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Ich könnt´ mich jeden Tag belohnen

Kennt Ihr diese Tage, wenn Ihr eigentlich Zeit hättet? Und Ihr müsstet auch ganz viele Sachen unbedingt machen? So einer ist heute. Ganz viele Sachen…naja, manche schon. Aber eine muss ich tatsächlich mal zuwege bringen: Meine Steuererklärung. Baaaaah, das mag ich so was überhaupt nicht. Ich finde ganz viele kleine, unnötige Sachen abseits des Weges, die meine Aufmerksamkeit sofort fesseln können. Oh, die Zehennägel könnte ich mal wieder neu lackieren. Ein Peeling habe ich länger nicht gemacht. Huch, das Bad sieht aber auch so aus, als würde es sagen: „Guckst Du mich eigentlich gar nicht mehr an?“ Und der Kühlschrank gehört auch noch mal durchsortiert. Und so geht das in einem fort. Klar, zwischendurch gibt es den einen oder anderen Anruf, der mich ja ohnehin immer freut. Und dann denke ich wieder: Ich habe ja lange nicht mehr nach Musik gestöbert. Oh man, im Ablenken sollte ich eine Medaille bekommen. Die hätte ich so was von verdient. Da gibbet nix, da bin ich Meisterin. Da bin ich sogar noch besser drin als der WD 40-Handwerker gestern top war, was die Balkontüren betrifft. Jawoll! Da nehme ich es mit nahezu jedem anderen in diesem Uhuversum auf. Ja, Uhuversum. Ist ja meins. Da kann ich das ja auch nennen, wie ich lustig bin. Ha, lern´ meine innere Pippi kennen!

Aber es hilft alles nichts. Auch kein Kochen, keine unsinnigen Fernsehfilme oder Reportagen. Bis Ende des Monats muss ich diesen elenden Mist hinter mich gebracht haben. Und ab Dienstag habe ich für so einen Firlefanz keine Zeit mehr. Da kommt nämlich meine liebe Freundin zu mir. Sie geht zur Fortbildung, ich zur Arbeit. Abends ist ja auch noch Zeit? Hallo?! Abends müssen wir all unsere nicht aufgebrauchten Wörter von über Tag (geiles Deutsch, oder?) noch austauschen. Erfahrungsgemäß sind das bei uns beiden viele! Und wir sind auch stolz darauf. Ich freue mich wie Bolle auf diese Zeit. Nur…um die dann auch echt genießen zu können, muss ich jetzt mal ran. Da hilft auch das Schreiben hier nicht weiter. Eine nette Ablenkung…aber jetzt mal: Hopp, hopp. Aaaaaaber…nee, nix aber. Machen ist wie wollen – nur krasser…ich weiß.

Was soll ich sagen? Hat ja gar nicht weh getan. Das habe ich damals auch gesagt, als ich auf dem Sofa rumgesprungen bin und eine Tante mich gewarnt hat, ich würde mir noch weh tun. Ich wollte aber weiterspringen. Dann bin ich gefallen. Mit ziemlich versteinerter Miene bin ich wieder aufgestanden. Der Couchtisch ist nicht kaputt gegangen? Dann heul´ ich auch nicht rum und zische nur ein: „Hat ja gar nicht weh getan! Hat ja gar nicht weh getan!“ Ja, ich war schon früh „en fri-e Bieast“ – also frei übersetzt sowas wie eine harte Sau. So auch, als ich damals im ersten Schuljahr aus dem Bus raus bin und im Gedrängel mit den anderen, älteren Schülern hingefallen bin. Leider war es eine Bordsteinkante, die noch nicht abgerundet war. Meine Schwester wollte niemals auffallen, also hat sie mir nur zugezischt, ich solle bloß nicht jammern. Habe ich mich auch brav dran gehalten. Bis während der ersten Stunde Sandra – meine damals beste Freundin – irgendwas unterm Tisch kramen musste und mit einem: „Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih, die Claudia blutet total!“ wieder hervorgekrochen kam. Geheult und gejammert habe ich trotzdem nicht. Man, man, man, ich gehe ins Guinness Buch ein, wenn ich so weitermache. Obwohl die Gnadenlosigkeit gegen mich selbst manchmal schon krankhaft anmutet. Aber dafür gibt es ja genügend Mimis. Das ist so was, womit ich so gar nichts anfangen kann. Ich sage ja: Gib mir ´nen echten Handwerker! (Wobei ich vorhin gelernt habe, dass WD 40 doch nicht das richtige Mittel ist. Oh man, was war ich euphorisch! Danke fürs Desillusionieren!)

