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Schrei aus Lebenslust

Es gibt sie, diese Tage, an denen ich mit rein niemandem rede. Klingt ganz schön krass, wird mir allerdings erst gerade so richtig bewusst. Es fühlt sich auch nicht schlimm an. Einen Tag zu schweigen, ist nichts Schlimmes. Und das sage ich, die Quasselstrippe! Auch das ist Corona.

Das genaue Gegenteil von Schweigen ist für mich das Schreien. Wie ich darauf gerade komme? Ich habe mich auch heute für ein Stündchen in die Sonne gesetzt und gelesen. Das hat mich ein wenig schläfrig gemacht. Und da eine Woche mit vier Schulungstagen – alle online – vor mir liegt, habe ich mich kurzerhand entschlossen, ein wenig auf dem Sofa zu öngern (dösen). Ist auch alles ok soweit, nur habe ich dabei die Balkontür geöffnet. Und irgendwann zieht es die Kinder nach draußen. Nach all den eher ruhigen, tristen, kalten Monaten, haben die Kleinen auch wieder Hummeln im Hintern. Und so rennen sie durch die Gegend, spielen Fangen und kreischen um die Wette. Ein Mädel fällt heute besonders auf. Sie schreit und quiekt vergnügt. Auch das erinnert mich an mich – zumindest früher. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, das mich immer nach der Schule erfasst hat. Ich war immer neugierig und wissbegierig. Nicht jeder Lehrer konnte das stillen – leider. Aber in der Grundschule war ich noch voll da, habe Wissen aufgesaugt wie ein Schwamm und konnte nicht genug erfahren. Zum Ausgleich bin ich heimgekommen, habe die Schultasche schon im Eingang runtergezogen und hingeworfen. Und dann, haste-watt-kannste-watt, bin ich durch die Küche über die Terrasse bis hinunter zur Schaukel gerannt. Dabei gab es echt nichts Befreienderes als einen lauten Schrei. Es war für mich immer der Gipfel der Freiheit – auch wenn ich das als Kind niemals so hätte bezeichnen können. Für mich war es ein Graus, brav irgendwo herumzusitzen. Es gab auch ruhige Zeiten, in denen ich Geschichten gelauscht habe. Nur war es mir am liebsten, draußen zu sein, frei wie der Wind herumzusausen und dabei aus voller Herzenslust meine Lebensfreude hinauszuschreien.

Ich denke oft darüber nach, weil ich dieses Gefühl heute nicht mehr so kenne. Ist das nicht traurig? All die Normen, die uns so anerzogen werden, unterdrücken dieses unbändige Freiheitsgefühl. Dabei hätte ich so wahnsinnig viel Lust dazu. Wenn ich da an meine Kinderkommunion denke…oh man. Alle Kinder durften spielen, nur ich musste brav in meinem weißen, bodenlangen Kleid am Tisch sitzen. Das fand ich schrecklich. In einem Moment, als meine Mutter nach dem Essen sehen musste, bin ich ausgebüchst und raus zu meinem damaligen Lieblings-Cousin. Wir waren gleichalt. Mit vier oder fünf Jahren haben wir unterm Tisch gesessen und uns einen Kuss gegeben, obwohl ich seine schwarzen, kariösen Schneidezähne ekelig fand. Bei meiner Kinderkommunion hat er mich wie eine Prinzessin behandelt und aufgepasst, dass mich eine Mitschülerin nicht dreckig machen konnte. Heute verstehe ich ihre Eifersucht und den Wunsch, gerne irgendwas in meiner vermeintlich heilen Welt zu zerstören. Sie hatte auch Kinderkommunion, kam aber aus einer sozial schwachen Familie, bei der man schon froh sein konnte, wenn keiner besoffen war und rumgepöbelt hat. Puh, habe ich lange nicht mehr an Tessa gedacht… Mit meinem Cousin habe ich schließlich einen Tennisball als Fußball missbraucht und diesen gegen die Wand gekickt – bis meine völlig empörte Mutter mich fand und wieder zum Tisch beordert hat.
Und so komme ich mir heute oft vor: Ich sitze brav am Tisch, gehe meinem geregelten Leben nach, erledige alles, was man mir aufträgt…nur die pure Lebensfreude ist etwas gedämpft. Der Sinn erschließt sich mir nicht so sehr. Und dann will ich wieder schreien und schaukeln – ganz hoch hinauf. Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, einfach mal einen Schreikurs mitzumachen. So was gibt es. Er muss wahnsinnig befreiend sein. Nur ist es nicht so leicht, so einen zu finden. Ich habe nämlich auch keine Lust, so einem alternativen Esokram beizuwohnen, wo wir einen auf „ich schreie meinen Geburtsschmerz hinaus“ machen. Das finde ich total lala. Ich will schreien aus Überdrehtheit, Freude und Spaß. Als ich vorhin noch mal checke, ob nicht doch so ein Kurs zu finden ist, stolpere ich über einen Fall in Oberstdorf, der sich heute ereignet hat. Da gab es nämlich eine Schreitherapie. Leider haben Menschen beim Spaziergang die Schreie fehlinterpretiert und die Polizei informiert. Sogar ein Hubschrauber kam zum Einsatz. Das….äääääh….will ich dann doch nicht. Vielleicht sattle ich um auf Lachyoga? Soll ja auch sehr befreiend sein. Nur möchte ich mich dazu nicht verrenken müssen. Ach, keine Ahnung. Diese unbedingte Hingabe ans Leben, das laute Schreien und Lachen, das als Kind so völlig natürlich war, das möchte ich gerne wieder erleben. Was nicht heißt, dass mein Leben nicht gut ist. Es ist völlig ok…nur eben nicht berauschend. Ich weiß, ich will wohl zu viel. Vielleicht entwickle ich mal einen Ansatz, wie man zumindest für Momente zu diesem ausgelassenen Kind zurückfindet, um dadurch Kraft zu tanken? Und nein, es wird nichts Esoterisches sein, sondern eine Menge Augenzwinkern im Gepäck haben. Ich werde berichten.

Sprüche aus der Kindheit

Was ist das heute für ein Wetterchen?! Hammer. Die Sonne scheint, dass es eine wahre Wonne ist. Mit einem Chai Latte hocke ich mich auf meinen Balkon. Er liegt gut geschützt, weshalb ich dort in Ruhe die Sonne genießen und lesen kann – in Top und kurzer Hose. Krassenhausen. Aber die Sonnenstrahlen tun doch gut – auch wenn es nach wie vor surreal ist, wie krass der Unterschied von letztem Samstag zu diesem doch ist. Wenn die Sonne so kitzelt, steigt automatisch auch die Laune, oder? Das ist schon ein ganz eigenes Phänomen, gegen das ich mich kaum wehren kann, obwohl ich ja alles bin, nur eben kein Sonnenanbeter. Doch Vitamin D tut schon gut.

