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Wehmut zu Neujahr

Neujahr ist irgendwie immer ein komischer Tag für mich. Das war immer so und wird wohl auch so bleiben. Dieser Tag hat immer etwas Ernüchterndes an sich. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, wo es so richtig schön an Neujahr war… da bin ich nach Strasbourg gefahren. Ansonsten ist der Tag aber immer so was wie „der-muss-zwar-sein-weil-er-den-Jahresanfang-macht-aber-trotzdem-ist-er-saudoof“. Vermutlich kommt hinzu, dass ich wieder kurz vor der Mens stehe. Und zusätzlich reise ich morgen wieder ab. Das ist vollkommen ok. Immerhin bin ich ja auch schon einen Monat hier. Trotzdem hasse ich Abschiede.

Zunächst einmal wache ich auf und bin froh, keine Kopfschmerzen zu haben. Mein Nacken ist so hinüber, dass es gestern Abend noch so richtig hochgekrochen ist und mein Schädel wie Hulle pochte. Der Nacken ist nach wie vor im Eimer, der Kopfschmerz aber vorübergehend weg. Wir hatten gestern beschlossen, heute nicht zu frühstücken, sondern Raclette zu machen – quasi als Brunch. Guter Plan, oder? Um 10 Uhr sind wir zwar zu dritt startklar, aber die Jugend ratzt noch. Klar, bei denen war es ja auch immerhin 3 Uhr heute früh plus ordentlich Umdrehung on top. Gott im Himmel, das Silvesterfest, als ich 16 geworden bin, war auch mit einigen Umdrehungen und einer wilden Knutscherei mit David. Nachname wusste ich nicht, spielte auch keine Rolle. Ich hatte als Andenken ja immerhin diesen fetten Knutschfleck. Seine Nummer wollte ich nicht haben (er hatte sie mir angeboten bzw. nach meiner gefragt), aber ich wollte keinen Freund mit diesem Namen, weil er seinen englisch aussprach, also Deiiivid. Fand ich doof. Man, was hatte ich schon damals den Durchblick. Und stellt Euch vor, der hätte bei uns Zuhause angerufen, denn Handys gab es ja nicht: „Hallo, ich heiße Deiiiivid und hab mit ihrer Tochter rumgeknutscht. Ist die da?“ Da hätte meine Mutter den Exorzisten bestellt. Mit dem Erfahrungsschatz von damals kann ich nachfühlen, wie die drei sich heute Morgen fühlen. Wir warten noch ein Stündchen und starten erst nach 11 Uhr das Essen. Der Kleine liegt mit flauem Magen im Bett – angeblich vom Essen. Das hat sich wohl nicht so gut mit dem Alkohol verstanden. Das lernt er noch. Der Große hat – wie immer – Hunger und weiß, dass er dringend was in den Magen benötigt, das den Alkohol ansorbiert. Daran erkennt man den Profi. Seine Maus leidet hingegen noch ein bisschen. Es dauert, bis sie mit dem Essen beginnt. Da leidet mein Herz ja schon immer ein bisserl mit. Allein, es bringt ja nichts. Das haben wir ja alle mehr oder weniger schon erlebt.

Meine Sis und ich schauen die letzten zwei Folgen der Gilmore Girls…auch das ist ja was wie Abschied. Ich habe sie vor zwei Jahren bei meiner Cousine in Amerika gesehen – allerdings auf englisch. Zwischendurch müssen wir heute allerdings noch mal weg. Die Schwester meiner Mutter habe ich ewig nicht gesehen… das sind schon Jahre her. Wir hatten versprochen, uns zu treffen. Also fahren wir hin. Als ich meine Tante sehe und sie umarme, kommen uns beiden kurz die Tränen. Es ist schwer genug, nach zu vielen Verletzungen durch meinen Vater mit diesem zu brechen. Aber der Kollateralschaden, der dabei entsteht, ist auch heftig. Zu einigen meiner Cousinen und Cousins habe ich Kontakt, doch die Älteren… puh, da ist es schwer, weil sie immer gleich moralisch werden. Das System soll laufen. Sie wollen einfach heile Welt, auch wenn sie im Grunde wissen, dass sie absolut nicht heil ist. Und die Befürchtung hatte ich bei dieser Tante nun auch. Aber das haben wir vor ein paar Monaten telefonisch geklärt. Sowie wir da sind, ist gleich alles wieder wie früher. Wir blödeln herum, reden und lachen über alte Geschichten. Als wir gehen, drücke ich meine Tante noch einmal lang und ausgiebig, wobei sie mir sagt: „Du bist gut so, wie Du bist.“ Na prima, kann mal einer den Wasserhahn absperren? Puh!! Ich bin echt gerührt und dankbar. Zuhause zurück, schauen wir den Rest der Gilmores, wobei ich noch mehr flenne.

Morgen will ich früh raus und mich auf den Heimweg machen. Ich besuche noch eine Freundin auf dem Rückweg und muss ja vor 21 Uhr Zuhause sein. Der Kleine will morgen ausschlafen, also verabschiede ich mich jetzt schon von ihm. Der Große will zu seiner Freundin, also verabschieden wir uns auch jetzt schon. Und als er mich so ganz fest drückt, denke ich an das wunderschöne Lied: „Everytime, we say goodbye, I die a little“. Sie sind so groß, diese „kleinen Jungs“… Ich weiß, ich komme wieder, aber nichts ist absolut sicher. Ja ja, Sentimentalität pur, klar. Aber ich bin eben gerade etwas rührig. Auch das ist eben Neujahr: Ein Neubeginn von etwas, das man noch nicht kennt und überschauen kann. Es ist aufregend und schön, beinhaltet aber auch immer Abschiede und Schmerz. Es gehört alles dazu, sonst ist es nur ein Dümpeln an der Oberfläche, was ich ja so gar nicht mag. Also bin ich dankbar für die Zeit, die ich hatte und freue mich – mit etwas Wehmut – auf das, was noch alles auf mich wartet.