Was ich aber eigentlich meinte: Es hat gar nicht so weh getan, die Steuererklärung zu machen. Ich finde es immer schrecklich nervig – zumal ich in Steuerklasse 1 bin und ohnehin nie viel zurückbekomme. Da kann ich noch so viele Fortbildungen machen, wie ich will – es bringt mir finanziell nichts. Dafür aber hoffentlich im Oberstübchen was. Wenn ich daran denke, dass ich niiiiiiiiie mehr lernen wollte, als die Uni vorbei war. Und wie sieht das heute aus? Ich habe mir schon wieder was Neues auserkoren, was ich nach dieser Ausbildung im nächsten Jahr machen kann. Stillstand ist für mich echt Rückschritt. Wie war das noch gleich? Ich habe doch den Sucht-Webinar-Nachholtermin. Vielleicht sollte ich da mal fragen, ob so was auch in eine Sucht ausarten kann? Ich sehe schon die ersten von Euch nicken. Macht nix: Ihr seid nicht allein. Und macht mir auch nix: Ich tu´s trotzdem. Für irgendwas müssen meine Hörner ja gut sein. Ich brauche eben viele Wände, die ich einrennen kann.

Ach, jetzt geht es mir in jedem Fall besser – auch wenn ich wieder mal aufgeregt bin und Sorge habe, irgendwas falsch gemacht zu haben. Sollte es Nachfragen vom Finanzamt geben, rufe ich einfach den Handwerker. Vielleicht kann er auf meiner Steuerklärung auch etwas WD 40 versprühen? Damit sie besser durchflutscht, meine ich. Wir werden sehen. Die Handynummer von dem gebe ich so schnell jedenfalls nicht mehr her. Hm, ob meine fertige Steuererklärung nicht auch wieder ein Kaffeelikörchen wert ist? Ich steh´ ja voll auf das Belohnungssystem und weniger auf diese Bestrafungsaktionen. Also…ich denke fast schon, dass das ein Likörchen wert ist. Ach, was soll das „fast“? Eben…Prösterchen!