Ansonsten nutze ich den Tag in erster Linie als ausgiebige Telefonzeit. Und das kann Frau am besten? Richtig, mit anderen Frauen. Gleich drei meiner Freundinnen leisten mir heute per Telefon Gesellschaft, was mir noch besser bekommt, als die Sonnenstrahlen dies tun. Freundschaft ist etwas, das mir immer schon wichtig war. Mich wundern die Menschen, die keine Freunde haben. Bei uns Zuhause gab es das im Grunde gar nicht. Da unsere Familie so groß ist, hat die immer ausgereicht – so die Aussage meiner Mom. Als Kinder war das auch so. An Kindergeburtstagen kamen Cousins und Cousinen aus dem Dorf zu Besuch. Bei mir war es dann eh immer anders, da mein Geburtstag ja so blöde fällt. Also wurde mein Namenstag gefeiert. Es war in jungen Jahren noch ok, aber später wollte ich dann auch meine Freundinnen da haben – und das waren eben nicht nur meine Cousinen. Eigens zu meinem Namenstag (feiert doch heute niemand mehr), wurde dann auch immer meine böse Oma angekarrt. Früher noch mit meinem Opi, den ich sehr lieb hatte – später dann sie allein. Puh, ich hätte immer drauf verzichten können, da sie nie ein liebes Wort übrig hatte.
An sie haben ich gestern mal wieder denken müssen. Meine Sis und ich haben per Videotelefonie gequatscht. Wenn die Leitung schwach wurde, sind die Bilder kurzfristig eingefroren, was immer lustig ausgesehen hat. In dem Zusammenhang haben meine Sis und ich uns daran erinnert, wie meine Oma mir immer gedroht hat, das Gesicht würde irgendwann so stehen bleiben, wenn ich mal wieder Fratzen geschnitten habe. So ein Schwachfug! Es gibt so manche komischen Dinge, die einem als Kind gesagt wurden, oder? Schlimm in Erinnerung geblieben ist mir: „Das Händchen, das die Mama schlägt, das wird im Himmel abgesägt.“ Andere Menschen in meinem Alter können das nicht fassen, wenn sie so was hören, weil sie das nur von der Generation drüber noch berichtet bekommen haben. Ich habe lange daran geglaubt, dass nach dem Tod da oben (oder unten) jemand mit einer Säge wartet. Als hätte ich meine Mutter je schlagen wollen?!
Die allgemeinen Klassiker, wie „Mädchen fahren nicht durch Pfützen“ (und ob sie das tun! Darin war ich megaerfolgreich!!!), oder „so was tut ein braves Mädchen nicht“, gab es natürlich auch zuhauf. Ich war als Kind mehr Junge als Mädchen, na und? Es gibt einen Spruch, der mich bis heute oft verfolgt: „Kind, Bäume wachsen nicht in den Himmel. Vorher werden sie gestutzt.“ Wer denkt sich so was aus? Wie kommt man darauf, die eigenen Kinder so zu impfen? Oder – mal ein Spruch von meiner lieben Omma: „Lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun.“ Besonders toll hierbei: Meine Tanten und auch meine Mutter haben den Spruch immer wieder zitiert, wenn sie erreichen wollten, dass man sich einfach fügte. Dabei haben meine Tanten selbst genug Unrecht angestellt. Ein anderer Klassiker: „Wen Gott liebt, den lässt er leiden.“ Hallo? Wenn dem so wäre, würde ich dem Arsch aber mal die Meinung geigen! Meiner Mutter hat so was immer viel gegeben, weil sie für sich einfach alles damit erklärbar gemacht hat. Manchmal frage ich mich, wie ich aus diesem engen Korsett ausbrechen konnte?
Erst heute habe ich mit meiner lieben Freundin darüber gesprochen: Ich hatte immer einen Revoluzzer-Anteil in mir. Bisweilen frage ich mich, von wem ich diesen geerbt habe? Ich weiß es nicht. Es war auch bestimmt nie eine böse Absicht hinter all den Sprüchen…wobei…bei meiner bösen Oma schon. Ich glaube, die anderen haben einfach versucht, sich ihr Leben so zu erklären und vor allem auch, sich zu fügen in das, was sie als richtig erachtet haben. Aber meine böse Oma hat einfach ihr Leid auf alle anderen auch draufkippen wollen. Ihr jüngstes Kind ist im Alter von drei Jahren an Krebs gestorben. Diese Krebsart hat drei Jahre gebraucht, bis sie zum Tod führen konnte, also war er von Anfang an wohl krank. Aus Kummer hat sie damals ihre fünf anderen Kinder mitleiden lassen. Sie durften kein Radio hören, den Fernseher nicht anstellen und auch sonst möglichst nicht lachen – und das alles für ein komplettes Jahr. Ich verstehe, dass eine Mutter leidet, wenn sie ein Kind verliert. Aber muss sie deswegen alle anderen Kinder mitbestrafen, die auch diesen Verlust erlebt haben? Das ist eine so verquere Welt, die sich mir nicht erschließt.
Das ist ähnlich, wie Neid. Darüber habe ich auch mit einer Freundin gesprochen. Es gibt für mich zwei Arten von Neid: Einmal der, der zwar bewertet, aber nicht missgönnt. Und dann der, der einem anderen dann auch nichts Gutes, Schönes gönnt. Es gibt Lebensentwürfe, die ich auch gerne erlebt hätte. Darum „beneide“ ich manch einen, der das leben kann. Das heißt aber nicht, dass ich es ihnen nicht gönne. Jeder darf alles haben, solange er nicht andere damit verletzt. Meine böse Oma war eher von der Sorte, dass sie auch anderen nichts gegönnt hat. Sie hat mit allem gegeizt – mit Geld, mit Liebe, mit Freude. Ein verdammt trauriges Leben, oder? Die andere Omma hatte nix, aber dafür Liebe und Freude im Überfluss. So unterschiedlich kann Leben sein. Es fängt immer mit einem selbst an, wie man sein Leben gestaltet. Und ich weiß, dass das nicht immer so einfach geht, wie sich das anhört. Aber im Grunde dann eben doch. Wenn Du gut leben willst, dann tu´ es. Verschleudere Freude und Liebe, dann bekommst Du diese auch zurück. Hältst Du beides zurück, bekommst Du es auch nicht von anderen. Nur können manche Menschen so gar nicht aus ihrer Haut. Sie wählen lieber das Jammertal, was wohl auch in Ordnung ist – auch wenn ich das niemals nachvollziehen werden kann.

plötzliches Melden

Heute habe ich frei und schlafe aus. Ganz in Ruhe frühstücke ich und genieße es, nichts tun zu müssen. So sehr mich das zwischendurch auch genervt hat, ist es mittlerweile voll ok. Ich könnte mich nach wie vor nicht damit anfreunden, auf Dauer gar nichts zu machen. Aber zwischendurch solche Faulenzertage? Doch, die mag ich. Und so verläuft dann auch mein Tag…ruhig und unspektakulär. Bis auf eine Ausnahme: Der ältere Herr vom Flüchtlingsheim meldet sich. Ich hatte ihn vor zweieinhalb Wochen noch mal angeappt und keine Antwort erhalten – bis jetzt eben. Er sei sehr lange krank gewesen. Und leider dürften sie gerade nicht zu den Geflüchteten, da es coronabedingt eben strikte Vorschriften gebe. Auch krass, oder? Die Menschen tun mir schon sehr leid. Sie verlassen ihre Heimat, machen sich in die Ungewissheit auf und werden dann hier erstmal isloiert, da ein unsichtbares, komisches Etwas sein Unwesen treibt. Wenn man Bomben erlebt hat, Leichen auf der Tagesordnung gestanden haben, dann muss einem so ein unsichtbarer Feind noch skurriler vorkommen als uns in Europa. Und so verharren sie in den Flüchtlingsheimen und harren der Dinge, die da kommen – in Teilen schwer traumatisiert und mit ungewisser Zukunft.
Die städtischen Bedingungen haben sich bzgl. der Geflüchteten auch mittlerweile geändert. Der Sozialarbeiter sei nur noch für eines der beiden Häuser zuständig. Ah ja. Der ältere Herr habe mich aber nicht vergessen und noch mal mit dem Sozialarbeiter gesprochen. Sie werden sich bei mir melden, wenn es wieder möglich sein wird, mit den Geflüchteten zu arbeiten. Da bin ich geplättet. Mit einer Antwort hatte ich ja gar nicht mehr gerechnet. Gestern erst habe ich ja gesagt, dass ich die Hoffnung diesbezüglich aufgegeben habe. Manchmal ist das so: Wenn man etwas loslässt, läuft es plötzlich. Wir werden sehen, was da noch kommt. Ich würde mich in jedem Fall riesig freuen, wenn da doch mal Bewegung reinkäme.

