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Östliche Paten

Faktencheck: Ich habe gelogen, denn der Porsche hat nicht 420, sondern 490 PS. Mea culpa. Noch schlimmerer Fakt: Ich habe ihn nicht gewonnen. Muss ich mir morgen wieder den Wecker stellen. Naja, macht nix, ich muss ja eh zeitig auf, da morgen meine letzte Schuleinheit in der Grundlagenschulung ist. Es sind ganze drei Veranstaltungen ausgefallen. Auf Nachfrage hieß es vor Wochen, sie suchen nach Nachholterminen. Ob jemand bei der Suche verloregen gegangen ist? Eine Info ging jedenfalls nie mehr danach raus. Ich bin gerade wieder in der Stimmung, einfach eine Rechnung zu schicken. Die Gesamtsumme geteilt durch die Anzahl aller Schulungszeiten mal drei. Das sollte selbst jemand mit Dyskalkulie hinbekommen, wie ich. Nein, ich habe nicht wirklich Dyskalkulie. Rechnen kann ich. Nur Satz des Pythagoras, binomische Formeln und Kurvendiskussionen bleiben mir auf ewig ein Rätsel. Auch der Dreisatz erschließt sich einem einfachen Gemüt wie meinem nicht so ganz. Ach, ich komme schon durchs Leben.

Heute Morgen schreibt mir dann meine liebe Kollegin, dass sie versuche, meinen Chef zu erreichen. Der sei aber beim dreistündigen Weißwurschtessen. Ich weiß. Sie könnte kotzen. Ich weiß. Er sei nicht erreichbar. Ich weiß. Wie war das gestern noch mal mit der Kommunikation? Die soll ja bei uns gut sein. Ach ja, was bin ich froh, mal frei zu haben. Schadet nix. Wobei ich natürlich bereits Mails gecheckt habe. Es kann ja immer mal was Dringendes sein. Und nein, ich denke nicht, die Welt gehe ohne mich unter. Und sollte mein Chef was wollen, interessiert es mich auch nicht. Sollte aber ein Kunde etwas Wichtiges benötigen, würde ich das kurz machen. Ja, dumm…egal.

Damit ich aber nicht nur herumlungere, räume ich etwas auf, stelle eine Waschmaschine an und staubsauge. Und dabei reiße ich leider eine Likörflasche um, die als einzige noch auf dem Boden steht. Finde den Fehler. Ach, das Gute an Likör ist ja, dass er nicht klebt. Wäre ja auch noch schöner, wenn der Zucker ihn gar klebrig machen würde. Ich schüttle dann einfach den Kopf über mich. Saublöd, wenn man keinen anderen dafür anmaulen kann. Wobei anmaulen würde ich gar keinen. Ich würde mich lustig machen. Wisst Ihr, wie anstrengend es ist, sich über sich selbst lustig zu machen? Mir fehlt einfach ein Publikum. Und so wische ich dann brav alles weg, putze noch zwei Mal drüber…und bleibe trotzdem kurz mit meiner Socke am Boden haften. Hätte ich das gute Zeug mal lieber vorher getrunken. Dann müsste ich es jetzt nicht wegwischen und dabei auf die Scherben achtgeben. Naja, ich trinke einfach nicht gerne allein. Besser is.

Meine Kollegin updatet mich permanent über den Tag hinweg. Sie ärgert sich, weil unsere Chefs auch den Datenschutz nicht beachten. Ach was. Sie haben in einem Ablaufplan festgehalten, dass sie einen Punkt nicht haben abarbeiten können, da die Kollegin (namentlich genannt) krank war. Ich kann nur noch lachen. Ja, ich weiß, eigentlich ist es gar nicht lustig. Es ist schlimm. Aber die sind so weit entfernt von dem, was eine Führungskraft sein sollte, dass ich so was nur noch lustig finden kann. Seit gestern weiß ich nun, dass der Vorstandsvorsitzende bei uns 5,5 Millionen pro Jahr verdient. Moment, streichen wir das „verdient“. Er erhält 5,5 Millionen. Das ist einfach der Hammer. Jajaja, die tragen unendlich viel Verantwortung. Aber ehrlich? Die ist 5,5 Millionen wert? Was macht der denn? Erfindet er etwas, das den Hunger in der Welt abstellt? Rettet er Menschen? Nee, eben. Irgendwie finde ich das alles nur noch geschmack- und anstandslos.

Aufheiternd ist dann wiederum ein Telefonat mit meinem Herrn Leckebusch. Mein alter Kollege mit seiner gut gelaunten rheinischen Art bringt immer wieder einen Riesenschwall guter Laune in mein Leben. Er fegt hindurch mit seinem donnernden Lachen und erzählt seine Dönekes. Mittlerweile hat er die Osteopathie für sich entdeckt. „Ach Mädchen, wenn ich bei der Thaimassage bin, denk´ ich ja immer, die brechen mir da sämtliche Knochen, aber die bei den östlichen Paten (er verdreht mit Vorliebe alle Wörter), da leecht die mir nur die Hand überall hin. Auf´en Bauch, dann auf´en Kopp, dann in´nen Nacken. Da wird et dann ganz warm…jo. Und tut juut. Versteh´ ich zwar nich, is aber ja auch nich schlimm, ne?“ Recht hat er. Derzeit ist der Arme nur Strohwitwer, da seine Frau in Kur weilt. Aber er bekommt seine Zeit gut rum. Wenn einer umtriebig ist, dann er. Erst im Januar hat er sich mit einer neuen Geschäftsidee und einem Partner selbständig gemacht. Nicht, weil er das Geld braucht. Er braucht Kontakte, er ist neugierig und bekommt einfach nie genug vom Leben. Herrlich. „Mädchen, ich freu´ mich, wenn wir uns dann im Dezember endlich wiedersehen. Ich muss Sie ma wieder in den Arm nehmen. Ich halt´ mich ja an die Corona-Regeln, aber die muss ich brechen!“ Jo, da habe ich nichts dagegen. Seine Konstitution ist ohnehin unerschütterlich, vermute ich. Er ist fitter als ich (was nichts heißt, ich weiß). Ach, mehr davon! Es braucht einfach mehr von diesen Menschen in meinem Leben, die strahlend und fröhlich pfeifend durch die Gegend rauschen und sich selbst dabei nicht ganz so wichtig nehmen.

mit 420 Sachen durch die Prüfungsvorbereitung

Heute Morgen schlendere ich gemütlich durchs Bad und die Wohnung. Ich habe mich für ein Gewinnspiel bei Antenne Bayern angemeldet. Um kurz nach sieben geben sie durch, wer anrufen darf. Und da ich jetzt endlich denke, ich darf auch mal was gewinnen, versuche ich es so zu timen, dass ich dann im Auto sitze – denn nur da läuft das Radio. Ich bin auch genau zur richtigen Zeit noch im Auto. Allein – es gewinnt jemand anderes. Da ich morgen frei habe, muss ich mir den Wecker stellen, um es nicht zu verpassen. Stellt Euch vor, die nennen meinen Namen, ich würde den Porsche gewinnen, aber ich bekomme es nicht mit! Geht ja gar nicht.

Heute ist mein letztes Mal an diesem Arbeitsplatz, da wir nächste Woche in andere Büroräume umziehen. Da muss ich aufpassen, dass ich die richtige Türe erwische, wenn ich übernächste Woche wieder arbeiten gehe. Wehmütig bin ich nicht. Es war ok hier, aber im Grunde ist mir das relativ egal. Wir sind nur zu weit vom Werksgelände weg, weshalb alle Kundentermine mit viel Fußmarsch und damit Zeitaufwand verbunden sind. Aber das werden wir auch überleben. Da derzeit die Infektionszahlen wieder so stark ansteigen, sollen wir eh so wenig wie möglich ins Büro fahren. Es sind für mich ohnehin nur noch ein paar Wochen, bis dann endlich der große „Urlaub“ ansteht und ich zu meiner Familie düsen kann. Wer weiß? Vielleicht schon im neuen E-Porsche. Das wär´s doch noch!