WD 40-sprühender Handwerker-Gott fürs Leben gesucht

Heute gelingt es meiner Kaffeemaschine wieder, den Kaffee in die Thermoskanne laufen zu lassen. Ist doch gut, wenn jeder tut, was er soll. Wie schön, wenn das immer so laufen würde. Ich habe es auch an zwei Tagen hintereinander verstanden, bei der Technik in den Schulungsräumen darauf zu achten, dass alles eingestöpselt ist. Öhm…oder so. Am Mittwoch hatte ich alles schon hochgefahren und verbunden. Alles lief wie am Schnürchen. Als ich etwas später ein Video zeigen wollte, kam kein Ton heraus. Dabei waren die Boxen eingeschaltet. Ein Kollege hat mit mir nachgeschaut…und hielt dann das Kabel hoch, das die Boxen mit dem Computer verbindet. Naja, wer hätte denn da auch schon nachgeschaut? Eben. Ich auch nicht. Am zweiten Tag bin ich in einem anderen Raum und muss den Rechner mit dem Beamer verbinden, was nicht klappen will. Lauter Kabelgedöns ist eingesteckt, aber ich finde die richtige Quelle nicht. Doch auch hier flaggt ein Kabel neben dem Bildschirm herum, das jemand dort drapiert hat. Irgendwer hat eben nicht den Remote-Zugang gewählt und einfach mal ein Kabel aus dem Rechner gezogen. Dass man das dann wieder reinstecken sollte, wenn man den Raum verlässt, wäre nur logisch…und auch kollegial. Wurde aber trotzdem nicht gemacht. Der gestrige Kollege entdeckt das Kabel und schups: Es erscheint mein Bildschirm auf der Projektionsfläche. Sachen gibt´s! Und auf so naheliegende Sachen, wie das mit dem Kabel, komme ich nicht so gerne. Ich denke gerne herrlich weiblich-kompliziert. Ist so, wie mit den doofen Bedienungsanleitungen, die ich auch nicht mag. Hatte ich mal erzählt, als mein Schwager mich damals begeistert beim funkelnagelneuen Firmenwagen gefragt hat, was der alles kann? Und ich geantwortet habe: „Fahren, Musik abspielen…ah! Und Sitzheizung!!! Ein Traum, sage ich Dir.“ „Aber welche Extras noch?“ Ich habe nur mit den Schultern gezuckt. Alles, was mir nicht selbsterklärend direkt ins Auge springt, entzieht sich meinem Interesse. So einfach ist das.

Apropos einfach: Ich bin heute nervös. Warum? Weil der Fensterbauer kommt. Ob der gut aussieht? Watt weiß ich? Deswegen bin ich doch nicht nervös! Nein. Ich habe Sorge, dass die Türen nicht reparabel sind und es dann heißt: „Sie haben das und das falsch gemacht!“ Ich will nichts falsch gemacht haben! Und hier gibt es auch keine Kabel, die ich übersehen hätte und die eingestöpselt gehören. Und eine Bedienungsanleitung – dem Herrn, Allah, Buddha, Pacha Mama oder wem auch immer sei Dank – gibt es hierzu auch nicht. Ich benötige also gar keine Ausrede. Endlich kommt der erlösende Anruf, dass er in zwanzig Minuten da sei. Gut, mit der Uhr hat er es nicht ganz so, weil es 35 Minuten dauert, aber ich will mal nicht so kleinlich sein. Derweil findet munter mein Webinar statt. Es geht um transpersonale Therapien. Äääääh, ja, Balsam für meine esoterische Seele – so ich denn eine hätte. Die Elfe ist natürlich total happy, wie sie mir schreibt. Ich schreibe zurück, wie schlimm ich diese Ashram-Müsli-Räucherstäbchen-Veranstaltung finde. Und dann tritt mein Held in Erscheinung: Der Fensterbauer. Er ist freundlich und sieht kompetent aus. Wenn man handwerklich suboptimal ausgestattet ist, wirkt jeder in einer Engelbert Strauss Hose und mit Sicherheitsschuhen kompetent. Dazu hat er einen silberfarbenen Koffer bei sich. Der muss ein Fachgott sein. Ich verweise auf die nicht mehr zu schließende Türe und sage: „Fangen Sie doch mit der an. Da wird das Erfolgserlebnis schneller da sein. Danach können wir uns dann immer noch runterziehen lassen von der anderen.“ Er schenkt mir nur ein wissendes Lächeln. Ich biete ihm Kaffee an. Er lehnt ab mit der Begründung: „Na, dang schee, i hot grad erst a Spezi.“ Spezi? Das finde ich ja echt süß.  Also, nicht das Getränk – obwohl das auch pappsüß ist. Aber Spezi habe ich als Kind immer gern getrunken. Da finde ich es süß, dass ein großer Kerl das auch trinkt.

