es gelassen. Reine Körperbeherrschung.

Aber ehrlich? Gerade regen mich die alten Menschen auf, die meinen, sie hätten alles Recht auf ihrer Seite. Dieses „Ich, ich, ich“ kann ich langsam nicht mehr ab. Den krassen Gegensatz dazu bieten die jungen Eltern, die ihre Kinder pausenlos quengeln lassen, weil „der Kevin das noch lernen muss, sich anders auszudrücken.“ Lern schneller, Kevin!

Genial fand ich vorhin aber einen deutschen Vater, der sein Kleinkind (noch kein Jahr alt) als Trottel beschimpft, weil es sich nicht gut genug beim Umkippen festgehalten hat. Und als sich die kleine Lütte hinzustellen versucht, blafft er nur: „Stell Dich gefälligst komplett auf die Füße und nicht auf die Zehenspitzen.“ Äääh, ich bin nicht für „Hutschi, täti, bumm trara“, aber mit dem Kind zu sprechen, als wären wir gerade an der Front, finde ich dann doch daneben.

Da lobe ich mir die eigentliche – von der Omma gestern mal abgesehen – holländische Entspanntheit. Ich hab mir nämlich heute ein „Fiets gehuurt“. Zu deutsch: Ein Fahrrad gemietet. Blöderweise hatte ich keinen Perso dabei. Macht nix, ich kann einfach 20 Euro Kaution hinterlegen. Äääh, es ist ein Gazelle-Rad. Die glauben einfach nicht an das Schlechte im Menschen. Einfach schöööön. Dazu dann heute der echt starke Wind, der mir die Haare in alle Richtungen weht, und ich bin glücklich. Das Meer rauscht, ich werde ruhig und weiß, dass ich hier immer eine Anlaufstelle habe.

Ist das Glück oder was? Ja, gut, Kibbeling gehört natürlich noch dazu, aber auch das hatte ich schon. Ich bin also ein Glückskeks…huiiiiiii.

Definitiv ein Meer-Mensch

Gott, bin ich froh, dass die Hitze gerade mal eine Pause macht. So stelle ich mir meine Wechseljahre vor. Alter Falter, wie ich dieses Wetter verabscheue. Gestern Abend konnte ich dem Regen lauschen, was ich so sehr liebe. Jaja, ich weiß, alle Welt schimpft, wenn es dauerregnet. Ich persönlich mag Regen ja. Und nach so einer Dürrezeit war es ein noch tolleres Geräusch.

Und da denke ich dann an meinen bevorstehenden Trip nach Holland. Ja, ich war gerade erst ein paar Tage in den Bergen. Und ja, es ist wohl schön, sich da umzusehen. Aber nichts, wirklich gar nichts, ersetzt mir das Meer. Ich liebe das Rauschen, den Wind, einfach alles. Das lässt mich manches geraderücken in meinen Gedanken, manches belächeln und Frieden finden.

Noch ein Vorteil vom Meer: Es muss kein Helikopter kommen, wenn man sich den Fuß verknackst. So geschehen in den Bergen. Mich wundert es ja immer, wieviele Menschen es in die Berge zieht, obwohl das Wandern dort sehr schweißtreibend und anstrengend ist. Und wie unterschiedlich diese Leute sind! Am besten haben mir drei Ladies gefallen, die bestimmt schon jenseits der 60 waren, perfekt geschminkt und herausgeputzt. Sie waren nicht übertrieben, sondern einfach flotte Damen. Natürlich gibt es dort auch die üblichen Müslis, die ich immer pädagogisch waaaaaaahnsinnig wertvoll finde. Von Weitem riecht man da meist schon den Mate-Tee.

Noch gruseliger finde ich die Mountainbiker. Allerdings hat sich da etwas verändert. Vor Jahren hätte ich diese Vollidioten noch am liebsten vom Fahrrad getreten. Einfach so. Wenn sie die Puste haben, sich den Berg per Rad hochzuquälen, haben sie auch die Puste, wieder nach so einem Tritt aufs Rad zu steigen. So einfach. Nun habe ich aber eine Kollegin, die das auch macht. Und sie ist Veganerin. Die Überraschung? Sie ist nett!!! Also ehrlich nett. Nicht militant öko oder missionarisch vegan unterwegs. Das macht leider was mit meinem hübschen Schubladendenken.

Nun gut, weil besagte Kollegin so nett ist, habe ich dieses Mal nur den Kopf geschüttelt und einen sich Abstrampelnden gefragt, warum er sich das antäte? Er hat mich angelächelt (wow, was für ein Lächeln das war!) und schnaufend hervorgebracht: „Weil es einfach nur geil ist.“ Gut, unter „geil“ würde ich ein paar andere Dinge verbuchen, aber es gibt ja sogar Menschen, die es geil finden, Rasierklingen zu schlucken. Also: Jedem das seine.

