Seite 2 von 23

Sentimental und dankbar

Den gestrigen Abend vertelefoniere ich noch. Unter anderem rufe ich eine Tante mütterlicherseits an. Geprägt wurden wir ganz klar von der väterlichen Familienseite. Den Kontakt zur „weiteren Familie“, habe ich auf ein Minimum reduziert – ganz einfach, weil sie mir nicht gut tut. Wir verfügen über eine große Familie, die sich gern sozial schimpft, es aber nicht ist. Es gibt genau eine Meinung – und die gilt es zu akzeptieren und zu leben. Wer daraus ausbricht, ist raus. Das stinkt mir mittlerweile gewaltig. Jahrzehntelang war ich zwar mittendrin, aber doch nie so richtig zugehörig, weil ich wohl schon früh anders war. Dabei wollte ich das nicht. Ich wollte lieber wie die anderen sein. Es ist ganz schön schwer, sich abzustrampeln, aber nie ans Ziel zu kommen. Es gibt gewisse Voraussetzungen, die ich nie erfüllen konnte: Ich bin kein Junge geworden (juchuuuuuuu), ich bin „nur“ das Kind eines Bruders. Damit sinke ich im Kastensystem von vornherein herab. Wenn schon Mädchen und nur von einem Bruder der Sippe (Ihr bemerkt schon die krude, sehr eigenwillige Logik?), dann aber brav, bescheiden, dem Mann Untertan und Hausfrau. Ich wollte aber immer schon alles allein schaffen. Ich hatte als Kind nie Angst und bin auf Menschen zugegangen. Das hat gereicht, um den Stempel „nicht angepasst“ zu erhalten. Dabei habe ich keinem einzigen meiner Verwandten je etwas getan. Und obwohl ich das „schlechte Beispiel“ war, habe ich stets versucht, ihnen zu gefallen… krank.

Das war bei der Schwester meiner Mutter anders. Sie hatte immer Spaß an und mit mir. Und ich fand’s toll, wenn sie sich vor lauter Lachen auf die Treppe setzen musste. Wenn sie meinen kleinen Neffen sieht, sagt sie immer, der sei wie ich und hat dabei Tränen in den Augen. Das ist das Erbgut ihres Vaters. Mein Opa hatte nämlich beim Lachen auch immer sofort Tränen in den Augen. Bis ich zehn wurde, hatte er das immer, wenn wir uns gesehen haben. Doch dann starb er leider… und mit ihm irgendwie auch die Leichtigkeit in der Familie. Aber genau an diese Erinnerungen rührt meine Tante während des Telefonats. Es ist bittersüß und macht mich etwas schwermütig. So schön leicht und unbeschwert wie mit meinem Opa wurde es nie mehr. Für ihn war ich uneingeschränkt toll – und er für mich. Was für ein Geschenk!

Das Schöne an meiner Tante: Sie und mein Onkel genießen ihr Leben. Sie sind nicht reich, aber zufrieden. Meine Tante hat sich im letzten Jahr eine Autoimmunerkrankung zugezogen, die sie sehr einschränkt. Was tut sie? Jammern? Zetern? Nein, sie spielen abends Karten, um ihre Konzentration und Denkfähigkeit zu trainieren. Es ist nicht alles einfach, aber sie machen das Beste draus. Von meinen Eltern höre ich immer nur, wie schlecht alles ist, wer alles krank ist und was alles schief läuft. Das macht mich erst recht schwermütig. Ich verstehe nicht, wieso sich manche Menschen das Leben noch schwerer machen müssen, als es schon ist? Da hat auch keiner mehr Lust, noch nachzufragen. Nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Zeiten, in denen man auch mal jammern darf. Nur sollte es nicht zur Lebenseinstellung werden. Denn sonst vergrault man alle guten Sachen, die auch am Wegesrand liegen.

Mit Kopfschmerzen schlafe ich bei schwülem Wetter ein. Immerhin wache ich frisch wieder auf. Und so gehe ich beschwingt zum Frühstück. Es sitzt nur ein einziger Herr noch im Raum, der aber kurze Zeit später geht. Und da kommt auch schon die Bedienung angelaufen und fragt: „Sie riechen immer so gut! Und der Mann ist jetzt weg, vorher habe ich mich nicht getraut. Aber, bitte, was ist das für ein Parfum? Das ist mir letztes Mal schon aufgefallen. Nur habe ich Sie da nie allein erwischt.“ Ist doch toll, wenn ein Morgen so beginnt. Ich sage ihr, dass das doch kein Problem sei und man jederzeit nach so was fragen könne. Überhaupt ist nix peinlich, wobei: „Ich würde vermutlich nicht fragen, wo sich eine Frau ihre Möpse hat machen lassen. Aber wer so was macht, hat wahrscheinlich damit auch nicht mal ein Problem.“ Sie lacht und fachsimpelt mit mir, welches Parfum lecker ist und welches nicht. Später berichtet sie dann auch, Corona gehabt und vor möglichen Spätfolgen Angst zu haben. Soviel zu den Corona-Leugnern…

Der Workshop verläuft entspannt. Es ist schade, dass es nun in der Konstellation endet, aber es war schon toll, Teil des Ganzen gewesen zu sein. Bei einer Aufgabe haut der Hellboy auch wieder einen raus: „Wie soll ich mit Adlern fliegen, wenn ich mit Truthähnen arbeiten muss?“ Mei, Ausreden haben manche ja immer. Ein anderer erzählt beim Mittagessen grinsend, er mache sich langsam Sorgen, zu viel zu arbeiten. Den Urlaub habe er ja jetzt auch um zwei Tage verschoben. Seine 15 Monate alte Tochter würde verstörenderweise immer den Handwerker stürmisch umarmen, der seit sechs Monaten im Haus rumwerkelt. Wir haben es geklärt: Vor der Geburt kannten sie ihn noch nicht. Und da die Kleine die Ungeduld und den Sturkopf vom Vater hat, wird auch kein Vaterschaftstest notwendig sein. 😋

Wir frötzeln noch weiter, bis es dann zum Abschied kommt. Der Trainer macht, was er sonst noch nie gemacht hat: Er schenkt jedem von uns eine Flasche von seinem Lieblingswein und hofft, wir erinnern uns beim Trinken desselben an ihn und die tolle Zeit. Wir haben etwas für ihn schweißen und gravieren lassen, was normalerweise auch nie bei externen Trainern gemacht wird. Und ich habe noch ein Gedicht verfasst und trage es kurz vor. Das hat er in all seinen Jahren auch noch nie erlebt. Und meine liebe Kollegin verdrückt ein paar Tränchen. Damit habe ich wiederum nicht gerechnet.

Das sind solche Tage, von denen ich zehre. Ja, es ist drückend heiß und schwül. Ja, ich arbeite wieder einmal länger, als es normal ist. Und ja, ich bin müde und echt platt. Aber vor allem bin ich dankbar und zufrieden. Davon darf es gern mehr geben. Auf all die guten Seelen, die einem auf dem Lebensweg begegnen und alles etwas strahlender machen.

Nicht alles, was knurrt, ist ein Hund

Heute muss ich noch vor dem Wecken raus. Um fünf Uhr muss ich meinen müden Kadaver über die Bettkante schwingen, denn um sechs will ich los. Heute geht es nämlich wieder zu meinen Kollegen nach Straubing. Vor Corona wäre ich sonntags angereist. Das darf ich allerdings derzeit nicht. Daher starten wir für gewöhnlich dienstags, damit ich montags mittags in München Schluss machen kann, um mich auf den Weg zu machen. Heute geht es aber nicht anders. Ein Kollege verschiebt extra seinen Urlaub, um heute und morgen zu ermöglichen. Daher starte ich also in aller Herrgottsfrüh. Und soll ich Euch was sagen? Es ist für mich völlig fein, weil es so einen Spaß mit den Leuten hier macht.

