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Verrückte Welt, die Kopf steht

Mein letzter Arbeitstag für diese Woche startet völlig normal. Ich packe nach dem Duschen meinen Kram zusammen, setze mich ins Auto und düse zur JVA. Zunächst lässt mich mein Spezl am Tor rein, misst meine Temperatur und verweist mich auf einen Stuhl. Es ist ein neuer Anwärter da, der noch recht jung ist. Der Ältere informiert mich, welcher Wärter mich abholen wird. Er ist der Einzige, dessen Namen ich mir tatsächlich merken kann. Er ist jung, umgänglich, motiviert, kooperativ. Das fällt sofort im Vergleich zu den meisten anderen auf. Trotzdem setzt der Ältere noch nach: „Däa mit die tätowierten Arme.“ „Ah“, sage ich „gefällt Ihnen nicht, hm?“ „Na, gonz und goa net. Des hot’s früa net geb’m.“ Und dann schimpft der sonst so liebe, lustige Kerl auch schon los. Sie hätten mal einen mit Ohrring gehabt! Aber nicht lang. Den hätten sie schnell weitergeschickt. Ich muss lachen und sag im lauten Flüsterton: „Ich bin auch tätowiert, aber das sagen wir ihm nicht, ok?“ Der Junge steigt darauf ein: „Ich auch. Aber ja, wir sagen es ihm einfach nicht.“ Der Alte schüttelt den Kopf. Warum? Warum nur würde man so einen Blödsinn machen? Ich frage, ob er Kinder hätte? „Jo. Bua und Madel.“ Ich nicke, aber er schiebt direkt hinterher, dass die nicht tätowiert seien. Mittlerweile sind sie längst erwachsen. Da fällt’s mir wieder mal aus dem Gesicht: „Und? Wann zuletzt Ganzkörper gecheckt?“ Er griemelt und drückt mir: „Die hom des net moche losse. Und jetz häans auf mit Erna Frogerei!“ Ich ziehe von dannen mit dem tätowierten Wärter. Vermutlich wird das mein Untergang. Alles schlimme Leute, diese Tätowierten.

Vor Ort stehen schon mehrere Teilnehmer nahezu Spalier draußen, um auf mich zu warten. Ist schon goldig. Da wir uns ja kennen, ist es ein lockeres Hallo. Das meiste läuft auch ganz gut. Wenn da nicht… genau, wenn da nicht der eine Querulant, das dämliche Sackgesicht, wäre. Ich hatte es schon befürchtet. Ehrlich? Ich habe eine Engelsgeduld mit denen hier, gebe ihnen Raum und Platz für Diskussion. Aber dieser Mensch schießt nur quer. Er verlässt den Raum zwischendurch, ohne etwas zu sagen, stellt Fragen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, bescheißt die Kollegen und mich und gibt keine Ruhe. Nichts, was andere sagen (mich eingeschlossen), ist richtig. Nur er weiß alles. Alle sind genervt, ich komme mit dem Stoff nicht durch, weil er auf gut deutsch das Maul einfach nicht mal fünf Minuten halten kann. Hätte das hier Hand und Fuß, wäre das sogar auch noch für mich in Ordnung, aber das hat es nicht. Entsprechend mache ich, was ich in meiner nun fast 10-jährigen Trainertätigkeit noch nie getan habe: Ich schließe ihn aus der Schulung aus. Er fühlt sich missverstanden, klar. Sein Produktionsverantwortlicher sagt ihm ruhig, er habe ihm gestern doch genau erklärt, dass er nur hierher dürfe, wenn er vernünftig mitmachen würde. Er habe jedoch ausschließlich gestört, kein einziger Beitrag sei konstruktiv gewesen. Nein, das sei falsch! Er sei kein Sklave, auch kein Schaf. Seine Kollegen seien nur Ja-Sager. Sein Chef sagt ihm wieder ruhig, es sei kein einziger Ja-Sager in diesem Team. Alle hätten diskutiert, aber eben konstruktiv. Als er wieder anfängt, sage ich ihm, woran ich seine Respektlosigkeit den anderen und mir gegenüber festmache, weswegen jetzt einfach Schluss sei. Am Nachmittag sind dann alle gelöster und froh, dass er nicht mehr da ist. Und doch… fühlt es sich für mich wie Versagen an. Ich musste diese Karte noch nie zücken und konnte ihn leider nicht für was Positives gewinnen. Die anderen verabscheuen ihn alle, sind aber machtlos, da er der Geheimdienst der Wärter ist. Klingt nach Hollywood, ist aber leider Realität. Er spizelt überall und hängt dann alle bei der Justiz hin, weshalb die ihn beschützt. Krank oder? Vor allem aber kosten solche Menschen einen Kraft, was mich dann noch zusätzlich ärgert.

Entsprechend platt bin ich, als ein Wärter zu mir kommt und mich zum Tor begleiten will. Gestern hat das mein Kollege gemacht. Die Wärter hatten wir vergessen zu informieren. Nicht gut, denn der Herr neben mir sagt mir, sie seien wohl etwas in Aufruhr gewesen. Verdutzt schaue ich ihn an: „Meinetwegen?“ Trocken kommentiert er: „Na, wenn uns beim Zählen eine Frau abgeht, ist das im Männerknast nie gut, oder?“ Uups. Sofort springt mein schlechtes Gewissen an. Er meint das mit der Sorge nämlich ernst. Das wollte ich natürlich nicht. Brav bringt er mich mit meinem tonnenschweren schlechten Gewissen zum Tor, wo ich meinen Perso und den Autoschlüssel ausgehändigt bekomme. Noch völlig in Gedanken, sagt mein Spezl am Tor: „Und? Warum host Du Di bloß tätowieren lassen?“ Wir waren stets beim Sie, aber wurscht. Ich erklär’s ihm und frage: „Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch?“ „Na. I versteh’s nur net. Bis in zwoa Wochn. Fahr vorsichtig.“ Oh je, ich hab heute gleich mehrere Menschen enttäuscht. Und trotzdem mögen wir uns. Nach Stau und Umleitung schaffe ich es dann doch noch heim und habe vieles zu verarbeiten. Ich schreibe hier nicht alles hin, weil das zartere Gemüter vermutlich überfordern würde. Ich habe von Abgründen erfahren, die nicht einmal in Romanen vorkommen – einfach weil sie zu heftig sind. Und trotzdem… sind es Menschen, was ich nicht müde zu sagen werde. Auch wenn ich nun von Einzelnen ihre Taten weiß, mag ich die meisten hier, da sie mir im direkten Umgang auch wahnsinnig viel zurückgeben. Verrückte Welt, die manchmal auch Kopf steht. Gerade wohl ein bisschen viel…

Becky und Hoffnung

Die Tagungsleute tagen lange – wie ich es befürchtet hatte. Sie sind ewig draußen, quatschen, gackern. Ich kann sie schon verstehen, dass sie gern noch zusammenhocken… und trotzdem wäre ein bisschen Rücksichtnahme auch was Feines. Doch sowie der Alkohol fließt… Nur so kann ich definitiv nicht pennen. Missmutig schließe ich das Fenster. Durchschlafen kann ich dann nicht, aber es geht.

Die heutige Truppe kenne ich noch gar nicht. Einem habe ich gestern allerdings angeboten, heute noch Teil eins nachzuholen, weil er es in seinem eigenen Team verpasst hat. Er war kritisch, hat die Inhalte hinterfragt und sich Bedenkzeit ausgebeten. Heute Morgen sitzt er mit in der Runde. Wenn das kein Erfolg ist! Das finde ich einfach klasse. Das Team nimmt ihn auch sofort herzlich auf, was nicht selbstverständlich ist. Aber sie sind anderseits auch knallhart. Heute werden Sehtests bei einigen durchgeführt, was auch einen meiner Teilnehmer betrifft. Ich sage ihm, welcher andere Häftling für die Organisation zuständig sei, damit er ihm die Info geben könne, wo er zu finden sei. Als er hört, wer diese Person ist, winkt er ab: „Der soll mich suchen.“ Ich bin noch guten Mutes und sage: „Na, aber so ein bisschen Kollegialität tut doch nicht weh, oder?“ Darauf antwortet er ganz ruhig: „Es gibt Menschen, die nicht mal das verdienen.“ Da erst macht es bei mir Klick! Dieser besagte Herr sitzt wegen Kindesmissbrauchs. Da kennen sie hier keine Gnade. Selbst im eigenen Team nicht, wie ich später noch erfahre.

