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wachsender Demotivationshaufen

Übermorgen ist es so weit: Ich werde meinen ersten Selbsttest vollziehen. Da ich in die Firma soll/muss, wird dringend angeraten (zwingen dürfen sie einen ja nicht), diesen Test durchzuführen. Die Firma stellt sie auch zur Verfügung. Nun skype ich meinen Chef an und frage, wo die denn bei uns gelagert seien? „Jo…mmmmh…do froagst mi woas. Des woas i net so recht.“ Ich sitze mal wieder hier, unterdrücke ein hysterisches Lachen, das in meinem Hals nach oben krabbeln will und schüttle als Übersprungshandlung einfach mal mein Haupt. Ach, mein Chef ist schon ´ne Marke. Gespräche mit ihm bringen so viel wie eine Verhandlung mit einem Maulwurf, der einem den Rasen umpflügt. Wobei…ich schätze, mit dem Maulwurf könnte ich effizienter kommunizieren. Und nein, mein Chef ist immer noch kein Böser, aber eben auch immer noch ein Unfähiger. Herrlich. Hauptsache, er fährt nachher in die Firma und macht einen Selbsttest, bevor er zu seiner Mutter fährt. Denn er hat einem Kollegen Bescheid gegeben, er solle ihm doch einen Test in sein Fach legen. Richtig so! Was kümmern einen die Mitarbeiter, die sich wegen der Arbeit testen lassen sollen, wenn man den Test doch auch für eigene, private Aktivitäten nutzen kann? Man muss ihm zugutehalten, dass er seine Mama im Heim besuchen will. Nur hat das trotzdem nicht wirklich was mit der Arbeit zu tun. Herrje, ich bin aber auch heute wieder ein Haarspalter.

Wisst Ihr, was gerade mein Lichtblick ist? Das Wochenende nächste Woche. Da ist nämlich ein Brückentag. Das heißt, da ist ein laaaaaaaanges Wochenende. Juchuuuuuuuuuu! Vier Tage keine Kollegen um mich herum. Wenn das kein Lichtblick ist, dann weiß ich es nicht. Es ändert sich nämlich immer noch nichts an meiner Motivation – so sehr ich mir das ja auch erhoffe. Sie bleibt abwesend. Es ist sauschwer, das so richtig zu erklären…aber es wirkt, als würde es sich jeden Tag noch potenzieren. Also quasi: Der Demotivationshaufen wird immer größer. Wenn er einfach stagnieren würde, ging´s ja auch noch. Aber er wächst und wächst. Ich befürchte fast, er wird demnächst den Mount Everest in den Schatten stellen. Wenn´s so ist und die ersten Sessellifte installiert und fahrtüchtig sind, sage ich Euch Bescheid. Dann habt Ihr wenigstens ein neues Ausflugsziel, das noch nicht so überlaufen ist, weil es sich ja noch um einen Insider-Tipp handelt. Ja, ich weiß, dass ich einen Rititi habe. Aber das macht mir dann wiederum Spaß.

Vorhin habe ich mal wieder mit meiner Sis telefoniert. Was die sich in der Bürger-Hotline alles anhören darf. Puh! Da legen uns die Politiker gerade auch noch das Ei, dass alle zweifach Geimpften und Corona Genesenen nun wieder alles wieder dürften. Wie die Handhabung ist, wird nicht erklärt. Wer kriegt also den Unmut ab? Die Behörden. Und ja, ich schimpfe auch oft auf ebendiese. Nur in dem Fall sind sie echt mal die Gearschten. Bei den Genesenen gibt es beispielsweise die Notwendigkeit, dass die Erkrankung nicht länger als sechs Monate her sein dürfte. Die Frage, die dann am Telefon kommt, ist eine nach meinem Geschmack: „Warum?“ Es sollte mittlerweile jeder mitbekommen haben, dass sich die Antikörper nicht ewig halten. Es gibt durchaus große Schwankungen, keine Frage. Bei manch einem halten die Antikörper länger als bei anderen, aber sie nehmen eben auch wieder ab. „Aber warum?“ Worauf ist nun dieses zweite Warum bezogen? Ist es eine Frage nach dem biochemischen Ablauf im Körper oder wie die Politik auf sechs Monate kommt? Da fand ich die Antwort eines ehemaligen Kollegen immer sehr effizient. Der hat nach dem zweiten Warum immer mit: „Das Schwarze ist die Schrift!“ gekontert. Da haben dann noch manche blöde geschaut, bis dann jemand anderes erklärt hat: „Weil die Vorschrift da so geschrieben ist, wie sie geschrieben ist. Da gibt´s kein Warum mehr, sondern nur noch ein: Weil´s eben so ist!“ In so einer Hotline kann man ja auch schlecht mit Stromschlägen arbeiten, weil sich das nämlich über das Telefonnetz nicht realisieren lässt. Ja, ist ein Spaß! Wobei… Ich würde mir jedenfalls eine Trillerpfeife neben das Telefon legen und da ordentlich reinpusten, wenn mal wieder irgendein Mensch meint, er müsste seine ganze Wut anhand seines durchaus umfangreichen Fäkalwortschatzes bei mir abladen. Darf man aber, glaube ich, auch nicht. Naja…zur Not war´s die Telekom – hihi. Und jaaaaaaaa, auch das ist ein Spaß!!!
Ist doch langsam nicht mehr feierlich. Durch diese wachsweichen, Wählerstimmen umschmeichelnden Formulierungen legt sich ein Laschet nicht wirklich fest, ist aber der angebliche Freund eines jeden Bürgers. Nur ist dadurch natürlich der Startschuss gegeben, erst recht die Ellenbogen auszufahren, weil die Alten ja sooooo lange auf alles verzichten mussten. Und der Nachbar ist ja jünger/gesünder/hässlicher/weniger-in-der-Gemeinde-engagiert/Fremdgänger/aus-der-Kirche-Ausgetretener/usw., aber trotzdem schon geimpft! Als Nächtes verweisen sie noch ans jüngste Gericht und drohen mit der Hölle. Aber da werde ich ja schon die Regentschaft übernehmen, wenn es so weit ist, dass ich die schwarzen Essensmarken bestelle. Ob die Kinder und Jugendlichen noch gar kein Enddatum für Entspannung erkennen können, interessiert ja gerade mal einen Scheißdreck. Keine gute Entwicklung.
Wenn es dann ganz zu arg im Telefonat abgeht, frage ich meine Sis dann ganz süffisant: „Und was machst Du für mich?“ Diese Frage hat meine Mom ihr nämlich tatsächlich gestellt, nachdem meine Sis für meinen Vater die Impf-Registrierung vorgenommen hatte. Geil, oder? Drum überlege Dir gut, wem Du hilfst: Es könnte einen Rattenschwanz hinter sich herziehen! Wenn ich diese Frage stelle: „Und was machst Du für mich?“, dann entspannt das in der Tat immer die Lage, weil wir beide wissen, wie wenig ernst ich das natürlich meine. Dann lachen wir und schwören uns darauf ein, uns gegenseitig kaputtzuhauen, sollten wir mal solche Ego-Frettchen werden. Und dann ist meine Welt wieder in Ordnung – und die meiner Sis auch…zumindest für den Moment.

ein bisschen mehr Kante

Meine liebe Kollegin ist diese Woche im Urlaub. Also so richtig, nicht etwa nur Zuhause. Sie lernt die Familie ihres Freundes kennen. Das ist ja noch was Besonderes, finde ich. Mit 33 Jahren plant man doch noch ein wenig anders als mit 44. Da kann noch Familiengründung und alles Mögliche drin sein. Da ihr Freund Italiener ist, sind sie am Samstag also mit PCR-Test und allem Zipp und Zapp im Flieger gen Rom gestartet. Schon romantisch. Da sie blond und blauäugig ist, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie sie sie hofieren werden. Das freut mich sehr für sie, weil die letzten Monate eben auch sehr anstrengend für sie waren. Zwischendurch schreibt sie mir, dass alle sehr herzlich wären und sie schon wahnsinnig viel Essen bekommen hätte. Allein bei der Vorstellung, muss ich schon grinsen. Ich sehe sie inmitten von Pasta, Pizza und Antipasta zufrieden hocken, während alles um sie herum laut gestikulierend diskutiert.