Die ersten 15 Minuten der Autofahrt sind mit blauem Himmel und Sonnenschein ausgestattet. Ja, auch schon morgens um sechs Uhr. Aber dann zieht eine Suppe auf, dass ich sofort an Herbst denken muss. Ich weiß, dass viele jetzt schon das Gesicht verziehen, aber mich freut’s riesig, an den Herbst zu denken. Die Suppe zieht sich hin, weshalb an richtig schnelles Fahren nicht zu denken ist. Das ist auch gut so, weil ich mit meiner alten Möhre unterwegs bin. Stellt Euch vor, ich hätte jetzt den AMG von letztem Jahr oder den BMW vom vorletzten Mal als Mietwagen unterm Hintern und wäre dann mit so einer Sicht unterwegs. Da hätte ich mich ja schwarz geärgert. So 120 km/h passen genau richtig – mein Auto dankt’s mir. Es ist immer noch neblig, als ich ankomme, was mich zweifeln lässt, ob es richtig war, nur offene Schuhe einzupacken? Es war aber heiß gemeldet! Über Tag klart es dann auch auf, so dass ich nicht ernsthaft frösteln muss. Sonst hätte ich andererseits einen Grund fürs Schuhe Kaufen gehabt. Wobei… brauchen wir Frauen einen Grund dazu? Da fällt mir ein, dass Antenne Bayern nach Rekorden im eigenen Bundesland sucht. Spitzenreiterin war eine Frau mit 3.500 Paar Schuhen. Da lehne ich mich doch entspannt zurück und denke mir, wie viel Luft ich da noch nach oben habe. Der Herr – oder woas de Deifi wer – sei gepriesen!

Auf meine übliche Begrüßung hin, grinst die eine Kollegin schon: „Schön, noch mal mit einem Strahlen begrüßt zu werden!“ Es ist wohl so, dass man mir immer meine Freude ansehen kann, wenn ich hier bin. Unser kleiner Hellboy lädt mich dann sogar zu sich nach Hause ein, was ich aber dankend ablehne. Er hat drei große Hunde, die springen, und zwei Katzen. Mindestens Letztere sorgen dafür, dass ich ablehne, weil ich ja allergisch reagiere. Als die Kollegin die Tiere aufzählt, ergänzt er aber noch: „Vier Hund, bittschee!“ „Woas? Sans mehra woadn?“ Er grinst schelmisch: „Na. Oba mei Frau knuat a – wenn’s a net springa doat.“ Ihr müsstet es hören, es ist echt zum Niederknien. Meinen Heiratsantrag bescheidet er abschlägig – leider. Auch Betteln und Jammern hilft nix. Er bietet mir allerdings im Gegenzug seine Frau an. Da sag ich allerdings „nein“ – ohne sie zu kennen. Wir haben einfach immer Spaß wie die Kinder, wenn wir zusammen sind – auch wenn ich beim ersten Anlauf nicht immer alles verstehe. Aber ich liiiiiiiebe diese Dialekte hier.

Heute und morgen ist der Abschluss unserer Fortbildung. Ich komme bereits nächste Woche wieder her, aber da bin ich dann die Trainerin und der Teilnehmerkreis ein anderer. Und das ist schon schade. Der Hellboy nimmt mich in einer Pause beiseite und fragt mich, wie es mir denn gehe, also mal ohne Scherz. Ich beruhige ihn, nicht befristet angestellt zu sein, was ihn wieder sehr freut – so, wie vorletzte Woche den anderen Kollegen von hier. Sie sind mir alle echt ans Herz gewachsen – so unterschiedlich sie auch sind.

Die Jüngste im Bunde ist so eine richtig harte Braut. Doch wenn man mal genauer hinschaut, bröckelt die Fassade. Sie arbeitet Vollzeit in einer Männerdomäne, aber unterstützt ihre Eltern noch zusätzlich bei der Landwirtschaft. Vater und Mutter streiten nur noch. Ihre älteren Schwestern sind schon weg. Sie würde auch gern (mit 27 Jahren auch nachvollziehbar). Doch ihre Mutter packt es nicht allein. Sie müssten vor allem die Tiere abschaffen. Doch da streikt die Mutter und sagt, sie fahre gegen einen Baum, wenn das Vieh abgeschafft würde. Oh man! Immer diese Erpressung. Ich erzähle ihr, wie es mir ergangen ist und frage sie, ob sie auch warten wolle, bis sie krank werde? Ihr ist auch bewusst, dass ihre Fernbeziehung auf der Kippe steht. Und dann stelle ich die böse Frage, wer denn der wichtigste Mensch in ihrem Leben sei? Mmmh, da könne sie sich nicht entscheiden: Ihre Mama oder ihr Partner. Ich sage ihr, dass beides falsch sei. Sie sollte doch wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Resigniert schaut sie mich an: „Eigentlich hast Du recht!“ Uneigentlich auch…

Wieso denken viele, andere seien wichtiger als sie selbst es sind? Habe ich auch ewig gedacht. Wieso erpressen Eltern ihre Kinder so oft und pressen sie ins gleiche Korsett, in dem sie sich schon unwohl fühlen? Habe ich auch so erlebt. Wieso wiegt das doofe, schlechte Gewissen so viel? Meins ist noch mit Hinkelsteinen beschwert, die nicht mal Obelix bewegen könnte. Wie war das mit der Fernbedienung? Ich würde sie gerade gern meiner Kollegin schenken. Aber das ist wohl ein Lernprozess, den viele von uns durchlaufen müssen – so sie denn wollen. Es ist eben nicht immer so einfach… Und doch immer wieder schön. Außer morgen, da sollen es nämlich über 30 Grad werden. Aber wer weiß? Vielleicht zieht noch mal Nebel auf? I daat mi g’frein.

Fernbedienung fürs Leben

Gestern verfasse ich den ersten Entwurf für die E-Mail ans Institut. Die liebe Mitschülerin fragt noch, ob wir den Unruhestifter erwähnen und sagen, dass er ja auch weniger Kohle zahlen würde. Doch wir entscheiden uns auf meine Empfehlung hin anders. Und so schicke ich dann heute Morgen die Mail auf die Reise. Ich bin gespannt, was nun passiert. Warum ist es nur so schwierig, diese Fortbildung als das zu sehen, was sie ist: Eine Dienstleistung. Damit habe ich immer wieder so meine Herausforderungen. Erst, wenn ich es lange genug durchgekaut habe, kann ich das nüchtern betrachten. Dann fällt mir das Verfassen so einer Nachricht auch recht leicht. Meine Mitschülerin meinte nur trocken: „Gut, dass Du das so sachlich schreiben kannst. Ich wäre nur emotional und würde es in vorwurfsvollen Ton vorbringen.“ Habe ich auch schon oft gemacht. Es hat nur nie zum Ziel geführt. Ach, manches ist am Älterwerden doch auch schön, oder? Lerneffekte – und die Gewissheit, bestimmt wieder neue Fehler zu machen und das auch zu dürfen.

Es gibt Theorien, die besagen, dass man sich alles, was man sich wünscht, nur vor dem eigenen Auge visualisieren muss, damit diese Wünsche wahr werden. Wenn Ihr vorübergehend also mal nichts von mir hört, habe ich den Bulli bei Pro7 gewonnen, den Euro Jackpot geknackt und suche nach dem richtigen Fleckchen, wo ich dann ein Häuschen ans Meer setzen kann. Ich nehme all das in allen Farben und mit allen Gerüchen für mich wahr. Nur will es noch nicht ganz gelingen. Was mache ich also falsch? Spaß beiseite, ich denke ernsthaft, dass der Glaube Berge versetzen kann. Aber er heilt eben auch nicht alles. Und er macht nicht finanziell superreich. Müsste ich auch gar nicht sein. Ich träume nicht von etlichen Milliönchen. Es ist eher die vermeintliche Sicherheit, die ich so gerne hätte, glaube ich. Zeiten, wie diese, schaffen eben Unsicherheit. Und die ist eine dumme Nuss, weil sie auch so lähmend sein kann. Dabei geht es schon immer irgendwie weiter. Rational weiß ich das ja. Ach, ist nicht immer so einfach, erwachsen zu sein. Da würde ich schon gerne mal mehr von Pippi Langstrumpfs Grundvertrauen haben. Einfach ausprobieren und schauen, was wird.

Allgemein merke ich aber, wie die Unruhe steigt. Ihr auch? Wir Menschen sind schon zäh und gewöhnen uns an vieles. Nur immer häufiger höre ich von Parties, von Angriffen auf die Polizei, von Wut. Und das macht mich immer wieder aufs Neue fassungslos. Jeder geht wohl anders mit seiner eigenen Unsicherheit um. Warum aber andere darunter leiden müssen, entzieht sich meinem Verständnis. Was kann ein Polizist dafür, wenn er seine Arbeit verrichtet? Es trifft die Falschen – wie fast immer. Die Lösung habe ich allerdings auch noch nicht gefunden.

