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Entwicklungsfeld

Mein doofer Schuhschrank will am Wochenende nicht mehr so, wie ich das will – tut das im Moment eigentlich überhaupt irgendwer??? Menschen, die mich kennen, werden sich nun vermutlich fragen: Welcher der vier Schuhschränke? Einer aus dem Schlafzimmer – wobei das unerheblich ist. Nun meint dieser böse Schuhschrank also, einfach umkippen zu müssen. Der Boden in meiner Wohnung ist uneben, die Bausubstanz eher schlecht, weshalb also auch eine Verankerung in der Wand fraglich wäre…aber hinzu kommt noch ein Sockel, der überwunden werden müsste. Alles in allem ist also klar: Hier spielt sich ein arges Drama ab.

Nun bin ich aber in Eile, weshalb ich dem Schrank den Mittelfinger zeige und einfach ignorant lostrotte. Ich ignoriere das dumme Ding auch noch einen weiteren Tag – zumal sonntags auch die Wertstoffhöfe nicht geöffnet haben. Es ist ja klar, dass der Schrank weggeworfen werden muss, oder?! Nachts reift dann aber eine Idee (ich weiß, dass ich nachts schlafen soll): Ich könnte das dumme Ding wieder zusammenbauen! Gut, das obere Brett ist rausgebrochen, aber ich – Meisterin des Handwerks – könnte ja links und rechts einen Winkel anbringen. Frohgemut springe (oder krieche – hey, wer hat es da schon mit den Feinheiten?!) am Montagmorgen aus dem Bett, um zu OBI zu fahren. Bis dahin läuft es noch richtig Bombe. Da ich kein Mann bin, ist OBI für mich in etwa so, wie für die meisten Männer ein Schuhladen: Ein Ort des Grauens. Lauter fachmännisch wirkende Männer laufen hier herum. Wahrscheinlich sehe ich schon so aus, als könnte ich nix und hätte noch weniger Ahnung von allem. Bevor ich Schilder lese (tu´ ich auch beim Autofahren nur äußerst ungern), frage ich eine freundliche Frau im OBI-Dress. Und siehe da, die ist auch tatsächlich nett! Gut, hätte ich die Knöppe aufgemacht, hätte ich gesehen, dass direkt der nächste Gang auf der rechten Seite Schrauben, Winkel und so einen Kram aufweist, aber hätte, hätte….Fahrradkette. Ich fange schon an zu lachen und entschuldige mich bei der freundlichen Frau, die aber lächelnd abwinkt und meint: „Ach was, dafür bin ich doch da!“ Ich antworte nicht: „Naja, meine Augen eigentlich auch“, sondern strahle sie an und gehe meines Weges.

Ich sehe Schrauben, Schrauben und…äääh, Schrauben. Und dann erblicke ich endlich Winkel! Juchuuuuu! Welche nehme ich nur am besten? Da ich mich nicht entscheiden kann und mutmaße, so was könne man immer mal benötigen, nehme ich gleich verschiedene Ausfertigungen und ebenso Stückzahlen mit. Man, bin ich stolz auf mich! Da fällt mir ein, ich möchte ja auch versuchen, den doofen Schrank an der Wand zu verankern. Dazu brauche ich laaaaaaaange Schrauben. Warum? Na wegen der Sockel!!! Welche ich nehmen soll? Ich weiß es nicht. Ich nehme irgendwelche. Moooment, mein Vater nimmt ja immer noch Dübel hinzu. Gut, dann nehme ich davon auch noch ein Paket. Die Männer um mich herum scheinen genau zu wissen, was sie nehmen sollen. Mir ist es aber zu peinlich, sie um Rat zu fragen. Es ist so klischeehaft, wie nur irgend möglich. Nachher denken die noch, ich hätte in der Bunten gelesen, so könne man sich einen Mann angeln. Nee…

Da ich ja schon mal hier bin, kann ich ja auch gleich Nägel mitnehmen. Einen Hammer habe ich mittlerweile in meinem Sortiment (es könnte ja mal ein Einbrecher vorbeischneien). Allerdings fehlen mir dazu noch Nägel. Ich schlendere den Gang entlang, bis ich zu den Nägeln komme. Nee, die großen müssen es nicht sein. Ich nehme kleinere. Um nun nicht wieder an all den klugscheißend aussehenden Kerlen vorbei zu müssen, nehme ich den nächsten Gang, gehe diesen hinauf und steuere die Kasse an. Und da fällt mir dann ein, dass ich zwar laaaange Schrauben samt Dübel habe, aber womit zum Henker soll ich die Winkel eigentlich anbringen? Mit Spucke hält so was ja wohl nicht, oder? Ich lache, drehe mich um und gehe wieder in den Schrauben-Dübel-Winkel-Nägel-Gang, nur um auf die Männer von vorhin zu treffen. Ich muss wieder lachen, was mir einen sehr schrägen Blick von einem dieser Herren einbringt. Das wiederum lässt mich noch mehr glucksen. Ich schaffe es dann aber, kürzere Schrauben zu besorgen, bevor der Herr mich maßregeln oder das Sicherheitspersonal rufen kann.

Bestens ausgestattet, beginne ich meine Arbeit. Zum Glück ist der Akkuschrauber noch geladen. Danach hatte ich selbstverständlich im Vorfeld nicht geschaut. Aber hurra! Das Werkzeug ist auf meiner Seite. So, wie fange ich nun an??? Die unteren beiden Schütten sind noch im Rahmen, die drei oberen sind rausgefallen. Wenn ich also nun das Brett oben befestige, kann ich ja nicht mehr die Schütten reinquetschen. Ha, wenn das mal keine bestechende Logik ist! Ich lege den Rahmen hochkant auf die Seite und versuche, die Schütten einzufügen. Es klappt auch – nur halten sie nicht. Ich bringe sie provisorisch zum Halten und bin mir sicher, wenn ich das Abschlussbrett (OBEN!!!) nun anbringe, zieht sich das schon irgendwie fest. Keine Ahnung, wie viele Anläufe ich benötige, bis ich denke, den Schrauberkopf doch besser zu wechseln, aber mit dem nun passenden gelingt es mir tatsächlich, die Winkel zu befestigen. Zunächste habe ich sie ausschließlich am Brett angebracht und darauf geachtet, dass sie bündig mit der Kante abschließen. Da der Deckel aber bündig mit den anderen beiden Brettern abschließt, ist dies natürlich falsch. Mein Akkuschrauber hat auch die Rückwärtsfunktion. Was ein geiles Teil! Ich drehe die Schrauben also wieder raus. Mühsam, wirklich mühsam bringe ich dann aber doch den Deckel oben an, dass die Winkel auch halten. Ein Aufstellen des Schranks ist aber nicht möglich, weil dann immer wieder die Schütten rausdonnern. Da gebe ich mir hier echt alle Mühe, und die doofen Kühe spielen nicht mit. Ich lass´, wie meine Mama immer so hübsch sagt, das Messer im Schwein stecken. Ehrlich, wenn ich jetzt weitermache, bringe ich den Schrank nur noch um…mit dem kleinen Hammer, den ich ja immerhin besitze. Damit oder mit meinem Dickschädel, ich weiß es noch nicht genau. Fakt ist nur, ich muss das irgendwie zusammenbekommen, bevor mein Vermieter Mittwoch in meiner Bude aufschlägt. Aber für heute ist erstmal Schluss.