Das einzige Problem dabei: Sie ist diejenige, mit der ich montags parallel zu unserem Team-Meeting appe, damit es für uns beide erträglicher wird. Das geht heute nicht. Ich bin also auf mich allein gestellt. Doch heute hält sich Heinz einigermaßen zurück, wobei er – wie jede Woche – auf die Kapazitätsplanung mit dem Chef referenziert. Jede Woche müssen die sich eine Stunde lang auspalavern über diesen Mist. Da wird doch deutlich, dass „zu viel Arbeit“ nicht sein Problem sein kann. Wenn der eine Spinner weniger sagt, redet ein anderer dafür umso mehr. Das scheint ein weiteres von Murphys Gesetzen zu sein, das nur noch nicht so viel Popularität genießt, wie das mit der kürzeren Kasse, bei der man dann doch länger ansteht. Meine Kollegen schaffen es auf 36 Minuten. Ich habe 90 Prozent nach zwei Sekunden wieder vergessen. Mein Chef redet im Nachgang mit mir, ich könne jederzeit zu ihm kommen, wenn ich Bedarf hätte. Da bezieht er sich auf die Info, die ich zum Abbruch des Projekts letzte Woche gegeben habe. Artig sage ich: „Wenn ich ein Problem habe, das ich nicht lösen kann, dann komme ich schon. Wenn ich es aber allein hinbekomme, dann regel´ ich es eben auch allein.“ Keine Ahnung, ob er nun ein Handbuch gelesen hat: „Wie bleibe ich als Führungskraft nahbar – auch über die Distanz“? Irgendwie so was hatte meine Sis nämlich letzte Woche. Wer weiß? Monatelang ist er geistig und körperlich abwesend, nie greifbar und überhaupt, aber dann soll ich zu ihm laufen? Wozu? Ich mag kein größeres Problem haben, weil ich zu meinem Chef gehe. Er hat nämlich keine Ideen oder Lösungsvorschläge. Und weil die meisten jammern, wie schlimm alles gerade sei, zweifelt er wohl an meiner Devise: „Ich komme schon gut allein zurecht“. Mir bringt es nichts, wenn mir einer das Händchen hält und mit mir ins Horn trötet, wie böse und schlimm die Welt gerade sei.

In meiner Mittagspause fahre ich rasch einkaufen. Das ist mittlerweile die Zeit, die ich als beste auserkoren habe, weil da nicht viel los ist. Drumherum sind keine größeren Firmen, von denen die Mitarbeiter in Scharen losrennen und sich mit einem Yoghurt an der Kasse anstellen können. Und genauso läuft´s dann auch – reibungslos und zackig. Auf dem Hinweg fällt mir mal wieder meine Lieblings-Spezies beim Fahren auf – dicht gefolgt von Rentern am Steuer. Es sind die Hausfräuchen, die vom Wuchs her recht klein, von den Fingernägeln recht lang und vom Auto her recht groß ausgestattet sind. Man sieht auch nicht viel vom Kopf, weil er kaum übers Lenkrad ragt. Woran man sie sofort ausmachen kann? Sie fahren beim Überholen parkender Autos immer so weit über die Mittellinie hinaus, dass man auf der anderen Fahrbahn irgendwann nur noch stehen bleiben kann. Dabei ist der Abstand zu den parkenden Autos genauso breit, wie der Rest, den ich für meine Fahrbahn noch hätte. Wie gerne würde ich die immer rauswinken, einmal mit deren Kopf das Lenkrad begrüßen und dann den gut gemeinten Ratschlag erteilen: „Ist das Auto zu groß, und Du dumme Nuss kannst es nicht fahren, nimm´ Dir eben ein Kleines!!!“ Zur Strafe für meine bösen Gedanken, habe ich auf der Rückfahrt einen Fahrschüler vor mir, bei dem ich wette, es handelt sich um seine erste Fahrstunde. Weil ich weiß, wie aufgeregt er bestimmt sein muss, halte ich ausreichend Abstand und übe mich im Atmen. Soll ja gut gegen Stress und Ungeduld sein – nicht dass Ungeduld ein Thema bei mir wäre. Ich habe sie immerhin mal erfunden.

Wieder zurück am Laptop, ruft mich doch der Projekt-Fuzzi von letzter Woche an. Mittlerweile habe ich mich beruhigt, auch wenn ich nach wie vor denke, dass er alles gegen die Wand fährt. Aber, wie heißt es so schön: „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.“ Also jetzt nicht mehr, zumindest. Und er weiß, dass er sich echt doof aufgeführt hat. Vorab hat er mit einem Verteiler aller Projektbeteiligter eine Dankesmail an meine Kollegin und mich verschickt. Auf so ein Geschwaller stehe ich ja so gar nicht, weil es nicht ehrlich gemeint ist. Als der Skype-Anruf losgeht, verdrehe ich noch kurz die Augen. Ich begrüße ihn knapp, wobei er einen auf Smalltalk machen möchte. Geht bei mir nicht, wenn einer so einen Mist gebaut hat. Und wenn ich einsilbig bin, wird´s ein paar Grad kälter. Er müht sich etwas ab, weil er sich noch mal bedanken will. Kann er machen, interessiert mich nur nicht. Ich mag dieses Hintenrum-Gelabere nicht. Und wenn er bemerkt hat, etwas falsch gemacht zu haben, kann er die Dinge gerne ansprechen. Für so ´nen Schmu bin ich jedenfalls nicht zu haben. Und ja, da bin ich dann echt nicht nett. Da halte ich es wieder einmal mit einem Sprichwort: „Nett kann ich auch, bringt aber nix.“ Und zu ihm war ich viel zu lange viel zu nett. Das ist meine Erkenntnis. Es ist wichtig, auf den Kunden einzugehen und flexibel zu sein. Wenn einer aber von Anfang an alles aufweichen und völlig anders machen will, dann kann er das in Zukunft – nur eben ohne mich. Es wird Zeit, mal wieder mehr Kante zu zeigen. Denn sonst ist man nur ein mittelmäßiger Depp vom Dienst. Und das bringt niemanden weiter, oder?

Auch ohne Kollegin, war der Montag also doch ganz erträglich. Nicht mein bester Freund, aber dennoch ok. Ganz allgemein, merke ich auch, wie lustig es doch manchmal ist. Es sind die Kleinigkeiten, wie der kleine Brüll-Hannes, der unten mal wieder nach „Maaariiiiiiiaaaaaaaa“ schreit, die sich immer noch renitent gibt bzw. sich ihm so völlig entzieht. Von der Kleinen kann ich noch was lernen. Einfach mal öfter mal Nervbacken abtropfen lassen…dann klappt´s auch mit dem inneren Gleichgewicht.

Furchtlose Kämpferin

Verletzungen kennt jeder von uns ab einem gewissen Alter. Die Leichtigkeit der Jugend lässt man irgendwann hinter sich. Wenn ich daran denke, wie ich mit 16, 17 Jahren unterwegs war. Puh! Da habe ich echt gedacht, die Welt würde nur auf mich warten. Es gab einen Rock, den ich meiner Sis gerne gemopst habe…wenn ich den angezogen habe, konnte ich immer einen Flirt klarmachen. Damit meine ich wirklich einen harmlosen Flirt, wo man als Mädel merkt, da schaut Dich aber jemand länger an und versucht alles Mögliche, mit Dir ins Gespräch zu kommen. Dieses Gefühl war immer total berauschend. Ist ja auch klar, oder? Und irgendwie dachte ich auch, das wäre normal und würde immer so laufen. Dieser graue Strickrock reichte meiner Sis bis kurz vors Knie. Da ich längere Beine habe – die damals auch noch anders aussahen, klar – hörte bei mir der Rock in der Mitte des Oberschenkels auf. Oh Gott, was hat meine Mutter immer diskutieren wollen, etwas anderes anzuziehen. Aber ich hatte immer das bestechende Argument: Wenn meine Sis den hatte tragen dürfen, dann dürfte ich ja wohl auch. Gleiches Recht für alle. Denn dauernd musste ich mir anhören, was meine Sis alles niiiiiiiemals tun würde. Und das stimmte auch. Sie war eher schüchtern, hatte kaum Freunde, während ich ja dachte, die Welt gehöre mir. Ich hatte immer einen regelrechten Pulk an Leuten um mich herum. Dabei habe ich nie zu den Hippen gehört, weil wir eben aus einfachen Verhältnissen kamen. Markenklamotten waren schlichtweg nicht drin. Das fand ich nicht wirklich schlimm – bis auf Chucks. Die mussten es irgendwann doch sein, aber da war ich dann auch schon 16 Jahre alt. Ansonsten war ich nie ein Marken-Opfer. Und das habe ich bis heute beibehalten. Im Gegenteil: Mich regt es auf, viel Geld hinzublättern, um für die Deppen auch noch Werbung zu laufen, weil sie ihr Logo irgendwohin nähen oder aufdrucken. Ich weiß, ich hab´s bis heute nicht richtig verstanden. Doch das ist auch nicht weiter schlimm.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Ich hatte nie Bauchschmerzen, in die Schule zu gehen, weil mich dort jemand gemobbt hätte. Das hätte sich auch mal einer trauen sollen! Dem hätte ich den Kalk aus den Augen gepustet. Wäre ja noch schöner! Krass…ich habe keine Ahnung, woher ich damals mein Selbstbewusstsein genommen habe? Das würde ich sonst heute bisweilen gerne noch mal anzapfen. Es war einfach eine Tatsache. Und da ich fürs Diskutieren bekannt war – ja, auch schon in jungen Jahren war das klar – hat sich auch keiner mit mir angelegt. Selbst mit dem Direktor der Schule habe ich diskutiert, wenn es denn nötig war. Ich habe nicht alles als leicht empfunden, keine Frage. Und die Zwänge im Dorf sind mir mächtig auf den Zeiger gegangen. Ich hätte im Dorf nichts anstellen können, ohne von irgendwem gesehen worden zu sein. Allein sechs Geschwister meines Vaters wohnten damals noch dort. In einem 800 Seelendorf kennt einfach jeder jeden. Aber in dem Städtchen, wo ich zur Schule gegangen bin, da wohnte keiner von denen. Eine Tante arbeitete dort im Drogeriemarkt gegenüber der Schule. Nur war die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie mich bei irgendwas hätte sehen können – denn der Laden befand sich ja schließlich drinnen.
So habe ich dann ab der siebten Klasse durchgängig die Messe (bischöfliches Gymnasium eben) geschwänzt. Das hätte meine Sis sich nie getraut. Dabei sind da etliche nicht hingegangen…nicht mal Lehrer – was auch mein Argument gegenüber dem Direktor damals war, der meinte, er müsse neuerdings die Pausenhalle abschließen, wenn die Zeit für die Messe war. Sein Aufforderung: „Du kannst ja wohl mittwochs morgens in die Messe gehen. Schließlich ist das ein bischöfliches Gymnasium.“ Mein Argument: „Ich bin Messdiener, Lektor und im Kirchenchor. Da komme ich auf genügend Messen pro Woche. Aber gut: Wenn Sie es schaffen, dass vom nächsten Mittwoch an sämtliche Lehrer an der Messe teilnehmen, gehe ich auch. Andernfalls erwarte ich, dass die Pausenhalle geöffnet ist, damit ich nicht im Regen stehend krank werden muss.“ Was soll ich sagen? Die Pausenhalle war fortan wieder geöffnet. Darüber staunt meine Sis bis heute. Ich fand meine Logik einfach bestechend. Hat doch auch geklappt!