Was mir heute wieder einmal passiert: Ich versacke bei YouTube. Immer wenn ich mir hier etwas anschaue, springe ich von Höcksen über Stöcksen. Es ist, wie eine Sucht. Musik berauscht mich immer wieder aufs Neue. Manche Stimmen gehen einfach unter die Haut. Und so stolpere ich wieder einmal über neue, mir bislang unbekannte Künstler. Aaaah, es ist krass. Der Blick auf die Uhr verrät mir, wie viele Stunden ich mal wieder abgedriftet bin. Naja, jeder hat so seine Sachen, die ihn fesseln und faszinieren. Bei mir ist es immer wieder Musik.

Was mich weniger fasziniert, ist der krasse Wechsel des Wetters. Die Vögel zwitschern, alles grünt. Als ich letztes Wochenende zu meiner Kollegin gegangen bin, war ringsum alles weiß. Es liegen über 25 Grad Unterschied zwischen letztem und diesem Freitag. Da muss ich mich nicht wundern, wenn mein Kopf die Grätsche macht. Geht vorüber, ich weiß. Nervt trotzdem. Aber den Klimawandel gibt es ja genauso wenig, wie es Corona gibt. Oh man! Ich kann echt nicht verstehen, wie Menschen immer noch so einen Mist absondern. Aber sie sterben nicht aus – leider. Stattdessen dürfen sich die Menschen, die vorsichtig sind und die Regeln befolgen, von den Deppen auch noch angiften und mit Hetze überziehen lassen. Schade… Und leider hat es nicht mit dem IQ zu tun, wer anfällig für Verschwörungstheorien ist. Keine Ahnung, ob man den EQ mal überprüft hat? Ich vermute, da könnte die gemeinsame Konstante zu finden sein. Aber die emotionalen, rücksichtslosen Krüppel braucht es wohl, weil es sonst zu langweilig würde. Sorry…es nervt einfach nur noch.

eine Hand reichen

Heute ist es wieder herrlich lustig. Meine erste Besprechung ist mit meinem Chef und Heinz. Heinz ist seines Zeichens total überfordert. Und weil er plötzlich arbeiten muss, macht er „mimimimi“. Jedem fällt es auf. Dabei sagt unser Chef, dass er gar nicht so viele Aufgaben hätte. Nun juut, das ist ja alles auch eigenes Empfinden. Ich bekomme vorab einen Link geschickt und soll mir mal die Präsentation anschauen. Sie ist…mmmmh…wie drücke ich das diplomatisch aus? Grütze. Sie wäre schon Grütze, wenn es eine Präsenzveranstaltung wäre. Aber im Onlinemodus ist das noch unerträglicher. Er schafft nie den Perspektivwechsel. Dabei ist er doch auch schon häufger irgendwo Teilnehmer gewesen.
Aber der Start ist erstmal anders. Heinz und ich sind ein paar Minuten allein. Er, der schon über zwanzig Jahre in der Firma ist, fragt mich, ob wir denn nun im nächsten Monat Kurzarbeit hätten oder nicht? Ich antworte ehrlich – was soll ich es ihm auch vorenthalten? Er lacht nur leicht und kommentiert: „Die Claudia immer und ihre Kontakte. Es is a Wahnsinn!“ Das meint er durchaus positiv, denn er bohrt an etlichen Stellen herum und erfährt so gar nichts. Ich frage nicht mal nach und bekomme diese Info einfach so. Ist schon eigenartig. Was keiner versteht: Warum macht Heinz immer so ein Geschiss darum? Was hat er davon, wenn er die Info einen Tag vor der offiziellen Bekanntmachung erfährt? Und die Antwort ist im Grunde traurig: Ihm macht die Unsicherheit wahnsinnig zu schaffen. Er muss viel weniger bangen, hat aber eine riesengroße Angst. Dagegen ist man ja machtlos. In mir ist da eher die Stimme: Hoffentlich haben wir Kurzarbeit, da 5 Tage im Home Office einfach demotivierend sind. Aber ich gehe nicht kaputt daran, wenn ich kurzfristiger erfahre, ob wir Kurzarbeit haben oder nicht. Doof ist nur, wie es kommuniziert wird. Gestern haben schon ganze Abteilungen die Infos rausgehauen, während mein Chef es dann erst auf Nachfrage von Heinz bei mir erfährt. Da steckt ein riesiger Kommunikationsfehler drin. So isses nun mal eben. Aber auch darüber lasse ich mir keine grauen Haare mehr wachsen.

Endlich schreiten wir zur Tat – Heinz fragt nach unseren Empfehlungen. Eine Stunde vorher hat er noch eine Mail verfasst, dass er fünf Minuten eher aus dem Meeting müsse, weil er „am Anschlag“ einen Folgetermin habe. Wenn ich das habe, gehe ich eine Minute eher raus, aber das muss er ja wissen. Wir könnten ihm auch noch nach unserem Meeting Hinweise geben, was wir ihm empfehlen würden. Als hätte ich im Nachgang nix Besseres zu tun! Also fange ich an und frage ihn, was er mit Aufgaben meine? Auf jeder zweiten Folie stehe „Aufgabe“ in einer Wolke. Wo erkläre er die Aufgabe? Was solle gemacht werden? In welcher Form – also Brainstorming im Plenum, Einzelarbeit, Zweier-Teams, die sich gegenseitig anrufen (er weiß bisher immer noch nicht, wie das bei Skype geht…es bereitet mir körperliche Schmerzen), zwei Gruppen mit extra Skype-Links oder wie sonst? Das ist jetzt keine Raketenwissenschaft von der ich da rede – zumal wir schon ewig damit arbeiten. Ich gebe ihm Tipp um Tipp, muss manches ganz kleinschrittig erklären und bin dabei doch sehr erstaunt. Nicht einmal kommt ein kritisches Wort, keine Herabwürdigung meiner Person, keine Unterbrechung. Er nimmt einfach alles an. Ob er es umsetzen kann, ist fraglich, aber er akzeptiert jeden meiner Vorschläge. Da bin ich einfach mal geflasht. Doch dann denke ich wieder: Er verdient mehr als das Doppelte von mir!!! Da mag es eine kleine, bittere Pille sein, wenn er Unterstützung anfordert und ich ihm munter direkt einige Themen runterrattern kann, aber er kann im Anschluss damit glänzen. Gerecht ist das nicht. Dabei darf ich nicht schimpfen: An sich habe ich wirklich einen guten Lohn für eine 35-Stunden-Woche (was ich ja immer noch lächerlich finde). Es ist nicht nachvollziehbar, wie viel mehr ein Wesen, wie Heinz, erhält („verdient“ ist hier echt der falsche Ausdruck), wenn man bedenkt, was Pfleger, Krankenschwestern, Polizisten etc. für ihre Arbeit bekommen. Aber lassen wir das. Da drehe ich mich sonst zu sehr rein.

