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Tanz in zwei Welten

Die Unterlagen sind da. Juchuuuu! Wenn das mal keine frohe Botschaft ist. Welche Unterlagen? Na, die für meine Reise. Übernächsten Mittwoch düse ich mit dem „Kleinen“ meiner Sis endlich in die Karibik. Und dann werden wir es uns gut gehen lassen. Bis dahin liegt noch ein kleiner großer Haufen Arbeit vor mir, aber das wird schon. Kennt Ihr das? Wenn Ihr noch sauviel zu tun habt, aber Ihr könnt schon das Licht am Ende des Tunnels – wenn auch nur vorübergehend – sehen? So geht es mir gerade. Ich arbeite am Anschlag, aber das Gefühl der erdrückenden Last ist derzeit nicht mehr da, weil ich weiß, dass ich bald wegfliege. Trotzdem weiß ich, dass ich da was ändern darf. Ob mir das gelingt…? Ich weiß es nicht.

Die Woche war emotional. Meine Ausbildung hat nicht das gebracht, was ich mir ursprünglich erhofft hatte. Oder es war schlichtweg so, dass ich schon zu vieles wusste/ kannte. Das klingt so anmaßend, was ich aber gar nicht meine. Es ist wohl eher so, dass ich nicht so sehr an mich und meine Fähigkeiten glaube. Ach ja…das wunderbare Imposter Syndrom.
Bei der Graduation sollte jede*r sein/ihr Thema vertiefen und den anderen Teilnehmer*innen präsentieren. Es ist schon interessant zu sehen, wie manche Themen dann die totale Leidenschaft bei dem/r Vortragenden entfacht. Und damit spingt dann auch der Funke aufs Publikum über. Ich kann es schwer beschreiben…es war einfach ein wohlig-warmes Gefühl für mich. Ich mag es so gerne, wenn Menschen das tun, was sie wirklich begeistert und sie dann augenscheinlich total aufblühen.
Wieder einmal trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Um ein wievielfaches könnten wir gesünder, produktiver, zufriedener sein, wenn wir mehr von dem täten, was uns so begeistert? Wieviele Menschen sind in einem Job, weil die Eltern das schon gemacht haben oder dazu geraten haben, weil es sich um einen vermeintlichen sicheren Job handelt? Wieviele von uns hocken in Jobs, in denen sie zwar gut sind, es aber nicht mit Freude tun. In anderen Bereichen wären sie nicht nur gut, sondern herausragend. Wenn ich mir den derzeitigen Arbeitsmarkt anschaue, dann werden Firmen umdenken müssen. Wenn ich mir die hohen Krankenquoten anschaue, muss noch viel mehr von diesem Umdenken stattfinden. In kleinen Schritten beginnt es, doch für viele Menschen noch viel zu langsam.
Der Abschied fällt uns nicht schwer, doch eine gewisse Sentimentalität ist durchaus vorhanden. Wir schreiben uns noch gegenseitig Karten, die wir erst Zuhause lesen. Und das ist auch besser so, denn bei so was bekomme ich ja Pipi in den Augen. Die Karten habe ich dann abends noch gelesen, was einfach wie eine schöne, warme Dusche war. Bestärkende, mutmachende Worte, Augenöffner, Dank. Das tut doch jedem/r von uns gut. Darüber habe ich eine Karte vollkommen übersehen…und zwar die der Haupt-Trainerin. Über diese stolpere ich heute Morgen, und die Überschrift rührt mich total: „In Claudia steckt viel Liebe drin“. Ich bin oft Kämpferin, schlagfertig, lustig, provokant…aber ja, das meiste davon kommt aus einem inneren Antrieb von Liebe. Ich liebe schlichtweg Menschen. Nicht alle, keine Frage. Und doch will ich selbst für die Zwiebelfischer noch das Beste rausholen. Bisweilen verpulvere ich da meine Energie, weshalb die Wünsche meiner Mitschüler*innen fast alle in die gleiche Richtung gehen: „Sei so gut und wertschätzend zu Dir selbst, wie Du es zu anderen bist.“ Das tut einerseits weh, weil es eine bittersüße Erkenntnis ist, aber es bestärkt mich andererseits eben auch, meinen Weg zu gehen.

Weniger liebevoll ist der Umgang in meiner Firma. Das ist dann schon totales Kontrastprogramm, wenn ich nach solchen Tagen wieder ins Büro darf. Ich arbeite sowohl Mittwoch, als auch Donnerstag länger als erlaubt. Nächste Woche muss ich drei Tage Schulung geben, wozu ich zwar eine pdf-Datei als Fotodokumentation erhalte, jedoch keine Powerpoint, keinen Ablaufplan mit Zeiten oder sonst was. An die 60, 70 Flipcharts muss ich auch noch pinseln. Und natürlich nebenher auch noch einen Ganztages-Workshop mit meiner lieben Kollegin durchführen, der ebenfalls vorbereitet werden muss. Letzte Woche habe ich auch mehrere Stunden außerhalb meiner Arbeitszeit gearbeitet, weshalb ich Donnerstagmorgen meine Chefin anrufe. An ihrer ängstlichen Stimme merke ich sofort, was ihr Sorge bereitet: Ich könnte mich krank melden. Doch ich beruhige sie sofort und sage, sie solle bitte meinen Gleitzeittag von heute rausnehmen. Ich würde zwar nicht arbeiten, aber meine ganzen Stunden außerhalb der Arbeit an diesem Tag nachtragen. „Ja sicher! Gar kein Problem! Das mache ich sofort, wenn ich im Büro bin. Und danke fürs Durchhalten.“ Tja, es geht doch. Ich muss es nur einfordern. Freiwillig kommt keiner um die Ecke und bietet mir was an. Dann eben so. Wobei ich mittlerweile bei über 180 Stunden Plus angekommen bin. Nicht gut. Ein paar werde ich zumindest am Anfang und Ende meines Urlaubs abfeiern können.
Der Workshop ist dann ein weiteres Highlight meiner Woche. Mittwochs sage ich meiner Freundin und Kollegin noch, im Grunde könne sie den Workshop auch alleine durchführen. Es brauche mich nicht, was sie anders sieht. Am Donnerstag gestehe ich mir bei den 16 Teilnehmer*innen ein: Sie hat recht. Es handelt sich um militärisch geprägte Kolleg*innen und externe Herren einer Behörde. Alter Falter. An der Sprache erkennt man sofort die Unterschiede. Hier werden Ansagen gemacht, keine Bitten oder Wünsche formuliert. Und doch sprechen sie von Respekt und Vertrauen, was irgendwie lustig anmutet, da kaum jemand von ihnen diese Werte auch nur ansatzweise erkennen lässt. Als dann der Obermufti noch sagt: „Es wird Zeit, dass wir endlich auf der Sachebene miteinander reden und die Befindlichkeiten und Emotionen rauslassen“, kann ich nicht anders. Ich stelle mich hin und sage: „Ach, wie schön. Das ist meine Traumvorstellung. Hat noch jemand Lust auf Arbeit mit Robotern?“ Ich erwähnte ja vorhin, dass ich Provokation so gerne mag. Ich erkläre, dass die Prozesse noch so hübsch sein könnten, sich aber keiner daran halten würde, solange eben die Beziehungsebene nicht geklärt sei – so unangenehm sich das Wort „Beziehungsebene“ auch für den ein oder anderen anhöre. Das bringt mir ein Schmunzeln von einigen ein.
Am Tag zuvor haben wir noch den Hinweis von einer Auftraggeberin erhalten, wir könnten jederzeit abbrechen, weil die Fronten doch sehr verhärtet seien. Äääääh? Das ist ja schon eine Aussage, mit der ich meine liebe Herausforderung habe. Meine Kollegin und ich sind uns einig, dass wir gar nichts abbrechen werden. Und das ist dann auch gar nicht nötig. Anspruchsvoll ist es mit den Herren durchaus. Rückblickend erinnert es mich an ein Zitat, das ich unlängst im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg gelesen habe:

„Krieg ist ein Ort, an dem sich junge Menschen, die sich nicht kennen und nicht hassen, gegenseitig umbringen, und zwar auf Beschluss von alten Menschen, die sich kennen und hassen, aber nicht umbringen.“

Es gibt in der Zusammenarbeit auf beiden Seiten alte Männer (leider wirklich nur Männer), die sich selbst zu diesem Workshop eingeladen haben. Auf der anderen Seite sind jüngere Menschen (Männer und Frauen), die wirklich an einer guten Zusammenarbeit für die Zukunft arbeiten wollen. Doch die alten Stänkersäcke torpedieren dies unentwegt, packen olle Kamellen aus und grotzen rum. Einer sagt sogar ganz klar, unsere Firma sei Scheiße. Von der Behörde schreitet keiner ein. Das ist schon faszinierend. Derjenige, der das sagt, trägt auch diesen herrlich verachtenden Gesichtsausdruck im Gesicht. Ergebnisse präsentieren, will er nicht: „Ich will ja keine Karriere mehr machen, sondern nächstes Jahr in den Vorruhestand. Das sollen sie mir genehmigen.“ Ergebnisse aus Gruppenarbeiten notieren, will er auch nicht: „In unseren Ausschreibungen steht doch auch immer: Wenn sich Männer und Frauen mit der gleichen Qualifikation bewerben, werden Frauen bevorzugt. Das tu´ ich doch damit: Ich bevorzuge sie, indem ich ihnen das Schreiben überlasse.“ So ein richtig nettes Arschloch, Ihr merkt´s schon. Nach einer Übung im Freien, zündet er sich erstmal genüsslich eine Zigarette an, obwohl es weitergeht. Dabei grinst er mich provokant an. Ich lächle ihn an und sage: „Lass´ Dir Zeit. In der Zeit kann schon keiner sagen, unsere Firma sei Scheiße“ und gehe weiter. Und ehrlich, ich schwöre, ich kann meinen Augen selbst nicht trauen: Der Typ drückt hektisch seine gerade begonnene Zigarette aus und beeilt sich plötzlich mit den Worten: „Das geht nicht! Das muss ja einer sagen!“ Für manche Menschen fehlt mir wirklich der Baseballschläger.
Als ich irgendwann dem Grummelpitter aus meiner Firma sage, ob ich ihm mal meine Sicht dazu darlegen solle, verneint dieser. So weit, so fein. Doch die beiden Auftraggeber bitten dann explizit darum. Ich antworte im Grunde noch viel zu diplomatisch, indem ich sage, dass die beiden altgedienten Herren sich am besten mal zusammentäten, um die alten Themen auszudiskutieren und aus der Welt zu schaffen, während die anderen schon in die Zukunft gerichtet gemeinsam weiterarbeiten sollten. Dem fieseren der beiden, also der „Ihr seid Scheiße“-Typ, biete ich später noch meine Hilfe an: „Sag´ mir, an wen ich mich wenden kann, damit Deinem Gesuch stattgegeben werden kann. Ich veranlasse gerne alles, dass Du schnellstmöglich gehen kannst.“ Doch die eigentliche Aussage sieht er gar nicht. Er meint nämlich, alle Welt sei auf ihn und seine Expertise angewiesen. Dabei ist er der mieseste, fetteste Bremsklotz von allen. Möge sein Wunsch bitte, bitte in Erfüllung gehen.