Mein Chef hat sich bislang noch nicht gemeldet, wie seine Tagung vorgestern war. Also geht der Berg zum Prophet bzw. rufe ich ihn an. Die Schulung ist bewilligt. Ja, haste Töne?! Wie man sich für externe Schulungen anmeldet, weiß er zwar auch nicht, aber das wird schon. Oh man. Ich breche ab. Dann eröffnet er mir, dass ich „die andere Schulung“ auch bekomme – wie besprochen. Hä? Welche andere Schulung? Hatten wir doch besprochen. So langsam glaube ich, er wird dement. Kein Witz, das meine ich ernst. Wie dem auch sei: Nächstes Jahr bekomme ich anscheinend eine Rundum-Schulung. Das wundert mich, aber das ist für mich auch voll ok. Aber – wie habe ich das letztens so schön gesagt bekommen: „Dann geht die Schere ja noch weiter auseinander, und Du wirst einen Kollegen, wie Heinz, noch mehr schlagen wollen.“ Möglich ist alles…doch das nicht. Wollen, ja. Tun hingegen definitiv nicht. 🙂 Mich gruselt´s schon bei dem Gedanken, ihn überhaupt nur anfassen zu müssen. Bäääääh!
Mein Chef erzählt mir dann stolz, wie er anderen Kollegen unter die Nase gerieben hätte, wie schlecht ihre Kommunikation sei. Daran würde so vieles bei denen scheitern. Is klar. Und da hätten sie ihn völlig verblüfft angeschaut. Ich frage ganz ruhig: „Und wie schätzt Du die Kommunikation in unserer Abteilung ein?“ Prompt kommt ein: „Gut! Warum?“ „Weil wir da wohl vollkommen unterschiedliche Bilder haben.“ Das versteht er dann wiederum nicht. Es ist der Wahnsinn, wie grottig die Kommunikation bei uns läuft. Erst heute haben wir eine Dreiviertelstunde in einem Termin gehockt, zu dem Heinz eingeladen hatte. Zwei außertariflich Bezahlte, drei weitere Kollegen. Da kommt ganz schön Geld zusammen! Und dann diskutieren wir über ein Problem, das es de facto nicht gibt. Aber Heinz hat sich einfach nicht die Mühe gemacht, mal vernünftig hinzuschauen – obwohl ich ihm die entsprechenden Links geschickt habe. Mit so was schlagen wir da Zeit und gutes Geld tot! Das tut mir echt körperlich weh. Und wir hatten darüber „kommuniziert“. Ich pack´ so was nicht.
Dem aber nicht genug, haben wir sogar eine Führungskraft im Unternehmen, die wissentlich (!) mit Windpocken in die Firma kommt. Für mich kein Thema, ich hatte sie schon. Für jede schwangere Frau der Supergau. Und was passiert? Nichts! In solchen Fällen wäre ich ja dafür, die Prügelstrafe und den öffentlichen Pranger wieder zu installieren. Ich weiß, keine Lösung…aber Genugtuung. Und manche lernen es leider auf keine andere, vernünftige Weise.

Als alles erledigt ist, meine Kisten für den Umzug gepackt und meine Abwesenheitsnotiz für den Urlaub aktiviert ist, fahre ich zeitig nach Hause. Mein erster Teil des Vorbereitungskurses findet heute Abend statt. Wir sind 30 Teilnehmer. 30 Teilnehmer mal 990 €. Da kommt ein hübsches Sümmchen zusammen. Solche Webinare sind echte Goldgruben. Aber was nutzt es, darüber zu sinnieren? Ich will ja meine Prüfungen bestehen. In den zwei Stunden rasen wir durch die Themen, dass mir der Schädel raucht. Im Grunde denke ich, ich bestehe die Prüfung, aber es wird viel Fleiß und Auswendiglernen vonnöten sein. Nur gerade zweifle ich dann mal kurz. Es fallen die Fachbegriffe stakkatoartig. Puh, mein armes, kleines Hirn. Und das Schlimme: Ich höre doch niemals danach auf! Dann suche ich mir andere Themen, die mich faszinieren und halte das Oberstübchen am Kochen.
Ja, manchmal wünsche ich mir, einfach anzukommen. Doch ich glaube, ich habe einen großen Anteil in mir, der rastlos ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, irgendwann einen Ort zu finden, an dem ich bleiben will. Aber an einen Punkt zu gelangen, an dem ich sage: „Jetzt will ich echt nichts mehr lernen, denn da ist nichts mehr, das mich noch reizt“, neeee, das scheint mir unmöglich. Das wäre, als würde man versuchen, Wasser am Fließen zu hindern. Das geht mit Dämmen und so, doch nach einer gewissen Zeit wird der Druck dann doch zu stark – bzw. ich zu hibbelig. Es bleibt also spannend. Genauso, wie mit dem Porsche. Den Bulli habe ich ja seinerzeit nicht gewonnen. Da ist doch jetzt wohl zumindest der Porsche drin, oder? Also: Drückt mal die Daumen…es geht schließlich nur um 420 PS.

Ein langer Kakao

Heute ist ein laaaaaaaanger Tag. Meine hysterische Kollegin eilt ins Büro (wo ich bereits seit einer Stunde sitze) und schaut mich verdutzt an: „Hatte ich mich nicht eingetragen?“ Ich schaue hoch: „Mmmh, wenn Du die Excelliste meinst: Nö. Da steh´ ich drin.“ Hektisch nun: „Ach, es läuft ja so vieles schief, da wundert es mich nicht, dass das auch falsch gelaufen ist.“ Da ich nicht darauf anspringe, mir ihr Jammertal zum x-ten Mal anzuhören, stürmt sie durch die Verbindungstür und setzt sich in den Nebenraum. Allerdings schließt sie die Tür nach außen nicht auf und rennt dauernd durch mein Büro. Keine Ahnung, aber sie hat einfach einen Knall. Und so lasse ich es bewenden. Später geht sie dann und schreibt mir, sie fühle sich krank und habe mich hoffentlich nicht angesteckt. Pffff…sie war weit genug entfernt. Und selbst wenn: C´est la vie.

