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Wespen, die wie die Fliegen sterben

Wenn einer meine Probleme hätte! Puh! Ich habe noch ca. 500 Gramm mittlerweile richtig reifer Birnen. Reinen Birnenlikör habe ich noch. Man, man, man, was machen in solch auswegloser Situation? Ja, ich weiß, da sind schon ganz andere dran gescheitert. Kurzerhand wird es nun Mus. Auch nicht schlecht. 🙂 Ich weiß sehr wohl, wenn das alles ist, was mich gerade beschäftigt, bin ich so ziemlich der zufriedenste Mensch auf Erden. Aber nein, das ist natürlich nichts, was mich ernsthaft umtreibt. Es ist mal wieder Wochenende, die Sonne scheint, und ich habe bewusst nichts vor. Ich müsste so viel. Aber darin bin ich mittlerweile richtig gut geworden, all dieses „Ich müsste“ schön zu verschieben. Das ist der Nachteil von Corona, schätze ich. Meine Wohnung sieht aus wie Hack. Aber heute muss ich dann (nicht mehr müsste – man achte auf die Feinheiten!) echt mal was tun. Und im Nachhinein bin ich dann auch immer megahappy, wenn alles frisch blinkt, nach dem „General Bergfrühling“ duftet (man achte auf die Doppeldeutigkeit, aber ich meine tatsächlich nur und ausschließlich das Putzmittel) und ich zufrieden bin, etwas Konstruktives getan zu haben. Aber auf dem Weg liegen so viele Tücken! So schaue ich beispielsweise in mein E-Mail-Postfach und lösche mal die überschüssigen Mails, die echt keiner mehr braucht. Und dabei gehe ich zurück zu den Anfängen. Worüber ich stolpere, sind manche Moderationsbeiträge zu meinem Peru-Blog. Oh man, war das schön. Und schwups, bin ich wieder voll in dieser Zeit. Ich sehe mich wieder, wie ich über den Mercado schlendere, wie ich anfänglich Panik vor dem übervollen Correcamino hatte, nur um dann später damit wahnsinnig gerne zu fahren…und wie sehr ich „meine“ Dschungelkinder vermisse. Ein weiteres „Ich müsste“ schließt sich hierbei an. Ich habe einen Gutschein für ein Fotobuch bekommen. Ende des Jahres läuft der Gutschein ab. Ich habe es bislang nicht geschafft, mich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich die Bilder anschaue, bin ich immer noch so überwältigt von den Erinnerungen. Nur ist das Jahresende jetzt auch nicht mehr sooooo weit entfernt. Ich sehe mich schon Heuligabend da sitzen und Bilder sortieren, die ins Fotobuch sollten. Die Idee war ja eigentlich, ein Buch mit meinen Blogeinträgen zu machen und diese mit Bildern zu versehen. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es klingen mag. Ich vermute, es wird an meiner Faulheit und dem fehlenden Geschick scheitern. Doch ein Fotobuch ohne viel Text sollte schon machbar sein. Nur habe ich ein paar tausend Fotos. Wie soll ich da auswählen, welche die wirklich wichtigen sind? Ist das schwer. Aber zunächst räume ich jetzt mal auf, staubsauge und putze. Dann ist ein wichtiger Schritt getan. Mühsam ernährt sich nun mal das Eichhörnchen.

Es duftet nach Frühling! Ja, ich habe geputzt. Also nicht so oberflächlich, sondern richtig. Also ist der erste Schritt in Richtung Chaos Lichten getan. Im Grunde ist es ja immer so, dass wenn man ordnet, richtig sortiert und putzt, auch im Innen aufgeräumt wird. Ja, ich weiß, der Supergag, denn das hieße ja, dass jede Putzfrau völlig zufrieden und aufgeräumt rumlaufen müsste. Ich rede davon, wenn man in den eigenen vier Wänden so richtig alles auf links zieht. Und ja, es gibt diese Putzteufel, die kein Krümelchen ertragen können. Die meine ich auch nicht. Bei denen ist im Innen häufig noch mehr im Argen, weil sie die Welt nur noch ertragen können, wenn ihr inneres Chaos draußen nahezu klinisch sauber anmutet. Ich sehe schon, das wird manchen so philosophisch.

Heute ist es draußen auch wieder warm, aber irgendwas liegt in der Luft, was sogar Oppa dazu veranlasst, bekleidet zu bleiben. Gegen Abend soll es regnen. Von mir aus: Lass´ mal kommen. Aber der Herbst ist definitiv mit seinen Zehen schon in unser Leben getaucht. Das merke ich vor allem an den Spinnweben. Gestern wollte ich nur an den Briefkasten, da meinte eine besonders vorwitzige Spinne den Türsteher spielen zu müssen. Sie hing mitten im Eingang zum Mehrfamilienhaus. Ganz schön mutig, das achtbeinige Vieh. Zunächst habe ich sie aufgefordert, doch wieder etwas höher zu krabbeln, aber sie wollte mich nicht verstehen. Vorsichtig habe ich versucht, mich an ihr vorbeizuschlängeln – nur um dann in einem ihrer quergesponnen Fäden hängenzubleiben. Da wurde aber jemand hektisch. Naja, eigentlich zwei: Die Spinne und ich. Zum Glück ist sie hochgekrabbelt und nicht ans andere Ende zu mir. Irgendwie habe ich es dann auch geschafft, den Faden so zu platzieren, dass die Gute sanft auf der Wand landen konnte. Allerdings nicht, ohne ihr vorher noch gesteckt zu haben, wo sich meine Wohnung befände und ihr nachträglich einzuprägen, dass sie nur der Staubsauger willkommen heißen würde. Ich hoffe, sie hält sich dran.

Aber ernsthaft: Draußen kann man herrlich erkennen, dass die Blätter schon mit dem Färben anfangen, oder? Ein paar der Wespen, die gerne mein Balkonschränkchen aufgesucht haben, liegen tot am Boden desselben. Irgendwie traurig, dass sie ausgedient haben. Ist wohl der Lauf der Dinge, hat aber dennoch immer etwas Trauriges und Nachdenkliches. Nein, ich mag es auch nicht, wenn sie zustechen. Aber auch wenn etliche von ihnen diesen Sommer meinten, bei mir regelrechte Sit-Ins abhalten zu müssen, hat mich nie eine attackiert. Ich habe sie fliegen lassen und sie mich rumpöddeln. So eine friedliche Ko-Existenz kann ich von mir und Mücken oder mir und Spinnen nicht gerade behaupten. Und nun sterben sie wie die Fliegen weg. Na, mal schauen, wie ihre Verwandten so im nächsten Jahr sein werden. Aus meiner eigenen Familie weiß ich ja nur zu gut, dass es solche und solche gibt. Erst letzte Woche habe ich jemandem von meiner Kindheit erzählt. Wie so viele vor ihm, konnte er das zunächst nicht glauben. Wir haben uns immer sonntags mit nahezu allen getroffen. Da mein Vater zwölf Geschwister hat, kann man sich vorstellen, wie viele Menschen da sonntags um den Tisch saßen. Wir Kinder/Jugendlichen durften dann immer mit einem Stück von Ommas Pfirsichboden im Keller verschwinden, wo wir gespielt haben. Omma hat nie hinterhergebrüllt, sich gefälligst einen Teller zu nehmen. Wozu auch? Bis zum Ende der Kellertreppe war das Stück ja längst vertilgt. Damals waren diese Treffen für mich schön und völlig „normal“. Aus heutiger Sicht sehe ich es nicht mehr ganz so verklärt. Aber es war gut damals. Das ist doch alles, was zählt: Rückblickend nicht zu hadern und sich auf das Morgen zu freuen, während man im Hier und Jetzt das Beste aus allem macht und genießt. Wäre es nur auch so einfach, so zu leben…

Kommt mich abholen!