Nun kommt also einen Tag später die Fortsetzung. Wenn das nicht zackig funktioniert, fahre ich die sterblichen Überreste des Schranks doch noch zum Wertstoffhof. Ich versuche, die Schütten in die Einbuchtungen links und rechts zu stecken, muss aber aufgrund des Nichtgelingenwollens einsehen, dass es nichts wird. Hm… Meine liebe Oma hat früher beim Sticken (was ich auch schon nicht konnte) immer gesagt: „Langes Fädchen, faules Mädchen.“ Was soll ich sagen? Meine Fäden waren immer unendlich lang! Ich hatte doch keine Lust, alle-Furz-Nase-lang wieder einen neuen Faden einzufädeln. So ist es bei mir bis heute. Wenn man sich einen handwerklichen Arbeitsschritt sparen kann, bin ich immer dafür zu haben. So hatte ich gedacht, ich könnte die Frontbretter (was weiß ich, wie ich das anders ausdrücken soll?!?!?!) der Schütten dran lassen, was natürlich nicht ging. Durch den Rückwärtsdrehgang meines Akkuschraubers (immer noch nicht neu geladen und doch noch funktionstüchtig!) drehe ich also die jeweils sechs Schrauben heraus, was bei fünf Schütten immerhin 30 Schrauben bedeutet. Das ist endloses Einfädeln von 180 Fäden oder so. Danach lege ich den Schrankkranz wieder hin und kann so die Knöpfe wieder richtig in die Verankerungen reindrücken. Es gibt aber noch eine Querverstrebung, und der Macgyver in mir sagt: Da müssen links und rechts zur Verstärkung auch noch Winkel dran. Wozu habe ich denn so viele Winkel gekauft?! Richtig, damit sie verbaut werden können. Fachmännisch (und krumm) bringe ich die Winkel an und richte anschließend mein Werk auf. Von außen betrachtet vermutlich völlig krank, aber im Schweiße meines Angesichts (und tausender Flüche) schraube ich im Vorwärtsdrehgang dann die Bretter wieder an die Schütten. Es ist vollbracht.

Aaaaaber, es fehlen ja noch die Winkel ganz oben, mit denen ich den Rotz an der Wand montieren will. Gut, auch diese schraube ich noch fest. Und dann kommt die Stunde der Wahrheit. Ich nehme die langen Schrauben zur Hand und schraube, was das Zeug hält. Hm, kann man machen, kann man aber auch lassen. Die Schrauben halten nicht. Die Dübel lassen sich auch nicht in die nun entstandenen Löcher kloppen. Es rieselt nur einfach die marode Bausubstanz gen Boden. Ich gehe auf die Suche, finde einen Glasuntersetzer aus dünnem Kork und einen Pappkarton. Beides stecke ich vorne unter den Schrank, so dass er sich leicht nach hinten neigt und nicht mehr nach vorne kippelt. ES GEHT!!!

Gut, es darf kein Erdbeben kommen, aber ganz ehrlich? Dann donnert noch mehr zu Boden. Was das handwerkliche Geschick betrifft, würde ich dies als Entwicklungsfeld angeben, sollte man nach meinen Stärken und Schwächen fragen. Klingt irgendwie besser als „absolute Talentfreiheit“, oder?

Ich muss nur wollen!

Die Sonne scheint – zumindest noch. Da mein Hintern voller Hummeln ist (ja, ist ja auch genug Platz), mache ich mich auf in die Stadt. Ein bisschen was bummeln, Leute beobachten, eben all so was. Hinter mir geht irgendwann ein junges Pärchen. Mittlerweile weiß ich nun auch, warum er unmöglich mit Nico und Fred in eine WG ziehen kann. „Ich kenn´ dem Nico sein Standard, und ich kenn´ dem Fred sein Standard. Ich hab´ ja schon mein Standard, aber bei Nico? Wenn der sagt, der Löffel is ok so, dann würd´ ich nich ma drauf sitzen.“ Hätte ich nur all die Jahre gewusst, dass man auf Löffeln auch sitzen kann! Aber so was lernt man nicht im Bildungsfernsehen.

Ich schlendere durch einen kleinen Laden, der lauter nette, kleine Dinge hat. Im Grunde könnte ich hier alles kaufen. Brauchen tu´ ich davon nichts, aber hey, schön sind die Sachen deswegen trotzdem. Es ist alles sehr eng in diesem Lädchen, fast schon wie ein Hindernis-Parcours. Ein Mann will mir den Vortritt lassen, aber ich möchte genau dorthin, wo er nun ist. Ich zeige auf den Schmuck, der dort liegt, und er entschuldigt sich auf Englisch. Süß. Ihn trifft ja gar keine Schuld. Aufgrund der Beengtheit entschuldigt sich seine Begleiterin kurz danach auch noch bei mir – ebenfalls in englischer Sprache. Ich kann es mal wieder nicht lassen und frage die beiden, woher sie seien? New York. Hä? Äääääh, was machen sie dann hier in Aachen? Ich meine, es gibt ja keine Direktroute New York – Aachen? Und auf der Liste „the ten places to be“ steht Aachen auch nicht – soweit ich das weiß. Sie seien derzeit ein paar Tage in Düsseldorf. Vor zwei Jahren haben sie wohl Köln besucht, dieses  Jahr wurde ihnen Aachen empfohlen. Gut, unser Dom ist von innen auch tausend Mal schöner als der Kölner Dom, der allerdings von außen wesentlich mehr hermacht.

