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Wirrwarr im Kopf

Kennt Ihr das? Das Gefühl, Ihr seid berauscht vom Leben? Ihr habt soooo viele Ideen im Kopf…und das Einzige, was Euch hindert, ist der fehlende Mut. Immer wieder höre ich, wie mutig ich doch sei. Dabei bin ich so oft ein Hasenfuß. Wobei…naja, ganz so ein Hasenfuß natürlich auch nicht. Ich mache mir einfach immer einen riesigen Kopf um alles, was schiefgehen könnte. Und vor allem, dass ich nicht genügen könnte. Ich laufe dann nicht weg, obwohl der Drang in mir ganz groß ist. Da helfen dann nur die Hörner, die es einfach nicht zulassen, zu kneifen. Erneut ein Hoch auf meine Bockigkeit! Aber viele Ideen verpuffen, weil ich nicht die Traute habe, mir ein Nein abzuholen. „Vermeidung“ heißt da das Zauberwort. Und hey, das sollte auch eine olympische Disziplin werden. Dann hätte ich echt Chancen auf die Goldmedaille. Ich bewundere die Leute, die einfach wagen. Die gar nicht nachdenken und ins Abenteuer springen. Da holt man sich bisweilen mal eine blutige Nase. Nur jammert man dann am Ende des Lebens nicht verpassten Chancen hinterher.

Gestern erst habe ich mit einer lieben Freundin telefoniert und gesagt, wie wenig Not ich gerade hätte. Und das stimmt auch. Es gibt keine großen unmittelbaren Sorgen, Nöte oder gar einen Druck. Da ist es (leider) möglich, sich um unwichtige Dinge im Leben einen Kopf zu machen (wobei hierbei ja auch viel Kreativität freigesetzt wird). Bei all den Bildern in den Nachrichten komme ich mir dann schäbig vor, worüber ich mir da derzeit graue Haare wachsen lasse. Dabei ist es wohl nur „normal“. Wenn wir Menschen im Überlebensmodus sind, dann funktionieren wir. Da wird nicht mehr viel gedacht, sondern alles ist auf Automatismus ausgerichtet. Auf der anderen Seite steht da die vermeintliche Sorglosigkeit. Ich habe ein Dach überm Kopf, einen Job, Freunde, Familie und meine Freiheit. In solchen Momenten stelle ich mir dann immer die Sinnfrage. Irgendwie pervers, wenn man den Blick Richtung weggebrochener Existenzen lenkt. Und doch wieder auch menschlich. Dabei denke ich nicht darüber nach, wie ich mehr Kohle scheffeln oder auf der Karriereleiter nach oben purzeln könnte. Mir geht es eher darum, etwas zu hinterlassen. Klingt auch pathetischer, als es vermutlich ist. Trotzdem… Mich beschäftigt die Frage, was ich tun kann, um mehr Menschen zu erreichen? Nein, nicht hier bei WordPress. Das dient in erster Linie dem Sortieren meiner Gedanken. Ich möchte einfach mehr bewegen. In den Geschichtsbüchern soll nachher nicht mein Name prangen. Aber ich möchte eben auch nicht völlig bedeutungslos sein. Ganz schön vermessen, hm?

Es gibt Menschen, die können sich so gar nicht vorstellen, wie Ihr Leben anders aussehen könnte. Die haben keine Phantasie, was (noch) alles möglich wäre. Bei mir ist es eher das Überangebot an vielen Möglichkeiten. Ich sprudele bisweilen vor Ideen. Aber da ist die Sorge, wenn ich eine davon weiterverfolge, andere hinter mir lassen zu müssen. Wer mag schon das Wort Verzicht – oder vielmehr das Gefühl, das dieses Wort auslöst? Und wer garantiert mir, dass ich mich für die richtige Idee entscheide? Niemand. Wäre ja auch noch schöner. Trotzdem hätte ich das in meiner Pippi-Langstrumpf-Haltung manchmal gerne. So, wie andere vermutlich gerne hätten, neue Ideen entwickeln zu können. Die einzige Person, die mich bei all meinen Überlegungen wirklich bremst, bin ich. Und ja, da kann ich immer wieder betonen, dass ich so erzogen wurde. Mädchen dürfen sich nicht verwirklichen. Aber diese alten Anker, die in der Erde feststecken, sind im Grunde doch längst durchgerostet. Es gibt da so ein sehr schönes Bild, von einem Pferd, das an einem Plastikstuhl festgemacht ist. Im Grunde könnte es jederzeit gehen, aber es denkt eben, es werde festgehalten. Es ist also alles mehr oder weniger nur in unserem Kopf. Da heißt es doch immer, Einsicht sei der erste Schritt in Richtung Besserung. Das stelle ich bei mir nur bedingt fest. Ich habe viiiiel Einsicht. Die Besserung lässt hingegen ganz schön lange auf sich warten. Und das bei meiner Geduld! Ich sage es immer wieder: In meinem Kopf will auch keiner von Euch wohnen. Aber so erkennt Ihr bisweilen vielleicht, wie „normal“ Ihr seid. 🙂 Hat doch auch was, gell?

Katastrophen fördern alle Gesichter zutage

Was für eine krasse Zeit! Die Flutkatastrophe in meiner alten Heimat ist für mich so unwirklich. Ich sitze ja auch weit genug davon entfernt. Die Bilder zeigen in Teilen mir vertraute Orte. Und wenn ich den Dialekt in manchen Interviews höre, dann erinnert sich mein Herz. Was für ein Wahnsinn.
Früher habe ich oft gesagt, wie langweilig ich unsere Gegend finde. Es fehlt Aachen beispielsweise an Flair durchs Wasser, wie Düsseldorf oder Köln es vorweisen können. Alles war mir immer zu verschlafen, zu öde. Meine Mom hat dann gerne gegengehalten, dass wir dafür in einem katastrophenarmen Gebiet lägen. Bis vor Kurzem habe ich das geglaubt. Jetzt nicht mehr.
Meinen Lieben geht es gut, worum ich froh bin. Wenn ich allerdings manches mitbekomme, was „nebenher“ so abgeht, dann kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Mein Schwager ist gebeutelt, arbeitet er doch im Ordnungsamt. Und ja, ich schimpfe häufig und ausgiebig über manche Beamten. Doch bei ihm weiß ich, wie herausfordernd die Zeit seit Corona war. Welcher Bürger ruft schon in Berlin an, um sich zu beschweren? Oder auf Landesebene bei Laschet? Und irgendwie brauchen manche Menschen ja ihre Ventile, wo sie ihren Dampf ablassen können. Ich hatte ihm von Herzen gegönnt, dass er jetzt etwas mehr zur Ruhe kommen kann, wo es ja etwas ruhiger um die Pandemie geworden ist. Doch nein. Jetzt kommt diese Katastrophe. Und mit ihr so viele Schicksale. Es werden immer noch so viele Menschen vermisst. Andere stehen vor dem absoluten Nichts. Schnell ist man dabei zu sagen: „Ich kann es mir vorstellen“, doch ist das sooooo meilenweit entfernt von meiner Realität. Ich kann es mir nicht mal in Ansätzen vorstellen, wie sich das anfühlen muss, alles zu verlieren…
Und mittendrin? Da gibt es Gaffer und solche, die meinen, sie müssten ihr Mütchen immer noch irgendwie an anderen kühlen. Ein Mensch hat beispielsweise auf Facebook angeprangert, ob das denn ernsthaft nötig sei, jetzt noch Knöllchen zu verteilen? Da sollten die Herrschaften vom Amt doch lieber den Kehrer und die Schaufel in die Hand nehmen und mithelfen. Es wurde natürlich kein Knöllchen geschrieben. Sie packen überall mit an. Eine Knöllchen-Dame hockt seit zwei Nächten in einer Notunterkunft, weil sie ihre Wohnung räumen musste. Bei dieser Falschaussage konnte sie nur noch weinen. Ist das wirklich nötig? Braucht es das jetzt? Leider bin ich nicht bei Facebook, sonst würde ich mal fragen, wie dieses Arschloch denn bei all der Hilfe, die er ja gerade leiste, noch die Zeit zum Posten aufbringen könne? Worte verletzen tief. Es wäre schön, wenn diese Menschen einmal für ihre Unwahrheiten zur Rechenschaft gezogen würden, wenn sie schon wahllos Leute verbal anschießen.
Oder eine Dame, die meinte, drei Mal bei der Notrufzentrale anrufen zu müssen, weil sie durch das gestiegene Wasser nun eine Rattenplage habe. Wer das denn zahlen müsse? Und wieso sich jetzt keiner sofort kümmern würde? Es gibt Menschen, die ihr Leben gelassen haben…andere, die vermisst werden, wieder andere, die alles verloren haben. Und diese Frau belegt eine Leitung wegen Ratten? Da pack´ ich mir ans Hirn. Sehr sozial und solidarisch.
Doch das ist eben die Kehrseite: Es gibt sogar sehr große Solidarität, wie sich gerade wieder zeigt. Menschen, die bis zur völligen Erschöpfung ackern, um zu helfen. Andere, die spenden, was sie erübrigen können. Oder solche, die andere versorgen, die helfen – sei es mit Essen oder Heißgetränken. Menschen, die ihre Couch zur Verfügung stellen. Das rührt mich hingegen umso mehr. Ich will irgendwie glauben, dass dies die Menschen sind, die in der Mehrheit sind.
Ich wünsche mir, dass die Politiker jetzt nicht weiter ihren Wahlkampf befeuern, sondern endlich mal ihr Herz sprechen lassen. Ich hoffe, dass sich auch die Helfer nicht übernehmen bei ihrer Hilfe – denn Leichen bergen zu müssen, kann schrecklich traumatisch sein. Und ich baue darauf, dass viel mehr überlebt haben von denen, die gerade noch vermisst gelten, als Spezialisten mutmaßen. Und ich hoffe, es geht Euch allen da draußen auch gut…