Diese Woche war mal wieder ein Beispiel für den Tanz in zwei Welten. Ich mag Polaritäten. Wenn alles nur heile Welt wäre, wäre es auch uninteressant. Und doch würde ich mir wünschen, wir könnten öfters in der Welt tanzen, die uns erfüllt und die Leidenschaft in uns entfacht. Klingt pathetisch? Na, dann geh´ doch auch in den Vorruhestand! 🙂

so schade

Gestern steht ganz im Zeichen von Bügeln, Aufräumen, Kramen, aber auch Chillen. Abends schreibt mich jemand aus meiner Vergangenheit an. Hin und wieder haben wir Kontakt, weil er immer viele Status-Meldungen auf What’s App postet. Dieses Mal schickt er mir aber direkt und schickt einen alten Zeitungsartikel mit. In diesem wird ein alter Auftritt von uns beschrieben. Wir rätseln, wann das war…93 oder 94? Puh, das ist gefühlt ein völlig anderes Leben. Einerseits war es diese Zeit, in der wir noch nicht erwachsen waren, aber auch keine Kinder mehr. Ich wollte damals schon gerne nur raus und weg. Er hat sich hingegen bei uns wohlgefühlt… angenommen, irgendwie Zuhause. Er schwelgt in Erinnerung, während ich denke, wie gut es ist, dem entkommen zu sein. Einer Umgebung, in der ich immer wusste, beobachtet und bewertet zu werden. Er hat nie in unserem Dorf gewohnt, hatte nie diese dominanten Tanten um sich herum. 

Ich frage ihn, ob er da eigentlich schon wusste, schwul zu sein? „Bist Du verrückt??? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht mit mir, aber was das war? Nee, davon hatte ich keine Ahnung… oder wollte es wohl auch nicht haben.“ ‚Irgendwas stimmt nicht mit mir’… ist das nicht traurig? Ich habe mich auch nie passend gefunden… nirgendwo. Aber vollkommen anders. Er berichtet mir dann mit Lach-Smileys, wie sein Vater immer am Fernseher gemault hätte, wenn Biolek erschienen sei: „Bah, diese schwule Sau!“ Klar, dass mein Bekannter da nichts gesagt hat. Seine Lach-Smileys erinnern mich an diese traurigen Clowns, die sich ein Lachen aufschminken, obwohl es sie innerlich zerreißt. Mittlerweile ist der Gute 43 Jahre, wohnt schon längst nicht mehr in der Gegend, aber besucht seine Eltern oft. Er hat seinen Partner geheiratet, während seine Eltern immer noch nichts von seiner Präferenz wissen. Es hat mich schon oft genug getroffen, gefragt zu werden, ob ich denn nicht auch mal endlich Kinder wolle? Aber um ein Wievielfaches muss es schmerzen, nicht nur enttäuschte Nicht-Großeltern auszuhalten, sondern sich zu fürchten, ihnen die ganze Wahrheit zu sagen? Dabei bin ich mir sicher, seine Mutter weiß es und ist damit völlig fein. Aber der Vater will es partout nicht wahrhaben. Und so wird eine Komödie gespielt, während es eigentlich eine Tragödie ist. 

Und dann höre ich wieder – auch gestern (und ich hab Dich trotzdem lieb, Schätzchen) – dass es doch nirgendwo so liberal wie in Deutschland zugehe. Für Homosexuelle wäre es doch überhaupt kein Problem mehr. Ist das so? Ich glaube, in den Großstädten stimmt das zum Teil durchaus. In bestimmten Branchen, wie der Modewelt beispielsweise, ist das bestimmt auch ok. Aber in dörflichen Bereichen ist das immer noch anders. In meiner Kindheit sagte eine Frau aus der Nachbarschaft immer, wenn sie von ihrem Sohn sprach: „Unser Leo ist ja krank.“ War er nicht. Er war einfach schwul und ist bereits sehr zügig nach Köln gezogen, wo er nicht mehr „der Kranke“ war. 

Die Sehnsüchte sind dieselben wie bei den meisten anderen. Nur der zusätzliche Druck und die Angst vor Ablehnung sind wohl anders. Mein Bekannter versucht nun, zwei Lesben dabei zu unterstützen, schwanger zu werden. Adoption ist in Deutschland ja ohnehin schon schwer, aber als homosexuelles Pärchen ungleich schwerer. Er wird auf alle Rechte verzichten und möchte nur dabei unterstützen, guten Menschen die Elternschaft zu ermöglichen, ohne dass diese teure Hormontherapien über sich ergehen lassen zu müssen. Ob es irgendwann solche Bezeichnungen, wie ’schwule Sau‘ einfach nicht mehr gibt? Ich würde es mir wünschen…

Wild, frei, lebendig

Ich habe eine tolle Entdeckung gemacht: Der vergangene Montag war der letzte Montag, an dem ich bis Juli in der Firma anwesend sein werde. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, weiß ich es auch nicht mehr. Das heißt: Keine blöden Montags-Meetings in den nächsten Wochen mehr. Keine anschließenden Ganztages-Workshops mit blödem Rumgelaber mehr. Das gibt mir so einen Schub, das kann ich kaum in Worte fassen. So beseelt, trete ich dann auch mit voller Energie auf. Es gibt drei Module, wie wir unsere Qualifizierung aufziehen wollen. Wir dürfen sie aber nicht Module nennen, wie alle das tun, sondern Phasen. Keine Ahnung, was gerade Phase ist bzw. en vogue, aber mir ist es so was von schnurzpiepegal. Und wenn wir es Sauerkraut, Eintopf und Blutwurst nennen sollen.
Zunächst einmal müssen wir uns aber noch Fragen für Interviews überlegen, um unsere Stakeholder zu befragen. Warum das alles englische Begriffe sein muss? Weil es dann erst cool und richtig wichtig klingt. Die Fragen habe ich schnell formuliert. Richtig, ich. Die anderen nicken es ab. Irgendwie bin ich gespannt, was sich im Juli bewegt haben wird, wenn ich wieder an den Runden teilnehmen muss… Als nächstes heißt es, wir sollen alle zwei Interviews pro 60 Minuten durchführen, womit ich vollkommen einverstanden bin. Allerdings kann ich diese erst im Juli starten. Der ältere Kollege, der nicht mal weißt, wie man Empathie schreibt, blafft mich direkt an, dass das gar nicht gehe. Ich zucke mit den Schultern und sage, dass ich bis einschließlich 9.6. 10-Stunden-Arbeitstage habe – ohne Pausen dazwischen. Wohlgemerkt weist mich meine Chefin kontinuierlich daraufhin, dass mein Gleitzeitstand bereits sehr hoch sei (über 160 h mittlerweile), während ich sie darauf hinweise, die Arbeiten dann doch bitte anders zu verteilen. Komisch, dass andere Kollegen zeitlich sogar Minusstunden aufgebaut haben. Da mault mein Kollege rum: „Jeder kann abends mal eine Stunde dranhängen. Das ist immer möglich.“ *karatsch* Da ist er gerissen, mein Geduldsfaden. Ich wirble herum und fauche ihn regelrecht an. Ach ja, mein lieber, kleiner Feuerdrachen in mir wird aktiv. Mein Kollege zuckt zurück und korrigiert: „Ääääh, ich meinte das einzig und allein auf mich bezogen.“ Is klar, Junge.
Als die Jungs und Mädels dann mal wieder um den Pudding tanzen, trage ich kurzerhand am präsentierenden Laptop ein, dass ich Phase (oder Modul oder Sauerkraut) eins in Zusammenarbeit mit dem einen externen Berater übernehmen würde. Große Augen, Stille. Also mache ich weiter: „Gut, Ihr seid noch drei. Unsere Chefin scheidet ja aus, weil sie bald weg ist.“ Das bringt mir ein kures Zusammenzucken ihrerseits ein. Dabei hat sie ja selbst gesagt, ab Mitte/Ende Juli weg zu sein. „Wer übernimmt dann federführend Phase 2?“ Schweigen. Ooooooh, das liebe ich ja. Ich halte die Stille aus, dennoch tut sich nichts. „Also gut, falls ich genuschelt habe: Wer von Euch Dreien übernimmt Phase zwei?“ Wieder Schweigen. Ich schaue meine Chefin an und merke an: „Siehst Du: Wir brauchen nicht mal Remote-Arbeit, um sich einfach anzuschweigen. Das klappt auch hervorragend in Präsenz.“ Erst als ich einen Kollegen gezielt anspreche, dass er doch da der Experte drin sei, antwortet dieser, dass ihm die beschriebene Phase zwei nicht gefalle. Ich zucke mit den Schultern: „Dann verändere sie. Ist doch Deine Gelegenheit, das jetzt zu gestalten.“ Und dann jammert er (weil er nie etwas praktisch umsetzt, sondern immer nur meckert, was andere nicht geliefert haben), er wolle aber unbedingt in meiner Phase eins mitarbeiten. Ich erkenne mich selbst kaum wieder, weil ich sauber meine Grenze ziehe: „Habe ich verstanden, machen wir aber nicht. Wir diskutieren seit ewigen Wochen um die ewig gleiche Scheiße. Jetzt teilen wir es auf und bringen endlich mal was auf die Straße, sonst sitzen wir Ende des Jahres noch ohne Ergebnis rum.“ Meine Chefin begrüßt es. Der Kollege nickt zögerlich und übernimmt das Thema. Er wird eh nichts machen, sondern machen lassen, aber nun muss er sich die richtigen Leute dafür ziehen. Bleiben nur noch der ältere Kollege und die Neue, die ihrerseits gerne Skaterklamotten trägt und auf dem Stuhl rumfläzt, als sei sie ein pubertierender Teenager, was meinen älteren Kollegen unwahrscheinlich auf die Palme bringt. Herrlich. Ich schaue die beiden an und frage: „Und wer von Euch übernimmt Phase drei?“ Schweigen. Ich lache: „Ääääh, wir können Euch sehen. Also: Macht das einer von Euch beiden oder trage ich einfach Euch beide ein?“ Grummelgrummelgrummel. Sie: „Na, dann trag´ mich halt mit ein. Aber ich habe ja Wirtschaftspsychologie studiert.“ Gut, das hat sie in vier Wochen auch erst 27 Mal erwähnt. Es könnte mir also wirklich durchgeschlüpft sein. „Ich würde schon auch gerne mit Dir an Phase eins arbeiten.“ Jetzt ist mein älterer Kollege auch erwacht: „Ich will auch mit Dir an Phase eins arbeiten!“ Es ist wie beim Kindergeburtstag. Alle wollen neben dem Geburtstagskind sitzen. Fakt ist aber, sie wollen nur mit mir arbeiten, um selbst nichts machen zu müssen. Das lehne ich aber mal kategorisch ab. Haben wir ja schließlich lange genug praktiziert. Als ich dem externen Berater am Mittwich davon berichte, strahlt er mich an: „Endlich! Das machen wir zwei schon. Endlich kommt mal Bewegung rein!“

Dienstag telefoniere ich dann mit dem externen Trainer von der internen Schulung. Ich benötige noch die Unterlagen, weil ich die Schulung übernächste Woche halten soll und habe keine drei Stunden, mich da reinzufuchsen, was mein älterer Kollege mit: „Ach, das machst Du doch locker“ quittiert. Irgendwann schlage ich ihn – ganz sicher. Als ich so mit dem Trainer spreche und er mir noch mal sagt, wie schade es sei, dass die Führungskräfte sich vorher nicht die Zeit genommen hätten, weshalb ich jetzt diese unliebsame Arbeit übernehmen müsste, sage ich im Scherzton: „Ach, weißt Du, ich hatte zwischendurch schon überlegt, ob ich Dir nicht meinen Lebenslauf mal zukommen lasse…?“ Daraufhin kommt prompt: „Wir werben niemanden aktiv ab, aber wenn Du natürlich mich fragst…dann ist das ja kein Abwerben. Wann setzen wir uns denn zusammen?“ Da bin ich dann doch etwas überrascht. Nach meinem Urlaub, stelle ich in Aussicht. Er freut sich…und ich mich wohl auch. Obwohl ich nicht mal weiß, ob ich das machen will? Aber anschauen und den eigenen Marktwert zu testen, kostet ja nichts.