Da kommt mir der Gedanke, dass sie unsere Printen probieren müssen. Dafür sind wir ja schließlich bekannt. Aber nicht irgendwelche! Nein, es müssen die von Klein sein, weil die die letzten Printen-Bäcker sind, die noch tatsächlich in Handarbeit herstellen. Die Verkäuferin des Lädchens ist keine Hilfe, weil sie Printen nicht möge. Mir fällt hingegen der Straßenname partout nicht ein. Ich kritzel´ auf Bettys Bahn-Unterlagen das Wort „Printen“, den Namen „Klein“ und erkläre, wie sie vom Puppenbrunnen aus dorthin kämen. Und dann denke ich an meine spektakuläre Orientierung. Die ist fast so gut wie meine Wegbeschreibungen. Die beiden hätten wahrscheinlich jede Menge Spaß, wenn sie so liefen, wie ich es ihnen beschriebe – allein, sie kämen nie dort an.

Kurzentschlossen biete ich mich an, sie dorthin zu begleiten. Sie wirken einfach sehr nett, offen und wissbegierig. Ich denke an meine Zeit in Cusco. Ein paar Insider-Infos fand ich da auch immer schön. Und so schlendern wir drei dann eben gemeinsam durch Aachen, während ich erfahre, dass sie beide bei einem Medizin-Kongress in Düsseldorf sind. Es geht um Rehabilitation, woraus sich ein reger Austausch erstreckt – natürlich mit meinem Lob für die Holländer, die uns in dem Bereich um Längen voraus sind. Zwischendurch zeige ich den beiden, wie sie später zum Dom gehen können, erkläre ihnen den Puppenbrunnen und bringe sie so zu Klein. Die haben am Fenster nur die trockenen Gewürzprinten, aber auf Nachfrage lassen sie die Amis auch die mit Schokolade überzogenen kosten. Gottseidank schmeckt es den beiden. Betty fragt noch, welche ich am besten finde. Ich zeige sie ihr, woraufhin sie drei Tüten kauft und mir eine davon reicht. Als Dankeschön, was ich natürlich nicht möchte. Sie bestehen aber darauf.

Er entschuldigt sich dann irgendwann bei mir für ihren Präsidenten, was ich immer wieder spannend finde. Auch sie sei völlig erschüttert, wie so ein Mensch ihr Land regieren könne. Wir reden über alles mögliche, bis Betty irgendwann meint, ich hätte so waaaaahnsinnige Ähnlichkeit mit Meryl Streep, ob ich die kenne? Klar, ich bewahre als ihr Double natürlich ihre Oscars für sie auf. Auch das erinnert mich an Cusco, als die liebe Ellie mich auf meine Ähnlichkeit zu Brené Brown aufmerksam gemacht hat. Ich scheine ein Allerweltsgesicht zu haben…wer also ein Double braucht: Einfach kurz Bescheid geben

Zum Abschied umarmen wir wildfremden Menschen uns einfach, wobei Betty mir noch sagt, dass alles Gute im Leben zu einem zurückkomme. Und es sei unwahrscheinlich lieb und toll gewesen, dass ich mir Zeit für sie genommen hätte. Ääääh, so was überrascht mich immer wieder. Es war ja nicht uneigennützig von mir. So konnte ich Englisch quatschen, hatte intelligente Gesprächspartner und habe spannende Dinge erfahren. Und ja, ich habe leckere Printen abgestaubt, aber das war keineswegs meine Intention.

Ich denke wieder an Peru, wie leicht ich mit anderen Menschen ins Gespräch gekommen bin und wie wohl ich mich dort gefühlt habe. Ich vermisse dieses Land und seine Leute, aber stelle auch fest, dass – wenn ich mit etwas Zeit und offenen Augen durch die Stadt laufe – ich auch hier auf fremde, interessante Menschen treffen kann. Ich muss es nur wollen…also will ich mal!

Fummeln is´ nich!

Ich will zum Amt, genauer gesagt zum Amtsgericht. Keine Ahnung, wieso, aber irgendwie flößen mir diese Bauten Respekt ein. Hier in Aachen ist es ein riesiger Protzklotz, weil es in einem auch das Justizzentrum ist. Ich schlendere also hinein in den Innenhof, sehe einige Leute piefenderweise davorstehen und begebe mich hinein. Und da erstreckt sich schon die erste Schlange. Das ist mir neu. Ich war schon mal hier. Zuletzt musste ich eine Aussage zu einem Iraker machen, der seinerzeit die komplette technische Ausstattung des Internetradios zunichte gemacht hat, wo ich gearbeitet habe. Dabei fällt mir ein, wie lange das schon her ist! Ok, in acht bis neun Jahren dürfen sich die Abläufe hier auch mal ändern.

Ich schaue mich um, als sei ich beim Metzger oder beim Straßenverkehrsamt. Was ich suche? Die Rolle mit den Abrisszettelchen. Mehr als einmal habe ich es schon geschafft, mich irgendwo anzusetzen, dabei aber gar nicht registriert, dass man ein Märkchen ziehen muss. Ist herrlich, wenn einem das nach ca. einer Stunde erst auffällt und man die eh schon lange Wartezeit drastisch verlängert. Aber hier steht weit und breit kein Automat, wo man so was ziehen könnte. Es geht noch old school zu. Einfach ans Ende der Schlange stellen. Oooooh, ich hätte Jura studieren sollen. Die Juristen dürfen nämlich links durch eine Tür gehen und werden durchgewunken. Aber das hätte bedeutet, ich wäre einige Semester lang von Juristen umgeben gewesen. Ääääh, nein, das Opfer erscheint mir dann doch viel zu groß. Juristen sind ein eigenartiges Völkchen, aber das sage ich mal lieber nicht zu laut, weil ich sonst eine Klage am Hals habe.

Direkt hinter mich stellt sich ein Opi. Keine Ahnung, woran es liegt: Vielleicht dufte ich heute besonders gut? Oder er ist kurzsichtig? Oder er hat Kuschelbedarf? Oder ist es ganz schnöde Zeitdruck, der den Opi auf das schmale Brett setzt, mir auf die Pelle zu rücken. Das kann ich ja so gar nicht leiden. Na gut, wenn er jünger wäre, größer, Single… Nee, selbst dann vermutlich nicht so penetrant. Die Reihe schiebt sich langsam vorwärts, während Opi immer viel zu nah aufrückt, bis ich schließlich vor der Glastür stehe. Ein grünes Licht rechts neben der Tür signalisiert mir, wann ich eintreten darf. Noch steht alles auf rot. Was machen Farbenblinde in so einem Fall??? Vor mir kann ich beobachten, dass es wie am Flughafen zugeht. Draußen steht auf einer Tafel auch, man könne alles etwas beschleunigen, wenn man Gürtel und Uhr schon mal vorsorglich auszöge, bevor man durch den Detektor gehe. Ich trage keinen Gürtel, also fummel´ ich schon mal an meiner Uhr herum. Hier laufen bestimmt auch einige Straftäter herum, weshalb diese Kontrolle wohl gerechtfertigt ist.