Nun sind wir also an einem Tag auf unserer Gratwanderung unterwegs (die lässig werden sollte, mir aber auch nach Tagen noch die Muskeln schreien lässt), als ich eine adrette Dame – wieder mal top gestylt mit tollem, rotem Lippenstift – am Rand sitzend entdecke, während ihr Mann auf der anderen „Straßenseite“ steht. Der Rheinländer in mir flötet ja immer einen raus, also sag´ ich zu ihm: „Na, da haben Sie doch ein schönes Motiv. Ich würde ja an Ihrer Stelle ein paar Bilder von ihr machen.“ Und da erfahre ich, was der guten Frau passiert ist. Sie sitzt da nicht aus Dekogründen, sondern ist umgeknickt. Es muss ein lautes Knackgeräusch erzeugt haben. Ich frage noch, ob ich helfen könne, aber beide winken ab. Sie rasten noch etwas, bevor sie dann den Abstieg beginnen. Ich wünsche ihnen das Beste.

Der Abstieg geht nun für mich weiter. Ehrlich? Es ist alles andere als lustig. Mit zwei operierten Füßen und nicht vorhandener Sportlichkeit ist es noch schlimmer, seit ich weiß, dass selbst sportliche Menschen (die Dame zuvor) sich so derbe den Fuß verknacksen können. Ich weiß, dass ich diese Nacht kaum Schlaf finden werde, weil die Panik in mir immer größer wird, hier heil herauszukommen. Meine Trittsicherheit sowie Balance sind nicht gerade gut zu nennen – nach den OPs noch weniger als zuvor. Ich denke wieder an die Frau und frage mich, wie sie hier herunterkommen soll, wenn sie verletzt ist? An der Alpe holt uns dann der Mann ein – allein. Es gehe nicht anders, er müsse die Bergwacht rufen. Dann wird alles spektakulär: Ein Heli („Roooooooobert, hol´ schon ma der Helllli!“) kommt geflogen, kann aber natürlich oben nicht landen. Dann landet er bei der Alpe zwischen. Alles stürmt zum Spektakel – selbst eine Mutter mit einem Säugling im Arm, obwohl alles durch die Roteren aufgewirbelt wird. Ich bleibe sitzen und denke an die Frau da oben. In solchen Momenten könnte ich heulen, wenn ich daran denke, wie sie sich fühlen muss. Klar, es ist toll, dass es so eine Rettungsmöglichkeit gibt. Der Heli wird mit einem Seil und Sitzmöglichkeit daran präpariert, bevor es wieder in die Lüfte geht und die Frau abtransportiert wird. Aber all der Aufriss, all die Aufmerksamkeit, nur weil die Frau sich den Knöchel verstaucht, die Bänder gerissen oder sonst was hat.

Diese Art von Attraktion wäre mir ein Gräuel. So viel Aufwand nur für mich? Die Sanitäter hätten mir vermutlich vorher einen Liter Valium spritzen müssen, damit ich das sediert überstehen könnte. Andernfalls würde ich vermutlich an Scham und einem Herzinfarkt verscheiden. Den Flug am Helikopter hingegen, den würde ich zu gern erleben.

Und dann denke ich wieder, wie kompliziert ich doch denke. Während die meisten ganz normal annehmen könnten, was in solchen Momenten vonnöten wäre oder gar sagen: „Na, dafür gibt es ja die Bergwacht, die macht nur ihren Job“, würde ich darüber hyperventillieren. Nur eben nicht aus Angst, sondern aus Scham. Schon verrückt…

Und was lehrt mich das? Am Meer bin ich definitiv besser aufgehoben. Ja, auch da kommen Hubschrauber zum Einsatz, aber ich schwimme ja in Holland nicht raus – wenn ich überhaupt schwimmen gehe. In diesem Sinne fahre ich in zwei Wochen entspannt in meine Heimat des Herzens. Holland, ich komme!

what a difference a day makes…

Tja, nun, wie könnte ich starten? Erklären, was mich so lange vom Schreiben abgehalten hat? Hm, nö. Es ist, wie es ist. Umzug & Co. haben ihres dazu beigetragen, aber ich war wohl schlichtweg zu faul oder zu beschäftigt oder zu genervt oder was auch immer. Ausreden habe ich immer genügend auf Lager.

Meine Wohnung ist leider noch nicht ganz das, was ich mir für diese Zeit erhofft hatte. Schon witzig, wie viel Lehrgeld man auch noch in meinem Alter zahlen darf. Andererseits: Ich lerne ja nie aus. Oder, wie hat es eine nette Kollegin vor Jahren mal gesagt: „Gib Dir doch einfach die Chance, noch ganz viel zu lernen.“ Naja, dann gebe ich mir mal die Chance.

