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Urvertrauen und Mut

Es braucht bisweilen sehr viel, um Menschen aufzurichten, sie zu motivieren, ihnen Mut zuzusprechen. Um Menschen zu erniedrigen, braucht es hingegen viel weniger. Es geht innerhalb weniger Minuten, habe ich manchmal das Gefühl. Und das verstehe ich nicht. Es liegt natürlich auch an den Selbstzweifeln, die jede*r Einzelne von uns in sich trägt. Habe ich ein gutes Urvertrauen geschenkt bekommen, dann haut einen ein kritisches Wort nicht so schnell um. Ist es allerdings nicht so gut um den Selbstwert und das eigene Vertrauen in sich selbst bestellt, dann braucht es nur einen Windhauch, andere zu entmutigen.

Ein Beispiel: Ich habe einen tollen Arbeitskollegen. Er ist ein paar Jahre jünger als ich, aber schon in der Hackordnung höher angesiedelt, was ich ihm von Herzen gönne, weil er wirklich ein richtig Guter ist. Wenn er einem zuhört, dann ist er voll da. Kontrovers kann es zugehen, was auch keinerlei Probleme oder Irritationen bereitet. Und dann berichtet er letztens mit leuchtenden Augen: „Alles, was ich heute bin und verkörpere, verdanke ich meinen Eltern. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Und dafür werde ich ihnen stets dankbar sein.“ Das ist so wunderschön und schmerzlich zugleich. Er ist nicht einmal den glatten Weg gegangen. Mittlere Reife, weil er nie verstanden hat, wozu Lernen gut sein soll? Dann hat er eine Ausbildung absolviert und gemerkt, dass es das nicht allein gewesen sein kann. Also hängt er den Techniker dran. Auch das macht zwar Spaß, erfüllt ihn aber nicht. Also sattelt er noch ein Maschinenbaustudium drauf. Es passt, weil er unerschütterlich daran glaubt, dass alles gut ist. Seine Familie steht bei allen Entscheidungen vollkommen hinter ihm – selbst, wenn sie nicht genau verstehen, was er da gerade macht. Klar hat er auch schon Trennungen hinter sich und weniger rosige Zeiten. Aber er vertraut darauf, dass alles gut wird, weil er ein solides, gesundes Fundament mitbekommen hat. Das freut mich für ihn. Und noch mehr freut mich, dass er nicht vergisst, wem er das zu verdanken hat.

Und dann gibt es diese anderen Menschen, die eben nicht so einen glücklichen Start ins Leben hatten. Ich kenne einen Mann und darf ihn mittlerweile Freund nennen, der bis heute nicht genau weiß, wie die eigentlichen Geschehnisse abgelaufen sind, denn über „so was“ wurde nicht geredet. Er weiß, dass er mindestens zwei Halbgeschwister hat, darüber hinaus aber auch noch andere zur Disposition stünden. Und weil sein Vater wohl verschiedene Frauen in Nöte gebracht hatte, was ihm über den Kopf zu wachsen schien, munkelt man, dass sein Autounfall auf schnurgerader Strecke vermutlich kein Unfall war. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt – und das im ländlichen Bayern. Unverheiratet, schwanger und das vor ca. 55 Jahren. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was diese Frau sich alles anhören musste. Sie lernte einen anderen Mann kennen, der sie und das Kind annahm. Und das bedeutete natürlich, man müsse nun auf ewig dankbar sein. Scherereien waren nicht erlaubt, weshalb dieser Mann bis heute immer hübsch angepasst ist. Seine Mutter habe ihn jeden Tag seit der Grundschule dazu gezwungen, mindestens drei Stunden zu lernen. In der Oberstufe sei ihm dies zugutegekommen, keine Frage. Er ist schon sehr dankbar…aber sein Urvertrauen? Der leibliche Vater entzieht sich seiner Verantwortung und überlässt es den Frauen und ungeborenen Kindern, „in Schande“ zu leben. Dass es solche Formulierungen und Denkweisen überhaupt gab und wohl zum Teil auch noch gibt, ist schon schlimm genug. Zeit seines Lebens fühlt er sich verpflichtet, dankbar zu sein. Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein absoluter Befürworter von Dankbarkeit und Demut. Nur mag ich es nicht, wenn man Kindern so eine Verpflichtung per se aufzwingt. Was er allerdings gelernt hat, ist opportun zu sein. Er hat schon früh lernen müssen, wie wichtig es sein kann, nicht aufzufallen und angepasst zu sein – schlichtweg, um zu überleben. Denn wenn die eigene Mutter ständig erwähnt, dass sie ruckzuck wieder alleine dastünden, wenn er nicht brav lernen und auch sonst nicht weiter negativ auffallen würde, dann versucht man natürlich alles, um bloß nicht anzuecken.

Weil ich so anders bin und war, als meine Familie das wollte, habe ich jahrelang fest daran geglaubt, adoptiert zu sein. Das konnte beim besten Willen nicht meine Ursprungsfamilie sein. Dazu half der Satz meiner ätzendsten Tante auch kein bisschen: „Ich weiß nicht, womit mein Bruder ein Kind wie Dich verdient hat!“ Ich wurde nicht aufgeklärt, was ich denn genau falsch machte. Ich weiß es bis heute nicht. Es half ebensowenig, wenn meine Mutter meinte: „Die Leute denken nachher noch, wir hätten ein behindertes Kind!“ Und das nur, weil ich den Weg zur Schaukel vor Freude schreiend zurückgelegt habe. Auch wenig hilfreich war der regelmäßige Satz meines Vaters, weil ich nicht die Gabel so hielt, wie er das wollte: „Du bist ein Spastiker!“
Wenn ich das so schreibe, merke ich selbst, wie bitter das klingt. Dabei werde ich immer „feiner“ damit. Ich versuche leider immer noch, es vielen recht zu machen. Aber opportun sein, kann ich nicht. Manchmal wünschte ich mir das, weil mich das Gegenteil natürlich auch verdammt viel Energie kostet. Aber weil ich mich so häufig ungerecht behandelt gefühlt habe, kann ich Ungerechtigkeiten wohl so wenig leiden…wobei ich mir manchmal schon wünsche, mich für meine Belange so stark einzusetzen, wie ich das für die Belange anderer tu´. Was ich damit meine? Unter anderem meine jetzige Situation. Bin ich überzeugt davon, dass die Arbeitswelt da draußen auf mich wartet? Aber so was von gar nicht! Ich lenke mich ab, weil ich so viele Ängste habe, abgelehnt zu werden. Um nicht die Vermeidungsstrategie zu fahren, die ich leider häufig anwende, habe ich es dieses Mal an verschiedenen Stellen laut gesagt – und auch hier geschrieben: Ich suche mir was Neues. Damit setze ich mich selbst unter Zugzwang, weil ich keineswegs wortbrüchig werden will. Irgendwie verrückt, dass ich mich selbst übers Ohr hauen muss, um endlich den Sprung zu wagen. Wie heißt es so schön? „Angst beginnt im Kopf. Mut auch.“ In diesem Sinne habe ich mich heute überwunden und meine erste Bewerbung verschickt. Meine Chancen stehen nicht allzu gut für diesen Job. Viel wichtiger ist allerdings, es einfach jetzt gewagt zu haben. Was mein Herz dabei bereichert, sind gute Menschen, die mir Mut zusprechen. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ – oder einfach: Was ich wohl an Urvertrauen vermisse, füllen manche wertvollen Menschen für mich auf. Das macht mich dankbar…und ein bisschen mutiger.

Ich kenne viele vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensstarte. (Dieses Pluralwort musste ich doch echt nachschlagen…hätte auf „Starts“ getippt, war aber falsch. 🙂 ) Je mehr ich mich mit vollkommen anderen Menschen unterhalte, als denen, mit denen ich groß geworden bin, umso mehr steigt meine Toleranz. Das heißt nicht, dass ich für jeden Deppen Verständnis aufbringen möchte. Nur manches erklärt sich dann doch, wenn man die Menschen ein bisschen besser kennt bzw. man mehr von den Menschen und ihrer Geschichte erfährt.
Ich wünschte, alle hätten einen guten Start in dieses Leben. Dann gäbe es immer noch falsche Abzweigungen, dumme Entscheidungen oder schlimme Schicksalsschläge. Nur wären die Chancen größer, wenn wir alle nur so vor Urvertrauen strotzen würden. Und Urvertrauen heißt nicht Arroganz, sondern vielmehr vereinfacht: Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt. Wenn wir mehr davon hätten, würden wir auch nicht immer mehr vereinsamen – ein Phänomen, das in der Tat weit gefährlicher ist, als man landläufig meint. Einsamkeit verursacht nämlich auf Dauer Stress, der das Herz-Kreislauf- und Immun-System schwächt. Also lasst uns gemeinsam was dagegen tun, lasst uns auf Menschen zugehen, mit ihnen Zeit verbringen und sie bestärken. Davon haben wir am Ende dann auch alle was. Jo…so sieht meine Idealwelt aus. Schauen wir mal, was daraus wird. Jede Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt…

„Wir sind bestens aufgestellt“

„Du wirst uns fehlen, Sophia! Die im Kindergarten werden staunen, wenn sie Dich kennenlernen!“ Ist das nicht toll? Ich wünschte, das würde man zu allen Kindern sagen. Ach, was red´ ich? Zu allen Menschen! Wo ich das gehört hab´? Na, auf einem Schaufelraddampfer am Ammersee. Mir war vorgestern wieder nach Wasser zumute. Ich brauche Wasser und Wind, wenn ich nachdenken will. Und das wird wohl wieder Zeit.