Gestern habe ich dann einen Ganztages-Workshop mitgemacht. Jajaja, ich kriege ja niemals den Hals voll, ich weiß. Es ging aber gar nicht um eine Fortbildung, sondern um systemische Aufstellung. Professionell betrieben, ist systemische Arbeit echt eine richtig gute Sache. Nun kommt das große Aber, richtig. Eine ehemalige Mitschülerin und Freundin hatte mich schon vor anderthalb oder zwei Jahren gefragt, ob ich nicht mal mitkommen wolle? Sie bräuchten immer Stellvertreter. Und jetzt passte es zeitlich mal. Die Leute vor Ort sind sehr unterschiedlich – von eso bis „normal“, was auch immer das heißen mag. Aber es ist so gar nicht meine Welt. Es geht bei der Arbeit nicht darum, sich als Stellvertreter selbst darzustellen, was einige wohl trotzdem meinten, tun zu müssen. Und irgendwie ist es ein einziges, großes Gewusel, zu viel Selbstdarstellung und für mich dann auch zu weit hergeholt. Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Doch es war für mich eine einmalige Sache in dieser Gruppe. Schade eigentlich. Dafür saß eine 68-Jährige neben mir, die so gar nicht nach 68 Jahren aussah. Sie schiebt es auf ihre vegane Ernährung, die ich absolut gar nicht anstrebe. Dann lebe ich lieber mit Falten. Trotzdem zeigt mir diese Frau, wie völlig anders Lebensentwürfe aussehen können. Sie ist seit einigen Jahren mit einem Mann verpartnert, hatte aber nach ihrer Krebserkrankung das Bedürfnis, sich noch mal richtig auszutoben. Mit Einverständnis ihres Partners hatte sie eine Affäre mit einem 25-Jährigen. Sie raunt mir noch zu: „Und ich dachte, er sei 27, aber das hat er dann richtiggestellt.“ Ich schaue sie an und muss losprusten: „Klar, die zwei Jahre machen ja auch ´nen fetten Unterschied.“ Sie grinst verwegen. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits 64. Der Gute war also mal schlappe 39 Jahre jünger als sie. Und dann guckt sie mich an und sagt: „Weißt Du, Alter ist nur eine Zahl. Am Anfang habe ich gedacht, das geht doch gar nicht. Aber das ging wunderbar. Es war einfach nur berauschend und aufregend. Genau das habe ich gebraucht: Mich wieder lebending zu fühlen.“ Ich sitze so da und bewundere sie. Jüngere Männer gehen so gar nicht für mich. Oh je, das wär´s ja noch. Männer haben gerne deutlich jüngere Frauen, aber andersherum? Und dann denke ich: Warum eigentlich nicht? Warum soll es nur bestimmte Pfade geben, die uns vordiktiert sind? In der Mittagspause erzählt sie dann auch von einem Techniker, der ihr Ende der 80er immer helfen musste, weil sie ein Schreibbüro hatte. Da sie quasi ein Dauer-Abo bei ihm hatte, wurde daraus kurzerhand ein Verhältnis. Sie zuckt kess mit den Schultern und quittiert das mit den Worten: „Ich komme aus dem Zeitalter der sexuellen Revolution. Für irgendwas muss das doch gut gewesen sein, oder?“ Vieles unterscheidet mich von ihr, ganz klar. Aber ich bewundere sie für ihre Offenheit und auch den Mut, sich die Dinge zu nehmen, die sie braucht. Sie betreibt dies nicht heimlich, sondern trifft klare Absprachen mit ihrem Partner. Wir Frauen sollten öfter mutiger sein und für uns einstehen…und vor allem sollten wir das Leben so feiern und genießen, wie es ist bzw. es so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

In diesem Sinne: Auf in die nächste Woche, die mit meiner Graduation startet. Noch zwei Wochen, dann beginnt mein Urlaub. Und dann? Hält mich nichts mehr. 🙂

endlich Wochenende

Was war das bitte für eine eklige Hitze diese Woche? Und das bereits im Mai! Ich möchte das Wetter bitte zurückgeben und neues beantragen. Es ist mir durchaus bewusst, dass manche das Wetter genießen. Warum, ist mir allerdings schleierhaft. Oh, ich mag es durchaus auch, wenn es denn mal wärmer wird. Nur warum muss es dann immer gleich auch drückend und schwül werden? Gerne verwenden wir da auch den Begriff „mutschig“. Der ist aber wohl nicht bei allen Leuten aus meiner Region angekommen. 🙂 Meine Cousine weigert sich schlicht, ihn zu kennen. Manche Menschen sind schon eigenartig, oder? Ich persönlich liebe es ja, bei so einem Wetter zu meiner Sis zu sagen: „Et is fottig Wäar.“ Ihr seht schon, wie sehr mich diese Außentemperaturen bzw. ihre Nebenerscheinungen, wie Luftfeuchtigkeit etwa, beschäftigen. Könnte ich es nur so halten, wie ich es als Kind gemacht habe: Einfach die Rolläden in meinem Zimmer bis ganz unten runterlassen und ab aufs Bett. Nur gab es damals gefühlt zwei oder drei Tage im Jahr und nicht so viele wie heute. Entweder liegt es an meiner Vergesslichkeit (und dabei bin ich ja für mein Elefantengedächtnis verschrien) oder es liegt am Alter, dass ich es immer schlechter vertrage oder aber – und darauf wette ich: Diese Extreme haben zugenommen. Da haben wir ihn wieder: Den Klimawandel, der von Trump so gerne geleugnet wurde.

Überhaupt sind Extreme etwas, das zunimmt. Extreme beim Wetter, aber auch Extreme bei Menschen. Ich reagiere beispielsweise mittlerweile sehr extrem auf meine Chefin. Nach einer gefühlten totalen Talfahrt, in der ich mich richtig schlecht gefühlt habe, schwingt das Pendel jetzt wieder leicht in Richtung Kraft – und somit Widerstand. Wenn ich sage, dass die Mitarbeiter Spaß dabei haben sollen, was sie zukünftig tun müssen, wird es so kommentiert: „Ach ja, Claudia ist eben emotional.“ Ich schwöre: Sollte mein einer Kollege mich zukünftig irgendwann dann mal fragen, ob ich meine Tage hätte, breche ich ihm die Nase.
Da sie es ja rational wollen, habe ich mich auf knappe Antworten verlegt. Privat gibt es keine Info mehr von mir. Ich antworte nur noch auf beruflich Relevantes. Das irritiert meine Chefin, was sie gerne beibehalten darf. Was so viele noch nicht verstanden haben: Ich erreiche keine positive Veränderung, ohne die Menschen mitzunehmen. Und dazu gehören nun auch mal Emotionen. Infolgedessen habe ich meinen Lebenslauf nun erstmal stehen, lasse mir noch Zeit, ihn optimal zu schärfen, um dann nach meinem Urlaub endlich zu beginnen. Ich will weg. Mein Betriebsrats-Spezl ist derweil etwas hektisch geworden, weil er dies verhindern will. Er schaut, was möglich ist, denn mittlerweile ist jedem klar, wie unzufrieden alle in unserem Team sind.
Doch dieses Phänomen darf ich dann auch bei den Nachbarteams feststellen. Letzte Woche hatte ich drei Tage lang meine externe Schulung. Da wurde unsere komplette Abteilung hingezwungen. Dieser Umstand allein ist schon so gar nicht meins. Da sind wunderbare Menschen dabei, die mir die Tage richtig versüßt haben. Echte Unikate – mal mit mehr, mal mit weniger Erfahrung. Und es ist eigentlich ganz leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie für etwas zu gewinnen. Da braucht man gar keinen Zwang…doch die Abteilungsleiterin kennt eben so gar kein anderes Instrument. Am Mittwochmorgen meinte sie dann auch, mich anzicken zu müssen, weil sie mal wieder etwas verbummelt hat. Das passiert ständig. Sie meint dann, ihre „Untergebenen“ ankacken zu müssen. Die meisten lassen es einfach über sich ergehen. Leider, leider eigne ich mich nicht für so was. Ich bin zu unsportlich, um mich wegducken zu können, also blaffe ich zurück. Und siehe da: „Ääääh, neiiiiiin, so habe ich das nicht gemeint!“ Da bleibt mir nichts anderes mehr, als: „Dann sag´ es einfach richtig!“
Die Schulung war interessant. Der erfahrener der beiden Trainer war für mich nicht authentisch, wenn auch sehr souverän und versiert. Er wusste vieles, aber war für mich dennoch nicht stimmig. Das Blöde an dieser Schulung: Ein paar von uns fragen seit Jahren danach, so eine Schulung zu erhalten, weil wir mit diesen Methoden arbeiten müssen. Nun werden Leute dazu gezwungen, teilzunehmen, obwohl sie a) keine Verwendung dafür haben und b) keinerlei Erfahrung mitbringen. Als Trainer musst Du Dich an den Schwächsten orientieren, was ich vollkommen verstehe. Nur ist es für meine Kollegin und mich dann echt demotivierend, weil wir nie an den Punkt kommen, an dem wir in die Lernzone geraten. Aber unterm Strich kann ich sagen, dass sich die Tage dennoch gelohnt haben, weil ich netzwerken konnte und neue, nette Kollegen kennenlernen durfte. Das hatte zwar mit dem eigentlichen Lernziel nichts zu tun, war aber eine tolle Nebenerscheinung.
Und doch hat mich der Trainer zwischenzeitlich arg genervt. Es kamen immer so subtile Botschaften, bei denen ich dann stets überrascht bin, wie wenig andere so was bemerken. Hier und da hat er kurz eingestreut, was die Weisen und Mächtigen dieser Welt längst wüssten, aber nicht mit allen teilen würden. Und so kleine Hinweise darauf, wie wenig die Impfungen brächten…also noch sei ja nichts bewiesen. Und wieviele Menschen zum Schweigen verdonnert würden. Aber immer mal wieder hier und da ein Satz, der wie zufällig eingeflochten wurde. Bei so was sitze ich dann da und schaue meine Kollegen an, die nicht mal die kleinste Regung zeigen. Zum Beweis frage ich dann anschließend den einen oder anderen, wie er/sie die Aussage empfunden hätte? In der Regel schaue ich dann in fragende Gesichter: „Hab´ ich so bewusst gar nicht mitbekommen.“ Meine direkte Kollegin und ich haben bei solchen Aussagen einfach nur einen Blick ausgetauscht. Damit war uns beiden klar, nicht zu halluzinieren. Unterm Strich ist mir völlig egal, woran dieser Mensch glaubt. Wenn er denkt, die Welt sei böse, er einer der wenigen Sehenden, dann ist mir das wumpe. Sein Auftrag war allerdings, uns zu Lean Management zu schulen und nicht, seine Gabalier-Naidoo-Nena-Theorien einfließen zu lassen.