Gerade zwitschern die Vögelchen, ich fläze mich auf meiner Hängeliege und lasse meine Gedanken kreisen. In den letzten Tagen hatte ich verdammt oft das Lied im Kopf: „What a difference a day makes…twentyfour little hours…“ Es ist erschreckend und schön, aber vor allem stimmig. Manchmal fliegt man hoch, hat Träume und denkt, alles läuft gerade schikko. Und dann – kawumm – platzt diese Blase. Und dann gibt es die Momente, wo es genau anders herum ist. Man sitzt so richtig schon am Bodensatz des Lebens und denkt sich: „Alles Scheiße, alles Mist, wennste nich besoffen bist…“, und im nächsten Moment strahlt die Sonne mit aller Macht durch die Wolken und erinnert einen daran, dass alles halb so wild ist. Bisweilen reicht die richtige Musik auf dem Hinweg zur Arbeit, um mich so richtig zum Strahlen zu bringen. Und wenn ich dann mit fettem Grinsen den Kollegen begegne, steckt die das immer an. Geht also, oder?

Trotzdem ist es erschreckend, wie schnell ein Ereignis uns abheben lässt oder aber auch auf den Boden zu schmettern vermag. Nun fehlt mir ja das Gen zum Drama, wofür ich sehr dankbar bin. Dennoch: Manches haut auch mich um.

Genau so gibt es aber auch diese lustigen Momente, in denen ich einfach nur laut über mich selbst lachen kann. So geschehen gestern. Ich habe seit ewigen Jahren wieder ein Fahrrad. Das Gleichgewicht (ja doch, natürlich im nüchternen Zustand!!!) ist nicht mein bester Freund, weshalb Fahrradfahren nicht gerade zu meinen liebsten Fortbewegungsarten zählt. Ich wage es dann aber doch noch und schwinge mich auf mein Radl. Und schon geht´s los zu Obi, wo mein Obimann auf mich wartet. Es ist wie früher in der Schule: Die Mathelehrer mochten mich immer am meisten, was ich schlichtweg nur auf meine Talentfreiheit schiebe. Und so ist es auch beim Obimann. Er mag mich wohl besonders, weil ich handwerklich so viel Geschick aufweise wie eine Taube beim Benehmen. Nein, ich sch*** nicht bei Obi in den Laden, aber ich schaffe es nicht einmal, ein sauberes, gerades Loch zu bohren, obwohl ich mittlerweile stolze Besitzerin eines Schlagbohrers und eines besseren Akkuschraubers bin. Besitz heißt aber nicht Können. Ganz wichtig. Ich besaß auch immer Mathebücher – allein, geholfen hat das nie.

So, nun fahre ich aber zum Obimann, die Sonne scheint, und ich spüre dieses pure Glück der inneren Freiheit. Ehrlich wahr, ich könnte einfach nur grinsen. An der letzten Ampel schalte ich dann in einen anderen Gang und schwups, ist die Kette ab. Nee, oder? Doch. Eigentlich müsste ich mich ärgern. Kann ich aber nicht. Ich lache nur – und zwar ziemlich laut. Zum Glück hat mich keiner in die Klapse gesteckt.

Der Obimann sieht mich schon grinsen und fragt bereits, während ich noch auf ihn zuschlendere: „Was hast Du jetzt schon wieder angestellt?“ Ich grinse noch breiter: „Jo, was soll ich sagen? Die Kette am Fahrrad ist ab. Kannst Du so was auch?“ Er schüttelt den Kopf: „Kann das sein, dass Du ein Händchen für so was hast?“ Hab´ ich das? Immerhin war es mein rechtes Händchen, das den Gang umgestellt hat…bzw. beim bloßen Versuch daran gescheitert ist. Ergeben geht er mit mir zum Rad und frickelt drauflos. Wir stellen es irgendwann sogar auf den Kopf, damit er das auch hübsch hinbekommt. „Wie hast Du denn geschaltet?“ Ich zucke mit den Schultern: „Na, da vorne eben.“ Selbst ich weiß, dass man einen Gang nicht mit dem Hammer reinkloppt. „Aber schon beim Fahren, oder?“ „Klaro!“ Und dann überlege ich. „Ääääh, also meistens schon. Zum Schluss aber im Stehen, weil die Ampel rot war.“ Der Blick, den ich kassiere, schwankt zwischen „das ist jetzt nicht Dein Ernst?!“ und „Samma, wie bekloppt muss man sein?!“. Ein zögerliches: „Falsch?“ von mir zeigt ihm, ich weiß es echt nicht. „Seit wann hast Du das Fahrrad?“ „Einen Monat.“ Er nickt: „Ok, für die nächsten Monate: Schalte nur, wenn Du fährst. NIEMALS im Stehen.“ Das darf man also echt nicht? Sieh mal einer an…