Auch Biene Maja hat Hater

Ich sitze im Wartezimmer. Der Gang hierher war viel netter. Der Security Mann in unserer Firma ist nämlich ein Kracher. Er strahlt mich an – einen halben Kopf kleiner als ich – und fragt: „Aaaaaah, sind Sie die Claudia?! Ja ja, when the weather is perfect it must be Claudia.“ Ja, so in etwa schaue ich auch. Ich kenne den Herrn nämlich nicht. Aber ich muss dann doch lachen. Wir plaudern kurz, der Kleine ist nämlich gut gelaunt und in Sabbelflirtstimmung. Er stammt aus Nigeria und schmettert ein Loblied auf Deutschland. Wir seien die Besten! Ich muss erneut lachen. Ich widerspreche, dass wir nicht soooo toll seien und auch Schwachmaten vorzuweisen hätten (ob ich ihm mal Heinz vorstellen soll?). Doch er hält dagegen, dass hier alles so perfekt laufe, es so sauber sei und ohne Korruption und überhaupt. Ah ja. Ich ergänze: „Und wir sind die Nummer eins im Meckern.“ Da muss er dann auch lachen.
Die Impfung verläuft auch unspektakulär. Dieses Mal sticht mich eine Frau, die das Aufklärungsgespräch vom Arzt noch mal verstärkt: „Wenn Sie heute Feierabend machen, dann machen Sie das auch wirklich! Also alles in Ruhe, nicht mehr Bügelwäsche erledigen oder so was! Und drei Tage keinen Sport!“ Ich grinse: „Gut, das fällt mir jetzt schwer.“ Sie erweitert: „Und danach noch mindestens vier Tage nur sehr leichten Sport.“ Ich grinse noch breiter: „Ach je, wie schade.“ Da lacht sie und sagt: „Ich treibe ja auch keinen Sport. Aber es gibt immer wieder Leute, die das hier diskutieren wollen.“ Jo, es soll auch Menschen geben, die Spinnen mögen. Gehöre ich ja auch nicht dazu.
Aufgrund des Heuschnupfens lässt mich der Arzt in der Tat wieder 30 Minuten im Wartebereich Platz nehmen. Meine Geduld ist in letzter Zeit nicht irgendwie mehr geworden. Sie ist nach wie vor kaum vorhanden. Doch dieses Mal bin ich präpariert und habe mein Handy eingepackt. Und so tummel´ ich mich bei LinkedIn, wo ich auf die Aussage des Tages treffe: „Auch Biene Maja hat Hater.“ Der Aritkel bezieht sich auf ein Bild, auf dem etwas in der Art steht, dass es immer Menschen gäbe, die Dich lieben und solche, die Dich eben hassen – am Ende habe das alles nur herzlich wenig mit einem selbst zu tun. Diesen Biene Maja-Spruch finde ich dazu dann so lustig, dass ich mitten im Wartezimmer losprusten muss. Manchmal überkommt mich so was. Meine Mitgepieksten stört´s nicht.

Heute habe ich dann auch mal wieder meine alle drei bis vier Wochen stattfindende Rücksprache mit meinem „helsi Koana“. Es ist echt nicht mehr zu fassen, wie sehr er rumstammelt und nichts auf den Punkt bringen kann. Das war vor drei Jahren noch nicht so. Er ist einfach durch. Trotzdem nervt es leider auch. Ich frage nach zwei Themen, die er wohl auch auf seiner Agenda stehen hat. Der erste Punkt ist noch ok, wenn er mich schon auch langweilt. Der zweite Punkt ist etwas, für das ich mit Heinz zusammenarbeiten soll. Ich soll die Ansprechpartnerin für den obersten neuen Chef sein. Ich soll auch das Schulungskonzept gestalten. Der Hinkefuß ist allerdings: Ich soll das mit Heinz zusammen machen. Dazu soll ich auch noch einen Tag mitgestalten, an dem ich nicht mal da bin. Ich verweise auf Heinz, der das doch machen könnte? „Na! I sog amol so: Des wuil i übahaupts gar net.“ Prima Erklärung, oder? Nach Schwallerschwaller seinerseits, fasse ich das so zusammen: „Verstehe ich das richtig: Du willst auf keinen Fall, dass Heinz das macht, weil Dir die Qualität dann nicht passt. Weil Heinz aber nun mal der Höchstbezahlte ist, braucht er Verantwortlichkeiten, da sonst die Kohle nicht gerechtfertigt ist. Soweit richtig?“ Kurzes Zögern: „Äääääh…jo…so konn ma des sogn.“ Ich hole Luft: „Weil Ihr es nicht schafft, ihn irgendwie anderweitig zu bespaßen, soll ich mir die Nerven an ihm schleifen, Mehrarbeit produzieren, ihn glänzen und die Hauptkohle einstreichen lassen?“ Er zögert wieder: „I woaß, oba…jo…so isses.“ Alter! Sein Ernst?!?!?! Ich kann nicht anders: „Dann pass´ jetzt mal gut auf: Ich sage nie nein, mache alles möglich, aber hier ist jetzt Schluss. Entweder macht Heinz das komplett allein oder ich. Ich habe keinen Stress damit, wenn er das Amt bekommt. Aber ich mache das auf keinen Fall mit ihm zusammen. Du hast die Wahl.“ Schnauben…erneutes Schnauben…und noch mal…dann: „Oba…do hob i jo koa Wahl net.“ Ich bleibe ruhig, während meine Kollegin am Schreibtisch gegenüber aufsteht und mir beide Daumen nach oben zeigt: „Doch. Die hast Du. Du kannst Dich zwischen ihm und mir entscheiden. Mir ist meine geistige Gesundheit was wert. Und die werde ich nicht von Heinz torpedieren lassen.“ Wieder Schnauben. Rede ich hier mit Antje, dem Walross von NDR oder was? „Do bringst mi in a saubleede Situation.“ Stimmt: „Verstehe ich. Andersherum tust Du das sonst bei mir. Also darfst Du das nun mal selbst regeln.“ Ich weiß, so redet man nicht mit seinem Chef. Aber es reicht. Ich mache das so nicht mehr mit. Seit Monaten übernehme ich das Denken für meinen Chef, die Arbeit für Heinz mit und darf mich noch dümmlich von Letzterem belehren lassen. Nö. Irgendwann ist Schluss. Jetzt geht mein Chef erstmal in Urlaub. Da darf er sich gerne ein wenig mit der Frage beschäftigen, was er denn will. Ich habe ja auch klar geäußert, was ich will. Manchmal ist es so einfach. Und wenn ich damit einen Hater mehr gewonnen habe, dann heule ich mich eben bei Biene Maja aus. Die soll das Phänomen ja schon kennen. In diesem Sinne: Summsumm…bsssssssssss……..