Ungeplant ist am besten

Was für ein Tag. Und ich mittendrin. Da heute ja mein Geburtstag ist, daher hab ich in weiser Voraussicht Brötchen bestellt, die mein großer Neffe und seine Süße heute auf ihrer kurzen Anreise abholen. Ich kann es also ruhig angehen lassen. Der zweite Anruf – zum Glück nicht per Videotelefonie, da ich noch in Unterwäsche rumspringe – bringt mir ein Ständchen auf Öcher Platt. Klingt schmeichelhaft, ich schätze es auch, aber „häs Jebortstach, au Huur“ ist jetzt nicht das Netteste, gell? 😉 aber trotzdem: DANKE! Es bleibt auch fast das einzige Ständchen. Nur aus Nürnberg kriege ich noch was vorgesungen. Es gibt ja Menschen, die kann man einfach nur lieb haben, selbst wenn man sie lange nicht gesehen oder gehört hat. Da gibt’s auch keine Pausen, kein schlechtes Gewissen, sondern nur ein wohliges Gefühl. Apropos wohliges Gefühl: Genau das ist es, was ich empfinde, als die kleine Maus meines großen Neffen mit einem fetten Schokokuchen in der Hand dasteht. Schokolade erreicht doch jedes Herz… also meins auf jeden Fall. Vermutlich fließt durch meine Adern auch kein Blut, sondern ausschließlich Schoki. Wer will das schon so genau wissen?

Gerade fertig mit dem Frühstück, klingelt es zum ersten Mal an der Tür. Und da steht einer der Freunde der Jungs vor der Tür, der auch mit uns die Herr der Ringe Nacht gemacht hat und zum Handwerken hier war. Ich denke noch, dass die Jungs mich veräppeln, weil sie sagen, er sei meinetwegen hier. Aber er bestätigt das und hat Ferrero Küsschen und Glücksklee dabei. Ist das nicht süß?! Ich bin echt hin und weg.

Nachrichten und Telefonate wechseln sich ab über Tag. Ich komme zu… ja, was eigentlich? Nix kriege ich hin. Und da klingelt’s auch schon wieder an der Tür. Die Nachbarn stehen vor der Tür und haben Bier im Gepäck – sie wollen auf meinen Geburtstag anstoßen. Naja, was soll ich sagen? Es bleibt nicht bei einem Bier. Der Marillenschnaps ruft um Aufmerksamkeit heischend laut aus dem Schrank – mehrfach. Da wollen wir ja nicht hartherzig sein, oder? Und der Birnen-Zwetschgen-Likör will dann auch noch mitmischen – auch mehrfach. Wie ist der korrekte Verlauf bei Alkoholgebrauch: Zunächst erfolgt der Verlust der Muttersprache, dann schwarz-weiß-Empfang. Is klar, oder?

Die Jungs hocken dabei, während wir dann olle Kamelle bekakeln. Irgendwann reden wir dann auch darüber, wie die Jugendlichen derzeit mit den Alten auf der Hütte hocken müssen, was bestimmt eine Herausforderung sein muss. Keine Ahnung, ob’s an der Marille liegt, aber es kommt das Thema der Aufklärung auf. Ganz früher gab es Heftchen, bevor dann VHS-Kassetten Einzug hielten. Heute gehen sie ins world wide web – ganz einfach und doch so weit weg von der Realität. Wir reden von den guten alten Pornos. Jungs, die dann zu zehnt so einen Film angeschaut haben. Und mir geht ein Licht auf: Ach, DAS haben die Jungs früher gemacht, wenn sie sich getroffen haben. Wir haben uns geschminkt, zu Musik getanzt oder wichtige Themen gewälzt (Jungs). Wir hatten ja keine Ahnung! Der Nachbar erinnert sich dabei an seine Ausbildungszeit, wo Porno-Egon seinen Wagen in der Werkstatt abgegeben hat. Woher der Name kam? Niemand kann sich an dessen Nachnamen erinnern, aber an den Kofferraum, in dem etliche Schmuddelheftchen lagen. Da mussten sie natürlich erstmal den Luftdruck des Reservereifens dringend prüfen. Spätestens jetzt kann sich wohl jeder vorstellen, wie sehr wir hier gackern. Ich lerne einen neuen Spruch, der mir gefällt, als wir über einen Dünnbrettbohrer quatschen. „Da geht nicht mal ein Eichhörnchen ran, denn die gehen an keine hohlen Nüsse.“ Der gefällt mir… und dazu fallen mir einige Menschen ein. Arme Eichhörnchen… Meine Neffen halten gut mit und bringen uns auch neue Trinksprüche bei, wie: „Prost – egal, wo sie hängen“. Ach ja, da werde ich 44 und lerne so vieles an einem einzigen Tag.

Unser geplantes Raclette lassen wir ausfallen. Alle verlassen das Haus, wir bleiben zu dritt zurück und machen uns was Schnelles zu essen. Wir lassen das Jahr Revue passieren. Ich könnte schon um 20 Uhr ins Bett. Aber wir bleiben noch wach. Und bevor es jetzt so weit ist, wünsche ich Euch einen guten Rutsch in ein hoffentlich bald normaleres, gesundes, spannendes, neues Jahr. Viel Spaß Euch allen bei allem, was Ihr so treibt.

Man haut keine Mädchen – selbst wenn sie türkise Crocs tragen!

Manchmal mag ich diese Plattform nicht. Regelmäßig wird was verändert, irgendwas zwischendurch anders dargestellt, und dann fehlt plötzlich ein ganzer Beitrag, wenn ich ihn aufrufe. Olle Knackwurst. Naja, um den morgigen Sketch zu zitieren: „Same procedure…“. Also wieder von vorne.