Als Dankeschön möchte er kein Eis von mir, sondern lediglich, dass ich ein wenig mit ihm plaudere, weil ihm die Kunden auf den Sack gehen. Einer kommt vorbei und sagt: „Das Fliegengitter hier…das kostet 95,- €.“ Oh, der Kerl kann Preise lesen. Ganz ein Großer! Pause. Keine Reaktion. „Bei Amazon gibt es das für 75.“ Der Typ stellt keine Frage, weshalb der Obimann auch noch keine Antwort gegeben hat. Also wieder Pause. Der Kunde starrt den Obimann an, der schaut sparsam zurück. Jetzt schnallt er es und fragt dann endlich: „Wie kann das sein?“ Der Obimann deutet um sich herum: „Amazon hat kein Lager, keine Beratung und all das, was Du hier siehst, auch nicht.“ Der Typ schaut sich um und fragt: „Also, kann man nix machen?“ Der Obimann nickt. Ich steh´ daneben und denke an Loriot. Es gibt so eine Situationskomik, die kann man nicht beschreiben. Ich könnte mich wegschmeißen. Der Typ zieht von Dannen. Der Obimann sieht mich genervt an: „Verstehst Du jetzt, warum ich Kunden, wie Dich mag?“ Ich nicke: „Ich stelle mich nicht nur blöd an, ich kaufe anschließend auch das, was Du mir rätst.“ Der Obimann ist ganz Gentleman: „Du stellst Dich nicht blöd an.“ Er sieht meinen Blick. „Gut, Deine Talente sind eben andere.“ Wenn der wüsste!!! „Aber ich hasse diese Arschlöcher, die sich alles lang und breit erklären lassen und dann bei Amazon kaufen.“ Und das kann ich – bei all dem Spaß drumherum – dann doch gut verstehen.

Daher habe ich auch kein Problem, weiterhin handwerklich im Entwicklungsbereich zu agieren (hübsch ausgedrückt, gell?). Wenn ich gut beraten werde, kaufe ich dort auch.

Und jetzt mache ich mal wieder Schluss für heute und bin mir sicher, ich schreibe nun wieder häufiger. Habt eine gute Zeit, schaltet während des Fahrens und habt den Mut, Euch auch mal blöd anzustellen. Damit gebt Ihr anderen die Chance, noch mal richtig zu lachen.

Was sagt denn das Gefühl?

Nun sind schon wieder zwei Wochen rum. Ich komme zu nichts. Mal ganz ehrlich: Wer setzt sich schon hin und schreibt, wenn die Sonne scheint? Richtig, da lockt die Eisdiele. Aber heute regnet es. Daher habe ich mal wieder etwas Muße.

Die Tage reihen sich endlos aneinander, aber ich hoffe, es entspannt sich alles etwas, wenn ich endlich in 1 1/2 Wochen in meiner eigenen Wohnung sitze. Ideen habe ich genügend, womit ich mir die Zeit verschönern könnte…mal schauen, was ich Wirklichkeit werden lasse.

Eine Überlegung wäre ein Grundkurs in höflichem Umgang mit Kunden. Wer möchte mir jemanden für diesen Kurs schicken? In der ersten Seminarreihe beginne ich mit Mitarbeitern der deutschen Bahn. Ich hatte da so eine Begegnung. Jaja, hier lacht die Fritte. Es ging nach einem schönen, ausgelassenen, sonnigen Tag in München zurück ins Hinterland. Leider wurde letztes Wochenende die S-Bahn-Stammstrecke in München wegen Bauarbeiten gesperrt. So weit, so schlecht. Alles hat mit mehr Umsteigen dann aber doch noch funktioniert. Aber auf dem Rückweg war es dennoch um mich geschehen. In Dachau mussten wir umsteigen. Die Anzeigetafel besagte, die Bahn käme auf Gleis 2 an. Eine S-Bahn mit unserem Endziel in der Anzeige stand auf Gleis 3. Watt machen?

Jetzt ist es ja eine Möglichkeit, den S-Bahn-Fahrer zu fragen. Kann man machen, muss man aber nicht. Wir fragen also. Und die Antwort – reichlich genervt: „So, wie die Beschilderung es sagt.“ Hä? Tünnemann!!! Der Herr war wohl reichlich genervt, weil er sonntags arbeiten musste – wofür ich nichts kann, richtig. Er war aber schneller weg, als ich „Ääääh, Moment ma“ hätte sagen können. Ich schaue also noch mal an die Anzeigetafel, auf der sich nichts geändert hat. Nu juut, ein paar Minuten sind es noch bis zur Abfahrt.