Und schwups, habe ich meine erste Skype-Besprechung. Es geht um meine Geschichte für die eine Abteilung. Wie und mit welchen Bildern können wir die denn versehen? Oh man. Welchen Anteil übernehmen denn die anderen jetzt mal? Heinz ist völlig ideenlos. Hätte ich seinen Stress, immer den Eindruck erzeugen zu wollen, ich hätte einen Hintern voll Arbeit, ohne wirklich was zu tun, tja, dann würden mir auch keine Ideen einfallen. Der Input kommt ausschließlich von mir. Auch gut, dann geht es einfach zügiger. Ich sage dem Kollegen, der hierzu eingeladen hat, wenn er noch was bräuchte, ich noch was anders aufsprechen sollte, dann habe er morgen noch die Gelegenheit. Danach sei ich dann bis einschließlich 24.10. nicht da. Und prompt kommt von Heinz: „Das kann ja auch wer anders machen, wenn es sein sollte.“ Darauf habe ich gewartet. Er will nämlich alles abstauben und sichtbar sein. Und so gefällt es ihm gerade gar nicht. Ach, was bin ich böse, denn mich freut´s.
Ich düse quer übers Werksgelände, weil ich zum nächsten Termin zur Ausbildungsabteilung muss. Da verbringe ich drei Stunden, stelle ihnen was vor, erarbeite und diskutiere mit den Jungs, so dass ich morgen noch den letzten Feinschliff vornehmen kann, bevor sie dann losgehen können. Solche Termine mag ich. Alle bringen sich ein, damit was Rundes entsteht, mit dem alle leben können. Da duckt sich keiner weg. Aber auch da sind Probleme. Die wichtigste Aussage des Chefs: „Die reden alle über-, aber nicht miteinander.“ Wo nicht? Da nehme ich mich Null raus. Leider gilt bei den meisten: „Wie der Herr, so das Gescherr.“ Die meisten leben von Vorbildern. Den Workshop darf ich dann im Januar machen, was eine Herausforderung wird. Keine Frage, das wird spannend – und ich werde abends platt sein. Nur lohnt es sich bei solchen Themen auch.
Wieder zurück, ist die nächste Skype-Konferenz, was auch ganz gut durchläuft. Ich glaube, ich bin einem sehr gemächlichen Kollegen von uns zu stringent. Er mag es labrig-rharbarbrig. Nur kommen wir dann zu keinem Ergebnis. Doch das schaffen wir heute, was dann wiederum alle freut.
Und dann kommt der für mich wichtigste Termin: Die Führungskraft, die mich gebeten hat, ihn beim Ablauf der Mitarbeitergespräche zu unterstützen. Er kommt mit einigen Zetteln an und stellt mir vor, was er sich so gedacht hat. Ich zucke, als er ein Beispiel bringt: „Ich will ein Dreieck zeigen. Oben steht ´Macht´, links steht ´Denken´, rechts ´Vertrauen´.“ Da sollen die Mitarbeiter sich positionieren, was sie von ihrem Chef wollen, wie er mit ihnen umgeht. Ich reiße die Augen auf: „MACHT? Dein Ernst???“ Oder auch schön: „Mit welcher Schulnote bewertest Du Dich und Deine Leistung?“ Aaaaaaaaaaah! Der Kracher: „Mit welcher Schulnote bewertest Du Deine Kollegen?“ Für Heinz würde ich die Note gerne vergeben – allein, sie kommt auf keiner Skala dieser Welt vor. Ihr seht: Es gibt vieles zu besprechen. Es macht richtig Spaß, mit ihm zu arbeiten, ihm zu zeigen, was Worte aussagen, welche Wirkung – manchmal verheerend – sie haben. Er versteht dann auch, warum wir unbedingt die Schulnoten streichen müssen und die Bewertung der anderen Kollegen so gar nicht geht. Und es macht unbändige Freude, wie die Rädchen in seinem Kopf sich drehen, er versteht, annimmt oder auch variiert. Nicht mal grundlegende Feedback-Regeln, wie die drei W´s, kennt er. Wie kann ich jemanden ohne Rüstzeug zur Führungskraft machen? Er hat sich erkundigt, wollte sich von Kollegen Feedback einholen, weil er so was noch nie in seinem Leben gemacht hat. Einer hat ihm einen Ordner in die Hand gedrückt, der andere meinte nur: „Mach´ halt irgendwas. Ist doch scheißegal.“ Das tut schon weh, oder? Umso erstaunlicher, dass er noch mal aktiv nach Hilfe fragt und diese auch annehmen kann. Es ist schon auch anstrengend, aber es lohnt sich. Am Ende steht ein klarer Plan mit guten Ideen, wie er vorgehen will. Ich mag ihn echt gern und wünsche ihm, dass er das gut schafft.

Und dann düse ich zu meiner Abendverabredung. Ich treffe mich mit einer sehr netten Kollegin, von der ich glaube, sie entwickelt sich immer mehr zu einer Freundin. Mit solchen Begriffen gehe ich nicht so leichtfertig um. Bekanntschaften sind für mich deutlich von Freundschaften zu trennen. Menschen, mit denen ich in die Tiefe abtauen kann, mit denen ich fachsimpeln, aber auch völlig rümblödeln kann, das können Freunde werden. Oberflächlich ist auch manchmal schön, aber bei Freunden möchte ich das nicht bedienen müssen. Und so verläuft das kurze Treffen „auf ´nen heißen Kakao bei usseligem Wetter“ (sie ist auch Rheinländerin) auch kurzerhand fünf Stunden. Das passiert, wenn man sich mehr als Bla Blubb zu sagen hat. Und ja, mir tränen die Augen, ich bin müde und gerade erst Zuhause angekommen. Doch der Tag hat sich gelohnt, weil es tolle, wertvolle, wertschätzende Menschen gibt, die ihn bereichert haben. Man, bin ich platt…und rundum zufrieden.

Suppe auf´m Herd, klingt nicht verkehrt

Heute Morgen stelle ich fest, es ist der 12.10. Uschi hat Geburtstag! Krass, ich habe Uschi seit dem Abi schätzungsweise noch fünf Mal gesehen? Und das letzte Mal ist auch schon wieder Jahre her. Doch Geburtstage von Freundinnen aus der Jugend sind noch alle präsent. Von den Jungs auch. Wahnsinn! Das war so die Zeit, wo es Schlag auf Schlag ging: Uschi hat den Anfang gemachtm dann kam die Nächste am 27.10., dann am 2.11., 11.11., 10.12., 15.12. und 3.1. Das waren die Wichtigsten, denke ich. Alle nah beieinander. Ach, die Zeit war schon auch schön. Beim Coaching läuft dann plötzlich in einer der Hallen „We are the champions“ von Queen. Ooooooh mein Gott, der Klammerblues-Song schlechthin. Das lief auf jeder Fete – so wie „We will rock you“, „Knocking on heaven’s door“ und „Jump“. Es gab noch einige mehr, aber das waren die absoluten Klassiker. Da werde ich dann doch nostalgisch. Lang, lang ist´s her.

Ein bisschen müde bin ich heute Morgen schon. Es kann aber auch daran liegen, dass ich weiß, dass ich kein „richtiges“ Wochenende hatte. Das passt schon alles. Das Lernen in den nächsten Wochen und Monaten wird hingegen nicht so lustig. Ich kann einfach nicht richtig lernen… hab es nie gelernt. Zur Abschlussprüfung an der Uni habe ich was getan. Aber auch da weniger als normal, glaube ich. Es ist, wie verhext. Es gibt Menschen, die schreiben sich das auf Karteikärtchen, was die lernen wollen. Dann fragen sie sich quasi selbst ab. Bei mir läuft das dann so: „Welche Kriterien müssen für die Diagnosestellung ‚mittelgradige Depression‘ erfüllt sein?“ Antwort (gedanklich natürlich): „Ist schon Mittag? Puh, was koche ich heute eigentlich? Was läuft heute Abend im Fernsehen? Die Klamotten müsste ich dringend ausmisten. Ach, ob es schon einen Termin für Diana Gabaldons nächstes Buch gibt? Und der Adler-Olsen hat auch lange nichts mehr gebracht. Schon schade, dass Stieg Larsson tot ist. Die Fenster sind aber echt dreckig. Was wohl meine Neffen gerade machen? Ach, ich ruf‘ mal meine Sis an.“ Und das ist kein Scherz. Darin bin ich richtig gut! Es heißt, alle vier Minuten schweifen unsere Gedanken ab. So was ist wichtig zu wissen, wenn man Schulungen gibt. Es ist normal, wenn dann die Gedanken immer wieder mal kurz wandern. Ich unterbiete die vier Minuten locker und schaffe in der Zeit trölfzilliarden Gedanken völlig anderer Natur. Es ist echt nicht lustig, mit mir Assoziationsspiele zu spielen. Ich komme auf die verrücktesten Ideen. Bestimmt gab es schon Leute, die mich einweisen wollten. Aber solange ein Trump noch frei rumläuft, bleibe ich auch draußen. Aber jetzt versteht Ihr vielleicht mein Dilemma?!

Apropos Dilemma: Heute habe ich wieder Team-Meeting. Jessas, ist das immer wieder ein Freudenfest! Und auch heute schafft Heinz es wieder, seine Sachen mordsmäßig aufzublähen. Eine Regel besagt, wir berichten nur über Aufwände größer fünf Stunden. Eigentlich eindeutig. Hat man in der Woche nur Kleinscheiß, sagt man: „Ich hab diverse kleinere Themen, wie Coaching und Besprechungen…“ Heinz schafft es, über einen Dreiviertelstunden-Termin drei Minuten zu referieren – und davon hat er viele. Ich bin mir sicher, er könnte selbst noch einen bestialisch stinkenden Furz eloquent in ein blumiges Bouquet labern. Schon faszinierend. Nur ist selten am Ende jemand begeistert, sondern schlichtweg erleichtert, wenn der Monolog sein Ende nimmt.