Da ich viel zu viele Stunden auf der Uhr habe, haue ich heute einfach früh einen Pin rein und gehe einkaufen. Es ist echt interessant geworden, dass ich keine Uhrzeit mehr erkennen kann, zu der das Einkaufen am besten ist, also wo wenig Leute unterwegs sind. Durch Corona, Home Schooling, Home Office, Kurzarbeit etc. ist alles durcheinandergewirbelt. Aber ich bin ja auch nicht auf der Flucht – im Gegensatz zu manchem Renter, der mir auf die Pelle rückt. Ob das nahe Aufrücken bedeutet, sie würden mich bitten, vorgelassen zu werden? Oder haben sie Angst vor Gespenstern und suchen deswegen die Nähe eines anderen menschlichen Wesens? Oder haben sie vergessen, wo der Ausgang ist und hängen sich deswegen an die Fersen anderer Einkäufer? Es bleibt ein Mysterium.

Ich packe Zuhause alles aus und beschließe, noch den Müll rauszubringen. Die Müllhäuschen sind gleich für einige Mietparteien gedacht. An der Haustür des anderen Hauskomplexes frage ich, ob ich die Tür kurz aufhalten solle, aber ein freundlicher Mann winkt ab und deutet auf seine Kinder. Er spielt draußen mit ihnen. Ich packe den Müll in die jeweiligen Tonnen und schlappe zurück. Einem Impuls folgend, frage ich die Mutter, die am Fenster steht, ob sie die ganze Zeit schon Home Schooling hätten? Sie lächelt nur. Hä? Dann kommt der Mann herüber und erklärt, seine Frau spreche kein Deutsch. Er spricht es ganz gut, aber doch hörbar mit starkem Akzent. Die Tochter kommt auf ihrem Roller daher. Ich frage sie, in welche Klasse sie gehe? Sie sei schon in der fünften Klasse. Die Video-Konferenzen seien ihr am Anfang schwergefallen, aber nun gehe es. Sie ist offen, freundlich und strahlt mich an. Irgendwie ist mir danach: Ich frage sie, ob sie Hilfe brauche? Ich sei Grütze in Mathe, aber wenn sie oder ihr Bruder mal Hilfe bräuchten, könnten sie sich ja melden? Da strahlt sie mich noch breiter an, bedankt sich und nickt. Der Vater notiert meine Mobilnummer und bedankt sich vielmals. Und ich? Komme mir irgendwie schäbig vor. Sich gegenseitig zu helfen, sollte ja wohl das Selbstverständlichste sein. Die Frau verneigt sich ein paar mal leicht vor mir. Ich fühle mich echt unwohl. Es ist keine große Sache, oder? Aber ich denke, das ist es für sie sehr wohl. Und wenn die Eltern nicht über die Aufgaben schauen können, weil sie unsere Sprache nicht so verstehen, haben die Kinder von vorneherein schon schlechtere Voraussetzungen. Ist das nicht schlimm? Es liegt so viel Potenzial ungenutzt brach. Die Kleine grinst mich an. Ich hoffe nur, sie meldet sich, wozu ich sie noch mal ermuntere. Sie solle sich keinen Kopf machen, sondern einfach anrufen oder schreiben. Mal schauen. Wenn das Flüchtlingsheim schon nicht aus dem Pudding kommt, dann kann ich so was tun. Und so, wie die Kleine strahlt, wird das bestimmt toll – wenn sie denn überhaupt mal Unterstützung brauchen wird.

Zungenbrecher für Nicht-Bayern

Hammer. Was es nicht für Zungenbrecher gibt! Eins lautet: „g´äatatn“. Da staunt Ihr nicht schlecht, gell? Gut, im Kontext erschließt es sich dann eventuell schon eher: „Die g´äatatn do dohi.“ Gut, immer noch schwer. Es bedeutet so viel wie: „Die gehörten dorthin [gelegt].“ Manche Bayern sind schon arg besonders…und arg maulfaul. Wenn ich so was höre, möchte ich diese Leute immer vor Entzücken einfach umarmen und knutschen, da sie mir wirklich meinen Tag versüßen. Und ja, das ist mein voller Ernst. So was feier´ ich ohne Ende. Es ist zwar Aschermittwoch, aber da kein richtiger Karneval stattgefunden hat, pups´ ich auch auf den Aschermittwoch mit seinem Fastengedöns und feier´ einfach meine eigene innere Party weiter. Solche Aussagen, wie die vorhin genannte, helfen mir ungemein dabei.
Und so ist eben der Beginn des Tages. Es sind zwar ein paar Stunden, die ich im Workshop hocke, aber alles ist durchweg positiv. Schon eigenartig. Wenn es ätzend läuft, dann aber so richtig und überall – gefühlt. Und wenn es gut läuft, dann eben auch so richtig. Muss ich nicht verstehen. Bestimmt hängt da ganz viel eigene Wahrnehmung drin. Ist ja fast immer so.

In der Tat, es geht so weiter. Der Termin, der mir ein wenig im Magen liegt und mittags beginnt, ist eine echt positive Überraschung. Den Chef der Truppe mag ich nach wie vor nicht, aber er nimmt alles an, was ich ihm präsentiere. Da bin ich schon baff. Letztlich entscheidet sich das Team dann dennoch gegen die Kleinteam-Variante, wodurch mein Auftrag eigentlich erledigt ist. Ich freue mich schon und feiere innerlich, als ich dann höre: „Wir haben Dich aber heute länger gebucht. Da kannst Du uns schon noch etwas unterstützen.“ Ok. Allerdings bin ich in meiner Rolle diejenige, die dann echt nerven und pieksen muss. Das ist nicht immer so lustig, aber soll ja zum Ziel führen. Und sie sind überraschend offen. Es läuft sogar richtig rund. Hossa! Zum Abschied sage ich ihnen dann, wie die nächsten Schritte laufen sollten, was sie beachten müssten und hänge ihnen eine Datei als Vorlage hierfür an. Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Da sagt ein besonders knurriger Ur-Bayer zu mir: „I daat scho gäan in da nächstn Rund´ g´äagat werd´n.“ Wos iss´n do los? Seine Kollegen schließen sich ihm an und fragen mich, ob ich sie doch noch durch den Prozess begleiten würde? Sie kämen mir zeitlich entgegen und würden sich voll nach mir richten. Häääää? Der Chef hat anschließend Spaß wie eine diebische Elster, weil es nicht auf seinem Mist gewachsen sei, aber er denselben Wunsch verspürt hätte. Dabei spricht er während des Termins noch davon, dass wir ja unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie hätten, was ich mit: „Ja, bei mir ist es Demokratie, bei Dir Demokratur“ quittiere. Und trotzdem soll ich weitermachen? So macht es dann natürlich auch Spaß, keine Frage. Nur wird mir beim Blick auf meinen Terminkalender ein wenig übel – zumal ich vorhin erfahren habe, dass wir nächsten Monat nun doch Kurzarbeit machen. Das heißt, ich werde dann wieder nur vier Tage zur Verfügung haben, obwohl meine Stundenzahl bei einer vollen Woche schon nicht ausreicht. Ach ja, lieber volle Hütte als Langeweile. Mir geht es zumindest immer so.
Und wisst Ihr, was das Witzige dabei ist? Mein Chef weiß noch nix von der Kurzarbeit. Da frage ich mich schon, wie ich manchmal an meine Infos komme? Dabei habe ich nirgends nachgefragt, sondern die Nachricht einfach so zugesendet bekommen. Wir haben in unserem Team oder auch meiner Abteilung bislang keine Info hierzu bekommen. Ich habe mir allerdings abgewöhnt, für ihn die Informantin zu spielen. Insofern bin ich gespannt, wann ich morgen erfahre, welche Entscheidung bereits gestern (morgen also vorgestern) getroffen wurde. Als Lady Spy hätte ich es vielleicht doch weit bringen können. Nur liegt mir an diesem Titel so gar nichts. Also: Weiterhin das Visier hoch und weitermarschierenn, gell? Dann bekommt auch die lustigsten bayrischen Ausdrücke mit.