Die nächsten Arbeitswochen werden nun vieles sein – nur nicht einfach. Die restlichen Tage bis zu meinem Urlaub lassen mich tief seufzen. Ich habe lauter 10-Stunden-Tage vor mir. Immerhin werde ich zwei Freitage frei machen, aber bis dahin noch viel zu viele Überstunden aufbauen. Es folgen Schulungen und Workshops, die ich noch konzipieren muss…allein: Wann? Ein Termin jagt den nächsten. Und dazu werden wir dann am Montag aufgefordert, auf unsere Überstunden zu achten. Dabei ist das ein Witz. Vier meiner Kollegen haben ihre Gleitzeitkonto auf Null bzw. leicht im Minus. Mein Burnout-Kollege, der leider autistische Züge aufweist, verzettelt sich in seinen Aufgaben, weshalb es bei ihm oft aus dem Ruder läuft. Und ich? Ich bin jetzt bei 160 Stunden angelangt. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Führung würde bedeuten, zu schauen, wieviel Kapazität uns denn im Team zur Verfügung stünde, Aufträge danach anzunehmen oder auch mal abzulehnen und die Aufgaben dann gleichmäßig zu verteilen. Was höre ich hingegen? Naja, die beiden sind außen vor, weil sie ihr eines Projekt haben. Der eine Kollege macht partout nichts anderes als eine einzige Sache. Und der vierte Kollege (mit überdimensionalem Verdienst)…der Arme will ja gar nicht diese Aufgaben machen, sondern in einen anderen Bereich wechseln. Der ist bald weg. Da muss er ja keine neuen Aufgaben mehr übernehmen. Nur dass er noch gar nichts im Haus gefunden hat und seit fast acht Monaten diesen Status belegt. Immer, wenn er mich anruft, sagt er zum Schluss lachend: „Also gut, Claudia. Ich leg´ mich dann mal wieder hin.“ Kein Witz, das sagt er wirklich. Welche Konsequenz das hat? Na, keine natürlich! Ich weiß: Ich könnte mich ja ändern. Aber muss das wirklich sein? Muss ich mich echt nach unten hin anpassen und auch eine faule Sau werden? Ich kann das nicht. Daher suche ich mir was Neues. Ob es extern sein wird oder intern was Herausforderndes auf mich wartet, werden wir sehen. Nur da, wo ich jetzt bin, bleibe ich nicht. Immerhin mache ich die ersten Schritte…das ist doch schon mal was.
Da bewundere ich die Studentin, die mir dienstags gestanden hat, gekündigt zu haben. Sie erfahre keine Lernkurve. Die Arbeit mit mir habe ihr Spaß gemacht. Die Art und Weise, wie ich in Workshops von meinen Kollegen persönlich angegriffen würde, hätte sie hingegen geschockt. Dieses Verhalten sei mit ihren Werten so gar nicht vereinbar. Die neue Stelle wäre eine Art Start-Up-Unternehmen. Wenn die gut seien, würde sie mir den Kontakt schicken, damit ich da eventuell Fuß fassen könnte. Ich hab´ die Maus einfach nur umarmen können. Zuletzt war ich so verunsichert, ob ich überhaupt noch alle Latten am Zaun hätte, dass es mich total entlastet hat, ihre Sicht auf den Umgang zu erfahren. Das sind dann diese wertvollen Momente, die mir immer wieder mal die Augen öffnen, mich stärken und dann endlich ins Tun kommen lassen. Manche Menschen sind eben echte Geschenke. 🙂

Maniker? Ach so, nee, Rheinländer!

Entwarnung: Es geht mir wieder gut. Es ist auch nichts weiter passiert. Und die Schulung am Wochenende hat mich dabei gut unterstützt. Natürlich bin ich erleichtert. Vor allem die Tresorübung hat mir dabei gut geholfen. Heute Morgen öffne ich noch nicht mal zögerlich die Tür. Wenn das mal kein Fortschritt ist! Was ich allerdings schade finde: Ein guter Bekannter und Kollege hat mich angerufen und direkt losgelegt: „Woaßt, des is des, wos i immo scho sog. Die Ausländer homms net verdient. Du konnst nua enttäuscht wer’n. I net. I hob’s vorher gwusst.“ So was finde ich enttäuschend. Punkt 1 ist: Ich glaube das nicht. Punkt 2 ist: Was soll mir diese Aussage bringen? Wie hilft sie mir? Gar nicht.

Meine Mitstreiter am Wochenende sind ein bunter Haufen. Wir haben zwei Ärzte, aber auch Psychologen und Heilpraktiker für Psychotherapie. Die Einzige mit Traumatherapie-Ausbildung bin überraschenderweise ich. Samstags sind für mich viele Wiederholungen dabei. Es geht um ein paar Grundlagen und Techniken zu Ressourcenübungen, Tresorübung und der so wichtige, sichere Ort. Da mir der Freitag doch noch nachhängt, bin ich entsprechend müde und erschöpft. Dabei lernen meine Freundin und ich „Heidi aus den Bergen“ kennen. Es gibt ja so Leute, wo es direkt passt. Sie gehört genau zu diesen. Wir lachen und bekräftigen, wie gut das Bild doch passt: Heidi aus den Bergen und die beiden Böckchen. Die erste Übung geht mir richtig leicht von der Hand, da ich Ressourcenübungen immer wieder in meiner Arbeit einfließen lasse. Das ist quasi schon in meiner DNA verankert. In der zweiten geht es um den sicheren Ort, was ich auch als einfach empfinde. Der erste Tag verläuft also alles in allem ruhig und angenehm, weshalb ich wie ein Stein schlafe.
Der zweite Tag ist für mich bereits deutlich spannender. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Ich bin froh, die Methodik von der Pike auf zu lernen und nicht, wie es auch angeboten wird, in sogenannten Crashkursen. Dazu spricht die Trainerin mir aus der Seele, da sie keineswegs dogmatisch ist. 80 Prozent der therapeutischen Arbeit mache die Beziehungsebene zwischen Patient und Therapeut aus. Die Methoden seien also eher zweitrangig. Und da ist es wichtig, nicht eine als das Allheilmittel zu sehen, sondern zu schauen, was zu einem selbst, aber auch zu dem Patienten passt.
Mittags gehen wir munter plappernd zu einem Restaurant – Heidi und wir beiden Böcklein. Da es zügig gehen muss – unsere Pause ist arg begrenzt – gehe ich auf den Kellner zu und frage ihn direkt, ob wir den Tisch auf der Empore nehmen könnten? Er schaut kurz nach und bestätigt. Die anderen traben strahlend los, was ich in seine Richtung so kommentiere: „Man, man, man, drei Frauen auf einen Schlag glücklich gemacht. Das schafft so schnell keiner, hm?“ Den beiden ist das peinlich, was ich dem Kellner dann auch noch erkläre: „Die beiden schämen sich, weil ich eben Rheinländerin bin. Ich kann gar nicht anders.“ Der junge Mann amüsiert sich lediglich über uns drei alte Weiber. Am Tisch haut Heidi dann den Klopper schlechthin raus: „Ich habe tatsächlich mal jemandem die Diagnose Manie geben wollen. Der war so quirlig und ist auf alle möglichen Menschen einfach so zugegangen und hat mit denen gesprochen. Dann habe ich erfahren: Der ist Rheinländer! Da hatte sich die Diagnose dann erledigt.“ Ich schmeiß´ mich weg! So sans, die Leit aus die Beag, gä? Meist doch eher introvertiert und abwartend. Ich kann es mir zum Beispiel auch nicht sparen, den Assistenten der Trainerin zu fragen, woher er denn käme? Interessieren tut´s nahezu alle, fragen traut sich aber keine. Warum, erschließt sich mir nicht. Und da ich ihn auch noch lecker finde, frage ich eben nach. Er antwortet auch ganz locker und plaudert mit mir, während mich große Augen von den anderen mustern. Ist das echt so verwegen? Ich erfahre einfach gerne viel über Menschen und ihre Biographien.
Am Nachmittag ist dann eine Live-Demonstration, was mich wieder sehr fasziniert. Die Methode EMDR ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und trotzdem ist es einfach besonders, dabei zuschauen und es erleben zu dürfen. Und noch toller ist es, es anschließend selbst ausprobieren zu können. Ich entdecke einmal mehr: So möchte ich arbeiten. Das ist es, was mich fasziniert und anspricht. Meiner Freundin ergeht es leider erstmal genau andersherum – doch das liegt an diversen Themen.
An diesem Wochenende lerne ich auch eine Frau kennen, die ich richtig toll finde. Anfangs kann ich es nicht genau greifen, aber da ist einfach etwas, das mich total anspricht. Mit und mit erkenne ich, dass sie genauso viel Wert auf Sprache legt, wie ich das ja immer tu´. Sie schaut einen auch anders an…nicht oberflächlich, sondern so, als würde sie einem in die Seele blicken. Klingt esoterisch, ich weiß. Aber mich spricht sie damit voll an. Und sie hat etwas unwahrscheinlich Beruhigendes. Und wie es der Zufall so will, fragt sie mich, ob ich Brené Brown kenne? Ich würde sie an die erinnern. Witzig, weil ich darauf ja vor fünf Jahren mitten in Peru angesprochen worden bin. Seither kenne ich die Dame, die so wunderbar von Verletzlichkeit sprechen kann und dabei oft selbstironisch und mit Augenzwinkern unterwegs ist, weil sie eben auch so stark auftritt und liefern will. Schon eigenartig, finde ich. Als ich gestern die Interseite dieser Bekannten öffne und exakt meinen What´s App-Spruch dort als Erstes entdecke, staune ich nicht schlecht. Sachen gibt´s…

Beschwingt vom Wochenende starte ich in die Woche. Und es hält genau bis dann an, als ich auf meine Chefin treffe. Sie geht mir immer massiver auf den Zeiger. Und das Wegducken meiner Kollegen empfinde ich auch als immer nerviger. Es kann doch so nicht laufen?! Alle sind unzufrieden, aber niemand packt es an. Das ist so ein Dilemma von mir. Vermutlich bin ich durch die Geschichte mit meiner Nachbarschaft ohnehin gerade sehr dünnhäutig, was das Thema Verantwortungsübernahme betrifft. Und dann habe ich einen Ganztages-Workshop mit einer Person, die nicht in der Lage ist, mir das Ziel unseres Teams in einfachen Worten zu erklären. Und das ist seit Oktober letzten Jahres so. Sie legt dann irgendwelche englisch-sprachigen Folien auf, die über und über mit Schlagwörtern befüllt sind. Und ich frage erneut nach: „Was wir machen sollen – also, wie man das nennt – ist mir klar. Aber was ist das eigentliche Ziel, was die Firma damit verfolgen will?“ Dabei suggeriert sie ständig, dass ja alles längst klar sei, bis ich an den Punkt gelange und in die Runde sage: „Gut, ok. Ich geb´s auf. Sag´ mir einfach, was ich wie erstellen soll, dann erledige ich das.“ Schweigen, sie starrt mich an. Nein, nein, nein! Ich soll das ja gedanklich mitentwickeln. Ich erkläre ihr noch mal, dass ich ja augenscheinlich zu dumm sei, das zu verstehen, weshalb ich einfach nur noch ausführen werde, was man mir anschaffe. Aber das wolle sie ja nicht (, weil sie keinen blassen Schimmer hat, was zu machen ist). Nur so macht´s mich unendlich müde. Es ist nicht, wie „Gorillas im Nebel“, sondern „Stochern im Nebel“. Mit zähem Ringen formuliere ich einfach in einem Satz das Ziel, das ich mir wünschen würde. Und siehe da, das nehmen wir jetzt. Da hocken sich also hochbezahlte Menschen über Monate hinweg zusammen, strukturieren eine Organisation komplett um und geben einem kein klares Ziel vor??? Ich fühle mich komplett verarscht. Aber gut, nun haben wir ja ein Ziel, das ich formuliert habe. Dann frage ich nach dem Wozu? Wieder kommen englisch-sprachige Folien zum Vorschein, die alles und nichts aussagen. Ich glaube, ich flippe demnächst jedes Mal aus, wenn einer „disruptiv“, „volatil“, „Subsidiarität“ oder „VUCA“ sagt. Oder ich schreie. Nach 30 Minuten wäre ich vermutlich heiser…manche Meetings würden mich dann schon nach 15 Minuten heiser bekommen.
Ehrlich: Wer fühlt sich da angesprochen? Unsere derzeitige Praktikantin bringt es noch mal auf den Punkt: „Ich betrachte das mal als Mensch, der gerade erste Schritte in die Arbeitswelt macht. Da frage ich mich als Mitarbeiterin schon: Woher soll ich meine Motivation nehmen? Da will ich emotional angesprochen werden und nicht solche Buzz-Words hören.“ Ich strahle sie an und könnte sie knutschen. Die anderen nicken leicht verhalten. Das Wozu und auch das Warum zum Wozu liefere ich dann, weil ein Kollege beim Warum tatsächlich „Disruption“ sagt. Am Ende steht dann endlich das, was wir schon im Oktober benötigt hätten und wonach wir auch aktiv gefragt haben – aber gut…Zeit ist ja relativ. Als das erstmal steht, fragt ein anderer Kollege: „Bist Du denn jetzt endlich zufrieden, Claudia?!“ Ich hole tief Luft, zähle bis zehn und sage: „Alles, was gerade Positives entstanden ist, machst Du mit dieser Frage wieder vollkommen platt. Danke für keinerlei Wertschätzung! Es geht nicht um mich und meine Zufriedenheit. Es geht darum, den Mitarbeitern genau das zu transportieren, was wir eigentlich von ihnen wollen, denn sie müssen es schließlich mit umsetzen.“ Kaum sind wir draußen, raunt die Praktikantin mir zu: „Von Kommunikation verstehen die hier wirklich nicht viel, kann das sein?“ Ja, das kann sein. Bitter, aber wahr.
Betreffender Kollege kommt zum Feierabend noch mal zu mir, um mir mitzuteilen, wie gut und ergiebig dieser Tag doch endlich mal gewesen sei. Ich antworte ihm ehrlich: „Das ist sehr schön für Dich. Ich bin allerdings einfach nur müde und erschöpft.“ Und genau da stehe ich derzeit, was echt schade ist.