Heute sind aber auch welche zu Beginn dabei, die zugeben, keinen Bock zu haben. Sie sind einfach ehrlich, was ich ja so sehr schätze. Aber sie sind in keiner Vollverweigerung – nur etwas zurückgenommen und abwartend. Ich werde hier immer aufs Neue überrascht: Sie machen nämlich nach kürzester Zeit aktiv mit und melden nachher zurück, dass sie eines Besseren belehrt worden seien. Es hätte sie selbst überrascht, wie gut sie es gefunden hätten und wie sinnvoll das Ganze doch sei. Ehrlich? Das würde in München so nie einer zugeben. Schon interessant, oder? In der Pause fragt mich einer der Teilnehmer, ob ich einen Psychologie-Hintergrund hätte? Was man nicht tut, tue ich – ich stelle eine Gegenfrage: „Wie kommen Sie darauf?“ Na, er wäre bei einer Therapeutin, und ich erinnere ihn an sie. Die Art, wie ich rede, die Geduld bei der x-ten Frage (der sollte mich mal bei Heinz erleben!!!), die anschaulichen, praktischen Beispiele aus dem Leben – da würde er auf den Hintergrund schließen. Dieser Mitarbeiter wird – laut eigener Aussage – bald entlassen und weiß nicht, ob er in zwei Wochen nicht bereits im offenen Vollzug sei. Aber er will auf jeden Fall für den zweiten Schulungsteil reinkommen. Herzig. Als ich den Produktionsverantwortlichen später frage, ob dies gehe, atmet dieser nur tief durch und sagt: „Klar geht das. Es wird aber nicht nötig sein. Er hat die Mindeststrafe verbüßt, aber er hat anschließende Sicherungsverwahrung. Wieso die immer glauben, das würde untern Tisch fallen, versteht keiner. Ähnlich wie Herr XY. Der dachte auch, nach 15 Jahren ist der raus. Nach weiteren 17 Jahren war es dann erst soweit.“ Oh. Also einer von den richtig Krassen. Dagegen nimmt sich einer, der seine Frau inflagranti erwischt und beide kurzerhand umbringt, fast harmlos aus. Und doch haben sie alle eins gemein: Die Hoffnung auf Haftentlassung und ein besseres Leben… Jeder Mensch hofft doch immer bis zuletzt.

Doch es gibt auch lustige Momente – wie eigentlich immer. Ich bin ja auch so eine dumme Nuss, dass ich immer Ähnlichkeiten mit anderen Menschen, Schauspielern, Tieren, Comicfiguren entdecke. So merke ich mir in der Tat am besten Menschen… also damit und mit ihrer Geschichte. Vor ein paar Wochen hatte ich beispielsweise Prinz Eisenherz mit von der Partie. Und nein, das sage ich ihnen natürlich nicht – außer bei dem kleinen Putin. Und wen habe ich heute hier sitzen? Becky. Becky wer? Na, einen Nachnamen zu Becky habe ich nie gehört. Es handelt sich um den Vogel bei „Findet Dorie“. (Nee, nicht Nemo, sondern Dorie.) Dieser Vogel, der den Hausfrauenblick draufhat: Links zur Wäsche, rechts zu den Klammern. Wo man nie sicher weiß, ob dasselbe Hirnareal für die Steuerung zuständig ist. Der Blick, bei dem man nie weiß, wer gemeint ist.

Es herrscht hier – wie man wohl erahnen kann – ein lockerer Umgang miteinander. Und ja, mittlerweile geht auch wieder die Kamera. Und dann gibt es wieder diese tragischen Momente. Die Frau von Becky hat seit März die Diagnose Brustkrebs. Sie wurde mittlerweile operiert und bekommt Chemo. In Zeiten von Corona ist es kaum zu verantworten, dass sie sich groß außer Haus bewegt, da sie zur Risikogruppe gehört. Puh. Wir reden ja zum Einstieg von Störungen. Und er nennt genau diese. „Sie glauben doch nicht, dass ich mich dann immer voll auf die Arbeit konzentrieren kann, oder?“ Nee, bestimmt nicht. Und da kann er gemacht haben, was er will – er ist auch nur ein Mensch, der sich um seine Frau sorgt. Da fehlen auch mir die passenden Worte. Ich wünsche ihm nur gute Besserung für seine Frau.

Nach der Schulung erfahre ich, dass der Inhaftierte, der nach meiner Nummer gefragt hat, erst letzte Woche einen Anschiss der Justiz kassiert hat. Er hat nämlich einer Vollzugsbeamtin einen Liebesbrief geschrieben. Prinzipiell ist das kein Verbrechen, aber wir reden hier auch von Sexualstraftätern. Da ist das nicht im Sinne der Therapie. Und ich? Könnte natürlich auch beleidigt sein, dass er es wohl bei allen versucht – ha ha. 😋 Was mir nicht in den Sinn käme, wäre das den Beamten zu stecken. Dann würde er Ärger bekommen und im schlimmsten Fall in den Bunker müssen. Schwierig… unsere Strafanstalten mögen milder sein als viele ausländische Haftanstalten. Aber der richtige, zielführende Weg zur Resozialisierung ist er nicht. Wir „züchten“ uns die „Monster“ selber. Dabei gäbe es einige, mit denen man sehr gut arbeiten könnte. Schon schade.

Nummer? Nö!

Es klappt recht gut mit dem Schlafen. Niemand lässt mehr Musik laufen, was ich dankbar zur Kenntnis nehme. Was will ich mehr? So kann ich dann auch frisch gestärkt zur Tat schreiten. Da hab ich nix dagegen.

Heute hab ich wieder die Schweißer. Die Hälfte ist in der Substitution, was es nicht einfacher macht. Sie sind wie weggetreten. Bei einem Spiel zur Verdeutlichung einer Methode bescheißen sie total, was so völlig sinnfrei ist. Darauf angesprochen, sagt einer: „Wir sind eben alle Drecksäcke. Sonst wären wir nicht hier.“ Naja. Deswegen muss man ja nicht so einen Nonsens machen – zumal ich die Anleitung mittlerweile auch fünf Mal erklärt hab. Eine Wurzelbehandlung kann kaum anstrengender sein. Echt wahr. Zwischendurch kommen natürlich die gewohnten markigen Sprüche. Was man hier wieder gut merkt: Sind sich die Vorgesetzten nicht einig, merkt das die Mannschaft sofort. Es hat einen Wechsel gegeben, aber in erster Linie, weil sich die Verantwortlichen spinnefeind waren und immer noch sind. Einer ist ehrgeizig und in ständiger Konkurrenz. Der andere ist behäbig ruhig und will nur in Ruhe arbeiten. So was geht leider selten gut. Und die Inhaftierten? Spüren das, bekommen mehr mit, als man denkt und schlachten dies aus, wie Kinder bei zerstrittenen Eltern. Krass, wie so was immer höhere Wellen schlägt. Zum Abschluss der Schulung fragt noch ein Inhaftierter beim Rausgehen, ob er meine Telefonnummer bekäme? Äääääääh… nö. Und mal ehrlich? Wozu auch? Er hat ja nicht mal Telefon. 😂 Aber schon kess, oder? Sein Kommentar zur Abfuhr: „Aber einen Versuch war es wert, oder?“ Jo, hat er recht, nutzt aber trotzdem nichts.

Zum Schluss des Arbeitstages treffe ich auf meine Russen. Ah, die sind mir so ans Herz gewachsen! Ich frage, wie es ihnen geht. Im Gegenzug erkundigen sie sich auch. Und dann denke ich, dass jeder Mensch auch gerne gute Sachen hört. Warum also nicht auch hier? Wobei ich sie nie anlügen würde. Also berichte ich dem Boss, wie sehr sie mich nachhaltig beeindrucken würden. Zunächst lacht er und fragt, warum? Ich erkläre es ihm, während der kleine Putin hinzukommt. Ihr Ehrgefühl, ihr Zusammenhalt, ihre Hilfsbereitschaft – so etwas imponiert mir. Der Kleine sagt: „Geht doch nicht anders.“ Doch, geht eben schon. Sehe ich ja auch tagtäglich. Und dann fasse ich mir ein Herz und frage sie, ob sie wohl wüssten, was meine Sorge sei? Nein. Ich schaue sie an und sage nüchtern: „Dass einer von Ihnen mit einer Kugel im Kopf endet, wenn Sie draußen sind.“ Der Ältere zuckt mit den Schultern und erwidert: „Das normal. Das Leben!“ Ich antworte, wie sehr ich das bedauern würde und welche Verschwendung ihres Intellekts das sei. Es würde mich treffen, sollte ich je davon erfahren. Da verneigt sich der Junge leicht, legt seine Hand aufs Herz und sagt: „Danke.“ Nicht gespielt, einfach ehrlich. Ich hoffe so sehr, dass sie auf sich acht geben. Es wäre wirklich eine Tragödie, wenn solch tolle Menschen so sinnlos über die Klinge springen müssten. Mir wird das immer ein Rätsel bleiben.