von sturen und nicht so sturen Böcken

„Des hoat koa Sinn net.“ So fängt mein Morgen an – mit doppelter Verneinung. Ich darf bei einem Kollegen Mäuschen spielen, wie sein Projektteam arbeitet. Und der Umgangston – mein lieber Krockoschinski. Einer der Teilnehmer plärrt so laut, dass ich rufen möchte: „Wer brüllt hat Unrecht!“ Aber ist ja nicht mein Zirkus, und daher sind’s dann auch nicht meine Affen. Ich frage mich nur, wie manche Menschen mit dieser rücksichtslosen Art durchs Leben kommen, ohne dass sie einer mal so richtig aus der Hose haut. Der ist wie so ein Rasenmäher…oder eher noch wie eine Dampfwalze, die über alles hinwegbrettert. Hossa! Und rein physisch gesehen: Der plärrt mit so viel Druck, dass meine Stimme das niemals durchhalten könnte. Es klingt so, als würde er gleich Blasen werfen, weshalb ich noch trauriger bin, nicht vor Ort zu sein. Das sieht man nämlich online nicht, da ja die Kameras ausgeschaltet sind. Echt schade. Und Ausredenlassen ist hier wohl auch aus der Mode gekommen. Ich würde ausflippen. Aber so kann ich locker weiteratmen.
Später erfahre ich dann, heute war ein guter Tag mit diesem Kollegen. Normalerweise sei er noch krasser. Sie hätten schon soooo vieles probiert, wie sie ihn zur Räson bringen könnten. Er wäre beim Feedback auch nie angepisst. Ja, kein Wunder! Er fährt ja direkt lautstark drüber. Ganz ehrlich? Ich würde ihm regelmäßig das Mikro sperren. Das würde ich vorher schon klarstellen: „Pass´ ma auf, Schönne. Wer sich an Rejeln nich hält, kriegt et Mikro abjestellt.“ Wären wir physisch vor Ort, dann könnte man da durchaus eine rote Karte hochhalten. Klingt nach Kindergarten, aber mal ehrlich: Ist das beim Fußball denn anders? Stellt Euch mal vor, das Spiel würde weiterlaufen, kein Schiri würde unterbrechen. Im Nachgang würde man dann eine Analyse fahren und sagen: „Hömma, das ist aber nicht schön, wie Du dem die Knochen weggetreten hast. Machste demnächst anders, ne?“ Da würde doch niiiiiiiiiiie mehr jemand den anderen foulen, oder? Is klar. Wenn die nicht die Sorge hätten, vom Platz zu fliegen, würde mancher Knochenbrecher noch zusätzlich Spikes dranschnallen. Also muss man so durchgreifen. Das würde ich in so einem Fall auch machen. Mein Kollege, der das Projekt betreut, hat von dem Rumgeplärre nach einem langen Termin mal richtig fette Kopfschmerzen gehabt – nach sechs Stunden. Das würde mir einfallen. Nee, rote Karte und anschließender Platzverweis. Herrlich, oder? Das glaubt einem keiner, wenn er nicht selbst dabei war.

Die zwei anschließenden Workshops laufen ganz anders. Da geht es gesitteter zu. Ich mag regen Austausch. Da darf es auch schon mal höher hergehen. Aber permanentes übers-Maul-Fahren? Nee, absolute Nulltoleranz. Trotzdem habe ich Kopfschmerzen. Liegt aber nicht an dem Plärr-Vogel am Morgen, sondern am Föhn da draußen. Am Wochenende noch fett im Minus, geht es heute auf plus neun Grad hinauf. Da soll noch einer mitkommen.

Nachmittags passe ich dann Präsentationen für die Team-Workshops an. Nebenher regle ich, was mich so richtig annervt: Die Gehaltsabrechnungen. Sie wollen, dass wir Zuhause bleiben und im Home Office arbeiten, was für mich ja einer Strafe gleichkommt. Ich halte mich aber brav daran, da ich den Sinn dahinter verstehe. Im Gegenzug können sie aber keine Abrechnung per Post schicken, da dies zu teuer sei. Solche Blödsinnigkeiten nerven mich massiv an. Ich habe mit meinem Betriebsrat des Vertrauens gesprochen. Er sagt, das sei das Normalste von der Welt, dass die Abrechnung geschickt würde, wenn ein Mitarbeiter dies wünsche. Er, der regelmäßig in der Firma vor Ort sein müsste, bekäme die Abrechnung zugeschickt – ohne dies je angefordert zu haben. Aaaaaahja. Also frage ich bei meinem Chef nach, der – wen wundert´s – mal wieder überfordert ist. Erneut funke ich also meinen Spezl an, der seufzend sagt: „Woaßt wos, i regel´ des füa Di.“ Na, geht doch! Er macht das nicht nur für mich, sondern für unsere gesamte Abteilung. Die Antwort von der Abteilungs-Assistentin auf meine Rückmeldung: „Boar…Wahnsinn.“ Ja, manchmal hilft´s, wenn man die Richtigen anspricht.
Da merke ich mal wieder, wie gut und einfach Netzwerken funktioniert. Wenn ich immer höre: „Das geht nicht“ oder „das haben wir noch nie so gemacht“, dann bäumt sich immer was in mir auf. Mein Lieblingsspruch auf letzteren Einwand: „Früher hatten wir auch ´nen Kaiser. Und?“ Nur leider schnallt den nicht jeder. Es gibt Dinge, über die will ich dann aber auch nicht mehr diskutieren. Da frage ich nur noch: „Kümmerst Du Dich oder willst Du mich von der Leine lassen?“ Im Chinesischen bin ich ja Feuerdrache. Der ist noch mal anders unterwegs als der fast lammfromme Steinbock in mir.

Apropos Steinbock: Meine Kollegin, bei der ich am Samstag war, hat ja einen Steinbock Zuhause. Die eröffnet mir heute doch im Brustton der Überzeugung: „Den Steinbock habe ich in Dir ja auch noch gar nicht gespürt. Du bist ja Null stur.“ Sie kennt mich jetzt fast drei Jahre. Äääääääh…doch. Es kommt ganz aufs Thema an und ob ich dafür meine Energie verschwenden will. Sie meint, dass bei ihr und ihrem Freund regelmäßig die Fetzen fliegen würden, wenn beide ihren Kopf durchsetzen wollten. Sie neige dann auch dazu, ganz unsachlich zu werden. Da würden dann von beiden Türen geknallt. Es hätte was von italienischem Drama. Puh, das liegt mir ja in der Tat fern. Ich könnte nichts durch die Gegend pfeffern und kaputtschlagen. Ich habe verdammt viel Porzellan, aber das würde ich doch da niemals zerschlagen?! Bei mir ist es eher so, dass ich leise werde. Seeeeeeehr leise. So leise, dass es laut in den Ohren hallt. Dann ist Matthäus am letzten. Aber brüllen? Sachen schmeißen? Türen knallen? Nö. Wobei ich manchmal denke, das würde die Luft besser reinigen als das ständige Zurücknehmen. Denn ich lasse die Wut ja nicht raus. Und – ein Hoch auf den Steinbock – ich vergesse das dann auch nicht. Manch einer weiß ein Liedchen drüber zu pfeifen, welch olle Kamelle ich noch wortwörtlich herauskramen kann. Es ist ein Fluch und Segen zugleich. Naja…jedem Tierchen sein Pläsierchen, gell? Und wer mich nicht ärgert, lernt auch nicht meine Sturheit kennen. „Es könnt´ alles so einfach sein, ist es aber nicht.“ Die Fantas haben so verdammt recht!