Heute Morgen mache ich meiner Omma Konkurrenz mit schlechtem Geschmack in der Öffentlichkeit. Ich bin mal wieder sicher, irgendwer wird schon Richtung Bäckerei unterwegs sein, aber dem ist nicht so. Also hüpfe ich ins Auto – wieder mit Yogahose. Die Hemmschwelle ist futsch. Erst als ich dort ankomme, spanne ich, dass ich dazu echt gerade Crocs trage. Ääääh, was mache ich da????? Und die sind nicht unauffällig oder so, nein, sie sind türkisfarben!!!! Alter, ich verkomme total. Dorfleben auf der einen Seite, Corona auf der anderen – da mutiere ich zur Schlampe. Gut, ich habe nie zu den Frauen gehört, die sich für ihren Ehemann noch zusätzlich herausputzen müssen, wenn sie ihm das Essen kredenzen. Andererseits: Ich war auch noch nie verheiratet. 😂 Aber mal ernsthaft: Ich lasse mich schon total gehen. Das geht überhaupt nicht, weshalb ich zumindest eine kleine Beauty-Einheit einlege und mir die Beine epiliere. Rotzfrech drückt mir mein großer Neffe vorher ein kleines Plastikfaultier an einem Stamm hängend in die Hand, damit sich das Viech noch ein bisschen im Urwald austoben könne. Hallo?! Die Jungs gehören echt mal gehörig übers Knie gelegt. Ich würde es ja selbst erledigen, aber sie sind einfach stärker. Als ich eben meinem kleinen Neffen auf den Arm flitsche, holt er aus, woraufhin ich laut quietsche: „Man schlägt keine Mädchen!“ Seine Reaktion: „Hä? Wenn eine Frau mich schlägt, schlage ich ja wohl zurück!“ Ääääääääh? Das kann er doch nicht ernst meinen?! Und ja, er relativiert es. Bei einer Ohrfeige nicht, aber verprügeln lasse er sich von einer Frau bestimmt auch nicht. Ach ja, willkommen bei der Gleichberechtigung.

Ich weiß von einigen anderen Menschen, dass sie mittlerweile Zuhause auch total verkommen. Eine Bäckereifachverkäuferin erzählte letztens, ihre Tochter sei seit März ausschließlich im Home Office und nur noch im Gammellook unterwegs. Sie würde ihrer Schwiegermutter immer wieder sagen, diese müsse so glücklich und dankbar sein, noch „draußen“ arbeiten gehen zu dürfen. Ja ja, das viel gerühmte Home Office macht manche von uns nicht wirklich glücklich. Wenn ich da an die nächsten Wochen und Monate denke, macht sich in mir auch kein wohliges Gefühl breit. Andererseits: Die Brieffreundin meiner Sis ist von Schottland nach Australien gezogen und hat neun Monate in totaler Isolation mit ihrem Mann verbracht – so war es angeordnet. Ihre Tochter hat für sie eingekauft, sonst hätte der Staat das geregelt. Neun Monate!!! Sie durfte einmal am Tag allein kurz in der Nähe des Hauses spazieren gehen – ihr Mann auch, aber eben nur getrennt. Ich kenne Mary als quirlige, abenteuerlustige, stets positive und gut gelaunte Person. Aber sie hat depressive Züge entwickelt. Einkaufen habe sie immer gehasst, feiere das nun jedoch als Event, seit sie es wieder dürfe. Also: Worüber beschwere ich mich? Home Office? Pffff… das kriege ich auch noch hin. Und wenn ich dann Schlabberlook trage, ist das auch nicht wild. Lagerfeld ist ja nun echt schon nicht mehr anwesend, um seine Kritik zu äußern. Dann passt doch alles.

100 Regentropfen machen soooooo viel Spaß

Heute ist es scheißkalt… daher trage ich erstmalig meinen nussbraunen Rollkragenpulli. Mir ist selten so richtig kalt, doch heute geht ein fieser Wind dazu. Kaum habe ich meinen Pulli an, reiße ich auch schon am Ausschnitt herum. Es gibt ja Menschen, die immer Rollkragen tragen. Meine böse Omma hatte ausschließlich Oberteile mit Stehkragen. Damit ist sie immer – Sommer, wie Winter – rumgelaufen. Dazu trug sie dann auch immer eine Art Korsett. Hat fast gar nicht gemüffelt. Sie war immer mit allem sehr sparsam – auch mit der Körperhygiene….bääääh. Mein Oppa (mein Held) war viel offener und ist immer gerne in Urlaub gefahren – und alles per Zug, weil er nie einen Führerschein besessen hat. Und so sind die beiden auch im Sommer mal an die Côte d’azur gefahren…Ääääh…. mit Korsett und Stehkragen? Jawoll! Meine Omma war immer so eine bis obenhin Geschlossene. Und so läuft sie zwischen all den leichtbekleideten Leuten rum? Stelle ich mir wie einen Brüller vor. Bei dem bestimmt strengen Geruch, hervorgerufen durch höhere Temperaturen und dennoch arktischer Bekleidung, hat meine Omma bestimmt eine Schneise geschlagen, ohne auch nur einen einzigen Menschen berühren zu müssen. Diese Omma hat auch jede Suppe kalt gebetet. Sie war bitter und auch böse, aber sie hat gebetet, was das Zeug hält. 🤷‍♀️ Meine Abneigung gegen Rollkragen habe ich definitiv nicht von ihr…meinen Kirchenaustritt aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht.

Ein Kumpel vom Großen ist heute da, um die Restarbeiten abzuschließen. Jetzt braucht’s nur noch die Gestelle, dann ist alles fertig, was die draußen in der Eiseskälte gepröttelt haben. Zwischendurch klingelt’s an der Tür. Und da steht eine Bekannte meiner Schwester, die mich erstmal mit dem Namen meiner Sis anspricht. Hallo?! Ich trage keine Maske, die vielleicht noch für eine Verwechslung zuträglich wäre. Mein Schwager lacht drüber. Klar, so hat er mal eben schnell zwei Hühner für sich klar gemacht. Ha ha, das wär’s ja noch! Aber er würde als Erster die Segel streichen, ist doch klar.

Irgendwann hocken wir dann zusammen – meine Sis, ihre Jungs, die Süße vom Großen und ich – und spielen Karten. Der Kleine wird nicht müde, uns regelmäßig zu stecken, dass wir ja quasi die Nachkriegsgeneration seien. Und unsere Witze wären ja auch soooooo unlustig und eventuell früher mal lustig gewesen. Pubertät ist ja, wenn die Eltern schwierig werden – und et Tantchen ebenso. Irgendwann komme ich auf einen wirklich alten Witz, indem ich frage: „Kennst Du den Witz mit den 100 Regentropfen?“ Der Große schüttelt den Kopf. Ich grinse, will ihn aber eigentlich eher erklären, denn demonstrieren. Doch meine Sis ist schneller, schiebt die Zunge raus und produziert die Regentropfen – in your face! Ich gebe zu, das ist nicht Corona konform, aber wir hocken ja schon einen Monat aufeinander. Aber der Blick vom Großen? Unbezahlbar! Und unser Lachanfall – also natürlich nur auf Seiten der Nachkriegsgeneration – ist einfach erfrischend. Ha, da kann man den Kleinen also doch immer noch was beibringen.

