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Ich starte schon mal Karneval

Amiland, ich komme! Jo, Alaaaaaaaf, sag ich mal. Die S-Bahn ist nicht wirklich pünktlich, aber alles klappt. Ich fahre bei Sonnenschein los, also ist alles bong. Beim Gepäck Aufgeben kann ich durchmarschieren! Hammer! Und dann darf ich den Express-Shuttle ausprobieren. Was bin ich nur für ein Glücksschwein?! Aber ich will nichts beschreien.

Ich sitze ganz hinten, Reihe 64. Hab ich so ausgewählt, weil meist vorne besetzt wird und bei Nichtvollauslastung hinten eher die Chance auf freien Sitz nebenan ist. Ich hoffe bis zuletzt, aber dann kommt doch noch einer angeschlurft. Der will sich in die letzte Mittelreihe setzen, die komplett frei ist. Aber da hat er die Rechnung ohne die etwas pampige Stewardess gemacht. Die brauchen die kompletten vier Sitze für ihren Kram. Da frag ich mich dann schon, warum sie schon ein komplettes Fach mit ihrem Kram vollgestopft haben und im Fach über mir 2 Warnwesten liegen, die auf keinen Fall gestört werden dürfen? Mein Zeugs flaggt drei Fächer weiter vorn.

Der Flug ist ok, aber schlafen kann ich nicht. Meist geht das, heute nicht. Also schaue ich mir den Queen-Film an und verstehe, warum der Hauptdarsteller einen Oscar erhalten hat. Vor mir sitzt eine komische Familie. Der Mann macht mir Angst. Später trägt er eine Chicago Bulls Jacke, was zu ihm passt: ein stiernackiger Bulle. Er strahlt diese unterschwellige Aggressivität aus. Das zeigt sich dann auch später, als er seiner Frau die Handtasche wegreißt, weil sie nicht schnell genug die Pässe findet… oder als er der einen seiner beiden Töchter die Haare ruppig ausbürstet, weil sie zu zögerlich ist. Und dazu trinkt er Whiskey. Sympathisches Scheißerchen.

Und dann sehe ich, dass es kleine Baileysflaschen gibt und denke: Och, ist doch fast schon Karneval. Dann geht doch eins. Es schmeckt auch. Und so komme ich mir neben all den Wein trinkenden, Whiskey oder andere Shots schlürfende Mitfliegenden auch nicht so exotisch vor.

In Toronto schneit es, was dann auch die leichten Turbulenzen erklärt, als wir die Wolken durchfliegen. -11 Grad. Hossa. Und ich fliege anschließend ins heiße Florida. Puuh… die Welt macht schon Spaß.

So, und dann geht der Spaß erst richtig los. An der Sicherheitsschleuse müssen alle die Schuhe ausziehen. In Deutschland war alles chic, hier piepe ich. Die nette Dame tastet mich ab und kommt dann mit so einem Ding an, dass ich denke, ich bin beim Frauenarzt. Aber nein, sie will nichts einführen, sondern vermutlich auf Sprengstoff überprüfen. Dann darf ich passieren.

Und dann kommt der noch größere Spaß. Ich stehe an so einem doofen Gerät, wo ich den Pass einscannen muss. Dann sollen Fingerabdrücke genommen werden. Ja, versucht Ihr mal, alle fünf gleichzeitig richtig zu positionieren. Direkt danach folgt ein Foto. Häää? Jo, so gucke ich dann leider auch. Jetzt könnte ich noch einen oder zwei Baileys vertragen. Ausgespuckt wird ein Papier, das durchkreuzt ist. Nächster Automat, der mir mitteilt, ich muss in den Wartebereich. Dann erscheint mein Name, und ich darf weitergehen. Jetzt komme ich zur US-Kontrolle. Ich muss die Fingerscans wiederholen… erst die vier einer Hand, dann den Daumen. Ach so!!! Ich sag dem Bediensteten noch, ich sei zu dumm. Er schüttelt den Kopf, die Maschinen würden oft spinnen. „Trust me, I am too stupid but maybe because I’m sooooo tired.“ Er schenkt mir ein Lächeln. Und jetzt noch ein Foto – ohne Brille bitte. Genau so muss man mit mir reden. Dann verstehe ich das auch.

Und dann sage ich dem Mann am Schalter, dass er echt sehr nett sei. Er bedankt sich. Ich erkläre ihm noch, dass es immer heiße, die seien alle so ernst und würden immer grimmig schauen. Er lächelt und sagt: „Some do so, some don’t.“ „So, I’m just a lucky one?“ Er nickt. Ich hoffe, sein Pendant in Fort Myers wird so sein wie er.

Jetzt warte ich noch die Verspätung ab, bevor ich dann nachher nur noch tot ins Bett fallen werde. Also: Alles gut und immer noch Alaaf! Gut, ich durfte gerade dabei zuschauen, wie sich ein kleines Kind in Rage geschrien und dann einfach seinen Vater vollgekotzt hat, aber hey: Es hat ihn getroffen, nicht mich. Und das weckt Karnevalserinnerungen an so ziemlich jedes Jahr – nicht selbst durchlebt, sondern immer mal wieder Zeuge. Passt also irgendwie.

 

 

Stinkekäse

Mmmmh, heute Morgen strahlt die Sonne so herrlich, dass ich raus muss. Ich will nach München rein, auch wenn es voll sein wird. Ganz egal. Ein köstlicher frischer Saft wartet am Viktualienmarkt auf mich.

Ich schlappe also in Sneaker (endlich keine Stiefel mehr nötig! Juchuuu!!!) zur S-Bahn. Sie kommt pünktlich, was ich ja schon fast den Brüller finde. Die Luft ist eisig, aber die Sonne lacht dazu. Und dann steige ich in die Bahn und denke: „Wooooooooow, what the fuck?????“ Es stinkt. Puh, es treibt mir fast die Tränen in die Augen. Dazu nehme ich eine schlafende, völlig in Schieflage auf dem Sitz hängende Frau wahr. Sie ist kein Partyüberbleibsel – gut, um 9:23 Uhr wäre das auch richtig krass. Nein, sie ist eher ein Überbleibsel einer komisch kalten Gesellschaft.

In Karlsfeld steigen dann zwei Frauen zu, die quasi hinter mir sitzen. Ich sehe sie nicht, aber dafür höre ich die eine umso lauter. Sie blökt durch die ganze Bahn, wie sehr es hier stinke, was ja wieder typisch sei. Wenn die Bahn aus Dachau käme, könnte man meinen, sie käme sofort aus dem Schweinestall. Die Bahn startet in Altomünster, aber da sieht man, wie klein ihr Horizont ist. Weiter hinaus zu denken, schafft sie nicht. Dann kommt ihr der rettende Gedanke: „Das ist dieser Stinkekäse, oder?“ Ich frage mich noch, wie man den Brückenschlag vom Schweinestall zu Stinkekäse hinbekommt und stelle mir vor, wie diese olle Trutsche versucht, Schweine zu melken. Ein Bild für die Götter.