Heute frage ich mich manchmal, wo dieses Selbstverständnis geblieben ist? Ich wehre mich schon, wenn es zu arg wird, klaro. Nur dieses locker Rotzige, diese Klarheit, die Welt zu sehen, das besitze ich nicht mehr. Dabei fänd ich das schon schön, wenn ich es wiederentdecken würde. Wenn ich mir weniger Kopf um Konsequenzen machen würde. Ich habe damals auch niemanden umgehauen, um zu meinem Recht zu kommen. Aber ich bin für mich eingestanden und habe drauf gepfiffen, ob das jemandem nicht passen könnte. Meine Lieblingspose waren ein fester Stand und Hände in die Hüften gestemmt. Meine ganze Haltung schrie förmlich: „Komm´ ran auf ´n Meter!“ Und dabei habe ich für vieles gekämpft – aber meist für andere. Meine Mutter hat mal gesagt: „Du warst immer schon der Beschützer der Lahmen und Krüppel.“ Klingt krass. Doch es stimmt: Ich konnte Ungerechtigkeiten nie leiden. Ich glaube, ich habe es schon irgendwann einmal hier geschrieben, doch es steht tatsächlich auf meinem ersten Schuljahreszeugnis: „Claudia hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.“ Den hatte sie…und hat sie noch. Manches ändert sich eben doch nicht. Aber die Furchtlosigkeit, die ist irgendwie auf der Strecke geblieben. Manche bezeichnen mich heute noch als mutig. Manchmal bin ich das wohl auch – oder vielleicht auch nur naiv? Egal, wie man es bezeichnet: Heute habe ich dabei allerdings Magengrummeln und Herzklopfen, was ich früher nicht kannte. Da mir ja die Welt gehörte, war ich mir meiner Sache immer sicher.
Ach…nicht nur drei ist ein gutes Alter, sondern 16, 17 ebenso. Und 44 auch. Alles zu seiner Zeit, oder? Im Rückspiegel sehen manche Dinge einfach leichter aus, weil man hinterher immer schlauer ist. Ach ja, die guten alten Zeiten…und jetzt freue ich mich auf die guten neuen Zeiten, auf die ich in 20, 30 Jahren auch lächelnd zurückschauen werde. In diesem Sinne: Genießt die Zeiten in vollen Zügen – und nein, damit meine ich nicht die Deutsche Bahn.

des eignen Glückes Schmied

Über Nacht habe ich einfach die Balkontür gekippt gelassen, damit ich dem Regen zuhören konnte. Aaaaaah, das ist Musik in meinen Ohren. Ja, ich weiß, ich freue mich auch regelmäßig über die Sonne (nur nicht im Sommer). Doch Regen in der Nacht hat einfach was Mystisches für mich. Das kann ich gar nicht richtig beschreiben. Es ist einfach…berauschend? Ach, was weiß denn ich? Mir gefallen auf jeden Fall das Geräusch und die Gerüche von Regen. So etwas entspannt mich völlig und lullt mich entsprechend schnell in den Schlaf.

Irgendwann telefoniere ich heute mit meiner Sis. Und da staune ich wieder einmal nicht schlecht. Einer meiner zahlreichen Onkel sitzt im Rollstuhl. Seine Frau hatte sich bei meiner Sis gemeldet und darum gebeten, ihr doch bei der Registrierung zur Impfung zu helfen. Mein Onkel habe ihr vor seiner Krankheit immer davon abgeraten, den Computer zu benutzen. Sie könne es ja doch nicht und würde am Ende noch alles kaputt machen. Herrlich! Anerzogene Unfähigkeit. Das kenne ich auch noch von vor 24 Jahren. Damals bin ich mit meinem Freund zusammengezogen. Wir haben uns gemeinsam einen Rechner angeschafft, den ich aber auf keinen Fall benutzen durfte. Immer, wenn was nicht funktionierte, hat er mit mir geschnauzt, dass ich wohl doch heimlich am Rechner gewesen sei. Völlig paranoid! Ich hatte zwischendurch regelrecht Angst, das Internet zu löschen – haha. Wirklich, ich habe erst mit 24 Jahren dann endlich meinen eigenen Computer (gebraucht, natürlich) gehabt. Und zu der Zeit wurden Hausarbeiten und Diplom-/Magisterarbeiten durchaus auch schon auf dem Computer verfasst. Mit etlichen Abstürzen und jeder Menge Sicherheitskopien – ist doch klar.

Jedenfalls ist meine Sis ihr behilflich, obwohl es auch noch einen Sohn gäbe, der mal danach schauen könnte. Aber in dem Fall ist es wirklich in Ordnung. Jetzt erfährt dies eine ältere Tante (die doofe Mistkuh, von der ich schon berichtet habe) und spannt meine Sis auch für sich vor den Karren. Da habe ich ja schon geschimpft und nachgefragt, ob ihr ein paar Latten am Zaun fehlen würden? Nun meldet sich der jüngste Onkel und benötigt ebenfalls Unterstützung. Gut, er ist kinderlos, hat aber täglich berufsbedingt mit Computern zu tun. Doch er ist in der Regel auch hilfsbereit, also kann meine Sis das noch verschmerzen. Und – im Gegensatz zu der doofen Tante – grotzt er auch nicht rum, wie unfair alles sei, sondern bedankt sich ganz lieb.

Doch es dauert nicht sehr lange, da bimmelt erneut das Telefon. Die doofe Kackkuh hat ihre Schwestern und Schwägerinnen allesamt verrückt gemacht, so dass eine weitere Tante anruft. Und sofort geht das Gemeckere los: „Der und der ist auch schon geimpft, dabei ist der zwei Jahre jünger als ich!“ Oder auch: „Der hat angeblich eine Vorerkrankung – davon weiß ich aber nix.“ Komisch, dass die Leute nicht alle ihre Krankenakten an alle verteilen…? Auch der jüngste Bruder ihres Mannes hätte bereits einen Impftermin? Ja, den hat meine Sis ja registriert. Der sei ja aber noch viel jünger als sie?! Da hat meine Sis dann doch gesagt, es wäre jetzt mal gut. Tagtäglich säße er am Schalter und habe Kundenkontakt. Hätte sie den auch? Wäre sie täglich anderen Leuten ausgesetzt? Ach so…ja, nee. Hallo?! Alle sind wie angestochen, weil sie endlich zu ihrem Recht kommen wollen. Da denke ich wieder an den ALDI-Slogan, der meine Sis und mich so triggert: „Das haben wir uns verdient.“ Alle von denen schimpfen sich sozial, aber wenn es drauf ankommt, gilt nur Trumps Gesetz „me first!“. Kann doch nicht wahr sein.