Hier sind alle ziemlich Dart begeistert. Ich kann mich dafür jetzt nicht so erwärmen. Generell gibt es kaum eine Sportart, die hier nicht geschaut wird von den Kerlen im Haus. Skispringen und Biathlon sind natürlich auch gerade hoch im Kurs, wo ich so richtig ’nen Kotzkrampf von bekomme – vor allem, wenn ich dann höre, wie sie Wintersportgebiete gerade in Massen bepilgern, obwohl noch nicht mal ein Skilift fährt. Da packe ich mir ja wieder ans Hirn. Aber zurück zum Dart: In den Werbepausen eines Films, schaltet mein Schwager dann immer rüber zu Eurosport, so dass wir den deutschen Spieler Clemens sehen können. Man, man, man, da komme dann ja sogar ich ins Schwitzen, obwohl mich das einen feuchten Furz interessiert. Zuguterletzt verkackt er ja, was mir auch leid tut, aber sooooo schlimm ist das ja auch nicht. Es ist echt so ein Phänomen: Ich kann jeden Horrorfilm gucken, jeden Psychothriller lesen, da ist alles gut. Aber zeig mir ein Elfmeter-Schießen, egal von wem, selbst bei Barfuß Jerusalem gegen Ackerfreunde Damaskus – mir schlägt das Herz bis zum Hals. Das ist doch krank! Jetzt habe ich aber wieder ruhigen Puls und gehe schlafen. Vielleicht träume ich ja von Regentropfen? Wer weiß, wer weiß?

Verkäuferin will ich auch nicht sein

Heute wird wieder malocht. Es ist zwar saukalt, aber die Jungs scharren mit den Hufen. Das ist schon süß anzusehen. Ich kann sie gut verstehen. Ich freu mich hingegen, für mehrere kochen zu können. Kurzerhand entscheide ich mich für Lasagne, wozu mir aber noch zwei Zutaten fehlen. Ich fahre einkaufen und empfinde es als nicht so dramatisch und überfüllt, wie ursprünglich erwartet. Und da ich mich auf das Schlimmste eingestellt habe, bin ich echt gechillt. Das gilt natürlich nicht für alle anderen im Laden. Viele hassen es ja auch, einzukaufen. Ich hingegen mag es und mache nebenbei meine Sozialstudien. Besonders gefällt mir heute ein Herr mittleren Alters, der es doch tatsächlich schafft, den Wagen immer schön mittig im Gang zu platzieren, damit man weder rechts noch links dran vorbeiziehen kann. Ich bewundere Menschen ja immer, die ihre komplette Umwelt so vollkommen ausblenden können. Ich kann das echt nicht und leide manchmal regelrecht unter der Reizüberflutung um mich herum. Ich höre Flöhe husten, kriege Gespräche an Nachbartischen mit und bemerke suchende Blicke. So lerne ich zwar auch oft viele Menschen kennen, bin andererseits aber meistens angespannt und schnell nervös. Und irgendwie schaffe ich es nicht, das abzustellen. Naja…noch ein Lernfeld. Es werden immer mehr. Ich muss also noch lange leben. 🤷‍♀️ Ach, es gibt Schlimmeres.

Ich gehe zielstrebig durch den Laden, packe meine Sachen ein und steuere die Kasse an. Vor mir legt eine Dame das komplette Band voll. So weit, so gut. Sie zahlt, ich ziehe vor und bemerke ein Pfund Reis auf dem Boden. Das hebe ich auf und sage der Kassiererin, dass dies nicht meins sei. Sie fragt die vorherige Kundin, die gerade rausschlappen will, ob das ihr Reis sei? Ach ja, den würde sie noch schnell bezahlen. Tja, und das geht nicht so einfach, da die Verkäuferin schon die ersten Waren von meinem Einkauf eingescannt hat. Sie fragt die Kollegin an der Nachbarkasse, ob diese kurz kassieren könne, was die bestätigt, doch da schnappt die Kundin schon: „Dann eben nicht!“ Die Verkäuferin erklärt, sie könne doch an die Nebenkasse gehen, doch es folgt ein: „Nein! Behalten Sie es!“ Und dazu rauscht sie raus. Oh man! Was muss sich eine Kassiererin eigentlich alles so am Tag anhören? Ich frage sie: „Na, Sie haben ja heute nur entspannte, gut gelaunte Kunden, hm?“ Sie verdreht die Augen: „Ich hab’s meinem Mann gestern schon gesagt, dass heute wieder alle durchdrehen. Immerhin waren ganze drei Tage geschlossen, bevor der Sonntag dann auch noch kam. Das geht ja gar nicht!“ Die Armen tun mir echt leid – also die Verkäuferinnen, nicht die Kunden. Ich würde das nicht lange durchhalten, sondern müsste dann zurückschießen, wenn die Kunden einen anranzen.

Zuhause koche ich, während die Jungs fleißig werkeln und meine Sis endlich mal für Schriftkram an den PC kann. Der Kleine schaut irgendwann zum Fenster rein und fragt: „Ist das die einzige Auflaufform, die Du machst???“ In solchen Momenten möchte ich ihn hauen. Er steht die meiste Zeit rum, haut die Klopper am Fließband raus und macht einen auf dicke Eier. Mein Blick schießt Blitze, was er wohl bemerkt. Meine Sis hatte einen Pott Kartoffelsuppe für heute rausgeholt, als wir dann endlich erfahren durften, dass die zwei anderen Jungs heute antanzen würden. Daraufhin mussten wir ja noch was Zusätzliches finden, daher die Lasagne. In solchen Momenten denke ich dann aber auch, wie toll das damals bei den Höhlenmenschen gewesen sein muss. Der Ömmes war tagelang weg und durfte nur wiederkommen, wenn er was erlegt hatte. Kam er nicht zurück, hat ihn der Säbelzahntiger geholt. Auch kein Verlust. Aber zurück zum Essen: Ich habe hier einen ganzen Liter Bechamelsoße gekocht und drübergekippt. Das kriegen die zu fünft nie auf. Ääääh… doch. Zwei essen sogar noch einen Teller Suppe vorab… und man sieht auch, dass sie wahrlich stopfen. Aber es geht alles weg – inklusive Nachtisch. Nur der Salat wird schön ignoriert. Klar, man könnte sich ja auch eine Vitaminvergiftung zuziehen. Doch es ist ja so: Ein schöneres Kompliment kann man nicht bekommen, als dieses, dass sie zulangen, als gäb’s kein morgen. Also? Bin ich zufrieden und hab alle wieder lieb.