Dann geht eine Frau mit Taschentuchpäckchen durch die Bahn und legt sie mit einem Zettel aus. Es ist das Übliche, sie will sie für ihre kranken Eltern/Kinder usw. verkaufen. Die andere Frau wagt es, den Zettel zu lesen und sagt dann: „Oh, hier steht: ‚Gott segne Sie!'“. Die Keifkuh kriegt Schnappatmung. „Leg das weg! Sofort! Guck aus dem Fenster! Ignorier das! LOS!“ Ob sie befürchtet, von dem Zettel Typhus zu bekommen??? Ich weiß es nicht. Sie wettert wieder los. Das sei wieder so typisch. Es stinke immer, dann würden diese Menschen auch noch durch die Bahn laufen. Ich bin wirklich entrüstet, dass ich keine Eilmeldung erhalten hab, dass die Königin von Saba heute in der S-Bahn zu reisen geruht. Sonst hätte ich natürlich und selbstverständlich nicht dieselbe Bahn ausgewählt – aus Ehrerbietung, natürlich!

Ich kann solche Menschen immer weniger verstehen und muss mich immer stärker zurücknehmen, sie nicht bloßzustellen.

Am Stachus steige ich aus und werde prompt angesprochen – erst auf Französisch, dann auf Englisch. Der junge Mann will kein Geld, sondern einen Kaffee von Mäckes. Ok. Die Sonne scheint. Aus Kaffee wird dann ein Kaffee und was zu essen. Ich schaue ihn an und er fragt: „Fifty-fifty?“ Watt Fifty? Shades of Grey oder was? Sein Fifty der 3,99 sind 20 Cent in Rotgeld. Zählen kann er wohl nicht. Der Mäckes-Mitarbeiter schaut mich verwirrt an. Ich lege vier Euro hin, sage noch, er solle ihm das Wechselgeld geben, bevor ich dann schnell verschwinde. Die Sonne scheint – wer weiß, was er mir sonst noch alles aus dem Kreuz leitert?

In den Läden lerne ich wieder mal alle Abstufungen der Höflichkeit kennen, was mich ein wenig desillusioniert. Den Gipfel erreiche ich auf dem Viktualienmarkt: Mein geliebter Holunderstandl existiert nicht mehr. Ich war wohl zu lange weg.

Die Saftbar gibt es Gottseidank noch, also fahre ich gestärkt heim. Die Bahn ist proppevoll… Und genau gegenüber sitzt die Jogginghose. Ach, so eine Jogginghose ist aber auch eine Arschkuh. Da hängt ja alles und liegt nie günstig, warum der Bursche sich dauernd vergewissern muss, ob sein kleiner Schnulli noch vorhanden ist. Das wäre aber auch ein Schock, wenn der sich einfach mal so verabschieden würde. Tut er aber nicht – alle 42 Mal in 25 Minuten. Ich bin froh, dass alles immer wieder am Platz ist.

Echt? Warum fahre ich auch samstags bei schönem Wetter nach München? Da haben irgendwie alle Freigang. Ich auch.

Du bist meine Inspiration!

Wie heißt das Sprichtwort so nett: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“? Richtig. Hätte ich mich mal daran gehalten. Letzte Woche war noch mein Credo: Weiter so. Diese Woche dann nicht mehr. Man, man, man, hab´ ich mich diese Woche wie Rumpelstielzchen gefühlt.

Zunächst eröffnet mir mein Kollege, mich letzte Woche getestet zu haben, als er mich gebeten hatte, den Workshop zu leiten, was seine Aufgabe gewesen wäre. Bei so was frage ich mich immer, was die Motivation hinter so einem Verhalten ist? Es erschließt sich mir nicht. Warum muss ich Kollegen/Mitmenschen testen? Naja, er wollte mal sehen, wie ich reagiere? Ah ja. Mir schießt da spontan durch den Kopf, einfach mal zu testen, wie er auf Starkstrom am Sack reagiert. Ernsthaft, wäre doch mal interessant, diesen Tanz anzuschauen. Mach´ ich aber nicht, weil erstens: Wie komme ich an Starkstrom und zweitens: Wie komme ich an seinen Sack? Da ich Letzteren nicht sehen will, verwerfe ich den Gedanken schnell wieder. Nicht aber, ohne klarzustellen, wie überaus fies ich werden kann, wenn ich das Gefühl habe, verarscht oder ausgenutzt zu werden. Fakten auf den Tisch, dann ist immer mit mir zu reden. Er scheint es kapiert zu haben. Ich habe ja auch den Todesblick aufgesetzt. Das kann ich gut.

Und dann eröffnet mir mein Chef, die Konzeptarbeit, die ich mit oben erwähntem Kollegen in den letzten 2 1/2 Monaten erstellt habe, wird wohl nicht umgesetzt. Ääääääh, wie bitte? Jo, es gibt doch DIE Superlösung, auf die wir einfach wieder zurückgreifen. Wie war das noch mit „Kulturwandel“? Ach, da sch*** wir doch mal getrost drauf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann schon einen etwas erhöhten Pulsschlag á la Rumpelstielzchen, als man dessen Namen in Erfahrung gebracht hat.

Zur Krönung darf ich aber in einen Leitungskreis, für den ich mir ein Thema aussuchen soll, weil mich der Centerleiter mal kennenlernen will. So was liebe ich ja. Völlig sinnfrei, aber was soll´s? Und das schmeckt meinem Chef wiederum nicht, weil das doch voll toll ist. Ich darf da was vortragen und mich „präsentieren“. Meine Antwort: „Schon ok, dann spiele ich eben Zirkuspferdchen vor den Affen. Mach´ ich. Verlang´ nur nicht von mir, dass mir das Spaß macht.“ Doch genau das will er. Ich erkläre nochmals ruhig meine Sichtweise, dass ich denke, die Jungs hätten keine wirklichen Themen und würden es lieben, Menschen vorzuführen. Ich verweigere mich dem ja nicht, halte für mich allerdings fest, es sei eine sinnfreie Übung.