Apropos Lösungen: Die fehlen mir zu den unterschiedlichsten Zeiten. Richtig cool wäre eine Fernbedienung fürs Leben, oder? Stellt Euch das mal vor! (Wie war das noch mit dem Visualisieren?) Immer, wenn es richig blöde wird, ändert man kurzerhand das Programm. Statt in einem schlechten Film zu verharren, landet man auf einem anderen Sender. Die Idee hat was. Da hätte ich als Kind vermutlich schon oft umgeschaltet, wenn es hieß, ich müsse das Zimmer aufräumen. Oder wenn ich sonntags zur Messe musste. Puh, war das anstrengend! Als Messdienerin und Lektorin hatte ich dann später das Glück, was zu tun zu haben. Einfach schnöde in der Bank zu sitzen und dem immer gleichen Sermon da vorne zuzuhören, hat mich manches Mal wegnicken lassen. Allerdings nur solange, bis meine Schwester mich gekniffen hat. Gut, sie hatte den Auftrag, mich wachzuhalten. Trotzdem tat das echt fies weh. Mit einer Fernbedienung hätte ich mich dann kurzerhand in einen anderen Film beamen können. Hätte nicht so weh getan und auch keine blauen Flecken hinterlassen.

Da fällt mir ein: Ich habe mich für dieses Kneifen nie revanchiert. Es geschah zwar auch im Auftrag meiner Mutter, aber trotzdem. Mmmh, wenn ich so darüber nachdenke: Falls meine Sis das hier liest, wird sie mir wohl den Vogel zeigen. Ich habe sie nämlich schon auch gepestet. Nur prügeln konnte ich mich nie mit ihr. Sie wusste wohl instinktiv, dass sie – obwohl sie drei Jahre älter ist – keine Chance gehabt hätte. Aber ich habe andere Wege gefunden, sie hops zu nehmen – selbstverständlich nie im Auftrag meiner Mutter. So habe ich beispielsweise Kotzgeräusche gemacht und diese auf Kassette aufgenommen. Um es echter zu gestalten, habe ich dabei Wasser in die Toilette gekippt. Ach, war das noch cool, als es Kassettenrekorder mit Aufnahmetaste gab. Mei, war ich kreativ, was? Und eklig, aber ich betrachte vorzugsweise nur die positiven Aspekte. Später habe ich heimlich ihre Klamotten stibizt, was sie mir nie erlaubt hätte. Und zu Altweiber (Karnevalsdonnerstag) habe ich ihren Schwarm geküsst. Zu dem Zeitpunkt war sie allerdings nicht mehr in ihn verliebt und bereits mit meinem heutigen Schwager zusammen. Aber gefuchst hat es sie dennoch. Dabei habe ich pragmatisch gedacht: Eine von uns sollte diese 10 wenigstens mal geküsst haben. Das habe ich dann kurzerhand einfach mal übernommen. Wenn ich so darüber nachdenke, hätte meine Sis wohl auch manchmal gerne eine Fernbedienung gehabt, schätze ich.

Wenn ich so an den Heinz denke, über den ich lange nicht berichtet habe, wäre so eine Fernbedienung allerdings auch ein Segen. Andererseits hätte ich dann weit weniger, worüber ich mich aufregen könnte. Und das brauche ich wohl, wie die Luft zum Atmen. Mal kurz den Puls in die Höhe treiben, dann wieder runterpflücken, und alles ist schikko. Außerdem: Worüber sollte ich dann hier schreiben? Das Ärgern gehört für mich irgendwie zum Leben dazu, quasi wie das Salz in der Suppe. Und ich salze alles Mögliche ordentlich nach. Ist ungesund? Na und? Schmeckt mir aber…wie mein Leben. In diesem Sinne wünsche ich Euch guten Appetit aufs/im/beim Leben!

mehr bei mir

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die, die sich immer und um alles kümmern und die, die immer konsumieren. Wobei Letzere sich seltener ärgern und auch immer gut ins Ziel kommen. Kennt Ihr auch, oder? Es gibt sie in allen Systemen: Da könnt Ihr in der Familie schauen, aber auch in der Firma, im Verein und einfach überall. Naja, zu welcher Gruppe ich gehöre, ist wohl kaum eine Überraschung. Ich meine ja immer und ständig, ich müsse mich kümmern. Und ja, es kommt durchaus bestimmt vor, dass ich mich kümmern will und der andere erwartet das gar nicht…oder will es manchmal auch gar nicht. Doch in der Regel finden das viele schon schön, wenn sich einer kümmert. Aber ganz ehrlich? Ich genieße das durchaus auch mal, wenn ich mich mal nicht kümmern muss. Es kommt nur so selten vor. Warum? Vermutlich, weil ich nicht so lange warten kann, bis es mal jemand anderen nervt, der sich dann kümmert.

Bei unserer Fortbildung ist das auch nicht anders. Diese Macher-Menschen kristallisieren sich meist direkt zu Beginn heraus. Man kann sie anhand ihrer Fragen leicht identifizieren. Die andere Gruppe, die deutlich größer ist, erkennt man nicht immer sofort. Und es gibt auch hier noch Abstufungen. Es gibt die, die einfach nehmen, ohne auch nur danke zu sagen. Die triggern mich besonders. Früher hätte ich mich schwarz geärgert. Heute denke ich: „Ok, mein Fehler, dass ich das gerade so bedient habe. Kommt nicht mehr vor, versprochen.“ Dann merke ich mir nämlich ganz genau, wer das war. Und wenn wieder diese Fragen durch die Hintertür kommen, stelle ich mich auch mal blöd. Welche Fragen? Zum Beispiel: „Ah, da sollte aber schon mal einer von uns nachfragen, oder?“ Früher hätte ich das ausschließlich auf dem Appellohr angenommen und den Auftrag ausgeführt. Das Perfide hierbei: Es muss ja niemand dankbar sein, weil niemand einen klaren Auftrag erteilt hat.

Aufgrund von Corona, findet unser großer Kurs nicht mehr im Präsenzunterricht statt. Schon blöd. Es war interessant, weil wir unterschiedliche Charaktere waren, die aber doch im Großen und Ganzen passen. Also kommen immer wieder Stimmen auf, die sagen, wie schade das doch sei. Und wir müssten uns doch mal treffen. Ja, auch hier wurde kein Auftrag erteilt. Da ich aber Bock drauf hatte, habe ich einfach gestern mal nachgefragt, ob wir uns nicht nächsten Freitag alternativ zur Veranstaltung sonst einmal wieder live treffen wollen. Ja, manche können nicht und sind schon in Urlaub. Ist ja auch nicht wild. Dann denke ich noch: Wo können wir uns denn treffen, dass alle mit den Öffis leicht hinkommen können? Und das schlage ich auch vor – nachdem ich es in kleiner Runde vorher habe abklären lassen. Passt in kleiner Runde. Perfekt. Dann antworten schon die Ersten, dass das schön sei, nur damit dann eine aus der kleinen Runde plötzlich fragt, ob wir das nicht örtlich mehr zu uns hin verlagern wollen? Da kämen ja auch einige her. Na, besser als an eine U-Bahn-, Tram- und Bushaltestelle können wir es kaum schaffen, oder? Und schon haben wir den Salat, dass manche es so nah vor der Haustür natürlich toll finden, andere es aber nicht erreichen können, da keine Bahn direkt um die Ecke hält. In solchen Momenten zweifel´ ich ja schon am Verstand einiger.

Irgendwann wird das Dilemma dann aber für jeden Deppen augenscheinlich, weshalb ich die Diskussion damit beende, dass ich ihnen mitteile, wann und auf welchen Namen der Tisch reserviert sei. Dann kommt von einem die Frage, ob das eigentlich mit Familie sei? Hääää? Wieso Familie? Ich kenne hier niemandes Familie – außer seit gestern den brasilianischen, sympathischen Mann von einer Mitschülerin. Die klare Antwort: „Ohne“, die von zwei Seiten kommt. Die Antwort von ihm ist hingegen auch klasse: „Zu spät, ich habe schon gefragt. Meine Frau kommt mit. Ich finde, das sollte man auch nicht so restriktiv sehen.“ Da fasse ich mir ans Hirn. Warum frage ich, wenn ich mir meine Antwort längst schon gegeben habe? Ich puller´ doch auch nicht zuerst und frage dann: „Ach, ist das hier eigentlich ein Klo?“ Egal. Bringt er eben seine Else mit. Aber wenn die Else mitkommt, ist sein Junior auch allein, was nicht geht, weshalb er auch mit von der Partie ist. Von mir aus fragen sie noch Eltern und Schwiegereltern – vielleicht ist einer von denen ja interessanter als er selbst? Dann würde es sich zumindest lohnen.