Zum Abschluss des Tages besuche ich dann noch den Biergarten neben meinem Hotel. Zum zweiten Mal in meinem Leben bestelle ich mir eine Haxe… aber leider, leider schmeckt sie nicht so gut. Nun liegt sie mir schwer im Magen. Selbst schuld, aber irgendwie auch passend nach diesem doch eher zähen Tag. Trotzdem: Wäre die Frage, ob ich lieber so einen Tag hätte oder einen Tag mit Heinz im Büro verbrächte, wäre die Antwort keine Sekunde Überlegung wert. Die Wahl würde immer auf meine Knastis fallen. In diesem Sinn freue ich mich wieder auf morgen.

Rapper und helle Kerzen

Es ist wieder ein normaler Montag. Mit anderen Worten: Alles ist nervig. Aber richtig gut: Mit so vielen Coachings, geht das Team-Meeting nicht. Ach, da bin ich aber traurig. 😜 Trotzdem läuft es heute schon arg drüber und drunter. Warum sind alle so angefixt? Das steckt an. Ich muss mich wirklich konzentrieren, ruhig zu bleiben. Der Druckerei-Westfale hilft mir da schon sehr, weil der immer so herrlich unaufgeregt ist. Mit dem hätte ich mal Kinder zeugen sollen. Wenn ein Durchschnitt unserer Temperamente dabei herauskommen würde, hätten wir echt umgängliche Menschen. Ach was, da würde dann doch was fehlen. Wir planen aber jetzt endlich mal, einen Kaffee gemeinsam in der Arbeit zu trinken. Kaffee, richtig. Keine Kinderzeugung!

Über ein zu betreuendes Team ärgere ich mich heute so richtig. Der Punkt ist erreicht, an dem ich sage, sie beleidigen meinen Intellekt. Dabei führen sie sich schlimmer auf als kleine Kinder. Aber nicht, weil sie es nicht können, sondern schlichtweg, weil sie es nicht wollen. So langsam verstehe ich, was meine Mom zu Schulzeiten meinte. Aber hier rede ich von Erwachsenen! Gut, okay, es sind „nur“ Männer, weshalb ich wohl nicht von vollwertigen Erwachsenen reden kann, aber trotzdem! Als ich kurz um Einschätzung der Beiträge gebeten werde, sage ich ihnen auch ein paar Takte dazu – aber noch sehr behutsam. Ich glaube, beim nächsten Mal bringe ich echt meinen Jammerlappen mit. Mir reicht’s echt. Bin gespannt, ob die sich irgenwann bekrabbeln. Nach eineinhalb Monaten glaube ich nur langsam nicht mehr daran.

Durch die Nachbeatmung ihres Chefs komme ich nicht so zeitig raus, wie ich mir das gewünscht habe. (Hier hab ich von einer Allgäuerin auch schon gehört, dass sie sich etwas „gewunschen“ hat. Solche Worte sind für mich ja der Hammer!) Und auch, wenn die Rezeptionistin noch viel Spaß mit dem Q6 wünscht, ist es doch nur ein Ford Fokus. Doch immerhin hat er Automatik! Da sieht man mal, wie schnell sich so was ändert. Vor dem AMG wollte ich ja partout kein Automatik fahren. Wenn man einmal weiß, wie es geht, ist es ein Träumchen. Ich wünsche nur keinem, es derart brachial mit einem AMG lernen zu müssen. Noch mal bekomme ich so einen Wagen wohl nicht mehr. Schade eigentlich. Auf den Straßen ist einiges los und ich befürchte schon, nicht mehr in den Knast einrücken zu dürfen. Doch nach etwas Murren seitens der Justiz geht es dann doch. Pffff… Mikado ist echt was Feines. Von den Inhaftierten sehe ich nur ein paar von der Spätschicht, die alle lieb grüßen. Die Hausarbeiter haben (ohne einen Auftrag!!!) schon alle Stühle und Tische für morgen hergerichtet und mir Wasser hingestellt. Ach, da bin ich ja schon wieder hin und weg. Auf so was kann ich in München aber lange warten. Entsprechend bin ich eher fertig, aber mir ist irgendwie schlecht. Mein Kollege fragt noch, warum? Hätte ich Besuch bekommen? Ich beziehe das ganz klar auf Menstruationsbeschwerden und denke noch, wie cool die heutigen jüngeren Männer mit so was umgehen. Er aber meinte, ob mich ein Inhaftierter aufgesucht hätte. Köstlich, solche Missverständnisse. Weder das eine, noch das andere ist der Fall. Es wird Hunger sein, weil ich seit 6:20 Uhr nichts mehr gegessen habe.

Dann wird es auch schon Zeit fürs Hotel, wo ich – mangels vieler geschlossener Lieferservices an Montagen – heute auch was essen will. Ich liebäugel mit der Currywurst und Pommes. Hallo?! Es war en doofer Montag. Aber dann entscheide ich mich für den Salat mit Pfifferlingen und kleinen, kross gebratenen Speckwürfeln. Ein Gedicht! Darüber kommt irgendein Ömmes rein und fragt – O-Ton: „Wo ist die Theke?“ Ich will schon „Düsseldorf“ brüllen, zügle mich aber. Der Wirt ist etwas verwirrt (aaah, Wortspiel!), zeigt aber in die entsprechende Richtung. Der Gast (ich bin mir leider sicher, dass er irgendwoher in NRW ist) setzt hinterher: „Ich guck da immer so gern hin. Bevor Du die Karte holst, bring mir das herbste Bier, das Ihr habt. Wird zwar immer noch nicht herb sein, aber muss reichen. 0,5, ja?!“ Oooh, ich glaube, ich hab mich gerade verliebt. Ich mag so rotzige Gäste ja nur zu gern. Er erhält sofort sein Helles und die Karte. Alles juut soweit. Der Kellner kommt wieder in den Raum, da schmettert der Gast ihm auch schon seine Bestellung entgegen. „Und noch eine Helle!“ Klar, Du Kerze, wäre echt schön, wenn Du helle wärst. Aber dann würdest Du ja ein Helles bestellen. Da hätte ich ja nix mehr zu lachen. Ich mag Menschen mit so einem rotzigen Ton nicht. Da ist mir der Typ im Zimmer nebenan fast lieber. Während ich nämlich zur 17 geh, läuft nebenan Deutsch Rap. Und Caruso versucht, den Rapper zu unterstützen. Oh, oh, oh, mal schauen, wie laut das die nächsten Nächte so wird. Immerhin ist hier ab heute eine Tagung… und ich weiß nur zu gut aus früherer Tätigkeit, wie solche Tagungen ablaufen. Puh! Zur Not frage ich meine Russen, ob sie ein Bett für mich haben. Ich bin mir sicher, die fänden eine gute Lösung für mich. 😂 Äääh, ich glaube, der Rapper ist doch gar nicht so schlimm.

Nachdenklicher Sonntag

Heute geht es herbstlich weiter. Die Sonne lässt sich einfach mal gar nicht blicken. Muss sie denn immer gleich so beleidigt sein? Ist ja nicht so, als fänd ich die Sonne generell doof. Nur wenn sie zu heiß ballert, habe ich ein Problem mit ihr. Mein Gott, heute sind wir aber auch wieder empfindlich!

Da ich gestern ja den ersten Part meiner to-do-Liste abhaken konnte, widme ich mich heute dem zweiten Part: Ich beginne mit dem Fotobuch – wobei das Ganze in erster Linie ein Buch wird und nur nachgelagert mit Fotos versehen werden soll. Also nehme ich mir den ersten Block meiner Beiträge vor und lese ihn noch einmal durch. Da ich ja mit einem guten Gedächtnis gesegnet bin, vergesse ich ja sehr selten etwas. Aber – wie ich mir das schon gedacht hatte – habe ich von meiner Peruzeit schon manches vergessen. Zu intensiv war die Reizüberflutung, zu viele Menschen habe ich kennengelernt, als dass ich all das noch im Detail erinnern könnte. Da ich ja Rechtschreibfehler nicht mag (auch wenn sie mir im Eifer des Gefechts selbstverständlich auch unterlaufen), möchte ich alles noch mal gegenlesen. Ein paar Schnitzer finde ich in der Tat und besser´ sie aus. Mannomann, was habe ich üppig Tagebuch geführt. Doch um all das verarbeiten zu können, was damals auf mich eingeprasselt ist, war das auch nötig. Es braucht nur ein paar Zeilen, und schon bin ich wieder mittendrin. Oh, was war das toll! Wenn ich an Ollantaytambo denke oder mir Sacsayhuaman vor meinem geistigen Auge wieder heraufbeschwöre, dann weiß ich, dass ich noch mindestens einmal nach Peru zurückkehren muss. Nein, ich würde nicht noch einmal den Salkanty Trail nach Machu Picchu gehen, aber ich will noch einmal mit etwas mehr Zeit in die Geschichte dieses wunderschönen Landes eintauchen. Hach, ich werde echt sentimental. Dabei bin ich noch gar nicht im Dschungel angekommen. Es war schon emotional genug, die Zeilen von Cusco zu lesen. Wenn der Dschungelabschnitt mit all seinen Tücken und der grenzenlosen Liebe der Kinder dann drankommen wird, werde ich mein Laptop wohl wegen Wasserschadens austauschen müssen. Ach, wie toll, dass ich das erleben durfte! Und auch, wenn ich nicht zu den Mallorca-Deppen zähle und mir auch kein Urlaub in dem Sinne abgeht, spüre ich doch immer ein gewisses Maß an Fernweh in mir. Ich will noch sooooo viele Ecken auf dieser Welt erleben. Aber eben so richtig. Nicht nur tourimäßig, sondern mit allen Sinnen abtauchen in fremde Welten und Kulturen.