Stürmische Langeweile weggepennt

Es stürmt ohne Ende da draußen, weshalb ich wieder einmal Sehnsucht nach meinem Besen bekomme. Meiner Sis ist Wind ja ein Graus. Irgendwie können wir nicht miteinander verwandt sein… obwohl uns dauernd Leute verwechseln, was ich echt nicht verstehen kann. Ja, man kann sehen, dass wir Schwestern sind. Aber in der Tat reden manche mit mir, die ich gar nicht kenne und die ihrerseits erst später spannen, wer ich eben nicht bin. Sehr, sehr komisch. Aber zurück zum stürmischen Wetter: Weil meine Sis Wind verabscheut – und Sturm sogar noch mehr – hole ich wieder Brötchen. Da ich dachte, sie sei schon weg, bin ich zwar geduscht und alles, aber trage Jogginghose… naja, eigentlich ist es eine Yogahose. So würde ich ja normalerweise nie vor die Tür gehen. Nachher gibt’s noch Ärger mit Karl Lagerfeld! Aber noch mal umziehen? Darauf habe ich auch keinen Bock. Also husche ich flott so zum Bäcker, wo es – oh Wunder – eine richtige Warteschlange gibt. Dort treffe ich sogar einen Bekannten mit seinem Hund. Das Gespräch ist so herrlich typisch Dorf. Ein altes Ömken schrawelt (kann ich nicht übersetzen) mühselig die Treppe runter nach draußen, während sie einen grauen, ausgelümmelten Jogginganzug trägt. Da mach‘ ich mir um meine Yogahose ’nen Kopp! Sie haut meinen Bekannten an: „Ha, wie isset?“ Er: „Juut, un selber?“ Sie wieder: „Joa, et muss, wa? Hörens, häs Du ene neue Hund?“ Er: „Nö. Is immer noch derselbe Möpp.“ Der Brüller, weil dieser Möpp wirklich den Namen Möppi trägt! Sie erneut: „War der nich dicker?“ Er amüsiert: „Nö. Reicht et nich, wenn ich watt mehr auf de Rippen hab?“ Sie lacht leicht: „Datt has jetz Du jesacht!“ Immer, wenn sie redet, muss sie im Schraweln innehalten. Reden und sich mühsam fortbewegen, geht nicht gleichzeitig. Er wartet in Ruhe, bis Ömken ausgeschrawelt hat und geht dann erst in den Laden. Hier hat man die Ruhe weg und diskutiert gemächlich über das Gewicht von Hunden. Das passiert Dir in der Stadt nicht. Da wird eher um den Brötchenpreis verhandelt. Ach ja… alle jeck.

Da das Wetter derartig krass durchwachsen ist, kann man wirklich so gar nichts machen. Der Große hat bei seiner Maus genächtigt. So richtig Lust hat der Kleine dann auch nicht, mit mir allein was zu spielen. Irgendwann gehe ich einfach zum Großen ins Zimmer und will den Internetanschluss nutzen, um irgendeinen Film zu schauen. So schnell kann ich gar nicht gucken, da hockt der Kleine sich zu mir aufs Bett. Wir suchen so einen schönen, kranken Film von Guy Ritchie aus. Was will man an solchen Tagen auch sonst machen? Die Jungs gehen dann zu einem Bekannten, und mir ist fad. Ich lese, telefoniere und sehne den Abend herbei. Solche Tage, an denen so gar nichts los ist, machen mich wahnsinnig müde. Und so geht es auch dem Großen. Die Jungs kommen heim, der Große duscht kurz und will dann eigentlich wieder runterkommen…aber er ward nimmer gesehen. Als ich nach ihm schaue, läuft Eurosport im Fernsehen, während ich seinem gleichmäßigen, tiefen Atem lauschen kann. Wie er so da liegt, sieht er wieder aus wie der kleine Junge vor 15 Jahren… nur dass Arme und Beine erheblich länger geworden sind. Ich versuche, ihn sanft zu wecken, weil es noch viel zu früh ist, aber lasse ihn dann schlafen. Wer so fest pennt, braucht’s wohl auch. Lediglich den Fernseher stelle ich aus.

Habt Ihr eigentlich auch so ein erhöhtes Schlafbedürfnis, seit alles so runtergefahren ist? Ich schon. Aber das wird sich auch schnell wieder ändern. Es ist eben schlichtweg ein längerer Winterschlaf als üblich. Morgen kommen dann zwei Jungs, um dann gemeinsam wieder draußen ihre Holzarbeiten zu verrichten. Dann sind die Jungs auch wieder ausgeglichener… und wir mit ihnen. Zu viel Langeweile wird irgendwann dann auch zu langweilig. Und alles kann und will ich dann auch nicht verschlafen. Ich bin ja schließlich kein Bär.