helsi Koana

Es ist mal wieder Montag – so weit, so unspektakulär. Aber…Ihr wisst ja, wie sehr ich Montage liebe. Heute ist es aber in der Tat gar nicht so schlimm. Wobei ich vergessen habe, Euch die allerwichtigste Info zu geben: Heinz. Nein, das ist nicht die komplette Aussage, obwohl der Typ an sich schon ausreichend wirkt. Doch worauf ich eigentlich hinaus will: Heinz is back in the hood. Wem die Aussage auch noch nicht reicht: Heinz bleibt der Firma erhalten und geht nicht. Gut, mich hat’s jetzt nicht wirklich überrascht. Wen hingegen schon? Richtig, meinen Chef. Er konnte es weder fassen, noch verstehen. Ich komme nicht umhin, es so zu kommentieren: „Ihr könnt Euch doch nicht jahrelang so was züchten, ihm dann sagen, er könne wählen – gehen mit Abfindung oder bleiben – und dann auf die plötzliche Erleuchtung seinerseits hoffen.“ Hat er aber anscheinend schon… und droht mir dann: „Bei da neu’n Chefchefin wiad oba a ganz a andra Wind wehn fürn Heinz. Des sog i Dia glei!“ Wieso sagt er es mir? Er sollte Heinz drauf vorbereiten.

Das Highlight der heutigen Teamrunde? „Helsi“. Was das heißt? Das wisst Ihr echt nicht? „Es wiad a helsi coana gebm.“ Mitten in Helsinki? Nö, in der Kantine. Was damit gemeint ist? Wir bekommen eine neue Kantine. Diese wird eine Pizza-/Pastaecke bekommen, eine Salatbar, ein paar andere Ecken ebenfalls…unter anderem eben auch eine „füa helsi fuut. Ääääh…i schätz a mol so vegaaans Zeig.“ Göttlich. Wenn ich so was höre, dann ist mein Tag fast perfekt. Da braucht´s gar nicht mehr viel. Meine liebe Kollegin schreibt mir auch prompt per What´s App, wir sollten doch einfach mal nur den Ton genießen – gar nicht auf die selbsterklärenden Folien schauen, einfach nur dem Ohr diesen Schmaus gönnen. Da könnte man glatt ein komplettes Bühnenprogramm draus machen, mutmaße ich. Herrlich. Einfach herrlich. Derweil fachsimpelt der gute Heinz, was der Trainer von England gestern hätte besser machen können. Interessiert mich in etwa so wie „da helsi Coana“. Ich bin ein Miststück, ich weiß. Manches ändert sich einfach nie.

Der Tag ist recht gut gefüllt, was mir ja auch gefällt. Der vierstündige Workshop, zu dem ich mich quasi selbst eingeladen habe, läuft auch rund. Tom, einer der Teilnehmer, kenne ich seit nahezu Beginn meiner Tätigkeit dort. Natürlich träller´ ich ihm entgegen: „Da freuste Dich, dass Du mal wieder die rheinische Frohnatur mit ihren Superlativen um Dich hast, gell?“ Er grinst nur breit: „Woaßt scho: Des bas´d scho.“ Bayern und Rheinland – da prallen einfach Welten aufeinander, und gerade deswegen passt es vermutlich so gut. Was ich nicht wusste: Tom hat Hühner. 26 Stück an der Zahl. Und Bienen! Entrüstet frage ich: „Wieso habe ich noch nie Eier von Dir bekommen???“ Lasst das mal nachwirken. In einer Runde von ausschließlich Männern, ist das nicht unbedingt der schlauste Spruch. Letztlich sind mir seine Eier nahezu genauso egal, wie die Eier seiner Hühner. Interessanter finde ich in der Tat den Honig und eventuell Propolis. Bei Propolis zuckt er: „Jo, konnst scho ham. Musst holt nua aus die Wabn selbst rausziagn.“ Nee, nee, so habe ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Aber was ich mir schon so vorstelle, entspricht ja leider eher selten der Realität.
Wir lachen viel, was mir einfach mal wieder zeigt: Ja, Home Office ist gut und schön. Ich werde es auch weiterhin betreiben. Aber vor Ort ist eben gleich eine ganz andere Dynamik da. So ist ein Arbeiten in einer Runde echt ergiebiger. Gut, für die Jungs heißt das leider auch: Die Olle nervt mal wieder mit W-Fragen und erklärt, warum die oft sinnvoller seien als geschlossene Fragen. Und sie hören mir auch brav zu, warum Loben und Erfolge Feiern so wichtig sind. Ich biete ihnen sogar an, bei Teamevents außerhalb der Arbeitszeit zu unterstützen und die Mitarbeiter mit doofen Spielen zu quälen, damit sie wieder zu mehr Gemeinschaft zurückfinden. Man darf gespannt sein, ob sie das zeitnah umsetzen können. Denn eines ist mir jeden Montag aufs Neue sicher: Mein Team wird nicht mein Team bleiben – andernfalls müsste ich Amok laufen, mich selbst verletzen oder ein Bühnenprogramm dazu schreiben. Zu allen dreien habe ich wenig Lust. Es hilft also nur der Wechsel.

Apropos Bühnenprogramm: Was ich in der Tat immer mehr denke, ist die Idee, eine Werks-Theatergruppe zu gründen. Warum eigentlich nicht? Klingt erstmal komisch. Es wird auch viele nicht überzeugen. Aber muss es das? Ich glaube, an der Idee feile ich noch ein wenig rum, bevor ich dann meinen Betriebsratsspezl anpiekse und frage, wie ich das am besten angehe. Was ich tu´, wenn Heinz sich meldet? Wird er nicht…aus vielfältigen Gründen: Er ist a) ausschließlich im Home Office, hat b) Angst vor mir (wieso nur? Ich beiße nur, wenn mich darum bittet – und auch dann nur, wenn mir mein Gegenüber lecker erscheint…und das tut er mal so gar nicht!) und c) kann er sich nicht freiwillig zum Deppen machen – auch wenn er es oft trotzdem tut, aber nur unfreiwillig.
Wir werden sehen. Vielleicht ist jeder Gedanke gerade eh vergebens, denn morgen erhalte ich nach bereits drei Wochen meine zweite Impfung. Wer weiß, welchen weiteren Schaden das meinem Hirn zufügen wird? Wobei…noch mehr lala kann ich kaum werden. Gerade bin ich überdreht. Tja, auf Regen folgt Sonnenschein, hm? Ich hoffe nur, dass gefühlstechnisch nicht auch noch Unwetter folgen, wie die Natur das gerade munter vormacht. Es bleibt, was es ist: Das Leben.

viele Dämme brechen auf einmal

Uff…wieder da. Nicht, dass es mich zeitweise nicht gab. Ich war nur einfach nicht hier. Über verschiedenste Kanäle habe ich nun mitbekommen dürfen, dass es die ein oder andere Sorge diesbezüglich gab, was mir leid tut. Mir war schlicht und ergreifend kein bisschen nach Schreiben. Es war der Zufall, der die Serie abreißen ließ – wenn es denn Zufälle gibt? Ich glaube ja nicht so recht daran. Und dann war es für den Moment befreiend, nicht mehr zu schreiben. Klingt komisch, weil gerade das Schreiben mich ja oft „befreit“ – von allzu viel Gedankenchaos, zu vielen Eindrücken, zu viel von allem Möglichen. Vermutlich braucht jeder mal eine Pause. Und ich dachte auch, dass die neu gewonnenen Freiheiten, die wir ja mittlerweile wieder genießen dürfen, auch nicht unbedingt dazu gedacht sind, viel in WordPress zu lesen. Ich wähnte Euch alle also draußen, im Rausch des Lebens. Wie hörte ich unlängst: „Du bist schon sehr absolut, oder?“ Absolut! 🙂 Ganz oder gar nicht, wobei ich grau ja doch auch sooo schätze. „Et is, wie et is.“ An dem kölschen Grundgesetz gibt es einfach nichts zu rütteln.

