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Elton hatte wohl recht…

Es stürmt so schön zur Wochenmitte. Wie ich das liiiiiiiebe. Was ich weniger liebe, sind die damit verbundenen Kopfschmerzen. Es kann natürlich auch an dieser abartigen Achterbahnfahrt liegen. Ich mag kein Drama. Ich bin das nicht. Und trotzdem sagt das Leben mir wohl zwischendurch gerade: „Mir doch egal, was Du bist oder willst. Du kriegst das jetzt auch mal.“ Ich fühle mich etwas gebeutelt…

Die erste gute Nachricht: Ich benötige (vorerst) keine OP. Mein Arzt scherzt noch, dass es ja halb so wild sei, wenn es denn nötig gewesen wäre. Äääääh, ich sehe das anders. Die letzte Bauchspiegelung bei ihm war schon ein Kracher. Sie liegt nun fast drei Jahre zurück, doch ich kann mich noch zu gut erinnern, weil ich ja so ein nettes Bauchfell habe, das es nun mal hasst, perforiert zu werden. Entsprechend war es eine elende Fummelei. Als sie dachten, sie hätten es endlich geschafft und Gas reingepumpt haben, wurde ihnen der Fehler bewusst: Uuuups, doch noch nicht an der richtigen Stelle. Die Prozedur ging von Neuem los. Er hat dann noch einen Kollegen zurategezogen. Stellt Euch das mal vor! Ich hätte da ehrlich überhaupt nicht gerne Mäuschen gespielt. Sein Chirurgen-Kollege sagte, er habe so was wie mich schon mal erlebt (na bravo). Es sei zwar selten, aber nicht völlig neu für ihn. Damals brauchte ich eine Narkoseverlängerung (so was lieben Anästhesisten ja ungemein) und dann noch die zweite Ladung Gas in meinen Bauchraum. Da ich ja lala in der Rübe bin und dachte, es sei eine Standard-OP gewesen, bin ich am nächsten Tag – wie vorab vereinbart – morgens aus dem Krankenhaus geschlurft, habe mein Auto bei minus sieben Grad freigekratzt und bin zu meiner Trauma-Fortbildung gefahren. Ja, ich hatte abartige Schmerzen, aber das zählt ja nicht. War ja nur ´ne Standard-OP. Sechs Tage drauf habe ich dann erst bei der Kontrolluntersuchung erfahren, was wirklich gelaufen ist. Meinem Arzt war klar, dass ich zu einem anderen niedergelassenen Arzt gegangen sein muss und mich habe krankschreiben lassen. Diese Woche eröffnet er mir dann schmunzelnd: „Wenn die OP nötig wäre, würden Sie das doch locker wegstecken. Denken Sie mal ans letzte Mal!“ Ja, Du Tünnemann, da denke ich ja gerade dran! Ich ziehe meine linke Augenbraue hoch und strafe ihn mit meinem Todesblick: „Ist ja schön, dass Sie Spaß hatten. Bei mir hielt sich das in Grenzen!“ Er grinst: „Ich erzähle die Geschichte immer wieder Kollegen, weil das keiner glauben kann.“ Na prima, ich trage ungemein gerne zu seiner privaten Unterhaltung bei. Aber im Grunde ist das die beste Art, mit mir umzugehen. Betüddeln oder bemitleiden kann man gerne jemand anderen. Wenn man dann lieb und nett zu mir wäre, würde ich vermutlich alles fluten. Dann lieber die Zähnchen zusammenbeißen und einen Witz reißen.
Entsprechend bin ich ungemein erleichtert, dass derzeit keine OP vonnöten ist. Ich werde bald 45. Da fangen die Wehwehchen vielleicht an, aber ich will das nicht. Überhaupt will ich vieles nicht…nur fragt mich keiner. Trotzdem bin ich bedient für dieses Jahr. Nächstes Jahr können gerne wieder neue Herausforderungen auf mich warten, aber für dieses Jahr halte ich es, wie Trappatoni: „Ich habe fertig!“

Gelöst fahre ich heim und checke den Briefkasten. Das Landratsamt könnte mir täglich die Rechnung für die versemmelte Prüfung schicken. Und siehe da! Da ist der Lump auch schon und hat sichs in meinem Briefkasten bequem gemacht. Ich seufze und bin gespannt, wie hoch die Rechnung denn sein wird. Den Fahrstuhl nehmend (ich bin einfach gerade platt), reiße ich den Umschlag auf und entdecke…das Datum für die mündliche Prüfung!!! Das kann nicht sein!!! Hääääääää? Ich bin doch durchgefallen?!?! Es war doch schon längst akzeptiert von mir. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Kennt Ihr noch diese Kackbratzen, die zu Schulzeiten nach Klausuren immer gesagt haben: „Aaaaaah, ich habe bestimmt eine fünf!“ Und dann hatten sie eine eins. Gott, was habe ich die verabscheut. So komme ich mir gerade vor…
Dabei habe ich doch bei der Instituts-Frau nachgefragt, ob sie sich 1.000%ig sicher sei, dass das Ergebnis das richtige sei? Sei sie. Daran sei nichts zu rütteln. Für dieses Gespräch habe ich sogar Zeugen! Und jetzt das??? Ich habe nichts mehr getan! Alle Unterlagen an den Rand des Tisches geschoben und ihnen den Stinkefinger gezeigt. Ääääh…ich steh im Wald. Eine Stunde später habe ich ja auch die letzte offizielle Vorbereitungsstunde, die ich für nächstes Jahr schon noch mitnehmen wollte, aber dass ich sie jetzt doch für dieses Jahr brauchen könnte, hätte ich mir nicht mehr träumen lassen. In meiner Euphorie frage ich nach, ob die auch schon mal versehentlich Einladungen rausschicken? Nee, nur wenn man echt schriftlich bestanden hätte. Ob ich die stornierten mündlichen Fälletrainings dann doch im November noch machen könnte? Klar. (Sicher, denn das sind noch mal 300 € mehr in ihre Kassen.) Und dann sage ich ganz vorsichtig: „Aber…dann ist in Eurem Lösungsschlüssel ja ein Fehler drin?!“ Und sie sagt locker: „Ja, die Frage mit den Metaboliten, gell? Die habe ich am Folgetag angepasst.“ Äääääh… Elton John schießt mir erst Stunden später durchs Hirn: „Sorry seems to be the hardest word.“ Sie entschuldigt sich nicht mal. Sie kann einen Fehler machen, kein Ding. Aber dann sage ich doch, dass mir das leid tut. Oder ich schreibe eine Mail an alle Kursteilnehmer und informiere: „Aufgepasst! Schaut noch mal nach, der Lösungsschlüssel wurde noch mal angepasst!“ Aber nichts! Kein Wort. Sie kann sich glücklich schätzen, dass ich noch so neben mir stehe. Diese Frau ist durch ihre mangelnde Empathie und Arroganz schon mehrfach bei einigen von uns aufgefallen. Wieso sind Menschen so? Wieso fällt es so schwer, sich zu entschuldigen? Ich habe mich erst heute entschuldigt bei einer Freundin – und da habe ich keinen Fehler in der Größenordnung gemacht. Das sollte doch drin sein und niemandem einen Zacken aus der Krone brechen?! Ich sehe mal wieder: Nicht von sich auf andere schließen! Das fördert nur Enttäuschung.
Nichtsdestotrotz freue ich mich natürlich. Allerdings muss ich jetzt ranklotzen in den nächsten viereinhalb Wochen. Die Durchfallquote (nicht aufs WC bezogen, Ihr Scherzkekse!) ist enorm. Aber mündlich bin ich stärker als schriftlich. Ich will das bestehen! Doch ich will mich nicht mehr so verrückt machen, wie das vor der schriftlichen Prüfung war. Daher war ich heute und gestern frühstücken. Das Leben findet hier und jetzt statt. Und dafür war die achttägige Achterbahnfahrt dann doch gut: Ich weiß, dass ich nicht zugrundegehe, wenn ich nicht bestehe. Und die Botschaft beim Arzt war mindestens genauso wichtig: Meine Gesundheit ist wichtiger als jeglicher Nachweis und jegliches Zertifikat. Es wird gelingen…oder eben nicht. Doch gerade bin ich zuversichtlich. Warum auch nicht? Ich habe keinen Tumor, ich habe wider Erwarten doch bestanden…und die Welt hat keinen Augenblick aufgehört, sich weiterzudrehen. Verrückte Welt, oder?
Mit anderen Worten: Wenn Ihr mich jetzt nicht gerade vollkommen bescheuert findet, dürft Ihr mir gerne weiterhin die Daumen drücken. Ich bin dankbar für all die guten Geister in meinem Leben, die mir treu zur Seite stehen und mich unterstützen, obwohl sie mich und meine Macken kennen. Auch diese Erkenntnis durfte ich wieder auffrischen, was mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Und der kleine Revoluzzer in mir denkt: „Bevor ich mir den Rotz mit dem Landratsamt und die anmaßende Überheblichkeit der Ollen aus dem Institut noch mal antu´, bestehe ich doch einfach mal die Prüfung, oder?“ Eben!