Heute ist mein letzter freier Freitag, bevor nächste Woche die Schule wieder anfängt. Allerdings nur noch für gut einen Monat. Dann ist das Grundlagenjahr vorüber. Krass. Ich kann mich noch an letztes Jahr erinnern, als ich ernsthaft überlegt habe, ob dies zu schaffen sei. Und jetzt ist es bald vorüber. Das Basisjahr absolviere ich ja an den Wochenenden, was bis März nächsten Jahres laufen wird. Das ist noch ein gutes halbes Jahr und wohl auch machbar. Während sich nämlich die Wirtschaft wieder etwas zu erholen scheint (was ich mir nicht so recht vorstellen kann), braucht es bei uns noch Zeit. Gestern haben wir dann erfahren, dass alle Planzahlen für das kommende Jahr erneut nach unten korrigiert werden müssten. Es hat sich eher zugespitzt als entspannt. Wäre ich ITler, sähe die Welt anders aus, aber so heißt es weiterhin, sich Sorgen zu machen. Mein Plan B ist es ja, Trainings auf dem freien Markt anzubieten. Doch auch hier steht und fällt es mit Corona und den Regeln. Wir wissen bei unserer Fortbildung jetzt auch noch nicht, ob wir Masken während des Unterrichts tragen müssen. An den Regelschulen in Bayern ist dies ja derzeit der Fall. Das erfahre ich spätestens übernächstes Wochenende. Mit Maske werden vermutlich nicht allzu viele Menschen den Nerv zu einer Fortbildung haben. Wenn wir selbst auch Maske tragen müssen, möchte ich doch lieber Webinare. Die gehen mir zwar auch auf den Zeiger, aber während der S-Bahn-Fahrt und dann noch den kompletten Unterricht über mit Maske ausgestattet zu sein? Nee. Das würde mich schon sehr nerven. Da tun mir die Verkäufer, Pfleger, Krankenschwestern etc. echt verdammt leid, die quasi gar nicht anders arbeiten dürfen – und das schon seit Monaten. Also höre ich mal auf zu jammern…

Im Süden ist es derzeit – im Gegensatz zu den anderen Regionen – recht warm. Die Sonne scheint, aber in den Morgenstunden ist es doch frisch, was ich ja so genieße. Wäre ich nicht rausgegangen, hätte ich trotzdem gewusst, wie warm es heute ist. Wie ich so schlau sein kann? Vonwegen, ich hätte aufs Handy geschaut! Nee, ich mache mir Böhnchen sauber und schaue aus dem Fenster, nur um Oppa dann wieder in seiner nahezu ganzen Pracht zu sehen. Oberkörperfrei genießt er die Ruhe auf seiner mir leider gegenüberliegender Terrasse. Er wird nicht müde, so rumzulaufen bzw. -hocken. Dazu kratzt er sich mächtig erotisch die Brust. Ich schaue auf meine Bohnen und überlege kurz, ob mir der Apettit gerade vergangen ist? Aber nee, es geht noch. Und trotzdem muss ich immer wieder fasziniert nach draußen schauen.

Im Treppenhaus treffe ich einen Nachbarn, der mich fragt, ob ich denn immer noch Kurzarbeit hätte? Als ich später die Gegenfrage stelle, berichtet er davon, zwei Monate lang auf Kurzarbeit Null gewesen zu sein. Dann hätten sie auf 50 Prozent erhöht, bis es nun endlich wieder Vollzeit laufe. Was er sich nicht erklären könne: Die Firma sei gar nicht von Corona betroffen gewesen. Die Auftragslage sei nach wie vor hoch. Ich glaube auch, dass manche Firmen die Krise durchaus genutzt haben, um mal Tabula Rasa zu betreiben, sich „gesund“ zu schrumpfen und lästiger Mitarbeiter zu entledigen. Irgendwie eine miese Vorstellung, aber ich weiß ja von manchen Autokonzernen, dass sie schon länger planen, Mitarbeiter abzubauen. Jetzt habe sie die entsprechende Erklärung dafür an die Hand gegeben bekommen. Und ja, ich weiß auch, dass anderen Firmen wiederum Corona bedingt gar nichts anderes übrig bleiben wird. Etliche Reiseanbieter werden noch die Grätsche machen. Und doch fühlt es sich meines Erachtens schon fast wieder nach „Normalität“ an, wie das Leben läuft. Wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre, denke ich mir auch, niemand kann gerade im Home Office sein, da sie alle auf der Straße rumkreuchen. Verrückte, verrückte Zeit. In meiner Firma hingegen kenne ich immer mehr Menschen, die sagen, sie könnten sich an eine vier-Tage-Woche gewöhnen, die wir ja nun seit etlichen Wochen fahren. Und ganz ehrlich? Ich gehöre gerade dazu. Ich! Die ich immer mehr arbeiten wollte und über die 35-Stunden-Woche gelacht habe! Doch auch hier bin ich mir sicher, dass es sich dann schnell wieder ändern wird, sowie wir wieder täglich arbeiten können. Ich schaffe es mit den Stunden ja jetzt schon nicht so richtig und muss zwei bis drei Tage im Monat einen Überstundentag nehmen, weil ich ja am Monatsende mit plus/minus Null rausgehen muss. Aber das fühlt sich in der Tat schon sehr gut an.

Ansonsten passiert heute nicht wirklich viel. Ich habe mir noch einmal eine Massage gegönnt, was aua und wohltuend war. Vermutlich mache ich darüber auch eine Art mangelnden Körperkontakt wett. Klingt komisch für alle, die in einer Familie leben. Aber für mich als Single reicht es im Moment nicht, ab und zu die Kollegin zu sehen, die mich mal umarmt. Doch es gibt auch ein Erfolgserlebnis zu vermelden! Jawoll! Meine Marmelade, die partout flüssig bleiben wollte, ist endlich fest geworden. Wer jetzt schon hämisch breit grinst, dem muss ich auch diesen Zahn ziehen: Nein, sie ist im Gegenzug nicht betonmäßig geworden. Sie schmeckt eigenartigerweise genau so, wie ich es gerne gehabt hätte. Ich weiß, das sind die wahren Dramen im Leben, um die es sich dreht. Haha. Manchmal ist das Leben doch komisch. Aber gut, ich nehme es mal so hin, widme mich jetzt der Couch und schaue, was das Fernsehen so zu bieten hat. Es wird allerdings auf keinen Fall das sein, was ich gestern als Vorschau gesehen habe: „Wer ist die hellste Kerze“? Und dazu werden vermeintliche Promis eingeladen. Ehrlich, liebe Fernsehleute, das beleidigt langsam meinen Intellekt, was Ihr da bringt. Dabei stehe ich nicht mal auf superintellektuelle Filme. Aber für völlige Verblödung bin ich mir dann doch zu schade. Wenn ich bedenke, was in 30, 40 Jahren so aus den Archiven hervorgekramt wird, dann wird die dann lebende Menschheit sich denken müssen, sie seien von Alien auf die Erde gesetzt worden. Ehrlich! Wenn ich an diese Rückblenden zu Heinz Erhardt und Loriot denke, die doch auf intelligente und witzige Weise mit unserer Sprache gespielt haben, dann finde ich das heutige Angebot nur noch aua. Wenn es das ist, was die breite Masse sehen will, bin ich vermutlich der Alien. Dann sollen sie mich doch endlich abholen, damit es nicht mehr weh tut. In diesem Sinne: Munteres Fernsehen! Und jetzt: Beamen, da oben, beamen!

Haste Dir bestimmt schon gedacht

Heute Morgen wache ich kurz vorm Wecker auf und bin – juchuuu – gut gelaunt. Warum auch nicht? Heute sehe ich ja die nette Kollegin. Da ist die Welt doch in Ordnung. Mit Kuchen im Gepäck düse ich los und brauche für die letzten drei Kilometer 15 Minuten. Aber ich höre gute Musik, weshalb ich mir die nicht verhageln lasse. Da bin ich doch stolz auf mich selbst. Als meine Kollegin dann endlich erscheint, umarmen wir uns erstmal ausgiebig. Corona hin oder her – manchmal brauch´ ich das einfach. Zum Kuchenessen kommen wir allerdings noch nicht, weil erst noch einige Termine warten. Später holen wir es dann mit zwei unserer Studis nach. Ach, ich könnte die Mutti der beiden Jungs sein. Die sind echt süß. Ich mag sie.
Einer meiner ehemaligen Coachees bietet mir im anschließenden Feedback spontan das „Du“ an, was er schon länger hatte tun wollen. Ich mag ihn, weil er im positiven Sinne „old school“ ist. Wir lästern auch etwas, weil er – was er schon mal letztes Jahr gesagt hat – jetzt in der Krise mehr denn je Folgendes sieht: „Wenn das komplette Management ausfallen würde, würden wir weiter arbeiten können und mindestens so gut wie bisher performen. Nimmst Du die gleiche Anzahl vom Unterbau weg, sind wir nach spätestens zwei Monaten tot.“ Das Schlimme: Ich glaube, er hat recht.