Die Antwort ist putzig: „Du bist bockstur.“ Ach. Das ist ja mal was Neues. Habe ich noch nie gehört. Daher antworte ich auch nur trocken: „Das weißt Du aber nicht erst seit heute, oder?“ Ernsthaft: Ich mag es, mit Menschen zu arbeiten. Ich mag es, mich mit ihnen auszutauschen. Ich mag es hingegen nicht, wenn man mich einbestellt, zu irgendwas zu referieren, weil sich die Herren langweilen. Wenn mich der Oberboss kennenlernen will, soll er mich einladen zu einem 4-Augen-Gespräch. Ich stehe ihm gerne Rede und Antwort – auch wenn sein Parfum einen Büffel betäuben könnte. Ehrlich, ich würde das aushalten. Aber nein, ich soll vortanzen. Mache ich doch. Schließlich werde ich auch dafür bezahlt, wenn meine Arbeit für die Tonne ist – so wie das Ergebnis der letzten 2 1/2 Monate.

Ich bin also doch urlaubsreif, was ich Anfang der Woche noch abgestritten habe. Nur gut, dass ich nächsten Mittwoch losdüse. Um eine liebe Kollegin noch vorher zu sehen, waren wir dann heute zum Essen verabredet. Zum Schluss sagt sie im Brustton der Überzeugung: „Du bist meine Inspiration!“ Und da stehe ich dann und weiß nichts zu sagen. Was für den einen bockstur ist, ist für den anderen Inspiration? Ich bin verwirrt. Aber das halte ich aus. Schließlich fliege ich ja bald nach Amiland und werde mir in New Orleans den Mardi Gras anschauen dürfen – fernab jeder Starkstromphantasie und Affenzirkus-Vorführung. Ach, ich bin wohl doch ein Glücksschwein.

Wenn et Sönnsche schinnt

Wer fühlt sich bitte nicht besser, wenn er nach diesem Winter die Sonne wieder begrüßt? Jaja, ich bin kein Sonnenanbeter, ich weiß. Werde ich auch nicht mehr in diesem Leben. Allerdings gefällt mir der Frühling schon sehr. Nach dem Herbst ist mir der Frühling ja die liebste Jahreszeit. Und mit dem Wissen, dass die Sonne sich bald wieder mal verabschieden wird und der Winter wieder Einzug halten will, möchte ich mir eine Box suchen, in der ich die Sonne für schlechte Tage einfangen kann. Bislang habe ich keine gefunden, bin für Anregungen diesbezüglich aber sehr offen.

Die Woche, die ja mit Mathetrauma begonnen hat, entwickelte sich dann schön wie das Wetter. Ich darf ehrenamtlich im Altenheim arbeiten, was mich sehr freut. Alte Menschen finde ich immer schon spannend. Jo, es gibt diese Knatschpötte (für alle Nicht-Rheinländer: Menschen, die meckern und jammern), aber die muss ich ja auch nicht bekehren. Ich kann immer wieder gehen. Tatsächlich glaube ich ja auch fest daran, dass man selbst diese Leute zu einem Lächeln bringen kann. Es dauert nur etwas länger. Von außen ist das zudem ja leichter, als wären es die eigenen Eltern. Daher bin ich schon gespannt.

Das andere Highlight ist hingegen die Aussicht, nach Amsterdam zu dürfen. Da gibt es wohl ein Subunternehmen meiner Firma, das wohl Beratungsbedarf und Unterstützung benötigt. Ääääh, alles wurscht, außer: AMSTERDAM!!! Hallo??? Wie geilo ist das bitte?! Richtig. Saugeilo. Daher wollte ich das unbedingt machen. Mein ChefChef wollte meine Kollegin und mich allerdings noch etwas ärgern. Er wollte bestochen werden. Auf Nachfrage hin z.B. mit Kuchen. Na gut, den sollte er bekommen. Was eigentlich nur ein Scherz sein sollte (niemand scherzt ungeschoren mit einem Rheinländer! Auch nicht im Süden.), wurde als Challenge angenommen. Und so tanzten meine Kollegin und ich mit Schwarzwälder Kirsch und zu „Traum von Amsterdam“ (mit freundlicher Unterstützung von Youtube) ins Büro unseres ChefChefs. Der war…äääh…überrumpelt/überfordert/sprachlos…irgendwie so was. Und dann wurde er rot. Ach, hätte ich nur schneller reagiert und das aufgenommen! Unbezahlbar. Nach Rumgedruckse und einem „Ihr seid natürlich ganz weit vorne“, wollte ich ihn so nicht davonkommen lassen. „Also, wer hat den Zuschlag?“ „Äääääh….Ihr.“ Da ich ja ein Biest bin, habe ich das per Handschlag besiegeln wollen. Er war so überrumpelt, dass er sich darauf eingelassen hat. Bingo! Das wäre also geschafft. Er konnte nur noch murmeln: „Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus.“ Cleveres Kerlchen, gell?

Meine Kollegin hat sich sofort ans Recherchieren gemacht, wo man „Fietse huren“ kann (=Fahrräder mieten…kein Schweinkram!), wo es Coffee Shops gibt (da wir beide immer schon Nicht-Raucher sind, habe ich ihr erklärt, dass Kiffen bei uns nix bringen wird) und natürlich, dass wir Lakritz für die Kollegen mitbringen müssen (ich habe auch hier Aufklärung betrieben: Sie ist aus dem Norden, ich aus dem Rheinland, also mögen wir Lakritz. Hier ist aber Bayern. Die finden Lakritz einfach nur bah…ich sag´ ja, komische Menschen leben hier). Auf einem Bild erblickte sie dann plötzlich die Grachten. Aufgedreht fragte sie: „Können wir da mit ´nem Boot fahren?“ Hab´ ich zwar schon hinter mir, feier´ ich aber immer wieder gerne aufs Neue. „Ja, können wir und werden wir.“ Oh je, unsere anderen Kollegen werden bis dahin noch einiges ertragen müssen, aber da müssen wir alle durch.

Und weil alles so super läuft, hat OTTO dann auch den richtigen Schrank zur abgemachten Zeit geliefert. Hermes hat sich eine halbe Stunde vorher noch gemeldet, dass sie dann in 30 Minuten da wären. Äääääh…? Gibt es so einen Kundenservice heute echt noch? Sie lieferten pünktlich und freundlich. Aber dann saß ich da und dachte: „Wäre schon toll, wenn es dazu einen Mann gäb, der einem das hier aufbauen würde…“ Aber ich will es ja nicht übertreiben. Frau kann das ja auch selber. Meine Lampe flaggt zwar immer noch unmontiert herum, aber da müsste ich ja auch den Strom abschalten und bohren. Das ist ein anderes Kaliber.