Es gilt nun, die Coachings durchzuführen, um am Ende des Tages einen Zusatztermin mit Lord Schmatzi zu absolvieren. Da ich nach Input und Erfahrungswerten beim externen Berater gefragt habe, will dieser sich nun unbedingt allein mit mir austauschen – obwohl es alle Coaches interessiert, wie sie kundgetan haben. Trotzdem will er mit mir allein skypen. Leider schmatzt der Typ dauernd beim Reden, was bei mir diese Ekelfaszination auslöst, dass ich nicht drüber hinweghören kann. Gerne wiederholt er beim Denken (das ihm schwerzufallen scheint) einzelne Worte auch vier, fünf Mal. „Da müssen wir mal schauen, ob, ob, ob, ob, ob das so auch ginge?“ In jedem zweiten Satz geht das so. So bekäme ich meine Stunden auch schneller voll.
Es geht dann letztlich. Richtige Erkenntnisse gewinne ich nicht. Er lobt mich noch, wie gut ich das doch mache. Im Grunde wäre das ja ein nettes Kompliment vom Fachmann. Nur halte ich leider fachlich nichts von ihm, was es also wieder hinfällig werden lässt. Zumindest bin ich aber beruhigt, dass das Team gut unterwegs ist und ich diesem das rückmelden kann. Das wird die Jungs freuen. Na, da sind wir aber froh, was?

Zuhause angekommen, schmeiße ich eine Suppe an. Mit Beinscheiben und Gemüse und allem Drum und Dran. Da fällt mir ein, wie meine Cousine damals in ihrer Studentenbude erstmalig so eine Suppe kochen wollte. Lachend hat sie mir berichtet, wie ewig sie nach Beinscheiben gesucht habe, weil sie beim Geflügel danach Ausschau gehalten habe. Wir haben uns beömmelt, weil wir uns dann diese mini Beinscheiben vorgestellt haben. Wenn sie das hier liest (holá Kleen), wird sie sich schon wieder nicht daran erinnen können. Zum Glück habe ich Elefant ja ein Gedächtnis für den Rest der Menschheit mit.
So langsam wabert dieser Duft nach leckerer Supper an diesem frischen Tag durch die Bude. Mmmmh, so was sind doch schöne Aussichten, oder? Da wird es gleich noch einen Teller geben, bevor ich dann ins Bett krabble und hoffentlich wieder von guten Küssern träume. Wenn er dabei schmatzen sollte, fliegt er sofort raus. Von dem Geräusch hatte ich heute einfach schon genug.
Dann mal los: Schmatzt, was das Zeug hält!

und plötzlich löst sich’s auf

Heute wache ich gutgelaunt auf. Na, hoffen wir mal, dass das so bleibt. Meine Motivation ist jetzt nicht übermäßig, aber ganz ok. Und so trotte ich gemächlich zur Haltestelle, wo die Bahn dann auch sehr pünklich einläuft. Geht doch! Warum nicht immer so?

Heute ist die Stimmung im Kurs zunächst noch etwas angespannt. Egal, wie man sitzt: Die eingeschworene Truppe sucht sich bei den Übungen, auch wenn andere dann komplett allein sind. Da das gestern schon so war, trifft es mich absolut nicht mehr, weshalb ich die Übung allein mache (was auch geht). Aber die Dozentin kommt irgendwann zu mir und schaut, ob ich Fragen habe. Hab ich allerdings nicht, weshalb wir nur kurz plaudern, weil ich bereits fertig bin, während andere noch diskutieren. Dabei war die Übung jetzt keine große, geistige Herausforderung. Doch die Tatsache, dass die Dozentin und ich plaudern, irritiert doch die Gruppe neben mir. Is klar, oder? Dabei habe ich meine Nachbarin gestern gefragt, was denn passiert sei (sie humpelte). Darauf kam ein: „Ist eine lange Geschichte“, wobei sie dann ging. Für mich fein, aber da frage ich dann auch nicht mehr weiter.

In der Pause berichtet die nette Mitschülerin mir von ähnlichem Verhalten ihr gegenüber. Leider sitzt sie am anderen Ende des Raums, so dass ein Rüberstaksen zu Corona-Zeiten wenig angeraten wäre. Wir plaudern kurz und gehen wieder rein. Als meine Nachbarin kurz vor Schmerz aufstöhnt, setzt mein Automatismus wieder ein: „Ist alles ok?“ Und da antwortet sie prompt: „Ach, ich hatte doch eine Hirnblutung. Jetzt ist die linke Seite immer wieder so kalt und empfindlich. Wenn ich dann so lange gesessen hab, tut es eben weh, aber das wird schon. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, überhaupt wieder hier teilnehmen zu können. Ich frage mich natürlich schon, hätte nicht auch ein Herzinfarkt gereicht? Aber vermutlich nicht. Ach, wer weiß?!“ Äääääääääh? Gestern wollte sie gar nicht drüber reden, bei der Übung schaute sie nicht einmal rüber, und jetzt? Bekomme ich alles auf einmal. Aber gut. Da sieht man mal wieder, dass sie komplett mit sich beschäftigt war und ich es (ganz egozentrisch) auf mich bezogen habe. Ich bestätige ihre krasse Stärke und ihren unbedingten Willen, was doch echt Mut mache. Das empfinde ich ehrlich so. Die Hirnblutung war letztes Jahr im Dezember. Heute ist sie wieder voll da. Hammer. Und so lösen sich ganz plötzlich Vorurteile wieder auf. Darauf kommt es für mich an: Schubladen, ja… aber immer auch die Offenheit, die Schublade wieder zu öffnen und in andere wechseln zu lassen. Als dann eine Gruppenübung zu dritt ansteht, gehöre ich plötzlich ganz selbstverständlich dazu. So kann’s laufen, hm? Ok, die ausgezuzelte Handcreme-Tante wird mir nie sympathisch werden, aber das muss ja gar nicht. Und der Schleimer ist heute auch umgänglicher. Ach ja, am Ende gehen wir auch hier auseinander und waren nur temporär Verbündete.

Inhaltlich sind heute nicht die riesigen Erkenntnisse dabei. Aber es ist ok. Trotzdem ist die letzte Stunde immer die anstrengendste. Daher bin ich glücklich, dass die nette Mitschülerin, mit der ich immer in der Pause plaudere, noch einen raushaut. Wir haben es gerade vom Drängeln der gestressten Rentner im Supermarkt. Ihre Freundin sagt dann gerne mal: „Ihr braucht gar nicht so zu drängeln. Ihr seid noch früh genug die Ersten!“ Ein Kracher! Hart, keine Frage, aber ich muss schallend lachen. So bin ich dann Gottseidank auch wieder wach.

In der Bahn läuft auch alles glatt. Jeder trägt die Maske korrekt. Woran das auf einmal liegt? Auf dem Weg zum Hauptbahnhof nehme ich gleich fünf Ordnungshüter (keine Polizisten!) voll ausrüstet wahr (mit Schlagstöcken). Ob es das so brachial braucht, weiß ich nicht. Ebensowenig, ob ein kausaler Zusammenhang besteht. Ist auch wurscht. Hauptsache, ich muss mich nicht aufregen. Mein 20 minütiger Spaziergang von der S-Bahn heimwärts fährt mich zusätzlich noch runter. Es passt alles, auch die ruhige Müdigkeit. Ich mach jetzt noch kleine Aufgaben häuslicher Natur, bevor ich zeitig ins Bett falle. Noch fünf weitere Wochenend-Schulungen bis März. Die schaffe ich schon auch noch.