Mittags treffe ich die nette Kollegin von letztens, die nur einen zeitlich befristeten Vertrag hat. Wir plaudern wieder über Jan und Pitt, aber vor allem eben auch über ihre echt angespannte berufliche Situation. Kurzerhand rufe ich den Betriebsrat meines Vertrauens an und stelle die Verbindung her. Ich erzähle ihr in dem Zusammenhang auch, wie gerne ich in einen anderen Bereich innerhalb der Firma wechseln wollen würde, was diese Betriebsrat auch weiß. Sowie sich da jemals eine Lücke auftäte, würde er sofort reagieren. Daraufhin druckst sie etwas herum: „Ja…wir verstehen uns ja gut und vertrauen uns ja auch gegenseitig, oder?“ Etwas erstaunt schaue ich sie an: „Äääääh, davon bin ich doch mal ausgegangen.“ Sie wirkt echt nervös, was mich verwundert: „Also, mein Freund ist kein Freund, sondern eine FreundIN. Haste Dir bestimmt schon gedacht, ne?!“ Ääääh, nö. Und warum auch? Bei Männern habe ich da in der Tat ein Näschen entwickelt, aber bei Frauen nicht. Es ist mir nämlich völlig wurscht, wer mit wem und wie schnakselt. Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, wie der Typ an ihrer Seite aussehen könnte. Sie hat erzählt, dass sie derzeit wieder eine Wochenend-Beziehung führen, solange sie hier keine Festanstellung hätte, aber das ist es auch schon. Und dabei hat sie „ihn“ mal erwähnt. Ihr kam es aber vor, als würde sie mich belügen, weshalb sie das klarstellen musste. Ich schmunzel´ sie an und sage: „Weißt Du, es gab mal eine Frau, die meinte, mir an die Hupen packen zu müssen, weil sie bi war. Im ersten Moment war ich damals perplex. Nach drei Schocksekunden habe ich der Frau klargemacht, jetzt sei das Überraschungsmoment vorüber. Bei etwaiger Wiederholung müsste ich ihr wohl oder übel die Nase brechen. Solange Du das nicht machst, bin ich mit allem fein.“ Sie lacht. Nein, das hätte sie so gar nicht vor. Weiß ich doch.
Schon schade, dass sich hetero- oder bisexuelle Menschen immer noch häufig zurücknehmen, aus Angst vor Zurückweisung. Mir will das nicht einleuchten, weil es wenig gibt, was ich unwichtiger finde. Spannend finde ich natürlich die Frage, ob sie immer schon lesbisch war? Da kenne ich nämlich mittlerweile auch die unterschiedlichsten Geschichten. Sie hatte früher auch Männer als Partner, aber das käme heute gar nicht mehr infrage. So kenne ich das auch von einem Bekannten, der – laut eigener Aussage – nicht schwul zur Welt gekommen zu sein. Sein heutiger Mann hingegen schon. Aber er selbst? Nö, er war verheiratet, hat drei Kinder und das vermeintlich „normale Leben“ geführt. Erst drei Jahre nach der Trennung von seiner Frau und weiterer, kurzer Liebschaften mit Frauen, habe er bemerkt, wie er sich nach Männern umgeschaut hätte. Dabei übernimmt er heute ganz klar den weiblichen Part in der Beziehung. (Ich war mal zum Kaffee eingeladen. Er hat gebacken, den Tisch hübsch eingedeckt etc.)
Ich habe auch manches Mal schon im Spaß gesagt, es sei vielleicht leichter (natürlich nicht!), einfach den Männern zu entsagen und mich den Frauen zuzuwenden. Aber es reizt mich leider so gar nicht. Unterm Strich zählt aber doch nur, wen man liebt, oder? Ob das dann Mann oder Frau ist, ist doch vollkommen wumpe. Aber so einfach scheint es doch noch immer nicht zu sein. Und ja, das ist ganz klar auch branchenabhängig und auch entscheidend, wo man lebt. Je ländlicher, desto schwieriger. Oh man, und wir schreiben das Jahr 2020!!!

Als wir so zurückschlendern, kommt mir leider mein oberster Chef entgegen. Er und ich…mmmh, da stimmt die Chemie nicht. Er ist oberflächlich, sieht in Frauen ausschließlich Eroberungen und zielt ganz klar auf jung, blond, superschlank ab. Dabei ist er schon älter, klein, untersetzt. Logisch, oder? Aber er hat eben Kohle, weshalb es leider immer wieder welche gibt, die sich darauf einlassen…was mich zum Ekelschütteln bringt. Doch zurück zum heutigen Aufeinandertreffen: Neben ihm läuft ein mir unbekannter Herr. Da wir zwei auch auf dem Bürgersteig gehen, wechselt mein oberster Chef auf die Straße, damit wir nicht ausweichen müssen, was ich lobend anmerke. Darauf er, in seiner unnachahmlich charmanten Art (bäääääh, und dazu stinkt er penetrant nach einem fiesen Aftershave – getreu dem Motto: „Mehr ist mehr“): „Des is do selbstverständlich, dass wia Männa do ausweichn!“ Bei ihm schaffe ich es nie… echt niemals nie, also plumpst es mir auch schon aus meinem Gesicht: „Sehe ich auch so, aber ob Sie das beherrschen? Da war ich mir einfach nicht sicher.“ Meine Kollegin kichert, im Gehen dreht sich der oberste Chef noch mal rum und? Nix. Ihm fällt nix dazu ein. Oh je. Das ist für ihn das Schlimmste. Meine Kollegin sagt noch: „Siehste, und genau dafür mag ich Dich so!“, während ich seufze: „Und genau deswegen mache ich nie Karriere.“ Aber für einen Gag muss man auch immer bereit sein, Opfer zu bringen. Das Tragische: Ich bringe diese Opfer nur zu gern.

Der krönende Abschluss ist der Bericht zum Abschluss eines Projekts in Straubing, an dem ich teilgenommen habe. Mein Chef ist zugeschaltet. Der Projektleiter berichtet die Ergebnisse des Teams, während alle anderen auch physisch anwesend sind – nur mein Chef und ich sind per Skype zugeschaltet. Zum Schluss fasst der Auftraggeber (und oberster Chef von Straubing) noch mal die Highlights auf und steckt meinem Chef: „Du weißt schon, dass wir an Deiner Mitarbeiterin graben und sie quasi für uns abwerben?“ „Jojo, des hob i scho gspannt.“ Na, immerhin. Und dann setzt der Oberste noch mal nach: „Ich kann Dir nur zu Deinen Managementqualitäten gratulieren, dass Du sie eingestellt hast.“ Ich liebe es, wenn sie über mich sprechen, während ich anwesend bin. So was finde ich echt unangenehm. Und dann verpasst er ihm noch eine: „Ich werde noch ein Summary verfassen, das ich dann Dir und Deinem Chef schicke, weil ich das Gefühl habe, Ihr seht ihren Wert nicht mal im Ansatz. Schade, dass wir hier keine Videoaufnahmen machen dürfen, denn dann würde ich Euch das mal präsentieren, was die hier abliefert. Ihr habt ja echt keine Vorstellung!“ Äääääääääääääh… Was kann ich da noch sagen? Alle sechs Projektteammitglieder, der oberste Chef, mein Chef und ich sind hier zugeschaltet – per Kamera. Mein Chef bestätigt, er wisse das schon, aber freue sich über das Summary. Dann muss er zum nächsten Termin.
Mmmh, irgendwie ist so was schon schön, wenn auch immer noch unangenehm. Und ich stelle klar, dass es für mich ja durchaus einer Belohnung gleichkäme, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Das sehe ich in der Tat genau so. Leider sind sie zu klein, als dass ich tatsächlich dorthin wechseln könnte – leider. Aber so schön das vor meinem Chef Gesagte auch ist, es wird nichts, aber auch rein gar nichts daran ändern, was den Umgang meines Chefs mit mir betrifft. Er ist ja nicht böse, nur unfähig. Das macht es mit solchen Aussagen nicht besser. Ich bin gespannt, ob er da noch mal ein Wort drüber verliert. Ich vermute allerdings…eher nicht.

Kromme Sinn

Es geht. Es ist zwar Home Office, aber es geht. Natürlich wird es nie meine Wohlfühlzone werden, aber ich komme wohl damit zurecht. Morgen darf ich ja wieder ins Büro. Und die Müsli-Trulla wird nicht da sein. Juchuuu! Also sollte ich mich nicht beschweren. Zwischendurch geht natürlich regelmäßig mein Handy. Meine liebe Kollegin hat gerade wieder mal eine ihrer Phasen. Gestern Abend ruft sie noch an, weil sie zum x-ten Mal ihre Ausbildung, die sie nebenher macht, abbrechen will. Dann will sie diese doch wieder durchziehen – schließlich hat sie auch schon ordentlich dafür hingeblättert. Dann will sie wieder abbrechen. Und so wechselt sich das immer wieder ab. Mal hoch, mal runter, aber immer munter weiter.

Was am meisten nervt, ist dieses Ungewisse. Wir können uns eine Weile ablenken und nicht über die Zukunft nachdenken. Und dann kommt doch wieder die Ungewissheit um die Ecke. Es geht uns verhältnismäßig gut, aber nichts ist planbar. Wir wissen offiziell immer noch nicht, ob wir weiterhin Kurzarbeit haben werden, obwohl überall schon darüber gesprochen wird – auch vom Management. Dabei schieben sich die Verantwortlichen den schwarzen Peter gegenseitig zu. Es heißt, der Betriebsrat käme nicht aus den Puschen. Diese behaupten es genau umgekehrt vom Vorstand. Und so ist eine Situation da, die einfach Unsicherheit schürt. Wie es den Mitarbeitern dabei geht, sehen die Verantwortlichen nicht. Puh! In der Regel komme ich damit gut klar und mache mein Ding. Aber es belastet mich schon auch, wenn ich immer wieder unsichere Kollegen aufbauen darf, weil die Führungsmannschaft so kläglich versagt. Dabei wäre genau das deren Job. Geht es Euch da anders? Oder macht Ihr ähnlich Erfahrungen?