aus der Versenkung…

Long time no see. Ich weiß. Es war verrückt…und anstrengend und verkrampft. Mei o mei.
Vorweg die Fakten: Ich bin durchgefallen. Jepp. So habe ich auch geschaut. Im ersten Moment war ich ganz schön fertig. Fassungslos. Enttäuscht. Und dann kommt auch kurzfristig die kleine Dramaqueen hervor, die laut vor sich hinschluchzt und sagt: „Niemand hat Dich lieb. Du bist einsam und allein. Und jetzt wissen wir auch noch, dass Du dumm bist.“ Naja, mein Dramaqueenanteil hält sich meist bedeckt, also erlaube ich ihr dann hin und wieder einen kleinen Ausbruch – wohlgemerkt kriege ausschließlich ich allein ihn mit.
Wenn es dann wieder ums Funktionieren geht, bin ich absolut professionell. Leider könnte ich mich dann auch zwischendurch hauen, weil ich schon auch ein bisschen gnädiger mit mir sein möchte. Wenn ich mich selbst geißle, hat niemand was davon. Es hilft doch ungemein, sich mit all seinen Macken, Ecken und Schatten anzunehmen, die man (frau) so vorzuweisen hat. Daher war ich dieses Mal auch anders unterwegs und habe meinem Umfeld mitgeteilt, dass ich meine schriftliche Prüfung verhauen habe und erst nächstes Jahr wiederholen kann. Andere treten gar nicht erst an. Und von denen gibt es eine ganz Menge. Das wundert mich dann schon auch ein wenig. Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Gut, mein erster Impuls nach dem Checken, ich hab´s vergeigt, war auch: Wozu mache ich das überhaupt? Ich habe einen Job. Ich brauche diesen Schein gar nicht, auf den sich diese doofen Arschkühe vom Gesundheitsamt einen schrubben. Doch dieses Gefühl hat nicht lange angedauert. Nach ein paar Stunden bzw. am nächsten Morgen war dann doch klar: Ich greife nächstes Jahr wieder an. Es gibt andere, die schon zum dritten Mal durchgefallen sind.
Einzig die Absicht mancher Menschen, anderen bewusst das Leben schwer zu machen, bildet die Diskrepanz in meinem Hirn. Was haben solche Menschen davon? Es gibt um helfende Bereiche, in denen wir deutlich mehr Engagierte gebrauchen könnten. Warum haben manche Ärzte immer noch die Haltung, sie seien von Gott gesandt? Ist ihr Selbstbewusstsein so verkümmert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich sie nicht gewinnen lassen will. Und da schaltet das Böckchen in mir ja ganz klar auf Attacke. Nur die blöde Wartezeit nervt. Doch auch die werde ich überstehen. Vielleicht habe ich ja nächstes Jahr Glück und brauche diese ganze Maskentragerei dann nicht mehr zu ertragen?
Das war im Übrigen auch so ein Highlight: In Bayern galt letzten Mittwoch noch die 3G-Regel. Entsprechende Nachweise mussten wir mitbringen. Einladung und Personalausweis wurden auch gecheckt – nicht aber der 3G-Status. Auf meine Nachfrage kam nur ein: „Das machen wir nur stichprobenartig.“ Hä??? Wir reden von ca. 500 Leuten, also schon eine größere Veranstaltung. Und da zeigt sich das Gesundheitsamt so dämlich? Andere gängeln sie, aber halten sich dann selbst nicht daran. Und nein, ich trage keinen Aluhut. Ich mag nur nicht, wenn manche gleicher sind als andere.

Ich habe mich, wie bereits geschildert, schnell von dem Schock erholt. Manchmal wundere ich mich über meine Eigenschaft der radikalen Akzeptanz, doch sie hilft eindeutig. An den zwei Folgetagen habe ich dann locker einen Führungskräfte-Workshop durchgeführt. Da spüre ich dann, wie sehr ich in meinem Element bin. Das macht schon Spaß, macht allerdings eigentlich nicht meine Hauptarbeit aus, sondern bildet nur eine Ausnahme. Im Gegenzug darf ich nämlich nun bis Ende November ausschließlich konzeptionell arbeiten, was ich ja nicht sonderlich mag. Gut, dafür ist Heinz nicht mehr mein Kollege. Das feiere ich natürlich sehr. Und meinen Chef durfte ich ja auch verabschieden, der letzte Woche Montag zu mir ins Büro kam, um mir zu berichten, wie toll die Malediven gewesen seien und wie dringend er diese Auszeit benötigt hätte. Man nennt es wohl Körperbeherrschung, so einen Menschen dann nicht zu schlagen. Er ist, was er immer war: Dumm, wenn auch nicht von Grund auf böse.

Dieses Jahr…oder vermutlich eher die letzten Wochen waren schon entbehrungsreich und anstrengend. Das ist vollkommen in Ordnung, doch es hat mir einiges abverlangt. Mit dem Nichtbestehen hätte es mir dann auch durchaus gereicht. Doch nein, das sollte es noch nicht gewesen sein. Mein Frauenarzt hat mir Montag dann mal eben eröffnet, dass ich eventuell operiert werden müsste. Dazu muss ich morgen noch mal hin. Ich versuche es allerdings positiv zu sehen und fest daran zu glauben: Dieser Kelch wird an mir vorübergehen. Kurz gab es eine Irritation wegen eines Knötchens in der Brust – hey, frau braucht ja ein bisschen Action im Leben. Aber da kann schon mal Entwarnung gegeben werden, denn da ist alles in Ordnung. Ach, wie schnell einem schlecht werden kann, sage ich Euch. Ich dachte, mir knicken die Beine weg. Aber noch mal: Das hat sich schon mal in Wohlgefallen aufgelöst.
Und als hätte sie es gerochen, ruft dann gestern Abend meine Mom an. An ihrem Geburtstag Anfang September hatten wir zuletzt gesprochen. Da war sie einfach nur biestig und gemein. Entsprechend war ich also gespannt, wie ein Flitzebogen. Und dann erschüttert sie meine Grundfesten viel stärker, indem sie lieb ist. Ich kann funktionieren. Ich kann aushalten und marschieren. Aber wenn es mir nicht gut geht, kann ich mit lieben Worten von manchen Menschen so gar nicht umgehen, weil sie mich entwaffnen. Kennt Ihr das? Es klingt ja völlig paradox. Und so heule ich erstmal ein Ströphchen, was meine Mom zunächst so deutet, ich wolle nicht mit ihr reden. Es wird ein schönes Gespräch. Und wieder vermisse ich meine Mom, wie sie einmal war. Nicht alles war toll mit ihr, aber wir hatten ein inniges Verhältnis, als ich jung war. Sie hat immer in bester Absicht gehandelt und vieles nicht besser gewusst. Die letzen 22 Jahre waren alles mögliche – nur nicht leicht. Gestern blitzte dann meine Mutti von früher durch, was wunderschön und furchtbar traurig zugleich ist. Ich würde sie gerne häufiger sehen/hören/umarmen. Doch in der Regel ist dieser Teil eher abwesend. Es ist ein bisschen, wie auf See: Manchmal stürmisch und wild, manchmal ruhig, manchmal schnell und berauschend. Einfach Leben, schätze ich – mal leichter, mal schwerer, aber meist intensiv.
Danke an alle fürs Daumendrücken, Melden und Interesse. 😘

Ich bin Egoismus-intolerant

Hoch die Hände…nee, doch nicht richtig Wochenende. Warum nicht? Seit letztem Wochenende habe ich ja das Lernen für mich entdeckt. Reichlich spät, wenn ich so nach rechts und links schaue. Aber immerhin habe ich nicht erst zwei Wochen vor der Prüfung mit dem Lernen angefangen. Mei o mei, ist das viel Stoff, den ich lernen muss/darf. Altobelli. Ich weiß, das ist selbstgewähltes Schicksal. Trotzdem ist es krass viel Stoff. Jammern nutzt ja nichts. Wobei ich mir auch selbst schon die Frage beantwortet habe, was das Schlimmste ist, was passieren kann? Ich falle durch. Nur was ist dann die Konsequenz? Nichts. Gar nichts. Geld hätte ich in den Sand gesetzt. Doch ich verliere nicht meinen Job oder habe sonst was zu befürchten. Das mache ich ja nur für mich. Und wer jetzt schreien möchte: „WAAAAAAS? Streng´ Dich an! Du musst das doch schaffen!“, dem sei gesagt: Ich lerne ja. Nur bislang spüre ich (noch?) keine Verbissenheit. Mein Ehrgeiz ist natürlich schon gepackt…doch es gäbe weitaus Schlimmeres, als diese Prüfung nicht zu schaffen. Nimmt doch Druck raus, gell? Fragt mich allerdings besser nicht, wenn ich es verkacken sollte. Da könnte mir der Bezug zur rationalen Haltung kurzfristig abhanden kommen.

Apropos Druck: Der steigt beruflich gerade wieder. Ich habe in dieser Woche erfahren, dass meine müslimampfende, zwanghafte Kollegin auch im neuen Team meine Kollegin bleibt. Die Person, die ich am dringendsten loswerden wollte, bleibt mir erhalten. Das steigert nicht gerade mein Wohlbefinden. Andererseits denke ich mir, dass ich sie weiterhin an mir abperlen lasse. Wenn sie mich mal wieder betobt, spiele ich das hübsche Teflonspiel.
Der gute Heinz hingegen wird voraussichtlich im Nachbarteam stecken. Dafür hat er sich vor unserer neuen Chef-Chefin hübsch ins Aus katapultiert. Manchmal frage ich mich ja, wieso niemand was gegen solche Menschen unternimmt? Aber dann gibt es diese Momente, in denen sie sich nach Kräften selbst demontieren. Da staune ich manchmal nicht schlecht, stimme ein Loblied auf die Mute-Funktion bei Skype an und schaue mich hektisch nach Popcorn um. Bis ich das allerdings in der Mikrowelle zum Ploppen gebracht hätte, wäre die ganze Chose dann doch vorbei, weshalb ich nur noch von der Erinnerung zehren kann. Es war ein Feuerwerk für meine Ohren, was er da zum Besten gegeben hat. Im Grunde hat er die ganze Arbeit des Teams allein gschultert. (Zwischendurch appe ich meiner Kollegin, dass er auch Himmel und Erde dereinst erschuf, was allerdings ein paar Tage länger zurückläge.) Und ja, er könne sich beispielsweise auch in die Digitalisierung einbringen, weil er da eine Expertise vorzuweisen hätte. Ach, der kleine Allrounder. Er, der nicht mal mit Skype umgehen kann! Der Typ ist der Kracher. Ich schwanke, was die Interpretation betrifft, da einiges infrage käme. Leidet er an Größenwahn oder will er seine Inkompetenz nur überspielen? Glaubt er seinen eigenen Worten oder leider er an Logorrhoe (Sprachdurchfall)? Hat er so eine Panik in sich, dass er meint, er müsse sich positionieren oder ist er einfach nur völlig dämlich? Ich weiß es einfach nicht. Aber unterhaltsam ist es auf jeden Fall. Ich lache mich hier schlapp…alles andere würde mich sonst Richtung Paranoia drängen.