Die erste Tür bekommt er ratzifatzi hin, während ich den räucherstäbchendutfgeschwängerten Ausführungen nicht wirklich zu folgen vermag. Diesmal liegt es nicht am Trainer. Der ist lustig. Aber das Thema ist für mich eher so fußpilzsexy. Nicht meins. Aber wir nähern uns nun der zweiten, wirklich desaströsen, weil nicht mehr öffenbaren Tür. Mein Herz schlägt schneller. Ich muss mich dann ja auch immer mitteilen: „Ok, also die andere Tür…puh! Die kriegt man gar nicht mehr auf. Nix mehr.“ Er zieht und nickt. Aufgeregtes Plappern Teil 2: „Ich kann bei so was nicht hinsehen. Also, wenn Sie jetzt die Scheibe rausnehmen, kann ich nicht im Raum bleiben. Unabhängig davon, dass ich Ihnen so gar keine Hilfe sein kann: Ich kann da echt nicht zuschauen! Da wird mir schlecht. Oh man, da wird mir jetzt schon schlecht, ohne dass was passiert ist!“ Er grinst, ich drehe mich um und will gerade rausgehen, da sagt er in meinem Rücken: „Is scho vorbei. Die Tür is auf.“ Waaaaaaas? Ich drehe mich zögerlich um und denke, er nimmt mich und meine strapazierten Nerven hops. Aber nö, die Tür steht offen. „Äääääh…wie haben Sie das denn gemacht?“ Er winkt ab: „Hob do so meine Erfahrungen.“ Ah, ich auch…nicht so wirklich. Es geht auch hier ratzifatzi. Danach holt er noch schnell WD 40 und sprüht alles ein. „Öl geht a, oba des verflüchtigt sich so schnei.“ Aaaah ja. Ob ich das behalte? Ich denke schon. Innerhalb einer guten halben Stunde sind zwei Problemtüren wieder funktionstüchtig. Ich kann es nicht fassen. Die Flasche noch zur Hand, sprüht er kurz noch was von dem Zeug an mein Wohnungstürschloss. Und mir wird wieder klar: Ich will einen Handwerker heiraten! Einen, der Mac Gyver mäßig alle Dramen meines physischen Umfelds mit WD 40 aus dem Weg sprüht. Ich brauche keine Räucherstäbchen-Typen.

Doch auch hier geht´s weiter. Nicht mehr lange – zum Glück. Irgendwann wird dann auch von „Prana“ gesprochen. Ich kann mich nicht zurückhalten und schreibe in unsere kleine Nebengruppe: „Prana mag ich! Vor allem den Schinken!“ Ja, ich bin ein lästerliches Miststück, aber dafür mag ich mich echt. Ich spiele ja auch immer mit dem Gedanken, einmal ein Buch zu schreiben (und habe schon einige begonnen…doch immer verließ mich dann der Mut). Jetzt schmeiße ich mal in unseren Gruppenchat den Titel des Buches, das ich dann zu veröffentlichen gedenke: „Psychotischer Prana-Schinken im Ashram“.  Ich bin mir sicher: Es wird ein Bestseller. Wenn Ihr es also irgendwann einmal in irgendeinem Buchladen seht oder bei den Ebooks drüber stolpert: Dann habt Ihr mich gefunden. Wie herrlich!

Der überdrehte Vormittag neigt sich dem Ende zu, die Veranstaltung ist vorbei. Nächste Woche ist dann das letzte Webinar vor der Sommerpause und passt zu Prana und Co. Aber bis wir den Schamanismus beleuchten, werde ich mich eine Woche erholen können. Und wie kann ich das am besten? Ich fahre raus ins Hinterland und gönne mir ein fettes Eis mit einer Freundin. Ich erzähle ihr meine Woche im Zeitraffer, sie mir ihre ebenfalls. Wir reden auch wieder von meiner angedachten Teil-Selbständigkeit ab nächstem Jahr und ich bekenne: „Wenn der ganze Rotz mit den Rechnungen, Buchungen, Kostenaufstellungen und dergleichen nicht wäre, würde ich mich wesentlich leichter tun.“ „Wenn´s weida nix is: Do konn i Dia helfa. Des moch i voll gern.“ Und da sitz´ ich dann blöd und starre sie mit offenem Mund an. Sie ist seit zwei Jahren im Vorruhestand. Aber alles rund um Excel gefällt ihr doch so gut. Und Rechnungen, Buchungen, Mahnungen – das hätte sie schon früher gemacht. Und schwups, löst sich gerade meine größte Sorge in Wohlgefallen auf. Ich musste meinen Stolperstein nur einfach mal laut aussprechen, da kam die Lösung schon angeflogen. Das Gute: Sie hätte was zu tun, was ihr Spaß macht, ich könnte sie dafür bezahlen und hätte diese unliebsame Hürde weniger. Wenn das mal kein Festtag ist. Ich glaube, jetzt brauch´ ich ein Likörchen zum Anstoßen Und Ihr?