Montag gehe ich brav wieder zur Arbeit. Nicht, weil ich wirklich wieder fit bin. Immerhin bin ich negativ getestet. Schnupfen und Husten werden mich – laut Prognose – noch ein paar Wochen begleiten. Ich habe einfach keine Lust, länger auf meiner Couch zu bleiben. Und meine geplanten Schulungen will ich nicht weiter schieben. Immerhin will ich die Azubis abgeben. Dafür muss die Kollegin zumindest mal daran teilnehmen. Nächste Woche ist sie in Urlaub. Daher muss das jetzt sein. Die Begrüßung eines Kollegen fällt sehr nett aus: „So, wie Du aussiehst, solltest Du besser ins Bett.“ Ach ja, ich liebe sie auch alle…wobei sie ja recht haben.
Meine Chefin spricht mich wieder auf meine Überstunden an, was ich brav wegnicke. Es ist mir gerade einfach egal. Die Azubis nerven in Teilen. Es sind auch Nette dabei. Aber einige von ihnen sind dicke-Eier-Kartoffelsalat-Typen. Naja, 14 Testosteronis auf einen Haufen, sind wohl immer eine Herausforderung. Und einer ist dabei, der absolut von sich überzeugt ist. Er würde der neue Vorstandsvorsitzende werden. Dabei stört er permanent, ist zu cool für diese Welt und auch nicht die hellste Kerze auf der Torte. Dafür hat er die Haare schön – immerhin. Er ist Typ Mensch, der maximale Gewinne einfahren will, ohne dabei auch nur einen Finger krumm zu machen. Und alles ist dabei dann immer unfair. Davon gibt es leider schon genug. Mehr von dem Kaliber brauche ich nicht. Später erfahre ich, dass er beim Ausbildungsleiter auch schon nachgefragt hat, wie er Vorstandsvorsitzender werden könne? Wir reden hier vom ersten Lehrjahr. Und ja, ich mag Ambitionen. Selbstüberschätzung nervt mich hingegen immer mehr an.
Abends bin ich dann so richtig platt. Aber Mittwoch ist eben der Tag, weswegen ich vor allen Dingen da sein muss: Das Gespräch mit dem Personalchef steht an. Mittlerweile habe ich meine Bewerbungsfotos fertig. Aber bevor ich was verschicke, will ich schauen, ob meine Firma nicht doch den Knall gehört hat. Der Herr ist freundlich, ich bekomme ein Wasser angeboten. Vermutlich muss ich dafür die nächsten zehn Jahre dankbar sein? Doch als es ans Eingemachte geht, kassiere ich nur große Augen. Nein, wir hätten keinen Bedarf. Wir seien bestens aufgestellt. Ja, psychische Belastungen seien durchaus ernst zu nehmen, aber da haben wir ja eine Dame, die dafür zuständig sei. Die ist zwar in Teilzeit da und für 5.000 Leute zuständig, aber damit sind wir dann eben bestens ausgestattet. Liegt an meinen schlechten Rechenkünsten, vermute ich. Präventivarbeit? Naja, alle Führungskräfte würden ja einmal in ihrer Karriere einem Vortrag verpflichtend beiwohnen müssen, in dem es um Sucht gehe. Das sei ein echter „eye opener“. Eine Pflichtveranstaltung. Naja, danach ist man dann ja ein Experte im Umgang mit Sucht. Unsere psychische Gefährdungsbeurteilung ist grottig ausgefallen. Die Mitarbeiter haben mitgeteilt, dass sie überfordert seien. Aber klar, wir haben keinen Handlungsdruck. „Wir sind bestens aufgestellt.“ Sind die ignorant? Arrogant? Saudumm? Völlige Sozialkrüppel? Sei es drum… es soll nicht sein. Dann darf ich jetzt schauen, welche Firmen so weit sind, sich wirklich um ihre Mitarbeiter zu kümmern. Nicht nur auf dem Papier – denn da tun das komischerweise ja alle.

Um darüber nachzudenken, wo ich tätig werden will, brauch´ ich eben Wind und Wasser um mich herum. Meine Chefin, aber auch andere Kollegen sind völlig schockiert von der Haltung des Personalchefs. Ich spiele am liebsten mit offenen Karten, daher wissen einige Bescheid. Ich hasse Sätze im Anschluss, wie: „Hätte sie doch mal was gesagt. Das hat ja keiner kommen sehen!“ Es ist, wie in den meisten Beziehungen, wenn dann eine Partei urplötzlich aus allen Wolken fällt. Damit tu´ ich mich schon immer schwer.
Jeder meiner eingeweihten Kollegen wünscht mir Glück – auch wenn ich Donnerstag beim Betriebsfest Sätze höre, wie: „Ich wünsche Dir das Beste… aber mir, dass Du so schnell nichts Neues findest.“ Ich weiß, wie ich das zu verstehen habe und nehme es dem Kollegen nicht einmal übel. Ein Satz hat mich besonders gefreut: „Selbst wenn Du für den neuen Job umziehst, sollte Dir klar sein, dass Du mich nicht mehr los wirst!“ Wenn das mal keine nette Bekundung ist. Gut, hätte Heinz den Satz geäußert, käme er einer Drohung gleich. Er ist aber auch nicht eingeweiht. Seine Freudentänze darf er dann aufführen, wenn es so weit ist.
Jetzt könnte man mutmaßen, dass es dumm und naiv sei, diese Thematik so offen zu verlautbaren. Für mich ist es wichtig, das Ganze laut auszusprechen, denn dann wird es Wahrheit…und setzt mich unter Zugzwang. Ich kann natürlich weiterhin schimpfen und Missstände beklagen. Nur wenn ich ein Angebot unterbreite mit den Worten: „Bevor ich mich auf dem Markt umschaue, wollte ich zunächst im eigenen Hause schauen“, dann muss ich danach auch so konsequent sein, die nächsten Schritte einzuleiten. Schnellschüsse sind dabei natürlich nicht mein Ding. Ich würde auch niemals kündigen, ohne was Neues zu haben. Meine Sis war schon besorgt, es könnte mich eiskalt erwischt haben, aber das hat es erstaunlicherweise nicht. Im Grunde weiß ich doch schon länger, dass es so nicht weitergeht und diese Firma – wie viele andere auch – Wasser predigt und Wein säuft. Wenn nur nicht der ganze Rattenschwanz daran hinge: Wo suche ich? Ziehe ich dafür wieder um? Was will ich eigentlich wirklich? Bewerbungen zu schreiben, ist das Eine – Absagen zu kassieren das Andere. Mein Lebenslauf sieht dieses Mal völlig anders aus als alles Bisherige. Er ist provokant und zeigt tatsächlich das, was der Arbeitgeber erwarten kann. Kein Chichi, kein Angebiedere…und dennoch habe ich natürlich Angst und Zweifel. Und andererseits ist da dieses Gefühl in mir, das sagt: Es wird sich alles fügen! Warum auch nicht? „Et hätt noch emmer jot jejange“, denkt der rheinische Anteil in mir. Ob es die letzte Schleife ist, die ich drehen muss, weiß ich nicht. Auf zu neuen Ufern…mal sehen, wohin der Wind mich wehen wird. Ich freue mich…auch wenn ich unsicher bin. Raus aus der Komfortzone, gell?