Was macht das mit mir? Bei uns sagt man in solchen Fällen: „Ich han kromme Sinn.“ Oft habe ich abends nicht mehr meine gute Laune, sondern denke: Hoffentlich nervt mich keiner mehr heute. Da gibt es ein ganz klares Ranking: Bei manchen lass´ ich es dann auch mal durchklingeln. Ist eher selten. Aber die Verschwörungstheoretikerin unter meinen Freunden habe ich einfach vorgestern ignoriert. Für so was fehlt mir dann die Muße. Und trotzdem komme ich mir dabei schlecht vor. Nicht mal der General kann mir noch ein müdes Lächeln entlocken, wenn er zum dritten Mal innerhalb einer Woche die gleiche SMS ans Festnetz sendet. Ach, es wäre echt mal Zeit für eine tolle Überraschung. Wie die aussehen soll? Weiß ich doch nicht, sonst wäre es ja auch keine Überraschung! Aber damit eins klar ist: Ich spreche von einer positiven Überraschung! Irgendwas Schönes. Um mal eine Anregung zu geben: Meine liebe, gerade etwas deprimierte Kollegin kommt morgen noch mal ins Büro. Daher habe ich einen Birnen-Schoko-Kuchen gebacken. Heilt nichts, aber macht glücklich, hoffe ich zumindest.

Dazu habe ich dann mein restliches Obst verwurschteln wollen. Birnen-Pflaumen-Marmelade. Ich habe sie nach Vorschrift gemacht – sie ist flüssig. Dann habe ich Zitronensaft zugefügt und sie nochmals aufgekocht – nix. Dann habe ich weiter Gelierzucker beigefügt und wieder zum Kochen gebracht. Mittlerweile habe ich eine 1:1-Mischung, was einfach nicht sein kann. Und trotzdem ist das Zeug flüssig. Da kriege ich ja einen Vogel!!! Was mache ich nun mit dem Driss? Es wird wohl für Dressings und Soßen herhalten müssen. Aber das nervt schon sehr, oder? Da mach´ ich mir schon die ganze Mühe, und heraus kommt was? Soße. Ziemlich süße Soße. Pffffff… Ich glaube, die Marmelade hat auch Corona-Blues. Vielleicht hätte ich einen Eierlikör reinkippen sollen – also nur für die Stimmung. Eierlikör macht alles besser. Vielleicht hätte ich ihn aber auch nicht in die Mischung, sondern einfach in mich reinkippen sollen. Man weiß es nicht.

Und dann denke ich wieder: Worüber mache ich mir eigentlich einen Kopf? Gestern habe ich eine der Putzfeen bei uns im Unternehmen gesehen. Sie sind alle über externe Firmen eingestellt, was den Preis noch mal weiter runterdrückt. Als ich gesehen habe, wie mühsam sie die Treppe hinaufging, tat sie mir schon sehr leid. Sie ist schon älter und beim Anblick ihrer krummen Beine konnte ich sogar von hinten erkennen, wie schmerzhaft jede Bewegung für sie sein muss. Aber in der jetzigen Zeit haben die Leute noch mehr Sorge, sich krankschreiben zu lassen. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz, also gehen sie gar nicht erst zum Arzt. Doch wir leben nun einmal in einer Marktwirtschaft. Da schaut das Unternehmen nicht auf die Mitarbeiter, sondern auf den Profit. Sonst würde sich das Ganze hier ja auch Kommunismus schimpfen. Erschreckend, aber wahr. Dabei nennen sich die meisten sozial. Ironie, oder? Und das zeigt sich gerade durch die Krise wieder deutlicher, wie sehr jeder an sich selbst denkt.

Alles Jammern hilft wohl nix, da müssen wir durch – alle gemeinsam. Aber wer mir sagen will, dass im Moment alles entspannt und lustig ist, hat zu viel vom Eierlikör genascht. Ich bin gereizter, das stelle ich fest. Meine Toleranz sinkt. Und das empfinde ich als nicht gut. Mal schauen, was ich dagegen unternehmen kann. Wenn Ihr Tipps habt: Immer raus damit. Und nein, noch mehr Eierlikör ist nicht die Lösung. 😉

Ich zieh‘ meinen Wunsch zurück

Gestern Abend rege ich mich noch mal so richtig auf. Ich weiß, scheint mein zweites Hobby zu sein. Ich schaue mir den Film „Verfehlung“ auf One an. Ob der Film so schlecht ist, dass ich mich so aufrege? Nein, leider ganz und gar nicht. Er ist wohl leider realistisch. Es geht um Missbrauch in der Kirche und wie damit umgegangen wird. Ein Thema, das mich wirklich in Wallung bringt. Und ja, ich arbeite auch mit ihresgleichen im Knast, dazu mit Mördern und Vergewaltigern. Sie zerstören auch viele Seelen. Aber Kinder? Wesen, die so gar nichts falsch gemacht und noch gar nicht richtig gelebt haben? Da ziehe ich meine Grenze. Ich bin von zweiten Chancen überzeugt. Aber bei dieser Kategorie schließe ich diese für mich aus. Wer eine derartige Neigung hat, kann aus meiner Sicht nicht dagegen an. Daher dürfen sie – wieder nur meine persönliche Sicht – nicht ins „normale Leben“ zurückkehren. Vieles ist therapierbar – diese Neigung hingegen? Nein. Die nicht. Ich rede nicht davon, sie zu quälen, aber davon, einen Ort zu finden, an dem sie ohne Kontakt zu Kindern und Jugendlichen leben.

Aber das ist es nicht einmal so sehr, was mich triggert. Wie speziell die Kirche mit diesem Thema umgeht, das regt mich auf. Sie spielt sich als über den Dingen stehend und dem Fleischlichen entsagend auf, achtet aber das Leben der Opfer nicht und rühmt sich alle ihrer guten Taten. Bei Kindern würde man klar sagen, sie sollten nicht vom Thema abweichen, da das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass es durchaus gute Seelsorger gibt. Die Institution selbst mit eigenen Anwälten nur für solche „Verfehlungen“ (ein viel zu schwaches Wort aus meiner Sicht), weiß aber um ihre schwarzen Schafe und deckt diese – hübsch verpackt unter dem Mantel der sogenannten Barmherzigkeit. Nur kauft ihr diese so langsam keiner mehr ab. Die Generation, die noch demütig den Kopf gesenkt und ohne zu fragen alles hingenommen hat, stirbt langsam aus. Die Kirche stirbt langsam aus. Und das, genau das wird echt mal Zeit. So. Und mit dieser Wut im Bauch, gehe ich ins Bett. Besser, ich lese noch was, bevor mir noch der Dampf aus den Ohren steigt und ich dadurch keinen Schlaf mehr finde.

Es funktioniert einigermaßen mit dem Schlaf. Ich werde allerdings ein Mal in der Nacht wach. Ist doch verhältnismäßig wenig nach dem Aufreger. Und nein, ich muss (noch?) nicht nachts auf die 17. Etwas zerknautscht, stehe ich dann morgens auf. Ich habe wieder einmal so gar keine Lust. Zudem muss ich mein Büro verlassen, da meine Kollegin sich als Erste für den Office Tag gemeldet hat. Und wie läuft es dann? Richtig, es müssen 5.000 Updates auf dem Praktikantenrechner geladen werden. Ein Hoch auf die IT und ihre unsäglichen Updates. Seit Coronaausbruch hat hier keiner mehr gesessen. Entsprechend warte ich dann auch nur 50 Minuten, bis ich tatsächlich das Arbeiten anfangen kann. Hey, das macht doch so gar nichts. So sieht quasi jeder Arbeitstag bei Heinz aus. Meine Kollegin hingegen ist mal wieder so in ihrer Schnappatmung, dass sie es nicht schafft, mal eben ein „Moin“ rauszuhauen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie lächerlich ich das mittlerweile finde. Als sie es dann kurz vor Mittag nachholen will: „Ach, ich komme vor lauter Stress und Hektik nicht mal zum Begrüßen. Hallo“, winke ich nur ab – ohne den Kopf auch nur zu heben – und nuschel´ kurz: „Hi.“ Ehrlich? Ich fasse mir bei so einem Schwachsinn nur noch an den Kopf. Ihr Stress ist ein neuer Werksstudent, der heute anfängt. Deswegen hat sie Stress. Kein Scherz. Sie hat keinen Termin, zu dem sie hetzen muss (wie ich), jammert aber, dass sie jedem Kleinkind auf radikalem Zucker- und Schlafentzug den Rang ablaufen würde. Meine Fresse. Da würde ich schon fast wieder geneigt sein, die Prügelstrafe erneut einzuführen.

In diesem Sinne bin ich froh, dass ich kurzerhand aus dem Büro fliehen und zu meinen Terminen flitzen kann. Zunächst einmal ist da der Druckerei-Mensch, den ich frage, ob ihn das Heiratswort gestern hätte umkippen lassen? Typisch Westfale, kommt nur ein trockenes: „Och, wenn das der einzige Hinderungsgrund ist, dann gewöhne ich mich für Sie auch an kühlere Temperaturen.“ Ach, ist der nicht putzig? Finde ich auch. Ganz Frau frage ich (echt nicht beabsichtigt): „Können wir die Charts nicht zusammen mit den anderen aufrollen, damit ich nur eine Rolle tragen muss?“ Immerhin regnet es mittlerweile draußen. Er grinst breit: „Sooo clever. Klar, können wir, also mach´ ich das mal.“ Irgendwie hat er recht. Und er kennt sich ja auch besser mit so was aus. Also warte ich hübsch, dass er das für mich anpasst. Manchmal hat es auch Vorteile, eine Frau zu sein.