Nörgler, Peitschen und Chaoten

Es läuft… echt jetzt! Es läuft. Und wie das läuft!!! Ich darf doch die Kaffeemaschine dazu heranziehen, oder? Echt wahr: Heute Morgen befülle ich meine Kaffeemaschine und schalte sie ein. Als ich wieder in die Küche gehe, empfängt mich der See Genezareth – allerdings in braun. Ich habe keine Ahnung, was da jetzt schief gelaufen ist, doch ich kann immerhin mehr als die Hälfte retten. Ich denke mal in kleinen Erfolgen. Dann rege ich mich weniger auf. Das Positive: Es duftet nach Kaffee. Wäre ich ein Kaffeegegner, wie meine Schwester, hätte ich nun ein Problem. So aber kann ich mich glücklich diesem Duft hingeben, während die Zeit mit Wischen verstreicht. Wenn mein Lauf so weitergeht, bin ich gespannt, was als Nächstes passiert? Die Balkontüren waren die ersten, die dran glauben mussten. Vielleicht umgibt mich ja ein Spannungsfeld? Mich würde es nicht wundern.

Der Workshop am Vormittag führt zu wirklich guten Ergebnissen. Allein: Das Team ist Null motiviert. Das wiederum zieht mich runter, weil ich ja möchte, dass alle was hiervon haben. Immerhin einigen wir uns darauf, dass wir uns mal alle im Biergarten treffen wollen, wo es zwangloser als hier ablaufen kann. Aber zielführend für diese Aufgabe ist es nicht. Und dass mich die Jungs über Bernie und Ert aufklären, während sie Entwicklungshilfe bei mir leisten, weil ich den Begriff „Fleischpeitsche“ nicht kannte, hilft mir hier gerade auch nicht weiter. Vielleicht mal bei einem Date, wenn ein Kerl mir blöde zuraunt: „Kannst Du mir die Fleischpeitsche polieren“, aber ob das je dazu kommt, ist wohl mehr als fraglich. Wobei… es gibt ja auch Männer, die ihre „Fleischpeitsche“ Hansi nennen. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich da schlimmer finden soll…?

Aber ernsthaft: Wie motiviere ich Menschen, die so gar nicht wollen? Und das Schlimme: Ich verstehe sie voll und ganz und muss das trotzdem mit ihnen durchziehen. Also erweitere ich die Frage: Wie motiviere ich mich und die Menschen um mich herum, diesen Prozess jetzt sinnvoll zu leben? Als hätten wir gerade keine anderen Sorgen… puh!

Mittags mache ich dann endlich noch mal Pause und treffe einen ehemaligen Workshop-Teilnehmer, dem ich damals einen meiner Lieblingssprüche drücken musste: „Ein Nörgler ist ein Mensch, der – wenn er kein Haar in seiner Suppe findet – so lange mit dem Kopf schüttelt, bis ihm eins hineinfällt.“ Fand er letztes Jahr ganz witzig. Ich ihn auch. Er ist ein kreativer Chaot, der in der Tat  studierter Jurist ist. Passend und dann doch auch so gar nicht, denn die Mischung bietet Zündstoff ohne Ende. Er ist Abteilungsleiter und kommentiert das trocken: „Weißt Du, warum ich Führungskraft bin? Weil ich nix anderes kann.“ Kann er doch, aber das macht ihn mir gerade noch sympathischer.