Weniger unterhaltsam finde ich eine Kollegin aus einer völlig anderen Abteilung, die ich in einer Methode fit machen darf. Gottseidank ist damit Ende nächster Woche Schluss. Sie hat sich bislang schon nicht gerade durch Fleiß hervorgetan. Ständig hat sie abgewartet und auch auf Aufforderung nichts gebracht, nur um sich anschließend zu beschweren, sie stünde ja quasi nur als Beobachter am Spielfeldrand. (Ich habe mal darüber geschrieben.) Jetzt treffe ich sie zum ersten Mal live und in Farbe. Ja, ich erkenne gerade mal wieder eindeutig die Vorteile, die Corona so mit sich gebracht hat. Sie berichtet davon, welche Verantwortung sie durch die Umstrukturierung erhalten würde, was ich schon erstaunlich finde. Sie hat ein kleines Kind (anderthalb) Zuhause, was ich mir nicht leicht vorstelle, wenn ich dann zukünftig auch häufiger Reisetätigkeit einkalkulieren müsste. Aber weit gefehlt, das mache ihr nämlich nichts. Im Laufe des Gesprächs plappert sie dann auch von ihrem letzten Urlaub, den sie so nie mehr wiederholen würde. Sie habe mit ihrem Mann beschlossen, zukünftig die Kleine zur Kita zu bringen, wenn sie und ihr Mann Urlaub hätten: „Denn die ist ganz schön anstrengend! Mit anderthalb hat sie ja jetzt so ein Alter, wo sie echt Aufmerksamkeit einfordert. Das ist ganz schön heftig. Da hat sie doch mehr von uns, wenn wir erholt sind und sie abends abholen.“ Manchmal vergesse ich, dass ich dann live da sitze und nicht mehr im Versteck hinter meinem Laptop. Mein Gegenüber sieht dann eben schon meine Gesichtsentgleisungen. Immerhin kotze ich nicht und schimpfe auch nicht los. Doch meine Mimik reicht wohl aus. „Also, nicht falsch verstehen: Ich liebe mein Kind. Aber ich habe keine Lust, mich mit ihr zu beschäftigen, weil ich das einfach nur anstrengend finde.“ Mein Gesicht macht immer noch, was es will. Wir wechseln also besser das Thema. Mir tut nur die kleine Maus leid.
Und nein, damit meine ich nicht, dass man nicht mal genervt sein darf von seinem Kind. Das ist normal und macht einen nicht zu schlechten Eltern. Aber wenn ich so gar keine Lust habe, mich mit meinem Kind zu beschäftigen, wie sie es erläutert, dann frage ich mich: Wieso haben solche Kackbratzen eigentlich Kinder??? Ich verstehe es nicht. Nennt mich neidisch (was nicht meine Wesensart ist), weil ich keine Kinder habe. Ist mir egal. Ich wäre bestimmt eine wahnsinnig behütende Mutter geworden, was auch daneben ist. Ich verstehe Menschen nicht, die Kinder haben (wollen), sich dann aber nicht mit ihnen beschäftigen möchten. Und so bin ich einmal mehr froh, diese dumme Nuss hinter mir lassen zu können.

Morgen ist ein neuer Tag, an dem ich wieder einige Stunden mit Lernen verbringen werde. Meine Hoffnung dabei ist ja auch, die Menschen um mich herum besser verstehen zu können. In Teilen gelingt mir das ja auch durchaus. Ich erkenne auch, an welcher Stelle meine Energie vergebens wäre, weil so manch einer eine am Helm hat. Egoismus an sich ist nur keine psychische Störung, wenn ich mir so die Diagnose-Kriterien anschaue. Und da darf ich dann durchaus weiterhin meine Intoleranz beibehalten. Ich möchte da auch niemanden belehren oder gar bekehren, doch ich merke, wie stark ich auf Abstand zu manchen Menschen gehe. Gesunder Egoismus ist was Gutes…nur übertreiben es einige dann doch auch. Und dann sind sie plötzlich irritiert, wenn ich sie meide. Vermutlich können sie mit der Art von Egoismus auf der anderen Seite nicht wirklich umgehen? Egal, das dürfen sie lernen… oder es lassen – ganz, wie es ihnen beliebt.

Lustiger Unterleib

Ich habe mal wieder einen neuen Begriff gelernt. Meine neue Chefchefin fährt mit dem obersten Boss gemeinsam in Urlaub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein Kollege kommentiert das so: „Mei Oma hot imma gsogt: ‚Die hot a lust’gen Untaleib.‘ Woaßt, woas i moan, gä?“ Wie geil war die Omma von dem denn bitteschön drauf?! Die alten Leute früher waren nicht dumm. Sie mögen weniger Kraftausdrücke verwendet haben (gerade die Frauen), aber im Grunde haben sie es nur anders verpackt. Meine Uromma (der ich vom Naturell ähnlich sein soll) muss wohl gesagt haben: „Watt bilde sich die Mannslüh ejentlich in? Die wöare jet bätisch? Mar füa datt klee besickt Stöckske Fleesch, datt die han?!“ Ich übersetze es nicht. Wer sich das nicht erschließen kann, darf mich gerne kontaktieren. Aber ich schätze, da versteht jede(r) schon den Kontext, oder? Herrlich. Was hätte ich drum gegeben, die Hühner mit dem Fahrrad spazieren fahrende Frau kennengelernt zu haben. Vermutlich bin ich wohl ihre Reinkarnation? Vom Verrücktheitsgrad und der Wehrhaftigkeit, käme das durchaus hin.

Was wir jetzt gerade erleben, was eher ins Gegenteil geht: Das Gendern. Und ja, ich gebe sogar als Frau zu, dass es mich nervt. Ich habe da nicht so einen Puls, wie mancher Herr den zeigt. Aber es holpert. Ich schätze, es muss immer irgendwie radikal sein, damit sich was verändert, nur ist das auch nicht der „richtige“ Weg. In dem Unternehmen, für das ich tätig bin, ist es mittlerweile vorgegeben, zu gendern. So geschah dies dann auch in einem Intranet-Artikel. „Alle Kolleg:innen blabla…“ Ich dachte mir schon selbst, wie unscharf diese Vorgehensweise sei, da die männlichen Kollegen ja mit „Kolleg“ beschnitten werden. Und so kam es dann, wie von mir erwartet, dass sich ein „Kolleg“ auch richtig echauffiert hat und entsprechend einen bissigen Kommentar hinterließ. Als Antwort hat er schnöde einen Link zur Intranet-Seite erhalten, auf der das Gendern vom Vorstand für die Zukunft vorgegeben worden ist. Oh man…welche Kapriölchen hier noch geschlagen werden? Eine Frau in den Vorstand zu holen, kommt für sie immer noch nicht infrage. Aber dann tun wir mal so, als ob wir ja durchaus Frauen als gleichwertig erachten und vergehen uns an der Sprache. Leider ändert das an der Haltung rein gar nichts, sondern verhärtet die Fronten noch mehr.

Was tut sich sonst noch so? Ah ja, mein Chef hat mich überrascht – und zwar im Positiven! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Meine Potenzialeinschätzung ist völlig anders ausgegangen, als ich angenommen hatte. Kurz vorher war ich innerlich schon bereit, ihnen die Brocken vor die Füße zu werfen und zu sagen, ich würde jetzt schaukeln gehen. Nee, ernsthaft. Ich hatte mich dazu entschieden, eigentlich doch lieber Stunden ab nächstem Jahr zu reduzieren und dann extern mit meinen Seminaren zu beginnen. Und dann? Ist das Ergebnis sehr wohlwollend, wertschätzend und nett ausgefallen. Hä??? Der Giftzwerg-Anteil in mir war nahezu sprachlos. Ich sage ja auch immer wieder: Überlegt Euch genau, was Ihr Euch wünscht. Denn im Grunde bin ich immer noch nicht überzeugt davon, ob ich tatsächlich in Richtung Führung gehen möchte? Aber egal. Ich darf es vermutlich mal ausprobieren. Und sollte es mir dann nicht gefallen, kann ich immer noch was ändern.
Mein Gespräch am Tag danach mit meiner zukünftigen Chefin, war dann das nächste Highlight. Wenn sie so ist, wie sie geredet hat, wird es eine verdammt anstrengende, aber eben auch ungemein positiv herausfordernde Zukunft werden. Sie ist offen für Ideen, will Dinge anpacken und verändern und ist dabei genauso ungeduldig, wie ich das bin. Wir werden also vermutlich gemeinsam am Gras ziehen. Wir dürfen also alle gespannt sein, wieviele Grasbüschel wir dabei rausreißen. Ich freue mich gerade so richtig auf den Wechsel und alles, was da so kommen wird. Drückt bitte die Daumen, dass das Gefühl anhalten wird!

Was sich hingegen nicht zu ändern scheint, ist mein Vermieter. Er war so freundlich, mir die Nebenkostenabrechnung für letztes Jahr zu schicken. Meine Nachzahlung beläuft sich auf über 362 Euro. Alter, habe ich geschäumt vor Wut. Da half auch das ruhige Zureden meiner Freundin nicht, die mir – korrekterweise – erklärt hat, dass der Ölpreis gestiegen sei, wir alle mehr Zuhause gewesen wären usw. Ich hatte die Nebenkostenvorauszahlung erst vor zwei Jahren selbständig erhöht, weil ich da bereits 120 Euro hatte nachzahlen dürfen. Dann wurde ja die Miete meines selbstlosen, am Hungertuch nagenden Vermieters ohne eine Gegenleistung seinerseits um 50 Euro erhöht, weshalb mir echt eine Ader zu platzen drohte. Zwei Ouzo später, war ich leicht lala im Kopf, aber der Rauch stieg nicht mehr ganz so aus den Ohren. Am Folgetag (gestern) habe ich dann in Ruhe noch mal nachgeschaut. Was hat der kleine Pisser (ich spreche immer noch von dem Vermieter) gemacht? Er hat einfach alle Aufstellungen, die er erhalten hat, in den Summen addiert. Dabei wurden dann leider knappe 480 Euro zweifach berechnet. Somit ergibt sich für mich sogar ein Plus von 117 Euro. Das habe ich ihm dann per What´s App (seine bevorzugte Kommunikation, nicht meine) geschrieben. Und ja, ich bin dabei freundlich geblieben. Nun hatte er mehr als 24 Stunden Zeit, überhaupt irgendwie zu reagieren. Er kann alles gerne noch mal nachlesen und schauen, aber dann schreibe ich doch zumindest: „Danke für den Hinweis, ich werde das überprüfen.“ Aber nichts. Wenn er es überprüft, müsste er sich eigentlich auch entschuldigen, denn er hätte mich um ca. 480 Euro geprellt, wenn ich seiner Zahlungsaufforderung nachgekommen wäre. Es wird spannend, ob er das hinbekommt oder einfach nur kommentarlos überweist. Wie geht der Spruch noch mal: „Für manche Menschen fehlen mir die Worte…für andere ein Baseballschläger.“ Ich weiß, nicht nett. Da muss ich noch üben, um etwas ähnlich Umschreibendes, wie den „lustigen Unterleib“ zu finden. Wie wäre es mit: „Der Gute leidet an einer Hirnunverträglichkeit“? Auch noch zu böse? Macht mir Vorschläge, ich bin da offen.