Die grüne Lampe erstrahlt und ich gehe beschwingt mit einem fast schon geflöteten „Guten Morgen“ hinein. Die beiden männlichen Beamten nicken nur. Mmmh, ich lege meine Tasche in den Korb, packe meine Uhr dazu, lege meine Jacke und Schal hinzu, denn ich will ja hier nicht den Verkehr aufhalten. Alles zackig, zackig. Die Schlange draußen ist nämlich nicht unerheblich. Und dann gehe ich durch den Detektor. Und was? Na klar piept er! Ich drehe mich lächelnd um und sage zum Beamten: „Ich würde ja meinen Gürtel ausziehen, aber ich trage heute keinen.“ Daraufhin er: „Das ist schlecht für Sie.“ Ah ja. Ist das so? Diese doofe Hose hat vielleicht keine Schlaufen, also wo soll ich da bitteschön einen dämlichen Gürtel durchziehen? Aber das sage ich nicht. Nachher ist der noch schlecht drauf  und belehrt mich. Darauf habe ich keine Lust. Mir geht ein Licht auf, ich grinse und sage: „Jetzt weiß ich, was den Detektor ausgelöst hat, aber ich glaube nicht, dass Sie das erfreuen wird!“ Er schaut mich nur unbeeindruckt an: „Ich kann es mir auch denken, aber das ist egal. Wir müssen jetzt auf die Kollegin warten. Ich kann da gar nichts machen.“ Ich grinse breiter: „So so, das nenne ich mal eine nette Einstellung. Ich kooperiere hier, aber Sie verweigern sich.“ Nun schmunzelt sein glatzköpfiger, echt leckerer Kollege. Der andere (deutliche ältere) sagt: „Selbst, wenn Sie mich darum bitten würden, dürfte ich das nicht machen.“ Ich schau´ den leckeren Beamten wieder an und sage: „Und da wunder´ ich mich, dass ich Single bin. Haben die Kerle mal die Chance, sind sie zu feige, diese zu nutzen.“ Das lässt beide leicht kichern. Derweil wird die Schlange draußen länger. Der alte Kollege wieder (keine Ahnung, ob der ohne Haare auch ohne Stimme ist?): „Gehen Sie doch bitte noch mal durch den Detektor zurück.“ Ich: „Dadurch wird das Piepen nicht aufhören.“ Er: „Richtig, aber wir können weitermachen,  bis die Kollegin herkommt.“ Ach, das Leben ist schön. Ich gehe also wieder zurück, und es piept auch wieder. Kein Wunder, bei mir piept es ja regelmäßig.

Just in diesem Moment betritt die Kollegin den Raum. Ich muss also prompt wieder umdrehen. Ich lächel´ die Frau an und sage: „Ihre Kollegen sind unkooperativ. Die haben Angst vor einem Bügel-BH!“ Sie grinst zurück und sagt: „Typisch Männer. Die haben wahrscheinlich noch nicht mal gefrühstückt. Alles muss ich selber machen.“ Glatzkopf grinst und grinst, während die Frau mich abtastet. Und natürlich ist es der Bügel-BH. Da die Frau so nett ist, rede ich weiter mit ihr: „Was soll ich denn machen? Einfach alles hängen lassen, ist ja auch keine Alternative, oder? Da würde ich wahrscheinlich auch Ärger bekommen.“ Sie grinst sich einen ab: „Ich kenne das Problem. Da können die Kerle nicht mitreden. Sie sind sauber. Sie können gehen.“ Sauber? Es ging hier doch nie um meine Sauberkeit?! Nur um Metall! Ich bedanke mich bei der Dame, nicke den Männern zu und sage: „Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, aber dann bleibe ich eben Single.“ Woraufhin der Alte sagt: „Wenn ich das gemacht hätte, würde mein Mann mir Zuhause die Hölle heiß machen!“ Daraufhin müssen wir alle lachen, denn wenn eines sicher ist: Dieser Mann ist keinesfalls schwul.

Ich gehe breit grinsend raus, wohl wissend, dass ich den gesamten Verkehr lahmgelegt habe und von den Menschen in der Schlange vermutlich für eine Kriminelle gehalten werde. So ein Amt ist schon lustig, oder? Da meint man immer, da gäbe es nichts zu lachen, aber dann kommen so Dööspaddel wie ich daher und sorgen für Stimmung. Das sollte ich mal als Beruf anstreben: Behördenlahmlegung. Darin wäre ich bestimmt spitze. Irgendwas wird sich schon finden…ich muss nur lange genug suchen.

Unverbindlichkeit

Was ist das nur mit den Firmen? Sie schreiben Stellen aus, die es dann nachher gar nicht gibt. Klingt auf den ersten Blick lustig. Ist es aber nicht, wenn man gerade sucht. Nun ist es wieder einmal passiert. Nein, ich habe keine Absage erhalten. Aber aus den Pressemitteilungen hätte ich garantiert mitbekommen, dass sich derzeit einiges umstrukturiert. Solange sei nun auch die Stelle erstmal wieder gestrichen. Sobald sich die Struktur realisiert hätte, kämen sie auf mich zu. Ääääh…da bleibt die Frage: Habe ich dann noch Interesse???

Die Zeiten sind schnelllebig geworden. Das kriegt jeder mit. Ich bewundere die Totalaussteiger, die auf einem Segelboot durch die Meere schippern und allem Irdischen angeblich entsagt haben. Aber mal ehrlich: Von irgendwas müssen die ja auch leben? Sie können Fische fangen und essen, aber sie brauchen doch trotzdem Trinkwasser, andere Lebensmittel, Öl für Lampen, Segeltuch, Taschenlampen, Geld für Liegegebühren, wenn sie mal einen Hafen ansteuern und jede Menge mehr. Also müssen sie vorher schweinereich gewesen sein oder fett geerbt haben. Beides trifft nicht auf mich zu. Außerdem wäre mir das zu unsicher. Ich arbeite auch tatsächlich gerne. Verständnislos höre ich zu, wenn Menschen mit Mitte 30 schon losfutern, sie werden niemals bis zum Eintritt des offiziellen Rentenalters arbeiten. Wenn ich kann – also gesundheitlich – und ein Arbeitgeber mich beschäftigt, hoffe ich darauf, solange arbeiten zu dürfen.