Erwischt

Die Rückreise mit all ihren Tücken und Nickeligkeiten liegt hinter uns. So eine Rückreise ist ja jetzt kein Highlight. Es ist eher ein notwendiges Übel. Wir vertreiben uns die elende Wartezeit mit Namensgebung anderer Leute. Manchmal stellen wir auch ihre Dialoge nach. Bisweilen glaube ich ja schon, wegen meines Mundwerks irgendwann in die Hölle zu gelangen. Mein Neffe sichert mir diesen Ort in jedem Fall zu. Bei sich selbst bleibt er eher skeptisch. Er sei ja nicht so böse wie ich. Is klar… Ich wette alles, was ich habe, darauf, dass wir uns später dort treffen und das Regiment übernehmen werden.
Unser Flug geht mit über einer Stunde Verspätung los. Die Toiletten funktionieren dieses Mal, aber die Unterhaltungselektronik wieder nicht. Das wird aber nicht einmal mehr erwähnt. Das kekst mich schon irgendwie, aber ich versuche ohnehin, einfach nur zu schlafen. Wie sagt mein kleiner Neffe so schön? Auf so einer Reise siehst Du Gottes komplettes Tierreich. Es gibt die Ruhigen, genauso wie die Egozentriker. Es gibt die Lauten und Genervten. Und es gibt diejenigen, die ihren Sitz von der ersten Sekunde an nach hinten knallen – auch für ihre Kinder. Egal, wie eng es für die Leute dahinter wird. Und erst die Stewardessen können dann darauf hinwirken, während der Mahlzeiten die Rückenlehnen senkrecht zu stellen, was sie vorher eigenartigerweise nicht verstehen konnten. Das passiert alles links von mir. Dabei ist der Herr, der echt eingeengt da sitzen muss, keiner, mit dem ich spaßen würde. Ich wette darauf, er hat früher geboxt. Zusätzlich zu der typischen Boxernase hat er auch noch auf den rechten Oberarm „game over“ tätowiert. Manchen Humor mag ich ja besonders gern.
Auch die Deutsche Bahn enttäuscht uns nicht, weil sie natürlich völlig überfordert ist. Der ICE ist gerappelt voll mit Leuten, die sogar im Gang sitzen…also nicht auf einem Sitz, sondern einfach auf dem Boden. Versucht da mal, mit einem fetten Koffer zu rangieren. Es ist eine ganz eigene Studie für sich, die sich uns da bietet. Der Bimmelzug, den wir dann trotz Verspätung und Abhetzerei noch bekommen, startet ohne ersichtlichen Grund auch noch später. Als die Durchsage kommt: „Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis“, schnauzt eine Omi rechts von mir: „NEIN!“ Und ich kann sie verstehen. Es ist in den letzten Monaten kaum ein Zug/ eine Bahn pünktlich losgefahren.
Ich bin total geflasht von den Menschen in der Bimmelbahn. Kinder, die selber schon Kinder haben und Typen, denen ich im Hellen schon nicht begegnen möchte – geschweige denn im Dunkeln. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift: „Ich hasse Menschen!“ So was kann man sich doch nicht ausdenken, das glaubt einem ja niemand. Er geht auf seinen schmierigen Kumpel zu und mault los: „Haste auch so´n Scheißtag?!“ Der nickt und erkundigt sich, woran es denn beim Menschenhasser liege? „Meine Bewährungshelferin hat den Termin kurzfristig abgesagt.“ Bei „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ denke ich immer, solche Dialoge habe sich ein Gehirnamputierter ausgedacht, aber weit gefehlt. So sieht bisweilen die Realität echt aus. Der andere raunt: „Hab´ auch gesessen, weil die Arschlöcher mich erwischt haben.“ Äääääh…wo bin ich hier??? Da sag´ mal einer, man müsse weit wegfliegen, um was zu erleben. Es reicht, einfach in die Regionalzüge zu steigen und den Menschen zu lauschen. Dafür muss man sich nicht einmal anstrengen, denn sie reden gerne besonders laut. Willkommen in der ehemaligen Heimat…
Um 17 Uhr sind wir bei meiner Sis, um 19:30 Uhr liege ich im Bett, um zwei Uhr geht´s wieder los Richtung München, denn da müssen wir am nächsten Abend zu einem nachgeholten Konzert. Ihr seht schon: Es geht weiter, wie ich aufgehört habe – turbulent. Das Konzert hätte vor zwei Jahren stattfinden sollen. Und als meine Sis und ich so auf dem Tollwood-Gelände stehen, fallen mir gleich mehrere Sachen auf. Es scheint Corona gar nicht mehr zu existieren, was ein gewisses Maß an Freiheit verspricht. Leider ist meine Nase nicht mehr an dieses Bouquet an Düften gewöhnt. Und irgendwie klappt alles auch ganz gut – inklusive öffentlichen Verkehrsmitteln. Plötzlich springt es mich regelrecht an. Melissa spielt die ersten Töne, und mir schießen die Tränen in die Augen. Das letzte Konzert haben wir vor 20 Jahren besucht, als meine Sis gerade erfahren hatte, schwanger zu sein. Sie hat damals nichts gesagt, sondern war einfach nur herrlich überdreht. Melissa hat mir vor 30 Jahren meinen Sommerurlaub gerettet. Ich musste alleine mit meinen Eltern in Urlaub fahren, weil meine Sis Betreuerin in einem Sommerlager war. Was habe ich mich gewehrt…nur genutzt es hat nichts. Ich musste. Frisch getrennt von meinem ersten Freund, habe ich frustriert auf der Rückbank gesessen und die Kassette von Speelchens Brieffreundin rauf und runter gehört. Ein Wunder, dass das Band nie gerissen ist. Es war ihr Debütalbum, das ich Wort für Wort mitsingen konnte. Entsprechend schnürt es mir in meiner Sentimentalität hin und wieder den Hals zu. Diese Frau, die nun 61 Jahre alt ist, hat so viel Feuer im Hintern, so viel Leidenschaft in sich, dass ich sie regelrecht vergöttere. Sie wechselt dauernd die Gitarren, spielt Mundharmonika und betätigt sich nachher noch am Schlagzeug. Dazu ihre einzigartige, unverwechselbare Stimme…da kommen echt viele Erinnerungen hoch. Ich bin so was von dankbar, das hier erleben zu dürfen.
Am nächsten Morgen (Dienstag) komme ich sogar ganz gut vom Sofa (mein Bett wird von meiner Sis und Schwager belegt). Alles scheint gut zu laufen…bis…ja, bis Donnerstag. Morgens kratzt mein Hals wie blöde. Mittags kommen Kopfschmerzen hinzu. Nach der Arbeit schleppe ich mich zum Testzentrum und dann nach Hause, nur um wieder umzukehren, denn nun benötige ich auch noch einen PCR-Test. Oh man. Und ja, auch der ist positiv. Ich war mir ja ohnehin sicher, dass es uns alle früher oder später erwischt. Aber dann erwischt es eben mich. Die Temperatur steigt, das Schlafen geht kaum. Und so krebsel´ ich dann durch die Tage. In eine Praxis darf ich nicht, eine Krankmeldung benötige ich dennoch. Dazu muss ich meinen positiven PCR-Test an die Praxis schicken – gerne auch per Fax. Wer hat bitte schön ein Faxgerät Zuhause??? Die wenigsten. Und dann beginnt das Warten auf den Rückruf eines Arztes. Durch das Wochenende und die steigenden Infektionen zieht es sich bis Montagabend 18:36 Uhr. Ja, da war noch eine Ärztin da. Und nein, die Krankmeldung könne mir nicht geschickt werden. Ich müsste sie abholen. Häää? Ja, sie fänden das auch doof, aber so sei die derzeitige Gesetzeslage. Dienstagmorgen fahre ich also los. An diesem Tag fühlt sich mein Hals erstmalig nicht mehr wie rohes Fleisch an. Immerhin ein Teilerfolg. Wenn heute Abend dann endlich meine Temperatur nicht mehr ansteigt, werde ich dankbar sein…man wird so genügsam mit dem Alter. Ich betrete mit FFP2-Maske den Eingangsbereich und reiche meine Karte an die Sprechstundenhilfe. Die Gute wird panisch, verschüttet jede Menge Desinfektionsmittel über ihre Hände und die Anrichte, dass ich mutmaße, an offener Tuberkulose zu leiden. Sie bittet mich, draußen zu warten, dann würde sie mir die Bescheinigung rausbringen. Natürlich kann sie nichts dafür. Die Ärzte auch nicht. Aber das System ist langsam etwas arg verrückt, oder? Ich tüte alles brav ein, wische mir den Schweiß von der Stirn, der durch diese paar Schritte schon hervorgetreten ist, und gehe zum Briefkasten. Man, freue ich mich gerade auf meine Couch. Ich schicke vorab eine Mail an meine Chefin und aktiviere meinen Abwesenheitsassistenten. Und was machen zwei meiner Kollegen? Sie schreiben Mails, weil sie noch was brauchen. Gut, sie schreiben mir auch so was, wie „gute Besserung“. Aber in erster Linie benötigen sie mal wieder was. Und was mache ich? Ich, dumme Nuss, lese und beantworte meine Mails sogar. Dabei ist mein Job so was von unwichtig. Manchmal verstehe ich mich selbst kein bisschen. Aber dafür hat der Personalchef mittlerweile zugesagt, mit mir zu sprechen. Allerdings soll ihn wohl auch Corona ereilt haben. Hoffen wir mal, dass wir nächste Woche beide wieder fit sein werden. Irgendwie hatte ich es mir leichter vorgestellt…war es aber nicht. Also: Passt gut auf Euch auf, gönnt Euch Ruhe…und schwelgt in alten Zeiten. 🙂 Wenn das alles nichts hilft, hilft Streamen vielleicht? Probiert´s aus, sollte es Euch erwischen. Jede*r hat da so ihre/seine eigenen Mittelchen. Und erlaubt ist, was hilft.

up in the air

Die Zeit geht durchaus auch rum, wenn man sie verbummelt. Kaum zu glauben, aber echt wahr. Heute Morgen bin ich schon zeitig wach und kann nicht wieder einschlafen. Nervosität ist es nicht, auch wenn der Tag aufregend zu werden verspricht. In Ruhe gehen wir zum Frühstück, nehmen aber nur etwas Obst zu uns. Man weiß ja nicht, wie unsere Mägen später reagieren werden, obwohl ich zuversichtlich bin. Gerade ist hier Mangozeit. Es gibt sie in Scheiben zurechtgeschnitten… direkt neben den Ananasstücken. Herrlich! Mein Neffe bevorzugt Melonen, auf die ich gut und gern verzichten kann. Aber frisches Obst, zurechtgeschnitten direkt aus der Gegend, ist einfach unschlagbar. Das dürfte gerne jemand für mich Zuhause fortführen. Gibt’s schon Freiwillige?

Und dann geht’s auch schon los zur Lobby, denn wir wollen fliiiiiiiiiegen. Yfranzt quatscht uns noch an. Witziger Name, oder? Das ist irgendein Typ vom Travelteam. Der fragt, wo der Papa des Jungen sei? Bei der Mama, mutmaße ich. Ob ich verheiratet sei? Nö. Kinder? Nö, mir reichen die beiden Jungs meiner Sis. Aaaah…si claro. Hier sind alle vollkommen enfriada. Nichts geht zackig, jeder hat Ruhe für 20. Auf Dauer würde ich das nicht aushalten. Aber für den Urlaub ist das mal ok. Unser Fahrer sammelt uns ein, und wir stellen vergnügt fest, dass wir die Einzigen aus unserem Hotel sind. Kein Moto Moto – juchuuuuuu! Man wird so genügsam mit der Zeit, oder? Klar, der Trip hat auch nichts mit Sauftour zu tun. Das wäre in dem Fall eher hinderlich. Nach 20 minütiger Fahrt kommen wir an und können die Helikopter schon stehen sehen. Wir haben Glück, da wir nur zu viert fliegen. Drei sitzen hinten, einer vorne neben dem Piloten. Sie weisen uns die Plätze zu, und ich darf echt nach vorne! Das klingt doppeldeutig, aber ich könnte jederzeit nach dem Knüppel greifen. 🙃 Mir scheint die Sonne aus dem Hintern. Als wir starten und langsam abheben, frag ich mich noch, wie einem hierbei schlecht werden kann? Es ist einfach nur grandios. Und schon fliegen wir über den Dschungel Richtung Berge. Die Sicht ist atemberaubend. Ich glaube echt, ich könnte im Wechsel fliegen und übers Meer schippern. Es fühlt sich beides wunderbar an. Was sind wir für Glückskinder!!!

Wir fliegen über einen Wasserfall, wo der Pilot lässig drei Runden dreht, bevor es wieder weitergeht. Und dann landen wir an einem Strandabschnitt, auf dem es lediglich ein paar Vogelfußspuren gibt. Zunächst müssen wir warten, bis die Rotorblätter zum Stillstand gekommen sind. Als wir aussteigen, ist mein Neffe etwas blass um die Nase, was mich total verwundert. Ihm machten der Start und das Landen wohl zu schaffen. Ich hab’s hingegen nur genießen können. Er bleibt entsprechend erstmal im Schatten, während ich am Strand entlang loslaufe. Hammer, hier sind keine Fußspuren, dafür diverse Leichen. Keine Sorge, keine menschlichen. Es sind Krebse, die hier im großen Stile ihr Leben lassen mussten. Auf einmal kommt mir ein Hund entgegengelaufen, der mich aber völlig ignoriert. Als ich später zurückkehre, liegt er bei meinem Neffen. Auf den hat er sich zunächst wohl draufgelegt, was ich zu gerne gesehen hätte. Ich gebe dem Süßen etwas von meinem Sandwich ab, was er begeistert schnabuliert. Allzu oft wird er wohl kein Futter bekommen, wie er aussieht. Ohne zu betteln, liegt er neben uns und knurrt nur kurz, als der Kokosnuss-Verkäufer erscheint. Als wir nach einer guten Stunde wieder losdüsen, bellt er den Helikopter erstmal an und läuft dann auf uns zu. Leider nehmen wir ihn nicht mit. 60 Minuten Hinflug, 40 Minuten Rückflug macht 100 Prozent gute Laune bei mir. Perfekt.