Karrieros im Unterricht

Da ich früh im Bett war, geht es heute Morgen schon recht gut mit dem Aufstehen. Dazu hab ich ein geniales YouTube-Video geschickt bekommen, was mir den Morgen erst recht versüßt. Im Sinne dieses Liedes und der Gleichberechtigung, schmettere ich Euch ein „Wir sind genauso Scheiße wie Ihr“ entgegen. 😂 Wer das verstehen will, darf hier schauen: https://youtu.be/ZrMY_K-IT3I

An der S-Bahn-Haltestelle entdecke ich keine Kotzspuren wie beim letzten Schulungs-Wochenende. Ich verbuche es als gutes Zeichen. Dafür ist schon eine Spinne im Turbomodus unterwegs. Ob die auch Schule hat? Und wenn ja: Was lernt die Gute da? „Wie spinne ich richtig?“ (Ich liiiiiiebe Wortspiel!!) Na, dann könnte sie ja quasi mit in meinen Kurs, denn bei mir geht’s dieses Wochenende um Psychosomatik. Das wird eine Herausforderung, da das ein Triggerthema ist, da mein Vater der Psychosomatiker vor dem Herrn ist. Ich dachte immer, ich würde – so ich je in einer Praxis arbeiten werde – kein bestimmtes Krankheitsbild ablehnen. Seit dem letzen Mal überlege ich, dass die Psychosomatiker nicht so wirklich nach meinem Gusto sind. Andererseits: Sie gehen auch nur zur Psychotherapie, wenn sie ein Arzt schickt und haben eben keine Krankheitseinsicht. Daher werden sie keine Selbstzahler sein und mich niemals heim- bzw. aufsuchen. Das beruhigt mich dann wieder sehr.

Heute sind wir in einem anderen Raum des Instituts als letztes Mal. Und ganz ehrlich? Er ist nicht für 15 Leute ausgelegt. Auch die 13, die wir heute nur sind, sind zu viel. Aber das liebe Geld ist einfach wichtiger. Klar, es gibt das Sprichwort: „Wer suchet, der findet.“ Und ich habe mittlerweile einen Hals auf das Institut und suche automatisch nach Bestätigung, im Recht zu sein. Fakt ist aber echt: Die Tische stehen deutlich näher zueinander, als das Hygienekonzept es vorgibt. Das geht im Grunde nicht. Aber ich sage nichts… und das ist falsch. Genauso falsch, wie nichts zu sagen, weil der Schnösel gegenüber in der Bahn nicht die Nase bedeckt. Warum eigentlich nicht? Angst, schätze ich. Oder zumindest Unwohlsein. Ich will kein „Regel-Nazi“ sein. Und ich weiß, dass es bei dem Trenchcoat- und Hut-Träger (kein Scherz! Schätzungsweise 30 Jahre alt…) Diskussionen nach sich zöge und ich irgendwann pampig werden würde. Und während ich noch grüble, steigt er auch schon aus. Die Chance habe ich blöderweise verpasst, was mich dann auch wieder ärgert. Ich will kein Kontrolletti sein. Aber ich will auch nicht ducken, wenn andere auf Regeln scheißen und die Infektionszahlen immer höher steigen. Er kann es ja blöd finden, Maske in der Bahn tragen zu müssen. Dann muss er sich eben aufs Fahrrad schwingen. Inkonsequenz nervt. Und noch mehr nervt, dass alle unter solch ignoranten Vollidioten leiden. Denn die sorgen am stärksten für das Ansteigen der Infektionszahlen. Grrrrrr!

Unsere heutige Dozentin kenne ich bereits vom Grundlagenjahr und mag sie. Sie ist sehr strukturiert und pragmatisch. Aber bei dem Gros der Gruppe ist es leider nicht möglich, einfach Unterricht zu machen. Sie wollen in erster Linie gemütlich ratschen. Drei Ladies kommen auch die dritte Mittagspause in Folge 15 Minuten zu spät. Da geht es nicht um ausgefallene Bahnen oder Busse. Da geht es nur um Egotum. Es nervt. Und wieder sitzen zwei Frostbeulen direkt am Fenster UND an den Heizungen. Lüften ist da natürlich mit Todesfolgen assoziiert. Ich versteh so viele Menschen nicht. Einer der Mitschüler aus dem eingeschworenen Kreis (hab jetzt die genaue Zahl: Sieben von denen sind quasi eine Clique und auch in einer What’s App-Gruppe) ist immer so ein Trainer-Schleimer. Ich kenne die auch aus meinen Trainings. Die labern den Trainer in jeder Pause zu, wollen sich mit ihm verbünden und schleimen, was das Zeug hält. Gerne sitzen sie vorne – nah am Trainer eben – selten aber mittig, sondern am liebsten außen an der Wand. Achtet mal darauf, wenn Ihr zukünftig bei Schulungen seid. Ist echt witzig, dass es fast immer einen dieser Typen gibt. Er fragt, ob die Dozentin einen Fragebogen bei der Anamnese verwende? Tut sie. Dann neigt er hübsch das Köpfchen und fragt unterwürfig mit möglichst vielen Konjunktiven, ob sie das zur Verfügung stellen würde? Die Sache an sich, ist voll ok. Das erspart viel Arbeit. Die Art und Weise hingegen, die kekst. Sie schickt ihm das per What’s App. Nur die eingeschworene Truppe hat eine Gruppe dort. Diese Gruppe agiert wie die der Karrieros bei „Die Tribute von Panem“. Sie kämpfen für sich, was ich ja so gar nicht verstehen kann. Ich bin immer integrativ unterwegs, wenn Neue hinzukommen. Und so frage ich dann, ob er uns anderen das per Mail zukommen lässt, da er ja die Mail-Adressen hätte? Die Antwort bestätigt mich dann leider auch wieder: „Äääääh äääääh…“ Genau. Also ergänze ich: „Oder die Dozentin schickt es an Dich und mich, dann verteile ich es gern an alle anderen.“ Nun wird er hektisch: „Ach so, nee, ja… das kann ich schon machen.“ Bei Kleingruppen-Arbeiten suchen sie sich auch ausschließlich Leute aus dem eingeschworenen Kreis. Puh! Immer hübsch im eigenen Saft zu kochen, erweitert den Horizont ja ungemein und führt zu neuen Ideen. Is klar, oder? Das Gute am Älterwerden: Ich will gar nicht mehr überall dazugehören. Und zum Glück gibt es auch sehr Nette in der Gruppe.

Der Streber hat aber auch noch eine Extra-Aufgabe erhalten. Er soll die Dozentin immer daran erinnern, dass sie auch auf dem zweiten Laptop die Seiten weiterblättert und das Mikro nach den Pausen aktiviert – denn es ist plötzlich auch hier möglich, zwischen Webinar und Präsenz zu wählen. Kommuniziert wurde das nicht. Dabei hatte eine Teilnehmerin vor drei Wochen nach so einer Möglichkeit gefragt, da sie krank war. Es geht doch nichts über eine gute Organisation… die dort leider nicht zu finden ist. Nun will der Streber der Dozentin was zuflüstern, was sie aber nicht versteht. Er versucht es erneut. Wieder versteht sie es nicht, bis er laut: „Du müsstest noch umblättern“ sagt. Sie lacht und sagt zu uns allen: „Und ich dachte noch: Jetzt hat er schon meine Nummer. Was will er denn noch?!“ Ja, aber er nimmt es gelassen und bleibt bei seiner Schleimnummer.