Bis hierhin finde ich es wieder typisch, aber noch durchaus amüsant. Wer nun letztlich kommt, ist doch egal. Und es hat mich ein paar What´s Apps gekostet und einen Anruf. Das verschmerze ich und mache es im vollen Bewusstsein. Dann ärgert es mich auch nicht so. Bedankt haben sich genau zwei, was meine Statistik auch wieder bestätigt. Doch im nächsten Schritt streike ich. Es geht mal wieder um das leidige Thema, ob wir eigentlich Gebühren zurückbekommen. Immerhin haben wir keinen Onlinekurs gebucht. Das heißt, wir haben die Hälfte der Zeit Webinar gehabt (bzw. haben es noch). Webinare sind, wie wir am Vorbereitungskurs direkt erkennen können, ca. 30 % günstiger. Die Räume werden hierfür nicht benötigt, die Fragen sind in der Regel wohl weniger, weshalb es kürzer ist, der Trainer hat keine Reisegebühren. Wenn das nun so ist (und diese Zahlen liegen schwarz auf weiß aus), dann ist die Frage: Bekommen wir nun von unserem zweiten Halbjahr ein Drittel der Kosten erstattet? Ihr glaubt doch wohl nicht, dass die aktiv auf uns zukommen. Hier habe ich meine moralischen Werte mal wieder zu hoch gehängt, denn ich fänd das nur normal und würde so etwas auch proaktiv angehen. Aber das Institut hüllt sich in Schweigen. Die Vogel-Strauß-Taktik hat durchaus ihre Vorteile.

Einer der beiden Herren legt ja immer gerne Feuerchen und teilt uns mit, dass er weniger zahlen müsse und einen Deal eingegangen sei. Allerdings dürfte er nicht sagen, wie hoch dieser Nachlass sei. So was mag ich ja. Das ist das Schema, mit dem ich in meiner Großfamilie aufgewachsen bin: „Ich weiß da was, aber Du darfst es keinem sagen!“ Das ist so saudämlich! Entweder, ich nenne Ross und Reiter oder ich halte komplett den Mund. Ich bin ein bekennender Anhänger von Transparenz.

Meine Überlegung ist ja immer eher eine zurückhaltende, wohlwollende. (Ich sehe schon, wie manche von Euch jetzt zu grinsen anfangen und ironisch sagen: „Genauso…is klar!“ Aber es entspricht den Tatsachen!) Ich denke in der Tat: Es ist ja toll, wie schnell sie auf Webinare umgestellt haben, als das mit Corona losging. Das war ja mal Flexibilität! Ääääh, hätten sie das nicht getan, hätten sie gar keine Kohle erwirtschaftet, oder? Aber ich bin erstmal dankbar. Und dann denke ich: Die Armen müssen ja nach wie vor die Miete des Gebäudes latzen. Da kann ich ja nicht noch Kohle von denen zurückfordern. Ääääh, ich muss meine Miete mit Kurzarbeitgeld auch bezahlen und muss für mich schauen. Außerdem finden wieder einige Kurse statt, wofür sie jetzt die größeren Räume benötigen, der für uns vorgesehen war. Kann ich dafür, dass sie die Kursgröße so ausweiten, nur um noch mehr Kohle zu machen? Nö. Der nächste Gedanke: Wenn ich jetzt was sage, sind sie bestimmt in den weiteren Kursen böse zu mir. Häää? Warum sollten sie so unprofessionell sein? Sie bekommen weiterhin Geld von mir – nur angepasster auf die Leistung.

Und so kann ich mir Argument für Argument selbst zerpflücken und weiß, dass ich mich schlichtweg einfach nur drücke. Dabei muss ich selbst zusehen, meine Kosten stemmen zu können. Und bei Webinaren, wie dem gestrigen, das Nullkommanull prüfungsrelevant ist, sondern letztlich nur eine Werbeveranstaltung für eine andere Fortbildungsreihe ist, handelt es sich somit nicht nur um zu viel investiertes Geld, sondern auch schon um zu viel investierte Zeit. Aber gut. Ich mag mich nicht streiten, ich mag nicht diskutieren – auch wenn das auf manchen gerne so wirkt. Doch meine Mitschülerin sagt gestern ein wahres Wort: „Weißt Du, wegen solchen naiven, gutmütigen Nüssen wie uns beiden, funktioniert so ein System. Was bringt es, zu meckern oder es falsch zu finden? Da müssen wir mal ran.“ Recht hat sie. Und so tun wir uns zusammen. Ihren nächsten Vorschlag hingegen bügel´ ich sofort ab: „Wir können ja nächsten Freitag mal fragen, was die anderen sagen…?“ Nein. Definitiv nicht. Ich habe schon ein paar Sachen für alle geregelt. Weniger als früher, aber immer noch mehr als nötig. Und jetzt mache ich es mal nicht. Doch natürlich regt sich wieder mein blödes, schlechtes Gewissen. Denn im Grunde denke ich, dass wir uns gegenseitig unterstützen sollen. So funktioniert meine Vorstellung der Welt. Allerdings kann es nicht immer sein, dass sich wenige Einzelne dabei abstrampeln, während die anderen nur nehmen. Daher haben wir nun folgenden Kompromiss geschlossen: Wir werden eine Mail zu zweit verfassen und verschicken. Nächsten Freitag teilen wir den anderen mit, dass wir eine Mail geschrieben haben. Dann können sie ja aktiv werden – oder es lassen. Aber Hunde zur Jagd habe ich schon genügend getragen. Jetzt habe ich es auch mal im Kreuz. Das gefällt mir zwar nicht vom Grunde her, aber es ist in Ordnung, das einmal auszuhalten.

Wer weiß? Vielleicht lerne ich es ja noch, dass das ohne schlechtes Gewissen geht? Das würde mich zumindest freuen. In diesem Sinne gehe ich mal lernen, mich mal um mich zu kümmern. Auch eine nette Erfahrung.

Tschingderassa Ufftata

Ok ok, erstmal: Mea culpa! Und Asche auf mein Haupt. Ich habe in meinem gestrigen Beitrag von zwei Ländern gesprochen, die an den Bodensee grenzen. Dabei habe ich an die Schweiz und Deutschland gedacht. Und versehentlich – ich Orientierungsschaf – das wunderschöne Land Österreich unterschlagen, was echt nicht in meiner Absicht lag. Ich mag die Schluchtenscheißer sogar sehr. Allein, ich bin in Erdkunde, wie in Mathe: Auf ganzer Linie hoffnungslos untalentiert. Zum Glück gibt es die Klugscheißer dieser Welt, die morgens früh nichts Besseres zu tun haben, als mich auf meine Fehler hinzuweisen. Danke! 😋

Heute fahre ich zu einer Mitschülerin, die letztens bei mir war. Wir wollen noch einmal gemeinsam am Webinar teilnehmen – obwohl wir wissen, dass wir die meiste Zeit eh nur ratschen und nicht aufpassen. Wobei… das Wort „obwohl“ können wir auch durch „weil“ ersetzen. Denn heute geht es um Schamanismus und Druidentum. Wäre Tolkien der Referent, wäre ich total begeistert. In therapeutischer Hinsicht hingegen… tja… nun ja, wie soll ich es sagen? Es macht mich nicht an und klingt für mich nach Scharlatanerie. Der Referent ist voll in seinem Element. Von fern meine ich sogar, die lieblichen Klänge von Major Tom zu vernehmen. Ernsthaft, er ist gerade „völlig losgelöst von der Erde“ – und das ganz ohne Raumschiff. Das musste erstmal hinkriegen. Mannomann. Ich glaube, keine Droge der Welt brächte mich dorthin, wo er gerade nüchtern schon ist.

Nun gut, wir können die Zeit durchaus gut und anders nutzen. Und so reden wir über Gott und die Welt, vom Hering zur Torte und über Jan und Pitt. Gleich zu Beginn ärgere ich ihren brasilianischen Mann – seines Zeichens IT-Fachmann. Da er mich nicht kennt, ist er kurz irritiert und futtert zunächst mal die Milka Pralinen weg, die ich mitgebracht hab. Das macht ihn mir ungemein sympathisch. Er ist furchtbar traurig, dass ich nicht länger bleiben kann, denn er hätte so gern für uns gekocht. Das macht ihn mir noch sympathischer. Ach, die Südamerikaner sind schon Sonnenscheinchen. Ich vermisse mal wieder Peru. Hach, das war schon schön.

Und dann zerreißt’s mich. Der Referent, dem ich immerhin mit einem Ohr lausche, schlägt vor, eine Krafttierrückholung durchzuführen. Ääääääh, what the f*** schallallallala?! Nach der Pause bräuchte er eine Freiwillige, die sich zur Verfügung stelle. Kathrin und ich sagen zeitgleich: „Die Elfe“, die just in diesem Moment schreibt, sie würde das gern machen. Alles klar. Manchmal ist die Welt so einfach. Ich mach ja auch fast jeden Spaß mit, aber das Problem hier: Die nehmen das ja durchaus ernst! Krasses Pferd, ich weiß. Nach der Pause haut’s uns dann erstmal raus, was vermutlich besser so ist. Mein mieses, anti-esoterisches Karma hat wohl das Internet zerstört. Tja, wer kann, der kann. Aber der brasilianische Mann kann’s retten. Er ist ja sympathietechnisch schon auf dem höchsten Level, sonst bekäme er nun noch mal satte Extrapunkte.