Von ihm – nicht von meinem Chef – erfahre ich, dass alle Führungskräfte eine Liste der eigenen Mitarbeiter vorliegen haben, die sie befüllen müssen. Da geht es um Betriebszugehörigkeit, Steuerklasse, aber auch um Bewertungen, ob die Person Stunden reduzieren könnte, wie die Performance die letzten Jahre über so war usw. Mein Chef wiegelt ja nur permanent ab, dass sich keiner Sorgen zu machen bräuchte. Gestern Abend und auch heute kann ich aber schauen, wie ich meine liebe Kollegin wieder aufbaue, da sie sich extreme Sorgen macht. Er verharmlost alles, wobei wir von anderen mitbekommen, was wirklich alles abgeht. Transparenz, Transparenz… dann verliert man auch nicht das Vertrauen. Und ein Gespür für die eigenen Mitarbeiter, wäre schon auch eine Grundvoraussetzung. Aber… „bast scho“. Wir sind ja Kummer gewöhnt.

Dann folgt der nächste Workshop, den ich spontan übernehmen darf. Und hier mache ich wieder meine übliche Erfahrung. Ich frage nach Störungen, Herausforderungen, Stolpersteinen und schaue in leere Gesichter. Keiner sagt was. Das Schweigen dehnt sich aus. Dann berichte ich eben von einem meiner Beispiele. Mir macht es so rein gar nichts, offen über Zweifel und Unsicherheiten zu reden. Und siehe da, es kommen Rückmeldungen, wie: „Puh, ich dachte, damit sei ich ganz allein. Du hast ja ähnliche Probleme wie ich.“ Ach. Was für eine Überraschung! Darum machen wir das hier ja. Entscheidend ist nur, dass einer den Anfang macht. Warum tun sich so viele Menschen so schwer damit? Ich verstehe es nicht. Ist es die Angst vor Entdeckung? Scham? Vermeintliche Schwäche? Ich werde nicht schlau daraus.

Und dann komme ich doch an den Punkt, dass ich mir wieder denke: Ich muss es auch gar nicht verstehen. Jeder Jeck ist anders. Manchmal vergesse ich das kurzzeitig. Aber wenn es mir wieder einfällt, wird die Welt wieder leichter. Und leicht, gefällt sie mir am besten. Dazu muss nicht der ganze Tag ein Fest gewesen sein. Es bedarf nur ein paar toller Momente, netter Menschen oder wertschätzender Worte. Wenn es nur immer so einfach wäre…

Du darfst Dich hier Zuhause fühlen

Der Tag beginnt reizend. Da ich heute im Schulungszentrum bin, muss ich quasi Selbstversorger spielen, da die Kaffeeautomaten und Getränkespender nicht funktionstüchtig sind. Wie das vor Corona schützen soll, weiß ich zwar auch noch nicht, aber gut. Ich kann auch nicht gut einparken und erkenne darin auch keinen Sinn. Also werde ich mir einen Thermobecher Kaffee machen und ein Wasser mit frischer Minze. Und da passiert es: Ich gehe raus auf den Balkon, um die Minze zu pflücken. Anschließend kann ich die Tür nicht mehr zuhebeln. Mit anderen Worten: Jetzt habe ich zwei defekte Balkontüren. Die eine lässt sich nicht mehr öffnen, die andere nicht mehr schließen. Juchuuu! Der Tag kann kommen. Ich wär‘ dann soweit. (Der Fensterbauer kommt Freitag oder Samstag.)

Heute bin ich in der Arbeit so knapp getaktet, dass es von der ersten bis zur letzten Minute stressig ist. Ich mag es ja durchaus, wenn ich einen vollen Kalender habe, aber das wird langsam zu viel. Es ist ein Irrsinn, der nicht enden will. Immer mehr in immer weniger Zeit – wie will das gut gehen? Immer mehr Kollegen hängt die Zunge vom Hecheln raus. Es gibt deutlich schönere Anblicke.