Ich werde noch ein paar Punkte auf meine Liste schreiben müssen. Ein richtiger Segeltörn steht noch auf meinem Programm. Und eine Safari ist auch noch mein Wunsch. Freiwilligenarbeit in Kenia natürlich. Mal schauen, was noch alles kommen wird. Wir schlendern heute nur noch zum Pool, um ein wenig zu relaxen. Und hierbei ist mein Neffe mein Wing-Man. Wenn er an meiner Seite ist, ist alles harmlos. Da er rasch aufs Zimmer will, bleibe ich mal allein. Als ich zurückgehe, entsteht das Gespräch, das nur in südlichen Ländern so abläuft. Er: „Hey Lady, where is your husband?“ Ich: „I don’t need one.“ Er: „Why do woman say so? We all need love.“ Wenn der meinen Fuhrpark kennen würde… Ich winke lächelnd ab. Er: „Please give me your number.“ Ich: „I am too old for that.“ Nein, sei ich nicht und bla… bis: „I think you need love. Let me make love to you.“ Ääääh….nö. Bislang bin ich verschont geblieben, weshalb ich jetzt auch nicht genervt bin, sondern nur lachen kann. Ich bin froh, wieder sicher bei meinem Neffen anzukommen. Da sag mal einer, hier erlebt man nix. 😁 Ab jetzt ist nur noch Chillen angesagt. Auch ok… wobei ein bisschen Action schon auch was für sich hat. Mal schauen, was wir noch alles erleben und entdecken. Mir geht’s jedenfalls rundum gut.

Moto Moto on the boat

Es könnte so schön sein… wenn manche Menschen einfach tot umfallen würden. Wahlweise könnte auch ein Hai sie fressen. Ich bin auch offen für die Schiffsschraube. Dafür hat mein Neffe mir auch schon mit der Hölle gedroht. Und ich sag ganz entspannt: Lass kommen. 

Aber von vorn. Heute ist unser Tag für die Yacht. Es geht zu einer wunderschönen Insel. Da ist es auch egal, ohne Frühstück raus zu müssen. Da es eine rein deutsche Tour ist, verwundert es auch nicht, dass wir allesamt früher da sind und dadurch fünf Minuten vor der Zeit starten. Ein Blick aus dem Busfenster kündigt schon meine schlimmste Befürchtung an: Ein Vollpfosten, wie er im Buche steht, steigt ein. Wir haben ganz Deutschland, die Schweiz und sogar Österreich vertreten. Nur Moto Moto, wie wir ihn liebevoll taufen, fällt aus dem Rahmen. Wer Moto Moto nicht kennen sollte, kann sich gern auf Youtube anschauen, wen bzw. was wir meinen.

Das Einzige, was ihn interessiert, ist Rum. Warum ballert er sich nicht Zuhause allein damit die Rübe weg? Da wäre allen geholfen. Wir fahren eine ganze Weile mit dem Bus, während uns Franklin, unser Guide, einiges über Land und Leute erzählt. Er sieht aus wie der ältere Bruder von Denzel Washington und ist langmütig wie der Dalai Lama. Er berichtet, dass 53 Prozent der Dominikaner ein Problem mit den Ohren habe, was wohl geh genetisch bedingt sei. Aufgrund dessen würden die Dominikaner Stille hassen. Es müsse alles laut sein. Ein Mofa, das zu leise sei, würde man am Auspuff bearbeiten oder einfach Büchsen anhängen. Sachen gibt’s. Wie viele Haitianer in der DomRep leben würden, wisse keiner so genau. In Haiti seien sie noch ärmer, daher würden sie rüberkommen und die niederen Arbeiten übernehmen. Die Zuckerrohrplantagen würden durchweg von ihnen bewirtschaftet. Die Regierung sei korrupt, weshalb sie auch gar nicht danach schauen würden, wieviele Haitianer hier seien. Immerhin wären jetzt mittlerweile Schulen für ihre Kinder errichtet worden – nach Jahrzehnten ohne Schulbildung. Dabei war Haiti bei der Gründung durch die Franzosen viel reicher als die DomRep, weil die Spanier durch teure Kriege in Europa nahezu bankrott war. Daher konnten sie sich auch keine Sklaven leisten – im Gegensatz zu Haiti. Durch die Sklaven sei die vorrangige Religion auch bis heute dort Voodoo. So was finde ich ja spannend und verkürzt die Busfahrt ungemein.

Ich erkenne einmal mehr, dass ich kein Guide sein wollte. Es gibt immer diese Moto Moto Typen, die alles sprengen, immer zu laut sind, alle nerven und unverschämt rumpöbeln. Wäre nichts für mich. Ich wäre da erzieherisch unterwegs, was ja nicht ginge. Wir besteigen ein kleines Motorboot, das uns zur Yacht bringt. Das allein ist schon abenteuerlich, denn bei Wellengang vom kleinen Boot auf die Yacht zu wechseln, ist nicht so einfach, wie es klingen mag. Moto Moto fragt natürlich gleich nach den Vitaminen (=Rum). Die Crew stellt es in 5 Minuten in Aussicht. Wie ein guter Spritti zählt er laut die Minuten runter. Fremdscham macht sich breit. Die vier Leute, die mit ihm unterwegs sind, sind ok. Nur er prollert durchgehend rum mit Rum. Distanz ist ein Fremdwort für ihn. Mit jeder weiteren 1:1 Rum-Cola-Mischung steigen Lautstärke und Distanzlosigkeit. Zwischendurch bietet er – besoffen plump subtil durchgeführt – meinem Neffen so eine Mischung an, der ablehnt. Ich wette, der Rum hat mehr Promille als er IQ, aber gut. Mein Neffe darf hier trinken, was er möchte. Ich halte ihn von nichts ab. Dann höre ich den Vollidioten laut flüstern, Lennys Mutter müsste ja nichts mitbekommen. So was liebe ich ja. Der Kleine stellt klar, ich sei seine Tante, nicht seine Mutter. Er wolle einfach nicht. Kotzen mich solche Typen an…

Auf der Insel, die traumhaft schönen weißen Sandstrand bietet und dazu kristallklares Wasser, bringe ich erstmal Abstand zwischen ihn und mich. Das Schwimmen meide ich wieder und verbrenne mir trotz Sonnenschutz und nur 20 Minuten am Strand den Nacken, Hals und Arme. Ich rette mich in den Schatten, wo auch der „Kühlschrank“ wartet – eine Kühlbox mit Softdrinks und Rum. Moto Moto hat dort seinen x-ten Besuch und gibt meinem Neffen schon Zeichen, der den Kopf schüttelt. Ich sage: „Er darf, möchte aber nicht.“ Moto Moto mault direkt los: „Hab ich was gesagt?“ Oooh, wie ich Besoffene liebe, die meinen, sie seien so unauffällig. Ich antworte: „Nö, gerade hast Du nichts gesagt, aber vorhin.“ Dafür ernte ich ein: „Du bist ganz schön garstig.“ Und Du ein dummes, ungehobeltes Schwein, könnte ich sagen… tu ich aber nicht. Beim Weggehen raunt er noch: „Bleede Kuh, bleede.“ Wer mit Alkohol nicht umgehen kann, sollte es lassen. Zwischendurch schnauzt er den Kellner noch an, er habe doch vier Rum-Cola gesagt, nichts ein. „So a Depp, so a Bleeder!“ Widerlich. Bei der nächsten Runde labert er die Leute hinter uns voll, dass wir ja viel zu wenig Zeit auf der Insel hätten. Und dann fragt er laut: „Wie geht’s n Euch mitm Scheißen?“ Es folgt eine Schocksekunde und dann die Ergänzung: „Ich hob a ganz an sensiblen Moochn. Außerhalb von Europa geht nix. Ich scheiß hier aber jedn Dooch mehrfach.“ Er ist ein widerliches Schwein. Ihn kümmert es nicht, wie pikiert die Leute schauen. Auf den Sandbänken später im Meer möchten seine Freunde einfach ruhig entspannen, aber das kann er ja nicht. Permanent mit zur Schau gestellter Kimme, weil die Hose zu klein ist, lässt er sich ins Wasser fallen, schubst seinen besten Kumpel und lässt laut die Böhsen Onkelz laufen. Gut, von jemandem, der den FC Bayern mit Eichenkranz auf dem Oberarm tätowiert hat, erwarte ich auch keine andere Musik, aber wir sind 31 Leute auf der Yacht. Wir richten uns natürlich gerne nach dem Arschloch. Er schleppt sich nach oben, wo ich hocke und rülpst so laut, dass ich befürchte, es käme Land mit. Ein Crew-Mitglied schaut mich mit aufgerissenen Augen an. Ich schüttel den Kopf und sage: „Mal hombre…loco en su cabeza. No ne gusta!“ Der nickt: „Muy enojado.“ Der Freundin seines Kumpels rät er, ihre „Möppele“ besser einzucremen, da die schon rot seien. Er würde das für sie übernehmen, sie bräuchte sich auch nicht so zu zieren. Versteht Ihr nun, warum ich die Lösung mit der Schiffsschraube präferiere? Auf der Rückfahrt sagt einer laut im Bus zu ihm: „Halt endlich die Fresse!“ Stunden zu spät, aber immerhin.

Mein Erfolgserlebnis des Tages: Ein Dominikaner fragt mich tatsächlich, ob mein Neffe mein Freund sei? In der DomRep ist so ein Altersunterschied gar nicht so selten. Oh mein Gott! Meine Erkenntnis des Tages: Vermutlich wäre selbst die Schiffsschraube an Moto Moto gescheitert. Eine weitere Erkenntnis: Ich bin und bleibe ein Weißbrot, das höchstens rot wird, was auch kein Sonnenschutz verhindern kann. Ich schwanke nach der langen Bootsfahrt noch stundenlang innerlich. Ich liebe das Meer… auch wenn ich hier schneller verbrenne. Das ist mein Element und bleibt es wohl auch. Und jetzt? Genieße ich noch eine Piña Colada…mmmh.