Was ist mit dieser Generation los? Sie wollen unbedingt sofort drankommen und scheren sich Null darum, dass Kinder und Jugendliche noch viel länger warten müssen. Kaum einer von denen arbeitet noch, aber alle müssen vollen Schutz haben, weil es ihnen gefälligst „zusteht“! Ich fasse mir da wirklich an den Kopf. Ich verstehe meine junge Kollegin auch nicht, die unbedingt geimpft werden musste, nur damit sie sorgenfreier nach Dubai fliegen kann – was blöderweise gecancelt werden musste. (Ein Schelm, wer jetzt grinst!) Aber das ist für mich noch lange kein Grund, jetzt Terror zu machen, um auch sofort dran zu kommen.

Die Generation, die uns gepredigt hat, wir müssten immer dankbar und geduldig sein, bloß sozial denken und zu keiner verrohten Ellenbogengesellschaft mutieren, mutieren nun am meisten. Und genau die setzen ihre Ellenbogen vehement ein. Schade…aber doch auch keine Überraschung, weil ich diese Entwicklung schon die letzten Jahre beobachte – also nicht auf Corona zurückzuführen ist. Ich weiß nicht, woher das bei meiner Familie kommt? Meine liebe Omma war das Gegenteil. Sie hätte ihr letztes Hemd geteilt. Dabei hatte sie wirklich genügend Mäuler zu stopfen und sehr wenig Besitz. Aber auch, wenn 13 Kinder, ihr Mann, ihr geistig behinderter Schwager und der Schwiegervater am Tisch saßen – war jemand in Not, war er immer willkommen. Kam jemand per Zufall vorbei, wurde er nie ohne etwas weggeschickt. Wie können daraus in Teilen solche Egoisten hervorgehen? Eine Antwort wäre: Weil sie selbst nie viel hatten. Aber sie haben nie Not gelitten, mussten nie hungern und wussten immer, was sie am nächsten Tag anziehen konnten. Alle haben (mit einer Ausnahme) heute ihre Häuser abbezahlt rumstehen. Ich kapiere es nicht. Und ich finde es beschämend. Wir hätten uns damals etwas anhören müssen, wenn wir so gehandelt hätten. Wie oft habe ich Sätze gehört, wie: „Wenn das mein Kind wäre, dem würde schon beibringen, dass es das und das zu tun hätte…“ Aber es scheint, als sei alles, was sie einst gepredigt haben, Schall und Rauch.

Ob wir auch mal so werden? Ich hoffe nicht. Manchmal rechtfertige ich es damit, dass sie auch nie rausgekommen sind. Sie sind immer in ihrem Dorf geblieben. Aber es gibt andere in demselben Dorf (hallo Fine), die nicht so sind. Und ich glaube, es ist zuletzt immer eine Entscheidung, die man da trifft. Manch einer mag es, anderen alles zu neiden. Mir geht ein Heinz auch auf den Sack, keine Frage. Und die Kohle, die er erhält, ist auch nicht angemessen. Aber ich neide ihm nicht seine Besitztümer (so er denn welche hat) oder wann er geimpft wird. Seine Faulheit kekst mich.

Ich könnte auch manches beklagen, was ich nicht habe…allem voran Kinder. Dafür habe ich auf der anderen Seite aber die Freiheit, zu reisen (gut, gerade nicht so), mich weiterzubilden in Dingen, die mir Spaß machen, zu kommen und zu gehen, wie es mir passt und mich vor niemandem rechtfertigen zu müssen. Ist doch auch ein gutes Leben, oder? Für mich zumindest schon. Und ich glaube, dass genau das es ist, was meine Tanten in erster Linie so bitter hat werden lassen. Sie wollten mehr aus ihrem Leben machen, hätten es auch später noch machen können. Nur wollte keine von ihnen den Preis dafür zahlen. Und deswegen sind sie umso neidischer auf alle, die einfach ihr Leben selbständig leben. Traurig…aber ihre eigene Entscheidung. Es ist nie zu spät, wenn man noch etwas ändern will. Weise Worte weit gespuckt, ich weiß. Aber ich glaube fest daran.

53,4 Millionen Jahresgehalt – hä??

Die Sonne scheint. Eigentlich ist anderes Wetter gemeldet. Aber es ist schön so. Wobei ich schon auch noch etwas leide wegen der doofen Allergie. Meine armen Augen! Manchmal denke ich, ich reibe noch so lange, bis die Augäpfel irgendwann rausplumpsen. Naja…morgen und übermorgen soll´s dann ja doch wieder regnen. Ich freu´ mich, wenn sich mein Immunsystem wieder etwas beruhigen kann.

Da ich habe läuten hören, wir könnten uns heute für die Impfung in unserer Firma registrieren, starte ich morgens doch den Rechner. Dabei habe ich heute frei. Leider bekomme ich bis in den Nachmittag bzw. Abend hinein keine weitere Info hierzu. Nichts passiert…so langsam scharre ich dann doch mit den Hufen. Ein bisschen Hoffnung habe ich ja schon, wenn ich höre, dass mittlerweile eine Million Impfungen pro Tag durchgeführt werden können. Denn etwas mehr „alte Normalität“ wäre schon schön, oder? Umarmungen – einfach so, nur weil man Spaß an der Freude hat. Kino, wenn mal wieder ein guer Film läuft. Ein Besuch im Biergarten. Spieleabende. Ein toller Restaurantbesuch… Worüber haben wir uns vor Corona eigentlich immer beschwert? Nur – sind wir mal ehrlich – das wird auch ganz schnell wieder da sein. Wenn wir uns wieder an mehr Normalität gewöhnt haben, wird wieder über alles Mögliche gejammert. So sind wir Menschen eben.

Vorhin habe ich wieder eine tolle Nachricht gehört: Der Vorstand von Linde soll letztes Jahr 53,4 Millionen erhalten haben. Wirklich, ich kann in den Zusammenhang nicht „verdient“ sagen. 53,4 Millionen Euro, wohlgemerkt. Keine ehemaligen italienischen Lire. Wahnsinn. Welcher Mensch ist so viel wert? Was macht diese eine Person so einzigartig, dass sie diese Kohle bekommt? Wieso gehen dagegen nicht mal Leute demonstrieren? Das regt kaum mehr einen so richtig auf, weil es schon zur Normalität gehört. Dabei ist das unverschämt, ekelhaft und wahrlich krank. Wisst Ihr, was man mit 56 Millionen alles tun könnte? Ich rede nicht von Yachten, Immobilien auf der Insel Schlag-mich-tot, Designer-Klamotten oder teuren Schmuck…nee, ich meine richtig gute, tolle, soziale Sachen. Wieviele Menschen könnten von den Vorstandsgehältern der größeren Firmen mit Essen, medizinischer Versorgung und guter Ausbildung durchgebracht werden? Ich versteh´ es einfach nicht. Wenn dann noch das Geld von den überbezahlten Spitzensportlern und Trainern hinzukäme – Halleluja! Die Welt wäre doch bestens ausgestattet. Wir sind allerdings schon so sehr daran gewöhnt, dass es so läuft, dass es zwar mal kurz ein Murren gibt, aber dann ist wieder alles ruhig. Genauso verpuffen die Bilder von Flüchtlingen in Schlauchbooten, die zum Großteil nur noch tot geborgen werden können. Ein kurzes Entsetzen – dann ist es auch schon wieder vorbei, denn es betrifft mich ja nicht persönlich in meinem warmen Wohnzimmer.
Wenn wir das Geld, das die Superreichen ansammeln und mehren, in den armen Ländern sinnvoll investieren würden, könnte so vieles bewegt werden. Aber es ist nicht gewollt. Es geht in erster Linie darum, ein paar Superreiche noch reicher zu machen. Die Welt ist schon echt krank, oder? Und nein, ich bin nicht komplett verdrossen. Es ist der Sinn des Lebens, der vielen Menschen aufgrund des Runterfahrens in der Corona-Krise bewusster wird – bzw. das Fehlen dieses Sinns. Es gibt sie immer noch, die YouTuber, die nach Dubai ziehen und einen auf Scheinwelt machen. Aber es gibt eben auch immer mehr, die sich fragen, ob diese Welt, wie sie heute existiert, noch so weiterbestehen kann? Die Jüngeren gehen auf die Straße, weil sie so vieles nicht verstehen, einer ungewissen Zukunft entgegensehen und nicht wissen, wie es für sie weitergehen soll. Das fing schon vor Corona an – auch wenn ich kein Fan von Greta bin. Nur dass diese Dekadenz der westlichen Welt ein Ende haben muss, wird immer mehr Menschen klar. Vieles werde ich am Wandel bestimmt auch noch bejammern, doch ich denke, es wird trotzdem Zeit. Und Veränderung braucht meist erstmal Schmerz. Ach, ich werde wieder philosophisch. Ist aber auch ok. Morgen ist schließlich der „Tag der Arbeit“. Keine Arbeit dieser Welt ist 53,4 Millionen Jahresgehalt wert. Wenn doch, dann nur für Tätigkeiten, wie die von Menschen wie Mutter Teresa. Überheblichkeit, Arroganz und Machtmissbrauch rächen sich immer – früher oder später.