Es bleibt eine Zeit, die für mich in Wellenbewegungen verläuft. Alles scheint sich zu verändern. Das mag ich durchaus. Es ist spannend, nur eben auch bisweilen anstrengend. Manche Wellen tragen einen hoch hinaus, manche drücken einen in die Tiefe. Vermutlich sollte ich lernen, wie man surft? Natürlich nur im übertragenen Sinne. „Unsportlich“ ist doch mein zweiter Vorname. Aber mal ernsthaft: Wie toll muss es sein, wenn man jede Welle richtig reiten kann? Wenn einen nichts mehr unter Wasser ziehen kann? Andererseits macht es das ja gerade aus, oder? Ich habe letztens wieder ein schönes Zitat gelesen:

„Erfolg haben heißt, einmal mehr aufstehen, als man hingefallen ist.“ (Winston Churchill)

Also ja: Hinfallen gehört dazu – auch und gerade in turbulenten Zeiten.

alles eine Frage der Relation

Zunächst einmal das Wichigste: Der Mann, den ich im Traum letzte Woche heiraten wollte, ist mir nicht mehr erschienen. Also weder in der Realität, noch im Traum. Jetzt könnten weise Menschen entgegenhalten, ihn vielleicht doch in der Realität getroffen zu haben, weil ich ja nicht wisse, wie er aussähe. Glaubt mir: Es war kein brauchbares „Material“ dabei. Ja, ich weiß, ich komme immer noch in die Hölle. Macht mir aber immer noch nichts.

Wo soll ich nur anfangen und wo enden? Es waren aufregende Tage, die ich erlebt habe. Die Fortbildung hat sich noch total gedreht für mich. Am ersten Tag war ich ja eher skeptisch bis genervt. Jetzt bin ich kein Strukturfanatiker (wie meine Müsli-Kollegin), aber ein gewisses Maß setze ich dann doch voraus. Es gab kein Skript, keinen Ablaufplan, gar nix. So was befremdet mich. Und dann war da ja diese Kackbratze, die ja ach so perfekt meisterlich ausgebildet war, es allerdings nicht anwenden konnte. Das hat sich dann recht schnell relativiert. Dadurch ist sie zu keiner Freundin geworden, aber sie war mir schlichtweg egal. Von meiner „Selbsterfahrung“ berichte ich Euch mal lieber nicht. Ich denke, das schreckt den einen oder anderen dann doch zu sehr ab.:-) (Nein, wir haben nicht nackt im Regen getanzt oder anderes abgefahrenes Zeug gemacht oder gar Pülverchen eingeschmissen!) Die Gruppendynamik war überaus spannend, die Teilnehmer an sich ehrlicherweise ein Geschenk. Ich mag es sehr, Menschen kennenzulernen, denen ich sonst im Alltag vermutlich niemals begegnet wäre. Und da waren schon ein paar sehr interessante Exemplare dabei. So durfte ich auch endlich mal eine Frau kennenlernen, die polyamor lebt. So was kenne ich „behütetes Scheißerle“ ja nur von Berichten. Interessant auch, wie groß ihr Bedürfnis war, das dann doch recht schnell klarzustellen. Ich finde solche Lebensarten, die soooo unendlich weit von meiner Erziehung entfernt sind, immer schon spannend. Künstler, beispielsweise. Die üben auch eine totale Faszination auf mich aus. Ich will gar nicht so sein, aber ich höre ihnen gerne zu, wenn sie aus ihrer Welt berichten. Dann denke ich oft: „Und Deine Familie hält Dich für einen Paradiesvogel, dabei bist Du einfach nur ein Spießer – verglichen mit diesen Menschen.“ Da sehe ich es mal wieder so was von deutlich vor mir: Es ist immer alles eine Frage der Relation.

So auch inhaltlich: Eine Fortbildung muss nicht unbedingt einer festen Struktur folgen, um erfolgreich sein zu können. Es bedarf in erster Linie Herz und wohlwollendem Miteinander. Der Trainer hat zu 80 Prozent Blickkontakt zu mir gehalten, was für mich auch erstaunlich war. Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich so was nicht auf den Grund gehen wollen würde. Es war kein unangenehmes Starren, dennoch auffällig. Am letzten Abend kamen er und ich dann ins Gespräch, wo ich danach gefragt habe. Es hätte ja schließlich auch nur meine schräge Wahrnehmung sein können. Doch das war es nicht, wie er bestätigte. Was war es dann? Nun, einerseits war es Fürsorge, weil ich so jemand bin, der auf alle anderen achtet und dafür sorgt, dass niemand zu kurz kommt. Da war er in Sorge, ob ich auch genügend auf mich selbst achte. In einem Resilienz-Training keine dumme Sache, gell? Aber der andere Grund, der hat mich dann doch erschüttert. Dieser Grund war Angst. Ja, so habe ich auch geschaut. Er habe Angst vor mir. Hoppla. So etwas trifft mich dann ja doch, was er jedoch entkräftigt hat: „Ob Du das wohl bitte bei mir lassen kannst?!“ Naja, das fiel mir zugegebenermaßen schwer. Ich hätte einen messerscharfen Intellekt, würde sehr klar formulieren und dabei seine altbekannte Angst schüren, er sei ja selbst gar nicht so schlau, so begabt und wisse viel zu wenig. Spannend, oder? Trotzdem fand ich das natürlich schlimm. Zum Abschied hat er mich noch gefragt, ob ich nicht mal zusammen mit ihm Trainings geben wollen würde? Er denke, es würde sich perfekt ergänzen und einen Mehrwert für die Teilnehmer bringen. Ganz ehrlich? Ich war nicht nur gerührt, sondern mein Ego schon auch sehr gepinselt. Ich bin eben auch nur ein Mensch mit seinen ganz eigenen (und vielen) Schwächen.

Mein Chef hingegen verharrt weiterhin konsequent in seinem Jammertal. Und ich konnte es wieder nicht lassen, als ihm mein Ohr zu schenken. Ein paar Ideen zum Perspektivenwechsel habe ich ihm auch angeboten, die dann allesamt mit: „Jo scho, oba…“ abgeschmettert wurden. Da frage ich mich, warum ich dumme Nuss immer wieder aufs Neue den Versuch starte – zumal er mir dann zusätzlich in seiner unbändigen Dummheit manch einen reinwürgt. Er merkt es nicht. Die Treffer sitzen dennoch oft ganz gut. So stelle ich mir einen betrunkenen Boxer vor. Der weiß auch nicht mehr, wohin er schlägt. Bekommt man seinen Schwinger allerdings ab, tut´s dennoch weh.
Daher wird der kommende Montag spannend werden. Da geht es um meine Einschätzung der Kompetenzfelder. Ich musste mich selbst einschätzen, zusätzlich dann aber auch mein Chef, der Chef vom Nachbarteam und mein derzeitiger Chefchef. Die Ergebnisse werden mir am Montag vorgestellt. Wir werden nicht in allem einer Meinung sein. Da diskutiere ich gerne und bin offen für das, was kommen wird. Außer bei meinem Chef. Da fällt es mir jetzt schon schwer, gleichmütig in das Gespräch zu gehen. Wie soll ich mit der Bewertung eines aus meiner Sicht völlig inkompetenten Volltrottels umgehen? Die größte Herausforderung wird sein, mich zu beherrschen, nicht Dinge zu sagen, wie: „Na, wenn die Voraussetzung bei Dir gereicht hat, an die Position zu kommen, sollte ich vielleicht mit meiner Kompetenz direkt beim Vorstand anklopfen?“ Das wäre natürlich nichts, wo ich wirklich sein wollen würde. Aber Ihr versteht vermutlich, was ich damit sagen will. Es wird ganz arg schwer. Doch auch das ist alles eine Frage der Relation, denke ich mir. Denn im Grunde bin ich völlig unabhängig. Sollten mir das Gespräch bzw. die Inhalte völlig gegen den Strich laufen, habe ich ja eine Exit-Strategie: Ich kann jederzeit meinen Wunsch zurückziehen. Und das nicht etwa aus Feigheit. Ehrlich nicht. Wenn ich das zurückziehe, dann mit den Worten: „Wenn Ihr noch nicht soweit seid, dann mach´ ich mich doch nicht müd´, Euch zu überzeugen.“ Wenn ich auch viel mit mir hadere und echt nicht weiß, ob das wirklich was für mich ist, weiß ich, dass ich mehr Führungswerte in mir vereine, als mein Chef das je getan hat. Daher…wird der Montag spannend.