Was mir nur langsam echt gewaltig stinkt, sind die Firmen bzw. deren Personaler. Ich habe auch da nette Menschen kennengelernt, keine Frage. Aber wie viele sich bislang schon nicht an Absprachen gehalten haben, bis wann sie sich zurückmelden, kann ich langsam nicht mehr zählen. Und dann diese Eskapaden mit den Stellen, die ausgeschrieben, dann aber doch gestrichen werden, gehen mir mächtig auf den Zeiger. Verbindlichkeit scheint echt aus der Mode gekommen zu sein. Der positiv denkende Teil in mir sagt sich: Prima, es werden all die faulen Eier aussortiert. Für so eine Firma willst Du doch auch nicht arbeiten. Der zweifelnde Teil in mir sagt: Gibt es denn noch einen Arbeitgeber, der wirklich gut ist und passt?

Nein, ich verzweifel´ nicht. Ich ärgere mich lediglich über die Art, wie man als Bewerber behandelt wird. Es heißt immer, es kostet ein Unternehmen viel Zeit und Geld, gute Mitarbeiter zu finden. Tja, es kostet einen Bewerber viel Zeit und Nerven, sich auf dieses blöde Eiertanz-Gespiele einzulassen. Das ist echt nicht mehr lustig! Da kann ich noch so viel am Meer entlanglaufen, mich erden oder was sonst noch tun. So stumpf kann man gar nicht werden, das alles an sich abperlen zu lassen.

Die Suche geht weiter…und mein Frust darüber vermutlich auch. Am Ende wird alles gut, ich weiß.

Was das Meer so anspült…

Die Sonne scheint – auch am Meer. Auch wenn ich feststellen muss, dass mal wieder halb Oche in Zeeland versammelt ist. Macht nichts, denn ein paar Holländer sind auch zugegen. Und wenn die praate, geht mir das Herzchen auf. Dazu dann Kibbeling, Pommes und Chocomel… Diabetes, was willst Du mehr? Gekrönt wird das ganze von Wind, viiiiel Wind. Leider veranlasst das natürlich auch den ein oder anderen, sich im Drachensteigenlassen auszuprobieren. Einer hätte uns tatsächlich fast auch erwischt, aber eben nur fast.

Das Meer macht mich immer melancholisch und glücklich zugleich. Es ist immer in Bewegung, ackert unermüdlich und macht die allzu großen Sorgen plötzlich sehr klein. Was sind wir schon alle verglichen mit dem großen, weiten Meer? Winzige Sandkörner, mehr nicht. Das macht es erträglicher und gleichzeitig auch erschreckender. Ich kann dem Rauschen stundenlang lauschen. Hier fällt es mir Sabbelfott auch in der Tat nicht schwer, einfach mal zu schweigen. Das Meer übernimmt das Reden. Es rauscht heran und bricht sich und erzählt so seine ganz eigene Geschichte. Wenn es nicht so kalt wäre, würde ich fast geneigt sein, morgen in aller Herrgottsfrüh aus dem Bett direkt an den Strand zu springen, um zu schauen, was über Nacht angespült wurde. Aber ich kann mich so gerade noch beherrschen.

Ich weiß, in meinen Sturm- und Drangzeiten – also vor 14 Tagen – wurde mal ein Kuhkopf angespült. Keine Ahnung, warum es immer die morbiden Dinge sind, die so die Runde machen? Was fasziniert die Menschen nur daran? Das ist, wie mit den Thrillern, die immer blutrünstiger werden, was Elke Heidenreich bestürzt und abartig findet. Keine Ahnung…ich mag diese Art Literatur auch. Muss das immer unbedingt eine Aussage haben? Ich lese auch gerne Heile-Welt-Romane, mittelalterliche Bücher und vieles mehr. Bin ich deswegen wohl eine gespaltene Persönlichkeit? Äääh…ich glaube, dafür gibt es andere Hinweise. Dazu reicht keine Literaturauswahl aus.

Ich genieße nun einfach mal die Stunden am Meer, spaziere am Strand entlang und lass den lieben Gott ’nen guten Mann sein. Hat der auch mal nötig bei all dem Brass, den der immer so hat.

Da muss Luft dran!

Kennt Ihr das? Ich laufe zu einer Verabredung. Wenn das Wetter es eben so zulässt, erledige ich gerne diese Wege zufuß. Das erspart mir all die Vollpfosten in den Autos um mich herum, ich bewege mich (immer noch viel zu wenig) und vergifte meine Lungen mit Sauerstoff. Das macht mir immer unendlich mehr Spaß und lässt mich im Stresspegel herunterfahren. Nur schießen mir auch hier bisweilen immer wieder verrückte Gedanken durch den Kopf. Wieso meine Eingebungen immer wieder völlig kreuz und quer Synapsen bilden, erschließt sich mir nicht. So auch heute Morgen wieder.

Ich gehe also eine Straße in meiner Nachbarschaft entlang und denke: „Ah, hier muss irgendwo der Klaus wohnen“. Selber kenne ich besagten Herrn nicht…oder vielleicht doch, aber das Kennenlernen muss dann so unspektakulär verlaufen sein, dass ich den Guten wieder verdrängt habe. Was ich hingegen nicht verdrängen konnte, ist die Geschichte zu Klaus. Sie liegt Jahre zurück. Er war mal kurzfristig die Begleiterscheinung einer Freundin. An sich schien er relativ normal zu sein – jaja, was ist schon „normal“?! Dieser Typ konnte jedenfalls reden und sich durchaus unter Menschen mischen, ohne dass er negativ aufgefallen wäre. Tja, mit der Zeit schraubt Frau ihre Ansprüche ganz schön zurück. Da ist Frau schon froh und dankbar, wenn er nicht negativ auffällt. Immer schön unterm Radar fliegen, heißt die Devise. Besser, als so einen jovialen, immer etwas zu lauten Banker oder Versicherungsfuzzie mitzuschleppen. Ich darf das sagen, denn ich bin ja selber (noch) bei der Versicherung. Und ja, ich weiß, auch hier gibt es solche und solche. Ich bin überaus froh, viele sehr nette und gar nicht aufdringliche Versicherungsmenschen zu kennen. Gemeint ist der Typ, der dem Proleten aus der damaligen Sparkassen-Werbung ähnelt: „Mein Haus, mein Auto, meine Frau…“ Und seien wir mal ehrlich: So einen kennt jeder von uns.