Da meine Sis und mein Schwager heute angereist sind, um einen Zwischenstopp bei mir einzulegen, hören sie ca. 15 Minuten von einem Meeting mit. Anschließend sagt mein Schwager dann trocken: „Wenn ich mir das jeden Tag anhören müsste, würde ich ausflippen!“ Dabei hat er noch ein gutes Meeting erwischt. Schon erschreckend, oder? Und gleichzeitig freut es mich, so was zu hören, denn das sagt mir, dass ich nicht völlig lala im Kopf bin. Zwischendurch denke ich nämlich schon regelmäßig, ob nicht ich das Problem bin? Und vermutlich bin ich das sogar auch, weil ich mehr will. Ich will ein vernünftiges, wertschätzendes Miteinander und kein planloses, unstrukturiertes Rumgeeier, bei dem es darum geht, andere niederzumachen und möglichst hell zu strahlen. Ich schätze – trotz Hörnern – werde ich diese Felsbrocken nicht bröckeln lassen. Immerhin habe ich ein paar erste Anpassungen an meinem Lebenslauf vorgenommen. Der erste Minischritt ist gegangen. Auf der Suche nach dem Sinn, trippel´ ich mal weiter…Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas.

keiner verantwortlich

Es gibt Themen, die sind lustig. Und es gibt solche, die sind nachdenklich. Heute ist es anders. Heute finde ich dafür nicht wirklich die richtigen Worte. Doch hübsch alles der Reihe nach.
In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich lebe, gibt es auf meiner Etage zwei Wohnungen, die der Eigentümer an den Kinderschutzbund vermietet hat. Klingt auf den ersten Blick sehr sozial, dient vor allem aber der durchgängigen Miete, ohne sich um irgendwas kümmern zu müssen. Nun werden die Wohnungen rund ums Jahr munter belegt mit Jugendlichen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Leider werden sie nur – zumindest aus meiner Sicht – nicht groß weiter betreut. Mir ist völlig klar, dass sämtliche Sozialberufe unterbezahlt sind und auch in der Regel mit einem geringen Mitarbeiterschlüssel daherkommen. Dennoch kann dies kein Grund dafür sein, dass die jungen Menschen quasi keiner wirklichen Betreuung unterliegen. Da ich mich selbst sozial schimpfe und auch noch erinnern kann, wie ich als junger Mensch unterwegs war, habe ich in den letzten Jahren nie was gesagt und mich nie beschwert – ein Gegensatz zu den meisten anderen Mietern und Eigentümern im Haus. Natürlich waren manche dieser jungen Leute lauter als andere. Das Treppenhaus sieht nach einem Umzug auch immer ramponiert aus. Das belastet mich nun weniger, aber die Eigentümer der Wohnungen hier natürlich schon, was ich auch verstehen kann. Die Betreuungsstelle damit konfrontiert, kam normalerweise die Standard-Antwort: „Ja, können Sie denn beweisen, dass das der- oder diejenige war?“ Damit war der Fall für sie erledigt, was ich schon recht unverschämt finde.
Nun erweist sich meine Nachbarin als besonderes Exemplar. Sie, die derzeit noch ein Er ist, macht gerne einen auf schüchtern, huscht schnell in ihre Bude, in der sie dann allerdings laut schreien kann. Ständig sind Bekannte von ihr vor Ort, die dann den Geräuschpegel so in die Höhe treiben, dass ich es in meinem Wohnzimmer gar nicht mehr aushalten kann und ins Schlafzimmer trabe. Andere Nachbarn haben sich bereits beschwert, ich habe noch hübsch die Füße stillgehalten. Bis ich dann nachts durch starken Lärm geweckt wurde – nicht einmal, sondern regelmäßig. Es ist so, wie ich mir das in manchen Sozialwohnanlagen vorstelle, was mir für die Menschen dort auch sehr leid tut. Andererseits kann es auch nicht sein, dass ich hier richtig fett Miete abdrücken muss und dann vom Schlafen abgehalten werde. Als ich am nächsten Morgen an der Nachbarstür geklingelt habe, kam keine Reaktion. Erst später, als wieder einmal das vereinbarte langgezogene Klingelzeichen ertönt ist, bin ich dann auch raus und habe die Mieterin darum gebeten, zukünftig bitte leiser zu sein. Diverse Nachbarn hätten sich bereits beschwert. Ich habe die Hausverwaltung nun auch angerufen, die mir geraten hätten, zukünftig sofort die Polizei zu rufen. Ihr Lebensgefährte wird daraufhin direkt aggressiv und beschimpft mich. Wohlgemerkt: Er ist immer da, obwohl eigentlich nur sie die Mieterin ist und ihr auch nicht erlaubt ist, Besuch über Nacht zu haben. Das interessiert mich ja noch nicht mal. Es interessiert mich hingegen schon, wenn man mich vom Schlaf abhält.
Von einer Nachbarin erhalte ich eine Nummer vom Kinderschutzbund, die zuständig sein soll. Es finden zwei Gespräche mit der Dame statt, die mir versichert, sich nun endgültig darum zu kümmern, da besagte Mieterin schon mehrere Verweise erhalten hätte. Das war am 5.3. Danach kam keine Info mehr, die Lautstärke ging hingegen ungebremst weiter. Nicht allerdings, ohne vorher durch meine Wohnungstür von ihrem Typen angebrüllt zu werden: „Fick Dich, Du Fotze!“
Ich habe Angst. Ja, ehrlich wahr. Ich habe mit psychisch Kranken gearbeitet, ich habe im Gefängnis Schwerverbrecher geschult. Aber hier muss ich eingestehen: Ich habe Angst. Ich wohne allein, die Gestalten, die da lautstark durchs Treppenhaus poltern zu jeder Tages- und Nachtzeit, machen mir Angst. Es geht so weit, dass ich mich nicht einmal mehr traue, die Polizei zu rufen, wenn es laut ist, denn ich befürchte danach, dass ich eine aufs Maul bekomme. In der Hoffnung, dass die Dame vom Kinderschutzbund ihr Versprechen hält, halte ich aus. Im Aushalten bin ich ja leider Spitzenreiter. Letzte Woche werde ich dann um 4:10 Uhr abrupt geweckt. Zunächste hoffe ich noch, dass es sich nach fünf Minuten erledigt haben wird, sehe jedoch nach einer Dreiviertelstunde ein, dass dem nicht so ist. Völlig gerädert starte ich meinen Tag – nicht jedoch, ohne die Dame vom Kinderschutzbund zu kontaktieren. Die spricht mir später auf die Mailbox, wie schwierig alles sei. Die Behörden würden zu wenig Kohle zur Verfügung stellen, sie arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Es sähe so aus, als müsse die Mieterin in die Obdachlosigkeit. Da zuckt natürlich ein Teil in mir. Ein anderer hingegen sagt: Was soll sie denn noch alles anstellen? Der Fernseher ist schon aus dem Fenster geflogen. Gottseidank war der Nachbar im Erdgeschoss gerade nicht im Garten. Sie hatte zahlreiche Chancen, zeigt allerdings nie Einsicht und ist ständig das Opfer.
Am Sonntag zerlegen sie dann mit vereinten Kräften die komplette Wohnung. Ich mutmaße, man hat der Mieterin mitgeteilt, dass sie in den kommenden Tagen die Wohnung räumen müsse. Das nehmen sie und ihre Kumpanen wohl zum Anlass, ihr Mütchen zu kühlen. Es scheppert, es rumst, es gibt Geschrei. Es wird auf Wände eingeschlagen, auf Türen, einfach alles. Dieses Mal tagsüber. Da kann ich nicht einmal die Polizei rufen, wenn ich mich denn überhaupt trauen würde. Gestern höre ich sie noch einmal tagsüber, dann erstmal nicht mehr. Als es abends an meiner Tür klingelt, verfalle ich in Schockstarre. Ich tu´ so, als sei ich nicht da. Ich habe wirklich richtige Angst und will, dass das nur noch vorbei ist. Ich weiß nicht, ob das jemand kennt? Diese lähmende Angst, wenn jemand offenkundig aggressiv ist. Ich kenne das noch von meinem betrunkenen Ex von vor vielen Jahren. Da kann man nicht vernünftig argumentieren. Da geht es ausschließlich um den Selbsterhaltungstrieb. Heute Mittag klingelt es wieder an meiner Tür. Tagsüber ist meine Angst nicht so groß. Vor mir stehen der Hausmeister und eine Nachbarin aus dem Stockwerk unter mir. Meine Wohnungstür ist über und über mit Rasierschaum besprüht. Auf dem Boden wurde der Badezimmereimer entleert. Es wimmelt von Rasierklingen, verteiltem Rasierschaum, leeren Verpackungen, Kippen und dergleichen. Mir wird schlecht. Das Klingeln gestern Abend waren wohl besorgte Nachbarn, denn die respektlosen Vollidioten haben sich schon gestern ausgetobt. Während ich am Laptop gesessen und gearbeitet habe, haben sie – dieses Mal plötzlich lautlos – ihr Werk vollbracht. Ich rufe die Dame vom Kinderschutzbund an, die mir mit Schweigepflicht kommt. Ich blaffe sie in meiner Fassungslosigkeit an, was sie – verdammte Scheiße – nicht verstanden hätte, als ich ihr berichtet hätte, ich hätte Angst vor diesen Menschen??? Sie würde ja nur die Mieterin kennen und nicht das Aggro-Pack drumherum. Und dann kommt doch tatsächlich die passende Frage: „Können Sie denn beweisen, dass die das waren?!“ Tja, so sieht´s aus. Herrlich, oder? Ich rufe die Polizei an und frage, ob sie Angaben zum gestrigen Vorfall bräuchten, weil meine Nachbarn alles dokumentiert und die Polizei informiert haben. Doch hier kommt der nächste Klopper: „Ich sehe gerade, ja…Ihre Wohnungstür wurde verziert und Unrat vor die Tür gekippt. Naja, das ist unschön, aber ja keine Straftat.“ Ich habe einen Stein im Magen und frage nach: „Ich hoffe, Sie scherzen?!“ Der Herr gibt sich locker: „Wenn Sie Stress mit Ihren Nachbarn haben, können wir da nichts tun. Es ist ja nichts beschädigt.“ Richtig. Die Türe steht noch, meine Knochen sind noch heil. Aber wie es innerlich aussieht, das ist ja scheißegal. Resigniert frage ich: „Es muss mich also erst jemand zusammenschlagen, bis da was passiert?“ Ja, so ist es wohl. Die Dame vom Kinderschutzbund ruft später an und hofft für mich, dass nun Ruhe einkehre, da der Schlüssel nun in ihrer Obhut sei und die Dame nicht mehr hier wohnen würde. Naja. Menschen, die nichts zu verlieren haben, können rundherum rumlungern und sonst was anstellen, aber hey, ich hoffe einfach auch mal.
Die Hausverwaltung verweist an die Polizeit. Der Kinderschutzbund verweist an die Polizei. Die Polizei verweist an einen Anwalt zwecks zivilrechtlicher Klage. Ääääääh? Keiner übernimmt Veranwortung. Mein Nachbar von gegenüber kommt später noch mal zu mir und zeigt sich geschockt. Was er tun könne? Wie es mir gehe? Die Polizei würde es bestimmt regeln. Ich desillusioniere ihn mit meiner Info. Er starrt mich an…fassungslos, wie ich es zwei Stunden zuvor ebenfalls war. Dieser Nachbar hat einen Migrationshintergrund (Bosnier). Meine Nachbarin ein Stockwerk tiefer genauso (Afrika). Warum ich das sage? Weil die Menschen, die sich in der Bude nebenan getummelt und alles verwüstet haben, diesen auch haben. Sie haben in ihrer Sprache gebrüllt, die ich nicht verstehen konnte. Und die sind es, die anderen Menschen, die ebenfalls nicht in Deutschland geboren worden sind, das Leben schwermachen. Denn diese schlechten Beispiele bleiben hängen. Dann heißt es wieder „Die Ausländer“. Aber da gibt es auch das Gute: Mein Nachbar bietet mir an, ich könne immer und jederzeit zu ihm und seiner Frau rüberkommen.
Und ich? Zweifle natürlich an mir. War es falsch, sie anzusprechen und fair sein zu wollen? War es falsch, nicht die Polizei zu rufen? Ich schäme mich, weil ich mich hilflos fühle…und allein. Alle wissen es selbstverständlich besser: Die Hausverwaltung, der Kinderschutzbund, mein Vermieter: „Hätten Sie mal besser die Polizeit gerunfen.“ Das sagt sich so leicht, wenn man nicht verängstigt ist, weil man nichts zu befürchten hat.
Vermutlich wird nichts mehr passieren. Vermutlich sind sie weitergezogen. Vermutlich sind aber keine 100 %. Und so werde ich die nächsten Wochen damit zubringen, immer über meine Schulter zu schauen. So auch morgen, wenn ich meine EMDR-Ausbildung starte und gegen 18:30 Uhr nach Hause komme. Kein schönes Gefühl…gar nicht. Aber es hilft ja nicht, ich muss da durch.