Meine letzten Wochen waren…viel. In jeder Hinsicht, schätze ich. Manche alten Geister haben mich erneut heimgesucht. Vor 12 Tagen war beispielsweise die Goldhochzeit meiner Eltern. Und damit verbunden, kommen viele Erinnerungen und auch Verletzungen hoch. Es war ein Tag, den ich gefürchtet hatte, war doch klar, dass ich keineswegs daran teilnehmen würde. Und kennt Ihr solche Dilemmata? Ihr könnt tun, was Ihr wollt – am Ende ist es immer falsch, und jeder hat sein Urteil dazu parat. In der Regel, ohne wirklich alle Wahrheiten zu kennen. Das bin ich so satt. Und statt, den anderen so sein zu lassen, wie er ist, erlaubt sich jeder seine Bewertung. Wenn ich in solchen Momente nicht so großartige Freunde hätte, wäre ich wohl aufgeschmissen. Wie jede Medaille zwei Seiten hat, ist das eben das Positive daran: Menschen, die mir nicht sagen: „Du machst alles richtig“, sondern die mir sagen: „Mach´, was für Dich richtig ist. Dann wird es passen. Ich bin da – egal, welchen Weg Du für Dich wählst.“ Unbeschreiblich, wie wertvoll gerade so etwas ist.
Trotzdem war es – im wahrsten Sinne – ein Tal der Tränen für mich. Und ich weine so ungern. So ungern, dass ich davon rasende Kopfschmerzen bekomme. Die sind mittlerweile abgeklungen. Mein krasser Sturkopf hilft mir, solche Zeiten zu überstehen. Mein Humor dabei, mich in solchen Situationen nicht immer allzu ernst zu nehmen. Und so stehe ich jetzt wieder hier: Auf meinen zwei Beinen, mitten im Leben.

Vieles ist in den Fluss gekommen. Auch das hat mich ein wenig umgerissen. Wie Dornröschen in den Schlaf gezwungen, habe ich bisweilen den Lockdown empfunden. Ich bin tatsächlich gut darin, mich an Umstände anzupassen – so auch hierbei. Und dann ist es von jetzt auf gleich so, als würden alle Dämme auf einmal eingrissen. Beruflich gesehen, heißt das: Es eröffnen sich mehr und mehr Möglichkeiten innerhalb der Firma. Mein ChefChef wird unseren Standort verlassen (was mich nicht wirklich verwundert, meinen Chef hingegen sehr). Er hat mich vorletzte Woche angerufen und mir mitgeteilt, dass eine Art Academy innerhalb des Unternehmens gegründet werden sollte. Und dabei hätte er sofort an mich denken müssen und seiner Nachfolgerin dringend angeraten, sich mit mir darüber zu unterhalten, da er ja wisse, ich wolle eigentlich wechseln. Da war ich einmal mehr erstaunt. Leider war ich da gerade auch in der Talsohle, in der ich mal wieder meinen Glaubenssatz stark hörte, nirgends wirklich passend zu sein. Also habe ich sofort zu argumentieren begonnen: Andere wären viel größere Experten, was das Thema beträfe. Das sind solche Momente, in denen die Menschen mir gegenüber mit offenen Mündern erstaunt den Kopf schütteln. So auch mein ChefChef: „Du magst das Thema erst hier kennengelernt haben. Aber Du kannst alles schulen und trainieren, weil Du Menschen erreichst. Die Experten haben Expertenwissen – nur gelingt ihnen der Transfer nicht. Da gibt es keinen, der das so kann, wie Du.“ Spätestens jetzt würde jeder sagen: Genieß´ diese angenehme, warme Dusche, und halt´ einfach mal gepflegt das Maul. Wäre ich in solchen Momenten nur jeder! Ich habe weiter argumentiert, was auf noch mehr Erstaunen gestoßen ist.
Die Krux bei der ganzen Sache, ist wohl die: Ich will niemanden enttäuschen. Nicht falsch verstehen, ich weiß schon, dass ich keine totale Nullnummer bin. Bisweilen denke ich darüber nach, ob ich am Hochstapler-Syndrom leide? Ich habe immer wieder Angst, entlarvt zu werden. Irgendwann kommt einer um die Ecke und sagt: „Die kann ja mal so gar nichts!“ Nicht ganz so drastisch, erkläre ich es meinem ChefChef. Ich wolle einfach nicht zu den Dampfplauderern gehören, von denen wir so viele im Unternehmen hätten. Er lacht: „Das ehrt Dich! Und genau, weil Du so denkst, wird das bei Dir nie passieren.“ Ich bin gerührt. Und wieder steigen mir Tränchen in die Augen. Es hört sich schön an…nur fühlen kann ich es nicht. Daher glaube ich es auch nicht so richtig. Und ja, der Blick zurück ist ein doofer. Und doch ist es genau das, was mich wohl am Fliegen hindert: Die Sandsäcke der Vergangenheit. Die Ermahnungen, bloß nicht überheblich zu werden. Schließlich sei ich „nur“ ein Mädchen. Schließlich hätte keiner meiner Eltern mehr als mittlere Reife. Also woher solle das schon kommen? Männer mögen keine intelligenten Frauen! Und so geht es in einer Tour fort.

Und dann passiert genau das, was so gar nicht mehr passiert: Ich lerne einen Mann kennen. Tatsächlich nicht über eine Dating-Plattform, sondern über ein berufliches Netzwerk. Er erwischt mich gerade in dieser verletzlichen Phase. Ich denke noch, er lebt in einem ganz anderen Bundesland, nur um dann feststellen zu müssen, er lebt in München. Herrje! Und er will mich kennenlernen. Herrje, herrje. Was will der mit mir? Er ist erfolgreich, sieht gut aus, ist eloquent. Ich will eigentlich gar kein Treffen, weil es so vieles entzaubern kann. Wobei ich natürlich nur davon ausgehe, dass ich enttäusche – niemals er. Er ist gut, das muss ich ihm lassen, weil er schön die Finger in sämtliche Wunden legt, die sich so finden lassen. Das tut er keineswegs böse! Ich gebe nach, denn ein Hasenfuß will ich nicht sein. Ich fahre etwas Achterbahn…naja, etwas ist gut. Meine liebe Kollegin strahlt mich an und sagt: „Ist das schön, Dich auch mal aufgeregt zu erleben.“ Da stutze ich: Hä? Ich bin doch öfter mal aufgeregt. Aber wohl nicht so. Ich sei immer souverän und klar. Interessant, wie das nach außen wirkt, obwohl ich im Innen doch anders fühle.
Der langen Rede kurzer Sinn: Es hat nicht gefunkt. Schade. Er ist ein netter Kerl. Aber die Chemie ist nicht da. Eventuell reicht sie für eine spätere Zusammenarbeit – sein Vorschlag, nicht meiner. Ich finde das Phänomen immer erstaunlich – und bitte, an alle Herren da draußen, die das jetzt lesen: Ich weiß, Ihr seid nicht alle so. Doch vermutlich ist es in den Genen so angelegt: Männer treten auf mit „Ich kann, ich habe, ich weiß“. Und dem gegenüber stehe ich und sage: „Ich kann ein bisschen was, aber darf noch sooooooo vieles lernen.“ Dann steht man sich gegenüber, und es fühlt sich völlig anders an. Er kann vieles, er weiß auch vieles, aber es fehlt ihm an Authentizität, ein bisschen an Wärme und wohl auch an Selbstbewusstsein, was er tarnt. Und ich frage mich mal wieder: Wieso meine ich immer, mich verstecken zu müssen? Ich schaffe es zumindest, hinzuhören und Raum zu geben. Das ist doch auch mal was. Ich werde niemals bahnbrechende Technologien entwickeln, kein Mittel gegen Krebs erforschen oder mathematische Formeln lösen. Ich kann ja noch nicht mal einen Nagel gerade in die Wand kloppen! Jeder hat seine Talente und ist einzigartig. Was ich anderen predige und woran ich fest glaube, sollte ich auch einfach mal auf mich anwenden. Klingt mal wieder so leicht und wird mich vermutlich bis an mein Lebensende begleiten, weil ich daran arbeiten muss/möchte.