Die Ausdruckübergabe findet an einer anderen Ecke vom Werksgelände statt. Ob ich mal die Taktik der sozial ausbaufähigen Kollegin verwenden und einfach nicht grüßen soll? Ach nee. Das ist ja ein lieber Kollege aus Straubing, der eh immer supernett zu mir ist. Von dort aus düse ich zum nächsten Termin – eine Vertiefung zum kurzen Feedback nach einem Coaching gestern. Süß, wie er da so sitzt. Die Arme sind verschränkt, denn ich habe ihm gestern die Frage gestellt, was eine Moderation sei? Ääääh. Ja genau! Keine Antworten vorgeben, sondern Schweigefuchs, Schweigeeinhorn oder Maulmuschel spielen. „Joooooo, oba die san oi zsamm bleed.“ Darauf habe ich ihm heute noch mal in Ruhe gesteckt, dass gemäß „self fulfilling prophecy“ seine Leute ihn auch nie enttäuschen würden. „Ah, sixt, jetz host des Du a kapiert.“ „Nee, nur Du noch nicht. Wenn Du die Leute wie Deppen behandelst, werden sie sich auch immer wie Deppen aufführen.“ Meiomei. So lange hätte er seine Strategie ja auch noch nicht umgestellt. Erst seit 15 Jahren. Sein Stellvertreter – ca. 30 Jahre alt – fängt an zu lachen. Das kann doch auch keiner mehr ernst nehmen. „I werd´ jetz sechzge. Mi ändast nimma.“ „Dann lassen wir den Kaas doch einfach. Du führst weiter mit Angst und basta.“ Nein, das wolle er auch nicht. Ich sehne mich nach dem Knast. Dieses eingefahrene bocksture Verhalten geht mir bisweilen auf den Zeiger – auch wenn er zum Schluss sagt, er hätte heute wieder was gelernt, wofür er sich herzlich bedanken wolle. Wenn er es nur wirklich einmal annehmen würde. Seine Leute haben ehrlich Angst vor ihm. Soll das ein Führungsstil sein? Aber irgendwie ist es bisher ja auch immer so gegangen. „Never change a running system“, doch genau das muss mal langsam sein. Nur bin ich diejenige, die dieses zähe Zähneziehen durchführen darf. Manchmal wäre ich gerne Heinz: Mir ginge es am Pöppes vorbei, ich würde alles als Erfolg verbuchen und mir einfach selbst 100 Mal täglich die Schulter tätscheln. Nee, vergesst es, den Satz nehme ich zurück. Ich wäre nicht gerne wie Heinz. Herr im Himmel, so weit ist es noch lange nicht. Ich will nicht als stumpfer, egozentrischer, narzisstischer Dummbatz rumrennen. Hey, Fee, ich ziehe meinen Wunsch zurück!!!!!!!!! Ich meld´ mich dann noch mal mit einem neuen. Pfia God dawaii.

Reanimation der Motivation

„Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Ehrlich, genauso komme ich mir montags vor. Das Gute: Ich habe einen Plan ausgeklügelt, dass ich in den kommenden Wochen keine Chance mehr haben werde, am montäglichen, unsäglichen Team-Meeting teilzunehmen. Das heißt übersetzt: Ab nächster Woche habe ich allein montags vormittags vier Coachings. Hart, aber eindeutig besser als das, was es montags immer so gibt. Was es heute richtig, richtig schlimm macht: 1. Heinz ist wieder da, und 2. meine liebe Kollegin hat frei. Beides zusammen ist eine tödliche Kombi. Quasi so, wie: „Es gibt keinen Weihnachtsmann. Ach ja, der Osterhase ist natürlich genauso Verarsche.“ So was sitzt doch wohl, oder? Ich versuche mich am Positiven: Ich habe heute keine Kopfschmerzen, obwohl Montag ist. Juchuuuu! Und meine Redezeit beträgt weniger als eine Minute. Yeaaaaah! Ich schaffe es, das Mikro an den richtigen Stellen auf stumm zu schalten. Strike! Das nenne ich mal ein Triple. Und nicht der Kas, den die Bayern da zuwege gebracht haben. Triple bei den Bayern…pffffff. Wie sagte unlängst ein Kollege (auch im Herzen, da er ebenfalls Bayern-Gegner ist): „Ach, so ein Corona-Triple. Das zählt doch nicht!“ Fand ich lustig.

In mein Tagebuch (so ich eines hätte – hey, dafür müsst Ihr eben herhalten) schreibe ich heute meinen Lieblingssatz. Er stammt aus dem Munde meines Chefs: „Ich halt‘ mich da gedeckt.“ Ah, ja. Den Tisch? Oder ruft er den Abdecker? Oder wird der Deckhengst informiert? Nix genaues weiß man nicht. Und nein, das ist kein zufälliger Versprecher. Das ist, wie sein Wort „fundamentiert“, das er regelmäßig nutzt und bei dem ich mich immer nach Fundamentalisten umschaue. Oder wo ich an „das Fundament ist zementiert und so sage ich es eben in einem Wort“ denken muss. Echt jetzt? Das hat so gar nix mit Dialekt zu tun. Das hat mit aua zu tun. Da will er sich gewählt ausdrücken – und verkackt auf ganzer Linie. Aber immerhin ist das eine weitere Stilblüte. Vielleicht sollte ich da eine Sammlung rausbringen? Ach nee, das haben schon andere gemacht. Dann ist es langweilig. Und langweilig ist es mir ja schon häufig genug. Ich brauche eine Wiederbelebung meiner Motivation! Und zwar zackig!!!

Der Rest des Tages ist auch kein Highlight. Es läuft irgendwie, aber eben zäh. Was freue ich mich auf meine Knastis! Nächste Woche darf ich endlich wieder. Im Grunde bin ich aber auch blöd: Ich bin in KW 37 und KW 39 dort. Dann ist es erstmal wieder rum ums Eck. Darüber schimpfe ich doch auch bei den Büchern: Wenn es richtig gut ist, habe ich keine Ruhe, bis ich es komplett gelesen habe, nur um dann ja bockig zu sein – anstatt sich eine Freude daraus zu machen und einzuteilen. Und mit den Inhaftierten ist es nichts anderes. Statt mir jeden Monat eine Freude zu machen, habe ich in zwei Monaten alles abgekaspert. Wer hat je gesagt, ich sei clever? Aaaaaber: Nach der Schulung ist vor der Schulung. Letzte Woche habe ich schon über ein neues Projekt gesprochen. Das darf ich dann auch nicht nur konzipieren, sondern auch durchführen. Et löpt, wa? Eventuell wird dann auch noch Landshut kommen. Also auch Knast. Da war ich allerdings noch nicht. Das kenne ich nur vom Eberhofer, als er den Boengo einliefert. Wer weiß, wie es da sein wird? Lassen wir uns überraschen.

Ich glaube, heute habe ich den netten Herrn in der Druckerei geschockt. Er ist Westfale, wofür der Arme ja nix kann. Allerdings haben die durchweg ja nicht ganz so viel Spaß am Leben wie wir Rheinländer (hat er bestätigt). Er mag den Sommer und versteht – neben der Tatsache meiner normalerweise von früh an vorhandenen guten Laune – nicht, wie ich den Herbst bevorzugen kann. Heute habe ich einen Druckauftrag an ihn versendet und ihm geschrieben, wie froh ich sei, dass es nun wieder kälter geworden wäre. Er schrieb dann zurück, er erledige den Auftrag morgen – versehen mit einem: „Juchuuuu, es ist Herbst. 😦 Aber mir war es zuletzt dann auch etwas zu warm.“ Da habe ich ihm kurzerhand eröffnet, dass wir dann wohl nie heiraten könnten – schließlich stünden wir auf völlig verschiedene Temperaturen. Er habe also noch mal Schwein gehabt. Darauf kam keine Antwort. Uuups. Vermutlich ist ihm nur das Wort „heiraten“ ins Auge gestochen. Danach ist er umgekippt und wartet vermutlich noch auf die nötige Mund-zu-Mund-Beatmung. Morgen werde ich wohl Näheres erfahren. Entweder ist der Auftrag dann erfolgt oder es findet ihn jemand am Boden liegend. Die Frage ist nur: Wer druckt es dann für mich aus? Ach, ist es schön, meine Sorgen zu haben, oder?