Endlich Urlaub

Ach, ich liebe die Karibik. Es ist zwar heiß, aber das macht so gar nichts. Warum? Weil man es dann einfach chilliger angeht. Und das tun wir.

Die letzten Tage vor der Reise waren noch alles andere als entspannt. Ich hab mal wieder registriert, dass mein größter Gegenspieler ich selbst bin. Das nervt, aber gut, ich kenne es ja schon länger. Der Personalchef hat auf meine Einladung eine Woche lang nicht reagiert. Sollte er das nach meiner Rückkehr immer noch nicht getan haben, sage ich den Termin aktiv ab. Entschuldigungen, wie „so was macht der Assistent von ihm“, sind mir vollkommen einerlei. Keine Ahnung, wieviele Zeichen ich noch benötige? Das Verhalten meiner direkten Kollegen hat mir echt auch deutlich vor Augen geführt, wie wenig Gespür für andere bei ihnen vorhanden ist. Erschreckend… und ich bin es so müde, ihnen das zu erklären. Sie waren schon betroffen, als ich ihnen gespiegelt habe, wie respektlos ihr Verhalten sei. Doch das bringt keinerlei Veränderung. Warum soll ich mich dann weiter abmühen?

Die Fahrt zu meiner Sis hat die Deutsche Bahn mit nur 15-minütiger Verspätung geschafft. Dafür war der Weg zum Flughafen mehr Nervenkitzel. Doch wir hatten genug Puffer eingeplant, weshalb es dann doch noch gut funktioniert hat. Wir starten mit einer Stunde Verspätung und der ersten Durchsage an Bord, dass nur die hinteren Toiletten funktionieren. Die vorderen seien defekt. Äääääh… ach ja, und das Entertainment sei leider auch ausgefallen. Das heißt: Keine Filme, keine Musik, kein Laden von elektronischen Geräten. Ich frage mich, wieso Condor solche Maschinen über die Pandemie nicht hat generalüberholen lassen? Da ich bis zuletzt Sorge hatte, dass noch was dazwischen kommt, bin ich jetzt zu entspannt, um mich darüber aufzuregen. Die meiste Zeit über hab ich einfach die Augen geschlossen – wie mein „kleiner“ Neffe auch. Was nervt, ist die Familie im Vierer neben uns. Und ja, ich weiß, dass das familienfeindlich klingt. Der große Sohn ist ein hyperaktives Kind. Mehr noch aber nervt der Vater, der den Jungen animiert, den Gang hoch- und runterzuflitzen. Er macht es auch nicht besser mit seinen doofen Fragen, wie: „Oooh man, wann fliegen wir denn endlich lo-hooos? Ich will endlich da sein! Das dauert mir zu laaaangeeeee!“ Wohlgemerkt sagt das der Vater. Beim Kartenspielen dreht er den Jungen (ich schätze ihn auf vier oder fünf) so sehr auf, dass der dann einen Tobsuchtsanfall hinlegt. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft der Junge Nein geschrien hat, bis er in den Schlaf gefallen ist – eine Stunde vor der Landung. Bis dahin war Action nonstop angesagt. Alles verzögert sich durch den verspäteten Flug, weshalb wir um drei Uhr deutscher Zeit endlich im Hotel ankommen. Nach dem frostig klimatisierten Bus schockt die karibische Hitze an der Rezeption, so dass mir richtig schwindelig wird. Wir beziehen unser Zimmer – leider keine zwei Einzelbetten, sondern ein Kingsizebed, aber der Kleine nickt es lässig ab. Mir soll’s recht sein. Wir hauen uns ins Bett, während er noch zwei, drei Sprüche raushaut und beteuert, so drüber zu sein, dass er nicht schlafen könne, doch zwei Minuten später höre ich seinen gleichmäßigen, tiefen Atem. Bingo, einer pennt schon mal. Ich beneide ihn um die Fähigkeit, einfach überall einpennen zu können und keine kreisenden Gedanken zu haben.

Die Dusche im Zimmer ist ein Abenteuer für sich. Es gibt drei Hähne. Was wofür ist, blicken wir immer noch nicht genau. Ich frage mich allerdings, wozu man eine Badewanne mit Jacuzzi- Funktion in den immer heißen Breitengraden hier benötigt? Seit dem Dschungel kann ich auch recht kalt duschen – nicht so mein Neffe. Sein Gefluche strapaziert meine Lachmuskeln unwahrscheinlich. Das Wasser schwankt zwischen recht kalt und kochendem Wasser. Das satinierte Glas der Dusche lässt sich wie eine Schiebetür zum Wohnraum hin öffnen. Ein Highlight, über das wir uns königlich amüsieren. Ich frage mich mal wieder nach dem Sinn? Selbst wenn ich mit einem Partner hier wäre, würde mich das nicht gerade anmachen. So was ähnliches hatte ich mal mit meiner Sis auf Kreta, aber da gab es wenigstens eine abschließbare Toilette. Aber gut, jedem so, wie es ihm gefällt.

Wir lernen unsere Reiseleiterin Gabi aus Bayern kennen, die ein echtes Unikat ist. Alle Dominikaner würden einen bescheißen. Wenn wir Drogen bräuchten, würden die Kellner uns selbst diese besorgen. Am Strand Kartoffelsalat mit Majo zu essen, da müsste doch jeder wissen, dass er bescheuert ist, oder? Die Zigarren, die am Strand verkauft würden, wären nur Bananenblätter, aber wer’s bräuchte, sollte sich nicht aufhalten lassen. Ah ja, sie sei seit 25 Jahren nicht mehr auf deutschem Boden gewesen, von ihrer Familie enterbt und vielen zu ehrlich. Aber dafür verkaufe sie eben nicht ihre Seele. Äääääh… ein paar der Infos hätte ich nicht gebraucht, aber gut. Und dann schiebt sie noch hinterher, dass es ein Geschenk sei, dass die Russen nicht reisen dürften. Aus dem Grund sei die Helikoptertour derzeit buchbar. Naja… und da denke ich so: Das ist zwar kein Schnapperpreis, aber es ist ein einmaliges Erlebnis. Wir sind hier, um das Leben zu genießen. Also los! Und so steige ich mehrfach in den Atlantik, genieße den Wind und das Fluchen „wieso geht das nicht ohne Sand?“ Am Mittwoch genießen wir dann hoffentlich den Helikopterausflug, ohne uns vorab mit Drogen vollzupumpen. Wir werden an einem einsamen Strand abgesetzt… und wer weiß, vielleicht bleiben wir einfach da. Mir geht’s gut.

Dingensschaukelding

Packen ist keine schöne Tätigkeit. Klar, ich kann mich dabei freuen, bald aufzubrechen, zu chillen, Cocktails zu schlürfen, dem Meeresrauschen zuzuhören. Aber das Packen ist dabei für mich kein Spaß. Denn da bin ich Frau durch und durch. Ich könnte ja etwas vergessen! Oder es könnte sein, dass es da, wo ich hinfliege, gar nichts gibt! Und Frauen, seien wir mal ehrlich: Es gibt diesen einen Moment in jedem Urlaub, an dem man denkt: „Wenn ich jetzt diese Schuhe/ das Kleid… dabei hätte, das wär´s gewesen!“ Und ja, liebe Männer, ss gibt auch die Momente, in denen Frau denkt: „Wieso habe ich den ganzen Kram eigentlich eingepackt?!“ Aber den sprechen wir vor Euch niemals laut aus. Wir wollen eben für alle Eventualitäten gewappnet sein.
Was ich auch bemerke: Früher war Kofferpacken eine Selbstverständlichkeit für mich. Zwei Wochen im Monat war ich Minumum unterwegs. Da habe ich freitags wieder ausgepackt, gewaschen, gebügelt usw., nur um dann sonntags wieder zu packen. Es war bestimmt nicht die geilste Zeit, aber auch nicht die schlechteste. In der Tat vermisse ich es ein wenig, auf Achse zu sein. Wer weiß? Wenn ich mich für die Beraterfirma entscheiden sollte (und sie mich denn wollen würden), könnte es wieder ein Teil meiner Tätigkeit sein, durch Deutschland zu reisen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Genauso verhält es sich bei mir. In meinem Kopf schießen zu viele Optionen durcheinander. Das gilt beruflich ebenso, wie es gerade fürs Kofferpacken gilt. Dabei bewundere ich die Menschen, die das Nötigste mitnehmen und mit nur einem Rucksack reisen. Aber nur, weil ich das bewundere, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch so leben kann. Ganz schön verrückt.
Und so packe ich immer mehr Sachen auf die ungenutzte Doppelbettseite, krame von links nach rechts, lade Powerbank und Kamera auf…und lenke mich dann wieder mit anderem Kram ab. Es ist, wie vor einer Prüfung, wenn ich weiß, ich sollte diszipliniert und strukturiert lernen. Und dann sind die Fenster plötzlich sooo dreckig. Monatelang verdrecken sie, ohne dass es mich juckt, aber dann plötzlich, dann muss ich sie putzen. Oder Staubwischen. Oder das Bad putzen. Zum Glück kenne ich auch andere, die so bekloppt sind wie ich.

Apropos bekloppt: Gestern hocke ich dann irgendwann am Abend auf meiner Couch. Draußen rauscht ein herrlich wunderbarer Landregen, was mich ja immer beruhigt und irgendwie auch glücklich stimmt. Also lasse ich den Blick nach draußen schweifen und entdecke wen? Eine ekelig fette Spinne. Und prompt macht sie mir ein schlechtes Gewissen, weil sie emsig hin- und herhuscht. Sie arbeitet an ihrem Netz, während mein Küchenfenster immer noch verschmiert aussieht. Ich kann es leider nicht ganz öffnen und muss mich zum Putzen weit über den Balkon lehnen. Entsprechend fällt dann auch das Ergebnis aus: Schlierig, dreckig, unschön. Währenddessen pest die Spinne von oben nach unten, von rechts nach links und rundherum. Ganz schön fleißig. Zwischendurch frage ich sie – denn meine Balkontüre ist ja gekippt – ob sie denn eigentlich nicht den Sonntag mal Ruhetag hätte? Aber glaubt Ihr, die blöde Kuh antwortet mir? Hektisch webt sie weiter, als gäb´s kein Morgen. Ganz schön unfreundlich. Und dabei ist ja nicht nur Sonntag, sondern auch noch Pfingstsonntag! Ob sie davon überhaupt Plan hat? Ich bezweifle es. So ein Spinnenleben wäre auch nichts für mich, obwohl ich natürlich auch gerne spinne…nur eben anders.