Drei ist ein gutes Alter

Enttäuschung ist ein großes Wort. Doch es beschreibt gerade das Gefühl in mir am besten. Warum? Das mit meinem Chef hängt mir nur noch leicht nach. Er ist ein Depp und bleibt einer. Manches trifft mich noch, vieles aber schon nicht mehr. Doch heute beerdigen wir auch noch mein englischsprachiges Projekt. Warum? Weil sie sich nun gegen die Vorgehensweise entschieden haben, in der ich sie unterstützen durfte. Der Auslöser hierfür liegt in erster Linie in einer Person begründet. Und der hat permanent quergeschossen. Er konnte sich mit vielem nicht anfreunden, wollte aber unbedingt die Methode haben. Meine Kollegin und ich haben mehrfach nachgefragt, ob sie es wirklich so haben wollten? Denn es sprachen genügend Gründe dagegen. „Doch, ja, unbedingt“, wurde stets beteuert. Er hat versucht, uns gegeneinader auszuspielen. Ich glaube nicht einmal, dass er das in böser Absicht getan hat. Er ist eher ein Mensch, der im Kopf keine Struktur finden kann und permanent Panik und Stress verbreiten muss. Und dabei zündet er dann hier ein Feuerchen an, dann dort. Dabei kommt er mir vor wie ein Äffchen, das einen brennenden Schwanz hinter sich herzieht. Es springt überall herum und entfacht mit dem kleinen Feuerchen gewaltige Brände.

So dann auch heute. Gestern gab es die gefühlt tausendste Rücksprache mit Anpassungen, damit es dem Herrn dann auch passt. Dabei ist er nicht einmal der Leiter des Projekts. Klare Absprachen, die getroffen wurden, werden kurzerhand heute wieder torpediert – vor versammelter Mannschaft. Als ich versuche, noch zusammenzufassen, dass sie bis zur nächsten Ergebnispräsentation nur noch bis nächste Woche Donnerstagabend Zeit hätten, reduziert dieser Typ einfach das Ganze kurzerhand – ohne Absprache – noch um einen weiteren Tag. Die Entwickler ticken selbstverständlich aus. Dann wollen sie alles komplett durcheinanderwürfeln, was allerdings nicht geht. Nun bin ich selbst kein super stringenter Mensch, wenn es um Methoden geht. Ich bin da wesentlich flexibler und sage immer: Wie können wir es anpassen, dass es Euch dient – und nicht ihr die Methode befriedigt? Doch es gibt Grenzen. Ich kann nicht sagen: „Ich hätte die Anleitung gerne auf Englisch, aber sprachlich soll bitte nichts drin vorkommen! Also schon in der Sprache, aber dann doch nicht schriftlich, geht das? Ach, und bitte in der Anrede ´Monsieur´!“ Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären kann? Vielleicht einfach mit dem blöden Sprichwort: „Wasch´ mich, aber mach´ mich nicht nass!“ Und dann kann er noch nicht einmal Anforderungen klar kommunizieren. Stellt Euch vor, jemand bestellt im Restaurant das Tagesmenü – Wiener Schnitzel mit Pommes…aber bitte ohne Kohlehydrate. Ja, ein einfacher Rohkostteller. Aber es soll schon gegart sein. Nee, ohne Dressing, aber schon mit Soße. Aaaaaaaaaaaah! Meine Kollegin wollte schon vor Wochen hinschmeißen, aber ich wollte es durchziehen. Nun bekomme ich dennoch die Quittung.

Nach einem letzten Gespräch zu viert, beschließen wir, dem Teamwunsch zu entsprechen: Ihr Projekt eignet sich nicht für eine agile Methode. Bums, Ende, aus der Pflaumenbaum. Ganz scheinheilig, bedankt der Knallkopp sich für den ganzen tollen Input unsererseits. Und ach wie toll, was er doch von uns gelernt hätte. Nun würden sie sich andere anschauen, wie sie ihre Projekte durchführen würden und zusehen, was sie denn da noch lernen könnten. Als die beiden Herren raus sind, kommentiere ich es vor meiner Kollegin so: „Er ist dieser Mensch, der in den Fachhandel geht, sich alles bis ins kleinste Detail erklären lässt, dauernd neue Infos anschleppt und prüfen lässt, bevor er dann bestens informiert ins Netz geht und es beim billigsten Anbieter schießt – der nur so billig sein kann, weil er eben Null Support bietet. Und dann beschwert er sich über den fehlenden Support, wenn es gegen die Wand fährt.“ Sie lacht und sagt: „Verdammt! Ich wusste, es erinnert mich an etwas, aber kam nie drauf. Das ist es!“ Naja, Check 24 macht das vor, Media Markt und Saturn haben das schon vorher erfolgreich gemacht. Unterm Strich verbrennt man viele gute Leute. Schade…

Was mich daran am meisten stört, ist meine eigene Einschätzung seiner Person. Ich bilde mir ein, doch über eine gewisse Menschenkenntnis zu verfügen. Ich hatte gedacht, wir könnten gut miteinander und hätten einen Draht zueinander. Ich ärgere mich, zu vieles möglich gemacht, statt mehr Kante gezeigt zu haben. Und am meisten nagt es an mir, dass mich so etwas enttäuscht. Wieso lasse ich das zu? Es gibt in der Regel zwei Sorten Menschen: Die einen glauben daran, mehr oder weniger von allen Menschen zunächst belogen zu werden. Sie misstrauen anderen, so dass man erstmal ihr Vertrauen gewinnen muss. Und dann gibt es die, zu denen ich zähle: Erstmal bekommt man einen Bonus. Ich glaube, kein Mensch kommt böse auf die Welt. Man muss manchmal nur genauer hinschauen, wo die eigentlichen Konflikte liegen. Der Nachteil hierbei: Man wird häufiger enttäuscht als diejenigen, die immer schon vom Schlechten ausgehen. Die können hingegen nur positiv überrascht werden. Ich möchte meine Grundeinstellung gerne beibehalten…nur in Zeiten, wie wir sie gerade haben, fällt mir das auf die Füße. Ach man. Ich zitiere wieder mal die Fantas: „Es könnt´ alles so einfach sein, ist es aber nicht“. Auch nicht, wenn ich fest mit dem Fuß auftrete, meine Hände in die Hüften stemme und sage: „Wohle!!!!“ (kein Schreibfehler!!!) Ich will noch mal drei sein. Da hat das auch nichts bewirkt, aber ich fand´s dennoch alles leichter.

Zeit für Veränderungen

Was für ein Tag…den ich wieder einmal genüsslich von meiner Liste streichen kann. Dabei fängt er noch recht ok an. Ich habe mal wieder eine Rücksprache mit meinem wahnsinnig schnellen Kollegen…also ähnlich schnell, wie Rudolf Scharping. Aber immerhin ist er freundlich, zugewandt und will die Dinge auch anpacken. Eben nur laaaaaaangsaaaaaaam. Hinzukommt noch mein Chef. Der ist eben verdammt langsam in der Rübe…ok, und inkompetent. Danach kommen noch weitere Meetings, die aus meiner Sicht auch nicht weiter auffallen würden, wenn sie ausfallen würden. Aber, wie sagen es die vier Pinguine von Madagaskar immer so treffend: „Stur lächeln und winken…lächeln und winken.“ Und so handhabe ich das auch.