Schokolierte Aprikosenwagenvariante

Heute Morgen will ich mich beeilen, um Brötchen zu holen. Ja, richtig. Am zweiten Weihnachtstag – welch Frevel. Mein Schwager hat beim Ordnungsamt eine Anfrage erhalten, ob das erlaubt sei, was es wohl ist. Eigentlich war der Plan, gestern Abend Hefeteig für Brötchen anzusetzen. Wir wollten erst was schnabulieren, bevor wir das machen. Nur wurden wir dann überfallen. Zunächst kam der Patenonkel des Kleinen, unser Cousin, unangekündigt vorbei. Vorher war ja meine Cousine mit Rosamunde Pilcher da gewesen, was nach viel zu langer Zeit viel zu kurz war. Und das hat sie wohl ähnlich empfunden. Es klingelt Sturm, woraufhin wir uns alle überrascht anschauen. Die beiden stehen wieder vor der Tür, denn sie haben ihren Bruder zum Bahnhof gebracht und kurz zuvor eine Kuchenform bei uns vergessen. Da ist es nur sinnvoll, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Der Große hatte seiner Freundin kurz zuvor noch erzählt, wie oft es früher hier Treffen gegeben hätte, wenn ich zu Besuch war. Tja… kaum war’s gesprochen, wurde der Wunsch schon erfüllt. Damit der Neue in der Familie gebührend aufgenommen werden kann, packen wir alle möglichen Geschichten aus… Meine Cousine und ich haben nämlich eine durchaus bewegte gemeinsame Vergangenheit. Zu Studizeiten, als sie in Bonn wohnte, war sie nahezu jedes Wochenende bei mir in Aachen. Wir haben manchen kranken Physiker kennengelernt, Cyder im Guinness House getrunken, Spieleabende veranstaltet und…äääh, Chat- und Internetbekannschaften gemacht. Alter, war das eine teilweise kranke Zeit. Alle Dönekes geben wir nicht zum Besten – immerhin sind meine Neffen, Schwester und Schwager dabei. Wenn man, seit man 16 ist, mit ein und demselben Mann zusammen ist, dann versteht man die andere Welt nicht so gut… Ich will schließlich nicht, dass sich meine Sis noch nachträglich Sorgen macht. Ist ja auch alles schon lange vorbei. Die alten Geschichten haben durchaus Unterhaltungswert… nicht immer im jeweiligen Moment, aber Jahre später mit Abstand? Definitiv!

Unser ungeplantes Treffen ist nicht wirklich Auflagen konform… aber wir sehen uns so selten, dass ich es ohne schlechtes Gewissen genieße. Ein bisschen was für die Seele braucht’s eben auch. Daher ist es ok für mich bzw. tut mir verdammt gut. Dafür sind wir heute alle brav Zuhause – ohne jeglichen Besuch. Nur fehlt eben der Brötchenteig. Ich fahre also los – und… nichts. Es ist nichts geöffnet. Aber die hatten doch beim Amt nachgefragt?! Ich überlege, den Kochlöffel rauszukramen und meinen Schwager übers Knie zu legen. Doch dann entsinne ich mich, dass er stärker ist. Da die eine Bäckerei geschlossen ist, versuche ich es bei einer anderen und finde die einzig offene. Die Schlange ist lang – wen wundert’s? Als ich dran bin, werde ich auch enttäuscht. Nahezu alles ist weg – bis auf die Vorbestellungen. Und so ergatter‘ ich nur drei Restebrötchen und zwei Croissants. Der Herr vor mir hat auch nicht vorbestellt und kauft 10 einfache Brötchen. Da die aber nicht so wunderschön aussehen, fragt er tatsächlich nach einem Rabatt!!! Das haut mir das Blech weg. Ihm wird sogar ein Nachlass gewährt. Hammer… so was finde ich echt kackdreist. Da haben die hier schon geöffnet und arbeiten an so einem Tag, da muss man nicht noch feilschen. Kann doch echt nicht wahr sein! Aber Frechheit scheint zu siegen – leider. Ich zahle den vollen Preis für die paar Dinger und düse heimwärts.

Meine Neffen ärgern mich ganz schön. Der Große (ich weiß, dass Du das liest!) kitzelt mich ständig, was ich wie die Pest hasse. Aber er ist leider in einen Zaubertrank gefallen und echt stark. Ganz schön undankbares Verhalten für jemanden, den ich häufiger auf dem Arm hatte, dessen Windeln ich gewechselt habe und vieles mehr (ich sage nur: Milchkotze im Ausschnitt!). 😂 Dabei fallen einem irgendwann die Arme ab, wenn man das Tantchen nicht ehrt, sondern ärgert. Und dauernd fragen sie, wie die Kleinkinder: „Was machen wir jetzt? Samma: Was machen wir JETZT?“ Aber ich kann mich ja wehren. Und so schleiche ich mich an den Kleinen ran, der auf seinem Bett rumlungert, und werfe mich auf ihn. Mit einer perfekten Knutschattacke setze ich ihn schachmatt. Gekonnt ist gekonnt. Da ich allerdings die Rache fürchte, lasse ich zügig von ihm ab. Und so beantworte ich die gefühlt zum 60. Mal allein heute gestellte Frage, was wir jetzt machen, mit: „Spielen!“ Schwuppdiwupp hocken wir uns zu dritt hin und spielen wieder Spiel des Lebens. Ich glaube, das haben wir als Kinder nie so oft gespielt, wie wir das in den letzten Tagen tun. Auch gestern haben wir das noch gespielt, als dann alle schon weg waren. Da wir aber alle mitgespielt haben, hatten wir ein Auto zu wenig, in das man seine Spielfigur hineinstecken kann. (Wenn ich das so lese, klingt es irgendwie pervers….?) Und da entdecke ich die schokolierte Aprikosenwagenvariante. Ja, in genau so eine wird meine Spielfigur gepiekst… samt Mann und einem Kind im Laufe des Spiels. Und während sonst immer Fragen kommen, wer welches Auto hat, ist das bei mir überflüssig. Und zuguterletzt kann ich das Ding dann auch noch essen. Das nenne ich mal gelebte Nachhaltigkeit! Anstatt also Greta zum Ende des Jahres zu huldigen, sollten Jauch oder Gottschalk lieber mal mich der Welt vorstellen. Was meint Ihr, wie lustig das werden würde! Kann denen mal einer Bescheid sagen?!

Stille Nacht, frittierte Nacht

Weihnachten… so wirklich fühlt sich das für mich nicht mehr an. Als die Jungs klein waren, war das alles viel lustiger. Sie waren immer völlig überdreht und aufgeregt. Alles verpufft. Irgendwie schade, dass man das nicht konservieren kann. Das würde ich sonst regelmäßig rauskramen. Ich zähle einfach mal darauf, dass die Jungs irgendwann selbst mal Kinder haben werden… und ich das – zumindest teilweise – dann auch miterleben werde. Kinder sind einfach unübertroffen an Weihnachten – mit all den Tränen, der Überzuckerung und dem Leuchten in den Augen.