sag’s mit Vögeln

Der Montag ist einfach ein Arsch. Ich wünschte, es wäre anders, aber er bemüht sich auch echt nicht. Es geht noch einigermaßen los, doch dann geht’s umso steiler bergab. Dieser Moment, wenn Du aus dem Parkhaus kommst und siehst: Der Einzige, der bereits da ist, ist Heinz. Das brauche ich nicht. Ich kann ihn ja ignorieren, weil er im Großraumbüro sitzt, aber die miefige Energie ist dennoch im Gebäude. Gott im Himmel, ich verabscheue diesen Kerl echt. Es gibt eine Abmachung, dass wir erst ab 6 Uhr arbeiten dürfen. Es gilt für alle – nur nicht für Heinz. Ihm wurde das schon x-fach gesagt, doch er macht einfach stur weiter – ohne Konsequenzen, versteht sich. Und im Grunde ist es ja auch wurscht, ob er von 5:30 – 14:00 Uhr nichts arbeitet oder eine Stunde später mit dem Nichtstun beginnt. Sei es drum. 

Und so fahre ich meinen Laptop hoch, bevor ich mir Wasser in der Küche hole. Und was erwartet mich da? Eine halb geöffnete Spülmaschine – fertig gespült und bereit, ausgeräumt zu werden. Da schwillt mir dann eine Ader an, denn der doofe Heinz ist ja schon anderthalb Stunden da und hat sich bereits Wasser, Glas und Krug aus der Küche geholt. Wütend räume ich die Maschine aus, sonst muss es ein anderer machen – auf jeden Fall nicht Heinz. Damit aber nicht genug. Der gute Heinz kommt in die Küche gelatscht. Nein, nein, nicht etwa, um sich was zu holen, sondern mit den Worten: „Guten Morgen. Ich wollte nur mal schauen, welches Heinzelmännchen die Spülmaschine ausräumt.“ Nein, das ist leider kein Witz. Ein Kollege hat alles genauso auch gehört und lacht sich darüber scheckig. Letzte Woche war ein Programmpunkt bei meiner Schulung das Thema Mimik. Leider hatten sie keine Zeit mehr, das Thema zu bearbeiten. Ich hätte ihnen da auch demonstrieren können, dass in meinem Fall ausschließlich meine Augen reichen. Mit denen schaue ich Heinz auch einfach nur tot, so dass er sich ruckizucki umdreht und das Weite sucht. Ich koche innerlich. Eigentlich wollte ich antworten: „Ich würde im Gegenzug gerne dabei zusehen, wie langsam so ein dickes Glas aus Deiner Visage rauseitert.“ Ob meiner Erziehung verkneife ich mir das. Schade eigentlich. 

Wutschnaubend stapfe ich in meine erste unsägliche Rücksprache. Berichtet wird von einem Workshop letzten Donnerstag, der sooooooooo erfolgreich gewesen sein soll. Blöd nur, dass nicht alle diese Meinung teilen. Ich war nicht da, höre aber alle Beteiligten an und sehe im Protokoll die Post Its. Später am Tag fasse ich das Gesagte und Gelesene dann so zusammen: „Verstehe ich das richtig: Der interne Kunde möchte also eine eierlegende Wollmilchsau inkl. Sozialarbeiter und Seelsorger, erwartet, dass wir ihm die ganze Verbesserungsarbeit abnehmen und braucht dann einen Prügelknaben, wenn er die Ziele des Vorgesetzten nicht erreicht?“ Naja, ganz so negativ sollte ich es nicht sehen. Ich muss hier echt weg, denn es soll im Grunde wirklich so die Kernaussage sein. Oh, ich hab noch was vergessen: Sie wollen – O-Ton – von uns begeistert werden. Dann müssen wir wohl doch in einen Vergnügungspark fahren? Oder in einen Puff – käme auf den Frauenanteil an, hm?

Während der ersten Online-Besprechung schaue ich aus dem Fenster und beobachte Stieglitze. Sie hüpfen munter auf dem Rasen herum, zerpicken Löwenzahn und freuen sich des Lebens. Stieglitz müsste man sein. Dann könnte ich Heinz zwischendurch auf den Kopf kacken. Man, beneide ich die Vögelchen gerade. 

Die nächste Runde wird auch nicht besser. Manchmal frage ich mich, wie mancher es immer wieder schafft, alles möglichst aufzublähen, was man in zwei Minuten sagen könnte. Das gelingt meiner Chefin ganz leicht. Entsprechend entnervt komme ich zu meinem dritten, allerdings für den Rest des Tages dauernden Workshop. Dort sitzt schon ein Kollege, der sich noch über Heinz Spruch vom Morgen amüsiert. Nicht gut. Und dann will er mir weismachen, dass das ein Kompliment von Heinz gewesen sein sollte. Ich starre ihn fassungslos an. Das meint er doch nicht ernst?! Doch. Es sei quasi ein Kompliment dafür, wie toll ich das machen würde. Da platzt mir dann doch was. Giftig schaue ich ihn an: „Pass mal auf, mein Schöner, aber ich muss Dich gerade mal desillusionieren. Wir Frauen kommen nicht schon voll vorprogrammiert auf die Welt. Ich musste mir solche Tätigkeiten auch erst aneignen. Glaubt Ihr Kerle Euch eigentlich selbst, wenn Ihr im Brustton der Überzeugung sagt, Frauen und Männer seien gleichberechtigt?!“ Lachen. Ich schieße Blitze. Dann kommt doch echt die Frage: „Welcher Jahrgang ist denn der Gute?“ Meine Antwort: „Das ist mir so scheißegal. Ich kann Dir höchstens das Sternzeichen verraten: Arschloch im Stern des unkollegialen Sackgesichts.“ Wieder nur Lachen, dabei meine ich es ernst. 

Der Workshop geht los… und verdient das Wort nicht mal. Meine Chefin sondert ausschließlich Müll ab. Es ist nicht zu fassen… Ich frage mich, welche Pillen sie schluckt und ob ich was davon abhaben könnte? Mit einem Kollegen habe ich Blickkontakt. Er amüsiert sich nur noch über alles und gesteht mir, dass er es nur wegen des Schmerzensgeldes aushalte. Naja, er bekommt locker das anderthalbfache von mir. Ich lasse meinen Blick schweifen und erspähe einen Specht. Er spricht mir aus der Seele, wie er da am Baum hochhüpft und den Kopf immer wieder gegen den Stamm schmettert. So, wie ich volle Empathie für das Schreien von Hühnern am Morgen aufbringen kann, kann ich den Specht mindestens genauso gut verstehen. Ich will auch! 

Nachmittags erhalte ich dann eine Mail von der Assistentin meiner Chef-Chefin. Ich hätte für den 17.5. einen Raum gebucht, aber sie sähe da keine Teilnehmer? Sie bräuchte einen Raum für ihre Chefin. Ich antworte, ich würde an dem Tag sechs Stunden schulen und schicke ihr einen Screenshot mit den Teilnehmern. Sie bedankt sich und schreibt dann noch mal, ob sie denn dann den Raum buchen könne? Ich wünsche mir den Specht zurück. NEIN, sie könne nicht von 9 bis 11 buchen, da ich von 8 bis 14 Uhr dort eine Schulung hätte. Dann mailt meine Chefin mich an, dass ihre Chefin (gleiche Tusse) am 17.5. für zwei Stunden den Raum benötige. Ob ich ausweichen könne? Der Alternativraum liegt 13 Minuten von meinem gebuchten Raum quer übers Gelände entfernt. Ich antworte, ich habe schon mit der Assistentin korrespondiert und dieser mitgeteilt, es gehe nicht. (Aber gut, dass sie ja nun eine Alternative hätten, denke ich mir.) Nach dem Workshop spricht mich meine Chefin nochmals auf den Raum an. Ich erkläre ihr, wieviel Kram für die Schulung benötigt wird, der komplett in dem Raum gelagert sei. Zudem gelte bei uns immer schon die Regelung: Tagesschulung schlägt zweistündigen Workshop. Hmmmm…sie würde noch mal überlegen und dann gegebenfalls erneut auf mich zukommen. Vorhin konnte ich noch eine Krähe beobachten, die sich einen Stieglitz geholt hat, obwohl zwei andere Stieglitze alles gegeben haben, das zu verhindern. Komisch, komisch, dass mir das Bild gerade wieder in den Sinn kommt. 