Aber dann kommt ein Ömken angezockelt und fragt mich, ob das denn die richtige S-Bahn sei? Ich schaue nach und stelle fest, immer noch nicht in beiden Händen zu bluten, also demnach auch nicht Jesus zu sein. Aber ich will ja helfen und so gehe ich noch mal zu dem Herrn, der mittlerweile mit einem Kollegen plaudert. Ich also höflich: „Es tut mir leid und ich will Sie echt nicht nerven, aber ich weiß immer noch nicht, welche S-Bahn ich nun nehmen soll. Kommt die nächste an Gleis 2 an oder ist es die, die auf Gleis 3 steht?“ Genervt schüttelt dieses ignorante Stück den Kopf, schaut mich dann herablassend an und fragt im Kindergärtnerinnenton: „Was sagt Ihnen denn Ihr Gefühl?!“ Mein Gefühl? Schätzchen, mein Gefühl sagt mir, dass ich jetzt gerne zwei Ziegelsteine hätte und ich genau wüsste, an welcher Stelle ich die gegeneinanderschlagen würde. Aaaaaah! Ich hole tief Luft und frage ihn in langsam schärferem Ton: „Was ist eigentlich Ihr Problem? Ist es so schwer, eine vernünftige Aussage zu treffen? Sie verweisen auf die Beschilderung, die aber unterschiedliche Auskünfte gibt!“ „Was wäre denn logisch?“ Logisch, Du Arschloch, wäre jetzt ein Schlag ins Gemächt. Vergiss´ die Ziegelsteine, ich erledige das mit bloßen Händen! Ich frage ihn noch mal: „Was ist so verdammt schwer an einer einfachen, normalen Antwort? Ich merke, dass sie genervt und gereizt sind, aber dafür kann ich nichts. Ich frage Sie nur höflich nach der korrekten Angabe.“ Sein Kollege versucht zu deeskalieren: „Er hat ja gar nichts Böses gesagt. Wo wollen Sie denn hin?!“ „An das Ziel, was sowohl auf dieser S-Bahn steht UND auf der Anzeigetafel. Allerdings einmal von Gleis 2 und einmal von Gleis 3.“ „Es ist die Bahn auf Gleis 3.“ „Danke. Und wieso ist Ihr Kollege dazu nicht in der Lage?!“ Und dann setze ich mich auch schon in Bewegung.

Ömken fragt, als ich auf halber Strecke bin: „Und? Welche S-Bahn?“ Ich rufe laut zurück: „Was sagt Ihnen denn Ihr Gefühl???“ Und klatsche mir demonstrativ gegen die Stirn. Meine Freundin lacht. Die Omi schmunzelt. Ich weise auf die S-Bahn und grummel noch, wie völlig bescheuert manche Menschen seien. Tja…es dauert bei mir, bis ich mich über so was nicht mehr aufrege. Selbst jetzt könnte ich den Fahrer noch hauen – ohne Ziegelsteine natürlich. Aber mal im Ernst: Muss das sein? Wenn alle ein bisschen freundlicher wären, wäre die Welt schon schön, oder? Vielleicht auch etwas langweiliger, aber doch schön.

Und solche Menschen gibt es überall im Leben…sie erinnern mich an Zecken, die keine Sau braucht. Oder Mücken, die genau so dämlich und unnütz sind. Aber eins ist sicher: Sie sterben nie aus. Was soll´s? So habe ich zumindest etwas, das meinen Blutdruck ab und zu in die Höhe schnellen lässt und mir zeigt, dass ich noch am Leben bin. Und Ihr? Habt dadurch auch was zu lesen.

In diesem Sinne: Habt eine gute Woche. Und wenn Ihr mal nicht weiter wisst, fragt nach Eurem Gefühl. Es hilft zwar in solchen Momenten nicht, aber in anderen vielleicht schon.

Das liebe Landleben

Es ist wieder Sonntag. Jepp, so schnell verfliegt eine Woche. Und der liebe Wettergott meint es sehr gut mit uns, denn es ist wieder sonnig und warm. So macht das Wochenende gleich viel mehr Spaß.  Da ich in meiner Ferienwohnung keinen Balkon habe, bin ich einfach kurzerhand raus und habe mich auf eine Bank in der Ortsmitte gesetzt.

Gestern war dann aber richtig was los, weil alle auf den Beinen waren. In Pipinsried haben die 1860er Fußball gespielt. Entsprechend wimmelte es auf den Straßen. Busse fuhren im 5-Minuten-Takt mit grölenden Fans vorbei. Die 60er sind mir persönlich ja auch tausend Mal sympathischer als der FC Bayern München, aber leider spielen sie derzeit in der Kreisliga. Dass so eine Mannschaft mal hier ins Dörfische kommt, ist also eine echte Sensation. Von hier aus sind es nur ein paar Kilometer rüber nach Pipinsried. Allein den Namen finde ich schon putzig. Keine Ahnung, wie das Spiel gelaufen ist, aber die Stimmung dürfte perfekt gewesen sein.

Apropos Sensation: Ich habe heute die Dorfberühmtheit kennengelernt. Sie heißt „Hitler-Huber“. Ja, richtig gehört. Die Dorfjugend hat sie so getauft, weil die „Dame“ wohl recht ausfallend gegenüber Jugendlichen und Ausländern ist. Sie stand in der Bäckerei vor mir. Nein, nicht in DER Bäckerei, wo es den baggernden Bäckereifachverkäufer gibt, sondern die Bäckerei gegenüber meiner Ferienwohnung. Und da stand die Huberin also und schimpfte vor sich hin. Es ist wohl eine 13-Jährige von einer S-Bahn überfahren worden, weil sie mit Kopfhörern über die Gleise gegangen ist. Schrecklich… Das sei sooo typisch für die heutige Jugend. Hallo?! Und die Eltern würden ja auch nicht richtig erziehen. Und überhaupt sei ja alles für den Arsch. Ein paar ordetliche Fotz´n (damit sind Ohrfeigen gemeint – klingt befremdlich, ich weiß) bräuchten die alle. Was ich gut fand: Der Bäcker hielt dagegen. Er hat nicht, wie es wohl die meisten Verkäufer beigebracht bekommen, nett lächelnd genickt. Als die Jogginghosen-Trägerin im gehobenen Alter davonzockelte, entschuldigte er sich für diese Kundin. Da erfuhr ich dann auch den Namen.