Apropos Sorgen: Vorhin ist mir übrigens durch den Kopf geschossen, dass ich heute in vier Monaten 44 werde. Ist ja eine Schnapszahl. Heißt das, dass ich die auch mit Schnaps begießen muss? Ich glaube schon, oder? Vielleicht kann ich auch noch verhandeln? Dann müsste es kein Schnaps, sondern dafür mehr Likörchen sein. Ich vermute mal, ich feier´ ohnehin nicht. Früher war das immer Mords a Gschiss, aber heute? Mag ich feiern. Aber eben nicht meinen Geburtstag, sondern einfach alles andere, was so möglich ist. Ich freue mich darauf, wenn nach Corona (so es das denn gibt) wieder „normale“ Treffen möglich sind. Wie sagte letztens erst eine Bekannte: „Wir werden noch sehen, was das mit uns als Gesellschaft macht. Ich persönlich genieße es sehr, dass alle auf Abstand bleiben müssen.“ Ich bin da ja eher umgekehrt. Auf Umarmungen zu verzichten, fällt mir schon sehr schwer. Wenn ich wieder bei meiner Familie bin, muss ich das alles nachholen und für etliche Monate auftanken. Da werden sich meine Neffen bestimmt freuen. Aber andererseits: Wozu hat man denn sonst Neffen, wenn nicht für so was? Ich hoffe nur, die Freundinnen haben nix dagegen. Und wenn doch? Am besten packe ich ein paar von meinen harten Alk-Flaschen ein, womit ich sie abfüllen kann. Wenn ich mit ihnen trinken muss, kippe ich allerdings vermutlich eher um. Die vertragen ja heute ´nen Stiefel. Aber was soll´s? Wenn ich betüddelt bin, machen wir einfach Rudel-Umarmungen. Ach, das klingt doch auch toll. Und der Plan ist perfide und genial: Ich mache sie mit Hochprozentigem gefügig. Vermutlich müssen sie mich nachher reanimieren? Na, dann weiß ich ja, wie es dem Herrn aus der Druckerei geht. Also wieder was dazugelernt…

 

Eieiei aufs Leben

Ich bin alt. Aber so richtig, nicht nur ´n bisschen. Mein „kleiner“ Neffe hat nun auch eine Freundin. Wenn so was passiert, spürt man zwangsläufig den Altershammer, der einen mit voller Wucht trifft. Quasi über Nacht hat er so was von zugeschlagen. Aber ja, klar, ich freue mich natürlich auch für ihn.

Mit 15 Jahren hatte ich auch meinen ersten Freund. Meine Mutter fand das zunächst amüsant und hat gelacht. Dass er 19 war, hat sie in Nullkommanichts nüchtern werden lassen. Das Gesicht war auf einen Schlag wie eingefroren. Habe ich damals nicht verstanden. Heute natürlich schon. Oh wei, Uli heißt der Gute. Er ist ein richtiger Pantoffelheld geworden, was ich so gehört habe. Ist auch wurscht. Mehr als wildes Knutschen und minimales Fummeln war damals eh nicht. Und auch, wenn er vier Jahre älter war als ich, war er mir heillos unterlegen. Auf so was stehe ich leider so gar nicht. Ich wünsche meinem Neffen natürlich, dass es bei ihm ganz anders läuft: Auf Augenhöhe, prickelnd, rosarot und mit dem Kopf in den Wolken. Ach, war schon schön, oder?

Die Freundin meines großen Neffen hat hingegen gestern ihren 18. gefeiert. Muss wohl ein tolles Fest gewesen sein, was mich natürlich sehr freut. Meine 18. habe ich damals im Jugendheim meines Ortes gefeiert. Dort war es alles andere als chic, aber dafür voll cool. Heute sind sie bei so was anders organisiert. Alles ist größer, die Eltern sind vermutlich auch immer dabei. Das wäre bei mir undenkbar gewesen. Wenn ich so daran denke… In der Mittelstufe waren wir eine Vierer-Clique. Zwei Jungs, zwei Mädels. Wir hatten nie was miteinander, aber ich stand natürlich auf Tim. Meine beste Freundin stand auf den anderen Typen, dann wieder nicht. In der Zeit fand er dann sie toll. Dann wieder nicht. Oh je, war das alles ein Drama, wie es eben in dem Alter üblich ist. Zuerst ist Tim dann weggezogen, dann meine beste Freundin. Mit dem Vierten aus der Runde hat es sich in der Oberstufe dann auch verlaufen. Aber pünktlich zu meinem 18. standen beide Jungs vor der Tür. Mein damaliger Freund war wenig amüsiert – zumal ich geweint habe, als Tim sich damals verabschiedet hat. Ich dachte, ich würde ihn niemals wiedersehen. In der Tat habe ich ihn auch nur noch einmal vor vier Jahren getroffen. Aber jedes Jahr schreiben wir uns oder rufen zu den Geburtstagen an. Schon komisch, aber es ist für mich nie ein vollwertiger Geburtstag, wenn er sich noch nicht gemeldet hat. Mein damaliger Freund war nicht nur darüber nicht amsüiert, dass ich weinen musste, sondern auch darüber, dass er nicht bei uns übernachten durfte – Tim hingegen hätte gedurft. (Meine Mutter war ein Fuchs, hm? Sie war sich sicher, dass da nie was laufen würde.) Ich habe es absolut nicht verstanden, warum mein Freund so angepisst war. Es lief nie auch nur das leiseste bisschen zwischen Tim und mir (was lange an mir genagt hat). Mein Ex hingegen hat quasi keine einzige Gelegenheit ausgelassen, fremdzugehen. Ach ja, mit Narzissten hat man es selten leicht, hm?

Ich weiß, wir hatten das Thema schon, noch mal jung sein zu wollen oder eben doch nicht. Vermutlich käme ich in der heutigen Zeit ohnehin nicht mehr klar. Allein die Musik würde mich schon fertigmachen. (Mal ehrlich: Ist das überhaupt Musik?!) Und noch mal den ersten Herzschmerz zu durchleben, fänd ich jetzt auch nicht so toll. Allerdings dieses Gefühl, die Welt gehöre einem, das hätte ich schon manches Mal noch gerne. Die Leichtigkeit ist irgendwie futsch – auch wenn ich mir fest vorgenommen hatte, daran zu arbeiten. Aber so leicht ist das ja nicht. Könnte ich da einen Schalter umlegen, würde ich das natürlich sofort tun. Andererseits: So wirklich ernst, nehme ich mich ja auch nicht. Und ich gönne mir meine spinnerten Ideen, meine Auszeiten, wenn ich sie brauche, meine Ausrutscher, wenn mir danach ist. Allzu starr ist das Korsett gar nicht mehr. Durch die reduzierte Arbeitszeit merke ich, dass Arbeit in der Tat nicht alles ist. Und das fühlt sich immer noch erstaunlich gut an. Gerne würde ich manches durchaus noch lockerer sehen, was mit meinen Kollegen zu tun hat, aber Baustellen muss es ja immer geben. Die machen die Würze doch erst aus. Also ja, ich bin „alt“, aber mit allen Vorzügen, die das Älterwerden so mit sich bringt: Ich muss nicht mehr allen gefallen, muss nicht jeden Kampf ausfechten, kann auch mal „nein“ sagen und immer dann einen Eierlikör trinken, wenn ich dazu Bock habe. Ich glaube, gerade habe ich Bock darauf. In diesem Sinne: Stößchen mit Eieiei (Eierlikör, wenn man schon ein paar intus hat) aufs Leben!

Callboys bei Regen

Heute ist richtig herrliches Regenwetter. Aaaaah, das entspannt mich ja total. Ich schlürfe Tee, lese viel und genieße es, frei zu haben. Immerhin teilt meine Tante, die ich gestern besucht habe, meine Liebe zum Herbst. Für sie ist es mit Kindheitserinnerungen verbunden. Tja, so hat wohl jeder irgendetwas, was ihn an die Kindheit erinnert. Wenn es heimeliges Kuscheln Zuhause mit den Eltern ist, dann ruft der Herbst eben eine tolle Erinnerung hervor. Womit es bei mir verknüpft ist, kann ich nicht einmal genau sagen. Ich empfinde es einfach beruhigend, wenn der Regen fällt und die Natur sich langsam Richtung Schlafengehen bewegt. Keine Ahnung, ob das nachvollziehbar ist? Ist auch egal.

An solchen faulen Tagen kommen mir ja immer verrückte Ideen. Als ich mit einem Freund telefoniere, merke ich mal wieder die Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen an. Männer können jederzeit zu einer Prostituierten gehen. Das können wir Frauen nun mal nicht. Doch, heißt es. Doch, doch, das gehe schon. Mmmh. Da ich es nicht so recht glauben mag, schaue ich im Internet nach. Gut, ein Bordell gibt es natürlich nicht. Aber es gibt eben buchbare Männer. Puh! Ich schaue mir die Fotos der Herren mal an. Und NEIN! Ich will keinen Mann buchen. Echt nicht. Aber ich finde es witzig, was es so alles gibt. Die Seite ist auch schön aufbereitet. Das Klischee, wir Frauen wollen ja immer Ästhetik, wird schon mal bedient. Es gibt sogar Erfahrungstexte, bei denen ich mich köstlich amüsiere. Bei manch einem Text fragt man sich, was der Mann angestellt hat, dass die Dame anschließend nicht einmal mehr in der Lage war, auch nur ansatzweise fehlerfrei zu schreiben. Witzig, dass immer wieder betont wird, wie toll man sich mit dem jeweiligen Callboy unterhalten hätte. Wieso können Männer das nur, wenn sie dafür bezahlt werden? Ja, ich weiß, wie böse ich bin. Bei den meisten Fotos muss ich einfach nur lachen.