Was an solchen Tagen hilft? Essen gehen mit einer Freundin. Und das tu ich auch – wie ein Rohrspatz vor mich hinschimpfend. Als dann noch eine doofe Blondine auf einem Behinderten-Parkplatz parkt, mecker ich: „Der würde ich gern auf die Motorhaube kacken!“ Furztrocken kommt Retour: „Aber es ist noch so hell!“ Jetzt hat sie mich, ich kann nur noch lachen. Manchmal wär’s schon schön, ein Vogel zu sein, abhauen zu können, wenn’s einem zu blöde wird und auf Motorhauben kacken zu können, selbst wenn es noch hell ist. Nur von einer Krähe würde ich ungern gefuttert werden. Na, dann werde ich einfach Krähe, denn da hackt ja angeblich eine der anderen kein Auge aus… wer’s glaubt. Vermutlich gibt es nämlich auch Heinz-Krähen. Und dann finge der ganze Driss von vorne an. Braucht auch keiner, gell? Eben. 

„hochsterilisiert“

Diese Woche startet ja beruflich erst heute, am Dienstag. Nichtsdestotrotz fühlt es sich wie ein Montag an. Warum? Na, weil es wieder tolle Meetings gibt, die „koa oide Sau net braucht“. Dafür habe ich allerdings schon ein neues Wort gelernt. Huch, was ist mein Leben schön. Nicht so schön ist der dicke Kopf, der nicht vom Trinken kommt, sondern von der Allergie. Ich leide gerade…und das meinte ich wortwörtlich. Heute werde ich bereits mittags meine Zelte im Büro abbrechen, weil ich komplett durch bin – trotz vier freier Tage. Das kann jedoch nur ein Allergiker nachvollziehen.

Ostern kam und ging, ohne dass es mich wirklich tangiert hätte. Das Fest ist für mich immer schon unnötig gewesen. Klar, die freien Tage sind was Feines. Aber mir gibt Ostern einfach gar nichts. Es war mal kurzfristig ganz nett, als die Jungs meiner Sis noch klein waren. Wenn Kinder vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen sind und auf die Suche gehen, um Eier, Schoki und dergleichen zu entdecken, dann ist das schon lustig. Der Kleine hat – trotz mehrfachem Hinweis – nie darauf gehört, die Eier nicht in die Schale zu werfen. „Neeeeee, leg´ das Ei einfach vorsichtig da rein.“ Das konnte er nicht, weil er einfach viel zu viel Pfeffer im Hintern hatte. Die Eier waren erst in Ordnung, wenn sie ordentlich angedötscht waren. Er war immer in allem Kawumm-mäßig unterwegs. Vorsichtig ins Bett krabbeln, wie der Große das als Kind am Morgen gemacht hat, ging bei dem Kleinen nie. Er hat immer Anlauf genommen und ist volle Pulle auf uns drauf gesprungen. Da muss ich heute noch grinsen. Er ist eben einfach Kamikaze – anders kann man das nicht ausdrücken. Umgekehrt mag er es hingegen weniger, wenn man einfach so zu ihm aufs Bett springt. Ein Grund mehr, es natürlich zu tun. Ich gebe zu: Ich kann schon auch ein „pain in the ass“ sein. 🙂 Aber heute ist er ja auch 17 Jahre alt. Da ist es quasi mein Auftrag, ihm auf den Sender zu gehen.

Heute Morgen glaube ich dann so gar nicht, dass die Nacht schon rum sein soll. Da will mich doch einer hops nehmen?! Aber nein…alle Uhren zeigen 5:40 Uhr an. Genug geschlafen habe ich die letzten Tage allemal. Das Problem ist heute eher ein Gemisch aus Unlust und Allergie. Geht´s Euch auch so? Diese drecks Birken sind dieses Jahr viel krasser unterwegs als sonst. Ich bete, es möge bald regnen. Dann hätte ich zumindest kurzfristig Linderung – auch wenn es mir Haue von den meisten anderen Menschen einbrächte, die natürlich happy über den Sonnenschein sind.
Mein Highlight des heutigen Tages: Ich treffe eine liebe Kollegin und Freundin zu einem längst überfälligen Ratsch. Und da es im Schatten echt noch zapfig ist, setzen wir uns in einen Aufenthaltsraum. Und da reden wir dann auch über alles Mögliche, bis ein Kollege reinschneit. Anfänglich geht´s auch noch, aber relativ schnell wird dann klar, welchem Lager er angehört. Die ganze Sache rund um Lauterbachs vereitelter Entführung sei nur „hochsterilisiert“ worden. Über das Wort muss ich eigentlich lachen – über die Sache kann ich´s nur leider nicht. Auch der Hinweis meiner Freundin, wie aufgeheizt die Stimmung sei, wenn Familienväter schon ihre Familien umbrächten, weil die vermeintliche Angst vor der Impfung sie dahintriebe, prallt an ihm ab. Auch das sei „hochsterilisiert“. Er bagatellisiert die Pläne, die irgendwelche kranken Schweine sich so zusammenphantasieren und wiegelt ab: „So was kennt doch jeder von uns – da schreibt man mal eben so eine What´s App, aber das meint doch keiner so. Das wird dann alles nur hochsterilisiert.“ Ich vermute, irgendwer hat ihm das Hirn sterilisiert…ist aber nur eine Mutmaßung meinerseits.
Solche Menschen bereiten mir zunehmend Sorge. Es scheint, es muss immer erst was passieren, bevor solche Menschen aufwachen. Der Tankstellen-Freak, der den jungen Kerl erschossen hat, war vermutlich auch nur „hochsterilisiert“. Das ist doch krank, oder? Ein bisschen gruselt´s mich dann langsam doch, wie es weitergehen wird. Sich Sorgen zu machen, bringt einen natürlich nicht weiter. Aber ich kann es gerade schlecht unterdrücken. Wie geht´s Euch damit?

klare Ansagen statt Appell-Öhrchen

Es ist Karfreitag…mein früherer Anti-Tag schlechthin. In diesem Jahr ist er irgendwie völlig bedeutungslos. Der Tag macht mich nicht mehr wütend, wie er das in jungen Jahren immer gemacht hat. Den Sinn habe ich nie verstanden. Gut, nicht jeder hat ihn so exzessiv katholisch ausgelebt, wie das bei uns Zuhause der Fall war. Kein Fleisch, kein Fisch, kein Radio, kein Lachen, kein Witz, kein Pfeifen, kein Singen (außer bei der Chorprobe), dafür harte Gartenarbeit, Andacht, Messe und Beichte. Was für Schwachsinn. Doch jeder so, wie er mag.
Im Jahr 99 war der Tag dann auch schräg, weil meine Mom da noch auf der Intensivstation im Koma lag. Da wussten wir noch nicht, wie sie es überstehen wird…ob überhaupt die OP Erfolg gebracht hat. Mein damaliger Freund hat extra für mich „Stadt der Engel“ ausgeliehen, was an sich ein schöner Film ist, mich aber dauerweinen hat lassen. Das kommt mir echt vor, als sei es ein anderes Leben gewesen.

Dieses Jahr beginne ich den Tag mit einem Telefonat mit einer Freundin. Und in dem Gespräch gestehe ich freudestrahlend ein: Ich hatte so was von absolut unrecht mit einer Vermutung. Kennt Ihr das? Normalerweise sind wir Menschen ja so gepolt, dass unser Hirn recht haben will. Ich betone immer, wie völlig wurscht es mir sei. Meistens stimmt das auch. So, wie bei meiner Chefin, der ich etwas prognostiziert hatte, was sie partout nicht glauben wollte, was sich dann aber zwei Wochen später leider bewahrheitet hat. Ihr Kommentar: „Tja, so blöd ich das jetzt finde…aber Du hattest echt recht mit Deiner Einschätzung.“ Da geht mir dann keiner ab. Das bringt mir auch rein gar nichts. Ich habe einfach aufgrund meiner bisherigen Erfahrung in dem Bereich recht sicher gewusst, wie sich etwas weiterentwickeln wird. Die Milch ist allerdings verschüttet, weshalb wir darüber dann auch nicht mehr diskutieren müssen oder ich ein: „Ich hab´s doch gesagt“ hinterherschieben müsste.
In dem heutigen Telefonat ging es hingegen um eine Annahme meinerseits, von der ich im Vorfeld schon gesagt habe: „Ich hoffe echt so sehr, dass ich mit meinen Unkenrufen unrecht behalte.“ Und so kommt es dann Gottseidank auch. Manchmal möchte ich meine Lieben beschützen, was mir im Grunde gar nicht zusteht. Jeder muss seine Erfahrungen selber machen. Ich sage ja immer: Wer weiß, wofür es gut ist, dass ich keine Kinder bekommen habe. Ich wäre vermutlich so eine richtig krasse Glucke gewesen, was ja auch nicht gerade förderlich ist.

Und genauso verhält es sich dann auch mit meiner zweistündigen Skype-Schalte direkt nach meinem Telefonat. Eine Mitschülerin von der Fortbildung, die ich ganze zwei Mal Ende 2020 gesehen habe, teilt mir per What´s App mit, dass sie nun die schriftliche Prüfung geschafft habe. Ich hatte sie immer wieder mit Unterlagen versorgt. Gefragt hat sie danach nie. sie aber dankend angenommen. Wieder so typisch ich: Ich will ja nur helfen. Manch einer mag das vermutlich auch – aber nicht zwangsläufig alle. Und ich nehme manch einem damit vielleicht auch die Chance, sich da selbst durchzukämpfen und zu entwickeln. Sei es drum. Die Mitschülerin berichtet mir noch kurz davon, dass sie deutlich früher dran sei als ihre Lerngruppe, weshalb sie allein für das mündliche Fälletraining lernen müsste. Da ich weiß, wie elend ich mich letztes Jahr gefühlt habe, biete ich spontan an, so eine Prüfung via Skype mit ihr zu simulieren. Jaja, mein blödes Appell-Ohr, auf dem ich so gerne höre. Und tatsächlich schlägt sie sofort zu. Entsprechend habe ich jetzt zwei Stunden Prüfungssimulation hinter mir. Ich habe manche Kriterien schon wieder vergessen, weiß aber doch auch noch erstaunlich viel, wie mir auffällt. Die Dame wird´s gut machen und bestehen – da bin ich mir sehr sicher. Warum ich allerdings meine, meine Unterstützung so aktiv anbieten zu müssen, erschließt sich mir nicht. Hat was von „Ich muss nur noch kurz die Welt retten…danach flieg´ ich zu Dir…“ (Tim Bendzko). Da kann ich mich schon ganz schön wichtig fühlen, hm? Man, man, man…bisschen bekloppt ist ja schön, aber gleich so viel???