Der erste Termin ist mit einem Team, das ich sehr mag. Aber auch, wenn wir schon zusammen gefeiert haben, heißt das nicht, dass ihnen alles schmecken muss, was wir so durchboxen müssen. Und da lüge ich auch nicht und sage unverblümt, dass es hier nicht ums Ob geht, sondern nur ums Wie. Es geht rau zu bei den Jungs. Als erstes schreien sie natürlich nach Kuchen, den sie schon zweimal von mir bekommen haben. Ich finde, für den Auftritt hier hätte ich wohl eher Kuchen verdient. Was ich an den Jungs hier so mag, ist die direkte, klare Rückmeldung. Sie überlegen nicht lange, wie es politisch geschickt wäre, sondern hauen einfach raus. Genauso mag ich es. Sie finden das 5-Finger-Feedback lustig, wobei dann auch wirklich Konstruktives dabei rumkommt. Aaaaah, so könnte es öfter laufen.

Demgegenüber schafft mein Chef den Termin im Anschluss nicht und will mich im Gegenzug mit Literatur zuscheißen. Die neue Methode, die ja nur einer Stunde Unterweisung bedarf, ist eine eierlegende Wollmilchsau. War ja meine Rede, was aber von ihm abgetan wurde. Im Gegenzug teile ich ihm mit, beim mobilen Arbeiten nicht mehr meine Haupttätigkeiten aufzuschreiben. Das ist Mikro-Management und so nicht genehmigt. Passt ihm nicht. Na, frag mich mal! Ich gehe kopfschüttelnd aus dem Gespräch. Was für ein Knallfrosch. Dabei ist er ja lieb und nett – nur eben auch dumm, ignorant und inkompetent.

Zum nächsten Termin geht die Führungskraft ab, was mir den Hals schwillen lässt. Er hat eingeladen, er braucht was. Da könnte ich ja!!! Das sag ich auch seinen Jungs, die drüber lachen und ihn nicht anders kennen. Sie wären gern dabei, wenn ich ihm Feedback gebe. Fakt ist: Ich bin zu weich. Lässt manche von Euch jetzt schmunzeln, ist aber so. Ich helfe so gerne und werde gerne gebraucht. Damit bin ich richtig effizient – nur eben leider nicht effektiv. Oh ja, da darf ich noch viel lernen.

Ich schlurfe müde nach Hause. Der Vormittag war gut, der Rest Grütze. Auf Dauer ist es schwer, mich motiviert zu halten. Kaum Zuhause, erreicht mich ein Anruf auf dem Diensthandy. Ich überlege noch, nicht ranzugehen… und tu es dann doch wieder. In dem Fall ist es aber wohl gut so. Es ist einer meiner Jungs aus Straubing. Sie haben ja vom Personalabbau gehört und seien so besorgt und… ob sie was für mich tun könnten? Die Befristeten würden ja nicht verlängert, aber das könnte doch nicht angehen! „Ääääääh, ich bin nicht befristet?!“ Und dann schwingt eine unbändige Erleichterung in seiner Stimme, wie sehr ihn das freuen würde, ob er das den anderen sagen dürfe? Sie hätten heute darüber beratschlagt und sich solche Sorgen gemacht. Puh, da hab ich dann ja schon Pipi in den Augen, weil mich das so rührt. Keiner weiß, wie es für ihn weitergeht, kein Job ist sicher. Aber sie machen sich Sorgen um mich… um mich, die so was ja gar nicht will. Ich bin ja schon groß. Um mich muss sich keiner sorgen. Und trotzdem tut es gerade gut, weil ich merke, es ihnen wert zu sein. Ein riesengroßes Thema… Und bei ihnen kommt es von Herzen.