Ganz Profi (*hüstel) habe ich dann alles ordentlich sortiert, abgezählt und verglichen, ob alles dabei ist. War es. Dann habe ich Akkuschrauber, Hammer, Schraubendreher und Zange (die nur für alle Fälle) zurecht- und dann losgelegt. Was soll ich sagen? Er steht. Der Schrank. Mann gibt es ja nach wie vor keinen. Es hat zwar lange gedauert, aber das schmucke Ding steht nun und wartet aufs Beladen. Das mache ich heute. Musste ja erstmal putzen und überlegen, wie ich was krame. Und da ich so was nicht so doll finde, schreibe ich jetzt erstmal lieber hier was rein. Das nennt man, glaube ich, Ablenkungsmanöver. Davon gab es schon reichlich heute. Ich habe schon mit der Bank telefoniert (ja-haaa, an einem Sonntag!), damit ich meine PIN von der Kreditkarte oneline ändern kann, habe mit zwei Freundinnen telefoniert, Milchreis gekocht…auf dem Balkon die Sonne genossen und ein bisschen doof durch die Gegend gestiert. Es hilft aber alles nix, ich muss ran. Heinzelmännchen wohnen in Mainz und nicht in Dachau, Freiwillige laufen hier auch nicht herum und – wenn ich mal ehrlich bin – würde ich mir ja eh nicht helfen lassen.

In diesem Sinne leg´ ich jetzt mal los. Ach ja, Universum? Nächste Woche bitte weiter so.. ;o)

Scho schee

Am Sonntag war es herrlich. Schönes Wetter, alles chic. Aber dann? Kam ein Temperatursturz um 13, 14 Grad. Celsius natürlich! Was denn sonst?! Da gewöhnt man sich gerade wieder an die Sonne, bevor sie dann schwups wieder weg ist. Aber sie ist nicht nur weg, nein! Sie wird abgelöst von Schneeregen. Hallo?! An Weihnachten, wenn wir alle drauf zu warten stehen, da denkt Petrus sich, er scheißt uns lieber was. Aber jetzt, wo es „ka oide Sau net“ braucht, da kommt’s dann. Für mich hat der Schnee jetzt Pause bis Weihnachten, bitte!

Als Krönung obendrauf habe ich dann eine Schulung. Das Thema ist durchaus interessant. Nur der Trainer kekst mich. Er kommt von extern, da muss man ihn schon anbeten. Und das strahlt er dann auch aus. Er gehört der Kategorie an: „Betet mich an, denn ich bin soooo geil.“ Zugegeben, er hat viel Ahnung von der Thematik. Didaktisch ist er allerdings ein Vollpfosten. Und attraktiv ist er auch nicht. Es steht also 2:1 gegen ihn. Er hatte aber bei der letzten Schulung schon bei mir verschissen. Da muss ich dann einräumen, dass ich die Fehler feiere, die ich finde. Und seine Folienschlacht wimmelt davon. Groß- und Kleinschreibung erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Kommata scheinen gänzlich abgeschafft worden zu sein. Und die Rechtschreibung? Mei, ich will gar nicht erst anfangen. Nun steigert er dann aber alles noch. Es heißt zwar, dass wir die Leute emotional abholen sollen, weil das den deutlich größeren Teil ausmache, aber wir müssen doch wieder alles in Zahlen packen. Getreu dem Motto „Miss es oder vergiss es“ (richtig, er sagt natürlich: „Mess es oder vergess es“ – wahrscheinlich sagt er auch: „Pess an die Wand“), müssen wir auf einmal wild rechnen. Ich fühle mich lost. Welche Formel? Was für Zahlen? HILFEEE! Ich bin in meinem Albtraum gefangen.

Neben mir sitzen zwei Kollegen, die in ihrem Vorleben die Erst- und Zweitbesetzung von Graf Zahl aus der Sesamstraße waren. Ich habe keine Ahnung, was sie da munter rechnen und suhle mich mal wieder in meinem Mantra: „Watt machste eigentlich hier? Watt kannste eigentlich?“ Oder wie mein Neffe immer so treffend sagt: „Brot kann schimmeln, was kannst Du?“ Dann bin ich gedanklich dabei, was ich für meine USA-Reise noch brauche? Ich zwinge mich zur Konzentration und frage kleinlaut: „Ääääh… was genau rechnet Ihr denn da?“ Die Antwort lautet schlicht: „Ist doch nur angewandte Mathematik!“ Ok, das M-Wort ist ja mein persönliches Trauma. Als dann nachher noch einer reinschmeißt: „Das ist ja soooo simpel, wir müssen’s nur tun“, bin ich im Vollbockmodus. Das M-Wort wirkt auch 23 Jahre nach meinem Abi noch, um mich in Angststarre zu versetzen – obwohl ich meine Statistikscheine in Psychologie an der Uni irgendwie geschafft hab. (Bösem Verdacht zuvorkommend: Es war kein männlicher Prof!!!)

Ich überstehe den Tag ohne selbst- oder fremdverletzende Aktionen und weine dazu wie der Himmel… nur eben keine Schneeflocken, sondern Wuttränen. Am Dienstag sollen wir dann den vorangegangenen Tag reflektieren… unsere Erkenntnisse nennen. Alle ergehen sich in hochtrabenden Ergüssen. Ich teile nüchtern mit: „Meine Erkenntnis? Ist hasse Mathe immer noch.“ Alle lachen, nur mir ist es ernst. Gottseidank müssen wir heute aber auch nicht mehr rechnen. Der Himmel weint aber nach wie vor. Mein Kopf bockt aufgrund der Bockigkeit und pocht und pocht. Letztendlich überlebe ich jedoch.

Da die Fortbildung vorbei ist, ich nicht mehr rechnen muss und auch den Vollpfosten nicht mehr ertragen brauche, scheint zur Belohnung heute wieder die Sonne. Es lohnt sich also durchzuhalten, damit die Sonne wieder hervorkrabbeln kann. Und da die Sonne mir dieses deutliche Zeichen schickt, revanchiere ich mich damit, heute superfrüh den Pin reinzuhauen, um ins Schlosscafé zu gehen. Und um meinen Beitrag zum Inlandsprodukt zu leisten, erbarme ich mich auch eines Kuchenstücks mit einer Tasse Kaffee.

Ach, das Leben ist scho schee… Und die Zeiten, in denen ich alt genug bin, nur hin und wieder (quasi once a year) Matheformeln ertragen zu müssen, trösten mich über Schneeregentage hinweg. Ich genieße… Und wenn gerade mal nicht, genießen andere meine ausgelassene Bockigkeit. Auch gut. Ich leiste gerne meinen Beitrag.

Wo ist es hin?

Heute hab ich endlich mal wieder meinen Hintern hochbekommen. Es nervt, fast schon lethargisch zu sein. Klar, ich hatte eine OP. Aber die ist über drei Wochen her. Meine Ungeduld ist manchmal selbst für mich nervig, aber zumindest unterhaltsam für die Menschen um mich herum.