So, jetzt wisst Ihr, was mich so in den letzten Tagen und Wochen umwabert hat, worauf ich meine Energie ver(sch)wendet habe. Spürt Ihr das auch? Diese Bewegung, die so krass an Fahrt aufnimmt? Oder ist das mal wieder nur mein eigener, kleiner Kosmos, der mich das so empfinden lässt? Ich bin auf jeden Fall wieder sehr neugierig, was noch kommen wird. Ich wünsche mir, dass es Euch allen gut geht und danke Euch für Euer Lesen, Eure Sorgen und Euer Interesse!

Achterbahn der Gefühle

Heute ist…ein verdammt guter Tag. Dabei läuft gar nicht alles, wie am Schnürchen. Es ist trotzdem ein guter Tag. Am Morgen hingegen ist mir, als hätte die Nacht gerade erst begonnen. Ich stehe etwas neben mir und kann mich erst mit einer Dusche so richtig wecken.
Die Vorbereitung für den heutigen Workshop schließe ich mit einer Präse noch ab. Gott, wie schön doch Präsenz-Worshops sind. Da würde ich auch nie mit Powerpoint arbeiten. Miro ist bei uns nicht erlaubt. Confluence überfordert einige noch zu sehr. Also muss die gute, alte Präse her. Zum Glück muss es nicht mehr der alte Overhead-Projektor sein. Mit dem habe ich zu meinen Anfängen auch noch hantieren müssen. Vorerst bleiben wir noch bei Online-Workshops, doch das wird sich nun mit und mit ändern. Gottseidank!
Die größte Herausforderung ist bei der Truppe das Zeitmanagement. Doch ich schaffe es so einigermaßen, die Viel-Diskutierer einzufangen. Das Mädel, das ich hierbei nebenher mit ausbilden soll, sagt wieder mal kein Wort. Auch das Ausbleiben einer Kontaktaufnahme ihrerseits nehme ich zum Anlass, im Anschluss mit ihr unter vier Ohren zu sprechen. Ich frage sie auch ohne Umschweife, ob sie kein Interesse daran hätte, keine Zeit vorhanden sei oder ich sie schlichtweg einschüchtern würde? Nee, das sei es alles nicht. Sie habe nur immer noch nicht verstanden, was ihre Aufgabe sei. Ich erkläre es ihr zum wiederholten Mal und fordere sie dann auf, aktiv nachzufragen, was noch unklar sei. Nö, da gebe es gerade nichts. Es ist, wie es immer mit ihr ist: Sie hat keine Fragen, nur leider auch immer noch keine Ahnung…gepaart mit sauwenig Antrieb. Schlechte Kombi.

Und dann habe ich auch schon das große Vergnügen, mit meinem Chef zu reden. Er hat nun endlich zum Termin eingeladen, um die weitere Vorgehensweise bzgl. Potenzialgeschiss zu besprechen. Zunächst muss er allerdings noch jammern, dass er erst morgen seine Zweitimpfung erhalte und etliche andere, die ihre Erstimpfung nach ihm erhalten hätten, ihn nun überholt hätten. Zefix! Wenn er das gewusst hätte! Ist doch klar, wenn zwischen Erst- und Zweitimpfung bei Astra ca. zwölf Wochen liegen und bei BionTech ca. sechs. Ja, aber unfair sei das schon. Da pack´ ich mir an den Kopf. Wenn mir noch einer mit „unfair“ und diesem Mist kommt, hau´ ich ihn ungefragt einfach aus der Hose. Ich kommentiere trocken: „Wolfgang, ich habe noch gar keine Impfung erhalten. Also komm´ mal runter. Du genießt bald schon den bestmöglichen Schutz!“ Wieso muss dieser Volldepp immer noch meckern und jammern?
Aber dann kommen wir zu mir. Und er redet völlig gegen die Arbeit als Führungskraft. Und ob ich mir das gut überlegt hätte? Und ob das so sinnvoll sei? Und ob ich auch wüsste, dass das nicht nur Zuckerschlechen sei? Ich frage ihn, ob ich das richtig verstehe, dass er mich als naiv empfinde und mir das ausreden wolle? „Äääääh…des…naaaa…i woas a net. Na. Des passt zu Dia. I hob´ nur grad a massives Problem mit dära Firma. I konn´ goar net profissionell sei.“ Er entschuldigt sich sogar dafür. Hossa. Und dann macht er trotzdem so weiter und heult mir sein Ströphchen, dass er sich wegbewerben würde, wenn er nur 20 Jahre jünger wäre. Alter! Die Frage ist gerade weniger, ob ich geeignet bin, als vielmehr, ob er dafür geeignet ist. Doch die Antwort habe ich mir ja schon selbst mehrfach gegeben…und nicht nur ich.

Dann habe ich meine Rücksprache mit meinem eventuell potenziellen zukünftigen Chef-Chef. Und ich muss zugeben: Ich bin echt nervös. Hossa! Denn hieran liegt mir ganz viel. Nach einer Viertelstunde sagt er mir, es brauche Charaktere und Persönlichkeiten, damit sich etwas ändern könnte. Und daher stehe ich ohnehin auf seinem Zettel. Er könne mir noch nichts versprechen, da dieses Team ja erst gegründet werden müsse. Aber ich sei auf seiner Liste. Er habe nur Positives über mich gehört. Ääääh? Da bin ich mal etwas baff. Bis hierher weiß er noch nicht einmal, was ich studiert habe oder an Ausbildungen/Fortbildungen habe. Als ich ihm das kurz schildere, fühlt er sich bestätigt, dass ich genau richtig auf seiner Liste stehe. Ich bin…geplättet. Das heißt noch nichts, klar. Das bedeutet auch nicht, dass es dort wie im Rosengarten zugeht. Doch so tolles Feedback zu erhalten, das andere von sich gegeben haben, erfüllt mich schon mit Stolz…und auch ein bisschen Demut. Ich ärgere mich ja auch oft, dass alles irgendwie verpufft, doch scheint ja wohl etwas anzukommen. Und so strahle ich über sämtliche Bäckchen, als wir das Gespräch beenden und denke einmal mehr, wie unterschiedlich Führungskräfte doch sind. Auch da gibt es die Bremser und Enthusiasten…und die Deppen. Ratet mal, in welche Kategorie mein Chef passt? Ich weiß, schwere Aufgabe.