Heute Mittag statten wir den Nachbarn einen Besuch ab, weil wir Geschenke für sie haben. Es ist Punkt 12 Uhr, aber der Nachbar liegt tatsächlich noch im Bett. Wenn er jetzt gerade mal 18 Jahre alt wäre, könnte ich das noch irgendwie nachvollziehen, aber er ist Anfang 50. Heiligabend hat er mit seiner Lebensgefährtin bei seinem Vater gefeiert.. und ordentlich gebechert. Mmmh… so was verstehe ich nie so recht. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen, richtig? Was für mich so gar nicht geht, ist wenn jemand ein Morgenmuffel ist – und das auch noch um die Mittagszeit! So was würde ich aussetzen. Keine Ahnung, wo ich den aussetzen würde, aber höchstwahrscheinlich weit weg. Ernsthaft: Ich hätte keine Lust, mich morgens schon angrummeln zu lassen.

Eine Alternative zu einfachen Besäufnissen zu Heiligabend gibt es auch. Gegen Mittag klingelt der Freund des Großen kurz und bringt eine als Geschenk verpackte Kiste Bier vorbei. Da die Eltern getrennt sind, ist es ein reiner Männerhaushalt – Vater und drei Jungs. Sie haben Heiligabend eine Frittier-Tradition. Drei Stunden lang frittieren sie, was man so frittieren kann – natürlich mit viel holländischem Kram (Kipcorn, Bitterballen, Fleischkroketten…). Da würde ich ja spucken ohne Ende. Um den Magen zu besänftigen, gibt es dazu Williams Christ. Ok Christ und Heiligabend, da gibt es durchaus eine Verbindung für mich. So ein Abend wäre trotzdem nichts für mich, doch er hört sich zumindest lustig an. Überhaupt ist das Kerlchen so ein ewiger Gute-Laune-Versprüher. Den mag ich richtig gern. Seinen Pornonbalken – oder auch „Schnörres“ genannt – züchtet er nun schon seit zweieinhalb Wochen… nur sieht man davon nicht wirklich was, weil der Flaum blond ist. Ich biete ihm Haarfärbemittel an, aber das hat er schon bei ähnlichem Angebot seitens seiner Mutter abgelehnt.

Am späten Nachmittag kommt meine Cousine mit ihrem neuen Partner vorbei. Er ist quasi ihre Jugendliebe, nur haben die beiden zwischenzeitlich andere Partner geheiratet. Mittlerweile waren sie dann beide Single und haben sich sozusagen „wiedergefunden“. Der Kleine hört von der Geschichte und haut in seiner furztrockenen Art raus: „Hey, datt is ja voll die Rosamunde Pilcher Geschichte!“ Brüller!!! Als die beiden ankommen, bin ich noch allein Zuhaus und erzähle es ihnen sofort. Zunächst denken wir uns schottische Namen für die Handlung aus und stellen uns vor, wie er mit wallender Mähne durch die Highlands reitet. Aber dann wird er übermütig, weil er doch lieber einen Hollywoodstreifen drehen will. Ääääh… hallo?! Ich biete an, das Drehbuch zu schreiben, aber für Hollywood müsste es dramatischer sein… irgendwelche Gliedmaßen amputiert werden oder er müsste geblendet werden. Er möchte lieber, dass meine Cousine eine todbringende Krankheit hat und die Liebe sie retten würde. Tse… das ist dann wohl doch ein bisschen dick aufgetragen. Die Jungs trudeln so langsam ein, und wir berichten dem Kleinen, dass ich natürlich gepetzt hätte und wir über einen Film nachdenken würden, woraufhin er wieder trocken raushaut: „Sagen wir Roland Kaiser doch Bescheid, dann schreibt der dazu noch ein passendes Lied.“ Den will man doch klauen, oder? Gut, mit seinen fast 1,90 m kann man den nicht mehr unbemerkt einstecken, aber auf einen Versuch könnte man es doch ankommen lassen?

Ach, so was mag ich. Nur leider bleibt viel zu wenig Zeit. Andernfalls hätten wir noch gemeinsam spielen können. Bei meinen früheren Spieleabenden (in der Regel zu Karfreitag, aber auch schon zu Silvester oder einfach zwischendurch) waren die Jungs früher auch oft dabei und hatten immer jede Menge Spaß. Ob wir das im Alter umdrehen und mit deren Freunden spielen, wenn wir im Altersheim hocken? Die Vorstellung hat doch was, will ich meinen, oder? So gesehen freue ich mich aufs Älterwerden.

TZK – wie ekelhaft

Oh man, ich bin zu alt für so was. Natürlich verkacke ich gnadenlos beim Marathon. Beim zweiten Teil des Herrn der Ringe mache ich nach zweidrittel der Zeit schlapp. Aber bis dahin macht es sauviel Spaß. Juut, die Jööch hat es nicht so mit der Zeit. Ursprünglich war 18 Uhr angepeilt. Um 19:30 Uhr starten wir allerdings erst den ersten Teil. Viel länger hätte ich dann trotzdem nicht durchgehalten.

Der Kumpel meines großen Neffen liebt die Filme in etwa so, wie ich das auch tu. Relativ zu Anfang meint er ehrfürchtig: „Wie geil muss datt damals gewesen sein, als die Dinger im Kino gelaufen sind?!“ Schweigen… Es klingt irgendwie, als sei das nach dem Krieg gewesen. Ich räuspere mich: „Äh? Damals??? Ich hab die alle im Kino gesehen.“ Er ist beeindruckt. Trotzdem fühle ich mich uralt. Andererseits… Er war 2001 noch nicht mal auf der Welt, als der erste Teil angelaufen ist. Wie schnell vergeht bitte die Zeit?! Als dann die Elbin Arwen erscheint, wachsen gefühlt Zelte um mich herum. „Arwen is auch ne 10 von 10. Der würde ich auch den Picknickkorb tragen.“ Ich erkläre, dass die aber auch nicht mehr so taufrisch sei und kassiere die üblichen Sprüche, dass man auf alten Pferden das Reiten lerne, auf alten Schiffen das Segeln und mit alten Besen das Kehren. Is klar. Kurzerhand google ich und entdecke: Liv Tylor ist gerade mal ein halbes Jahr jünger als ich. Aufopferungsvoll biete ich mich dem Jungspund an… er ist ja immerhin volljährig. Aber da ziert er sich noch. Ich arbeite weiter daran. 😉 Bei den Uruk-hai haut der Kleine plötzlich raus: „Der hat bestimmt voll den Mundgulli.“ Die haben echt eine andere Sprache… aber die hatten wir ja auch.