Ihr merkt schon: Ich bin genervt. Aber es war trotzdem auch wieder sehr informativ und lehrreich. Sollte sich der Sozialarbeiter der Flüchtlingshilfe in diesem Leben dann endlich mal melden und den Startschuss geben, habe ich nun eine weitere Idee für die Arbeit mit Geflüchteten. Und ich hatte auch schöne Pausengespräche. Ich hoffe, ich kann mich morgen besser auf die positiven Aspekte konzentrieren. Aber jetzt bin ich erstmal müde und platt. Nach 20 Minuten Fußmarsch im Nieselregen bin ich bereit, in mein Nachthemd zu klettern und mich auf die Couch zu werfen. Ahoi, Ihr Lieben!

voll, voll…und dann auch dankbar

Müde schleppe ich mich aus dem Bett. Irgendwie war es gestern wohl etwas viel. Unsere Gespräche am Abend waren toll, aber eben auch schwer – und das nach einem ziemlich langen Arbeitstag.
Die eine Kollegin kämpft derzeit mit einer depressiven Episode. Das geht nun schon seit ein paar Wochen, was mir richtig leid tut. Sie ruft häufig an, schreibt ständig, weil sie gerade im Krankenstand ist. Das ist vollkommen ok, schlaucht aber natürlich auch etwas. Und was macht unser Chef? Er schreibt ihr Mails, dass er noch Zahlen benötigt. Ganz dringend! Da bin ich kurzfristig fassungslos und dann nur noch rasend wütend. Viele Menschen stehen unter massivem Stress in diesen eigenartigen Zeiten. Aber – ich weiß, ich prangere es immer wieder an – gerade da fordere ich Führungsstärke. Die bleibt aber völlig aus. Das ist so, als würde ein Chirurg als Chirurg bezahlt, operiert aber nicht. Oder ein Bäcker wird fürs Backen bezahlt, backt aber nicht. Die grundlegende Aufgabe einer Führungskraft ist die Führung seiner Mitarbeiter. Das ist so paradox, dass ich es einfach nicht fassen kann.
Anders sieht es in anderen Ländern aus. Ja, es gibt auch schlimmere Formen, in denen Diktatur herrscht. Aber es gibt eben auch Länder, wie Schweden. Selbst, wenn man in Deutschland für eine schwedische Firma (und nein, ich meine nicht IKEA) arbeitet, sieht der Onboarding-Prozess schon ganz anders aus. Von einem Fall habe ich gestern Vormittag erst gehört: Eine Frau, die in einer schwedischen Firma angefangen hat und irgendwann zu einer Schulung zum Hauptstandort musste, wo sie dann der Chef höchstpersönlich willkommen geheißen und sich bedankt hat, dass sie sich für sein Unternehmen entschieden hätte. Wir reden hier nicht von einem 20-Mann-Betrieb. Sie haben einige Niederlassung in Asien und Europa. Die neue Mitarbeiterin war völlig geplättet von der Wertschätzung, die sie erfahren hat. Aber in Deutschland ist leider gerade so gar kein Bewusststein dafür da. Es ist, wie mit der Politik. Wenn sich Menschen, wie Olaf Scholz, nicht als reich bezeichnen, dann sieht man, wie weit die Welten auseinanderdriften. Irgendwie frustriert mich diese Haltung so vieler Menschen. Viele Führungskräfte verlieren einfach den Bezug zur Basis. Daher bin ich ja froh, wenn sich einer von ihnen – so wie gestern – Hilfe holen will. Da verweigere ich mich mal so gar nicht, auch wenn es Ärger gäbe, sollte es herauskommen. Aber den Arsch versohlt mir heutzutage ja auch keiner mehr. 🙂

Die andere Kollegin erzählt von ihrer Histamin-Unverträglichkeit. Sie ist rappeldünn. Optik ist ihr wichtig, keine Frage. Aber sie hätte gerne ein paar Kilos mehr. (Ich würde zu gerne welche spenden.) Es geht ihr gesundheitlich echt schlecht. Dabei ist die „Kleine“ gerade mal 31. Und seit sieben Jahren doktort sie damit rum, dass es ihr immer wieder richtig körperlich zusetzt. Jetzt erst sind sie auf die Histamine gekommen. Und die sind wirklich in sauvielen Lebensmitteln drin. Puh! Was sie so schildert, ist echt krass. Aber dabei ist sie kämpferisch und probiert alles Mögliche aus. Irgendwann sagt sie dann auch: „Dafür habe ich jetzt mittlerweile einige tausend Euro ausgegeben…Wenn es ja hilft, ist es gut. Aber bisher war noch nicht das Richtige dabei.“

Ich schaue mir die beiden Jüngeren an und schäme mich fast dafür, wie gut es mir geht. Ich weiß, das ist kein Grund, sich schämen zu müssen. Aber dennoch denke ich, dass ich doch Glück habe. Ja, ich habe auch meine Baustellen, meine Sorgen und – wie jeder – mein Päckchen zu tragen. Doch es ist nichts, was mich so einschneidend beeinflusst. Und so ein bisschen Dankbarkeit schadet ja auch keineswegs. Ich hadere schon auch mit manchen Dingen, aber es geht mir im Grunde echt gut. Manchmal vergesse ich das. Das ist auch nur zu verständlich im Alltagstrubel. Trotzdem brauche ich immer wieder so kleine (oder größere) Hinweise, die mich dann wieder runterkochen. Es ist und bleibt einfach ein komisches Jahr.

Meine Geschichte, die ich gestern an Heinz und die anderen beiden Kollegen verschickt habe, wurde von Heinz als „toll, Deine Geschichte, Claudia! Ich habe nichts hinzuzufügen“ beantwortet. Hä? Hääääääää? Ich lese die kurze Mail drei Mal. Dann fotografiere ich sie ab und schicke sie meiner Kollegin, die ihn genauso leidenschaftlich verabscheut. Es erstaunt mich, aber ich nehme es mal so an. Die anderen sind auch mehr als zufrieden, was aber zu erwarten war. Denn Fakt ist einfach: Es ist etwas, das keinem dieser Jungs liegt, weshalb sie froh sind, dass überhaupt irgendwas geschrieben wird. Der Anspruch ist also sehr gering.
Und dann fröne ich einfach einer alten Leidenschaft: Ich spreche den Text auf. Hörbücher aufzunehmen, das hätte ich mir beruflich gut vorstellen können. Für meine Neffen habe ich das auch mal gemacht. Will man dies hauptberuflich machen, wird es sehr schnell sehr eng. Dafür verdient man nahezu Micky Mouse Geld. Und da etliche Schauspieler auch zu wenig Kohle haben, verdienen die sich damit häufig ein Zubrot. Aber wenn ich das mal machen kann, so wie jetzt, macht mir das riesigen Spaß. Manchmal könnte man annehmen, ich habe ADHS, weil ich schlechte Laune bekomme, wenn mein Job zu eintönig wird. Schnell wird mir langweilig. Das hätte ich früher gar nicht gedacht. Keine Ahnung, was da bei mir schiefgelaufen ist? Ich mag einfach die Vielfalt und nehme es mal als nicht krankhaft hin.

Am frühen Abend erreicht mich dann vom Institut eine Mail, dass sie mich in ihre Kartei aufgenommen haben. Waaaaaaas? Jo. Heißt erstmal noch nichts. Ich bekomme Ausschreibungen zu den Feldern, die ich angegeben habe, und dann wird geschaut, ob es zu einer verbindlichen Buchung kommt. Aber wäre ich absolut nicht passend, meine Honorarforderung zu unverschämt, würde ich nicht mal in der Kartei landen, oder? Aber so wirklich glaube ich erst daran, dass es klappt, wenn es so weit ist. Doch…so ein bisschen stolz bin ich schon.

Etwas übervoll von gestern, sitze ich jetzt hier vor dem Laptop und lausche der Schulung zu „Stressbewältigung, Burnout und Mobbing“. Die Eigentherapie, die manche mit dem diesem Kurs machen, ist ja jetzt auch am Ende angekommen. Nächste Woche habe ich noch einmal meinen Freitagskurs, dann ist das auch rum. Gut, es sind noch drei Schulungen offen, die aufgrund von Corona ausgefallen sind, aber die sollen noch nachgeholt werden. Wer´s glaubt… Aber ich merke durchaus, dass so langsam die Luft raus ist bei den vollkommen belasteten Mitschülern. Es sind ein paar Perlen dabei, zu denen ich auch Kontakt halten werde. Aber dem Großteil sage ich nicht traurig Lebewohl. Es gibt für alles seine Zeit. Und irgendwie ist es ja fast immer so, dass zum Ende hin die Luft einfach raus ist. Es war gut, es war nützlich, und jetzt darf es vorübergehen. Das nächste halbe Jahr wird arbeits- bzw. lernintensiv. Da passt es doch, manches auch einfach ziehen zu lassen, oder?