Und nun geht es los. Der Referent entzündet zunächst ein Wacholder-Räucherstäbchen. Es zuckt schon in mir. Ich sage zur Mitschülerin: „Geräuchert schmecke vermutlich sogar ich besser.“ Der Widder-Mitschüler schreibt sich unterdessen über den privaten Chat in Rage. Dann nimmt der Dozent eine Rassel zur Hand – derweil die Kamera der Elfe ein tiefenentspanntes Bild der Besitzerin zeigt. Und schon rasselt er drauflos. Der Widder schnaubt durch den Chat. In mir steigen Lachbläschen hoch. Nun legt der Dozent einen kleinen Stein in die Hand, ballt diese zur Faust und pustet hinein, um die Energie des Krafttiers zu übertragen. Anschließend wird er den Stein per Post zur Elfe schicken. Bei dem Pustevorgang lache ich mich schlapp und keuche: „Guck mal, jetzt bläst er der Elfe einen!!!“ Meine Mitschülerin zerreißt es jetzt auch völlig. Das kann doch kein Schwein mehr ernstnehmen! Nach der Tschingderassa Ufftata- Zeremonie berichtet er, dass er kein Verbot erhalten hätte. Da sei kein Widerstand zu spüren gewesen. Ich frage mich, was er wohl bei mir gespürt hätte? Einen imaginären Hammer? Eine Kettensäge? Meine geliebten Haie, die in meiner Phantasie so manches lösen? Oder die zwei berühmten Klinkersteine, die fast genauso effizient im Lösungsprozess sind, aber deutlich einfacher im Transport, der Handhabung und beim Kostenfaktor? Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie teuer so eine Haihaltung ist!

Puh, ich glaube, ich habe einen zu tiefen Atemzug gemacht, als der Referent vorhin geräuchert hat. Vielleicht war es das auch, was die Leitung lahmgelegt hat? Ist ja alles möglich. Ich meine, jetzt mal ernsthaft, das kann doch alles keiner mehr ernst nehmen! Da fühle ich mich verscheißert, aber so richtig. Ich kenne auch eine Person, die aus so einem Hokuspokzmusmist nicht mehr rausgefunden hat. Es mag vieles zwischen Himmel und Erde geben. Wer bin ich, das zu ermessen? Aber diese Rassel, das Räuchern und der ganze Dreck via Webinar – sorry, da setzt’s bei mir aus. Da mache ich lieber was ganz Bodenständiges: Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren und bayerischem Kartoffelsalat. Da muss keiner räuchern, niemand pusten und auch nicht rasseln. Klingt für mich nach einem Träumchen. Ich muss dann also mal… guten Hunger oder feine Erleuchtung – je nachdem, wie man/frau es mag.

Ich werde wieder kribbelig

Hmm, wisst Ihr, was komisch ist? Es gab noch keine einzige Zuschrift. Dabei hatte ich mich meines Erachtens doch wohl sehr deutlich ausgedrückt, oder? Seid Ihr noch mit der Vorauslese beschäftigt? Ich nehme nicht nur flammneues Material. Ernsthaft. Der Herr darf ruhig schon Gebrauchsspuren vorweisen. Da bin ich echt flexibel. 😊

Derzeit befasse ich mich gedanklich mit meinem Wohnort. Es ist alles nett hier, aber es fühlt sich so gar nicht nach „the place to be“ an. Irgendwie bin ich mal wieder rastlos. Keine Ahnung, was ich gegen dieses Phänomen unternehmen könnte – so ich denn wollte? Wie kommt es, dass manche nie ihren Wohnort verlassen und andere kribbelig werden, wenn sie irgendwo länger als zwei bis fünf Jahre verweilen? Ich hätte mich nie wirklich als so einen Wandervogel bezeichnet. Doch – je älter ich werde – desto rastloser werde ich. Wird das nun mit jedem Jahr zunehmen oder flacht das auch wieder irgendwann ab?

Im Grunde meines Herzens bin ich ein Meer-Mensch. Liegt bei dem Namen des Blogs jetzt ja auch nicht im Überraschungsbereich, oder? Die Berge sind schön… meinetwegen auch majestätisch. Aber nichts ist vergleichbar mit Wasser, finde ich. Ein guter Kompromiss wäre wohl ein See auf einem Berg oder in einem Tal. Der ersetzt zwar nicht die Gezeiten, aber immerhin ist Wasser drin. Als die Kollegin gestern vom Bodensee sprach, fing dieses Kribbeln wieder an. Verrückt, oder? Die Ecke ist ja auch echt schön. Die Frage wäre nur, auf welche Seite man besser ziehen sollte? Beide haben Vor- und Nachteile. Und was mache ich? Gedanklich zumindest Schritt 23 vor Schritt 1. Typisch – und so nutzlos. Nur bin ich wohl so…

Die Idee fühlt sich nicht schlecht an, aber – wie ich den Bayern nicht müde werde zu sagen: „Nicht schlecht“ ist eben auch kein Kompliment. Es müsste sich gut anfühlen, um auch gut zu sein. Mein Traum ist nach wie vor, irgendwo am Meer zu leben. Die Möglichkeit, die Schuhe abzustreifen und barfuß über Sand und durch Wasser zu laufen, ist einfach durch nichts zu ersetzen. Nur: Am Meer sind keine großen Firmen und keine große Kaufkraft. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wenn jetzt Schulungen immer mehr in E-Learning aufgehen, Moodle, Zoom & Co. immer mehr digital ersetzen, was vorher mit körperlicher Anwesenheit notwendig war, wird immer mehr Richtung Home Office laufen, wo es dann egal ist, wo ich wohne. Da ich aber diese Art der Digitalisierung nicht mag, stellt sie für mich keine Alternative dar. Und schwups, hab ich wieder das andere Problem, weil für mich nichts über Präsenzveranstaltungen geht. Ich rede nicht von Blabla-Treffen der oberen Heeresführung, sondern von kreativer Zusammenarbeit und dergleichen. Merkt Ihr mein Dilemma? Ich will Füße im Wasser UND Präsenzveranstaltungen. Ist das denn zu viel verlangt?

Der Tag verläuft an sich recht geschmeidig. Zwischendurch wird es drückend, bis ein sattes Gewitter die Luft reinigt. Wäre das geistig nur auch mal so einfach… Ein Kollege hält mich auf meinem Weg zwischen zwei Terminen an und fragt, ob ich kurz Zeit hätte? Äääh, ich hab kaum mit ihm zu tun und den nächsten Anschlusstermin, aber ok. Und so beginnt er, er hätte schon lange mal mit mir reden wollen. Hää? Er entschuldigt sich so „hoibscharig“ für etwas, das er vor über einem Jahr mal gesagt hat, als ich sein Team gecoacht habe. Er mochte die Methode nicht, die das Unternehmen verpflichtend eingeführt hat. Das Treffen war immer montags morgens. Und er – ein typisch bayrischer Grandler – sagte eines Tages zur Begrüßung: „I bin mondoags no imma ungean in’t Arbeit kimma…oba jetz? (Kurze Pointenpause) No ungeana.“ Hat mich damals bewegt, wie die Tatsache, ob der Club auf- oder absteigt – sorry an die Nürnberg-Fans an dieser Stelle. Und er trägt nun seit dieser Zeit das ungute Gefühl mit sich herum, mich verstimmt zu haben. Putzig. Ich kläre ihn auf, dass es schon mehr brauche, einen Rheinländer zu treffen. Ich sei nicht Erfinder der Methode und daher völlig schmerzfrei, wenn jemand diese nicht möge. „Do bin i jetz oba erleichtert, weil…Sie sann jo eigentlich a ganz a Nette.“ Die Bayern können Komplimente geben, wie kaum ein anderer. Ich grinse ihn an: „Aha. Und uneigentlich?“ Und schon kommt er wieder ins Schwitzen. Man, man, man, die meisten merken sofort bei mir, was humorvoll gemeint ist und was nicht, aber er hat Probleme. Als ich ihm erkläre, dass alles absolut fein sei, ich mir den Schuh niemals angezogen hätte und auch immer alles versuche, mit Humor zu nehmen, kommt die Wahrheit ans Licht: Seine Frau würde immer alles persönlich nehmen. Die hätte ja gar kein Selbstbewusstsein, was ganz schön anstrengend sei. Ich stell mir vor, wie er ihr wohl Komplimente macht: „Eigentlich mog i Di jo… Und moast schaust a net so schlimm aus…“ Da kann ich dann verstehen, dass sie unsicher ist. Aber sie hat ihn ja irgendwann einmal geheiratet. Irgendwelche Qualitäten wird er ja wohl haben. Komplimente zu verteilen, gehört definitiv nicht dazu.