So auch vorhin, als ich wieder was Neues lerne: TZK. Schon mal gehört? Ich jedenfalls nicht. Und noch weniger habe ich es je ausprobiert. Es heißt: Taktisches Zwischenkotzen. Ist das eklig. Das machen wohl einige, wenn sie zu voll sind vom Trinken und göbeln müssen. Anschließend geht’s dann munter mit dem Trinken weiter. Da schüttelt’s mich doch arg. Wer kann denn dann noch weitertrinken??? Und so lerne ich Dinge, die ich gar nicht benötige. Aber lustig ist es dennoch.

Nach einem gemütlichen Frühstück, überlegen wir, was wir spielen können. Zunächst zocken wir ein paar Runden Cambio, bevor wir zu „Bohnanza – Ich glaube, es hackt“ übergehen. Aber schließlich landen wir bei „Spiel des Lebens“. Halleluja, das ist ein uraltes Spiel von 1981!!! Eine Spielanleitung liegt nicht mehr bei. Immerhin hat dieses gute Stück für bestimmt 20 Jahre auf dem Dachboden ein einsames Dasein gefristet. Zum Glück gibt es das worldwide web. Gut, ich muss die Jahreszahl noch ergänzen, um keine aktuelle Anleitung nehmen zu müssen, aber werde schnell fündig. Dazu lassen meine Neffen Roland Kaiser mit seinen Klassikern und Howard Carpendales „Driving home for Christmas“ laufen, nur um mich zu ärgern. Herrlich. Abends spielen wir dann noch ein paar weitere Runden „Spiel des Lebens“. Das fühlt sich an wie früher… nicht, wie Weihnachten, aber wie Spieleabende aus der Kindheit und Jugend. So was könnte ich immer wieder machen und bekäme nie genug. Weihnachten früher war oft Stress und Hektik… Da gefallen mir so chillige Spieletage eindeutig besser. In diesem Sinne: Frohe Weihnachtstage und chillige Auszeiten allerseits!

Am Ende war’s immer der Flamingo

Ach, es regnet so richtig herrlich. Mein Großonkel schaut garantiert von oben zu und lacht sich schlapp. Wie sagt der Kleine meiner Sis so passend: „Wieso kann der Scheiß da draußen kein Schnee sein, verdammt?!“ Jo, das wäre schon schön… nur müssten es dazu andere Breitengrade sein, gell?

Heute lerne ich etwas sehr, sehr Wichtiges: Wenn Du mal so richtig was verbockt hast, kannst Du perfekt von Kindern hervorragend lernen. Ich bin zu Besuch bei einer Freundin. Die Kinder zeigen mir stolz ihre Zimmer. Beim Großen leben Tiger, die nur Einbrecher fressen. Da muss ich mir also keine Sorgen machen, denn ich bin ja angemeldeter Besuch. Bei der mittleren Maus sehe ich bemalte Tapete und Heizkörper. Ich frage nach, wer das denn gewesen sei? Der große Bruder berichtet sofort, dass seine Schwester und ihre Freundin dafür verantwortlich zeichnen. Doch sie guckt mich mit großen Augen an und sagt im Brustton der Überzeugung: „Flamingo.“ Sie sieht dabei so aufrichtig aus, dass ich beschließe, ihr zu glauben. Die Vorstellung eines herumkritzelnden Flamingos hat ja wohl was. Sonst fliegen die nur blöd in der Gegend herum oder stehen auf einem Bein… weil ihnen wieder irgendwas peinlich ist oder so. Aber so ein Flamingo mit Filzstift? Unbezahlbar. Der könnte bei „Das Supertalent“ auftreten – dann würde ich den Rotz vielleicht auch mal schauen.

Als ich gerade zurück bin (noch nicht mal ausgestiegen), fragt der Große, ob ich ihn bei der Arbeit abholen könnte. Mache ich natürlich. Gestern hat er beim Essen berichtet, wie sie tagsüber durch eine Straße gefahren seien und ein älterer Kollege erzählt hätte: „Ach, in der Straße hatten wir auch mal eine Baustelle. Da hab ich in einen Eimer geschissen.“ Bäääääääääääääh! Da isst Du gerade gemütlich Dein Schnitzel und dann so was. Handwerker sind cool… aber wo sie ihr Geschäft verrichten, will ich echt nicht wissen. Als mein Neffe mit Kollegen aus dem Gebäude schlendert, überlege ich, wer von denen wohl der Eimer-Scheißer sein könnte? Aber der ist nicht dabei. Gottseidank.

Und plötzlich erreicht mich eine Mail von einem Chef aus längst vergangenen Zeiten, als ich noch Studentin war. Ach, das ist schon echt schön. Er war Geschäftsführer, bis er das Rentenalter erreicht hatte. Dann wurde er Angestellter mit beratender Funktion. Durch Corona begünstigt, hat er nun im Sommer alles beendet, weil er nicht mehr wirken (also jüngere, neue Kollegen) vom Home Office aus beraten könne. Kann ich verstehen. Und ich freue mich riesig, dass er sich an meine Mail-Adresse erinnert. Ich hatte mich immer mal zu Weihnachten gemeldet, allerdings über die Firmenmail. Hmm, das rührt mich schon sehr. Und so bestärkt, geht es jetzt in den Herr der Ringe-Marathon, wenn das Jungvolk denn mal eintrudelt. In diesem Sinne: Guten Rutsch in den Heiligabend. 😊