Apropos fremde Welten: Morgen darf ich nach meinem Coaching-Marathon ja wieder nach Straubing reisen. Da bin ich auch gespannt, was mich erwartet. Ob der eine Herr nach dreißig Jahren mittlerweile auschecken durfte? Und wenn ja: Wie wird sich das anfühlen? Und wenn nein: Wie wird er drauf sein? Ich habe ihn in keiner weiteren Schulung mehr, werde ihn aber beim Durchlaufen schon sehen – so er denn noch da ist. Und ich sehe die netten Russen wieder. Nett…pffff…einen Mafiaboss „nett“ zu nennen, empfände er selbst wahrscheinlich nicht einmal schmeichelhaft. Aber schon interessant, wie sich Blickwinkel verändern, wenn man diese Personen als Menschen kennenlernt.

Und da kommen wir zu einem weiteren Thema, das im Moment viele beschäftigt und auch völlig kontroverse Blickwinkel zulässt. Der fünffache Mord einer Mutter an ihren Kindern. Wie tragisch ist so etwas? Wie fassungslos können wir nur darauf schauen? Mir tut der elfjährige Sohn am meisten leid. Wie wird er je damit leben können, verschont worden zu sein? Die Schuld der Überlebenden wiegt so unsagbar schwer… Und wie verzweifelt muss diese Frau gewesen sein, dass sie diese Morde begehen konnte? Ich weiß, es heißt immer, es gäbe keine Entschuldigung für ein derartiges Verhalten. Und doch…wie sehr muss ein Mensch leiden, dass er zu solche drastischen Maßnahmen greifen muss? Auch wenn manch einer folgende Aussage völlig daneben finden wird: Es tut mir leid, dass ihr anschließender Selbstmordversuch erfolglos verlaufen ist. Ihr Leben war vorher bestimmt schlimm, aber nun muss es die Hölle sein. Es heißt, früher gab es häufiger derartige Phänomene. Mit all den sozialen Einrichtungen, Unterstützungen und dergleichen, könne vielen geholfen werden. Doch in diesem Fall wohl nicht.

Dem gegenüber steht ein ehemaliger Fußballstar, der lediglich eine Ordnungswidrigkeit begangen haben soll, indem er knapp 300 kinderpornographische Bilder auf seinem Handy hatte. Wie krank ist unser System, wenn so etwas nicht stärker geahndet wird? Ja, sie haben mittlerweile im Gesetz einiges verändert und nennen es nun endlich auch einen Straftatbestand. Aber selbst dann warten weniger Jahre auf einen, als auf manch anderen, der im großen Stil Steuern hinterzogen hat. Ich bin keineswegs dafür, Herrn M. schon vorab zu verurteilen. Nur wird es bei der Beweislage schwer sein, noch an eine Unschuld zu glauben. Ich bin immer wieder sprachlos, wozu Menschen doch fähig sind. Doch dabei geschieht dies tagtäglich zuhauf – überall auf der Welt. Ist das nicht erschreckend? Wir schreiben das Jahr 2020, haben so vieles erforscht, größere Zusammenhänge erkannt…und sind doch in manchen Teilen wie Tiere – wobei Tiere nicht so heftig miteinander umgehen. Erschütternd, aber wahr.

Wespen, die wie die Fliegen sterben

Wenn einer meine Probleme hätte! Puh! Ich habe noch ca. 500 Gramm mittlerweile richtig reifer Birnen. Reinen Birnenlikör habe ich noch. Man, man, man, was machen in solch auswegloser Situation? Ja, ich weiß, da sind schon ganz andere dran gescheitert. Kurzerhand wird es nun Mus. Auch nicht schlecht. 🙂 Ich weiß sehr wohl, wenn das alles ist, was mich gerade beschäftigt, bin ich so ziemlich der zufriedenste Mensch auf Erden. Aber nein, das ist natürlich nichts, was mich ernsthaft umtreibt. Es ist mal wieder Wochenende, die Sonne scheint, und ich habe bewusst nichts vor. Ich müsste so viel. Aber darin bin ich mittlerweile richtig gut geworden, all dieses „Ich müsste“ schön zu verschieben. Das ist der Nachteil von Corona, schätze ich. Meine Wohnung sieht aus wie Hack. Aber heute muss ich dann (nicht mehr müsste – man achte auf die Feinheiten!) echt mal was tun. Und im Nachhinein bin ich dann auch immer megahappy, wenn alles frisch blinkt, nach dem „General Bergfrühling“ duftet (man achte auf die Doppeldeutigkeit, aber ich meine tatsächlich nur und ausschließlich das Putzmittel) und ich zufrieden bin, etwas Konstruktives getan zu haben. Aber auf dem Weg liegen so viele Tücken! So schaue ich beispielsweise in mein E-Mail-Postfach und lösche mal die überschüssigen Mails, die echt keiner mehr braucht. Und dabei gehe ich zurück zu den Anfängen. Worüber ich stolpere, sind manche Moderationsbeiträge zu meinem Peru-Blog. Oh man, war das schön. Und schwups, bin ich wieder voll in dieser Zeit. Ich sehe mich wieder, wie ich über den Mercado schlendere, wie ich anfänglich Panik vor dem übervollen Correcamino hatte, nur um dann später damit wahnsinnig gerne zu fahren…und wie sehr ich „meine“ Dschungelkinder vermisse. Ein weiteres „Ich müsste“ schließt sich hierbei an. Ich habe einen Gutschein für ein Fotobuch bekommen. Ende des Jahres läuft der Gutschein ab. Ich habe es bislang nicht geschafft, mich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich die Bilder anschaue, bin ich immer noch so überwältigt von den Erinnerungen. Nur ist das Jahresende jetzt auch nicht mehr sooooo weit entfernt. Ich sehe mich schon Heuligabend da sitzen und Bilder sortieren, die ins Fotobuch sollten. Die Idee war ja eigentlich, ein Buch mit meinen Blogeinträgen zu machen und diese mit Bildern zu versehen. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es klingen mag. Ich vermute, es wird an meiner Faulheit und dem fehlenden Geschick scheitern. Doch ein Fotobuch ohne viel Text sollte schon machbar sein. Nur habe ich ein paar tausend Fotos. Wie soll ich da auswählen, welche die wirklich wichtigen sind? Ist das schwer. Aber zunächst räume ich jetzt mal auf, staubsauge und putze. Dann ist ein wichtiger Schritt getan. Mühsam ernährt sich nun mal das Eichhörnchen.

Es duftet nach Frühling! Ja, ich habe geputzt. Also nicht so oberflächlich, sondern richtig. Also ist der erste Schritt in Richtung Chaos Lichten getan. Im Grunde ist es ja immer so, dass wenn man ordnet, richtig sortiert und putzt, auch im Innen aufgeräumt wird. Ja, ich weiß, der Supergag, denn das hieße ja, dass jede Putzfrau völlig zufrieden und aufgeräumt rumlaufen müsste. Ich rede davon, wenn man in den eigenen vier Wänden so richtig alles auf links zieht. Und ja, es gibt diese Putzteufel, die kein Krümelchen ertragen können. Die meine ich auch nicht. Bei denen ist im Innen häufig noch mehr im Argen, weil sie die Welt nur noch ertragen können, wenn ihr inneres Chaos draußen nahezu klinisch sauber anmutet. Ich sehe schon, das wird manchen so philosophisch.