Dann kommt der Showdown: Ich habe mein Mitarbeiter-Jahresgespräch. Ich nässe mich fast ein, so aufgeregt bin ich…nicht. Der Ablauf ist bei mir immer gleich, wohingegen er bei anderen durchaus auch anders vorgeht. Ein Fuchs, die dumme Nuss, ein Fuchs. Wie es mir denn beruflich gehe? Ich muss es dann noch ausschmücken. Also sage ich, wie gut ich zurechtkomme, indem ich mich selbst organisiere, alles eigenständig priorisiere, im engen Austausch mit meinen Kunden wäre und so für Zufriedenheit bei allen sorgen würde. Ja, so sehe er das auch. Und wie es denn so um meine Zufriedenheit stehe? „Was soll ich sagen? Es war doch Deine Ansage, dass ein Entwicklungsgespräch nicht geführt werden bräuchte, da es keine Möglichkeiten gebe.“ Ja, nee, sooooo habe er das nicht gesagt. Ich könne mich schon weiterentwickeln und so. Nur mehr Geld gebe es eben nicht. Aha. Mit anderen Worten: Ich übernehme noch mehr Aufgaben, eigne mir noch mehr Wissen an, was ich hübsch in die Firma trage, aber monetär könne dies nicht ausgeglichen werden. „Äääääh…jo.“ Will der mich verarschen oder glaubt der, ich wär´ ein Depp? Nichts gegen Johnny, natürlich.
Und dann frage ich, wie es mir vorgeschlagen wurde: Wer denn aus unserem Team als Potenzialkandidat genannt wurde? Er nennt den Namen einer Kollegin aus dem Nachbarteam. „Das war nicht meine Frage. Meine Frage ist, wer ist der Potenzialträger aus unserem Team?“ „Äääääh, do homma koan.“ Dann frage ich, wie er mein Potenzial diesbezüglich einschätze? Ist ja nicht so, als hätten wir da nicht schon mal drüber gesprochen. Einen oder zwei Monate nach meinem Antritt – wohlgemerkt noch in der Arbeitnehmerüberlassung – hat er mich gefragt, ob ich da Ambitionen hätte? Hatte ich nicht. Mittlerweile bin ich weiter, weiß mehr, habe ich mich etablieren können. Zudem strebt die Firma einen totalen Wandel an, was Führung beträfe – also mehr hin zur eigentlichen Führung mit Sozialkompetenz und Empathie. Darüber hätten wir ja vor Monaten bereits gesprochen. Ah ja. Sei mir das ernst gewesen? Er habe da nämlich nichts zu notiert. Ja, doch. Ja ja.
Also…er sei zwiegespalten. Ich wäre schon radikal: Wenn einer bei mir verschissen hätte, hätte er verschissen. Ich kläre ihn auf, dass ich durchaus differenziere, ob ich dessen Chef wäre oder lediglich eine Kollegin. Und wenn mir einer gegen die Beine pieseln würde, dann würde ich dazu stehen, solche Menschen als Kollegen abzulehnen. Ja, aber ob ich differenzieren könne, wenn ich Vorgesetzte sei? Ich hätte ja die harte Aussage getroffen, dass dieser eine Kollege lügen würde. Richtig. Und genau dafür habe ich auch Beweise. Das wäre ja nicht entscheidend. ALTER?! Wenn einer also mordet und ich sage: „Der ist ein Mörder!“, bin ich dann die Böse, weil die Tat als solche ja nicht weiter wichtig ist? Diese Logik ist einfach nur verquer. Außerdem hätte ich bei Heinz, den ich richtig Scheiße finde, auch gezeigt, wie sehr ich ihn unterstütze, wenn er mal wieder nicht weiterkäme. Ja, das fand er auch ganz prima. Ok. Ich habe besagten Arschloch-Kollegen beim letzten Workshop doch auch wieder miteingebunden, obwohl ich ihn menschlich gesehen total ablehne. Ich sei schon so professionell, zwischen privat und beruflich unterscheiden zu können. Aaaaah. Dann sei er ja beruhigt. Er hätte angenommen, dass ich das nicht trennen würde. Und da haut es mir dann komplett den Schalter raus: „Ist das Dein Ernst? Nach drei Jahren ist das Deine Wahrnehmung von mir? Fehlende Professionalität???“ Neiiiiiin! Das habe er nie gesagt! Im Gegenteil. Nur in diesem Fall sei er doch sehr erschrocken über meine Worte gewesen, aber das hätten wir ja nun geklärt. Ich koche langsam auf 180 Grad. „Ok, dann gib mir doch bitte jetzt mal Deine Rückmeldung zu meiner Arbeit vom letzten Jahresgespräch bis zu diesem Jahresgespräch.“ Und was er vorbringt, ist ausnahmslos nur Lob. Ich fass´ mir an den Kopf. Irgendwie kann ich mich auch nicht für die Rückmeldung bedanken und sage nur: „Aha.“ Jo, ob das jetzt mein Ernst sei und er bei seinem Kollegen und Chef in der Leitungsrunde das Thema Führung ansprechen solle? Ja, soll er. Da lacht er leicht und sagt: „I bin gsponnt, wie die drauf reagiern.“ Spitz frage ich: „Und was willst Du mir mit dieser Aussage sagen?“ Er rudert, wie immer, zurück: „Nix…bloß doss i geponnt bin. Da hot noch nie oana wos zu gesoagt.“ Richtig, weil der eigentliche Chef jemanden in die Diskussionsrunde schmeißt. Mein Chef hingegen kümmert sich um die Mädels vom anderen Team. Früher auf der Toilette, heute „nur“ noch im Gespräch. Und ja, das mit den Nümmerchen auf Toilette ist verbrieft.
Und dann bringt er den Kracher: Ich hatte zu Beginn meiner Arbeit darum gebeten, regelmäßige Rücksprachen mit ihm zu haben, weil ich im Thema nicht so drin war und Infos brauchte. Das ging damals nur so gut wie nie. Jetzt – nach drei Jahren – schlägt er vor: „I hob mia docht, mia zwoa mochn a Regelkommunikation. Des hob i immo gschobn, oba des mochn moa jetz.“ Warum? Der Dilplomat in mir hält seit 44 Jahren schon Winterschlaf, also warum so was jetztz ändern? „Meinetwegen müssen wir das nicht. Ich habe da keinen Bedarf.“ Pause. „Ääääh, wuilst mi olso net sägn oda wos?“ Ich atme ruhig durch: „Mach´ das doch jetzt nicht wieder persönlich. Vor drei Jahren, als ich danach gefragt habe, brauchte ich noch Unterstützung. Heute brauch´ ich die nicht mehr. Ich kann selbständig arbeiten und komme bei Problemen zu Dir. Du sagst doch eh immer, dass Du zu wenig Zeit hast.“ Hätte er auch, aber er wolle mich nicht vernachlässigen. „Nicht nötig. Ich fühle mich schon groß genug.“ Sein Vorschlag zur Güte: Er lade nun im Abstand von drei Wochen ein. Wenn´s nix gäb, könnten wir ja zusammen einen Kaffee trinken. So, wem jetzt noch nicht das Blech weggeflogen ist, dem kann ich nicht mehr helfen. Ich kommentiere das auch nicht, weil ich ja weiß, wie langsam er nur aus dem Pudding kommt. Bis er eine Terminserie eingeladen hat, hat die sagenumwobene Omma ´ne halbe Insel bevölkert.

Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack. Ich komme mir abgewatscht vor. Ungeplant, weil schon länger im Vorfeld so vereinbart, habe ich noch eine Rücksprache mit seinem Kollegen, also dem Chef des Nachbarteams. Er fragt, wie es mir gehe? Ich berichte ihm von meinem Mitarbeiter-Gespräch. Er bedankt sich, weil sie nächste Woche ein Dreier-Treffen anberaumt hätten (wusste ich nichts von). Dann könne er sich vorbereiten, weil mein Chef dieses Thema dann ja vorbringen müsste. Ich erzähle ihm auch die Reaktion, auf die mein Chef gespannt sei, weil er und sein Chef ja auch nie diesbezüglich etwas vorgeschlagen hätten. Zum Glück entkräftet er das vollkommen und spricht mir Mut zu. Gerade jetzt, wo sich die Führungskultur endlich ändern solle, wäre jemand wie ich goldrichtig. Ich solle mir die Worte meines Chefs nicht zu Herzen nehmen, weil sie jeder Grundlage entbehrten.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich Führungskraft werden will? Das habe ich ja schon mehrfach – auch hier – thematisiert. Sie suchen vor allem junge Mädels frisch von der Uni aus, die sie als Kandidaten nennen, weil sie so hübsch formbar und dankbar sind. Es geht mir darum, etwas verändern zu wollen, statt immer nur zu schimpfen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Und das kann ich ja nur, wenn ich es zumindest wage, meinen Hut in den Ring zu schmeißen. Wie es dann weitergeht, wird sich zeigen. Nur diese Altherren-Ränkespielchen-Spezlwirtschaft geht mir auf den Zeiger. Es müssen Änderungen her. Und die beginnen bei mir, oder?