Hm, was tut man in so einer Situation? Ich kenne es noch von meiner Außendienstzeit. Der Kunde ist König. Aber alles muss ich mir nicht reinpfeifen, oder? Diese rassistischen Sprüche habe ich auch häufiger gehört. Ich kann in solchen Situationen auch nicht meinen Mund halten. Aber schwer ist es schon, da „richtig“ zu reagieren. Heutzutage ist irgendwie alles ein Minenfeld, oder? Nichts zu sagen, geht nicht – ist meine Meinung. Aber kritisch was zu sagen, muss auch erlaubt sein, wird aber schnell politisch inkorrekt verurteilt. Puh…schwierig.

Aber es gab auch lustige Situationen diese Woche. Meine letzte Schulungsgruppe war sooo nett und humorvoll, dass es schon fast einem Spaziergang gleichkam. Und als Sahnehäubchen obendrauf, sind meine Kollegin und ich vorab schon mal zur Weihnachtsfeier im Dezember eingeladen. Allerdings mit der Auflage, dass wir auf keinen Fall mit dem Auto selber abreisen dürfen. Es heißt also, wir müssen mit ausnahmslos Kerlen (!) trinken. Meine arme Leber. So was heißt dann aber wohl „Integrationsprogramm“. Ich lass´ mich überraschen, freue mich aber über die Einladung. Vielleicht übe ich bis dahin noch ein bisschen? Wir werden sehen.

Und jetzt? Gehe ich mal wieder raus. Auch wenn keine 60er-Fans mehr draußen sind, wird es am Marktplatz wieder genug zu sehen geben. Und wenn ich die Huberin sehe, werde ich mal gespannt lauschen, welches Gift sie dann zu verspritzen haben wird. Ach, das Landleben ist schon schön. Da erkennt man die Pappenheimer schon von Weitem…

Warum ist es nie genug?

Zuerst einmal für alle, die nicht im Süden des Landes wohnen: 26°C sind schon was Feines an einem Sonntag. ;o) Jaja, ich weiß, wie gemein das ist. Aber auch im Süden wird es wieder kälter, keine Sorge.

Eine weitere Woche kam und ging. Und wieder waren einige Herausforderungen dabei. Die wichtigste für mich kam in Form einer Kollegin, die wie ein Hund meinte, ihr Revier markieren zu müssen. Gut, so was kennt jeder, schätze ich. Ich persönlich stehe allerdings so überhaupt gar nicht auf angestrullerte Füße. Die Herausforderung für mich hierbei waren allerdings weniger die Füße, als vielmehr, wie ich damit umgehen soll. Ärgern kann ich mich ja gut, aber es dann ansprechen? Kurzum…ich habe sie „einfach“ zur Rede gestellt. Haha…einfach! Anderen kann ich da immer ganz tolle und weise Ratschläge mit auf den Weg geben. Bei mir selber kann ich sie nur so selten anwenden, weil…äääh…das ist ja immer was ganz anderes. Was von außen betrachtet so leicht aussieht und erklärbar scheint, ist in der Situation etwas völlig anderes. Das macht das Leben wohl so spannend.

Rückblickend kann ich sagen: Mir war verdammt flau im Magen, ich habe mich sauunwohl gefühlt, aber danach waren die Erleichterung und der Stolz umso größer. Auch wenn ich zugeben muss: Ich hätte es souveräner meistern können. Aber immerhin bin ich es angegangen. Hin und wieder ist es nötig, über den eigenen Schatten zu springen. In solchen Momenten ist es durchaus sehr nützlich, wenn man Leute um sich herum hat, die einen leicht schubsen.

Eine andere Herausforderung kam dann am Freitag. Ich habe mal wieder eine Schulung gegeben, auf die so ziemlich gar niemand Bock hat. Weder die, die die Schulung halten, noch die, die sie als Pflichtschulung aufgedrückt bekommen. Mir persönlich gefällt das Thema schon. Und so gestalte ich diese Schulung kurzerhand so humorvoll und locker, wie es nur geht. Diesen Freitag kam es eindeutig Zähneziehen gleich, bis ich die Mannschaft so weit hatte, dass sie das Maul aufbekamen. Bei einem habe ich sogar anschließend den Vorgesetzten gefragt, ob er vielleicht sogar schon tot sei und nur als Maskottchen mitgeschleppt wird? Nein, er lebt wohl noch. Kaum vorstellbar, wenn so gar kein Ton, keine Mimik, nicht mal ein Blinzeln zu registrieren ist.