Der Rest des Tages ist zum Großteil unspektakulär. Kann schön sein… nur unterm Strich war er wenig ergiebig. Ich sag ja, ich werde wieder kribbelig. Mal schauen, ob der Rest des Jahres sinnvoller sein wird, was die Arbeit betrifft. Wie sagte mein kleiner Neffe gestern nach Feierabend seiner Ferienjobtätigkeit beim Landschafts- und Gartengestalter: „Ist schon cool, wie Du so eine Mondlandschaft am Morgen hast und nach Feierabend die gepflasterte Fläche siehst. Du hast eben was geschafft und kannst es sehen.“ Hat er recht. So was stellt einen doch zufrieden. Allerdings war die Mittagspause für ihn auch ein Traum: Zwei Männer, eine halbe Stunde, keiner sagt ein Wort, sondern beide essen schweigend. Fabelhaft. Gut, ich würde dann Amok laufen, aber er fand’s nur genial. Zum Glück ist echt jeder Jeck anders. Ich bin auf keinen Fall zum Schweigen geschaffen. Was für eine neue Erkenntnis, oder? 🤪

Spitznamen und Katzen

„Es ist wieder Leben in die Firma eingekehrt… Ich seh da gerade eine Kollegin, die ich jetzt länger nicht gesehen hab.“ Ah ja. Das freut mich aber. Mir hat man ja bereits manche Namen gegeben. Aber „Leben“? Nö. War bislang nicht dabei. Kann ich aber besser mit umgehen, als mit „der noajemackte Zijeuner van Üch“ oder „stinkende schwarze Katze“ – nur um mal zwei Highlight-Namen rauszupicken. „Der nachgemachte Zigeuner“ kam von der Frikandel – meinerseits ein Spitzname. Eine meiner zahlreichen Tanten hat sich vor Jahren getrennt und im Gegenzug einen Fresel in die Familie eingeschleust, der große Ähnlichkeit mit einer Frikandel aufweist. Wer diese holländische Spezialität (die ich echt verabscheue) nicht kennt, kann sie ja mal googlen. Leider geht der fiese Geruch über das rein Visuelle verloren. Alles kann man wohl echt nicht haben.

Die zweite Bezeichnung, also „stinkende schwarze Katze“, hat mir mal einer im Zug gegeben. Ich glaube, die Geschichte ist hier aber schon irgendwo verewigt. Und da ich nicht als senil und/ oder dement gewertet werden möchte, lass ich das Thema jetzt mal ruhen. Wobei Katzen schon so ein klares Thema für mich sind. Ich reagiere allergisch auf die Viecher. Da können die nix zu, macht sie mir aber nicht sympathischer, verständlicherweise. Daher sage ich gern, dass die beste Katze die ist, die kross gebraten, gesalzen und gepfeffert kredenzt wird. Und: Nein, ich habe noch nie eine gegessen. Ich will sie auch nicht ernsthaft mal probieren. Die Vorstellung allein reicht mir schon.

Um im Katzenthema zu bleiben: Meine liebste Interventionsmaßnahme hat ebenfalls mit dem Thema zu tun. Hab ich allerdings auch schon mal beschrieben, glaube ich? Egal. Wenn ich merke, dass da gerade echt was schräg läuft, ich es aber keinesfalls verändern kann, dann wende ich sie an, die „tote Katze im Fluss“. Ich habe sie nicht erfunden, ich habe das Tier nicht meiner Aversion angepasst. Es hieß von Anfang an so. Ich sehe also diesen Zustand und stelle mir vor, wie ich das zwar wahrnehme, aber vom Fluss dann weitertragen lasse – herrlich! Und da es eine Katze ist, kann ich das sehr gut ertragen. Kann mir noch einer folgen? Nee? Spielt einfach „tote Katze im Fluss“.

Heute ist ein guter Tag. Der Workshop läuft sehr gut. Die Führungskraft hat zudem gute Werte attestiert bekommen, als er zur Nachuntersuchung (Krebs) musste. Im Vorfeld war er echt ängstlich. Er ist im fortgeschrittenen Alter Vater geworden. Klar, dass er noch erleben will, wie sein Bub eingeschult wird, oder? Ich freu mich jedenfalls riesig für ihn. Im Gegenzug gibt er mir die Rückmeldung, dass er mit meinem Chef gesprochen hätte, der ihm gesteckt haben muss, ich sei so ziemlich die Letzte, die aus unserem Team gehen müsste. Mein Chef habe nur in den höchsten Tönen von mir gesprochen. Ehrlich? Das mag jetzt undankbar klingen, aber es ist mir nicht so wirklich etwas wert. Ich nehme Feedback nicht mehr von allen Leuten an – weder im Positiven, noch im Negativen. Ich merke, wenn mein Herz dabei ist. Und das ist es gerade leider so gar nicht. Klar, es ist ganz nett, dass der Kollege mir das hier sagt. Entsprechend würdige ich das auch. Aber es erreicht mich echt nicht. Schon schade, diese Entwicklung. Mancher Zug ist und bleibt eben abgefahren…

Richtig schön ist das Mittagstreffen. Meine Kollegin ist schon wieder besser drauf als gestern während des Telefonats. Ihr Chef-Chef hat sie zum Gespräch gebeten. Er wisse um ihr Können und ihr Engagement. Im Moment versuche er, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um sie doch noch fest anzustellen. Sie müsse jedoch in erster Linie an sich denken. Sollte sich also irgendetwas für sie ergeben und unsere Firma zu langsam sein, würde er bei so einem Angebot zuschlagen – auch wenn unsere Firma dies definitiv bedauern würde. So geht das! Warum das nicht alle hinbekommen, erschließt sich mir immer noch nicht. Doch es ist ein Anfang, oder? Wenigstens ist mal einer in der Position, der so etwas wie Fühungswerte kennt und berücksichtigt.

Der restliche Tag geht unspektakulär weiter, so dass ich jetzt nur noch warten kann. Worauf? Na, dass meine Freundin vorbeikommt und wir ratschen können. Ich bin gespannt, was sie zu berichten hat. Da merke ich schon, dass mir sonst etwas fehlt. Ich kann zwar per Telefon von meinem Tag berichten, doch abends gemeinsam zu essen, während man den Tag Revue passieren lässt, hat definitiv was für sich. Aber bitte schön mit dem Richtigen und nicht mit irgendwelchen dahergelaufenen Türklinglern. Wie war das noch mit dem Handwerker??? Hat jemand einen für mich gefunden? Nee? Dann gebt Euch gefälligst ein bisschen mehr Mühe! So schwer dürfte das doch wohl nicht sein. Eben.

Bei manchen fehlen einem die Worte…

Ich bin mal wieder fassungslos. Nein, keine Socken in Sandalen dieses Mal. Und dank Linsenfutter habe ich ja auch gelernt, dass ich der Geisterfahrer bin bzw. ich diejenige bin, die modisch eben keine Ahnung hat. Danke nochmals für den Hinweis. 😉

Die Fassungslosigkeit bezieht sich vielmehr auf meinen ersten Anruf, den ich heute Morgen erhalte. Eine Kollegin, die ich Ende letzten Jahres sowohl in einer Schulung, als auch in einem Workshop hatte, beginnt das Telefonat mit: „Ich brauchte mal die Stimme einer gut gelaunten Rheinländerin!“ Da weißte doch schon alles. Mir schwant Übles. Zaghaft frage ich: „Lass mich raten: Du bist befristet im Unternehmen?“ Ist sie. Mein Riecher war richtig. Das allein ist kein Grund für sie, sich hängen zu lassen. Sie ist schon aktiv bei der Suche. Und sie hat tatsächlich schon Vorstellungsgespräche vereinbart. Vermutlich wechselt sie in die Schweiz. Das, was schockt, ist ihre Führungskraft. Er ist ein klassischer Fall von alter Management-Politik. In den 80ern und 90ern dachte man noch, die besten Fachkräfte seien auch die besten Führungskräfte. Ist mittlerweile völlig überholt…und doch in etlichen Firmen noch lange nicht angekommen. In Krisenzeiten wird es dann nur leider umso deutlicher, wie bescheiden solche Menschen sich verhalten. Sozialkompetenzkrüppel nenne ich sie gern.