Und dann kommt es endlich spontan erneut zu einem Zoom-Gespräch mit meiner neuen Berliner Bekanntschaft. Mein alter Bekannter (den ich heiß und fettig liebe – solltest Du das gerade lesen, Mike) ist ja auch schon sehr markig. Doch mein neuer Bekannter toppt ihn gerade etwas. Ich referenziere noch mal auf meine Herkunft: 800-Seelendorf, streng katholisch, sehr behütet, Großfamilie. Ich kann nicht einmal genau herleiten, wieso ich das gefragt habe, aber irgendwie hat mich sein Beziehungsstatus interessiert. Und nein, gar nicht für mich. Ich schätze, ich werde den Herrn nie im wirklichen Leben treffen. Als er schmunzelt, bin ich auf alles gefasst. Das ist es wohl, was mich so fasziniert: Er ist so völlig anders und hat spannende Geschichten in seinem Köcher. Und dann berichtet er – frisch von der Leber weg: Er habe so etwas, was viele wohl als „Beziehung“ bezeichnen würden. Eine alleinstehende Frau mit drei Kindern. Sie träfen sich seit drei Jahren ca. einmal im Monat, da hunderte Kilometer sie trennten. Dann gäbe es aber auch noch eine Geliebte. Sie verbrächten 24 Stunden Exklusivzeit ausschließlich in seiner Wohnung. Alles, was „draußen“ ablaufe, bleibe draußen. Sie kennen nichts von der Welt des anderen. Und dann gäbe es noch eine Frau, mit der er wohl am intimsten sei – ohne jemals sexuell aktiv zu werden. Sie wüssten die intimsten Details, alle Hoffnungen und Sorgen voneinander, aber wären niemals körperlich geworden. Bei jeder Frau würde er einen anderen Anteil von sich ausleben und das sehr genießen. Ich grinse und kommentiere: „Alles andere als so eine Geschichte, hätte mich auch schockiert.“ Und ich stelle fest, es ist in der Tat so. Und dann ergänzt er: „So, um Dich dann doch zu schocken: Hin und wieder spielt auch ein Mann eine Rolle dabei.“ Es schockt mich nicht. Ich, mit meinem spießigen Leben, in dem nicht mal ein Mann derzeit vorhanden ist, bin völlig fasziniert. Es ist keineswegs meine Vorstellung, so zu leben. Und einmal mehr denke ich: Berlin ist einfach anders. Als ich ihm das so sage, pflichtet er mir bei. Eine Freundin hätte ihn mal besucht. Sie seien im Park spazieren gegangen, wobei ihnen eine Frau entgegenkam, die ausschließlich mit ihrem Schlafanzug bekleidet herumlief…ohne Wäsche. Seine gute Freundin habe mit offenem Mund dagestanden und ihren Blick schweifen lassen. Als sie wieder Luft bekam, muss sie wohl gesagt haben: „Nicht nur, dass da eine Frau im Schlafanzug herumläuft…es hat sich nicht mal einer außer mir danach umgedreht!!!“ Er ergänzt für mich: „Wenn ich mich nach jeder schrillen Gestalt in Berlin umdrehen müsste, hätte ich etliche Hexenschüsse.“ Ich finde so was faszinierend und toll, wie manche Menschen sich so frei ausleben. Es fiele mir unendlich schwer, das zu tun. Dabei tun sie ja niemandem damit weh. Sie tun einfach nur das, womit sie sich wohlfühlen – bezogen auf Klamotten, Frisur, aber auch in Sachen Sexualität.
Ich glaube, ich behaupte nie mehr, ein bunter Vogel zu sein. Dabei sagt er mir am Ende des dreistündigen Gesprächs (wir können einfach nicht kurz), dass er meinen Mut so toll fänd. Mut? Ich? Warum kommen die Menschen nur immer wieder darauf, das von mir zu denken? Aber auch das ist wohl alles eine Frage der Relation, oder? Ihr seht: Es schwirrt und schwirrt in meinem Kopf soooo vieles herum. Ich bin einfach wahnsinnig dankbar für all die Menschen, die mir so begegnen und völlig unterschiedliche Lebensentwürfe zeichnen. Ist das nicht herrlich? Ich finde schon.

Hochzeit, Trigger, Rumtata

Ich sehe mich selbst im Brautkleid. Ja, ich werde heiraten. Es wird so, wie ich es mir gewünscht habe: Ein fließendes Kleid, das zu meiner Strandhochzeit im allerengsten Kreis passt. Noch ehe ich meinen zukünftigen Mann erblicke, klingelt der Wecker. Echt jetzt?!?! Das darf ja wohl nicht wahr sein!! Ich will doch wissen, wer das ist, damit ich Ausschau nach ihm halten kann. Ihr könnt Euch vorstellen: So ein abruptes Ende eines echt tollen Traums, ist ein mieser Einstieg in den Tag. Schönen Dank auch. Missmutig verlasse ich das Bett und steig unter die Dusche.

Heute geht’s nämlich nach Fürth. Ich habe meine Ausbildung zum Resilienz-Berater, die bis Samstag dauert. Der Traineranteil in mir ist etwas genervt, weil keine wirklich klaren Vorgaben vorab kamen. Auf eine Mailanfrage hin konnte ich in Erfahrung bringen, dass es um 10 Uhr losgeht. Mit eineinviertel Stunden Puffer fahre ich entspannt los und komme an keiner einzigen Stelle in einen Stau. Herz, was willst Du mehr? Da die Atta-Girls schon fleißig waren, kann ich auch schon vor Schulungsbeginn in mein Zimmer.

Wir sind acht Teilnehmer, was ich bereits vorab wusste. Die Verteilung ist der Kracher: Ein Mann, sieben Frauen. Der Background ist auch wieder die komplette Lindenstraße. Meine direkte Sitznachbarin gefällt mir auf Anhieb. Eine in Düsseldorf geborene Kölnerin ebenso – obwohl das schon ein harter Ritt ist. 🙂 Aber es gibt auch die Trigger-Menschen, was mich im Laufe des Tages schon auch nervt. Der einzige Mann (neben dem Dozenten) haut dann auch mal einen Klopper raus: Ernährung sei nicht so sein Steckenpferd. „Vegan leben zu müssen, wäre für mich der Untergang! Wir vernichten doch damit die Natur!“ Ich schmeiß mich weg. Der nächste Klopper kommt in der Mittagspause von der Rheinländerin. Wobei vorher noch eine Szene voranging. Wir waren ursprünglich zu fünft, die in den Biergarten wollten. Drei trugen eine medizinische Maske, wir zwei in Bayern lebenden eine FFP2-Maske. Ach ja, einheitliche Regeln wären ja auch zu langweilig. Es wird häufig diskutiert, aber ist nun mal eine Tatsache: Fürth liegt zwar in Franken, und die gibt es schon viiiiiiiel länger, aber Bundesland technisch gesehen, gehört dies zu Bayern. Ja, liebe Franken, ich weiß, dass das nicht gerecht ist. Zum Ausgleich ist einer Eurer Landsleute (dä Maggus) Ministerpräsident Bayerns. Also passt’s doch wieder. Und so gelten hier bayerische Regeln, sprich FFP2-Maskenpflicht. Die Kellnerin kommt zu uns und fragt, ob die drei Damen auch eine FFP2-Maske hätten? Nö. Dann könnten sie eine erwerben, denn: „Sie müssen hier FFP2-Masken tragen.“ Prompt motzt die Dame, die mich ohnehin schon triggert: „Ich muss gar nichts!“ und stiefelt raus. Ihre Schwester seufzt, verdreht die Augen und geht ebenfalls. Sind wir nur noch drei, wobei die Rheinländerin eine Maske kauft – wir leben schließlich nach dem Motto: „Et is, wie et is.“ Und die Gastronomie hat sich die Regeln nicht ausgedacht. Nun dürfen wir an unseren Tisch und bestellen. Hier merke ich, doch schon eine Weile bei den Bayern zu leben, denn die Kölnerin bestellt ein Bier, aber nicht so ein ganz Großes. „A halbe denn?“ In München sagt man da schon „a hoibe“, aber in Franggn is des a weng anderst. Nee, sie wolle weniger als 0,5 Liter. „A Schnitt also.“ Ein Schnitt ist eher das letzte Bier, bevor man geht. Das Halbliterglas wird mit voll aufdrehtem Hahn befüllt, bis es halb voll Bier und halb voll Schaum ist. So was gibt’s nur in Bayern. Ich liebe es. Eine Viertelstunde später sagt die Rheinländerin dann ganz süß zur Kellnerin: „Jetzt hätt‘ ich gern ein ganzes“, was ein Stirnrunzeln hervorruft. Immerhin ist das Glas ja nicht kaputt. Völkerverständigung ist was Feines… und die Franggn… mei, es sind halt Franggn, gä? Sie pflegen ihre ganz eigene Sprache.

Nach der Pause geht’s in die Diskussion. Und da steigt dann der Nervpegel. Manches ist mir zu schwarz-weiß. Die Sicht auf Deutschland ist sehr negativ. Es ist alles so absolut. „Und dann diese Zeit! Und diese uneinsichtigen Menschen!“ Ich mag die Haltung nicht: „Ich weiß ja soooo viel mehr! Und ich muss Dich bekehren, damit Du auch ein Sehender wirst.“ Da könnte ich mal eben göbeln. Der Dozent ist zumindest so aufmerksam, mein Genervtsein zu erkennen. Klar, mein Gesicht spricht ja auch Bände. Er setzt mehrfach an, mich was zu fragen, aber zwei Damen sind nonstop damit beschäftigt, sich gegenseitig in ihrer „Deutschland engt sooooo ein, ich kann nicht mehr atmen“-Haltung zu bestätigen und übertrumpfen. Ich gähne innerlich. Geht mir das auf den Sack. Wir machen eine kurze Pause, bevor es dann mal ans Eingemachte geht. Die Haupttrigger-Tuse stellt sich zur Verfügung, wobei ich innerlich schon mal vorsorglich die Augen verdrehe. Aber dann wird’s doch noch gut, und ich fange an, sie besser zu verstehen. Sie wird keine Freundin von mir, doch ich kapiere, warum sie so ist, wie sie ist und auch – was noch spannender ist – was mich so an ihr triggert. Als sie ihre Mutter beschreibt, muss ich schmunzeln und bin gleichzeitig entsetzt: „Meine Mutter war ein Tyrann. Ich bilde mir ein, zu wissen, wie es in Nord-Korea sein muss.“ Wow. Da frag ich mich mal wieder, warum manche Menschen überhaupt Kinder in die Welt setzen? Wie sagte eine Freundin letztens, die gerade zwei Hunde aus dem Tierheim holt? „Die kontrollieren Dein Zuhause, schauen sich genau an, wo die Hunde hinkommen, machen Auflagen und kontrollieren diese auch. Ich wünschte, sie würden bei Kindern genauso hinschauen und überprüfen, wie es mit denen in ihrem Zuhause läuft.“ Stimmt. Aber da gibt’s ja wieder zu wenig Kapazitäten. Traurig.