Mal ernsthaft: Ich finde es voll ok, wenn es hier so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Klar, der Preis wird ein anderer sein, als das, was Männer so im Schnitt hinlegen müssen. Aber immerhin gibt es eine Alternative. Und unabhängig davon, dass ich das nie, nie, NIE ausprobieren möchte (ich weiß, man sollte nie NIE sagen), fänd ich die Kerle hier nicht einmal ansprechend. Es sind unterschiedliche Herren hier abgebildet, so dass für viele Geschmäcker etwas dabei ist. Aber…nee, so richtig würde mich keiner ansprechen. Gut, sie haben auch nicht Dwayne „The Rock“ Johnson in der Kartei. Ich glaube, da würde selbst ich bereit sein, meine Geldbörse zu zücken. Wobei ich in erster Linie mit ihm rumblödeln würde, weil ich sein Lachen einfach zu köstlich finde. Aber noch mal: Ich kann mir das partout nicht vorstellen. Und bis jetzt habe ich auch noch nie nach so einer Seite Ausschau gehalten. Scheint aber mittlerweile alles käuflich erwerblich zu sein. Die Frage ist, wann Amazon das ins Programm aufnimmt, oder? Ob ich als Prime-Kunde Vorteile bekomme…?

Wie muss ich mir das vorstellen? Ich rufe da an? Oder maile? Und dann sage ich, ich hätte gerne den Typ XY? Fragen die dann, wie in der Dönerbude: „Mit alles? Tsatsiki, Zwiebeln und scharf?“ Naja, scharf vielleicht schon, oder? Ich kann mir das einfach echt nicht vorstellen. Und dabei habe ich doch eine blühende Phantasie. Aber das ist alles einfach zu verrückt, als dass ich mir das vor dem geistigen Auge visualisieren könnte. Vor allem würde ich die ganze Zeit denken, wenn er was Nettes sagt: Das sagt er nur, weil er noch Trinkgeld will! So ein Nimmersatt! In welcher Welt leben wir eigentlich, dass wir so etwas nötig haben? Im Grunde verstehe ich das schon, dass man sich nach Nähe sehnt. Aber die wird doch nicht erfüllt, wenn man sich das Master-McMenü liefern lässt, oder? Ach, ich glaube, ich bin ganz schön altmodisch. Und ich glaube, das will ich auch bleiben.

So, wie bekomme ich nach der Nummer (die ich ja noch nicht mal geschoben habe) jetzt die Kurve zu einem anderen Thema? Ich weiß es nicht. Und ganz ehrlich? Muss ich ja auch nicht. Ich kann ganz einfach sagen: Das war´s für heute. Und weil das so hübsch einfach ist, mache ich das jetzt auch mal: Ich lass´ es. Dann kann ich noch gemütlich die nächste Tasse Tee schlürfen, mich meinem Krimi widmen und mich über mich selbst beömmeln. Hat doch auch was. In diesem Sinne wünsche ich Euch ähnlich bekloppte Ideen, gemütliche Stunden daheim oder eben viel Spaß bei all dem, was Ihr so anstellen wollt.

Üdö, Thun ohne Fisch, aber mit Rotz

Heute soll es ja nicht so schön werden. Schauen wir doch mal, was Petrus so für uns bereithält. Und so fahre ich zeitig und gut gelaunt Richtung Chiemsee. Kurz befürchte ich ja, das Navi leitet mich völlig bescheuert, weil ich überall auf Vignetten hingewiesen werde. Ich will nicht nach Österreich! Aber telefonisch werde ich beruhigt, dass alles seine Richtigkeit hätte. Ich verfüge ja geografisch auch leider nur über Brachland.

Ich komme so gut durch, dass ich eine halbe Stunde zu früh erscheine. Ist ja wieder mal typisch für mich. Die Fahrt mit Blick auf die Berge ist ja schon toll. Und dann duftet es hier so anders… nach Bergwiese. Lecker, lecker. Mein Onkelchen steht gerade schon draußen und winkt mir, wohin ich den Wagen stellen kann. Ich habe die beiden jetzt echt auch schon lange nicht mehr gesehen. Sofort schnattern wir Weiber los, und meine Tante freut sich riesig über den Eierlikör. Im Café sagt sie dann: „Ich esse dann das, und dann kriege ich das Ei von Hermann.“ Ja, manchmal bin ich wie ein albernes, kleines Kind, aber ich kann es nicht lassen: „Und wer kriegt das andere? Oder darf er das wenigstens behalten?“ Wir gackern auch schon los, als mein Onkel grinsend den Kopf schüttelt. Er behält am Ende beide. Nur das Hühnerei überlässt er seiner Frau. Zum Zahlen komme ich heute nur leider so gar nicht. Ganz der große Onkel kriege ich keine Chance, auch mal was zu zahlen.

Das Wetter ist so toll, dass wir uns entscheiden, über den Chiemsee zu schippern. Es ist gut was los, aber kein Gedränge. Selbst an Bord ist permanente Maskenpflicht. Schade finde ich nur, dass die Schiffsbediensteten (weiß nicht, wie ich die sonst nennen soll?) so genervt auf Nachfragen reagieren. Ja, die hören bestimmt dauernd die gleichen Fragen. Doch es ist ihr Job, oder? Und ein bisschen Freundlichkeit kostet nix. Sonst sollten sie umschulen und was anderes machen, Sappralot!

Die Fraueninsel ist schön, die Blumen blühen, und das Wetter spielt munter mit. Im schattigen Plätzchen gönnen wir uns ein Radler. Dabei plaudern wir über die Familie, kramen olle Kamelle raus und genießen den Tag. Gstad laufen wir auch kurz mit dem Schiff an, aber das haut uns nicht vom Hocker. Das einzige Highlight ist das Übersetzen mit dem Schiff. Wir drei plaudern über unsere Ausgehzeiten (laaaaaaaaange her). Ich war immer ein Fan der Rockfabrik, weil ich eben Rock und Metal so mag. Mein Onkel hält mit seinen 60 Jahren dagegen, dass das doch alles kranke Typen seien. Ich halte wiederum dagegen, dass ja nicht jeder Mumienschieben (wie im Altenheim) betreiben wolle, als die Frau gegenüber losprustet und im breitesten Sächsisch los wird, dass Musik wohl immer so ein Streitpunkt sei. Sie würde ja den Brian Adams so toll finden. Äääh… jo, is ok. Nicht das Nonplusultra, aber ok. Das Konzert sei ja nun leider abgesagt. Da meldet sich ihr Ömmes zu Wort, bei dem es mich fast noch mehr zerreißt. Für den hätte sie doch keine Karte gehabt, oder? „Nä, fürn Üdö.“ Danke, lieber Gott, für diese wunderbare Vielfalt an Dialekten!!! Aber der gute Üdö gäbe ja auch gerade kein Konzert. Ich versuche zu beruhigen: „Ach, kommt schon alles wieder. Dann können Sie auch wieder zum Konzert.“ Tja, wenn sie dann noch lebe! So was finde ich ja immer putzig. Nach dem Motto: Jeder Winter könnte der letzte sein. Ich schau sie an: „Echt jetzt? Wollen Sie so schnell die schwarzen Essensmarken bestellen? Wie denn? Jetzt gleich hier über Bord springen?“ Die Dame schaut runter. Da wir gerade anlegen, ist das Wasser nicht tief: „Nee. Is joo ni tief genüg.“ „Das ist ja das Gute. Dann kann das Genick auch beim ersten Sprung schon über sein.“ Die Frau lacht. Also ergänze ich: „Eben. Nicht schön. Bleiben Sie gesund, dann wartet Udo auch auf Sie.“ Und so verabschieden wir uns dann auch, um wieder auf die Fraueninsel zu gelangen, wo wir jetzt was essen wollen. Allerdings nicht, ohne uns zu einigen, dass wir Helene Fischer komplett ablehnen. „Ün do Röland Keeyser.“ Naja, ich find Helene schlimmer.

Als es sich immer stärker zuzieht, treten wir die Rückfahrt an. In Prien steuern wir noch ein Lokal an. Meine Tante ist völlig verzaubert, als sie Friedrich von Thun erblickt… bis er den Schnodder lautstark durch die Nase hochzieht. „Nee, der spielt doch immer so einen Gentleman. Das hätte ich ja nun nicht von dem erwartet.“ Tja, er ist eben auch nur ein Mensch mit verrotzter Nase. Mir schießt bei solchen Geräuschen immer mein alter Kollege durch den Kopf, der bei Nasehochziehern immer meinte: „‚N Stückchen Brot dazu, damit et nich so trocken wird?“ Aber frag das mal den von Thun. Nee, nee. Soll er weiter schnoddern.