Ich fahre meinen Laptop runter und bin verdammt glücklich. Eine Stunde später klingelt mein Dienst-Handy. Die meisten würden sagen: Nach Dienstschluss ist das Handy aus. Aber ich bin ja da. Wenn irgendwer gerade was braucht, kann ich doch schnell helfen. Doch weit gefehlt! Es ist die Impf-Abteilung im Haus, die mir spontan einen Impftermin für Montag anbietet. Da zucke ich nicht, sondern rufe nur freudig: „Ja klar! Wie geil ist das denn?!“ Die Frau am anderen Ende lacht. Ich dachte, alle reagieren irgendwie so. Ich hatte mich darauf eingestellt, erst den Piekser in zwei bis drei Wochen zu erhalten.
Was bin ich doch für ein Glückskeks, oder? Jetzt kommt nur noch meine Schule, bei der wir über psychotrope Substanzen sprechen. Gut, ein ziemlich radikaler Bruch zu den Glückshormonen, aber im weitesten Sinne könnte man das ja auch einen rauschartigen Zustand schimpfen.

ET – kryptisch, dabei so logisch

Als erstes habe ich für heute ganz früh eine Einladung von einem Team bekommen. Alles Kerle, aber allesamt echte Mimosen. Bei den Werkern kann man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Bei den anderen…puh! Beim letzten Mal habe ich sie gelobt für ihr Ergebnis und darauf hingewiesen, dass dies allerdings nichts mit der Methode zu tun hätte. Oh je, da waren sie aber beleidigt, weil ich ja gesagt hätte, alles sei Scheiße. Ach, so was mag ich ja. Kleine Mimis. Sie wollten nach einem Monat noch mal nachfragen. Nun sind auch locker zwei vergangen. Als sie loslegen, bemerke ich, dass sie nicht die kleinste Kleinigkeit angepasst haben. Doch dieses Mal ist der Chef dabei. Also bekommt auch nur er Feedback. Und der is a Schwob. Die Sprache klingt, wie ich finde, immer recht nett: „Da dafür könnet mir net schwanger sei.“ Solche Formulierungen liebe ich. Er versteht mich auch, als ich ihm erkläre, worum es dabei gehe: Die Mitarbeiter sollen entwickelt werden. Tue er doch auch! Er sage ihnen schließlich, was sie zu tun hätten. Manchmal möchte ich mich erschießen – oder mein Gegenüber. „Nein! Die sollen ihre eigenen Ideen einbringen. Sonst behalten wir die ewig gleiche Suppe bei. Es kommt am Ende nur Dein Ergebnis heraus, und die Arbeiten hast Du delegiert.“ Ja, aber von seinen tollen Ideen könnten sie dann ja lernen! Was soll ich da noch sagen? Setzen, sechs? Und überhaupt könne er ja nur mit dem Strom schwimmen. Schließlich habe er zwei schulpflichtige Kinder Zuhause, für die er ja auch sorgen müsse. Da könne man nicht mal was ausprobieren oder gar auf Missstände hinweisen. Ich kündige ihm an, mein Vergleich, der jetzt komme, sei krass, aber im Grunde passend: „So hat es bei Adolf auch funktioniert.“ Da gibt er mir recht und erklärt mir, wie häufig er völlig widerwillig zur Arbeit gehe und den Scheiß so satt habe.
Ich glaube, so geht es ganz vielen. Auf Dauer macht das aber doch nur krank, oder? Mich regt auch vieles auf. Die Frist, die ich mir gesetzt habe, ist Mitte nächsten Jahres. Ist bis dahin die Umstrukturierung gelaufen und ich mit für mich herausfordernden Aufgaben versehen, ist alles chic. Falls nicht, ändere ich was – intern oder auch extern. Als gäbe es echt nur einen einzigen Arbeitgeber. Solche Menschen, die innerlich gekündigt haben (und ja, das hatte ich phasenweise auch), kosten die Firmen eine Menge Geld. Der Idelaist in mir will da was ändern. Nennt mich ruhig Don Quijote.

Für den morgigen größeren Termin fragt mal wieder keine der Verantwortlichen nach. Die eine Dame soll ich einarbeiten, während sie ständig mit Aussagen, wie: „Bin ich noch nicht zu gekommen“ um die Ecke kommt. Mein Spitzenreiter ist allerdings ihre Aussage: „Oh!“ Oder anderthalb minütiges Schweigen nach einer Frage, die ich stelle. Sie ist komplett passiv, bezeugt allerdings auf Nachfrage, voll motiviert zu sein. Die andere Dame ist zwar hoch motiviert, dafür aber total chaotisch. Wir müssen uns in diversen Veranstaltungen abstimmen. Das muss jedoch immer von mir ausgehen, weil sie es immer vergisst. Sprich: Ich pinsel´ eine Agenda, eine Präsentation, überlege mir ein strategisches Vorgehen und ernte ein: „Ach, das ist ja toll. Das können wir gerne so machen.“ Manchmal frage ich mich, ob viele einfach nur stumpf sind? Vermutlich weil sie wissen, dass es immer Deppen (wie mich) geben wird, die ja Input liefern. Was gäbe ich darum, einmal mit verbindlichen, motivierten Leuten zu arbeiten, die Bock haben, gemeinsam was zu bewegen. Da war es echt noch im Gefängnis leichter.

Zur Belohnung schaue ich kein Fußball, sondern fahre zu einer Freundin zum Grillen. Und wie das so ist, wenn man auf der Terrasse grillt, hängt schon der Erste übern Zaun. Nein, nicht um zu schimpfen, sondern um zu labern. Finde ich lustig, auch wenn mir das bei mir Zuhause vermutlich auf den Zeiger gehen würde. Und Rabbeldiwutz fachsimpeln der Nachbar und ich über die EM. Wir glauben beide nicht an eine echte Chance der Deutschen. Andererseits: Totgesagte leben länger, gell? So was fällt mir ja leicht bzw. fällt mir gar nicht auf, mit einem mir bis dato Unbekannten zu quatschen. Und dann auch noch unqualifiziert, aber fachmännisch. Die Freundin lacht sich in der Küche kaputt und verweist darauf, dass wir zwei Bekloppten eben einfach Rheinländer sind. Wir schaffen es, mit nahezu jedem ins Gespräch zu kommen, wenn wir denn wollen.
Zurück Zuhause, checke ich dann doch mal den Zwischenstand. Und da sehe ich, dass die Franzosen 1:0 führen, was mich nicht wundert. Allerdings wundere ich mich über den Torschützen, weil ich Hummels bislang in der deutschen Nationalelf wähnte. Und so frage ich mich, was „ET“ in Klammern dahinter wohl bedeuten mag? ET, wie der Spielberg-Klassiker? Also der Außerirdische? Und dann dämmert´s dann selbst mir hohler Nuss, dass das wohl Eigentor heißen muss. Das ist natürlich bitter. Ein Urteil kann ich mir nicht erlauben, da ich es ja nicht gesehen habe. Ist vielleicht auch besser so. Denn so kann ich nach einem schönen Abend glücklich und zufrieden ins Bettchen sinken. Ach, was will ich mehr? Ok, ein paar Dinge fallen mir schon ein. Doch fürs Erste ist alles gut so, wie es ist.

ein wenig Sehnsucht

Gott Fußball regiert mal wieder die Welt. Es ist ja nett, dass da wieder so etwas wie Normalität eingezogen ist. Normal ist dieses riesige Brimborium allerdings nicht. Eine einzige große Gelddruckmaschine. Und nein, ich habe nichts gegen Fußball. Und nein, ich will gar nicht in die gleiche Kerbe schlagen, was die Wiederaufnahme des gestrigen Spiels nach der Reanimation eines Spielers betrifft. Es gefällt mir nur nicht, wie vieles für den Fußball in den letzten 15 Monaten möglich war, in denen für andere Dinge im Kleinen striktere Regeln galten. Geld regiert eben immer noch die Welt. Ich dachte, dieses Konstrukt würde irgendwann bröckeln, aber das war wohl naiv. Genauso naiv, wie meine Mom immer meinte, mich wegen meiner hellen Hautfarbe trösten zu müssen, indem sie meinte, das würde irgendwann wieder ganz en vogue sein. Wurde es nie. Naja…gibt schlimmeres, gell? Und versteht mich nicht falsch: Ich mag Fußball echt gerne und schaue garantiert auch das ein oder andere Spiel. Nur dieses riesige Geschäft, das damit gemacht wird, finde ich ekelhaft.