Alles in allem gehe ich versöhnlich in den Feierabend, aber ich spüre, wie müde ich bin. Fortbildungen sind immer auch anstrengend. Wenn sie dann aber auch noch auf emotionaler Ebene ablaufen, passiert mit einem selbst auch ganz schön viel – vorausgesetzt, man ist offen dafür und lässt sich darauf ein. Es bleibt also spannend… und verbunden mit der Hoffnung auf ein klareres Bild in meinem Traum nächste Nacht. Drückt mir die Daumen – am besten für beides.

warum ich nicht lernen konnte…

Heute Morgen werde ich wach und glaube fest dran: Ich werde heute lernen! Mit Blick zurück denke ich vor allem, ich darf lernen, genauer zu formulieren. Also habe ich ja schon was gelernt. Insofern ist das Vorhaben erfolgreich umgesetzt. Juchuuuuuu! Eigentlich meinte ich aber natürlich das Lernen für meine Prüfung in zwei Monaten. Wieso schaffen es so viele Leute, sich bei so was hervorragend zu strukturieren und an so einem Plan festzuhalten? Und wieso gibt es dann die anderen, die immer schieben und schieben, wie ich das mit Vorliebe mache? Tja, vermutlich ist das ganze Leben wie die Lindenstraße. Da ist ja auch für alle und von allem was dabei. Watt weiß denn ich?!

Mein heute früh im Bett perfekt zurechtgelegter Plan wird gleich von verschiedenen Faktoren zunichtegemacht. Auf einmal stören mich nämlich Papiere, die nicht abgeheftet sind. Normalerweise tritt das Phänomen erst nach einem halben oder dreiviertel Jahr ein. Dieses Mal passiert es deutlich eher. Wofür so eine Prüfung nicht alles gut sein kann! Das Abheften ist allerdings fix erledigt. Aber dann schaue ich mir die rechte Seite meines Kleiderschranks an. So was können, glaube ich, nur Frauen genießen. Ich entdecke Klamotten, die ich glatt noch mal kaufen würde, denn ich hätte sie nie in meinem Fundus vermutet. Peinlich, was sich da über die Jahre so sammelt. Ich hatte ja vor Monaten großzügig die linke Schrankseite durchforstet und aussortiert. Da verließ mich dann allerdings die Motivation, weil ich ja mit meinem Porzellan und G´schiss weitermachen wollte. Ich entdecke echt schöne Sachen, die ich noch nie getragen habe. Ich glaube, auch dieses Phänomen kennen nur Frauen. Krank…aber auch unterhaltsam, sage ich Euch.

Und dann ruft Herr Leckebusch an. Da kann ich ja nicht wirklich lernen! Er erzählt mir einen, kommt wieder vom Hering auffe Torte, plaudert über Jan und Pitt. Er ist wieder richtig gut drauf. Und dann erzählt er von seinem geplanten Trip in den Süden – allerdings mit seiner Else. Sie besuchen ein paar Freunde. Ganz nebenher lässt er fallen, dass er in unserem alten Schulungshotel einkehren wird. Da kombiniere ich und frage noch mal nach, ob das der Nachholtermin für den letztjährigen Termin sei? Ja ja, genau. Letztes Jahr hatte er mich gebeten, doch auch zu kommen. Da seine Else aber nun dabei ist, werde ich nicht mal gefragt. Ich bekringel´ mich innerlich. Männer von seinem Schlag ändern sich nie wirklich. Dabei ist der Gute ja 37 Jahre älter als ich!!! Aber nee, er will seine Frau und mich ungern erneut aufeinandertreffen lassen. Oh, keine Sorge, ich bin nicht die Einzige. Andere Kontakte weiblicher Natur von seiner aktiven (kann man auch doppeldeutig verstehen, ich weiß) Arbeitszeit hält er ebenso fern. Ich durfte sein holdes Weib (kalt, wie ein Fisch) immerhin letztes Jahr ja kennenlernen. Die anderen kennen sie nur unter dem Namen „die“. Das ist so ein Phänomen, das ich schon häufger erlebt habe. Männer, die von ihren Frauen immer nur von „die“ sprechen. Blöder Name, oder? Einen anderen haben die nicht. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht wirklich. Und dann raunt er plötzlich ins Telefon: „Ich muss Schluss machen. Die Chefin kommt!“ Hä? Gut, sie heißt immerhin nicht mehr nur „die“, sondern auch noch „Chefin“, aber warum müssen wir auflegen? Wir haben ja keineswegs dirty talk betrieben. Fänd ich auch zu lustig. Etwas in der Art, wie: „Gib´ mir Tiernamen!“ Und ich würde: „Bambi, Klopfer!“ sagen. Oder: „Sag´ mir was Schmutziges!“ Und ich wieder: „Küche, Toilette…“ Aber so weit waren wir nie und werden in unserer „Beziehung“ auch nie dorthin gelangen. Versteh´ mir einer die Männer. Aber Ihr seht jetzt, wie man einen Tag so einfach rumkriegen kann.

Und dann muss ich ja auch noch Mittagessen zubereiten. Und überlegen, ob ich den neuen Eberhofer heute im Kino schauen will oder nicht? Wenn ja: Um welche Uhrzeit? Da vergehen schon einige Minuten. Da die späteren Vorstellungen schon recht gut besucht zu sein scheinen, reserviere ich kurzerhand für 15:30 Uhr. Ja doch, auch auf die Gefahr hin, dass dann Kinder und komische Leute anwesend sein könnten. Kinder sehe ich in der Tat nicht. Aber dafür einen Haufen komischer Leute. Es gibt auch genügend Menschen, die niemals allein ins Kino gehen würden. Dabei ist das für mich völlig locker, so was allein zu machen. Da quatscht man doch eh nicht viel. Coronakonfrom wird immer ein Sitz zum unbekannten Nachbarn freigelassen. Der Abstand zum Menschen vor einem ist geringer als 1,50 m, aber ich übe mich im Schweigen. Das Pärchen neben mir hat bereits vor dem Film den Kübel Popcorn aufgefuttert. Links hinter mir lausche ich einer liebevollen Unterhaltung. Er: „Loss´ ma probian!“ Sie: „Na, des is meins!“ Er: „Un wäa hot´s zoalt? I. Also.“ Romantik, wohin das Auge blickt. Sie kann nicht teilen, er hat dicke Eier. Was will man mehr? Ich kann so gut verstehen, warum ich Single bin. 🙂
Dann kommt ganz knapp vor Beginn eine Truppe von acht Leuten rein. Kennt Ihr so Menschen, die im Kino schon laut sind, wenn es nur ums Aufteilen der Sitzplätze geht? Bei denen Du denkst: Die meinen, sie seien völlig allein im Kino. Das ist quasi ihr Wohnzimmer. Von dem Schlag sind sie. Die Lache einer der Frauen ist so krank und an völlig unpassenden Stellen, dass ich lange mutmaße, es handele sich um ein krankes Kind, das sie dabei hätten. Es ist aber in der Tat einfach eine Frau, die eine selten dämliche Lache hat. Da tut mir der Mann ja schon wieder leid.
Vielleicht geht Herrn Leckebusch die Lache seiner Else ja auch auf den Zeiger und er flüchtet sich deshalb in eine Art Phantasiewelt? In eine, in der er sich mit etlichen Weibern was vorstellt, was in der Realität nie passieren wird? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich bei diesen Aktivitäten und Gedankenspielen unmöglich lernen kann. Daher wasche ich meine Hände in Unschuld und hoffe auf mehr Lernbereitschaft am morgigen Sonntag…wir dürfen gespannt sein.

bittere Geschichte

Es regnet. Nachdem das ja auch lange genug angekündigt wurde und sich keiner dran gehalten hat, passt es nun endlich doch. Heute Morgen habe ich mich sogar bei dem Gedanken ertappt, wie schön jetzt ein Glühwein wäre. Oder ein warmer Eierpunsch…auf dem Weihnachtsmarkt. Ja, ich habe auf den Kalender geschaut und festgestellt, dass wir gerade mal Anfang August haben. Und was heißt das? Nichts. Petrus scheint sich jedenfalls nicht darum zu scheren. Warum also sollte ich das tun? Ich trage lange Jeans, musste sogar eine Jacke überziehen…das ist alles, wie es auch in der Vorweihnachtszeit so ist. Die fünf Grad Unterschied machen den Bock dann auch nicht fett, oder? Eben.