Heute ist es draußen auch wieder warm, aber irgendwas liegt in der Luft, was sogar Oppa dazu veranlasst, bekleidet zu bleiben. Gegen Abend soll es regnen. Von mir aus: Lass´ mal kommen. Aber der Herbst ist definitiv mit seinen Zehen schon in unser Leben getaucht. Das merke ich vor allem an den Spinnweben. Gestern wollte ich nur an den Briefkasten, da meinte eine besonders vorwitzige Spinne den Türsteher spielen zu müssen. Sie hing mitten im Eingang zum Mehrfamilienhaus. Ganz schön mutig, das achtbeinige Vieh. Zunächst habe ich sie aufgefordert, doch wieder etwas höher zu krabbeln, aber sie wollte mich nicht verstehen. Vorsichtig habe ich versucht, mich an ihr vorbeizuschlängeln – nur um dann in einem ihrer quergesponnen Fäden hängenzubleiben. Da wurde aber jemand hektisch. Naja, eigentlich zwei: Die Spinne und ich. Zum Glück ist sie hochgekrabbelt und nicht ans andere Ende zu mir. Irgendwie habe ich es dann auch geschafft, den Faden so zu platzieren, dass die Gute sanft auf der Wand landen konnte. Allerdings nicht, ohne ihr vorher noch gesteckt zu haben, wo sich meine Wohnung befände und ihr nachträglich einzuprägen, dass sie nur der Staubsauger willkommen heißen würde. Ich hoffe, sie hält sich dran.

Aber ernsthaft: Draußen kann man herrlich erkennen, dass die Blätter schon mit dem Färben anfangen, oder? Ein paar der Wespen, die gerne mein Balkonschränkchen aufgesucht haben, liegen tot am Boden desselben. Irgendwie traurig, dass sie ausgedient haben. Ist wohl der Lauf der Dinge, hat aber dennoch immer etwas Trauriges und Nachdenkliches. Nein, ich mag es auch nicht, wenn sie zustechen. Aber auch wenn etliche von ihnen diesen Sommer meinten, bei mir regelrechte Sit-Ins abhalten zu müssen, hat mich nie eine attackiert. Ich habe sie fliegen lassen und sie mich rumpöddeln. So eine friedliche Ko-Existenz kann ich von mir und Mücken oder mir und Spinnen nicht gerade behaupten. Und nun sterben sie wie die Fliegen weg. Na, mal schauen, wie ihre Verwandten so im nächsten Jahr sein werden. Aus meiner eigenen Familie weiß ich ja nur zu gut, dass es solche und solche gibt. Erst letzte Woche habe ich jemandem von meiner Kindheit erzählt. Wie so viele vor ihm, konnte er das zunächst nicht glauben. Wir haben uns immer sonntags mit nahezu allen getroffen. Da mein Vater zwölf Geschwister hat, kann man sich vorstellen, wie viele Menschen da sonntags um den Tisch saßen. Wir Kinder/Jugendlichen durften dann immer mit einem Stück von Ommas Pfirsichboden im Keller verschwinden, wo wir gespielt haben. Omma hat nie hinterhergebrüllt, sich gefälligst einen Teller zu nehmen. Wozu auch? Bis zum Ende der Kellertreppe war das Stück ja längst vertilgt. Damals waren diese Treffen für mich schön und völlig „normal“. Aus heutiger Sicht sehe ich es nicht mehr ganz so verklärt. Aber es war gut damals. Das ist doch alles, was zählt: Rückblickend nicht zu hadern und sich auf das Morgen zu freuen, während man im Hier und Jetzt das Beste aus allem macht und genießt. Wäre es nur auch so einfach, so zu leben…

Kommt mich abholen!

Heute ist mein letzter freier Freitag, bevor nächste Woche die Schule wieder anfängt. Allerdings nur noch für gut einen Monat. Dann ist das Grundlagenjahr vorüber. Krass. Ich kann mich noch an letztes Jahr erinnern, als ich ernsthaft überlegt habe, ob dies zu schaffen sei. Und jetzt ist es bald vorüber. Das Basisjahr absolviere ich ja an den Wochenenden, was bis März nächsten Jahres laufen wird. Das ist noch ein gutes halbes Jahr und wohl auch machbar. Während sich nämlich die Wirtschaft wieder etwas zu erholen scheint (was ich mir nicht so recht vorstellen kann), braucht es bei uns noch Zeit. Gestern haben wir dann erfahren, dass alle Planzahlen für das kommende Jahr erneut nach unten korrigiert werden müssten. Es hat sich eher zugespitzt als entspannt. Wäre ich ITler, sähe die Welt anders aus, aber so heißt es weiterhin, sich Sorgen zu machen. Mein Plan B ist es ja, Trainings auf dem freien Markt anzubieten. Doch auch hier steht und fällt es mit Corona und den Regeln. Wir wissen bei unserer Fortbildung jetzt auch noch nicht, ob wir Masken während des Unterrichts tragen müssen. An den Regelschulen in Bayern ist dies ja derzeit der Fall. Das erfahre ich spätestens übernächstes Wochenende. Mit Maske werden vermutlich nicht allzu viele Menschen den Nerv zu einer Fortbildung haben. Wenn wir selbst auch Maske tragen müssen, möchte ich doch lieber Webinare. Die gehen mir zwar auch auf den Zeiger, aber während der S-Bahn-Fahrt und dann noch den kompletten Unterricht über mit Maske ausgestattet zu sein? Nee. Das würde mich schon sehr nerven. Da tun mir die Verkäufer, Pfleger, Krankenschwestern etc. echt verdammt leid, die quasi gar nicht anders arbeiten dürfen – und das schon seit Monaten. Also höre ich mal auf zu jammern…

Im Süden ist es derzeit – im Gegensatz zu den anderen Regionen – recht warm. Die Sonne scheint, aber in den Morgenstunden ist es doch frisch, was ich ja so genieße. Wäre ich nicht rausgegangen, hätte ich trotzdem gewusst, wie warm es heute ist. Wie ich so schlau sein kann? Vonwegen, ich hätte aufs Handy geschaut! Nee, ich mache mir Böhnchen sauber und schaue aus dem Fenster, nur um Oppa dann wieder in seiner nahezu ganzen Pracht zu sehen. Oberkörperfrei genießt er die Ruhe auf seiner mir leider gegenüberliegender Terrasse. Er wird nicht müde, so rumzulaufen bzw. -hocken. Dazu kratzt er sich mächtig erotisch die Brust. Ich schaue auf meine Bohnen und überlege kurz, ob mir der Apettit gerade vergangen ist? Aber nee, es geht noch. Und trotzdem muss ich immer wieder fasziniert nach draußen schauen.

Im Treppenhaus treffe ich einen Nachbarn, der mich fragt, ob ich denn immer noch Kurzarbeit hätte? Als ich später die Gegenfrage stelle, berichtet er davon, zwei Monate lang auf Kurzarbeit Null gewesen zu sein. Dann hätten sie auf 50 Prozent erhöht, bis es nun endlich wieder Vollzeit laufe. Was er sich nicht erklären könne: Die Firma sei gar nicht von Corona betroffen gewesen. Die Auftragslage sei nach wie vor hoch. Ich glaube auch, dass manche Firmen die Krise durchaus genutzt haben, um mal Tabula Rasa zu betreiben, sich „gesund“ zu schrumpfen und lästiger Mitarbeiter zu entledigen. Irgendwie eine miese Vorstellung, aber ich weiß ja von manchen Autokonzernen, dass sie schon länger planen, Mitarbeiter abzubauen. Jetzt habe sie die entsprechende Erklärung dafür an die Hand gegeben bekommen. Und ja, ich weiß auch, dass anderen Firmen wiederum Corona bedingt gar nichts anderes übrig bleiben wird. Etliche Reiseanbieter werden noch die Grätsche machen. Und doch fühlt es sich meines Erachtens schon fast wieder nach „Normalität“ an, wie das Leben läuft. Wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre, denke ich mir auch, niemand kann gerade im Home Office sein, da sie alle auf der Straße rumkreuchen. Verrückte, verrückte Zeit. In meiner Firma hingegen kenne ich immer mehr Menschen, die sagen, sie könnten sich an eine vier-Tage-Woche gewöhnen, die wir ja nun seit etlichen Wochen fahren. Und ganz ehrlich? Ich gehöre gerade dazu. Ich! Die ich immer mehr arbeiten wollte und über die 35-Stunden-Woche gelacht habe! Doch auch hier bin ich mir sicher, dass es sich dann schnell wieder ändern wird, sowie wir wieder täglich arbeiten können. Ich schaffe es mit den Stunden ja jetzt schon nicht so richtig und muss zwei bis drei Tage im Monat einen Überstundentag nehmen, weil ich ja am Monatsende mit plus/minus Null rausgehen muss. Aber das fühlt sich in der Tat schon sehr gut an.