Apropos Spinnen: Ich spinne nicht nur rum, sondern zaubere munter Erinnerungen hervor. Bei meinem Telefonat mit meiner Sis sagt diese noch, dass Pfingsten bei uns ja nie eine sonderlich große Rolle gespielt hätte. Das stimmt nur in Teilen. Während etliche Kirchenfeste bei uns intensiv gefeiert (oder durchgequält) wurden, fiel Pfingsten überhaupt nicht stark ins Gewicht. Aber für mich war Pfingsten was Wunderbares, weil es den Pfingstmarkt in der Kleinstadt gab, in der ich zur Schule ging. Üblicherweise waren die coolen Typen dann beim Autoscooter anzutreffen. Doch das war mir irgendwie zu prollig. Ich bin lieber rumgeschlendert und habe alles Mögliche bestaunt. Da ich schon als Kind niemals Prinzessin sein wollte, sondern Zigeunerin (was man damals noch gesagt hat), hat mich diese Schaustellerwelt immer fasziniert. Bunt, blinkend und herumreisend – so habe ich mir das vorgestellt. Ich bin damals schon gerne rausgegangen und habe fremde Leute kennengelernt. Und so ein Markt hat da die perfekte Bühne geboten. Nicht nur die üblichen Leute meiner Schule, sondern auch die von anderen Schulen, anderen Städten und Dörfern waren da unterwegs.
Das schönste Pfingstfest war dann das, als ich 15 Jahre alt war. Ich war mit meinen Cousins unterwegs, um meinen damaligen Freund dort zu treffen: Uli. Heutige Fotos zeigen nicht das Bild, das ich damals von ihm hatte. Fand ich ihn cool…heute so gar nicht mehr. Er hatte einen Schnäuzer, was ich heute nur noch bäh finde. Aber dieses Bauchkribbeln, als würden Bläschen permanent darin herumblubbern, das war damals einfach unbeschreiblich. Zusammen sind wir dann im Scirocco gefahren, ein Karussel, das abhob. Ihm war mulmig zumute, weshalb er es „Dingensschaukelding“ in seinen Briefen nannte. Ja, damals haben wir uns noch Briefe geschrieben. Und auch wenn Uli nie und nimmer die Liebe meines Lebens war, verdanke ich ihm doch ein aufregendes, wunderschönes Pfingstfest. Ach, Erinnerungen sind einfach toll, oder?

Ihr merkt´s schon, ich drücke mich mal wieder vorm Packen. Aber immerhin habe ich eine Liste gemacht von den Dingen, die ich noch raussuchen muss. Die nächsten Tage werde ich zu nichts kommen, weil die Arbeitstage lang werden. Und dann steige ich Freitagmorgen in Allerhergottsfrüh auf, um die Bahn um 5:53 Uhr zu erwischen. Der bringt mich dann hoffentlich sicher zu meiner Sis & Co. Erst ein paar Tage später geht dann der Flieger für Lenny und mich. Es ist also Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen, damit ich in ein paar Jahren schwelgen kann in „weißt Du noch, als wir zwei in der Karibik waren?“ Ich freu´ mich riesig auf noch ganz vieles…aber dafür muss ich nun wirklich weiterpacken.

Tanz in zwei Welten

Die Unterlagen sind da. Juchuuuu! Wenn das mal keine frohe Botschaft ist. Welche Unterlagen? Na, die für meine Reise. Übernächsten Mittwoch düse ich mit dem „Kleinen“ meiner Sis endlich in die Karibik. Und dann werden wir es uns gut gehen lassen. Bis dahin liegt noch ein kleiner großer Haufen Arbeit vor mir, aber das wird schon. Kennt Ihr das? Wenn Ihr noch sauviel zu tun habt, aber Ihr könnt schon das Licht am Ende des Tunnels – wenn auch nur vorübergehend – sehen? So geht es mir gerade. Ich arbeite am Anschlag, aber das Gefühl der erdrückenden Last ist derzeit nicht mehr da, weil ich weiß, dass ich bald wegfliege. Trotzdem weiß ich, dass ich da was ändern darf. Ob mir das gelingt…? Ich weiß es nicht.

Die Woche war emotional. Meine Ausbildung hat nicht das gebracht, was ich mir ursprünglich erhofft hatte. Oder es war schlichtweg so, dass ich schon zu vieles wusste/ kannte. Das klingt so anmaßend, was ich aber gar nicht meine. Es ist wohl eher so, dass ich nicht so sehr an mich und meine Fähigkeiten glaube. Ach ja…das wunderbare Imposter Syndrom.
Bei der Graduation sollte jede*r sein/ihr Thema vertiefen und den anderen Teilnehmer*innen präsentieren. Es ist schon interessant zu sehen, wie manche Themen dann die totale Leidenschaft bei dem/r Vortragenden entfacht. Und damit spingt dann auch der Funke aufs Publikum über. Ich kann es schwer beschreiben…es war einfach ein wohlig-warmes Gefühl für mich. Ich mag es so gerne, wenn Menschen das tun, was sie wirklich begeistert und sie dann augenscheinlich total aufblühen.
Wieder einmal trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Um ein wievielfaches könnten wir gesünder, produktiver, zufriedener sein, wenn wir mehr von dem täten, was uns so begeistert? Wieviele Menschen sind in einem Job, weil die Eltern das schon gemacht haben oder dazu geraten haben, weil es sich um einen vermeintlichen sicheren Job handelt? Wieviele von uns hocken in Jobs, in denen sie zwar gut sind, es aber nicht mit Freude tun. In anderen Bereichen wären sie nicht nur gut, sondern herausragend. Wenn ich mir den derzeitigen Arbeitsmarkt anschaue, dann werden Firmen umdenken müssen. Wenn ich mir die hohen Krankenquoten anschaue, muss noch viel mehr von diesem Umdenken stattfinden. In kleinen Schritten beginnt es, doch für viele Menschen noch viel zu langsam.
Der Abschied fällt uns nicht schwer, doch eine gewisse Sentimentalität ist durchaus vorhanden. Wir schreiben uns noch gegenseitig Karten, die wir erst Zuhause lesen. Und das ist auch besser so, denn bei so was bekomme ich ja Pipi in den Augen. Die Karten habe ich dann abends noch gelesen, was einfach wie eine schöne, warme Dusche war. Bestärkende, mutmachende Worte, Augenöffner, Dank. Das tut doch jedem/r von uns gut. Darüber habe ich eine Karte vollkommen übersehen…und zwar die der Haupt-Trainerin. Über diese stolpere ich heute Morgen, und die Überschrift rührt mich total: „In Claudia steckt viel Liebe drin“. Ich bin oft Kämpferin, schlagfertig, lustig, provokant…aber ja, das meiste davon kommt aus einem inneren Antrieb von Liebe. Ich liebe schlichtweg Menschen. Nicht alle, keine Frage. Und doch will ich selbst für die Zwiebelfischer noch das Beste rausholen. Bisweilen verpulvere ich da meine Energie, weshalb die Wünsche meiner Mitschüler*innen fast alle in die gleiche Richtung gehen: „Sei so gut und wertschätzend zu Dir selbst, wie Du es zu anderen bist.“ Das tut einerseits weh, weil es eine bittersüße Erkenntnis ist, aber es bestärkt mich andererseits eben auch, meinen Weg zu gehen.

Weniger liebevoll ist der Umgang in meiner Firma. Das ist dann schon totales Kontrastprogramm, wenn ich nach solchen Tagen wieder ins Büro darf. Ich arbeite sowohl Mittwoch, als auch Donnerstag länger als erlaubt. Nächste Woche muss ich drei Tage Schulung geben, wozu ich zwar eine pdf-Datei als Fotodokumentation erhalte, jedoch keine Powerpoint, keinen Ablaufplan mit Zeiten oder sonst was. An die 60, 70 Flipcharts muss ich auch noch pinseln. Und natürlich nebenher auch noch einen Ganztages-Workshop mit meiner lieben Kollegin durchführen, der ebenfalls vorbereitet werden muss. Letzte Woche habe ich auch mehrere Stunden außerhalb meiner Arbeitszeit gearbeitet, weshalb ich Donnerstagmorgen meine Chefin anrufe. An ihrer ängstlichen Stimme merke ich sofort, was ihr Sorge bereitet: Ich könnte mich krank melden. Doch ich beruhige sie sofort und sage, sie solle bitte meinen Gleitzeittag von heute rausnehmen. Ich würde zwar nicht arbeiten, aber meine ganzen Stunden außerhalb der Arbeit an diesem Tag nachtragen. „Ja sicher! Gar kein Problem! Das mache ich sofort, wenn ich im Büro bin. Und danke fürs Durchhalten.“ Tja, es geht doch. Ich muss es nur einfordern. Freiwillig kommt keiner um die Ecke und bietet mir was an. Dann eben so. Wobei ich mittlerweile bei über 180 Stunden Plus angekommen bin. Nicht gut. Ein paar werde ich zumindest am Anfang und Ende meines Urlaubs abfeiern können.
Der Workshop ist dann ein weiteres Highlight meiner Woche. Mittwochs sage ich meiner Freundin und Kollegin noch, im Grunde könne sie den Workshop auch alleine durchführen. Es brauche mich nicht, was sie anders sieht. Am Donnerstag gestehe ich mir bei den 16 Teilnehmer*innen ein: Sie hat recht. Es handelt sich um militärisch geprägte Kolleg*innen und externe Herren einer Behörde. Alter Falter. An der Sprache erkennt man sofort die Unterschiede. Hier werden Ansagen gemacht, keine Bitten oder Wünsche formuliert. Und doch sprechen sie von Respekt und Vertrauen, was irgendwie lustig anmutet, da kaum jemand von ihnen diese Werte auch nur ansatzweise erkennen lässt. Als dann der Obermufti noch sagt: „Es wird Zeit, dass wir endlich auf der Sachebene miteinander reden und die Befindlichkeiten und Emotionen rauslassen“, kann ich nicht anders. Ich stelle mich hin und sage: „Ach, wie schön. Das ist meine Traumvorstellung. Hat noch jemand Lust auf Arbeit mit Robotern?“ Ich erwähnte ja vorhin, dass ich Provokation so gerne mag. Ich erkläre, dass die Prozesse noch so hübsch sein könnten, sich aber keiner daran halten würde, solange eben die Beziehungsebene nicht geklärt sei – so unangenehm sich das Wort „Beziehungsebene“ auch für den ein oder anderen anhöre. Das bringt mir ein Schmunzeln von einigen ein.
Am Tag zuvor haben wir noch den Hinweis von einer Auftraggeberin erhalten, wir könnten jederzeit abbrechen, weil die Fronten doch sehr verhärtet seien. Äääääh? Das ist ja schon eine Aussage, mit der ich meine liebe Herausforderung habe. Meine Kollegin und ich sind uns einig, dass wir gar nichts abbrechen werden. Und das ist dann auch gar nicht nötig. Anspruchsvoll ist es mit den Herren durchaus. Rückblickend erinnert es mich an ein Zitat, das ich unlängst im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg gelesen habe:

„Krieg ist ein Ort, an dem sich junge Menschen, die sich nicht kennen und nicht hassen, gegenseitig umbringen, und zwar auf Beschluss von alten Menschen, die sich kennen und hassen, aber nicht umbringen.“

Es gibt in der Zusammenarbeit auf beiden Seiten alte Männer (leider wirklich nur Männer), die sich selbst zu diesem Workshop eingeladen haben. Auf der anderen Seite sind jüngere Menschen (Männer und Frauen), die wirklich an einer guten Zusammenarbeit für die Zukunft arbeiten wollen. Doch die alten Stänkersäcke torpedieren dies unentwegt, packen olle Kamellen aus und grotzen rum. Einer sagt sogar ganz klar, unsere Firma sei Scheiße. Von der Behörde schreitet keiner ein. Das ist schon faszinierend. Derjenige, der das sagt, trägt auch diesen herrlich verachtenden Gesichtsausdruck im Gesicht. Ergebnisse präsentieren, will er nicht: „Ich will ja keine Karriere mehr machen, sondern nächstes Jahr in den Vorruhestand. Das sollen sie mir genehmigen.“ Ergebnisse aus Gruppenarbeiten notieren, will er auch nicht: „In unseren Ausschreibungen steht doch auch immer: Wenn sich Männer und Frauen mit der gleichen Qualifikation bewerben, werden Frauen bevorzugt. Das tu´ ich doch damit: Ich bevorzuge sie, indem ich ihnen das Schreiben überlasse.“ So ein richtig nettes Arschloch, Ihr merkt´s schon. Nach einer Übung im Freien, zündet er sich erstmal genüsslich eine Zigarette an, obwohl es weitergeht. Dabei grinst er mich provokant an. Ich lächle ihn an und sage: „Lass´ Dir Zeit. In der Zeit kann schon keiner sagen, unsere Firma sei Scheiße“ und gehe weiter. Und ehrlich, ich schwöre, ich kann meinen Augen selbst nicht trauen: Der Typ drückt hektisch seine gerade begonnene Zigarette aus und beeilt sich plötzlich mit den Worten: „Das geht nicht! Das muss ja einer sagen!“ Für manche Menschen fehlt mir wirklich der Baseballschläger.
Als ich irgendwann dem Grummelpitter aus meiner Firma sage, ob ich ihm mal meine Sicht dazu darlegen solle, verneint dieser. So weit, so fein. Doch die beiden Auftraggeber bitten dann explizit darum. Ich antworte im Grunde noch viel zu diplomatisch, indem ich sage, dass die beiden altgedienten Herren sich am besten mal zusammentäten, um die alten Themen auszudiskutieren und aus der Welt zu schaffen, während die anderen schon in die Zukunft gerichtet gemeinsam weiterarbeiten sollten. Dem fieseren der beiden, also der „Ihr seid Scheiße“-Typ, biete ich später noch meine Hilfe an: „Sag´ mir, an wen ich mich wenden kann, damit Deinem Gesuch stattgegeben werden kann. Ich veranlasse gerne alles, dass Du schnellstmöglich gehen kannst.“ Doch die eigentliche Aussage sieht er gar nicht. Er meint nämlich, alle Welt sei auf ihn und seine Expertise angewiesen. Dabei ist er der mieseste, fetteste Bremsklotz von allen. Möge sein Wunsch bitte, bitte in Erfüllung gehen.

Diese Woche war mal wieder ein Beispiel für den Tanz in zwei Welten. Ich mag Polaritäten. Wenn alles nur heile Welt wäre, wäre es auch uninteressant. Und doch würde ich mir wünschen, wir könnten öfters in der Welt tanzen, die uns erfüllt und die Leidenschaft in uns entfacht. Klingt pathetisch? Na, dann geh´ doch auch in den Vorruhestand! 🙂

so schade

Gestern steht ganz im Zeichen von Bügeln, Aufräumen, Kramen, aber auch Chillen. Abends schreibt mich jemand aus meiner Vergangenheit an. Hin und wieder haben wir Kontakt, weil er immer viele Status-Meldungen auf What’s App postet. Dieses Mal schickt er mir aber direkt und schickt einen alten Zeitungsartikel mit. In diesem wird ein alter Auftritt von uns beschrieben. Wir rätseln, wann das war…93 oder 94? Puh, das ist gefühlt ein völlig anderes Leben. Einerseits war es diese Zeit, in der wir noch nicht erwachsen waren, aber auch keine Kinder mehr. Ich wollte damals schon gerne nur raus und weg. Er hat sich hingegen bei uns wohlgefühlt… angenommen, irgendwie Zuhause. Er schwelgt in Erinnerung, während ich denke, wie gut es ist, dem entkommen zu sein. Einer Umgebung, in der ich immer wusste, beobachtet und bewertet zu werden. Er hat nie in unserem Dorf gewohnt, hatte nie diese dominanten Tanten um sich herum. 

Ich frage ihn, ob er da eigentlich schon wusste, schwul zu sein? „Bist Du verrückt??? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht mit mir, aber was das war? Nee, davon hatte ich keine Ahnung… oder wollte es wohl auch nicht haben.“ ‚Irgendwas stimmt nicht mit mir’… ist das nicht traurig? Ich habe mich auch nie passend gefunden… nirgendwo. Aber vollkommen anders. Er berichtet mir dann mit Lach-Smileys, wie sein Vater immer am Fernseher gemault hätte, wenn Biolek erschienen sei: „Bah, diese schwule Sau!“ Klar, dass mein Bekannter da nichts gesagt hat. Seine Lach-Smileys erinnern mich an diese traurigen Clowns, die sich ein Lachen aufschminken, obwohl es sie innerlich zerreißt. Mittlerweile ist der Gute 43 Jahre, wohnt schon längst nicht mehr in der Gegend, aber besucht seine Eltern oft. Er hat seinen Partner geheiratet, während seine Eltern immer noch nichts von seiner Präferenz wissen. Es hat mich schon oft genug getroffen, gefragt zu werden, ob ich denn nicht auch mal endlich Kinder wolle? Aber um ein Wievielfaches muss es schmerzen, nicht nur enttäuschte Nicht-Großeltern auszuhalten, sondern sich zu fürchten, ihnen die ganze Wahrheit zu sagen? Dabei bin ich mir sicher, seine Mutter weiß es und ist damit völlig fein. Aber der Vater will es partout nicht wahrhaben. Und so wird eine Komödie gespielt, während es eigentlich eine Tragödie ist. 

Und dann höre ich wieder – auch gestern (und ich hab Dich trotzdem lieb, Schätzchen) – dass es doch nirgendwo so liberal wie in Deutschland zugehe. Für Homosexuelle wäre es doch überhaupt kein Problem mehr. Ist das so? Ich glaube, in den Großstädten stimmt das zum Teil durchaus. In bestimmten Branchen, wie der Modewelt beispielsweise, ist das bestimmt auch ok. Aber in dörflichen Bereichen ist das immer noch anders. In meiner Kindheit sagte eine Frau aus der Nachbarschaft immer, wenn sie von ihrem Sohn sprach: „Unser Leo ist ja krank.“ War er nicht. Er war einfach schwul und ist bereits sehr zügig nach Köln gezogen, wo er nicht mehr „der Kranke“ war. 

Die Sehnsüchte sind dieselben wie bei den meisten anderen. Nur der zusätzliche Druck und die Angst vor Ablehnung sind wohl anders. Mein Bekannter versucht nun, zwei Lesben dabei zu unterstützen, schwanger zu werden. Adoption ist in Deutschland ja ohnehin schon schwer, aber als homosexuelles Pärchen ungleich schwerer. Er wird auf alle Rechte verzichten und möchte nur dabei unterstützen, guten Menschen die Elternschaft zu ermöglichen, ohne dass diese teure Hormontherapien über sich ergehen lassen zu müssen. Ob es irgendwann solche Bezeichnungen, wie ’schwule Sau‘ einfach nicht mehr gibt? Ich würde es mir wünschen…