know-how gegen know-why

Es ist Montag, aber gar nicht mal so ein üblich übler. Gut, unsere Teamrunde ist wieder mal eine Farce. Nur der Rest verläuft doch echt ok…wenn nicht gar zufriedenstellend. Ich fühle mich vollkommen fein. Ist doch auch mal schön so zum Feierabend, oder? Und das an einem Montag! Wer hätte das gedacht? Dabei gab es echt auch unschöne Begebenheiten.
Ich darf im nächsten Monat ein Projekt begleiten, auf dessen Leiter ich so gar keine Lust habe. Kennt Ihr solche Menschen, die so völlig harmlos daherkommen? Die einen anlächeln und denken, sie seien echte Menschenfreunde? Und dabei besitzen sie die Sozialkompetenz eines Brötchens. Nee, warte mal. Ein Brötchen schafft es ja sogar noch, ein Hungergefühl zu sättigen. Vielleicht dann eher die Sozialkompetenz eines Steins. So ein dicker Brocken, mit dem man Löcher in Scheiben schmeißt. Aber so ein Stein könnte ja auch zur Abwehr von Hochwasser eingesetzt werden. Dann würde er schon wieder etwas Positives bewirken. Passt also auch nicht. Ich bin mir sicher, Ihr könnt mir folgen. Dieser Mensch schafft es jedenfalls – milde in die Kamera lächelnd – gleich drei anwesende andere Menschen abzuwatschen, ohne sich dessen bewusst zu sein, einfach nur, weil er ein dummer, unsensibler Köttel ist. Da frage ich mich schon, ob den überhaupt seine Mutti lieb haben kann? Ich befürchte, die Antwort wird „nein“ lauten. Oder er hat eine Mutter wie Norman Bates, die mumifiziert im Schaukelstuhl vor und zurück schaukelt, was er dann als „ja“ wertet, wenn er vorher fragt: „Bin ich Muttis Liebling?“ Ja, ich merke es gerade selbst, wie böse ich bin. Ihr kennt eben diesen Norman Bates-Doppelgänger noch nicht. Allerdings ist er auch eine modischere Ausgabe dieses Psychopathen, denn er ist Veganer. Noch Fragen? Ja, ich weiß: Schublade auf, Vorurteil rein, Schublade zu. Manchmal sind Schubläden ganz schön praktisch.

Nachmittags geht es im Schwerpunkt um meine Teamworkshops. Da dies nicht meine eigentliche Aufgabe ist und ich so was auch nicht originär gelernt habe, bin ich etwas verunsichert. Aber mein Chef sagt mir, wie froh er sei, dass ich ihm seine Angst vor solchen Veranstaltungen genommen hätte. In den 15 Jahren seiner Führungsarbeit habe er so was noch nie gesehen oder gemacht. Äääääh? Gut, nun ist sein Lob nicht wirklich maßgeblich bzw. wiegt leider nicht mehr viel – zumindest in meiner Realität. Mein anderer Kollege war lange in der Personalabteilung tätig. Für ihn ist mein Konzept stimmig und super. Daher bin ich jetzt erstmal beruhigt. Ich möchte, dass die Teilnehmer etwas mitnehmen. Es geht darum, gute Denkanstöße zu liefern, gemeinsam an der Weiterentwicklung zu basteln und gute Dinge auf den Weg zu bringen.
So was macht mir im Grunde voll Spaß. Nur habe ich viel zu wenig Zeit, daran zu arbeiten. Aber immerhin kann ich da mal meiner Kreativität freien Lauf lassen, was mir richtig gut gefällt. In dem Zusammenhang bin ich dann auch über einen Spruch gestolpert: „Wir brauchen nicht mehr know-how. Wir brauchen mehr know-why.“ Und das ist ja auch so ein Punkt, der mich immer wieder umtreibt: Was ist der Sinn hinter all dem, was ich tu´? Natürlich ist es gut, dafür bezahlt zu werden. Da sage ich nicht nein. Aber Geld macht nicht glücklich. Geld kann man nicht essen. Ich weiß, wieviele mir da widersprechen würden. Nur: Geld ist lediglich ein Mittel zum Zweck. Jetzt kann auch da jeder seinen eigenen Maßstab anlegen, was er/sie braucht, um glücklich zu sein. Ich weiß nur, für mich ist die Sinnhaftigkeit wahnsinnig entscheidend zum Glücklich- bzw. Zufriedensein. Mal schauen, wie zufrieden ich nach den Kurz-Workshops ich den Feierabend einläuten werde oder ob mich die Erkenntnis dann vielmehr nach Afrika treibt. So oder so: Es wird was bringen. Die Frage wird sein, wie sehr mich die Antwort lenken wird.

Lockruf des Herzens

Auch dieser Tag kommt strahlend hell und klirrend kalt daher. Es sieht wunderschön aus, aber brrrrrrr. Ist das zapfig. Meine Hoffnung hierbei: Bei dem Frost werden manche doofen Insekten gekillt. So zum Beispiel Mückenlarven. Keine Ahnung, ob das geht. Ich wünsche es mir einfach. Letztens hat sich schon wieder so eine Stinkwanze in meine Bude verirrt. Jo, hier ist es schon angenehm temperiert, aber das heißt noch lange nicht, dass ich Bock auf unangemeldeten Besuch habe.

Was ich heute wohl einmal lobend herausheben muss, ist die Tatsache des Bestätigungsschreibens, das das Landratsamt dann doch noch auf den Weg bringen konnte. Gut, es steht nicht darin, für wann ich zur Prüfung angemeldet wurde, aber ich weiß, ich muss auch für die klein(geistigen) Dinge in meinem Leben dankbar sein. Ich verstehe es nicht, wieviele Menschen ihren Job einfach nicht vernünftig erledigen. Als ich meiner Sis – selbst Beamtin – davon berichte und sage, dass aufgrund von Corona ja echt alles angespannter laufe, bestimmt auch im Amt, wird sie mal kurz wütend. In der Tat habe sich etwas in den Ordnungsämtern geändert. Sie hätten in mancherlei Hinsicht einen Mehraufwand zu verzeichnen. Auch in den Gesundheitsämtern sei wohl Mehrarbeit hinzugekommen. In allen anderen Bereichen sei die Arbeit allerdings nicht mehr geworden. Aufgrund von geringerem Publikumsverkehr eher ein entspannteres Arbeiten. Zu keinem Zeitpunkt seien die Beschäftigten von Kurzarbeit oder gar Jobverlust bedroht gewesen. Und da dämmert es mir dann auch: Verständnis ist ja gut und schön. Nur ist dieses nicht bei allen angebracht.