Die alte Frau muss ins Bett

Eigentlich… ja, eigentlich wollte ich es heute ruhig angehen lassen und früh das Firmengelände verlassen. Aber uneigentlich wurden zehn eineinhalb Stunden daraus. Aber hübsch ruhig der Reihe nach.

Immer, wenn ich in den letzten Wochen zur Arbeit fahre, glaube ich nicht daran, dass viele im Home Office sitzen. Dafür sind entschieden zu viele Autos auf der Straße unterwegs. Als Erstes steht heute noch der Rest meiner Geschichte aus, die ich einer Abteilung für den Intranetauftritt zugesichert habe. Nach Fertigstellung verteile ich diese an die drei anderen und warte auf die „eine Ergänzung noch, liebe Kollegin“-Bemerkung von Heinz. Dann widme ich mich dem One to One (heißt so, nicht meine Erfindung) mit meinem Coachee. Wir versuchen uns an positiven Formulierungen. Und so lese ich ihm eine Aussage aus der letzten Teamrunde vor: „Wir suchen den Schuldigen außerhalb unserer Abteilung. Innerhalb der Abteilung wird kein Schuldiger geduldet.“ Er schaut mich an und nickt. Ich schüttle den Kopf und sage: „Das bist doch nicht Du?!“ Ja, aber… Ich frage ihn, welchen Teil der Fehlerkultur er nicht verstanden hat. Dabei ist er ein echt netter, sozialer, empathischer Typ! Es färbt einfach ab, wenn die Hierarchien von oben diesen Dreck weitergeben. Sein Chef ist einer von der übelsten Sorte. Schon schlimm, wie die Entwicklung gerade so läuft, oder? Er bittet mich, ob ich ihn bei der Vorbereitung seiner Mitarbeitergespräche unterstützen könne… Ich darf es nicht, es ist nicht mein Bereich. Aber ehrlich? Wenn es ihm hilft, wenn die Mitarbeiter mehr Wertschätzung erfahren, wenn unsere Personalabteilung keine fähigen Mitarbeiter hat, wer bin dann ich, mich brav an alles halten zu müssen? Eben. Ich mach’s einfach unterm Radar. Was bin ich doch für ein Revoluzzer?!

Und so verläuft auch der Rest des Tages, weshalb ich dann erst so spät rauskomme. Dabei bin ich jetzt auch noch mit zwei Kolleginnen verabredet. Und da das jetzt bis gerade gedauert hat, mache ich hier für heute Schluss. Ich bin im Eimer und muss schlafen. Alles Weitere gibt’s dann morgen. Sorry, aber Prio muss sein

vegan oder vergangen – da kann man sich schon mal verlesen

Heute fällt es mir erstaunlicherweise leichter, mich aus dem Bett zu schwingen – und zwar komplett. Die Motivation begehrt zwar noch mal kurz auf, aber ich werfe ihr einen meiner berühmten Todesblicke zu. Da ist sie auf einmal ganz kleinlaut und folgt mir. Geht doch! Gut, sie sprüht keine Funken, aber sie ist zumindest an Bord. Mehr verlange ich ja gar nicht.

Irgendwie habe ich irgendwann in den letzten Nächten mal wieder einen Mann geküsst. So was ist ja ganz nett, aber warum kann so ein Traum nicht mit Namen und Kontaktdaten versehen sein? Ich will doch wissen, ob sich da noch was entwickeln kann? Aber nö, auch dieser Mann war mir gänzlich unbekannt. Naja…wenigstens in meinen Träumen habe ich Spaß. Im echten Leben ist es hingegen gäääähnend langweilig an dieser Front. Vermutlich bin ich einfach schon zu alt.

Die Arbeit ist heute Vormittag ein wenig angenehmer. Es geht zwar immer noch um konzeptionelles Arbeiten, aber es ist ein Bereich, der mir Spaß macht. Ich darf bei einem Team mitwirken, bei dem es um die Team-Entwicklung geht. Das ist zwar strikt getrennt von unserem Bereich (wobei es nur um Befindlichkeiten geht), aber die eigentlichen Verantwortlichen sind chronisch unterbesetzt (weil eine hohe Fluktuation herrscht – warum wohl?), und keiner mag sie so wirklich. Ihre Workshops sind einfach nur Lehrbuch-Abzüge, ohne echtes Leben – und mit noch weniger Leidenschaft. Und so darf ich mir dann den Spaß bereiten, etwas auszuarbeiten. Das gefällt mir. Es fordert mich geistig noch mal voll heraus, da dieses Team aus lauter dynamischen, zackig im Kopf schaltenden Personen besteht. Da kann ich keinen Schnullikram auf einfachstem Level anbieten.
In der kurzen Rücksprache mit dem Teamleiter stimmen wir noch ein paar Themenfelder ab, bevor er in Elternzeit geht. Und quasi kurz vor meinem Urlaub im Dezember darf ich dann loslegen. Er freut sich sehr drauf…und ich mich erst! Das sind so Tage, an denen ich voller Motivation lossprinte, auch wenn das herausfordernd wird – oder vielleicht ist gerade das der Anreiz?

Die schlechte Nachricht des Tages ereilt mich am Morgen: Eddie van Halen, der Gott an der Gitarre, ist verstorben. Ich höre bis heute gerne viele Lieder der Band. Wir haben mütterlicherseits zwei ältere Cousins. Während meine Sis eher mit dem Älteren der beiden zu tun hatte, waren der Jüngere der beiden und ich uns ähnlicher. Wir waren die typischen Kleineren: Frech, vorlaut, selbstbewusst, immer für jeden Blödsinn zu haben. Der Große hatte Poster von Madonna in seinem Zimmer aufhängen. Und jo, die war schon ok. Aber wir haben im Zimmer nebenan Van Halen gehört – damals noch von Kassette. Man, das war der Wahnsinn. Ich habe immer schon alles, was mit Rock und Metal zu tun hat, sehr gemocht. Auch heute bringen mich diese Lieder am besten runter, wenn ich so richtig schräge Laune habe….oder auf der Autobahn im Stau…oder in der S-Bahn, die mal wieder voll ist. Auf meinem MP3-Player (ja, fast schon old school, na und?) sind immer auch ein paar Lieder von Van Halen. Mmmh, schlimm, dass so ein Gitarrengott diese Bühne für immer verlassen hat. Klar war sein Lebenswandel alles andere als gesund. Aber er war schlichtweg genial. Ich werde ihn vermissen.