Nun gut, ich bin dann heute doch von der Sonne herausgefordert worden. Ich bin zum Schloss mit seinem schönen Garten gewandert. Ihm scheint es wie mir zu gehen: Er wirkt wie im Winterschlaf. Alles ist kahl, aber ich glaube, er freut sich wie ich über die Sonne. Ich genieße diese angenehmen Strahlen, sehe ruhig einer Biene (Biene???? Was macht die denn im Winter hier???) zu, wie sie auf meinem MP3-Playerkabel herumkrabbelt.

Und da kommt dann irgenwann ein kleiner Junge in seinem roten Mercedes angefahren. Jawohl, GEFAHREN! Er ist vielleicht drei Jahre alt. Sein Vater geht voller Stolz hinter seinem Jungen her, der mit seinem kack Auto wirklich selber fährt, während es laute Motorengeräusche vorgaukelt. Ich bin jetzt kein bekloppter Mensch, der möchte, dass am Karussell das Auto, Flugzeug und generell motorisierte Fahrzeuge entfernt werden, um grüne Menschen zu entwickeln, aber wieso muss ein Kleinkind auf so einen Mist gedrillt werden? Verstehe ich nicht. Vorbei die Zeit, in der wir mit Murmeln und Ästen gespielt haben. Oh mein Gott, ich werde echt richtig alt, wie es scheint.

Aber dann kommt da die Mutter mit ihren drei Töchtern vorbeispaziert. Eine ist schon recht groß, schätze mal 14 oder 15. Die Mittlere ist vielleicht 6. Und die Kleine? Die ist vielleicht 3 oder 4? Keine Ahnung. Ich sehe sie an und erinnere mich bei ihrem Anblick an mich. Sie wird doch nicht…?! Doch, sie fixiert eine Pfütze. Ich muss breit grinsen. Ihre Mutter registriert es, aber da ist es auch schon zu spät. Die kleine Maus latscht genau durch die Pfütze. Gutes Kind! Dafür feiere ich sie klammheimlich.

Wo ist das hin? Ich laufe nicht mehr durch Pfützen. Warum? Weil ich die Schuhe anschließend selber saubermachen muss? Ich glaube nicht. Wohl eher, weil „es sich nicht gehört“. Da höre ich noch meine Oma: „Aus Dir wird nie ein feines Mädchen!“ Und dann sehe ich mich vor meinem geistigen Auge dastehen: Hände in die Hüften gestemmt (Gott, habe ich das oft getan), die Schultern hochziehend und voller Überzeugung sagend: „Na und?!“ Wo ist dieses „Na und?!“ heute nur hin? Ich weiß es nicht. Aber ich merke, wie es wieder in mir hochkrabbelt. Gut, nicht unbedingt heute und jetzt, weil ich Wildlederschuhe trage. Und es muss auch keine Pfütze sein. Eher dieses Draufpfeifen, was andere eventuell von mir wollen könnten.

Das klingt wie Musik in meinen Ohren. In diesem Sinne wünsche ich jedem von Euch solche „Na und?!“-Momente – aber natürlich nur, wer das möchte.

Advent, Advent, das Stühlchen brennt…

Ich habe es satt. Was genau? Ich habe mir vor vier Jahren Stühle gekauft. Ein komplettes Ensemble vom dämlichen Bettenlager. Ja, die werden anders geschrieben. Mir doch egal. Nie wieder würde ich diese Kombi kaufen. Dennoch bin ich so erzogen, nichts wegzuschmeißen, was nicht defekt ist. Und die Stühle sind nicht defekt – nur sauunbequem. Und dazu knarzen sie in einer Tour. Dämlich. Nun werfe ich diesen Vorsatz aber über Bord, weil 4 Jahre ärgern nur zusätzliche Falten verursacht, was in meinem Alter kein Spaß mehr ist.

Jetzt gab es ja den Black Friday und all das Geschiss drumherum. Also habe ich mich aufgepackt und bin wieder zum dämlichen Bettenlager gefahren. Dort stand ein brauner Schwinger. (Damit meine ich einen Stuhl, Ihr Ferkel!) Um mich zu vergewissern, spreche ich also eine Verkäuferin an. Ich erkläre ihr: „Ich habe die Garnitur hier gekauft. Die Stühle sind aber so was von superscheiße, dass ich sie am liebsten anzünden würde!“ Die Reaktion überrascht dann selbst jemanden wie mich. Die Verkäuferin strahlt mich an und verkündet: „Streichhölzer haben wir im Sortiment.“ So viel Dreistigkeit finde ich schon echt interessant. Die Stühle, die ich mir ausgeschaut hatte, waren im Angebot. Ich wollte lediglich ihre fachfräuische Meinung. Sie sagt allerdings nur lapidar, dass das ja immer nur Geschmacksache sei. Na danke, warum hatte ich die dumme Nuss noch mal angesprochen? Und dann meine allerletzte Frage: „Werden die denn am Black Friday, mit dem Sie ja werben, noch mal günstiger?“ Nö. Sie entdeckt sogar, dass es noch das Angebot von letzter Woche sei, also wäre der reguläre Preis wieder der richtige. Wir haben Dienstag, wohlgemerkt. Ich schau´ sie lächelnd an, atme durch und sage ihr: „Dann verstehen Sie sicherlich, dass ich hier nichts kaufen werde.“ Sie nickt. Das isses.

Ich bestelle online. Ganz ehrlich? Ja, online zu kaufen, macht die kleinen Händler platt. Die können nicht mehr mithalten. Das mag ich nicht. Aber so eine Antwort erhalte ich im Internet nicht. Da weiß ich, dass kein Service dabei ist. Also bleibt es bei der Online-Bestellung, die gut funktioniert. So gut, dass die Ankündigung ist: Meine Stühle kommen zwischen dem 14. und 24. Dezember. Ok. Als ich dann samstags zu den Briefkästen schlurfe, denke ich noch darüber nach, wie Menschen im Hausflur einfach so zwei fette Kartons lagern können, entnehme meine Post aus dem Briefkasten und will wieder gehen. Irgendwas hält mich an und lässt mich nachschauen, ob was auf den Kartons steht, für wen sie sind. Sie sind für mich. Ich habe bis heute keine Nachricht über Amazon erhalten, wie es üblich ist. Da steht immer noch 14. – 24.12. drin. Auch die Post hat keinen Zettel hinterlassen. Gut, die Kartons sind so fett, dass man sie nicht übersehen kann.