Die letzten Tage war ich immer irgendwie beschäftigt. Kennt Ihr das? Ihr seid beschäftigt, fragt Euch aber dann rückblickend, womit eigentlich? So richtig kann ich das gar nicht sagen. Die Arbeit plätschert vor sich hin. Nächsten Montag habe ich dann eine Audienz bei der neuen Chef-Chefin – als Einzige der beiden bisherigen Teams. In welche Richtung es gehen soll, weiß ich schon. Ob ich das auch will, weiß ich allerdings noch nicht. Das Positive: Ich werde zu einem Gespräch zwecks Austausch gebeten. Damit bin ich in der besseren Position und kann auch meine „Forderungen“ stellen – auch wenn ich die natürlich nicht als solche bezeichnen werde. Es soll eine Academy geschaffen werden. Ja, schreibt man im Deutschen anders, aber sie wollen nun mal eine Academy und keine schnöde klingende Akademie. Ist auch pupsegal. Das Interessante daran ist: Keiner kann das. Trainer gibt es einfach nicht wirklich hier. Da bin ich die Einzige. Hier werden eher Workshops gehalten und Zahlen, Daten, Fakten geliefert. Menschen zu begeistern, ihre Leidenschaft zu wecken, ihnen den Nutzen von etwas aufzuzeigen, gehört einfach nicht dazu. Und da könnte ich mich auch viiiiiiiiel mehr austoben. Nur ist das nicht gewollt. Keiner versteht so wirklich, dass man sich auch eine Geschichte dazu ausdenken muss. Sie sind hier allesamt eher phantasielos. Und dann komme ich bunter Vogel daher.
Tja, und da steh´ ich nun und überlege, ob ich mir das Zähne Ziehen antun soll? Einerseits wäre es gut, wenn ich mich da austoben könnte. Ob ich dafür aber den nötigen Freiraum erhalte? Die Dame, die meine Chefin werden würde, ist alles andere als einfach. Da wird es rappeln. Andererseits: War es bislang leicht? Meine quasi nicht vorhandene Führungskraft ist jetzt auch kein Brüller gewesen. Und eigentlich wollte ich in eine andere Abteilung wechseln, dessen Leiter ich so toll finde. Ich folge Menschen – nicht nüchternen Zahlen. Da denke ich wieder an meinen Berliner. Mit solchen Menschen würde ich unwahrscheinlich gerne zusammenarbeiten. Das wäre anstrengend, da gäbe es unglaublich viel Reibung, aber so würde eben auch Energie erzeugt. Es würde mich persönlich in der Entwicklung voranbringen, neue Wege aufzeigen. Ich bin diese Schnarchnasen hier einfach so leid. Es kommt eben auch darauf an, wer noch in das Team käme. Ich schätze, da wird niemand aus meinem Team dabei sein…oder vielmehr hoffe ich das. Außer meine liebe Kollegin, aber die wird garantiert nicht für dieses Team vorgesehen sein.
Vermutlich werde ich jedoch das mit der Academy machen. Warum? Weil ein paar der jungen Hühner in die tolle Abteilung wechseln und da Posten besetzen werden, dass mir übel wird. Und andererseits: Wenn ich eh nebenher selbständig als Trainer tätig werden möchte, dann kann noch mehr Erfahrung nicht schaden. Es kommt wohl einfach auf meine Entfaltungsmöglichkeiten an. Ihr seht schon: Es dreht sich wieder mal in meinem Kopf und schwirrt umher…

Und dann kommt mir mein alter Chef in den Sinn, bei dem ich nicht lange war, mit dem ich aber immer wieder im Austausch stehe. Zuletzt waren wir fürs letzte Jahr verabredet, doch da ist uns der Lockdown dazwischen gegrätscht. Wir haben schon noch geappt zwischendurch, aber nicht wirklich richtig gesprochen. Also rufe ich ihn kurzentschlossen an, um endlich einen Termin zu vereinbaren, wann wir uns treffen. Was er dann berichtet, haut mich um: Er ist erst seit 15 Monaten verheiratet. Und ziemlich genau da fing es an, dass seine Frau ihn schlägt. Zu Beginn des Jahres sei er nicht mehr in der Lage gewesen, sich noch zu irgendwas aufzuraffen. Und wie er so im Bett lag, habe seine Frau neben ihm gestanden und immer wieder auf ihn eingetreten. Ihr Sohn, der gerade seine Ausbildung begonnen hat, wohnt bei ihm. Die Frau hat nach Polizei- und Amtsgerichtbesuchen nun endlich keinen Zugang mehr zur Wohnung. Bei all dem schwingt natürlich Scham mit. Und Schuld auch, also die Frage: „Was habe ich getan, um das zu provozieren?“ Sie war selbst viele Jahre lang Opfer in ihrer Kindheit. Die sichtbaren Narben am Körper müssen da eine eindeutige Sprache sprechen. Aber erst, als der Sohn sich traut, bei der Polizei auch Anzeige zu erstatten, wird das ganze Ausmaß bekannt. Es ist erschreckend. Nur leider auch ohne Einsicht ihrerseits, denn sie sieht nicht, dass es ein Problem gibt.
Und ich? Sitze mit dem Hörer in der Hand und staune mal wieder nicht schlecht, wie das Leben läuft. Es wundert mich, wie offen er zu mir ist, als er sagt: „Wenn nicht Dir, wem könnte ich so was denn dann erzählen? Bei Dir weiß ich, das geht.“ Wir haben uns vielleicht sechs Mal seit Anfang 2018 gesehen. Aber manchmal ist das wohl so. Mit wem kann ein Mann offen sprechen, wenn er von seiner eignen Frau geschlagen wird? Wer ahnt sie nicht, die Sprüche, die dann kommen: „Was ist das denn für ein Mann, der sich von seiner Alten schlagen lässt?! So ein Schlappschwanz!“ Im Urteilen sind immer alle so schnell. Genauso, wie in Formulierungen: „Das würde mir nie passieren!“ Wie oft habe ich den Spruch schon gehört? Dabei sind das schleichende Prozesse. Es dringt langsam in Dein Hirn, weil man irgendwie denkt, dass das nicht wirklich passieren kann, weil das einfach nicht geht. Ähnlich, wie es auch bei dem Thema Missbrauch und Belästigung ist: „Es kann doch gar nicht so vielen Frauen passieren. Das wird doch aufgebauscht. Ich kenne keinen Mann, der so was machen würde. Und außerdem: Was hatte sie denn an?“ Schade, wie wenig Mitgefühl bisweilen vorhanden ist, wie wenig Verständnis. Und ja, ich weiß auch, dass es Frauen gibt, die das nur erfinden. Ich weiß aber auch, dass es verdammt viele Frauen gibt, die das niemals erwähnen und zur Anzeige bringen. Und ebenso, dass die Dunkelziffer von geschlagenen Männern verdammt hoch ist. Wäre es nicht gut, wenn wir mehr hinschauen und hinhören, wenn wir anderen Menschen begegnen?

Keiner macht, was ich will!

Was ist die Farbe des Sommers? Richtig. Rot. Ein schönes, kräftiges Rot. Eines, das glüht und Hitze abgibt. So von Haut zu Haut. Genau, ich habe mich mal wieder zu wenig eingecremt. Wobei das so nicht stimmt. Ich habe mich schon mit 30er Lichtschutzfaktor eingesprüht. Dazu muss man auch noch erwähnen, dass es eigentlich mieses Wetter geben sollte. Aber nüscht. Auf jaaaaar nüscht ist Verlass. Nicht mal mehr auf Petrus, die olle Wurschtpelle. So kann ich nicht arbeiten!

Dabei fing alles auch schon nicht korrekt an. Meine Sis und mein Schwager hatten sich für zehn Uhr am Donnerstagmorgen angekündigt. Sie trafen schon um neun Uhr ein. Ich war da allerdings noch neben der Spur. Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass ich in der Nacht zuvor vor lauter Bauchkrämpfen nicht schlafen konnte. Aus schierer Verzweiflung heraus, habe ich mich dann gegen Mitternacht auf die Suche nach einer Tablette gemacht. Nun nehme ich ja so gut wie nie Tabletten – nicht mal nach OPs. Und so fand ich eine Ibu800. Na guuuuut, zur Not tut´s dann auch so was. Viel zu stark, aber hey, so lässt sich´s echt schlafen. Doof nur, am nächsten Morgen dann völlig bräsig aufzuwachen. Und dann kommt der Besuch eben auch noch eine Stunde eher. Herrschaftszeiten! Die beiden sind Beamten! Wenn die schon nichts auf Pünktlichkeit geben, dann verroht ja wohl alles, oder?

Am ersten Tag frühstücken wir ausgiebig und gehen sechseinhalb Kilometer spazieren. Ich brauche so was ja nicht, aber ich will eben auch kein Spielverderber sein. So entdecken wir auch Ecken, die ich nie zuvor gesehen habe – direkt vor der eigenen Haustüre. Ob ich jetzt zuküntfig häufiger spazieren gehe? Warum das denn? Hat doch bisher immer hervorragend auch so funktioniert. Warum sollte ich da etwas ändern? Eben. Allerdings habe ich aufgrund dieser Sauerstoffvergiftung (na gut, vielleicht auch noch wegen der Nachwirkungen der Tablette) anschließend hervorragend schlafen können.

Freitag sollte das Wetter dann echt mies werden. So sagte meine Wetter-App das seit Tagen voraus. Aber Matsch am Paddel. Da hält sich ja keiner dran. Bei schlechtem Wetter hatten wir geplant, uns endlich mal die alte Pinakothek anzuschauen. Das Wetter war aber nicht schlecht. Kurzerhand fiel daher die Wahl auf den Ammersee – erneut. Ich liiiiiebe diesen See schon seit zehn Jahren. Da haben er und ich uns kennengelernt. Dieses Mal will ich schlauer sein und mich präparieren, also sprühe ich mich vorsorglich mit 30er Sonnenschutz ein. Es soll ja später noch regnen. Da muss ich nicht zusätzlich noch was einpacken. Und dann herrscht auf dem Schiff ja auch Maskenpflicht. Aber auch hier macht keiner, was mit mir besprochen war: Die Sonne strahlt, als gäb´s kein morgen. Die Wolken machen heute einfach mal komplett blau. Und dann sagt der Kapitän auch noch durch, am Platz könnten wir im Freien ruhig die Maske abziehen. HALLO?!?!?! Das war vor zehn Tagen noch Pflicht, auch am Platz die Maske zu tragen. Wieso machen die jetzt alle, was sie wollen?! Bei der Hitze (ja, richtig, HITZE, nicht Regen, kühler Wind oder so) ist das durchaus auch toll. Nur wie ich danach aussehe, ist dann echt nicht mehr feierlich. Ich bin ein Glühwürmchen! Das ist nicht lustig. Na gut, wenn man mich anschaut, muss man schon lachen. Aber manno, brennt das! Und dazu trage ich bunte Muster. Niemand weiß, woher die weißen Streifen auf meinen Armen kommen, aber sie sind da – mitten im ganzen Rot. Mein Schwager zieht mich auf, ich sähe aus, wie die österreichische Flagge. Na bravo! Ich schwöre, ich kenne niemanden, der jemals so blöde Zufallsmuster zur Schau stellen musste. Ich überlege noch, wie ich mit den Armen und dem Gesicht in ein Restaurant gehen soll, als die nette Griechin mir am Telefon mitteilt, sie habe leider keinen einzigen Platz mehr frei. Völlig erleichtert (aber das sind wir alle drei), bestellen wir kurzerhand was bei ihr und holen es ab. Ich weiß nicht, wieviele Menschen sich derzeit an mir wärmen könnten. Es folgt eine heiße Nacht – allein auf der Couch, aber heiß wie ein ganzes Kernkraftwerk.