Es war also einigermaßen anstrengend, aber ich war zufrieden, weil alle (außer dem Scheintoten) dann doch noch gut mitgemacht haben. Die Feedbackbögen waren dann aber nur mäßig. Von einem Teilnehmer habe ich sogar nur eine drei bekommen! Eine drei? In der Schule hat mir das locker für Englisch und Deutsch gereicht. In Mathe habe ich sogar schon eine vier gefeiert. Aber hier? Hier bin ich in meinem Element. Das geht gar nicht. Da ist es ja nett, wenn ein Kollege beschwichtigt, dass es dem Thema geschuldet sei, nur erreicht mich das nicht. Da bin ich persönlich enttäuscht.

Mit zwei Tagen Abstand denke ich mir dann: Wieso reicht es mir eigentlich nicht? Muss ich everybody´s darling sein? Weiß Gott nicht. Die guten Rückmeldungen nehme ich nur lächelnd zur Kenntnis, verbuche sie aber nicht tatsächlich. Die negativen hingegen beschäftigen mich noch lange. Warum? Immer dieses Getriebensein von Höchstleistungen nervt mich doch. Im Grunde war es eine erfolgreiche Woche. Und trotzdem sitzt der Stachel doch tief. Lächerlich…aber doch auch menschlich, oder?

Da hilft auch nicht die Geschichte mit dem Bäckereifachverkäufer, der „die junge, hübsche Dame“ bedienen wollte. Und ich dumme Nuss schau´ mich suchend um, weil ich denke, ich hätte mich gerade vorgepfuscht. Der Gute hatte wohl etwas Not. Trotzdem war es ganz lustig, wie hartnäckig er gebaggert hat. Ich weiß sogar, wo seine Stammfiliale ist. Aber was will ich in Vierkirchen, wenn ich nicht mal ihn will? Eben, nichts.

Da fahre ich doch lieber nach Innsbruck, was für morgen geplant ist. Shoppen, Kaffeetrinken, Ratschen. Und was man dazu braucht? Lediglich zwei weitere bekloppte Hühner, mit denen es bestimmt sehr unterhaltsam wird.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Brückentag (oder auf österreichisch: „Fenstertag“) und einen herrlichen 1. Maifeiertag. Auf dass die Sonne jeden von Euch erreicht!

Eine neue Runde, eine neue Runde…

Genau so komme ich mir gerade vor. Es ist Sonntagabend, die neue Woche steht kurz bevor. Und täglich grüßt das Murmeltier. Hammer, wie schnell so etwas wie Routine aufkommt. Ich bin noch nicht mal zwei Monate in München, aber es kommt mir echt so vor, als wäre ich schon ewig dabei.

Das Wochenende ist viel zu schnell verflogen. Allerdings war es ein erfolgreiches. Wir haben nicht nur mit vereinten Kräften eine Terrasse abgerissen, nein, ich habe auch noch ein Schlafzimmer ausgesucht und bestellt. Das ging rappzapp. Allerdings kann es auch an der vorangegangenen äußeren Motivation liegen.

Wir – drei Mädels – haben gestern den ganzen Müll zum Wertstoffhof gebracht. Und die Kerle da? Was soll ich sagen? Hot, hotter…und dann kommen diese Jungs. Beim ersten Mal war da ein Typ mit dünnem Zopf (á la: Suche Mann mit Pferdeschwanz, Frisur ist egal) und zusätzlich dünnem Bärtchen, das zusammengebunden war – ganz in weiß. Nein, nicht Roy Black in seinem Song…einfach schon ein etwas in die Jahre gekommener Alt-68er. Dieses Prachtexemplar an Mann trug dazu noch einen Cowboyhut. In der rechten Hand – wie es sich für einen schwer arbeitenden Mann gehört – trug er sie: Die Kaffeetasse.

Während wir Mädels uns also abrackern, kommt dieses Hutzelputzelmännlein herangeschlurft. Fachmännisch prüft er die Sachen, die wir in einem Eimer gesammelt haben. Derweil schleppen wir uns an großen Glasscheiben ab und hören seine Kommentare: „Des…des scheint mia Aluminium zum sein.“ Und am tun-täten war er dabei auch – nämlich mit der Kaffeetasse. „Des…hm…is koa Alu, des is eher…verzinkt…oda?“ Ich schüttel´ den Kopf und laufe weiter – vom Anhänger zum Container und zurück. Das Zöpfchen brabbelt weiter vor sich hin, während es sich an der Kaffeetasse festhält. Gut, das reicht mir. Ich schau´ ihn an und sage frisch von der Leber weg: „Dein Job ist ja auch ganz schön anstrengend, hm?“ Er schaut mich erstaunt an. Ironie scheint etwas, das meilenweit an ihm vorbeigezogen ist. Ääääh… „Jo…?“ „Ja klar. Du musst nur die Kaffeetasse sicher festhalten. Das nenne ich mal ´nen coolen Job, der einen so ganz fordert.“ Er nickt noch leicht debil, bis ihm dämmert, was ich da sage. Ich laufe weiter hin und her.