Umständlich schleppe ich die Beute mit mir…nur um festzustellen, dass ich zu doof, schwach und Mädchen bin, die Stühle allein aufzubauen. Ich bekomme Hilfe, was mir ja schon schwerfällt. Nach dem Aufbau kommt aber der Abbau. Die knarzenden Drecksstühle müssen ja abgebaut werden, weil ich sie sonst in meinem kleinen Fökki nicht transportieren kann. Selbst dabei stelle ich mich so handwerklich geschickt an, dass ich mir eine Blutblase zulege. Wie sagte mein Obimann dazu: „Schatzi, warum hast Du mich nicht angerufen? Ich hätte das für Dich erledigt. Wie willst Du Deine Leute schulen und motivieren, wenn Deine Arme eingegipst sind?“ „Aber…aber…das muss ich doch können.“ Seine trockene Antwort: „Du hast andere Qualitäten. Lass so was Menschen machen, die was davon verstehen.“ Pffffff…geht gar nicht!

Jetzt dachte das naive Stück in mir, dass ich das zum Wertstoffhof bringe und kostenlos entsorgen kann. Ääääh, nö. Erstmal muss ich mir einen suchen, der mich da aufklären kann, denn bei Holzabfall ist ein Euro-Zeichen abgebildet. Es wimmelt von Männern, aber keiner sieht nach Wertstoffhofmann aus. Ich gehe zu einer Baracke und begehe den folgenschweren Fehler, einen Bayer bei seiner Pause zu stören. Ich frage zögerlich und höflich nach. Der gute Mann kaut noch, sagt, er käme gleich, aber er könne ja nicht vom Fleisch fallen, gell? Dabei reibt er sich seinen dicken Bauch. Ich mag ihn sofort. Menschen mit Humor sind immer ein Geschenk. Er schaut auf meinen Korb, wo die Streben drin sind, und sagt: „2,50 €.“ „Äääääh, da gehören noch die anderen Teile im Kofferraum dazu. Das sind 4 Stühle.“ Er schlurft mit mir zum Auto, schaut drauf und sagt: „Och, bast scho…2,50 €.“ Ich könnte ihn knutschen, aber dann….ääääh, nach einem weiteren Blick denke ich: ´Lieber doch nicht´, händige ihm das Geld aus und entsorge den Kram. Auf einmal kommt einer auf mich zu: „Ha, bestimmt noch nicht bezahlt, gä?“ Ich zücke meinen grünen Schein und sage: „Bin doch ein braves Mädchen.“ Immerhin schmunzelt er daraufhin, schaut dann aber und meint: „Nur 2,50 €? Das ist doch zu wenig!“ „Ääääh, ich mach´ hier nicht die Preise. Fragen Sie Ihren Kollegen.“ „Der war doch beim Essen.“ „Jepp.“ „Des mog er fei net.“ „Hat man am Preis nicht gemerkt. Schönes Wochenende noch.“ Und dann gehe ich. Was soll ich auch tun? Meine neue Freundschaft mit dem anderen riskieren? Nö. Schlimm genug, dass ich für diesen Scheiß hier sowieso was zur Entsorgung zahlen muss.

Mit weniger Ballast, neuen schönen Stühlen genieße ich die graue Adventssuppe da draußen und denk mir: Manchmal passt es einfach, oder?

Am laufenden Band

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Was könnte es Schöneres geben als eine Hochzeit am Meer? Ganz einfach: Viele Hochzeiten am Meer. Allein an unserem Strandabschnitt heiraten täglich zwei bis drei Paare. Wooooow, wie einzigartig, oder? Es hat fast schon was von Fließband.

Vor ein paar Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, in kleinstem Kreis in der Ferne zu heiraten. Ok, kleiner Kreis ist hier relativ. Die Amis und Kanadier heiraten hier schon mit einigen Gästen. Das wäre mir viel zu viel. Heute würde ich es anders gestalten – allein, mir fehlt der Mann dazu. Nur diese Massenabfertigung ist gar nicht nach meinem Geschmack.

Was hingegen nach meinem Geschmack ist, sind die Menschen abseits des Trubels. Ich hab mich heute tatsächlich nach Playa del Carmen aufgemacht. Es ist schon Abzocke. Der peruanische, sehnsuchtsvolle Teil in mir schreit laut nach dem Collectivo. Aber es ist heiß hier… entsprechend mieft es in den kleinen Bussen ohne Klimaanlage. Daher wähle ich den doppelten Preis von 80 Pesos, also ca. 4 € und nehme das Hotel-Büschen. Da muss man zwar durch einen Schmuckladen, aber da bin ich ja stoisch und kenne nix. Ich setze mich vorn zum Fahrer, der denkt, ich verstehe nix. Aber ich bekomme sehr wohl mit, dass er mehrere Kontakte aktiviert und die 14 Personen ankündigt, die er transportiert.

In Playa del Carmen laufe ich an Raul vorbei, bedanke mich artig, aber brauche keinen Schmuck. Ja, danke, hab ich gesehen, aber nein. Dann bin ich draußen und überquere die Straße. Hier fängt der Wahnsinn an. Hallo, where you from? Und das x Mal. Ich winke ab. Einer ist ganz putzig, weil er so klein ist, aber ich hab keine Lust auf den Mist. Ein anderer mault mich an, ich würde ihn ja gar nicht mehr erkennen! Er sei doch Kellner in meinem Hotel. Klar. Und ich bin der Omma ihr liebster Jung. Sie erkennen die Bänder in Sekundenschnelle.

Ich bewege mich rasch weg von der 5. Straße und gehe immer weiter. In der 30. gehen die Einheimischen einkaufen, also geh ich die suchen. Irgendwann spreche ich einen Mann an, der allerdings Kubaner ist. Als ich ihm sage, wie sehr ich sein Land liebe, strahlt er wie ein Kernkraftwerk. Er erklärt mir, wo ich hin muss. Krass, dass ich mit dem bisschen Spanisch immer weiterkomme.

Ich finde alles, was ich brauche, lass mich beraten und verstehe das meiste auch. Juchuuu! Und dann geh ich in den Walmart. Ich schau mich um, und schwups steht ein kleiner Mexikaner neben mir. Ob er mir helfen könne? Och, ich suche nach einem Einkaufswagen. Er winkt einem Typen, der einen holen soll.  Ääääh, nicht nötig. Doch, doch. Ok. Und dann beginnt er: Morgen hätte seine Tochter Geburtstag. Er würde ihr so gerne was kaufen, aber die Geschäfte würden so schlecht laufen. Die Touristen gäben ihm schon mal Trinkgeld. So 5 – 10 Dollar. Hallo??? Ich erkläre ihm, dass ich ja Single sei und kein Mann mich finanzieren würde. Dann wäre er doch ein Kandidat? Ääääh… Er ist doch verheiratet? Nein. Er ist alleinerziehend. Die Ex hat sich nicht gekümmert. Herrje, jetzt zieht er aber alle Register. Ich sage, ich würde beim Einkaufen darüber nachdenken. Blöder Zufall, dass ich ihn nicht mehr sehe… So was aber auch.