Ansonsten passiert heute nicht wirklich viel. Ich habe mir noch einmal eine Massage gegönnt, was aua und wohltuend war. Vermutlich mache ich darüber auch eine Art mangelnden Körperkontakt wett. Klingt komisch für alle, die in einer Familie leben. Aber für mich als Single reicht es im Moment nicht, ab und zu die Kollegin zu sehen, die mich mal umarmt. Doch es gibt auch ein Erfolgserlebnis zu vermelden! Jawoll! Meine Marmelade, die partout flüssig bleiben wollte, ist endlich fest geworden. Wer jetzt schon hämisch breit grinst, dem muss ich auch diesen Zahn ziehen: Nein, sie ist im Gegenzug nicht betonmäßig geworden. Sie schmeckt eigenartigerweise genau so, wie ich es gerne gehabt hätte. Ich weiß, das sind die wahren Dramen im Leben, um die es sich dreht. Haha. Manchmal ist das Leben doch komisch. Aber gut, ich nehme es mal so hin, widme mich jetzt der Couch und schaue, was das Fernsehen so zu bieten hat. Es wird allerdings auf keinen Fall das sein, was ich gestern als Vorschau gesehen habe: „Wer ist die hellste Kerze“? Und dazu werden vermeintliche Promis eingeladen. Ehrlich, liebe Fernsehleute, das beleidigt langsam meinen Intellekt, was Ihr da bringt. Dabei stehe ich nicht mal auf superintellektuelle Filme. Aber für völlige Verblödung bin ich mir dann doch zu schade. Wenn ich bedenke, was in 30, 40 Jahren so aus den Archiven hervorgekramt wird, dann wird die dann lebende Menschheit sich denken müssen, sie seien von Alien auf die Erde gesetzt worden. Ehrlich! Wenn ich an diese Rückblenden zu Heinz Erhardt und Loriot denke, die doch auf intelligente und witzige Weise mit unserer Sprache gespielt haben, dann finde ich das heutige Angebot nur noch aua. Wenn es das ist, was die breite Masse sehen will, bin ich vermutlich der Alien. Dann sollen sie mich doch endlich abholen, damit es nicht mehr weh tut. In diesem Sinne: Munteres Fernsehen! Und jetzt: Beamen, da oben, beamen!

Haste Dir bestimmt schon gedacht

Heute Morgen wache ich kurz vorm Wecker auf und bin – juchuuu – gut gelaunt. Warum auch nicht? Heute sehe ich ja die nette Kollegin. Da ist die Welt doch in Ordnung. Mit Kuchen im Gepäck düse ich los und brauche für die letzten drei Kilometer 15 Minuten. Aber ich höre gute Musik, weshalb ich mir die nicht verhageln lasse. Da bin ich doch stolz auf mich selbst. Als meine Kollegin dann endlich erscheint, umarmen wir uns erstmal ausgiebig. Corona hin oder her – manchmal brauch´ ich das einfach. Zum Kuchenessen kommen wir allerdings noch nicht, weil erst noch einige Termine warten. Später holen wir es dann mit zwei unserer Studis nach. Ach, ich könnte die Mutti der beiden Jungs sein. Die sind echt süß. Ich mag sie.
Einer meiner ehemaligen Coachees bietet mir im anschließenden Feedback spontan das „Du“ an, was er schon länger hatte tun wollen. Ich mag ihn, weil er im positiven Sinne „old school“ ist. Wir lästern auch etwas, weil er – was er schon mal letztes Jahr gesagt hat – jetzt in der Krise mehr denn je Folgendes sieht: „Wenn das komplette Management ausfallen würde, würden wir weiter arbeiten können und mindestens so gut wie bisher performen. Nimmst Du die gleiche Anzahl vom Unterbau weg, sind wir nach spätestens zwei Monaten tot.“ Das Schlimme: Ich glaube, er hat recht.

Mittags treffe ich die nette Kollegin von letztens, die nur einen zeitlich befristeten Vertrag hat. Wir plaudern wieder über Jan und Pitt, aber vor allem eben auch über ihre echt angespannte berufliche Situation. Kurzerhand rufe ich den Betriebsrat meines Vertrauens an und stelle die Verbindung her. Ich erzähle ihr in dem Zusammenhang auch, wie gerne ich in einen anderen Bereich innerhalb der Firma wechseln wollen würde, was diese Betriebsrat auch weiß. Sowie sich da jemals eine Lücke auftäte, würde er sofort reagieren. Daraufhin druckst sie etwas herum: „Ja…wir verstehen uns ja gut und vertrauen uns ja auch gegenseitig, oder?“ Etwas erstaunt schaue ich sie an: „Äääääh, davon bin ich doch mal ausgegangen.“ Sie wirkt echt nervös, was mich verwundert: „Also, mein Freund ist kein Freund, sondern eine FreundIN. Haste Dir bestimmt schon gedacht, ne?!“ Ääääh, nö. Und warum auch? Bei Männern habe ich da in der Tat ein Näschen entwickelt, aber bei Frauen nicht. Es ist mir nämlich völlig wurscht, wer mit wem und wie schnakselt. Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, wie der Typ an ihrer Seite aussehen könnte. Sie hat erzählt, dass sie derzeit wieder eine Wochenend-Beziehung führen, solange sie hier keine Festanstellung hätte, aber das ist es auch schon. Und dabei hat sie „ihn“ mal erwähnt. Ihr kam es aber vor, als würde sie mich belügen, weshalb sie das klarstellen musste. Ich schmunzel´ sie an und sage: „Weißt Du, es gab mal eine Frau, die meinte, mir an die Hupen packen zu müssen, weil sie bi war. Im ersten Moment war ich damals perplex. Nach drei Schocksekunden habe ich der Frau klargemacht, jetzt sei das Überraschungsmoment vorüber. Bei etwaiger Wiederholung müsste ich ihr wohl oder übel die Nase brechen. Solange Du das nicht machst, bin ich mit allem fein.“ Sie lacht. Nein, das hätte sie so gar nicht vor. Weiß ich doch.
Schon schade, dass sich hetero- oder bisexuelle Menschen immer noch häufig zurücknehmen, aus Angst vor Zurückweisung. Mir will das nicht einleuchten, weil es wenig gibt, was ich unwichtiger finde. Spannend finde ich natürlich die Frage, ob sie immer schon lesbisch war? Da kenne ich nämlich mittlerweile auch die unterschiedlichsten Geschichten. Sie hatte früher auch Männer als Partner, aber das käme heute gar nicht mehr infrage. So kenne ich das auch von einem Bekannten, der – laut eigener Aussage – nicht schwul zur Welt gekommen zu sei. Sein heutiger Mann hingegen schon. Aber er selbst? Nö, er war verheiratet, hat drei Kinder und das vermeintlich „normale Leben“ geführt. Erst drei Jahre nach der Trennung von seiner Frau und weiterer, kurzer Liebschaften mit Frauen, habe er bemerkt, wie er sich nach Männern umgeschaut hätte. Dabei übernimmt er heute ganz klar den weiblichen Part in der Beziehung. (Ich war mal zum Kaffee eingeladen. Er hat gebacken, den Tisch hübsch eingedeckt etc.)
Ich habe auch manches Mal schon im Spaß gesagt, es sei vielleicht leichter (natürlich nicht!), einfach den Männern zu entsagen und mich den Frauen zuzuwenden. Aber es reizt mich leider so gar nicht. Unterm Strich zählt aber doch nur, wen man liebt, oder? Ob das dann Mann oder Frau ist, ist doch vollkommen wumpe. Aber so einfach scheint es doch noch immer nicht zu sein. Und ja, das ist ganz klar auch branchenabhängig und auch entscheidend, wo man lebt. Je ländlicher, desto schwieriger. Oh man, und wir schreiben das Jahr 2020!!!

Als wir so zurückschlendern, kommt mir leider mein oberster Chef entgegen. Er und ich…mmmh, da stimmt die Chemie nicht. Er ist oberflächlich, sieht in Frauen ausschließlich Eroberungen und zielt ganz klar auf jung, blond, superschlank ab. Dabei ist er schon älter, klein, untersetzt. Logisch, oder? Aber er hat eben Kohle, weshalb es leider immer wieder welche gibt, die sich darauf einlassen…was mich zum Ekelschütteln bringt. Doch zurück zum heutigen Aufeinandertreffen: Neben ihm läuft ein mir unbekannter Herr. Da wir zwei auch auf dem Bürgersteig gehen, wechselt mein oberster Chef auf die Straße, damit wir nicht ausweichen müssen, was ich lobend anmerke. Darauf er, in seiner unnachahmlich charmanten Art (bäääääh, und dazu stinkt er penetrant nach einem fiesen Aftershave – getreu dem Motto: „Mehr ist mehr“): „Des is do selbstverständlich, dass wia Männa do ausweichn!“ Bei ihm schaffe ich es nie… echt niemals nie, also plumpst es mir auch schon aus meinem Gesicht: „Sehe ich auch so, aber ob Sie das beherrschen? Da war ich mir einfach nicht sicher.“ Meine Kollegin kichert, im Gehen dreht sich der oberste Chef noch mal rum und? Nix. Ihm fällt nix dazu ein. Oh je. Das ist für ihn das Schlimmste. Meine Kollegin sagt noch: „Siehste, und genau dafür mag ich Dich so!“, während ich seufze: „Und genau deswegen mache ich nie Karriere.“ Aber für einen Gag muss man auch immer bereit sein, Opfer zu bringen. Das Tragische: Ich bringe diese Opfer nur zu gern.