Besagter Klaus war gar nicht so. Er hatte aber auch so seine Eigenheiten. Abends, wenn es Richtung Bett ging, zog er sich immer hübsch aus und legte seine Schlafmontur an. Wir kennen alle noch den Einteiler von Nora Tschirner aus „Keinohrhasen“. Zum Piepen, aber es geht schlimmer. Klaus zog seinen Schlüpper aus und dafür ein T-Shirt an, weil – und hier zitiere ich: „Mama sagt, da muss Luft dran.“ Ääääh…und der Kleine soll sich auch frei entfalten können. Wir reden hier komischerweise nicht von einem 12-Jährigen, sondern von einem damals Mittvierziger. Nun kann und soll jeder sich zur Nacht betten, wie es ihm oder ihr behagt. Die Erklärung hingegen – und vor allem die Erwähnung seiner Mutter – vor seiner damaligen Lebensgefährtin, die…tja, die fand ich schon lustig. Dem aber noch nicht genug. Denn während Klaus erwachsen geworden war, hatte Mama wohl vergessen, ihn darauf aufmerksam zu machen, T-Shirts zu entsorgen, die zu kurz werden. Vielleicht hatte Klaus aber auch Angst, der T-Shirt-Saum könnte sein bestes Stück zu sehr belasten und trug daher ein eher als „bauchfrei“ zu bezeichnendes Shirt. Ich weiß es nicht. Und gerade finde ich es sehr schade, dass ich ihm die Frage nicht stellen kann, weil ich ihn ja nicht kenne.

Mal ehrlich: Wie komme ich bitteschön sonntagsmorgens auf diese Geschichte, während ich bei herbstlichen Temperaturen durch die Straßen laufe? Ich weiß es nicht. Aber ich muss kichern und ertappe mich, wie ich laut sage: „Jaja, der Klaus.“ Jetzt fange ich schon an, mit mir selbst zu reden?! Aber das hat ja keiner gemerkt. Und da sehe ich einen Mann, der in einem Treppenaufgang sitzt. Hat er mich gehört? Soll ich ihm vielleicht ein paar Daten liefern, damit er mit mir schmunzeln kann? Nee, nachher kennt der noch Klaus und erzählt es dem. Dann schmeißt der sein T-Shirt noch weg, was jede weitere potentielle Partnerin um dieses Erlebnis bringen würde. Das kann ich nicht bringen. Da bin ich großzügig und möchte diese Gut erhalten.

Jetzt denken vielleicht manche von Euch: Reden Frauen über so was? Die ehrliche Antwort? Natürlich! Da draußen laufen so viele komische Wesen herum, dass man mit den Erlebnissen entweder zu einem Psychiater laufen müsste oder eben mit seinen Freundinnen redet. Und ja, da kommt einiges auf den Tisch. Die meisten Geschichten kommen in der Tat eher nach dem Beziehungs-Aus auf den Tisch, aber Klaus Schlafgewohnheiten kannte ich tatsächlich schon vor Beendigung der Zweisamkeit. Und Männer, wenn Ihr mal ehrlich seid: Ihr seid doch noch viel größere Klatschmäuler. Da wird auch jede Menge erzählt, geprahlt und geprotzt…was sich letztlich oft als Auswuchs Eurer überbordenden Phantasie herausstellt. Da sind wir Mädels ehrlicher, ja, auch schonungsloser. Damit versüßt Ihr uns manche Frauenrunde. Aber unterm Strich haben wir Euch dann doch lieb: Ob mit oder ohne Bauchfrei-Shirt.

Et is wie et is…

Meistens fügt sich ja so eins ins andere. Leider kann man das nahezu ausschließlich rückblickend so erkennen. Steckt man mittendrin, ist man blind…also zumindest geht es mir so. Ich sehe dann kein Vorankommen, keine Entwicklung, sondern nur Stillstand. Natürlich tut sich einiges, aber darauf liegt ja nicht mein Fokus. Der wiederum ist so ausgerichtet, dass für mich nichts anderes groß von Bedeutung ist. Und so passieren am Wegesrand einige Dinge still vor sich hin.

München ist gerade erstmal vom Tisch. Ich mag die Stadt und wäre tatsächlich noch mal dorthin gezogen, wenn sich ein Job ergeben hätte. Aber es sollte wohl nicht sein – obwohl mich die Personalerin herzlich einlädt, immer mal wieder nachzuschauen, ob sich eine andere Vakanz ergibt, denn sie habe ich immerhin überzeugt. Ist ja auch schon mal was. Da ich aber nicht in einem halben Jahr oder noch später suche, sondern jetzt etwas haben will (ja, ich will. Mit „möchte“ komme ich nicht so weit, habe ich festgestellt.), bringt mir das gerade herzlich wenig. Es heißt also nach wie vor: Übe Dich in Geduld! Aaaaaaah, wie lange denn noch?!

Das Wetter meint nun leider auch, genau diese Stimmung unterstreichen zu müssen. Dafür geht es dann allerdings nächste Woche ans Meer. Es soll kühler und schmuddeliger werden, aber am Meer ist das Wetter fast egal, solange genügend unterschiedliche Klamotten eingepackt sind. Ist das nicht bei Frauen immer so? Nein. Das gilt am meisten fürs Meer. Da ist es wirklich noch nötiger, regelrecht den kompletten Kleiderschrank für alle Eventualitäten einzupacken. Wenn ich dort herumlaufe, ist es mir sogar egal, wenn die Wolken auch mal Pipi müssen. Selbst wenn sie eine Blasenentzündung haben, es also permanent immer mal wieder tröpfelt, kann ich damit leben. Dazu fegt dann meist ordentlich der Wind um die Ohren. Für mich gibt es kein besseres Rezept für mehr gedankliche Ruhe. Diese Wirkung übt das Meer immer auf mich aus. Je mehr es stürmt und tobt, desto ausgeglichener werde ich. Dann würde ich mir zu gerne einen Besen schnappen und losfliegen. Geht ja leider nicht…also bisher zumindest. Vielleicht finde ich irgendwann die richtige Formel, um so einen Besen zu beschwören? Fest steht, ich wäre im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen gelandet – mit oder ohne Besen. Tja, für manch einen Mann ist es schon schade, dass es heute keine Hexenjagd mehr gibt…was nicht bedeutet, dass es weniger von uns gibt. Wie heißt das nette Sprichwort: „Wir Frauen sind Engel. Wenn man(n) uns die Flügel bricht, dann fliegen wir auf einem Besen weiter…wir sind ja flexibel.“

In diesem Sinne: Ich geh´ mal fliegen…huiiiiiiiii!