So auch bei meinem Vermieter, der mir per Einschreiben die Mieterhöhung hat zustellen lassen. Da diese erst ab Mai gilt, habe ich das Bestätigungsschreiben auch noch nicht zurückgeschickt. Nun fühlte sich der junge Bursche wohl bemüßigt, mich an einem schönen, sonnigen Sonntag per What´s App zu fragen, ob ich denn das Schreiben mit der Mieterhöhung erhalten hätte? Ich kann es nicht unterdrücken, ihm doch den Hinweis zu geben, dass die Post seinem Auftrag wohl nachgekommen sein müsste, wenn er so was schon per Einschreiben schicke. Komisch, er hat nicht mehr geantwortet. Ich glaube fest an Karma. Lang möge das Karma leben und fette Ernte versprechen bei allem, was man so im Leben sät. Ich weiß, nicht nett. Als eine böse Tante ihren neuen fiesen Lebenspartner geheiratet hat, habe ich mir auch nur gewünscht, sie mögen miteinander richtig alt werden. Diesen Wunsch finde ich nahezu fromm. Wie sie diese Zeit miteinander verleben – nun, das liegt ja in ihrem Ermessen. Da sie beide böse sind und Gift verspritzen, finde ich gut, dass sie einander gefunden haben. Manchmal trifft´s die Richtigen, ohne etwas dafür tun zu müssen.

Ansonsten verläuft mein Tag unspektakulär. Ich durchdenke, was ich wirklich wagen würde, sollte ich meine Zelte einmal hier abbrechen. Diese vermeintliche Sicherheit, die mir immer so wichtig erscheint, ist eben doch nur ein Trugschluss. Es ist schwer, gegen die jahrelange Erziehung anzustinken und diese Sicherheit einfach über Bord zu werfen. Auf der anderen Seite lockt das Abenteuer und vor allem die tiefe Befriedigung, wenn man etwas Sinnstiftendes tut. So viele Jobs, die ich kenne, haben genau diesen Sinn vermissen lassen. Da kann man noch so gut verdienen – wenn mein Herz dabei nicht höherschlägt und mich richtig zufrieden am Abend nach Hause gehen lässt, dann laufe ich mich blöd in meinem Hamsterrad, ohne irgendwo einmal anzukommen. Und das Gefühl, das ich in Peru hatte, als ich Kinderarme um mich und grenzenloses Vertrauen in mich gespürt habe, habe ich nie wieder so empfunden. Der Lockruf meines Herzens schlägt lauter. Bin gespannt, wann ich ihm erliege.

auf der Suche nach dem tieferen Sinn

Heute ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint, auch wenn es freckskalt ist. An manchen Stellen, wo die Sonne nicht so hinreicht, ist es mehr als einfach nur schattig. Es ist regelrecht zapfig. Aber das macht nichts. Ich habe gute Laune. So ein ruhiger Wellnesstag, wie gestern, ist einfach wohltuend für mich. Schon auch krass, weil ich ja prinzipiell gerne unter Menschen bin. Aber im Grunde meines Herzens schätze und brauche ich eben auch Zeiten für mich. Mein kleiner Neffe ist da für sein junges Alter schon sehr klar. Er hat immer Zeiten für sich allein gebraucht und sich diese immer auch genommen. Der Große tendiert eher dazu, etwas verpassen zu können. Auch das kommt mir bekannt vor. In seinem Alter war das bei mir auch noch deutlicher ausgeprägt. Naja, beides hat sein Für und Wider – die Mischung macht´s wohl.

Am heutigen Tag steht Kontrastprogramm an. Während ich gestern hier für mich gepröttelt habe, bin ich heute zum Brunchen eingeladen. Und da die Sonne von einem strahlend blauen Himmel herunterlacht, gehe ich einfach zufuß. Ohne Ziel tu´ ich mich ja immer schwer, loszugehen, aber so ist das prima. Die Kollegin wohnt auch nur eine gute halbe Stunde fußläufig entfernt. Die Semmeln im Gepäck, mache ich mich auf. Keine Ahnung, woher es gerade kommt, aber ich könnte mal so eben Bäume umarmen. Tu´ ich nicht…zumindest nur im Geiste. Auffällig ist eine Dame, die mir entgegenkommt und nahezu panisch ihren Schal noch höher zieht. Ich gehe jetzt auch nicht ganz nah an den Menschen vorbei, aber dieses Überängstliche nervt mich schon auch an. So stelle ich es mir im Mittelalter mit der Pest vor. Herrje…auf der einen Seite haben wir die Leugner, auf der anderen Seite die Zwangsneurotiker. Das soll was werden, wenn dann wieder irgendwann vieles möglich sein wird.

Bei meiner Kollegin ist es…mmmh…mir fehlt das richtige Wort. Alles ist durchgestylt, sehr geschmackvoll und aufeinander abgestimmt. Daneben komme ich mir immer wie ein Bauer vor. Ich fühle mich dort schon wohl, denke aber immer: „Oh Gott, was wird sie von meiner Bude denken?“ Bisher haben wir es immer so gehandhabt, dass wir uns bei ihr oder einer anderen Kollegin getroffen haben. Beide sind so nach Katalog ausgestattet. Das ist echt toll. Nur kriege ich das bei mir nicht hin. Bei anderen finde ich das schön, bei mir selbst…reicht das schön Finden nicht aus, um dann wirklich einen Wandel herbeizuführen. Ach ja. Was weiß denn ich? Die zweite Kollegin kommt eine Viertelstunde nach mir an. Und ja, eigentlich ist das schon regelwidrig. Aber ehrlich: Es ist mir egal. Schließlich schmeißen wir hier keine Party für 30 Leute. Wir brunchen einfach zu dritt. Nicht mehr und nicht weniger. Und natürlich ratschen wir viel über die Arbeit. Bis wir uns dann dazu entscheiden, das Thema ad acta zu legen und uns die Folge „Zwischen Tüll und Tränen“ anzuschauen, bei der die eine Kollegin mitgemacht hat. Ich bin nach wie vor völlig geflasht davon, wie man das freiwillig machen kann. Mir wäre das viel zu intim. Und dieser Dreh, der dabei herauskommt und gerade mal 20 Minuten dauert, hat acht Stunden vor Ort gekostet. Alle können ihr dabei zusehen, wie sie mit sich ringt, welches Kleid sie denn nehmen soll. Es wird eine Geschichte drumherum konstruiert, was die Menschen schon anders zeigt, als sie wirklich sind. Klar, so funktionieren solche Formate. Ich bewundere diesen Mut. Auch dass sie das jetzt mit uns schaut. So gerne ich Theater spiele und darum weiß, dass wir das in der Regel per Kamera aufzeichnen – ich will es mir nie im Nachgang anschauen. Mir würden etliche Dinge auffallen, was ich wie hätte besser machen können. Nee, das mag ich so gar nicht. Aber sie ist da voll bei sich, nimmt sich auch selbst hops und ist sogar schon von Kollegen darauf angesprochen worden. Sie stellt sich auch der Bewertung von anderen, was ich so gar nicht aushalten würde. Es ist für mich immer noch nicht nachvollziehbar, wie vieles im beruflichen Alltag an uns Frauen bewertet wird, was nicht mit dem Job zu tun hat. Wenn ich manche Sprüche höre, puh! Da wird mir echt anders. Und meine Kollegin bietet hiermit ja noch mal mehr Angriffsfläche. Das wäre nicht mein Fall. Daher: Chapeau! Ich könnt´s nicht. Und, was noch wichtiger ist: Ich würde solche Momente auch nicht mit so vielen Menschen teilen wollen.