Der krönende Abschluss ist der Bericht zum Abschluss eines Projekts in Straubing, an dem ich teilgenommen habe. Mein Chef ist zugeschaltet. Der Projektleiter berichtet die Ergebnisse des Teams, während alle anderen auch physisch anwesend sind – nur mein Chef und ich sind per Skype zugeschaltet. Zum Schluss fasst der Auftraggeber (und oberster Chef von Straubing) noch mal die Highlights auf und steckt meinem Chef: „Du weißt schon, dass wir an Deiner Mitarbeiterin graben und sie quasi für uns abwerben?“ „Jojo, des hob i scho gspannt.“ Na, immerhin. Und dann setzt der Oberste noch mal nach: „Ich kann Dir nur zu Deinen Managementqualitäten gratulieren, dass Du sie eingestellt hast.“ Ich liebe es, wenn sie über mich sprechen, während ich anwesend bin. So was finde ich echt unangenehm. Und dann verpasst er ihm noch eine: „Ich werde noch ein Summary verfassen, das ich dann Dir und Deinem Chef schicke, weil ich das Gefühl habe, Ihr seht ihren Wert nicht mal im Ansatz. Schade, dass wir hier keine Videoaufnahmen machen dürfen, denn dann würde ich Euch das mal präsentieren, was die hier abliefert. Ihr habt ja echt keine Vorstellung!“ Äääääääääääääh… Was kann ich da noch sagen? Alle sechs Projektteammitglieder, der oberste Chef, mein Chef und ich sind hier zugeschaltet – per Kamera. Mein Chef bestätigt, er wisse das schon, aber freue sich über das Summary. Dann muss er zum nächsten Termin.
Mmmh, irgendwie ist so was schon schön, wenn auch immer noch unangenehm. Und ich stelle klar, dass es für mich ja durchaus einer Belohnung gleichkäme, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Das sehe ich in der Tat genau so. Leider sind sie zu klein, als dass ich tatsächlich dorthin wechseln könnte – leider. Aber so schön das vor meinem Chef Gesagte auch ist, es wird nichts, aber auch rein gar nichts daran ändern, was den Umgang meines Chefs mit mir betrifft. Er ist ja nicht böse, nur unfähig. Das macht es mit solchen Aussagen nicht besser. Ich bin gespannt, ob er da noch mal ein Wort drüber verliert. Ich vermute allerdings…eher nicht.

Kromme Sinn

Es geht. Es ist zwar Home Office, aber es geht. Natürlich wird es nie meine Wohlfühlzone werden, aber ich komme wohl damit zurecht. Morgen darf ich ja wieder ins Büro. Und die Müsli-Trulla wird nicht da sein. Juchuuu! Also sollte ich mich nicht beschweren. Zwischendurch geht natürlich regelmäßig mein Handy. Meine liebe Kollegin hat gerade wieder mal eine ihrer Phasen. Gestern Abend ruft sie noch an, weil sie zum x-ten Mal ihre Ausbildung, die sie nebenher macht, abbrechen will. Dann will sie diese doch wieder durchziehen – schließlich hat sie auch schon ordentlich dafür hingeblättert. Dann will sie wieder abbrechen. Und so wechselt sich das immer wieder ab. Mal hoch, mal runter, aber immer munter weiter.

Was am meisten nervt, ist dieses Ungewisse. Wir können uns eine Weile ablenken und nicht über die Zukunft nachdenken. Und dann kommt doch wieder die Ungewissheit um die Ecke. Es geht uns verhältnismäßig gut, aber nichts ist planbar. Wir wissen offiziell immer noch nicht, ob wir weiterhin Kurzarbeit haben werden, obwohl überall schon darüber gesprochen wird – auch vom Management. Dabei schieben sich die Verantwortlichen den schwarzen Peter gegenseitig zu. Es heißt, der Betriebsrat käme nicht aus den Puschen. Diese behaupten es genau umgekehrt vom Vorstand. Und so ist eine Situation da, die einfach Unsicherheit schürt. Wie es den Mitarbeitern dabei geht, sehen die Verantwortlichen nicht. Puh! In der Regel komme ich damit gut klar und mache mein Ding. Aber es belastet mich schon auch, wenn ich immer wieder unsichere Kollegen aufbauen darf, weil die Führungsmannschaft so kläglich versagt. Dabei wäre genau das deren Job. Geht es Euch da anders? Oder macht Ihr ähnlich Erfahrungen?

Was macht das mit mir? Bei uns sagt man in solchen Fällen: „Ich han kromme Sinn.“ Oft habe ich abends nicht mehr meine gute Laune, sondern denke: Hoffentlich nervt mich keiner mehr heute. Da gibt es ein ganz klares Ranking: Bei manchen lass´ ich es dann auch mal durchklingeln. Ist eher selten. Aber die Verschwörungstheoretikerin unter meinen Freunden habe ich einfach vorgestern ignoriert. Für so was fehlt mir dann die Muße. Und trotzdem komme ich mir dabei schlecht vor. Nicht mal der General kann mir noch ein müdes Lächeln entlocken, wenn er zum dritten Mal innerhalb einer Woche die gleiche SMS ans Festnetz sendet. Ach, es wäre echt mal Zeit für eine tolle Überraschung. Wie die aussehen soll? Weiß ich doch nicht, sonst wäre es ja auch keine Überraschung! Aber damit eins klar ist: Ich spreche von einer positiven Überraschung! Irgendwas Schönes. Um mal eine Anregung zu geben: Meine liebe, gerade etwas deprimierte Kollegin kommt morgen noch mal ins Büro. Daher habe ich einen Birnen-Schoko-Kuchen gebacken. Heilt nichts, aber macht glücklich, hoffe ich zumindest.

Dazu habe ich dann mein restliches Obst verwurschteln wollen. Birnen-Pflaumen-Marmelade. Ich habe sie nach Vorschrift gemacht – sie ist flüssig. Dann habe ich Zitronensaft zugefügt und sie nochmals aufgekocht – nix. Dann habe ich weiter Gelierzucker beigefügt und wieder zum Kochen gebracht. Mittlerweile habe ich eine 1:1-Mischung, was einfach nicht sein kann. Und trotzdem ist das Zeug flüssig. Da kriege ich ja einen Vogel!!! Was mache ich nun mit dem Driss? Es wird wohl für Dressings und Soßen herhalten müssen. Aber das nervt schon sehr, oder? Da mach´ ich mir schon die ganze Mühe, und heraus kommt was? Soße. Ziemlich süße Soße. Pffffff… Ich glaube, die Marmelade hat auch Corona-Blues. Vielleicht hätte ich einen Eierlikör reinkippen sollen – also nur für die Stimmung. Eierlikör macht alles besser. Vielleicht hätte ich ihn aber auch nicht in die Mischung, sondern einfach in mich reinkippen sollen. Man weiß es nicht.

Und dann denke ich wieder: Worüber mache ich mir eigentlich einen Kopf? Gestern habe ich eine der Putzfeen bei uns im Unternehmen gesehen. Sie sind alle über externe Firmen eingestellt, was den Preis noch mal weiter runterdrückt. Als ich gesehen habe, wie mühsam sie die Treppe hinaufging, tat sie mir schon sehr leid. Sie ist schon älter und beim Anblick ihrer krummen Beine konnte ich sogar von hinten erkennen, wie schmerzhaft jede Bewegung für sie sein muss. Aber in der jetzigen Zeit haben die Leute noch mehr Sorge, sich krankschreiben zu lassen. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz, also gehen sie gar nicht erst zum Arzt. Doch wir leben nun einmal in einer Marktwirtschaft. Da schaut das Unternehmen nicht auf die Mitarbeiter, sondern auf den Profit. Sonst würde sich das Ganze hier ja auch Kommunismus schimpfen. Erschreckend, aber wahr. Dabei nennen sich die meisten sozial. Ironie, oder? Und das zeigt sich gerade durch die Krise wieder deutlicher, wie sehr jeder an sich selbst denkt.