 

Treibholz

Manchmal ist es einfach nicht genug. Da ist was, und ich denke: Wow, das fegt mich weg. Eine Euphorie überkommt mich wie eine Welle. Ich reite diese Welle, ich feiere sie…und dann läuft sie aus. Sie verliert sich am Strand und war einmal. Die Leere, die sie hinterlässt, tut weh. Dieses Phänomen kenne ich aus unterschiedlichen Bereichen. Es gab so einen Flash mal eine Zeitlang fürs Fitnessstudio. Zugegeben, das war eine echt verdammt kurze Welle.
Es gibt Freundschaften, die furios wie ein Feuerwerk starten und dann gnadenlos abschmieren. Und auch wenn ich weiß, dass es besser so ist, tut der Schmerz des Verlustes weh. Beziehungen jeglicher Art unterliegen diesen Wellen und dem Wandel. Nicht jede Welle, die den Strand erreicht, löst sich komplett auf. Manche hinterlassen verheerende Verwüstungen, wie man in der Karibik gut erkennen kann. Andere spülen wunderschöne Dinge an…Treibholz zum Beispiel. Ich liebe Möbel aus Treibholz. Und so betrachte ich auch manche Leidenschaften, Beziehungen, Freundschaften. Es gibt Freundschaften, die über die Jahre ganz viel Treibholz angespült haben, woraus wir jede Menge bauen konnten. Trotzdem kann es Wellen geben, die all das mit einem Schlag vernichten. Alles wird mitgerissen und zerschlagen. Dabei war es doch alles mal so wunderschön?! Und bei manchem weiß ich nicht, wie es dazu gekommen ist, dass es da zwar einen Haufen gemeinsames Treibholz gibt, es sich aber dennoch so anfühlt, als gehöre er nicht zu mir. Die Schuldfrage stellt sich hier gar nicht. Es ist einfach, was es ist: Es gehört nicht mehr zu mir. Trotzdem tut es weh. Verstand und Herz sind manchmal ganz schön blöde Berater, weil sie sich so selten einig sind.
Und dann gibt es noch das Treibholz, das vor langer Zeit angespült worden ist. Es liegt da und bewegt sich nicht. Bei hohem Wellengang bin ich so abgelenkt, dass ich es nicht wirklich im Blickfeld habe. Aber wenn das Meer ruhig ist, dann liegt dieses Stück Holz fast anklagend vor mir. Ja, es ist da, aber es ist nicht genug. Es fehlt das Fundament. Ich schaue es gerne an, ich bewundere es, aber gleichzeitig weiß ich auch, dass es nicht genug ist. Wie ein prachtvolles Möbelstück in einem hallenartigen Raum. Es wirkt verloren. Und so verloren, wie es da steht, kann es seine Schönheit nun mal nicht entfalten. Dabei ist es an sich der absolute Hammer. Paradox, hm? Ja, findet das einsame Treibholz auch.

Falsch verstanden…

Nu isser da: Der Herbst. Das ist ja meine Lieblingsjahreszeit. Irgendwann werde ich mir dann auch meinen Traum verwirklichen und nach Kanada reisen, um den Indian Summer zu erleben. Obwohl…hier ist es auch an manchen Orten schön. Die Eifel hat sich beispielsweise komplett ins herbstliche Kleid geschmissen und sieht wunderschön aus. Wenn man da mit dem Motorrad durchrauscht – natürlich nur hinten drauf, weil ich doch an meinem Leben hänge – dann riecht es auch so köstlich, wie es aussieht. Berauschend ist da das richtige Wort. Heute muss es natürlich mal wieder nieseln und usseliger werden, aber das lädt ein zu warmem Kakao, Keksen und Kuchen. Jede Zeit hat ja so ihre Vorzüge.

Als Rückmeldung auf diesen Blog höre ich hin und wieder: „Sei mal nicht so depressiv“ oder „Analysiere Dich nicht so viel“. Hm…ich weiß das zu schätzen, aber: So bin ich nun mal – also nicht depressiv, auf keinen Fall! Aber ich analysiere, hinterfrage und bin bestrebt, ständig zu lernen – und sei es aus meinen Fehlern. Das finde ich kein bisschen traurig. Ich leide auch nicht! So ein Quatsch. Es gibt nur manche Täler, die gerade durchschritten werden müssen, denn so eine Bewerbungsphase ist nicht immer Ponyhof.

Diese Woche hatte ich dann beispielsweise ein Skype-Interview und ein Telefon-Interview. Ganz ehrlich? Da habe ich mehr Nerven dran gelassen, als das bei einem persönlichen Gespräch der Fall gewesen wäre. Beim Skype-Interview sieht man zwar sein Gegenüber, aber die Stimmung oder Atmosphäre ist eine völlig andere als im direkten Miteinander. Und die Art der Befragung…puh… Zwischendurch habe ich da schon gedacht, in einer JVA wären solche Personaler auch hervorragend aufgehoben. Ich mag es nicht, um den Pudding zu eiern. Ja, ich weiß, im Privaten spreche ich nicht schnell was an, wenn es mir an die Nieren geht, aber im beruflichen Kontext bin ich immer für offene, direkte Kommunikation. Bei so einem Personaler ist es aber permanent ein Tanz auf der Klinge. Ein unbedachtes Wort und schwups, greifen sie es auf, sezieren es und fragen hintenrum noch mal ganz fies nach. Nun haben beide nicht am Ende des Gesprächs gesagt: „Passen Sie mal auf, das war ja nett und erbaulich, aber damit können Sie keinen Blumentopf gewinnen.“, was ja zunächst noch ganz positiv ist. Ich höre im Laufe der kommenden Woche, ob es zu einem weiteren Gespräch kommen wird. Das würde bedeuten, ich würde in die jeweiligen heiligen Hallen der Firma eingeladen. Und nun bin ich wieder in dieser fiesesten aller fiesen Situationen: Ich hänge in der Eieruhr. Das bedeutet, ich muss abwarten und mich in Geduld üben. Prima, ist ja ganz leicht für mich. Ein Wunder, dass ich noch Fingernägel besitze! Bei meiner Ungeduld ist das doch eine Angewohnheit, die nie die meine war. Gut, dafür müssen die Schokoladenbestände dran glauben. Und wer meint, die schmelzen dann ja auch irgendwann ab, der irrt. Denn es gibt in soooo vielen Läden soooo viel Nachschub.