Als es heftiger zu regnen anfängt, bezahlen wir und düsen zur Ferienunterkunft, wo ja auch mein Auto steht. Ich steige in mein Auto, starte und will das Handy anschließen… finde es aber nirgends. Ich suche meine Tasche ab, das Auto, nichts. Dann verdächtige ich meinen Onkel, mir einen Streich zu spielen, auch nichts. Wir suchen ihren Wagen ab, auch nichts. Dann pumpt mein Herz kurz etwas schneller. Wir fahren zurück zum Lokal. Ich denke während der Fahrt nach: Gottseidank habe ich vor ein paar Tagen einen Sperrcode eingerichtet. Ich habe Geld im Handymäppchen, das wohl dann auch weg ist… Aber: Habe ich das verdient? Nein. Es wird sich finden, ganz sicher. Ich vermute es doch im Auto, wo es zwischen die Sitze gerutscht sein muss, aber nein. Ich bin sicher, es ist weg. Der Kellner im Lokal weiß aber sofort Bescheid, als er meine Tante erblickt und überreicht es ihr. Wieso nicht mir? Na, ich kraxel noch durchs Auto.

Ich kann Euch sagen: Die Erleichterung ist grenzenlos. Da sind Nummern drauf, die ich nie mehr rekonstruieren könnte. Bei Kindern hätte man vermutlich geschimpft, wenn sie nicht aufgepasst hätten. Aber es passiert zackig, dass man mal unachtsam ist. Das Geld ist noch an Ort und Stelle. Krass. Ich muss es echt liegen gelassen haben. Erleichtert fahre ich heim. Ein schöner Tag geht zu Ende… mit einem kleinen Wachmacher zum Schluss. Aber da spürt man dann noch mal, wie einem das Herz in die Hose rutschen kann. Es funktioniert also noch, das gute Herz. Hoffentlich noch lange – auch wenn ich auf kein Konzert mit „Üdö schbäguliere“.

Klein Venedig

Heute Morgen geht’s gemütlich zu. Ich stehe um sieben Uhr auf, frühstücke mit ausreichend Kaffee und lasse es langsam angehen. Kurz vor halb neun werde ich abgeholt und düse los. Das wunderschöne Bamberg steht auf dem Plan. Und da nichts fest geplant ist, bin ich tiefenentspannt. Zu welcher Gruppe gehört Ihr? Zu der, die jedes Museum und jede Kirche besuchen muss, den Reiseführer vorher schon studiert hat und alles Wissenswerte abspulen kann? Oder zu der, die sagt: Ich schau‘ mir die Stadt an und mache vor Ort, wozu ich gerade Lust habe. Ich gehöre zur letzteren. Ja, manchmal schaue ich auch kurz vorher mal nach, was es so gibt. Aber ich lege mir keinen Plan zurecht. Ich lass es gerne auf mich zukommen. Aaaaaaber: Ich suche mir schon vorher eine Adresse raus und gebe diese ins Navi ein. Andere machen das anders. So auch meine eine Freundin, die heute fährt. Sie steht mitten auf der Straße und gibt dann erst in einer Seelenruhe eine Adresse ein… wobei… naja, sie gibt nur die Stadt Bamberg als solche ein. Da ich so oft Sachen in der Arbeit klären muss, lehne ich mich mal auf der Rückbank entspannt zurück und harre der Dinge, die da kommen.

Wir fahren endlich los – und natürlich anders, als es das Navi sagt. Hier sind wir ja ortskundig. Dann schiele ich mal nach vorne und bemerke: „Ääääh, i mog fei net üba vier Stund füa zwoahundatzwanzge Kilomeda brauchn.“ Ja, ist nicht korrekt. I bin ja a koa Bayer net un konns net bessa. Das Navi zeigt tatsächlich 4:21 Stunden an. Es wird eine Vollsperre vermutet, bis der Fahrerin einfällt, sie habe ja mal einprogrammiert, nie Autobahnen auszuwählen. Und wir wollten schon umdisponieren und woanders hinfahren! Mei o mei. Dies behoben, wird die Zeit deutlich nach unten korrigiert. Ich schone Augen und Schnüss, kann aber nicht pennen. Daher folge ich dem Gespräch. „Geographisch bin i a Wildschwein.“ Nicht nur darin, nicht nur darin… Doch dies bestätigt sie mit folgenden Worten: „Franken ist ja Bayern. Aber was ist denn mit Oberfranken?“ Kurz überlege ich, ob sie das ernst meint. Tut sie. Dann überlege ich ebenfalls kurz, ob ich einwerfen soll, es gehöre vermutlich zu Frankreich, wo ja auch der gute Frank drin vorkommt. Aber dann entscheide ich mich, die Schnüss besser weiterhin zu schonen. Manchmal haut sie die besten Klopper raus. Da möchte ich nicht bremsen.

Als Erstes steuern wir die Altenburg an. Ich checke die Adresse im Internet, die sie dann irgendwo am Straßenrand eintippt. Die Beifahrerin wäre dazu imstande, aber das geographische Wildschwein lässt es nicht zu. Gut, ich kenne das: Ich mach’s schnell selbst, dann ist es so gemacht, wie ich es will. Egozentrisch, ich weiß. Aber so bin ich eben auch. 🤷‍♀️ Machste nix. Wir parken irgendwo rechts und kraxeln zur Burg rauf. Irgendwie vermute ich, wir hätten auch weiterfahren können, aber ich schone die Schnüss noch immer. Oben angekommen, offenbart sich uns ein großer Parkplatz. Tja… so können wir im Vorfeld den Schweinsbraten abtrainieren – haha!

Das Wetter ist perfekt. Hier wollten wir ursprünglich letzten Freitag hingefahren sein. Als es dann aber hieß, es solle knackig heiß werden, haben wir es verschoben. So ist es perfekt. Noch sind auch nicht so viele Leute vor Ort, da der Biergarten erst in einer Stunde öffnet. Das passt also. Ich fotografiere ein älteres Pärchen, das dann doch endlich mal lacht, als ich zum Mann sage: „Och, zumindest fürs Foto können Sie doch kurz mal so schauen, als hätten Sie ein bisschen Spaß gehabt.“ Erinnert mich an Peru. Da waren Fotos im Dschungel ja ganz ungewöhnlich, weshalb die Kinder meinten, sie müssten besonders ernst gucken. Vielleicht ist der Ömmes hier vor mir eine Inka-Reinkarnation. Möglich ist alles… wer weiß, wer weiß.

Dann jückeln wir runter ins Städtchen, das echt bezaubernd ist. Nicht umsonst nennt man es wohl „Klein Venedig“. Meine Cousine hat hier Denkmalpflege studiert, was ich gut verstehen kann. Die Stadt ist irgendwie lieblich. Ich war im Winter vor zehn Jahren mal beruflich hier, als alles unter einer Schneedecke lag. Da sah es wie verzaubert aus. In so einer Stimmung… hach, da kann Frau schwach werden. Damals hab ich wild rumgeknutscht. Das ist irgendwie für mich mit Bamberg verknüpft.

Heute wurde diese Erinnerung zerstört. Als wir über eine Brücke flanieren, kräht meine Freundin laut los: „Guck mal, die Kanacken!“ Ich zucke zusammen und schaue mich hektisch um. Dann schaue ich runter, wohin sie deutet. „Ääääääh… meinst Du die Kanuten?!“ „Aaaaah, so heißen’s. Is ja scheißwurscht.“ Ehrlich? So was kann sich kein Mensch ausdenken. Ich breche einfach innerlich zusammen. Mittlerweile sind immer mehr Menschen unterwegs. Zufuß, aber auch zu Fahrrad. Ich ziehe sie beiseite, als ein  Fahrradfahrer klingelt. Und schon schimpft sie, wie ein Rohrspatz: „Darf der des übahaupts? I mein hier Foahrn?“ Ääääh, es stehen sogar Autos am Rand geparkt. Nur weil wir hier sind, haben die nicht mal eben die komplette Innenstadt für uns gesperrt. Obwohl das schon cool wäre. Aber diese Karte würde ich eher in De Efteling zücken. Da wollte ich immer schon mal nur mit meinen Freunden meinen Geburtstag feiern. Nur wir, niemand sonst. Ich sag ja: Egozentrisch. Aber die Vorstellung hat was. 

Später kommen wir an einem Wochenmarkt vorbei, wo es herrlich duftet. Sie ist aber noch unsicher, ob die Ware so gut ist, wie sie ausschaut. Immerhin stünde da nirgends ein Schild. „I will nix von Weißrussland, so verstrahlt, weißt?“ Göttlich und unbezahlbar. In Bayern sind sie alle total tolerant und so… ja, nee, is klar.

Auf dem Heimweg verfransen wir uns dann total. Als wir die Allianz-Arena erblicken, wird mir kurz schlecht. Hallo?! Die Deppen haben das Triple geholt. Das geht ja mal gar nicht!!!! Völlig müde komme ich Zuhause an, wo ich noch schnell Eierlikör herstelle, da ich morgen meine jüngste Tante und Onkel am Chiemsee besuche, wo sie Urlaub machen. Eierlikör im Sommer? Ja, fragt mich nicht. Meine Tante mischt sich den mit gelber Limo. Klingt eklig, schaut auch etwas flockig aus, schmeckt aber überraschend gut. Ein langer Freizeittag geht vorüber, der nächste steht bereits in den Startlöchern. Entsprechend falle ich nun müde ins Bettchen. Gehabt Euch wohl – mit allen Versprechern, Dialekten, Zeig und Glump und ummadump…