Was ich hingegen gut finde, ist die Tatsache, nächsten Samstag ganz ohne Test zum Friseur zu können. Ich musste bislang noch keinen Test von einer anderen Person vornehmen lassen, was mich echt sehr erleichtert. Wenn sie einem so ein Stäbchen bis zum Hirn hochschieben, wüsste ich nicht, wie ich mit dem Tester verfahren würde. Da ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe, würde ich wohl denken, im Gegensatz müsste ich ihm/ihr auch was tun. Dann ist es doch besser, ganz ohne Testung zum Friseur zu können, oder? Man muss auch für die kleinen Dinge dankbar sein.

Dieses Wochenende komme ich so gar nicht in Schwung. Vermutlich liegt das am Wetter? Ich weiß es nicht. Den Kindern da unten scheint´s nichts auszumachen, denn sie kreischen und brüllen weiter um die Wette. Ist doch schön, wie frei und wild sie noch sind. Bis ein älterer Herr runterbrüllt – und das im breitesten Bayrisch. Mein Gott, es sind doch immerhin noch Kinder. Und ja, sie sind laut und nerven mich auch hin und wieder…wobei, eigentlich nur der Brüllhannes. Ich mag nicht, wenn Kinder sich überall aufführen, wie sie gerade wollen, weil Mutti und Vati denken, das Kind müsse sich doch bitte entfalten – mitten im Supermarkt. Da bin ich auch schwer genervt. Aber wenn sie draußen rumlaufen, finde ich das super. Da sollen sie kreischen, so viel sie wollen. Gehört doch dazu. Wir hatten den Vorteil, in einem Feldweg zu wohnen, wo es keine direkten Nachbarn gab. So konnte sich auch niemand beschweren. Aber hier? Wo es Wohnkomplexe gibt, da müssen Kinder doch draußen auch herumtollen dürfen. Den Sound höre ich lieber, als all die Rasenmäher und elektrischen Heckenscheren.

Ich sehne mich gerade wieder einmal nach Südamerika. Erst letztens habe ich eine Doku darüber gesehen. Da geht vieles einen viel natürlicheren Gang. Sicherlich ist es kein Zuckerschlecken, da zu leben. Das Leben ist mühsam, aber eben auch echt. Die Menschen sind so herzlich, so voller Lebensfreude und stolz auf ihre Kultur. Ja, ich möchte wieder dorthin…ein bisschen Erdung und Demut tanken. Das kommt alles wieder. Die Testpflicht ist ja jetzt schon innerhalb Deutschlands weg. Wenn sich die Zahlen so weiterentwickeln, ist nächstes Jahr bestimmt wieder mehr oder weniger alles andere drin. Dann wird´s kein Halten geben. Dann bin ich mal wieder unterwegs…auf der Suche nach neuen Impulsen und spannenden Geschichten.

aus dem Nichts

Was für ein Tag. Manchmal ergeben Dinge im Nachhinein dann doch einen Sinn. Ich bin froh, dass heute der letzte Tag der Woche ist. Gestern habe ich über zehn Stunden in der Arbeit gehockt. Da darf jetzt auch mal das Wochenende beginnen. Und dieses schwüle, drückende Wetter tut sein Übriges dazu, dass ich platt bin. Daher bin ich froh, wenn ich den heutigen Tag hinter mir habe.
Und so beginne ich mit meiner ersten Veranstaltung – nach diversen Skype-Telefonaten. Es läuft alles hübsch, wie geplant, was mich ruhiger werden lässt. Seit gestern schwirren so ein paar Dinge durch meinen Kopf. Da kann ein bisschen Ruhe nicht schaden. Nach dem Meeting ist vor dem nächsten Meeting, und ich will mir eigentlich kurz was zu schnabulieren machen. Doch da ruft mich ein direkter Kollege an. Ausgerechnet der, den ich wirklich gar nicht schätze, weil er immer und überall Feuerchen legt. Aber gut, ich schaue mal, was er denn so will.
Er kommt ganz harmlos ums Eck, wie ich das mit der Fahrerei nach Straubing gemacht hätte? Hä? Das kommt mir ein wenig spanisch vor, aber ok, gehe ich mal drauf ein und erkläre ihm – seit zwei Jahrezehnten in der Firma – den Ablauf mit dem Fahrzeugpool im Haus bzw. dem Vorgang des Auto Mietens. Er plaudert drauflos, was er in Straubing vorhabe, doch ich warte auf die Pointe. Als ich schon nicht mehr damit rechne, fragt er mich, was ich zu Heinz sage? Jetzt kommen wir der Sache näher. Heinz, Ihr wisst schon…DER Heinz. Was soll ich über ihn wissen? Er ist gerade in Urlaub, soweit ich weiß. Da lacht mein Kollege leicht und sagt: „Joa, so könnte man das auch nennen.“ Nun hat er mich neugierig gemacht, leider. Das ist so seine Masche. Heinz war gestern das erste Mal seit sieben oder acht Monaten in der Firma. Das hat mich schon gewundert, aber ich habe es der Vorstellung der neuen Chef-Chefin in unserer Austauschrunde zugeschoben. An der hat er allerdings dann nicht teilgenommen, was ich jedoch nur am Rande registriert habe. Jetzt erfahre ich, dass er ein Personalgespräch hatte. Direkt im Anschluss wurden alle Tage auf „abwesend“ bei ihm im Kalender gesetzt. Interessant. Mir wäre das nicht aufgefallen, weil ich da nicht nachschaue. Bei dem Personalgespräch war nicht nur der Chef-Chef dabei, sondern unser Chef nicht anwesend, dafür dann aber die Personalabteilung und eine externe Beratungsfirma, die für die „zur Verfügung Stellung auf dem Arbeitsmarkt“ verantwortlich zeichnet. Bums, da falle ich gerade mal vom Stängelchen. Wie ich jetzt vom Kollegen erfahre, war er nicht vorgewarnt und hat mit so was mal gar nicht gerechnet. Ob er nun ein Angebot erhalten hat und sich noch entscheiden darf, wissen wir nicht. Ob er (wieder) etwas angestellt hat, wissen wir auch nicht. Was wir jedoch wissen, ist: Eigentlich sollten keine Stellen mehr abgebaut werden. Der Prozess war abgeschlossen. Puh!
In der Sache ist es durchaus angebracht, jemanden wie ihn nicht im Unternehmen tolerieren zu können. Doch da sind seit 15 Jahren Dinge grundlegend schiefgelaufen. Was ich hingegen bemängele – bei allem Frust über ihn – ist die Tatsache, wie das nun passiert. Ohne Vorwarnung statuiert man hier ein Exempel. Im Grunde ein echtes No-Go. Und – wenn wir ganz ehrlich sind – ist das auch ein Armutszeugnis für die Führung. Man hätte dieses Vorgehen schon vor vielen, vielen Jahren im Keim ersticken müssen. Dann muss so jemand eng geführt werden. Doch so was jahrelang laufen zu lassen und dann aus heiterem Himmel (so schaut es für uns derzeit jedenfalls noch aus) zu agieren, hinterlässt ein Geschmäckle. Allerdings zeigt es mir, warum mein Chef seinen Urlaub gecancelt hat. Immerhin stehen alle Termine noch im Kalender von Heinz, die ja nun irgendwer übernehmen muss. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird…
Die ganze Umstrukturierung läuft ebenfalls in eigenartigen Bahnen. Mein Chef-Chef wird ja versetzt – so, wie einige andere auch. Ihm hatte man aber nur eine Woche zuvor gesagt, dass er diesen Bereich fest zugesichert bekäme. Nur um dann zu erfahren, man bräuchte ihn eigentlich gar nicht mehr im Unternehmen. Und ein paar Tage später die Info: „Och, kannst doch bleiben, nimmste eben diese Stelle.“ Jetzt verstehe ich den Frust auch eher. Trotzdem bleibt unterm Strich ein verdammt dickes Gehalt, was auch manches rechtfertigt. Auf der anderen Seite kann ich mir meine Mitarbeiter so auch munter sauerfahren und muss mich nicht wundern, wenn sie zu „Low Performern“ mutieren. Gott, wie ich dieses Wort hasse!!! Aber davon reden Konzerne ja gerne.