Der Tag ist einfach schön. Er tut gut und macht mir Mut. Wir reden über unsere Wünsche und Ziele. Tatsächlich bin ich ungewohnterweise mal stärker im Fokus, was ich normalerweise vermeiden würde. Die Mädels bestärken mich in den Dingen, die mir wichtig sind, weil ich ihnen einfach offen darlege, in welchen Bereichen ich alles mit mir hadere. Die Sicht von anderen Menschen auf eine bestimmte Sache, kann schon manche Aspekte zutage fördern, die ich so für mich noch nie bedacht hatte. Süß ist auch, als meine Kollegin mich nach meinen Neffen fragt, wie es denen denn gehe? Und dann fange ich ja immer das Schwärmen an, als wären es meine. Ach, die kleinen Pestbeulen sind schon ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich vermisse sie. Überhaupt vermisse ich Kinder in meinem Leben. Manches soll nicht sein. Aber ein Waisenhaus in Kenia schwirrt mir immer und immer wieder durch den Kopf. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die keiner haben will. Wie kann das sein? Das ist etwas, woran ich verzweifeln könnte! Wie kann das nur sein??? Kinder, die einfach sich selbst überlassen werden. Dazu kam jetzt auch noch mal eine Reportage im Fernsehen: In China war ja jetzt das traditionelle Neujahrsfest. Dazu reisen dann die Menschen an, die das ganze Jahr über weit entfernt arbeiten und nur zu diesem Fest zu ihrer Familie düsen. Es wurden ein paar Kinder gezeigt, zu denen es dann hieß, sie würden in diesem Jahr ihre Eltern wohl nicht sehen, da aufgrund der Pandemie alle aufgefordert seien, diese Reise nicht auf sich zu nehmen. Ich rede hier nicht von 12-Jährigen. Selbst da fänd ich es schon schlimm. Da waren aber echt 3- oder 4-Jährige dabei. Ich finde das unvorstellbar. Und noch unvorstellbarer finde ich es, wenn es diese Kleinen gibt, die nicht mal weit entfernt ein Elternteil haben, sondern die ein einsames Dasein in einem Heim fristen. Das geht mir wahnsinnig ans Herz. Ich glaube, es wird für mich immer deutlicher, dass ich da tätig werden muss. Wie und wann und in welchem Umfang, das weiß ich noch nicht. Aber da ist eine Sehnsucht in mir, die mich immer stärker treibt. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Doch wenn andere mutig ihre Träume leben, dann sollte ich mich ruhig auch trauen, oder? Kommt Zeit, kommt Rat…

lazy friday

Die übriggebliebenen Nonnefotte habe ich gestern brav aufgeteilt. Eine Hälfte hat meine Freundin bekommen, die andere Hälfte ich. Ich bin überrascht, aber sie schmecken auch heute noch gut. Normalerweise überleben sie den ersten Tag nicht. Nur den Eierlikör lasse ich heute wohlweislich weg. Muss ja nicht jeden Tag sein, gell? Aber es wird schon gemutmaßt, ob ich heute bereits wieder gesüppelt hätte, als ich vorhin mit einem Kumpel appe. Doch nix da! Mich hat lediglich mein rheinisches Gemüt wieder voll im Griff. Diese Durststrecken zwischendurch gehen mir zwar immer häufiger auf den Zeiger, aber ich höre von so vielen, die regelrecht kirre werden. Ist ja auch kein Wunder, oder? Die Winterzeit wird ja nicht ohne Grund die „dunkle Jahreszeit“ genannt. Bislang hatte ich damit nie zu kämpfen. Doch derzeit ist ja alles anders. Und selbst die größten Optimisten und Lilalaunebären werden zwischendurch eben auch mal flügellahm. Nur halte ich das nicht lange am Stück durch. Denn Jammern hilft bekanntlich nicht wirklich weiter. Es darf mal sein, aber dann muss es auch weitergehen. Wie sagte Hape Kerkeling als kleiner Junge so schön: „Ich nehm´ gern noch ein Eierlikörchen. Datt Leben muss ja irgendwie weitergehen.“ Und da ist was Wahres dran.

Und so schlafe ich dann heute aus. Zwischendurch schiele ich zwar irritiert zum Radiowecker, drehe mich dann jedoch genüsslich noch mal um. Ach, ist das schön. Man glaubt es nicht, aber ich kriege so einen Tag auch mit viel Unsinnigem rum. Meine Haare schreien nach Farbe, also gönne ich ihnen einen Anstrich. Das werte ich als gutes Zeichen. Durchs Home Office verkommt man nämlich immer mehr. Wenn´s ja doch keiner sieht, kann ich auch ruhig ´nen fetten Haaransatz haben. Pfffff! Nicht gut. Wenn ich allerdings wieder Bock aufs Färben habe, bin ich auf einem guten Weg.
Es folgen weitere Pflegeschritte, wie epilieren, Pediküre, Cremchen und so weiter. In solchen Belangen bin ich einfach Mädchen. So eine kleine Wellness-Einheit brauche ich hin und wieder. Ach, da freue ich mich schon drauf, wenn auch das wieder erlaubt sein wird: Wellness in Thermalbädern, Thai-Massagen, vielleicht auch mal ein Besuch bei einer Kosmetikerin. Und ja, das ist alles nicht überlebenswichtig, tut aber dennoch gut. Gerade würde ich für so eine ausgiebige Ganzkörper-Massage fast schon morden. Vielleicht werden wir alle auch etwas dankbarer für das, was wir dann wieder haben werden? Allerdings ist ja noch fraglich, wer überhaupt geschäftlich überleben wird. Man hört immer, wie viele Selbständige finanziell unterstützt werden. Aber dann höre ich, wie viele Friseure oder Gastronomen Gelder zurückzahlen müssen. Ich bin mir sicher, da kommt noch eine riesige Pleitewelle auf uns zu. Ich hoffe nur, dass es nicht in zu großer Verzweiflung enden wird. Wie meinte meine Freundin gestern? Es wäre das Beste, wenn alle bei Null anfangen würden. Nur wird das natürlich nie passieren. Die Reichen werden immer reicher, während die Armen immer weiter ins Abseits geraten.
Das hat ja leider auch gerade wieder das Home Schooling deutlich gemacht. Da wird mal einfach davon ausgegangen, dass jede Familie über entsprechende Endgeräte verfügt, damit alle Kinder am Online-Unterricht teilnehmen können. Dass gerade an den Schulen mit sozial schwächeren Kindern diese Endgeräte fehlen, darauf ist noch keiner gekommen. Und auch das Home Schooling an sich… Mein „kleiner“ Neffe hat unregelmäßig Unterricht. Deutsch fällt seit dem Sommer immer auf die Abendstunden. Das kapiere ich nicht. Gestern hatte er dann auch abends noch Informatik. Spielen wir jetzt komplett wilde Sau? Wie will sich eine Routine einpendeln? Wie soll hier eine verlässliche Struktur geschaffen werden? Manche Lehrer machen es sich da schon verdammt bequem. Ich wundere mich da schon immer, ob da niemand von der Schule mal nachschaut? Würden Lehrer nach Leistung bezahlt, würden sich manche Probleme ganz von allein auflösen. Und ja, ich weiß, es gibt auch engagierte Lehrer. Fairerweise muss ich gestehen, mir sind noch nicht viele über den Weg gelaufen.

Wir werden sehen, was nach Corona ist. Es wird einiges anders sein, aber anders heißt ja nicht schlechter. Es ist leider ein Phänomen von uns Menschen, Veränderung gegenüber misstrauisch zu sein. Trotzdem ist Veränderung notwendig. Also lassen wir uns auf diese Reise ein, die vor uns liegt, oder? Was bleibt uns auch anderes übrig? Ich bin mir sicher, dass vieles auf uns wartet, was auch gut ist. Nur das „Leben auf Pause“ darf mal so langsam weitergehen. Ich bin gespannt…