Vorhin erhalte ich dann privat eine Mail, bei deren Betreff ich mich schon gleich wieder aufrege. „Vegane Leben“ lese ich aus dem Augenwinkel und frage mich, wie jemand so bescheuert sein kann, mir das zu mailen?! Die können mir einen Schuh aufblasen! Vegetarisch lasse ich mir ja durchaus noch gefallen, aber vegan? Bislang habe ich keinen Menschen kennengelernt, der durchgängig vegan lebt und sich zeitgleich „normal“ (an meinen Standards gemessen) und nicht militant bekehrend/belehrend verhält. Vorrübergehend, als Kur….alles gut und schön. Aber so komplett? Nö. Die finde ich alle mehr oder weniger lala. So, Schublade also auf und schwuppdiwupp zugemacht. Dann schaue ich nach meiner Aufregung noch mal genauer hin, wer mir so was schickt und lese dann erst richtig: „Vergangene Leben“. Oh man, alle Aufregung umsonst. Klingt auch spooky, keine Frage. Aber mit vergangenen Leben kann ich bedeutend mehr anfangen als mit veganen. Huiiiiiii, ich war bestimmt 20 Mal als Hexe da und bin auf meinem Besen durch die Gegend gesaust – bevor man mich dann auf diversen Scheiterhaufen verbrannt hat. Und vermutlich war ich in mindestens einem Leben auch mal in Peru. Und höchstwahrscheinlich bin ich die meiste Zeit am Meer rumgelaufen. Ganz gewiss war ich in einem Leben auch mal Holländer, weil ich mich denen ja so verbunden fühle. Ich brauche also gar keine Rückführungen mehr zu machen. Ich weiß das doch schon alles. 🙂
Ein Hoch auf alle, die genau so bekloppt sind, wie ich das wohl definitiv bin. Ich feier´ uns gerade ausgiebig. In die Schublade springe ich mit Freuden von allein hinein.
In diesem Sinne: Munteres Hüpfen!

die Wanne ruft

Heute lasse ich meine Motivation einfach mal ganz im Bett. Die Olle hat einfach Bedarf, noch ein Ründchen zu pennen. Wer bin ich, ihr das zu verwehren? Schließlich bin ich doch hin und wieder auf sie angewiesen. Und so sitze ich bereits um 6:15 Uhr an meinem Laptop. Irgendwie warten da nur so konzeptionelle Sachen auf mich, auf die ich nicht wirklich Bock habe. Die schiebe ich dann, bis es richtig eng wird und schreib´ sie dann in einem Rutsch runter. Keine Ahnung, warum ich da so gestrickt bin?
Der Nachteil an der Arbeit Zuhause: Ich kann den Blick schweifen lassen. Und so fällt er dann auf den Sonnenschirm. Den wollte ich eigentlich auch wieder in der Plastikhülle verschwinden lassen, da ich den wohl in diesem Jahr nicht mehr benötigen werde. So weit, so einfach. Dann erinner´ ich aber wieder die Wespen, die dort ständig rumgelungert haben. Ihr wisst schon: Das Treffen der „Anonymen Stecher“. Behutsam löse ich den Verschluss und klappe vorsichtig die Falten des Schirms auf. Plumps, da fällt die Erste auch schon runter. Und da oben hocken noch einige zusammen. Ich habe natürlich keine Brille auf. Dazu dämmert es noch. Ich verkrieche mich also einstweilen wieder hinterm Laptop. Doch der Schirm nebst seinen Bewohnern (nennt man die dann eigentlich auch Hausbsetzer?) geht mir nicht mehr aus dem Kopf – geschweige denn aus dem Blick. Irgendwann wird es dann heller da draußen, also wage ich mich – dieses Mal mit Brille auf der Nase (wo auch sonst?!) – wieder hinaus. Gaaaaaaaaaaanz langsam spanne ich den Schirm auf. Die völlig schlaftrunkenen Wespen (hallo?!?!?! Es ist immerhin schon 10 Uhr. Was für ein faules Gesocks!) bewegen sich mehr als gemächlich über den Schirm. Ich dachte, die würden erschrocken in alle Winde aufbrechen. Aber nix da. Ob die wohl ´ne Tüte geraucht haben? Die sind so was von gechillt. Aber ich muss sie ja dennoch loswerden. Nur töten will ich sie nicht. Ich klopfe leicht von unten gegen den Schirm, aber der Großteil bleibt da hocken. Also gut, dann übe ich mich eben noch etwas in Geduld. Darin bin ich ja eine Meisterin – haha!
Ich „arbeite“ also weiter (telefoniere privat, lese etwas…ich mag einfach gerade so gar nicht) und schiele regelmäßig nach draußen. Später drehe ich den Schirm noch mal und klopfe energischer von unten gegen das Tuch – vonwegen Geduld! Pah! Und schwups, fliegen sie auch endlich los. Nur eine entdecke ich dann nachher an meinem Fenster – leider von innen. Ich lehne es ab, sie zu töten. Wenn das die Natur da draußen erledigt, bitte. Aber aktiv werde ich hier nicht zum Killer! In einem Glas fange ich sie ein (sie ist schon irgendwie im Winterschlaf) und bringe sie raus, wo ich dann endlich (endlich!) den Plastiküberzug über den Sonnenschirm ziehen kann. Man, man, man, was ist mein Leben doch spannend.

Es folgt eine Skype-Konferenz, in der der liebe Kollege Heinz auch zugeschaltet ist. Ein jüngerer Kollege aus einem anderen Center hat uns zur Beratung hergebeten. Er erzählt, was er sich so vorgestellt habe. Das greift Heinz dann auch auf: „Ach, ja, genau das ist mir auch gerade durch den Kopf geschossen.“ Kennt Ihr diese Mitschüler, die früher aufgezeigt haben und dann meinten: „Ach, das wollte ich auch gerade sagen.“? Genau so kommt mir das gerade vor. Er ist einfach ein verdammt cleverer, fauler Hund. Aber es geht mir am Heck vorbei. Ich schlage vor, eine Art Geschichte zu erzählen und dazu Bilder und Kurzvideos einzublenden. Die Idee wird gerne angenommen – wenn ich denn die Geschichte schreiben würde? Und auch einspreche? Ach ja, von mir aus auch das. Heinz bestätigt dann immerhin: „Liebe Kollegin…das wirst Du ja auch gut können.“ Du mich auch, Sackarsch. Aber weißte was? Es stimmt trotzdem!

Und dann klingelt überraschend mein Handy. Ich bin leicht nervös, weil es ja das Institut sein könnte? Aber ich bin in der Skype-Schalte, daher kann ich ja nicht rangehen. Am Ende ist es aber nicht das Institut, sondern mein alter Arbeitgeber von der Arbeitnehmerüberlassung. Wie es mir denn gehe? Ich plaudere ein bisschen – auch über die angespannte Situation in der Firma. Wenn alle Stricke reißen sollten, würde ich zu meiner Schwester ziehen. Da kommt prompt: „Vorher unterhalten wir uns aber noch mal.“ Ah ja. Er hatt ja im März mal so was erzählt, ob ich bei Projekten unterstützen wollen würde? Derzeit ist die Lage aber eher so, kurzfristig zu agieren. Und dann merkt er an: „Meinst Du nicht, wir sollten uns noch mal treffen? Passt es Dir am Ende des Monats?“ Also sind wir jetzt verabredet. Ich darf das Restaurant aussuchen. Klingt doch fein.
Und so rufe ich dann bei einem Italiener an. Die Frage am Ende macht mich ein wenig stutzig. Ich reserviere für 18 Uhr an einem Donnerstag, woraufhin die Bedienung fragt: „Gibt es einen speziellen Anlass?“ Hä? Lass mich überlegen…wenn ich bei einem Italiener anrufe und einen Tisch reserviere, was könnte ich dann da wollen? Schwere Frage. Sie bemerkt mein Zögern: „Ist es ein Geburtstag?“ Ich antworte: „Nein. Und wir haben auch nicht vor zu heiraten.“ „Aha. Irgendwas anderes?“ Ja klar, wilden, hemmungslosen…Hunger auf italienisches Essen stillen. „Nein, einfach eine Art geschäftliches Essen.“ Na, damit ist sie zufrieden. Muss ich nicht verstehen. Aber wer weiß? Vielleicht haben sie ganz vertraute, heimelige Nischen, die mit rotem Samt ausgelegt sind und zur Not als Liegewiese umfunktioniert werden können? Was weiß denn ich? Ich lass´ mich einfach überraschen.

Und weil ich jetzt ein wenig steif gesessen bin und kalte Füße habe, lasse ich mir einfach ein Bad ein. Ich finde, nach der schweren Auseinandersetzung mit den Wespen, habe ich mir das einfach verdient. Und wer weiß, vielleicht bequemt sich Miss Motivation dann auch mal endlich aus dem Bett? Für ein heißes Bad tut sie das bestimmt auch. Sollte ich morgen nicht schreiben, bin ich wohl zu weit rausgeschwommen. In diesem Sinne: Blub, blub.