Aber heute, heute regnet es bestimmt! Und? Wieder nix. Mein Schwager zieht mich natürlich munter auf: „Schon blöd, dass wir voll die Regentage erwischt haben.“ Ich kontere immer wieder aufs Neue: „Wenn Ihr Euch Donnerstag an die vereinbarte Zeit gehalten hättet, wäre alles anders gekommen.“ Ihr seht schon: Wir haben hier alle eine am Helm. Ich hau´ jetzt gleich einfach eine Lasagne zusammen, bevor wir ins Kino verschwinden…wenn wir uns denn aufraffen können. Müde sind wir nämlich schon von dem ganzen ausbleibenden Regen. Das schlaucht schon ungemein…oder so. Ach manno…niemand hört auf mein Kommando!

Feuerwerk im Kopf

Beseelt, berauscht, glückselig… ist unsere Sprache nicht wunderschön und kraftvoll? Wer jetzt denkt: „Herrje, die hat ja was eingeschmissen“, dem kann ich nur sagen: Pura vida. Manchmal ist es so leicht…bisweilen auch natürlich das Gegenteil. Interessant ist wohl, dass es vor allem Menschen sind bzw. die Begegnung mit einigen wenigen, die solche Rauschzustände in mir auslösen.

Was heißt das in der Übersetzung? Heute ist ein eher blöder Tag. Denn heute habe ich den ganzen Tag über eine Software-Schulung. Im Grunde möchte die Firma, dass wir flächendeckend mit einer neuen Software arbeiten. Die Schulungen hierzu sind aber im Kleinklein auf zu tiefer Ebene. Das hängt viele ab – sofern man kein IT-ler ist. Die Rückmeldung hat die Beratungsfirma auch schon erhalten. Geändert hat sich….äääh, richtig. Nix. Sinnvoll, oder? Dabei ist die Dozentin wirklich cool, verwendet eine klare Sprache, zeigt sich begeistert von ihrem Produkt. Nur leider hängt sie auch heute wieder einige ab – auch mich. Und ich gehe dann ja ganz souverän in die Böckchen-Haltung. Auch das darf olympische Disziplin werden. Man, man, man. Ich sitze im Büro, meine liebe Kollegin mir gegenüber. Im Laufe des Tages kugelt sie sich regelmäßig weg, weil ich vor mich hinmeckere und rumgrummele. Herrlich. Ich würde Rumpelstilzchen locker Konkurrenz machen. Ich glaube, ich hätte auch Spaß mit mir, wenn ich mich dabei beobachteh könnte. Und zwischendrin steckt mich tatsächlich auch ihr Lachen an. Doch es ist schon verdammt zäh.

Dem Termin voran ging eine einstündige Beratung einer Nachbarfirma. Und das war einfach wunderbar. Diese Firma möchte ein anderes Tool einführen, was bei uns schon hervorragend läuft – so deren Eindruck bzw. der des Managements. Dabei ist auch bei uns noch Luft nach oben vorhanden, aber ja, das können wir dann doch zumindest recht gut. Meine Herausforderung in solchen Situationen ist immer: Was ist zu viel des Guten, was sollte man sich lieber verkneifen? Im Verkneifen bin ich ja maximal so semi. 🙂 Was raus muss, muss raus. Nachdem wir also eine halbe Stunde über Lösungen reden, frage ich: „Was genau fanden die Herren Ihres Managements denn eigentlich so toll?“ Stille. „Äääääh…“ Wieder Stille. „Das haben sie nicht genau benannt.“ Ach, wie schön. Also so, wie es in den meisten Konzernen läuft. Also sage ich: „Dann fragen Sie die Herren doch erstmal, welches eine Ziel sie sich setzen. Sonst werden Sie auf der Strecke bleiben bzw. immer schön getrieben bleiben.“ Man sieht förmlich, wie es in seinem Kopf rattert. Eigentlich wollte das Management mit fünf Leuchttümen gleichzeitig starten. Ich frage noch mal was nach: „Aber liefern soll die Firma schon auch weiterhin?“ Er nickt: „Ja, klar.“ Ich hebe die Hand in die Kamera, alle Finger ausgestreckt und sage: „Ich bin nicht gut in Mathe, aber fünf Leuchttürme hieße 20 Prozent pro Projekt – und da wird dann nichts ausgeliefert, weil ja schon 100 % Kappa weg sind.“ Er schluckt: „In gut zwei Stunden habe ich meine Vorstellung bei denen. Ich glaube, ich muss alles noch mal umstellen. Aber jetzt habe ich endlich ein Argument, das die auch verstehen.“ In solchen Momenten frage ich mich dann schon, ob das nicht schon vorlaut-frech ist. Aber er bedankt sich und ist tatsächlich erleichtert, weil er wusste, es wäre nicht möglich, gleich alle Baustellen auf einmal zu öffnen. Trotzdem frage ich mich, wieso das immer so laufen muss? Wieso reden so wenige Menschen mal Tacheles und stellen die Frage mal umgekehrt, also: Was ist Euer Ziel und was seid Ihr bereit, zu investieren? Aber…der Herrgott hat es wohl so gefüget.

Der Tag geht trotz Schulung irgendwie vorbei. Bis dann der Chef vom Nachbarteam kommt und mir berichtet, dass diese Potenzialgeschichte endlich ins Rollen käme. Mein Chef, den ich letzte Woche noch getröstet habe, hat das Thema in der Rücksprache mit den Chefs noch mal platziert. Wer jetzt denkt: „Was ist denn mit dem los? Wird er altersmilde und weise?“, der fehlt…leider. Er hat es angesprochen nach dem Motto: „Macht Ihr mal einen Termin mit der Claudia! Ich bin dann ja raus, weil ich dann ja kein Chef mehr bin.“ Dumme Sau. So, jetzt habe ich es gesagt. Sein Chef wiederum hat ihm diesen Zahn gezogen und gesagt, er sei bis Oktober mein Chef und demnach sei es seine Aufgabe, das voranzutreiben. Er erwarte jetzt von ihm, endlich loszulegen.
Wenn ich so was höre, dann will ich ja schon gar nicht mehr. Und dann ärgert es mich noch mehr, ihm immer noch Aufmerksamkeit zu schenken. Montag hat er die Botschaft seiner Rückstufung (nicht kohletechnisch…nee, nee, nur der Titel) auch allgemein im Team verkündet. Wie war die Reaktion unserer Top-Verdiener, über die er immer schützend das Händchen hält? Der Erste hat gefragt, was denn mit ihm selbst werden würde? Der Zweite kommentierte, er wüsste es schon. Der Dritte hat gefragt, wie das mit dem Chef des Nachbarteams sei? Keiner, kein einziger Kollege hat gesagt: „Wie geht´s Dir damit? Es tut mir leid für Dich.“ Oder irgendwas in der Art. Nichts. Ich bin in einem derart unsozialen Haufen unterwegs, dass es mich doch immer mal wieder erschüttert. Nur ändert sich dadurch nichts.

Entsprechend bin ich dann umso faszinierter, wie es mit meiner neuen Bekanntschaft läuft. Das Coaching war…einfach der Hammer. Es hat mich für mich klarer sehen lassen, was mich innerlich ausgeglichener macht, wenn ich die Zukunft betrachte. Erstaunlich, wie blind man in seinen eigenen Belangen bisweilen doch ist. Und wie leicht dann die Lösung sein kann. Da es Sonntag so lange gedauert hat – nicht das Coaching, sondern auch der Austausch darüber hinaus – haben wir uns für Montagabend erneut verabredet. Und da war er dann „dran“. Nun treibt mich ja die Sorge um, nicht so professionell wie er sein zu können. Umso toller war dann das Erlebnis, auch bei ihm so ein Aha-Erlebnis zu erzielen. Das Ganze lebte noch mehr von seiner Sprache und Darstellung. Ich weiß ein richtig gutes Entertainment echt sehr zu schätzen. Kennt Ihr solche Menschen? Denen Ihr stundenlang zuhören könnt, weil sie die kleinste Geschichte so wunderbar erlebbar darstellen können, dass man so vollends mitgehen kann? Potenziert das mit zehn, dann habt Ihr eine Ahnung, wie diese Unterhaltung war. Das kann natürlich auch einschüchtern. Mich hat´s allerdings nur begeistert. Daher rührt auch mein Einstieg: Beseelt, berauscht, glückselig. Ich merke dabei förmlich, wie in meinem Kopf Feuerwerke gezündet werden. Da entstehen so viele neue Ideen, das ist der Wahnsinn. So stelle ich es mir vor, wenn man Drogen einschmeißt. Und das Gute: Ich habe keinen Kater im Anschluss, keinen Tremor oder andere Entzugserscheinungen. 🙂 Im Gegenteil: Ich grinse viel, träume heftig, wobei mein Hirn dann gut in der Verarbeitung ist. So macht mir dasLeben unendlich viel Spaß. Und nein, das bin ich auch schon gefragt worden: Ich bin nicht verschossen. Es ist für mich einfach so euphorisierend, wenn ich auf Menschen treffe, die mich geistig so anregen. Und das auch noch übers Netz! Unsere Welt ist schon wunderbar, oder? Ja, auch bei all den schlimmen und negativen Nachrichten, die man sonst so mitkriegt. Da brauche ich genau solche Menschen. Ach…mir geht´s einfach gut. Und gerade noch etwas mehr, weil morgen meine Sis und mein Schwager zu mir kommen. Ihm werden bald die Ohren bluten, meiner Sis und mir die Zunge brennen vom vielen Quatschen. Perfekte Aussichten, oder? Eben.