In einem Laden treffe ich hingegen einen sehr lieben älteren Mexikaner, der mit mir redet. Zum Schluss bedankt er sich für das Gespräch und wünscht mir eine gute Reise… und ich solle mein Leben genießen. Ein frommer Wunsch. Die können hier besser abschalten. Wenn ihnen der Job nicht gefällt, wechseln sie pronto. Sie hängen nicht an so vielem wie wir Deutsche. Sie reisen mit leichterem Gepäck durchs Leben. Auch wenn ich das bewundere, merke ich immer wieder, dass ich doch sehr deutsch bin. Und das ist auch ok so. Dann macht es ja umso mehr Spaß, andere Lebensphilosophien kennenzulernen.

Und jetzt? Geht es zurück nach Deutschland. Es soll schmuddelig sein, aber auch das ist ok. Ich mag es auch so. La vida eben…20181112_114531

Me gusta mucho

20181111_173438.jpgEs ist morgens… im Urlaub bereits um 7 Uhr startklar zu sein, ist schon abartig. Startklar heißt, gefrühstückt und geduscht zu sein. Aber es lohnt sich hoffentlich.
Unterwegs erfahren wir eine Grundregel: Solange ein Auto noch fährt, ist es zugelassen. So sehen die Autos auch aus. Der Führerschein kostet ca. 40-50 € für 5 – 10 Jahre. Mittlerweile mit Sichtprüfung, da in Argentinien ein Blinder einen Führerschein gemacht hat. Blinker setzen, rückwärts in Parklücke, 1 Stunde Theorieprüfung mit 30 Fragen, die in einem Film vorab gezeigt werden. Dann hat man den Lappen erworben.  Noch Fragen? Wäre der Führerschein so teuer wie bei uns, würden alle schwarz fahren.
Wir besuchen eine Stadt, die Valodolid heißt. Sie ist nett, aber wie die meisten Städte in Mittel- oder Südamerika. Ich probiere eine Frucht, die ich noch nie gegessen hab und deren Namen ich nicht kenne. Die Regel lautet eigentlich, jeden Tag etwas Neues zu probieren, aber bislang galt das eher für Alkohol in diesem Urlaub. Aber ich hab auch erstmalig Kaviar probiert. Ok, aber auch nicht mehr.
Ich schaue mir an, was ein kleiner Opi da vor der Kirche feilbietet. Er erklärt mir ein Geschicklichkeitsspiel. Ich erkläre ihm, mit wie wenig Geduld ich versehen wurde. Er lacht. Obwohl ich nichts kaufe, reckt er sich in die Höhe und gibt mir ein Küsschen, was ich süß finde.
Dann geht es zu Chichen Itza, was zu den sieben (neuen) Weltwundern gehört. Übersetzt heißt es so was wie Wasserpriester. Wasser ist eben der Ursprung allen Lebens.
Wir hören, dass dies alles nicht etwa durch Sklaven erbaut wurde. Es gab ein anderes Prinzip, das für alle galt:
3 Monate musste jeder unentgeltlich arbeiten. Klingt hart, aber wenn man es mit unserer Steuer vergleicht, kommen sie noch gut weg.
Immer wieder wird betont, dass die Maya kein primitives Volk waren/sind. Heute arbeiten viele in der Gastro und verdienen 70 – 80 Pesos pro Tag, also 3,5-4 €. Sie leben quasi vom Trinkgeld.
Mayas haben gemeinsame Wurzeln mit den Enuit und Mongolen und haben ab Geburt ein blaues Mongolenmal über den Pobacken, das im Alter zwischen 4 und 8 Jahren verschwindet.
Wie bei den Inkas schon, spielt Wasser die zentrale Rolle. Ohne Wasser kein Leben. Daher vermutet man, ist Chichen Itza auch auf einer unterirdischen Grotte gebaut. Bislang hat man noch keinen Tunnel dorthin entdeckt, ist davon aber überzeugt, dass es einen geben muss.
Es gab Ballspiele mit vielen Zuschauern – quasi der Vorläufer von Fußball? Und das bei der Hitze!!! Im Sommer werden es 50 Grad! Mir reichen die über 30, die wir gerade haben. Wenn nun kein Regen fiel, mussten Opfer dargebracht werden. Die Verlierer fallen einem da schnell ein. Gab es aber länger keinen Regen, hat man einen der Elite geopfert. Puh, da haben Messi, Ronaldo und Co. aber Glück, dass die Zeiten vorbei sind. Die deutsche Elf hätte hingegen entspannt zuschauen können. In diesem Hitzesommer hätten sie nur die wirklich Guten gebrauchen können.
Interessanterweise galt Selbstmord bei den Maya als ehrenvoll, was einen sofort ins Paradies beförderte. Völlig konträr zur Ansicht der katholischen Kirche. Wer zu alt  war und nicht mehr so konnte, hat gebetet und sich dann erhängt. Peng, aus die Maus. So einfach. Und dafür kam derjenige dann in den Himmel.
Ein anderer, großer Unterschied: Die Schlange steht für Fruchtbarkeit bei den Maya, in der katholischen Kirche jedoch als Sünde. Viele Kulturen Südamerikas haben den neuen und alten Glauben kombiniert. Für die Maya ist der christliche Gott lediglich ein weiterer ihrer zahlreichen Götter.
Alles in allem ist es eine interessante Ausgrabungsstätte, aber überall stehen kleine Tische, wo Nippes verkauft wird. Es ist verboten, aber die Aufseher werden bestochen. Ich rede hier von Hunderten Ständen! Hammer. Auf Anraten des Guides sollen wir nichts kaufen. Ein Verkäufer ist dann so sauer, dass er mir: „Be kind to the Maya!“ hinterherruft. Ich war nicht unkind, aber egal.
 Am nächsten Tag besuchen wir Uxmal (gesprochen Uschmaal). Es gehört zwar zum UNESCO Weltkulturerbe, jedoch nicht zu den Weltwundern. Übersetzt heißt es „3 Mal gebaut“. Ein Zauberer wird als Gründer dieser Stätte in Märchen überliefert. Ich wünsche mir meinen Germain aus Cusco herbei. Unser Guide erzählt so viel Unnützes, dass ich nicht mehr zuhören kann. Wir starten beim Wahrsagertempel, der beeindruckend ist, aber erst richtig majestätisch wirkt, wenn man ihn später vom Gouverneursgebäude aus betrachtet. Wahrhaft wunderschön. Etwas Mystisches umgibt ihn, das man nicht greifen kann. Ich bin beeindruckt. Und wieder erfasst mich diese Demut, das hier sehen zu dürfen. Touristisch ist wenig los, weshalb eine Pyramide tatsächlich noch begehbar ist. Die Sonne brennt erbarmungslos, es geht hoch hinauf, und kein Seil oder Geländer ist in Sicht. Rutscht man ab, war es das. Das überlebt keiner. Meine Muthöckerchen singen, also laufe ich los. Belohnt wird man mit einer schönen Aussicht, Schatten und einem leichten Lüftchen. Keine Frage, das war es wert. Schwieriger ist im Grunde der Abstieg. Es gibt Maya, die sofort gerufen werden, wenn sich – O-Ton – wieder mal dicke Amis hochgeschleppt haben, aber dann nicht mehr runterkommen. Leider erleben wir so ein Kunststück nicht. Dann laufen die Maya nämlich hoch und nehmen die Amis ans Händchen – immer mehrere für einen Ami.
Ich sollte mehr Respekt haben, aber ich fühle mich nur frei. Es ist toll, es ist berauschend… Ich liebe dieses Gefühl.
Izamal hätte ich mir gern gespart. Eine tolle Klosteranlage, die von hinten genial aussieht, ist vorne gelb-weiß gestrichen, weil seinerzeit Papst Johannes Paul vor Ort war. Gelb und weiß sind immerhin die Farben des Vatikan. Puh, wie unwichtig, oder?
Die Cenote (gesprochen: Tschenote) ist eine unterirdische Grotte, die Wasser gespeist ist. Nett, aber neben den Ausgrabungsstätten nicht so beeindruckend.
Todmüde nach zwei Tagen und ca. 900 km falle ich ins Bett. 
 