Also, sie geht zu ihrem Chef, der überall im Unternehmen bekannt ist… und zwar für das dreckigste Verhalten, was man an den Tag legen kann. Betriebsrat, Personalabteilung, seine Chefs – alle wissen Bescheid und strecken die Waffen ob seines Hoheitwissens. Da frage ich mich ja schon, wie man das als Firma so weit kommen lassen kann? Und von denen haben wir ein paar Kracher-Exemplare. Die Ansage des Vorstands hat mittlerweile jeden erreicht: Wir müssen mindestens 15 Prozent aller Mitarbeiter abbauen. Befristete und Menschen aus der Arbeitnehmerüberlassung – so sie noch im Unternehmern sind – werden nicht übernommen. Es gilt, das Stammpersonal zu schützen. Richtig, übersetzt heißt das: Wir wollen möglichst wenig Klagen vorm Arbeitsgericht und möglichst wenig Abfindungen zahlen – ein durchaus üblicher Weg, wenn auch für die Betroffenen schlimm. Da diese eine Kollegin mit ihrer Qualifikation und Erfahrung aber echt schwer zu finden war und die Stelle lange nicht besetzt werden konnte, fragt sie also ihren Vorgesetzten, ob sie sich am Arbeitsmarkt umschauen solle oder es Möglichkeiten gebe, doch noch zu bleiben. In drei Monaten liefe ihre Befristung aus. Die Antwort: „Was stellst Du Dich so an? Du bist vielleicht egoistisch! Es gibt wesentlich Wichtigere als Du. Wart’s einfach ab!“ Ääääh… wie bitte? Sie berichtet ihm, wie es anderen ergangen sei, denen man die Übernahme versprochen hätte und die am letzten Tag dann spontan doch gehen mussten. Das würde ihr nicht passieren. Da betont er einfach noch mal, wie egal ihm das sei. Sie solle ihn in Ruhe arbeiten lassen.

Und genau dafür ist er bekannt. Er hat schon schriftlich rausgegeben, dass er nur mit Menschen in den Austausch gehen wolle, die seinem Intellekt entsprächen – und das sei ein verschwindend kleiner Prozentsatz im Unternehmen. Allen unter einem Doktortitel als Abschluss, spräche er diese Kompetenz per se ab. Ääääh… ja. So kennt man ihn. Und nix passiert, weil er wirklich brillant ist. Jetzt könnte man ja sagen, dass er dennoch sehr wertvoll fürs Unternehmern sei. Ja, aber – verdammte Axt – doch nicht mit Personalverantwortung!!! So was will einfach nicht in mein kleines Hirn ohne Doktortitel rein.

Ich hatte mal eine Audienz bei ihm, wo er echt nett war. Allerdings habe ich die Fronten gleich zu Anfang geklärt, ob es in seiner Erziehung keine Höflichkeit gegeben hätte? Selbst ein Bär würde brummen, wenn er in die Höhle käme. Warum er eine einfache Begrüßung dann nicht über sich brächte? Seit diesem Zeitpunkt grüßt er mich immer. Der springende Punkt ist aber: Er ist nicht mein Chef. Ich habe nur wenig bis gar nicht mit ihm zu tun. Da ich meine Klappe ja nicht halten kann, wäre ich in der Abteilung schon x Mal rausgeflogen. Und die Kollegin, von der ich hier spreche, ist kein zartes Pflänzchen. Sie heult nicht wegen seines Verhaltens oder wird kopflos. Sie will sich lediglich noch mal mit einem menschlichen Menschen unterhalten, weshalb ich morgen spontan meine Mittagspause mit ihr verbringe.

Und auch, wenn ich schon viele Menschen kennengelernt habe, die in unterschiedlicher Weise mehr oder weniger sozialkompetent waren – mich schockt so was immer wieder. Jetzt kann man sagen: Sei froh, dass Du (noch?) nicht so abgestumpft bist. Aber mal ernsthaft: Wieso müssen manche Menschen so ein Arschloch-Verhalten an den Tag legen? Was bringt ihnen das? Naja, ich hab ja kein Doktorhirn. Da bleibe ich wohl einfach auf der Leitung stehen. Zum Glück bin ich aber nicht alleine mit so einer Meinung. Ein späterer Anruf aus Straubing ist genauso entsetzt wie und sagt dann trocken: „Wenn dann doch jetzt die Mitarbeiter in Teilen abgebaut werden, dann kann man sich doch von genau diesen Vollidioten trennen, oder? Dann hätten wir endlich mal einen Vorteil durch Corona.“ Schöne Worte, die wohl leider nur Theorie bleiben werden. Es wird spannend, wie es weitergeht und wer sich noch so alles disqualifiziert mit seinen Sprüchen.

Socken-Horror

Ich habe mal eine überlebenswichtige Frage. Ja, ich glaube sogar, dass der Fortbestand der Menschheit davon abhängen könnte. Also: Warum zum Henker tragen Männer in Sandalen Socken? Wer bringt ihnen das bei? Und warum tut das denn so Not? Abgesehen davon, dass es echt Scheiße aussieht, verstehe ich einfach den Sinn nicht. Gerade hab ich wieder so ein Exemplar über den Gang schleichen sehen. Warum Sandalen, wenn ich doch sowieso Socken darin trage? Liebe Männer, es ist so, dass die inneren Werte zählen. Ganz klar. Aber wenn man Euch kennenlernt, sieht man diese ja nicht auf die Stirn tätowiert. Also betrachtet Frau Euch zunächst von außen. Und ich muss für meinen Teil gestehen: Sehe ich Socken in Sandalen, bin ich in der Regel schon raus. Ich weiß, die Rotzigen finden das gerade hip, wenn sie Socken in Adiletten tragen (was auch schon schlimm ist), aber die sind eben noch jung. Da gehört Rebellion irgendwie dazu. Aber ein erwachsener Mann mit Socken in Sandalen? Geht gar nicht! Sorry. Is so.

Ich hab richtig verdammt mies geschlafen. Nein, das ist keine Erklärung für meine Reaktion auf die Socken. Es trägt nicht zu einer toleranteren Haltung bei, klar, aber es macht nichts, was eigentlich ok wäre, schlimm. Socken in Sandalen sind auch im ausgeschlafenen Modus, mit einem Mojito auf einer Liege schlimm. Das würde ich nicht mal Brad Pitt durchgehen lassen. Und der dürfte sich bestimmt mehr erlauben. Ist unfair? Mag sein. Ich glaube aber, Angelina Jolie hat im Gegenzug auch einen größeren Freifahrtschein, oder? Ja.

Heute ist der Entscheidungstag. Wofür? Für die Ergebnisse der neuen Methode. Der externe Trainer, der immer so beim Reden schmatzt, fragt die Ergebnisse der letzten Wochen ab. Man kann eventuell ermessen, wie gut das bei den Führungskräften ankommt. Richtig. Grütze also. Ich mag Verbindlichkeiten. Alles, wo man sich rauswinden kann, finde ich so typisch politisch und entsprechend nervig. Aaaaaber: In einer Phase, wie dieser, in der gerade alle Projekte gestrichen werden, in der vielen Menschen der Hintern auf Glatteis geht, da macht dieses überkontrollierende Methodengereite wenig bis gar keinen Sinn. Und dieser Schmatze-Trainer suggeriert, dass Corona an ihm vorbeigezogen ist. Der oberste Chef übt Druck ohne Ende aus. Kennt Ihr diese Menschen mit den eiskalten Augen? So einer ist das. Sitzt so jemand im Knast, sagt jeder: „Klar geht so einer über Leichen. Guck Dir mal die Augen an! Der ist doch eiskalt. Voll der Psychopath.“ Schaut Euch mal Vorstände in den großen Konzernen an. Wenn Ihr Euch dann mal Sträflingskleidung dazu vorstellt, wird es wieder rund, oder? Nein, nicht jeder Manager ist ein Psychopath. Aber ein sozialer, empathischer Mensch schafft es nicht dorthin, oder? Da ist es auch schon egal, ob er Socken in Sandalen trägt oder nicht. Da ist dann ohnehin Hopfen und Malz verloren.