Potenzialgeschiss

Heute Morgen bin ich unendlich erleichtert. Nein, die Allergiebeschwerden haben sich nicht abgeschwächt. Aber es gibt die besten Nachrichten ever: Nagelsmann kann zu Bayern München wechseln!!! Der Klopper! Und die Ablösesumme – wir reden also nicht von der Bezahlung, die noch hinzukommen wird – beläuft sich auf 25 Millionen. Damit ist es die höchste Trainer-Ablöse der Fußballgeschichte weltweit. Wen von Euch macht das genauso glücklich wie mich? Wird da nicht der ein oder andere auch wuschig?
Wer es bis hierher noch nicht verstanden hat: Das ist IRONIE! Wie kann es in einer Zeit wie dieser zu so was kommen? Ich höre noch die Erklärung vom letzten Jahr, weshalb die Bundesliga wieder laufen müsse. Die armen Putzfrauen und Platzwarte hätten sonst kein Einkommen. Ich weiß nicht, wie man diese bodenlose Scheiße noch unterstützen kann? Wie kann sich noch irgendwer den Rotz anschauen und damit dieses unverschämte, asoziale Verhalten unterstützen? Nur macht sich kaum mehr einer darüber Gedanken. „Es ist halt so“, ist der viel bemühte Satz. Welcher Mensch ist nur rein für die Ablöse 25 Millionen wert? Und ja, ich weiß, dass Fußballer noch mehr kosten. Ist das nicht ein völlig krankes Gebilde? Die kleinen Vereine haben keine Chance. Junge Menschen dürfen nicht auf die Plätze und spielen. Da geht es noch um Begeisterung, um Teamgeist und Sport. Da ist es allerdings nicht wichtig, das zu fördern. Denn damit kann man nicht solche Rekordsummen generieren. Ich finde es beschämend, wenn ich von solchen Summen höre.
Und noch etwas fällt mir zu diesem ganzen Fußballgeschiss ein: Sie rühmen sich doch immer, eine Vorbildfunktion zu haben. Wenn dem so ist, wie kann es dann sein, dass Verträge, die geschlossen wurden, einfach null und nichtig werden können? Sowohl Nagelsmann, als auch Flick stehen noch unter Vertrag. Welches Zeichen wird da gesetzt? Wenn Du genug Kohle auf den Tisch legst, ist alles käuflich. Also dann, junge Leute: Seid rücksichtslos, asozial, verkauft Euer Gewissen, brecht Versprechen – dann werdet Ihr unter Garantie richtig erfolgreich. Ach ja, das gilt vor allem für die männlichen Sportler. Also wenn Ihr keine Männer seid, denkt über eine Geschlechtsangleichung nach. Denn für die Frauen bleibt bitte das Recht bestehen, schön am Herd zu stehen, dankbar und demütig zu sein. Ja, ich weiß, dass ich gerade aggro rüberkomme. Aber so langsam nimmt das Formen an, die ich nicht mehr feierlich finde. Da muss sich auch niemand mehr wundern, wenn mehr und mehr Menschen auf die Straße gehen. Ihr Frust entlädt sich aus meiner Sicht an der falschen Stelle. Doch die völlig irrsinnige (a)soziale Entwicklung, die entsteht, bereitet dafür den perfekten Boden.

Genug geärgert – auch wenn ich so was nie verstehen werde. Muss ich auch nicht, denn sonst drehe ich vielleicht genauso ab, wie diese hohen Herren (und vereinzelt Damen, ich weiß). Interessant wird mein Gespräch am Nachmittag. Ich rede mal wieder mit dem Betriebsrat meines Vertraues. Eigentlich geht es um völlig andere Belange. Doch irgendwann frage ich ihn scherzeshalber: „Samma Schönne, morgen habe ich mein Mitarbeiter-Gespräch mit meinem Chef. Was soll ich den fragen?“ Er zögert keine Sekunde und haut raus: „Frog´ ihn, ob ea Dei Potenzial zua Führungkroft siagt und des anleiern daat.“ Hä? Worüber sollte ich sonst mit ihm reden? Mein Chef könne mir schließlich nichts zu meiner Person erzählen, was ich nicht schon wüsste – vermutlich besser als er. Ich solle nun einfach meinen Hut in den Ring werfen. „Aber….aber….habe ich denn überhaupt Ambitionen?“ „Host Du.“ Ah ja. Ich versuche es noch mal: „Und wenn nicht?“ Aber er beharrt darauf. Meinen Einwand, dass ich dieses Team Grütze finde, schlägt er in den Wind, denn darum ginge es schließlich nicht. Ich muss in den Potenzialtopf geschmissen werden. Dann könne man mich an anderer Stelle platzieren, wenn die Stunde gekommen sei. Hab ich Bock auf all das? Vor allem auf das Gestammel diesbezüglich von meinem Chef? Bei uns wird sich ganz viel in den nächsten Monaten tun. Und dann soll da aufgeräumt werden. Ich muss es wohl oder übel wagen. Nur meine Motivation, das renitente Miststück, glänzt wieder einmal mit ihrer Abwesenheit. Schaden tut´s ja aber auch nicht, also frage ich morgen mal blöde nach, ob mein Chef denn mein Potenzial sehe? Wie ich solche Fragen schon hasse! Das ist der Unterschied zu manch einem jüngeren Menschen. Wie meinte der Spezl so nett: „Du keast jo no zu die Generation, die wo immo benachteiligt woan, wennst a Frau woast. Du bist do oane, gä?“ Doofsack. Die jungen Hühner sind da echt schon anders unterwegs. Für sie ist es selbstverständlich, sich am besten direkt nach der Uni schon nach dem Chefposten umzuschauen – natürlich mit Bachelor-Abschluss, nicht etwa Master. Jessas…hab´ ich einen Bock darauf. Nur so kann es ja tatsächlich auch nicht weitergehen.

Und dazu? Na, scheint die Sonne und zwitschern die Vögel. Immerhin mache ich nach über zehn Stunden auch meinen Rechner aus. Genug für Heinz mitgearbeitet, der ja nun wirklich arm dran ist mit seiner permanenten Überforderung. Übermorgen habe ich wieder die Ehre, mich mit ihm auszutauschen. Da freu´ ich mich aber…ääääh…nicht. Aber ich werde es überstehen, wie immer. In diesem Sinne: Sonnigen Feierabend!

zu viel von unnützen Sachen

Eigentlich wollte ich heute zur Apotheke fahren. Uneigentlich bin ich schlichtweg zu müde. Oh, ich habe durchaus gut geschlafen in dieser Nacht. Nur bin ich dennoch gerädert. Morgens werfe ich eine Tablette gegen meine Allergie ein und hoffe das Beste. So eine Desensibilisierung fänd ich mittlerweile gar nicht mehr so bekloppt (ja, freiwillig Spritzen ertragen). Nur dauert so was drei Jahre. „Und da waren sie wieder, meine drei Probleme: Keine Springböcke, kein Auftrag und viel zu viel Zement.“ Ach, Otto, Du hast es so oft so treffend auf den Punkt gebracht. Passend finde ich auch die Alternative: „Da waren sie wieder, meine drei Probleme: Vergesslichkeit, Dings und das Andere.“ Passt auch. Drei Jahre?! Was weiß ich, wo ich in drei Jahren bin? Wieso kann es dafür nicht was mit einem Termin oder maximal zwei geben? Meinetwegen ist die Spritze dann auch etwas größer. Nur möchte ich nicht noch mal und noch mal dorthin müssen. Ach ja, ich möchte noch mal fünf sein, als mein einziges Problem noch darin bestand, wie ich meinen Opa heimlich dazu animieren konnte, mit mir Karten zu spielen, ohne dass meine Mom den Wink mit dem Zaunpfahl mitbekommen hätte. Mein Opa hat es damals einfach weggelacht und sich die Tränen weggewischt. Ach, waren das noch Zeiten.

Meiner Mitschülerin, die die Prüfung letzte Woche bestanden hat, geht es übrigens, wie es mir vermutlich auch gehen würde. Ich frage sie: „Na, wie stolz bist Du auf einer Skala von eins bis zehn, dass Du das so souverän gerockt hast?“ Kurzes Zögern: „Hm, naja…also weißt Du, was? Ich habe mich im Herbst für EMDR angemeldet.“ Aaaah, herrlich, dass manche von uns gleich bekloppt ticken. Das macht mir Mut, doch nicht allein mit meinen Hirn-Kapriolen zu sein. Nur muss ich noch warten und ausharren. Doch da hat mir meine Mitschülerin, die ich gestern getroffen habe, auch ein wenig den Druck nehmen können. Sie hat kein Seminar nachbereitet (so, wie ich das auch bisher immer gehandhabt habe), lernt jetzt auch nicht, sondern wartet bis September. Da wolle sie dann intensiver einsteigen…also ein paar Seiten dazu lesen…so was eben. Das klingt doch entspannt. Das bekomme ich so nicht hin, aber die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Wöchentlich vier bis sechs Stunden zu lernen, dann später täglich einiges noch vertieft zu lernen – puh, da geht mir jetzt schon die Puste aus. Und was bringt das? Nüscht – nur Druck.

Und apropos Puste, die gerade etwas wenig ist: Ich habe jetzt alles online bestellt, was ich von einer Apotheke brauche. Das spart mir einen Haufen Kohle, ein bisschen was an Zeit, aber vor allem: Es ermöglicht mir, einfach für eine halbe Stunde die Augen zu schonen und nicht loszufahren. Ich kann Euch nicht beschreiben, wie unendlich glücklich mich allein diese Entscheidung macht. Nur Allergiker wissen, wie müde man von einer Allergie und zusätzlich müde machenden Medikamenten sein kann. Ich schreibe gleich weiter…sonst knallt mein Kopf noch auf die Tastatur.