Nun ist der Arbeitstag Gottseidank rum und hinterlässt mich mit ein paar Fragezeichen, die sich aber bestimmt mit der Zeit auch in Wohlgefallen auflösen werden. Ich packe meinen Müll zusammen und bringe ihn nach draußen, wo mir ein einsamer, kleiner Junge über den Weg läuft und mich mustert. Es ist nicht der Brüllhannes. Da bin ich aber froh. Ich frage ihn, ob ihm sehr langweilig sei? „Nö, gerade nicht. Ich geh´ jetzt zu ´nem Freund spielen. Aber sonst ist mir schon voll langweilig.“ Aha. Er begleitet mich ein paar Meter, also quatsche ich einfach weiter mit ihm und frage, ob er zur Schule gehe? Prompt kommt die Antwort: „Ja klar, aber das ist voll doof!“ Ich grinse: „Wieso finden alle Jungen eigentlich Schule so doof?“ Er holt Luft: „Weil ich da sechs Stunden und so sein muss.“ Was auch immer „und so“ ist. Ich grinse noch breiter, weil ich gerade an meine Arbeit denke: „Och, weißt Du, ich geh´ zwar nicht mehr zur Schule, aber dafür arbeiten. Und da ist es auch manchmal ganz schön doof. Da bin ich auch mindestens sechs Stunden, normalerweise aber länger.“ In völliger Kindermanier, wie es in der SodaStream-Werbung gezeigt wird, kommt postwendend: „Mein Papa arbeitet die ganze Nacht!“ Ob ich jetzt wohl fragen soll, ob sein Vater Prostituierter sei? Dann haben sie ein gutes Diskussionsthema am Abendbrottisch. Doch ich beherrsche mich, wie sich das gehört, und denke: Wir haben wohl alle unsere Verpflichtungen, die uns mal mehr, mal weniger Spaß machen – sei es in der Schule oder bei der Arbeit.

von Stuten und Fröschen

Heute Morgen düse ich wieder ins Büro. Ominöserweise steht ein Fenster sperrangelweit offen. Es ist 6:50 Uhr. Zwei Kollegen aus diesem Büro sind in Urlaub. Die andere ist Langschläferin. Und dann ich, säät der Jeck. Komisch, komisch, auch wenn ich Frischluft natürlich sehr mag. Erst spät am Nachmittag finden wir endlich heraus, dass die Handwerker gestern Schalldämpfer an der Decke installiert haben und dabei vergessen haben müssen, das Fenster auch wieder zu schließen. Die Tastaturen lagen auch umgedreht auf dem Schreibtisch. Wir hätten drauf kommen können, aber an so was habe ich nun wirklich nicht gedacht. Nur gut, dass wir es rausgefunden haben. Ansonsten wäre mir das nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Kurze Zeit später darf ich dann auch den zweiten Teil meines Workshops durchführen. Der Auftraggeber ist wohl zufrieden, obwohl ich wirklich „nur“ moderiere. Mir ist das zu wenig, aber wenn es gewünscht ist, bin ich nun mal nur Dienstleister und er Kunde. Mit den sechs Kerlen macht es mir allerdings sehr viel Spaß. Ein ganz Harter haut irgendwann raus: „Mit Dia daat i gäan oan saufn gänga.“ Das ist doch mal ein Wort! Wenn es wieder möglich ist, werden wir das vermutlich nachholen. Er trägt ein T-Shirt von Motörhead, weshalb ich weiß, dass wir Musik technisch auf einer ähnlichen Welle schwimmen. Als mir zwei Jungs dann noch verraten, dass sie vor zwei Jahren auf einem Disturbed Konzert waren, drohe ich ihnen das Schlimmster an, wenn sie mich beim nächsten Mal nicht mitnehmen würden. Angeblich werden sie mich beim nächsten Mal informieren. Wenn nicht, gibbet Kassalla. Der Grottenharte gesteht am Ende des Workshops dann auch, wie froh er sei, einfach raushauen zu können, was er wolle, ohne Angst haben zu müssen, ich würde wegen angeblicher Frauenfeindlichkeit zum Betriebsrat oder zur Personalabteilung rennen. Davon bin ich meilenweit entfernt. Mir macht das doch selbst viel Spaß, sie hops zu nehmen. In Teilen ist es wirklich eigenartig geworden…das verstehe ich nämlich nicht unter Gleichberechtigung.

Einer der anwesenden Teamleiter ist sehr speziell. Er ist knurrig oder vielmehr gibt er sich so. Irgendwie mag ich ihn, auch wenn ich seine politische Gesinnung vollkommen ablehne. Wir zwei frötzeln, seit wir uns kennen. Die anderen haben natürlich ihr Späßchen daran und machen kräftig mit. Als der Heavy Metal Fan sagt, ich werde schon sehen, wie wenig davon nachhaltig umgesetzt werden könne, wenn wir uns in zehn Jahren noch mal zusammenhocken, sage ich trocken: „Glaubst Du echt, ich bleibe hier noch zehn Jahre und muss mich mit dem da rumschlagen?“ Daraufhin erfahre ich ein neues Wort: „Woas? Däa is bekonnt als Stutentröster. Des is do däa Beste herinnen, dem´s hia hobm.“ Schawatt bitte??? Stutentröster? Ich will schon wie ein Pferd schnauben, denke aber, das würde dann missverstanden werden. Fortan nennen wir ihn natürlich nur noch so. Er schmunzelt dazu, ich habe Bilder im Kopf. Nicht gut. Doch unterm Strich, hey, bekomme ich mein Gehalt auch für so was hier, oder? Und ich merke, es macht gerade wieder etwas Spaß zu arbeiten.

Den Abschluss des Tages bildet eine Rücksprache mit meinem Chef-Chef. Das kam sehr spontan zustande. Meine Kollegin hatte ein Gespräch mit ihm und in dem Zuge auch gefragt, ob man auch Wünsche äußern dürfe, in welche Richtung man sich nach der Umstrukturierung bewegen wolle? Sie darf. In dem Zusammenhang fragt er auch nach mir und was ich denn wolle? Meine liebe Kollegin sagt ihm, was sie denkt, aber er gibt ihr mit, ich müsse ihm das auch noch mal selbst sagen, denn nur dann könne er auch wirklich dem anderen Chef dies mitteilen. Und so kommt dann die kurzfristige Rücksprache zustande. Er kommt in unser Büro und antwortet mir auf die Aussage, dass ich nicht gedacht hätte, wir könnten unsere Wünsche äußern: „Richtig. Man fragt nicht jedes Fröschchen, wenn man den Teich verlegt.“ Da seht Ihr mal, wie schnell man in der Tierwelt absteigen kann: Von Stute zu Frosch innerhalb von wenigen Stunden. Er kann uns nichts versprechen, das ist schon klar. Aber er kennt den Leiter der anderen Abteilung und würde mit ihm schon sprechen, wen er für dessen Bereich geeignet empfände. Wahrscheinlich wird das im ersten Aufschlag, das heißt bis zum ersten Oktober, noch nicht unbedingt was. Doch wenn sich dann alles rüttelt und schüttelt, wird sich da vielleicht was ergeben. Es schade, laut seiner Aussage, nicht, wenn man sich positioniere. Und da ich den anderen Leiter flüchtig kenne, mache ich es, wie meine Kollegin und stelle einen kurzen Termin in der kommenden Woche ein. Mir ist ein wenig mulmig, aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – egal ob Stute oder Frosch. In diesem Sinne: Es wird tierisch.