Als ich nun zurück zum Anhänger komme, ist er weg. Ich bin enttäuscht. Echt schade. Dafür kommt ein Kollege von dem Löckchen. Der ist jetzt mal ohne Ironie echt nett und packt mit an. Allerdings…nun ja…wie kann ich es charmant ausdrücken? Er hat vorne nur noch Haselnüsse in der Schnüss (= Mund – für Nicht-Rheinländer). Ob das mal Zähne waren? Ich weiß es nicht. Es sieht auf jeden Fall schlimm aus. Aber er ist hilfsbereit. Damit kann er zwar diese Stumpen nicht kompensieren, aber es macht ihn zumindest sympathisch.

Zurück am Anhänger sehe ich das Bärtchen wieder – ohne Kaffeetasse! Er wirkt so nackt! Hallo??? Ich frage noch, wieso ihn seine Kaffeetasse plötzlich allein gelassen hätte? Er grinst etwas unsicher und brabbelt was Unverständliches, was mir egal ist. Breit lächelnd drohe ich ihm noch: „Wir kommen gleich mit der nächsten Fuhre wieder!“ Kann man als Drohung oder Versprechen deuten. Ich weiß nicht, wie er das sieht.

Zurück bei meiner Freundin Zuhause, schwärme ich den schwerarbeitenden Männern vor Ort von den heißen Kerlen beim Wertstoffhof vor. Leider berichtet eines der Mädels dann aber von den Haselnüssen im Mund des einen Kerls. Die Männer wiegen sich also in Sicherheit. Das geht doch nicht! Also sage ich kurzerhand, ganz rheinländisch, wie es sich gehört: „Ja, aber…da hat die Zunge doch wenigstens freies Spiel!“ Kurzer Schockmoment, schließlich kennen mich die meisten hier gerade mal seit zwei Wochen oder so. Aber dann lachen sie. Ich höre noch: „Contenance!“, aber darauf habe ich schon immer gepfiffen.

Die nächste Fuhre ist fällig. Zöpfchen ist wieder da – natürlich wieder MIT Kaffeetasse. Als er mich erblickt, ist er zackig verschwunden. Kurz darauf kehrt er zurück – ohne Kaffeetasse. Ich grinse ihn an und sage noch: „Das ging ja mal flott! Nicht dass der Kaffee jetzt kalt wird!“ Bei der dritten Fuhre sehe ich ihn sofort nackig…äääh, also ohne Tasse, aber ansonsten mit seinem heißen Muskelshirt bekleidet.

Alles geht zügig voran, aber die letzte Fuhre dauert und dauert. Klar, wir müssen gerade die Fliesen auf dem Balkon hochstemmen, was die Männer machen. Dann schmeißen sie sie runter, und wir Mädels tragen sie zum Anhänger. Das Zeugs ist sauschwer (was konnte ich in der Nacht hervorragend schlafen!), aber endlich ist es vollbracht. Wir fahren also wieder los. Zöpfchen hat uns wohl schon abgeschrieben, denn dieses Mal ist er wieder unvorbereitet. Er sitzt – im Gegensatz zu sämtlichen seiner Kollegen – im Schatten und trinkt ein Bier. Er ist also auch noch seinem Kaffee untreu geworden! Ich schau´ zu ihm rüber, er sieht mich und ich meine, ein leichtes Zucken wahrzunehmen. „Ach, für Kaffee ist es wohl schon zu spät, hm?“ Es ist gerade mal 13 Uhr. Aber hallo? Wir sind ja auch in Bayern, also reden wir von einem Grundnahrungsmittel. Sofort kommt er rübergeeilt und zeigt emsig bemüht das Etikett. Es ist nämlich alkoholfreies Bier. Als ob mich das auch nur den Hauch eines Fliegenschisses interessieren würde. Herrlich. Ich mag solche Typen.

Hinterher höre ich dann die Geschichte, die sich um ihn rankt. Er soll wohl als junger Mann seiner Mutter morgens gesagt haben, er wolle Brötchen holen. Tatsächlich hat er das auch gemacht, allerdings war er da schon Stunden unterwegs, weil er mit dem Rad gefahren ist und wohl italienische Brötchen haben wollte. Als der Mutter dämmerte, dass etwas nicht stimmen kann, war er wohl schon am Brenner angekommen. Zwei Tage später kam er dann wieder heim. Ob er Brötchen dabei gehabt hat? Woher soll ich das wissen?! Mich hat nur der Kaffee interessiert.

Und was will ich damit sagen? Wer sagt, dass ich immer eine Aussage brauche? Eben. Ich mag nur solche Typen und dass es in solch ländlichen Gegenden immer Geschichten zu ihnen gibt. Wie langweilig wäre das Leben, wenn es nur in den Städten stattfinden würde, wo keiner was über seinen Nachbarn zu tratschen hat?

In diesem Sinne wünsche ich Euch tolle Klatsch- und Tratschgeschichten in der kommenden Woche.