Wild, frei, lebendig

Ich habe eine tolle Entdeckung gemacht: Der vergangene Montag war der letzte Montag, an dem ich bis Juli in der Firma anwesend sein werde. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, weiß ich es auch nicht mehr. Das heißt: Keine blöden Montags-Meetings in den nächsten Wochen mehr. Keine anschließenden Ganztages-Workshops mit blödem Rumgelaber mehr. Das gibt mir so einen Schub, das kann ich kaum in Worte fassen. So beseelt, trete ich dann auch mit voller Energie auf. Es gibt drei Module, wie wir unsere Qualifizierung aufziehen wollen. Wir dürfen sie aber nicht Module nennen, wie alle das tun, sondern Phasen. Keine Ahnung, was gerade Phase ist bzw. en vogue, aber mir ist es so was von schnurzpiepegal. Und wenn wir es Sauerkraut, Eintopf und Blutwurst nennen sollen.
Zunächst einmal müssen wir uns aber noch Fragen für Interviews überlegen, um unsere Stakeholder zu befragen. Warum das alles englische Begriffe sein muss? Weil es dann erst cool und richtig wichtig klingt. Die Fragen habe ich schnell formuliert. Richtig, ich. Die anderen nicken es ab. Irgendwie bin ich gespannt, was sich im Juli bewegt haben wird, wenn ich wieder an den Runden teilnehmen muss… Als nächstes heißt es, wir sollen alle zwei Interviews pro 60 Minuten durchführen, womit ich vollkommen einverstanden bin. Allerdings kann ich diese erst im Juli starten. Der ältere Kollege, der nicht mal weißt, wie man Empathie schreibt, blafft mich direkt an, dass das gar nicht gehe. Ich zucke mit den Schultern und sage, dass ich bis einschließlich 9.6. 10-Stunden-Arbeitstage habe – ohne Pausen dazwischen. Wohlgemerkt weist mich meine Chefin kontinuierlich daraufhin, dass mein Gleitzeitstand bereits sehr hoch sei (über 160 h mittlerweile), während ich sie darauf hinweise, die Arbeiten dann doch bitte anders zu verteilen. Komisch, dass andere Kollegen zeitlich sogar Minusstunden aufgebaut haben. Da mault mein Kollege rum: „Jeder kann abends mal eine Stunde dranhängen. Das ist immer möglich.“ *karatsch* Da ist er gerissen, mein Geduldsfaden. Ich wirble herum und fauche ihn regelrecht an. Ach ja, mein lieber, kleiner Feuerdrachen in mir wird aktiv. Mein Kollege zuckt zurück und korrigiert: „Ääääh, ich meinte das einzig und allein auf mich bezogen.“ Is klar, Junge.
Als die Jungs und Mädels dann mal wieder um den Pudding tanzen, trage ich kurzerhand am präsentierenden Laptop ein, dass ich Phase (oder Modul oder Sauerkraut) eins in Zusammenarbeit mit dem einen externen Berater übernehmen würde. Große Augen, Stille. Also mache ich weiter: „Gut, Ihr seid noch drei. Unsere Chefin scheidet ja aus, weil sie bald weg ist.“ Das bringt mir ein kures Zusammenzucken ihrerseits ein. Dabei hat sie ja selbst gesagt, ab Mitte/Ende Juli weg zu sein. „Wer übernimmt dann federführend Phase 2?“ Schweigen. Ooooooh, das liebe ich ja. Ich halte die Stille aus, dennoch tut sich nichts. „Also gut, falls ich genuschelt habe: Wer von Euch Dreien übernimmt Phase zwei?“ Wieder Schweigen. Ich schaue meine Chefin an und merke an: „Siehst Du: Wir brauchen nicht mal Remote-Arbeit, um sich einfach anzuschweigen. Das klappt auch hervorragend in Präsenz.“ Erst als ich einen Kollegen gezielt anspreche, dass er doch da der Experte drin sei, antwortet dieser, dass ihm die beschriebene Phase zwei nicht gefalle. Ich zucke mit den Schultern: „Dann verändere sie. Ist doch Deine Gelegenheit, das jetzt zu gestalten.“ Und dann jammert er (weil er nie etwas praktisch umsetzt, sondern immer nur meckert, was andere nicht geliefert haben), er wolle aber unbedingt in meiner Phase eins mitarbeiten. Ich erkenne mich selbst kaum wieder, weil ich sauber meine Grenze ziehe: „Habe ich verstanden, machen wir aber nicht. Wir diskutieren seit ewigen Wochen um die ewig gleiche Scheiße. Jetzt teilen wir es auf und bringen endlich mal was auf die Straße, sonst sitzen wir Ende des Jahres noch ohne Ergebnis rum.“ Meine Chefin begrüßt es. Der Kollege nickt zögerlich und übernimmt das Thema. Er wird eh nichts machen, sondern machen lassen, aber nun muss er sich die richtigen Leute dafür ziehen. Bleiben nur noch der ältere Kollege und die Neue, die ihrerseits gerne Skaterklamotten trägt und auf dem Stuhl rumfläzt, als sei sie ein pubertierender Teenager, was meinen älteren Kollegen unwahrscheinlich auf die Palme bringt. Herrlich. Ich schaue die beiden an und frage: „Und wer von Euch übernimmt Phase drei?“ Schweigen. Ich lache: „Ääääh, wir können Euch sehen. Also: Macht das einer von Euch beiden oder trage ich einfach Euch beide ein?“ Grummelgrummelgrummel. Sie: „Na, dann trag´ mich halt mit ein. Aber ich habe ja Wirtschaftspsychologie studiert.“ Gut, das hat sie in vier Wochen auch erst 27 Mal erwähnt. Es könnte mir also wirklich durchgeschlüpft sein. „Ich würde schon auch gerne mit Dir an Phase eins arbeiten.“ Jetzt ist mein älterer Kollege auch erwacht: „Ich will auch mit Dir an Phase eins arbeiten!“ Es ist wie beim Kindergeburtstag. Alle wollen neben dem Geburtstagskind sitzen. Fakt ist aber, sie wollen nur mit mir arbeiten, um selbst nichts machen zu müssen. Das lehne ich aber mal kategorisch ab. Haben wir ja schließlich lange genug praktiziert. Als ich dem externen Berater am Mittwich davon berichte, strahlt er mich an: „Endlich! Das machen wir zwei schon. Endlich kommt mal Bewegung rein!“

Dienstag telefoniere ich dann mit dem externen Trainer von der internen Schulung. Ich benötige noch die Unterlagen, weil ich die Schulung übernächste Woche halten soll und habe keine drei Stunden, mich da reinzufuchsen, was mein älterer Kollege mit: „Ach, das machst Du doch locker“ quittiert. Irgendwann schlage ich ihn – ganz sicher. Als ich so mit dem Trainer spreche und er mir noch mal sagt, wie schade es sei, dass die Führungskräfte sich vorher nicht die Zeit genommen hätten, weshalb ich jetzt diese unliebsame Arbeit übernehmen müsste, sage ich im Scherzton: „Ach, weißt Du, ich hatte zwischendurch schon überlegt, ob ich Dir nicht meinen Lebenslauf mal zukommen lasse…?“ Daraufhin kommt prompt: „Wir werben niemanden aktiv ab, aber wenn Du natürlich mich fragst…dann ist das ja kein Abwerben. Wann setzen wir uns denn zusammen?“ Da bin ich dann doch etwas überrascht. Nach meinem Urlaub, stelle ich in Aussicht. Er freut sich…und ich mich wohl auch. Obwohl ich nicht mal weiß, ob ich das machen will? Aber anschauen und den eigenen Marktwert zu testen, kostet ja nichts.

Gestern habe ich dann einen Ganztages-Workshop mitgemacht. Jajaja, ich kriege ja niemals den Hals voll, ich weiß. Es ging aber gar nicht um eine Fortbildung, sondern um systemische Aufstellung. Professionell betrieben, ist systemische Arbeit echt eine richtig gute Sache. Nun kommt das große Aber, richtig. Eine ehemalige Mitschülerin und Freundin hatte mich schon vor anderthalb oder zwei Jahren gefragt, ob ich nicht mal mitkommen wolle? Sie bräuchten immer Stellvertreter. Und jetzt passte es zeitlich mal. Die Leute vor Ort sind sehr unterschiedlich – von eso bis „normal“, was auch immer das heißen mag. Aber es ist so gar nicht meine Welt. Es geht bei der Arbeit nicht darum, sich als Stellvertreter selbst darzustellen, was einige wohl trotzdem meinten, tun zu müssen. Und irgendwie ist es ein einziges, großes Gewusel, zu viel Selbstdarstellung und für mich dann auch zu weit hergeholt. Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Doch es war für mich eine einmalige Sache in dieser Gruppe. Schade eigentlich. Dafür saß eine 68-Jährige neben mir, die so gar nicht nach 68 Jahren aussah. Sie schiebt es auf ihre vegane Ernährung, die ich absolut gar nicht anstrebe. Dann lebe ich lieber mit Falten. Trotzdem zeigt mir diese Frau, wie völlig anders Lebensentwürfe aussehen können. Sie ist seit einigen Jahren mit einem Mann verpartnert, hatte aber nach ihrer Krebserkrankung das Bedürfnis, sich noch mal richtig auszutoben. Mit Einverständnis ihres Partners hatte sie eine Affäre mit einem 25-Jährigen. Sie raunt mir noch zu: „Und ich dachte, er sei 27, aber das hat er dann richtiggestellt.“ Ich schaue sie an und muss losprusten: „Klar, die zwei Jahre machen ja auch ´nen fetten Unterschied.“ Sie grinst verwegen. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits 64. Der Gute war also mal schlappe 39 Jahre jünger als sie. Und dann guckt sie mich an und sagt: „Weißt Du, Alter ist nur eine Zahl. Am Anfang habe ich gedacht, das geht doch gar nicht. Aber das ging wunderbar. Es war einfach nur berauschend und aufregend. Genau das habe ich gebraucht: Mich wieder lebending zu fühlen.“ Ich sitze so da und bewundere sie. Jüngere Männer gehen so gar nicht für mich. Oh je, das wär´s ja noch. Männer haben gerne deutlich jüngere Frauen, aber andersherum? Und dann denke ich: Warum eigentlich nicht? Warum soll es nur bestimmte Pfade geben, die uns vordiktiert sind? In der Mittagspause erzählt sie dann auch von einem Techniker, der ihr Ende der 80er immer helfen musste, weil sie ein Schreibbüro hatte. Da sie quasi ein Dauer-Abo bei ihm hatte, wurde daraus kurzerhand ein Verhältnis. Sie zuckt kess mit den Schultern und quittiert das mit den Worten: „Ich komme aus dem Zeitalter der sexuellen Revolution. Für irgendwas muss das doch gut gewesen sein, oder?“ Vieles unterscheidet mich von ihr, ganz klar. Aber ich bewundere sie für ihre Offenheit und auch den Mut, sich die Dinge zu nehmen, die sie braucht. Sie betreibt dies nicht heimlich, sondern trifft klare Absprachen mit ihrem Partner. Wir Frauen sollten öfter mutiger sein und für uns einstehen…und vor allem sollten wir das Leben so feiern und genießen, wie es ist bzw. es so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

In diesem Sinne: Auf in die nächste Woche, die mit meiner Graduation startet. Noch zwei Wochen, dann beginnt mein Urlaub. Und dann? Hält mich nichts mehr. 🙂