Auch das ist keine Krise! Es ist einfach gerade mein Leben. Es ist ein Warten, ein Bangen, ein Hoffen. Manches Mal zweifel´ ich auch daran, ob ich diese Stellen wirklich meistern könnte. Wenn man die ganzen Anglizismen in so einer Jobbeschreibung liest, meine ich immer, die suchen Gott persönlich. Dann schaue ich hin und wieder das eine oder andere Wort nach und siehe da: Es wird dann als „leere Worthülse“ bezeichnet, die etwas umschreibt und aufbauscht, was ohnehin selbstverständlich ist. Hier sieht man wieder nur zu gut: Es wird überall nur mit Wasser gekocht und nirgendwo so heiß gegessen wie gekocht. Im Laufe der nächsten Woche werde ich mehr wissen…und bis dahin werde ich wieder unsicher sein, mich hinterfragen und nervös werden. Wie sagte der Berater von der Personalberatung: „Ganz ehrlich? Täten Sie das nicht, würde ich an Ihnen zweifeln. Die, die das nicht tun, haben den Knall doch nicht gehört!“

In diesem Sinne: Ich habe den Knall gehört, zweifel´, aber verzweifel´ nicht, sondern gehe munter weiter – manchmal gebeugter, manchmal pfeifend, aber niemals ohne Humor.

Reinigend wie Wasser

Es ist manchmal so schwer, sich zu trauen. Dabei ist es nahezu wurscht, welchen Bereich ich betrachte. Klar, es gibt Situationen, in denen es mir einerlei ist, mich zum Deppen zu machen. Aber mit dem Alter kommt bei mir schon noch häufig die leise Stimme im Hinterkopf, die mir sagt: „Lass´ das mal lieber! Du machst Dich ja lächerlich. Wenn andere das sehen, die lachen Dich ja aus!“ Und das gönne ich natürlich keinem. Selbstverständlich mache ich auch Lacher auf meine Kosten, aber die sind wohl dosiert und auch durchdacht. So richtig peinlich dumm möchte ich mich nicht aufführen – und tu es komischerweise wohl doch immer wieder.

Bei allem, was ich tu, denke ich nach, wäge das Für und Wider ab und versage mir manches. Ich spiele gern „worst case“. Meist ist die Realität gnädiger, aber ich will immer gewappnet sein und Kontrolle haben. Dabei hat man den meisten Spaß, wenn man diese mal in den Wind schießt. Es gibt das Sprichwort, dass man am Ende des Lebens das am meisten bereut, was man nicht getan oder gesagt hat. Und diesen Hinweis gebe ich allen. Damit bin ich großzügig. Da habe ich ja auch nichts zu verlieren. In manchen Belangen bin ich schon besser geworden, traue mich Sachen, die noch vor zwei bis drei Jahren zu den absoluten „geht gar nicht!“-Feldern gehörten. Aber manch ein Muster ist eben sehr tief eingebrannt. Völlig verrückt, ich weiß. Ich sage ja immer: In meinem Kopf will keiner zu Besuch sein. Da ist ganz schön viel Chaos los.

Und manchmal überwinde ich mich dann ganz plötzlich, weil ich es nicht mehr aushalte zu schweigen. Weil alles in mir aufbegehrt und schreit, da es raus will. Einmal draußen – siehe da – ist es gar nicht so wild, wie in meinem worst case. Es reinigt, beruhigt und macht viele Missverständnisse so platt wie nur irgend möglich. Keine Ahnung, wieso ich immer wieder an diese Punkte komme? Und jedes Mal denke ich: „Mein Jott noch, watt war denn nu so schlimm dran? Wird ja überall nur mit Wasser gekocht!“ Um dieses Wissen reicher, weiß ich, dass ich beim nächsten Mal wohl wieder um den Pudding herumschleiche. Denn Aussitzen ist ja auch eine Methode. Die funktioniert bei mir zwar nie, aber das heißt ja nicht, dass ich sie nicht regelmäßig wieder bemühen könnte. Das kann man ganz spielend immer und immer wieder probieren…und scheitern, aber hey, zumindest da besitze ich Geduld. Davon habe ich ja sonst nie welche.

Was ist es, das es uns so schwer macht, Dinge auf den Tisch zu packen? Wieso gehen wir – ja, wir…ich kenne einige, die das so machen, und meine nicht meine zahlreichen eigenen Persönlichkeiten – entscheidende Angelegenheiten nicht konkret an? Ich habe letztens eine Frau kennengelernt, die seit zwei Jahren auf innerlich gepackten Koffern sitzt. Sie will ihren Mann verlassen. Es ist auch alles geklärt. Sie weiß, wo sie wohnen kann, arbeitet und ist auch sonst autark. Allein…sie tut es nicht. Dabei steht die Entscheidung fest. Was macht sie stattdessen? Sie hofft. Sie hofft nicht etwa, dass ihr Mann sich ändert. Der Drops ist in alle Richtungen längst gelutscht. Nein, sie wartet darauf, dass er einen Streit vom Zaun bricht. Denn dann hätte sie ihre Grundlage, ihm die Brocken hinzuwerfen. Dann müsste sie auch nicht mehr so viel erklären. Dass sie ihn einfach nicht mehr liebt, reicht nicht aus. Und so wartet und wartet sie…und der Sausack, der unwissende, ist einfach nur nett. So ein Arsch, oder? Ist einfach nett, freundlich und bietet so gar keine Angriffsfläche. Ehrlich, diesen Typen muss man ja hassen! Mal ernsthaft, der merkt doch – wenn auch nur unbewusst – dass was im Busch ist. Und genau deshalb hat er diese Teflonbeschichtung angeschnallt. Jede Provokation, jedes Reizen lässt er abperlen. Da kann die Gute sich noch so viel Mühe geben. Oooooh ja, ich höre sie schon, diejenigen, die gerade verständnislos den Kopf schütteln und sagen: „Warum geht die denn nicht, wenn sie ihn nicht mehr liebt? Das ist ja auch unfair ihm gegenüber!“ Ist es tatsächlich so leicht? Ich weiß nicht, was sie letztlich noch braucht, um wirklich gehen und loslassen zu können. Ich weiß nur: Ich will nicht mit ihr tauschen. Es macht genug Mühe, meine Herausforderungen anzupacken. Wenn ich es dann getan habe, macht es mir Mühe, mich selbst zu verstehen. „Warum habe ich das nicht schon eher getan?“, schießt dann immer durch meinen Kopf. Eben: WEIL. Wenn es immer so leicht wäre, hieße es wohl nicht „Leben“.

Es sind noch manche Hürden zu nehmen und Unstimmigkeiten auszumerzen. Solange ich drüber nachdenke – so tröste ich mich jedenfalls – ist es mir ja bewusst. Dann ist zumindest etwas in Bewegung. Nebenher kann ich dann ja mal üben, mich bewusst zum Deppen zu machen. Für mich ist das eine ganz schöne Überwindung. Aber zumindest bringe ich dabei andere Leute zum Lachen. Irgendeinen Nutzen muss mein Dasein ja haben.