Und dann erlebe ich die Studenten in meiner Abteilung. Der letztens hier erwähnte Krachertyp ist nach wie vor da, allerdings sehe ich zum Glück wenig von ihm. Gestern gebe ich dann eine zweistündige Schulung, die ich bereits vor drei Jahren gegeben habe. Dabei stelle ich für mich fest, wieviel aussagefähiger ich jetzt darin bin. Aufgrund der Erfahrung fallen mir viel mehr Beispiele ein. Es macht totalen Spaß. Die Teilnehmer stellen superviele Fragen – da bin ich dann voll in meinem Element. Rundum gelungen, also bin ich rundum zufrieden, was auch mal schön ist. Nett auch am Ende von meinem Kollegen: „Das haben wir gut gemacht.“ Wir? Ah ja….
Ich habe einer neuen Praktikantin angeboten, gerne mitzukommen, um mal zu sehen, was wir so machen und um in die Thematik ein bisschen einsteigen zu können. Sie überrascht mich nach der Schulung: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich so was und Workshops übernehmen kann?“ Ääääääh? Sie würde sich schon Projekte wünschen. Klar, es gehörten auch andere Dinge dazu, also „typische Praktikantentätigkeiten“, was für sie voll ok sei. Aber sie hätte schon Lust, so was zu übernehmen. Ich hatte ihr ohnehin einen Part in meiner größeren Schulung im Mai in Aussicht gestellt, was sie gerne machen würde. Am liebsten sei es ihr allerdings, die komplette Schulung durchzuführen. Krass.
Derzeit schleppe ich fast immer Kollegen mit, die es eigentlich lernen und mir Schulungen abnehmen sollten. Ihr Fazit ist in der Regel: „Das schaffe ich nie. Da kommen ja soooo viele Fragen! Ich bin mir viel zu unsicher. Allein will ich so eine Schulung nie machen!“ Und dabei rede ich von Kollegen, die inhaltlich Ahnung von der Materie haben (sollten). Dagegen steht dieses junge Püppi vor mir und erzählt von einem Start-up-Unternehmen, wo sie zuletzt ihr Praktikum absolviert hätte. Sie kann nicht das fachliche Wissen vorweisen, das es vielleicht bräuchte, aber ich traue ihr erstaunlicherweise zu, dass sie Schulungen und Workshops souverän durchführen könnte. Vor allem aber erstaunt mich wieder einmal, wie selbstvertständlich so ein junger Mensch so ein Thema anspricht und für sich etwas einfordert. Das macht sie mit gutem Geschick und kein bisschen wie ihr ach so cooler BWL-Kollege. Es ist abolut nicht anmaßend, sondern etwas, das sie einfach und höflich anspricht. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich wir Menschen sind, oder?

Da ich für heute mein Karma-Konto genug befüllt habe, gönne ich mir einen chilligen Resttag. Ich werde gleich was kochen und dann später eventuell – aus reiner Renitenz heraus – einen Likör trinken. Es sind die kleinen Revolutionen, die mir Spaß machen. Ein Che Guevara wird aus mir wohl keiner mehr werden, aber vielleicht schaue ich mir ein bisschen was von der Praktikantin ab? Einfach mal schauen, was mir eigentlich Spaß machen würde und das dann auch klar durchziehen…statt immer auf dem Appell-Ohr zu hören und Dinge zu machen, von denen ich denke, sie würden andere glücklich machen. Also: Hoch die Tassen…und frohe Ostern Euch!

von allem ein bisschen

Manchmal fühlt sich das Leben schon ein bisschen so an wie „und täglich grüßt das Murmeltier“, oder? Wobei ich dann ja immer diesem WDR4-Hörschaden meiner Mom danke, da ein kleiner Teil meines kleinen Hirns für mich eher innerlich ein „Ich glaub´, es geht schon wieder los…das darf doch wohl nicht wahr sein…“ von Roland Kaiser schmettert. Ja, in meinem Leben ist viel Musik. Zu fast jedem Wort oder einer Redewendung fällt mir dann auch ein Lied ein. So habe ich gestern noch bei einem Skype-Termin einem Kollegen eröffnet: „Du siehst ja voll wie Mark Forster aus!“ Er trug eine nahezu identische Brille und so eine Kappe. Er winkt direkt ab. Aber hey, ich wäre nicht ich, wenn ich nicht dranbliebe, oder? Er sagt also was, während ich leise lossinge: „Ich bin weg o – o – o – o au revoir.“ Niemand hat behauptet, dass es anderen mit mir immer Spaß machen muss. Nachher frage ich ihn dann aber doch noch, auf welche Musik er denn so stehe? Na, schon eher auf Metal. Na, geht doch! Ich mache die Pommesgabel und rufe den Wacken-Schlachtruf: „Leck´ das Huhn!“ Und da strahlt der Gute dann doch noch. Ich kann eben nicht nur WDR4 von vor vierzig Jahren. Man, bin ich ein Allrounder.

Gestern war so ein komischer Tag. Auf der einen Seite hatte ich mein Mitarbeitergespräch. Ein leichtes Magengrummeln kann ich da nicht verleugnen. Nicht, weil ich Angst habe, was ich zu hören bekommen. Es geht vielmehr darum, dass ich befürchte, was ich alles sagen werde. Ein lieber Kollege ist vor mir dran, und wir frötzeln schon im Vorfeld. Er kommt erst nach anderthalb Stunden von dem geplanten einstündigen Termin zurück. Das Gespräch ist ihm am Heck vorbeigegangen, war aber alles in allem wohl ok. Es ist einfach so unwichtig. Ich mag ergiebige Gespräche, von denen man was mitnehmen kann. Darauf wartet man bei uns leider vergeblich. Nur ist es natürlich nicht gerade der Brüller, wenn wir alle in dieser Du-kannst-mich-mal-Schleife stecken. Da ziehen wir uns vermutlich noch gegenseitig zusätzlich runter. Die Fragen, die wir vorab erhalten, sind identisch und so gewollt. Es braucht ein paar Vorgaben, das weiß ich. Es ist nur so müßig, wenn Du weißt, wie völlig scheißegal es ist, ob Du was sagst und was Du sagst. Wir machen weiter, wie bislang. Nichts ändert sich, aber wir geben uns den Anstrich, als sei uns offene Kommunikation sooooo unendlich wichtig. Ach, ich brauche diese Alibi-Veranstaltungen nicht.
Als ich dran bin, kommt der obligatorische Satz meiner Chefin, den wir alle nur noch belächeln: „Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst.“ Als wäre das eine freiwillige Sache und als müsste ich irgendwo von der Front abgezogen werden, um mir diesen Termin hier richtig rauszuschwitzen. Egal. Sie beginnt mit dem Blatt, auf dem die Fragen stehen, zu denen wir uns im Vorfeld Gedanken machen sollten. Ich stelle gleich klar, wie wenig authentisch diese Gespräche dadurch seien. Wie die letzten Monate denn so für mich gewesen seien? Planlos, strukturlos, chaotisch, blinder Aktionismus, Blindleistung. Dem stimmt sie sogar zu, aber so sei es nun mal derzeit. Ah ja. Wie konnte ich in Herrgottsnamen nur meine Motivation verlieren??? Is ja ´n Ding, Donnerknispel noch eins. Meine Chefin sei seeeeeehr zufrieden mit mir. Ich erhalte auch noch ein Incentive (von dem ich nicht weiß, wie das aussehen wird), weil ich ja so überdurchschnittlich in allem Engagement erkennen ließe und meine Ergebnisse immer suuuuuper wären. Die sollte mich mal erleben, wie ich arbeite, wenn ich richtig Bock darauf habe! Ich bedanke mich auch artig und weiß, ich sollte mich freuen. Es fühlt sich dennoch alles falsch an. Vor allem schätze meine Chefin meine Leidenschaft, mit der ich an Dinge herangehe. Ich zucke mit den Schultern und räume ein: „Ich weiß schon, dass das nicht immer einfach ist mit jemandem wie mir.“ Sie reißt überrascht die Augen auf – wieso das denn? Ich würde die Dinge klar ansprechen, wäre immer voll dabei und würde mich nie wegducken. Und ich würde nicht nur Missstände ansprechen, sondern auch Lösungen anbieten. Genau das braucht´s. Aha… Für mich ist es dennoch anstrengend und aufreibend, weil die Lösungen ja doch nicht umgesetzt werden. Naja…unterm Strich bin ich ein fleißiges Bienchen und ein Gewinn – da sollte ich eventuell glücklich drüber sein. Im Gefühl kommt´s nur leider so gar nicht an.

Auf der anderen Seite treffe ich dann meinen ehemaligen Chef, der aussieht wie ein Schluck Wasser in der Kurve – und nicht wie ein Mann, der gerade ein Haus am Gardasee geschossen hat. Ich frage ihn, was denn los sei? Und da steht dieser 62-jährige Mann vor mir mit schwimmenden Augen. Seine Mutter sei letzte Woche verstorben. Und auch wenn er wüsste, dass es rational das Beste für sie gewesen sei, sie ihr Leben gelebt habe und nur noch schwerstdement war, so würde es dennoch weh tun. Eine Mutter bleibt immer eine Mutter, schätze ich. Und so kann ich dann nicht anders und nehme ihn in den Arm. So was geht mir schon ans Herz – egal, wie alt seine Mutter gewesen ist. Wir sind eben unterm Strich alle auch die Kinder von irgendwem. Und in seinem Fall war seine Mutter wohl auch eine ganz tolle Mutti. Er lässt ein paar Tränen rollen. Ich frage mich im Nachgang, wieso wir für solche Gespräche so selten Zeit erübrigen können? Ständig werden wir von A nach B gehetzt, obwohl unser Job echt keine große Bedeutung hat. Das Menschliche hingegen, also das, was es wirklich ausmacht, fällt ständig hintenüber. So arbeite und lebe ich nicht gerne.

Zusätzlich bangt meine Freundin den gestrigen Tag lang um ihre Mutter, die operiert werden soll. Auch diese ist schon recht alt und vor allem sehr krank. Wer noch nie in der Situation war, kann sich das auch nicht vorstellen: Du begleitest diesen Menschen und weißt nicht, was Du ihm/ihr eigentlich wünschen sollst? Wünschst Du der Person, dass sie gehen darf oder dass sie bleiben soll? Denn keiner weiß, wie erfolgreich so eine OP ist. Das Warten und Bangen ist für die Angehörigen das Schlimmste. Ich erinnere mich noch zu gut an diese Zeit vor 23 Jahren – wie es war, auf das OP-Ende zu warten. Nicht zu wissen, was gelingt und was nicht…was nachher „übrigbleibt“ und was nicht. Zu beten und zu hoffen, ohne das ganze Ausmaß wirklich zu umreißen. Nach so einer Aktion ist man fertig wie ein Brötchen und fühlt sich, als wäre man stundenlang von einem Rasenmäher überfahren worden. Wenn ich daran denke, bin ich sofort wieder in dem Gefühl von damals…und denke rückblickend manches Mal, wie ich das gewuppt habe? Zuhause habe ich nur geschlafen und geweint, weil ich mir das am Bett neben meiner im Koma liegenden Mom immer verboten habe. Gott, ist das schon lange her, dann doch so präsent und wiederum wie aus einer anderen Welt. Ich sag´ ja: Wer so was nie erlebt hat, dem kann man so ein Gefühl nur schwer beschreiben.

Und dann gibt es auf der anderen Seite meine liebe Kollegin, die auf den Antrag ihres Schatzes wartet. Er hat angekündigt, sie fragen zu wollen. Gut, das wäre nichts, was ich so haben wollen würde, aber jede(r) ist anders. Sie hat sich auch schon den passenden Ring ausgesucht, der ihm allerdings zu teuer sei. Doch der sei genau jetzt im Angebot und somit 20 Prozent günstiger – was sie ihm natürlich auch mitteilt. Das lässt mich grinsen. Wie gesagt: Nicht meine Welt. Ich würde überrascht werden wollen, würde dem Geschmack meines Zukünftigen vertrauen wollen, weiß aber auch um die vielen Kerle, die damit heillos überfordert sind. Ich freue mich für sie, wenn ihr Wunsch in Erfüllung geht, denn sie passen wirklich gut zueinander.
Und ich? Brauche das mit dem Heiraten nicht mehr. Ich schaue mich um und bemerke einmal mehr, wie nah Freud und Leid beieinanderliegen. Jede(r) darf seinen/ihren eigenen Weg gehen und herausfinden, was ihn/sie glücklich macht. Ich merke wieder einmal, wie wichtig Freunde für mich sind, die meine Höhen und Tiefen mit mir teilen. Alles geht nicht…aber vieles eben schon. 🙂