Besonders lustig finde ich dann später den Assi vom obersten Chef, der mir im Parkhaus hinterruft. Als er mich dann endlich einholt, fragt er mich: „Und? Wie fandest Du es? Hat er die Führungskräfte heute vorgeführt?“ Manchmal denke ich nicht nach und mir fällt’s aus dem Gesicht, ehe ich „Mojito“ sagen könnte. Manchmal hingegen sage ich die Dinge auch sehr bewusst und freu‘ mich, wenn ich „Treffer, versenkt“ sagen kann. Heute kann ich mich nicht entscheiden, was von beidem es ist? Jedenfalls antworte ich: „Erstaunlicherweise heute mal nicht.“ Mein Gegenüber grinst schräg: „Mal nicht? Was heißt das denn?“ „Dass er sonst die Angewohnheit häufig hat. Was sonst? Will ich Leute motivieren, schaffe ich das wohl kaum durchs Gängeln und Kontrollieren. Aber mei, jeder, wie er mag… und nachhaltig nicht erfolgreich sein möchte.“ Ja, ich weiß. So mache ich nie Karriere. Gottseidank will ich das auch nicht. Lieber amüsiere ich mich darüber, dass eine Führungskraft, die ich coache, mir im Nachgang schreibt, dass er sich vor lauter Schmatzgeräuschen nicht auf das Wesentliche hätte konzentrieren können – wobei an diesem externen Fuzzie nix Wesentliches dran sei. Ich hab ihm geschrieben, er sei noch böser als ich. Er hat das Kompliment durchaus verstanden und sich seeehr drüber gefreut.

Jetzt bin ich daheim und immer noch müde. Der kurzfristig in die Höhe geschossene Puls – verursacht durch die Türklingel – hatte keine wirklich nachhaltig aufputschende Wirkung. Ich muss wohl zeitig schlafen gehen. Ob es der Türklingler von letztens war, weiß ich nicht. Ich hab „toter Mann“ gespielt. Mit anderen Worten: Ich habe das Klingeln ignoriert. Es ist auch unwichtig. Wenn einer was von mir will, kann er oder sie sich per Handy melden. Es ist ja nur eine einzige Person gesperrt. Also: Alles gut.

Schnell zufrieden und doch immer ungeduldig

Oh man, ich habe Roland Kaiser im Ohr: „Ich glaub´, es geht schon wieder los…das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Und nein, es geht nicht um einen Mann. Es geht schon wieder los mit „Ich sollte doch mal so langsam klar Schiff machen“. Gut, das könnte mein Lebensmotto werden. Seit meine Kolleginnen allerdings von den Wasserflecken auf ihren Badarmaturen gesprochen haben und eine meiner zahlreichen Cousinen dies noch bestätigt hat, denke ich ja ernsthaft darüber nach, eine Schlampe zu sein. Ich beäuge meine Armaturen immer kritischer. Trotzdem trockne ich sie nicht nach jeder Handwäsche ab. Wo käm´ ich denn dahin? Oder wenn ich an den Satz denke: „Weißt Du, dann steht der einfach von der Couch auf und schüttelt natürlich nicht die Kissen auf. Typisch Mann!“ Ääääh, das mache ich auch nie. Ich liege sie einfach liebevoll platt. Diese Aufmerksamkeit lasse ich ihnen zuteil werden. Hin und wieder schiebe ich sie ein bisschen nach links oder rechts – allerdings nur da, wo ich dann auch meistens sitze. Bin ich deswegen eine schlechte Hausfrau? Und wenn ja: Wen stört das? Wenn ich allerdings Besuch erwarte, dann möchte ich schon die Bude in Ordnung haben. Aber da ist es, wie mit der Steuererklärung: Kann ich nicht einfach WD 40 drauf verteilen, und alles ist gut?

Zunächst einmal starte ich aber mit einem Pott Kaffee. Aber bevor ich den genießen kann, entkalke ich meinen Kapselautomaten. Ja, da leuchtet nämlich die orange Lampe auf. Und die sagt mir, dass sie sich solidarisch mit den Armaturen im Bad verhalten möchte. Sie will entkalkt werden. So schön dieser ganze technische Schnickschnack auch ist: Es dauert einfach. Aber gut, es muss ja gemacht werden und dauert – laut Anleitung – auch „nur“ 25 Minuten. Sie können Menschen zum Mond schießen, aber so was dauert echt 25 Minuten. Krass. Da der Behälter unterm Auslauf aber umkippen könnte, kann ich die Küche nicht verlassen. Hm, da meine Geduld aber keine 25 Minuten lang hält (vielleicht eher so 23…Sekunden, allerdings), brauche ich was anderes hier zu tun. Also stelle ich aus alten Semmeln und Brot Paniermehl her. Das saut die Küche noch ein bisschen mehr ein. Also wische ich mal über die Arbeitsfläche, nachdem ich alles so weit erledigt habe.

Und dann muss ich auch schon los. Ich bin nämlich zum Essen verabredet. Beim Vietnamesen. Der Weg dorthin gestaltet sich allerdings schon spektakulär. Kennt Ihr diese Bremser und Schleicher? Ja? Genau so ein Exemplar habe ich vor mir – ziemlich von Beginn an. Dabei hat er ein schnelleres Auto als ich unterm Hintern. Leider gibt es auch nahezu nonstop Gegenverkehr. Hinzukommt, dass meine Möhre so zahm ist, dass ich zu wenig PS für ein flottes Überholmanöver habe. Ich weiß, es ist müßig, aber ich rege mich trotzdem auf. Warum? WEIL ICH ES KANN! UND WILL! Herrgott, wenn er 60 fährt, wo 100 ist, dann muss ich mich aufregen. Das sagt das Gesetz. Das Böckchen-Gesetz, sozusagen. Und dann pimmelt der so munter weiter durch die Gegend. In einer Kurve, wo 70 ist, bremst er auf 30 ab!!! Und dann glaube ich einen ganzen Moment lang, dass er jeden Moment aussteigt und das Auto sanft über die Bahngleise tragen wird, weil sein Auto sonst weint. Aber er fährt dann doch mit zarten 15 km/h drüber hinweg. Warum? Das Auto ist nicht tiefergelegt, die Bahngleise spürt man kaum. Es gibt keine Notwendigkeit, absolut gar keine. Ich will so gerne aussteigen und ihn schütteln. Mein Glück bleibt mir aber brav treu: Bis zum Restaurant fährt der Schnarchzapfen vor mir her. Wenn es einen Gott gibt, schmeißt der sich da oben gerade weg vor Lachen. Aber warte nur ab: Das kriegste alles zurück! Ich habe nämlich ein verdammt gutes Gedächtnis.

Erstmal muss ich meine Wut wegschnaufen, dann steige ich aus. Ich schüttel´ mich kurz, dann ist wieder alles gut. Hier habe ich noch nie gegessen und bin gespannt, wie vietnamesisch schmeckt – nur um dann festzustellen, dass „Thai Orchidee“ so gar nicht vietnamesisch klingt. Es ist natürlich ein Thailänder. Egal: „Is doch schweißwurscht, asiatisch halt.“ Ah ja. Zum Glück gibt es in Asien ja nur eine Küche. Asiatisch eben. So, wie sie in Norwegen so gerne Sauerbraten essen, denn das ist ja alles europäisch. Klar, oder? Nach kürzester Zeit versaut meine Freundin die Decke und seufzt: „Des is egal, wo…ob´s a Mensch is oda a Deck´n: I versau´s imma.“ Stimmt. Aber es ist lustig. Sie ist einfach so. Ich hoffe auch, dass die Leute zwei Tische weiter nicht gut hören können. Die Dame bestellt nämlich was von der Tageskarte. „Des steht doch do, Du Rindviech! Des gilt bloß werktogs. Heit is Sonntog!“ Köstlich – solange es keiner dort hört. Beim kurzen Spaziergang treffe ich dann tatsächlich einen Teilnehmer vom Workshop letzte Woche Montag. Ich frage ihn, ob er sich freut, wenn wir uns diese Woche wiedersehen, doch er grinst bloß: „I hob Urlaub!“ Ich hab´s nicht genehmigt. 🙂 Aber er verspricht, darüber ganz zerknirscht zu sein, weil er nicht dabei sein könne. Jaja…die Preissn kann man ja veräppeln!

Und so steht mir nun das Putzen bevor. Dabei könnte ich mich gerade auf die Couch schmeißen und ein Ründchen ögnern. Aber das Putzen erledigt sich ja nicht von allein. Das wäre schon schön, wenn es so selbstreinigende Wohnungen gäbe. Ja, alles will ich auch nicht von Computern und Robotern erledigt wissen, aber so was schon. Und Müll rausbringen… Wobei: Dann bräuchte ich am Ende ja gar keinen Mann mehr, denn wenn der Roboter schon den Müll rausbringen könnte, wäre er wohl auch dazu in der Lage, ein bisschen WD 40 zu versprühen. Ihr merkt schon: Das Zeug hat es mir angetan. Warum auch nicht? Ich mag es zackig und effizient. Wenn es dann noch blitzt, blinkt und lecker im Nachgang riecht, bin ich zufrieden. Ach man, was bin ich leicht zufriedenzustellen, oder?