Alles Jammern hilft wohl nix, da müssen wir durch – alle gemeinsam. Aber wer mir sagen will, dass im Moment alles entspannt und lustig ist, hat zu viel vom Eierlikör genascht. Ich bin gereizter, das stelle ich fest. Meine Toleranz sinkt. Und das empfinde ich als nicht gut. Mal schauen, was ich dagegen unternehmen kann. Wenn Ihr Tipps habt: Immer raus damit. Und nein, noch mehr Eierlikör ist nicht die Lösung. 😉

Ich zieh‘ meinen Wunsch zurück

Gestern Abend rege ich mich noch mal so richtig auf. Ich weiß, scheint mein zweites Hobby zu sein. Ich schaue mir den Film „Verfehlung“ auf One an. Ob der Film so schlecht ist, dass ich mich so aufrege? Nein, leider ganz und gar nicht. Er ist wohl leider realistisch. Es geht um Missbrauch in der Kirche und wie damit umgegangen wird. Ein Thema, das mich wirklich in Wallung bringt. Und ja, ich arbeite auch mit ihresgleichen im Knast, dazu mit Mördern und Vergewaltigern. Sie zerstören auch viele Seelen. Aber Kinder? Wesen, die so gar nichts falsch gemacht und noch gar nicht richtig gelebt haben? Da ziehe ich meine Grenze. Ich bin von zweiten Chancen überzeugt. Aber bei dieser Kategorie schließe ich diese für mich aus. Wer eine derartige Neigung hat, kann aus meiner Sicht nicht dagegen an. Daher dürfen sie – wieder nur meine persönliche Sicht – nicht ins „normale Leben“ zurückkehren. Vieles ist therapierbar – diese Neigung hingegen? Nein. Die nicht. Ich rede nicht davon, sie zu quälen, aber davon, einen Ort zu finden, an dem sie ohne Kontakt zu Kindern und Jugendlichen leben.

Aber das ist es nicht einmal so sehr, was mich triggert. Wie speziell die Kirche mit diesem Thema umgeht, das regt mich auf. Sie spielt sich als über den Dingen stehend und dem Fleischlichen entsagend auf, achtet aber das Leben der Opfer nicht und rühmt sich alle ihrer guten Taten. Bei Kindern würde man klar sagen, sie sollten nicht vom Thema abweichen, da das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass es durchaus gute Seelsorger gibt. Die Institution selbst mit eigenen Anwälten nur für solche „Verfehlungen“ (ein viel zu schwaches Wort aus meiner Sicht), weiß aber um ihre schwarzen Schafe und deckt diese – hübsch verpackt unter dem Mantel der sogenannten Barmherzigkeit. Nur kauft ihr diese so langsam keiner mehr ab. Die Generation, die noch demütig den Kopf gesenkt und ohne zu fragen alles hingenommen hat, stirbt langsam aus. Die Kirche stirbt langsam aus. Und das, genau das wird echt mal Zeit. So. Und mit dieser Wut im Bauch, gehe ich ins Bett. Besser, ich lese noch was, bevor mir noch der Dampf aus den Ohren steigt und ich dadurch keinen Schlaf mehr finde.

Es funktioniert einigermaßen mit dem Schlaf. Ich werde allerdings ein Mal in der Nacht wach. Ist doch verhältnismäßig wenig nach dem Aufreger. Und nein, ich muss (noch?) nicht nachts auf die 17. Etwas zerknautscht, stehe ich dann morgens auf. Ich habe wieder einmal so gar keine Lust. Zudem muss ich mein Büro verlassen, da meine Kollegin sich als Erste für den Office Tag gemeldet hat. Und wie läuft es dann? Richtig, es müssen 5.000 Updates auf dem Praktikantenrechner geladen werden. Ein Hoch auf die IT und ihre unsäglichen Updates. Seit Coronaausbruch hat hier keiner mehr gesessen. Entsprechend warte ich dann auch nur 50 Minuten, bis ich tatsächlich das Arbeiten anfangen kann. Hey, das macht doch so gar nichts. So sieht quasi jeder Arbeitstag bei Heinz aus. Meine Kollegin hingegen ist mal wieder so in ihrer Schnappatmung, dass sie es nicht schafft, mal eben ein „Moin“ rauszuhauen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie lächerlich ich das mittlerweile finde. Als sie es dann kurz vor Mittag nachholen will: „Ach, ich komme vor lauter Stress und Hektik nicht mal zum Begrüßen. Hallo“, winke ich nur ab – ohne den Kopf auch nur zu heben – und nuschel´ kurz: „Hi.“ Ehrlich? Ich fasse mir bei so einem Schwachsinn nur noch an den Kopf. Ihr Stress ist ein neuer Werksstudent, der heute anfängt. Deswegen hat sie Stress. Kein Scherz. Sie hat keinen Termin, zu dem sie hetzen muss (wie ich), jammert aber, dass sie jedem Kleinkind auf radikalem Zucker- und Schlafentzug den Rang ablaufen würde. Meine Fresse. Da würde ich schon fast wieder geneigt sein, die Prügelstrafe erneut einzuführen.

In diesem Sinne bin ich froh, dass ich kurzerhand aus dem Büro fliehen und zu meinen Terminen flitzen kann. Zunächst einmal ist da der Druckerei-Mensch, den ich frage, ob ihn das Heiratswort gestern hätte umkippen lassen? Typisch Westfale, kommt nur ein trockenes: „Och, wenn das der einzige Hinderungsgrund ist, dann gewöhne ich mich für Sie auch an kühlere Temperaturen.“ Ach, ist der nicht putzig? Finde ich auch. Ganz Frau frage ich (echt nicht beabsichtigt): „Können wir die Charts nicht zusammen mit den anderen aufrollen, damit ich nur eine Rolle tragen muss?“ Immerhin regnet es mittlerweile draußen. Er grinst breit: „Sooo clever. Klar, können wir, also mach´ ich das mal.“ Irgendwie hat er recht. Und er kennt sich ja auch besser mit so was aus. Also warte ich hübsch, dass er das für mich anpasst. Manchmal hat es auch Vorteile, eine Frau zu sein.

Die Ausdruckübergabe findet an einer anderen Ecke vom Werksgelände statt. Ob ich mal die Taktik der sozial ausbaufähigen Kollegin verwenden und einfach nicht grüßen soll? Ach nee. Das ist ja ein lieber Kollege aus Straubing, der eh immer supernett zu mir ist. Von dort aus düse ich zum nächsten Termin – eine Vertiefung zum kurzen Feedback nach einem Coaching gestern. Süß, wie er da so sitzt. Die Arme sind verschränkt, denn ich habe ihm gestern die Frage gestellt, was eine Moderation sei? Ääääh. Ja genau! Keine Antworten vorgeben, sondern Schweigefuchs, Schweigeeinhorn oder Maulmuschel spielen. „Joooooo, oba die san oi zsamm bleed.“ Darauf habe ich ihm heute noch mal in Ruhe gesteckt, dass gemäß „self fulfilling prophecy“ seine Leute ihn auch nie enttäuschen würden. „Ah, sixt, jetz host des Du a kapiert.“ „Nee, nur Du noch nicht. Wenn Du die Leute wie Deppen behandelst, werden sie sich auch immer wie Deppen aufführen.“ Meiomei. So lange hätte er seine Strategie ja auch noch nicht umgestellt. Erst seit 15 Jahren. Sein Stellvertreter – ca. 30 Jahre alt – fängt an zu lachen. Das kann doch auch keiner mehr ernst nehmen. „I werd´ jetz sechzge. Mi ändast nimma.“ „Dann lassen wir den Kaas doch einfach. Du führst weiter mit Angst und basta.“ Nein, das wolle er auch nicht. Ich sehne mich nach dem Knast. Dieses eingefahrene bocksture Verhalten geht mir bisweilen auf den Zeiger – auch wenn er zum Schluss sagt, er hätte heute wieder was gelernt, wofür er sich herzlich bedanken wolle. Wenn er es nur wirklich einmal annehmen würde. Seine Leute haben ehrlich Angst vor ihm. Soll das ein Führungsstil sein? Aber irgendwie ist es bisher ja auch immer so gegangen. „Never change a running system“, doch genau das muss mal langsam sein. Nur bin ich diejenige, die dieses zähe Zähneziehen durchführen darf. Manchmal wäre ich gerne Heinz: Mir ginge es am Pöppes vorbei, ich würde alles als Erfolg verbuchen und mir einfach selbst 100 Mal täglich die Schulter tätscheln. Nee, vergesst es, den Satz nehme ich zurück. Ich wäre nicht gerne wie Heinz. Herr im Himmel, so weit ist es noch lange nicht. Ich will nicht als stumpfer, egozentrischer, narzisstischer Dummbatz rumrennen. Hey, Fee, ich ziehe meinen Wunsch zurück!!!!!!!!! Ich meld´ mich dann noch mal mit einem neuen. Pfia God dawaii.