Ich liebe den Süden Amerikas, der für mich hier schon beginnt..Die Menschen sind offen, leben weniger hektisch und entschleunigen. Für einen Plausch ist immer Zeit. Me gusta mucho!

Mas o menos…

20181108_131246.jpg20181107_145119.jpgIch liege am Meer und genieße das Rauschen. In Deutschland soll es auch warm sein, obwohl ja November ist. Hier sind es ca. 30 Grad. Das Meer kühlt nur bei den ersten zwei Schritten. Dann fühlt es sich angenehm warm an. Trügerisch, denn die Sonne brennt dabei ganz schön.

Mein größeres Problem ist jedoch das Spazieren. Gestern habe ich nämlich eine kleine Wanderung ins Nirgendwo unternommen. Ich bin am Strand entlang und habe das Hotelgelände verlassen. Und da entdecke ich wahre Schätze. Gut, dadurch, dass dort kein Hotel ist, werden weder angeschwemmter Müll noch Algen entfernt. Der Geruch schreckt zunächst ab, was gut so ist. Ich hab nämlich lediglich vier Leute gesehen, die – wie ich – nicht umgedreht sind, als es zunächst müffelte. Ich sehe wunderschöne Vögel, die nicht durch Touris und deren Lautstärke gestört werden. Ein großer weißer Reiher residiert majestätisch auf einem Stein im Wasser, aber schon sehe ich Junior aus dem peruanischen Dschungel vor mir, der sich den Bauch reibt und „me gusta mucho“ von sich gibt – natürlich begleitet von Garys entsetztem Gesicht. Kleine Fische schwimmen in kleinen Aushöhlungen von Steinen, und kleine Echsen flitzten durch die Gegend. Es ist so unglaublich schön, dass ich die doofe Sonne vergesse, was mich….äääh…un poco rojo hat werden lassen. Trotzdem war es das wert.

Doof nur, dass man nach ausgiebigem Sonneneinfluss und tagsüber keinem Essen ganz schnell einen kleben hat. Wenn dann der Barkeeper nicht nur einen Shit on the grass nach dem obligatorischen Tequilla suave (mild) bringt, sondern meint, ich müsste unbedingt noch einen „Ronsito“ probieren, dann ist das ein heftiger Start in den Abend. Der Kellner im Restaurant meint es auch nur gut, als er mir das zweite Radler bringt. Ich trinke hier so viel Alkohol wie sonst in 5 Jahren zusammen. Puh… Der Vorteil: Ich rede einfach drauf los. Erick (so geschrieben ein sehr beliebter Name in Mexiko) von der Rezeption ist geduldig und lobt meine Sprachkenntnisse. Ha ha, dabei ist er komplett nüchtern. Wir reden über Peru, wo er nächstes Jahr hinfährt. Ich schwärme und sage ihm, dass ich ein Teil meines Herzens dort verloren hab. Wir philosophieren, ob die Mayas und Inkas wohl Verwandte gewesen sind, welche Kultur wohl älter ist und dass wir doch mehr oder weniger alle dieselben Wurzeln haben. Ich verstehe wieder, warum ich den Süden Amerikas und seine Bewohner so liebe. Sie sind herzlich, genießen „la vida“ und sind offen, wenn man ihnen gegenüber gleichberechtigt auftritt. Sie reagieren nur gereizt, wenn man sie von oben herab behandelt – verständlicherweise.

Wir lauschen den Karaoke-Sängern, und es juckt mich irgendwie. Doch ich überwinde mich nicht. Beim Händewaschen sage ich der Kanadierin neben mir, dass sie Vorteile hätten, weil sie Native Speaker seien. Da schaut sie mich entgeistert an und fragt, was ich denn sei??? Amis und Kanadier staunen immer, wenn einer mehr als einer Sprache mächtig ist. Das sagt schon eine Menge aus, hm?

Der einzige Wermutstropfen ist der Besuch der Disko. Verdammt, bin ich alt! Und puh, was trage ich viel Stoff am Leib. Man kommt mit 17, 18 mit einem Bikinioberteil und Hotpants, die diesen Namen nicht einmal mehr verdienen, gut aus. Hammer! Hätte ich Kinder…..ääääh, dann so nicht. Verdammt, ich bin dermaßen scheißalt!

Ein Ronsito und eine kaum geschlafene Nacht später, erlebe ich mal wieder Amis, die ihrem schlechten Ruf alle Ehre machen. Ein kleines, durchaus süßes Mädel darf allein essen. Sie ist weit davon entfernt, es tatsächlich zu können. Die Tischdecke sieht aus wie Sau, der Boden mit Rührei, Tomaten, Brot und Melonen übersät wie ein Schlachtfeld. Eltern und Großeltern finden das alles nur süß. Weg machen darf es das Fußvolk. Puh. Das geht so gar nicht. Da pullert sogar eine Ratte mitten in den Speisesaal und macht dann einen großen Bogen um die Sauerei der Kleinen. Nicht mal dieses Nagetier fühlt sich bemüßigt, den Unrat der Amis zu beseitigen. So weit sind wir schon. Aber zumindest schreit niemand beim Anblick der Ratte… dabei ist sie nicht gerade klein. Ich verstehe manches nicht, was aber voll ok ist. Daher genieße ich einfach mal die Zeit und lass den lieben Gott, Pacha Mama, die Maya-Gottheiten oder wen auch immer einen guten Mann oder eine gute Frau sein.