Ha, weit gefehlt. Das hat natürlich nicht funkioniert, aber ich bin trotzdem wieder wach. Unter anderem hat meine Mom angerufen. Die Gespräche laufen auch immer wieder nach dem gleichen Muster ab: „Hast Du Dir die Werte von heute angeschaut?“ Gemeint sind Neuinfektionen, Todeszahlen und Inzidenz. Meine Antwort ist auch immer dieselbe: „Nö. Mache ich schon ca. ein Jahr lang nicht mehr bewusst.“ Und dann wird erzählt, wer sonst noch krank ist oder gar verstorben. Ergänzend nimmt sie einen Schlenker über ihre Sorgen bzgl. Corona, sich anstecken zu können. Auch wenn meine Mom nicht so wirklich dafür kann, weil sie nur noch über eine Hirnhälfte verfügt, nervt es mich dennoch. Also sage ich ihr, was ich davon halte – zumal sie bereits zweifach geimpft sei. Dabei betone ich ja selbst immer wieder, wie wenig so was bringt. Doch da mutiere ich dann zum rebellischen Kind, das ein paar Dinge klarstellen muss. Nervig.

Natürlich kann das auch damit zusammenhängen, dass Montag ist. Heinz hält sich sogar für seine Verhältnisse noch zurück, aber das Gelabere der anderen kompensiert das locker. Wir schaffen unser Meeting in 35 Minuten, obwohl sogar ein Kollege fehlt und ich wieder nur 30 Sekunden reporte. Meine liebe Kollegin amüsiert sich und meldet mir zurück, wie genervt und gleichgülitg sich meine Stimme anhöre. Damit bin ich durchaus zufrieden. So stellt nämlich auch keiner der Deppen eine unnötige Nachfrage. Schlimm, aber wahr: Würde ich den Montag aus meinem Kalender streichen, würde das kein Loch in meine Abarbeitung der Themen reißen…ganz einfach, weil wir an solchen Tagen so wenig produktiv sind. Wobei…das stimmt so auch nicht. Mein englisch-sprachiges Team macht heute schon Fortschritte. Es ist wohl zu viel Allergie, zu viel Montag, sind zu viele Kranke/Tote (im Umkreis meiner Mom) und zu wenig sinnstiftende Dinge, mit denen ich mich beschäftigen muss. Wie lange halte ich da noch durch, bevor ich jemanden verprügeln muss? Ich bin gespannt.

mehr Meer wär´ soooo schön

Oh man, wieso gibt es Allergien? Und wieso überfallen die einen immer direkt so heftig? Ich komme aus dem Niesen und Schniefen nicht heraus. So macht das gerade wirklich, wirklich keinen Spaß. Ich höre auch von anderen, dass heute wohl ein extrem heftiger Tag für uns Allergiker ist. Völlig malat, schleppe ich mich dennoch auf den Balkon und lausche meinem Psycho-Hörbuch. In der Sonne halte ich es allerdings nicht lange aus, dann zieht es mich in den Schatten. Doch das Niesen und Schniefen verfolgt mich auch im Schatten. Das schlaucht einfach ungemein. Dazu dann noch eine Allergietablette, von der ich meine, nichts zu spüren – außer der Nebenwirkung Müdigkeit. Mein linkes Auge war bereits gestern und vorgestern hübsch angeschwollen mit fiesem Juckreiz. So schön der Frühling auch ist – die Pollen machen vieles davon einfach kaputt.

Trotzdem mache ich mich am späten Nachmittag auf Richtung Spaziergang. Ich bin ja mit einer Mitschülerin verabredet. Und ehrlich wahr, ich untreue Tomate habe vergessen, mich bei ihr zu melden. Sie hat jetzt zum wiederholten Mal nachgefragt, ob wir eine Runde spazieren gehen, weshalb ich das heute auch durchziehe. Dabei sehe ich aus wie ein Vampir: Weiß, mit gerötetem Mund, geröteter Nase und geröteten Augen. Wenn das nicht mal ein Anblick für die Götter ist. Meine Hoffnung: Wenn ich mir eine fette Sauerstoffvergiftung reinpfeife, werde ich diese Nacht wie ein Baby schlafen können. So zumindest der fromme Wunsch.

Es ist richtig schön, wir plaudern über alles Mögliche, als hätten wir uns erst letzte Woche gesehen. Dabei haben wir uns Ende November das letzte Mal getroffen. Krass, wie die Zeit verfliegt. Aber wo will man sich auch groß treffen? Da muss man schon auf besseres Wetter setzen – auch wenn die bösen Pollen einen dabei angreifen können. Und das Beste: Der Laden, in dem wir letztes Jahr im Sommer geschlemmt und Cocktails genossen haben, hat einen Außenstand eröffnet. Da kann man sich Kaffeespezialitäten, Bier und dergleichen bestellen, aber eben auch Cocktails. Leider war ich so bräsig vom vielen Niesen, dass ich meine Maske vergessen habe. Nach ewigen Monaten der Maskenpflicht, vergesse ich Dummbaaz tatsächlich, eine in die Tasche zu stecken. Egal, meine Bekannte ist bestens ausgestattet.

Und so genieße ich nach einem Dreivierteljahr endlich mal wieder einen Mojito. Er schmeckt einfach himmlisch. Wir können ihn nur während des Schlenderns trinken, aber das macht nichts. Beim ersten Schluck fühlt es sich auch ganz kurz so an, als wäre ich wieder auf Kuba. Aaaaaaaaaah, das war soooo schön vor sechs Jahren. Ich, die normalerweise sehr selten trinkt, habe dort jeden Tag irgendwas mit Rum getrunken. Sei es in der Havana Club Destillerie, bei einer Promo, die in unserem Bus durchgeführt wurde, abends im Hotel…einfach täglich. Aber nicht in der Art Ballermann und Söhne, sondern einfach genüsslich einen oder zwei Cocktails bei warmem Wetter und Karibik Feeling pur. Das konnte ich mir vorher gar nicht vorstellen, aber ich habe es dann selbst erlebt. Die Uhren ticken anders, das Meerwasser hat eine tolle Temperatur, alles ist gechillter, der Rum schmeckt tausendmal besser. Gut, auf die ganzen Combos, die an allen Ecken, Enden, Cafés und Restaurants „Guantanamera“ schmettern, könnte ich hervorragend verzichten. Aber der Rest? Himmlisch…

Ich kann mir schon vorstellen, wie der ein oder andere gerade sabbernd diese Zeilen liest. Das wird alles wieder, da gebe ich die Hoffnung nicht auf. Im Moment zehre ich von solchen Erlebnissen, die wunderschöne Erinnerungen heraufbeschwören. Da waren schon echte Kracher dabei. Dort habe ich auch meinen Bruder im Geiste kennengelernt, der mich bis heute mit meiner Schuhgröße 41 aufzieht und mit seiner Berliner Schnauze alles raushaut, was ihm gerade in den Sinn kommt. Herrlich erfrischend, kann ich nur sagen. Da würde ich gerne noch mal hin. Und gerne auch in viele andere Länder, aber dann so richtig, also Einheimische kennenlernen, in die Kultur eintauchen und sich faszinieren lassen. Eine Bekannte sprach jetzt erst von einem Wellness Wochenende, was ich auch schön fänd, aber vor allem diese Urlaube, wo man unverhofft Bekanntschaften macht, wenn man denn dafür offen ist, die begeistern mich. Dubai und dergleichen, wo es ausschließlich um luxuriöse Hotels und oberste Standards geht, reizen mich hingegen kein bisschen. Zum Glück ist ja für jeden was dabei. Ich tippe mal frühstens aufs nächste Jahr. Und vielleicht da auch „nur“ eine Woche am Meer in Holland. Doch auch das ist für mich Glückseligkeit pur, da ich die Holländer so liebe – und das Meer noch viel mehr. Das vermisse ich: Wind um die Ohren, Füße im Sand und kilometerweit ebenerdig laufen können, wobei man dem Meer alle seine Sorgen und Nöte überlassen kann. Da ist es wurscht, ob es das karibische Meer oder die Nordsee ist – Hauptsache Meer.

Unterwegs geht es dann auch mit dem Niesen. Ich merke allerdings, wie ich ausschließlich durch den Mund atmen kann. Entsprechend trocken ist meine Kehle am Ende dann wieder. Aber es hat gut getan, das Wetter auszunutzen – wie wahnsinnig viele andere Menschen auch. Ich hoffe, die Stimmungslage ändert sich jetzt auch langsam wieder, weil es draußen schöner wird. Dadurch ist noch keine Außengastro wieder geöffnet, aber auch das ist nur noch eine Frage der Zeit. Einen klitzekleinen Vorgeschmack konnte ich ja heute davon gewinnen. Ich freue mich auf mehr…auch auf mehr Meer.