Später schreibe ich dann privat noch mit der Führungskraft von heute Morgen, der so was wie ein Kumpel ist. Ich mag diesen Ameisentätowierer, wie er sich selbst beschreibt. Sein Ältester ist so einer, der immer reisen könnte – und zwar weit weg. Ich frage ihn, ob er so stolz sei, weil er sich das auch immer gewünscht hätte? Nein, er sei absolut gern in Bayern und nur hin und wieder kurz in Urlaub. Am liebsten sei er Zuhause. Mmmh, Zuhause. Ich antworte ihm, dass ich dieses Gefühl nicht so für mich kenne. Auch nicht im Rheinland? Nein, auch da nicht. Ich fühle mich an vielen Orten wohl – aber nirgends „Zuhause“. Er zitiert Semino Rossi (nicht meine Musikrichtung): „Zuhaus ist da, wo man Dich liebt“ und ergänzt dann: „Du darfst Dich hier Zuhause fühlen.“ Oh man. Jetzt steigt der Pipi-Pegel wieder in den Augen bedenklich an. Ist das nicht schön?

Es sind diese Momente, solche tollen, inspirierenden Menschen, die das Leben so lebenswert machen und mich verzaubern. Sie machen keinen Chef besser, sie nehmen mir keine Jobsorgen. Aber sie berühren mein Herz. Es war also ein verdammt guter Tag.

Weg mit dem Schmu!

Der Tag fängt ganz gut an. Ich kann etwas später aufstehen, was ja auch mal schön ist. Heute muss ich nicht rein zur Arbeit, sondern arbeite von Zuhause aus. Das ist zwar immer noch nicht meine Lieblingsart zu arbeiten, doch ich bin ja diese Woche 75 Prozent meiner Arbeitszeit vor Ort. Da darf ich wohl mal nicht meckern.

Und das fällt mir gerade schwer. Mein Chef wollte mir eine ganze Methode (die sehr umfangreich ist) in gerade mal einer Stunde erklären. Diese Stunde gibt es nicht etwa physischer Art, sondern lediglich per Skype – ohne Video. Ich muss nicht erwähnen, dass die Mitarbeiter-Gespräche immer noch nicht eingeladen sind, oder? Das habt Ihr auch, ohne ihn zu kennen, selbst schon erkannt, oder? Um fünf vor acht ruft der Gute dann an, ob ich im Hause sei? Wir müssen ja nur jede Woche eine Liste befüllen, wann wir in der nächsten Woche vor Ort sein werden. Keine Ahnung, warum ich viele solcher kleinen Listen mit den unterschiedlichsten Dingen befüllen muss, wenn sich diese dann keine Sau anschaut? Und wir schulen zum Thema Verschwendung. Ich liebe Ironie ja wie verrückt, aber in der Regel nur dann, wenn sie jemand bewusst anführt. Das setzt nämlich ein gewisses Maß an Intelligenz voraus. Ist hier aber leider nicht zu finden. Echt nicht. Auch mit zwei zugedrückten Augen und unendlich viel Wohlwollen nicht.

Nu juut, jetzt hab ich ihn also am Telefon und erinnere ihn an unser Gespräch, dass er eine Skype-Besprechung wollte. „Jo, jetz bin i oba spontaan in d’r Oarbeit.“ „Jo, oba i net, gä?“ Er lacht ob meines Bayrisch. „Jo, dann ruf i di glei o.“ „Nee, Du wählst Dich einfach ein.“ „Ääääh, moan i jo.“ Dann soag’s halt a. Sag ich natürlich nicht. Für das Einwählen braucht er wohl zehn Minuten, denn erst um fünf nach acht wählt er sich ein. Und dann berichtet er mir zunächst, dass mein Chef-Chef jetzt Bescheid wisse, dass ich diesen Part in der Ausbildung übernehme, was der gut fänd. Und nicht nur das! Er sehe kein Problem darin, dass ich mich da ratzifatzi einarbeite, ohne das Thema vorher zu kennen. Hätte ich ja schon mehrfach bewiesen, dass ich so was hinkriege. Klar, sie brauchen ’nen Depp, sie haben mich wieder mal gefunden. Ich muss doch mal mit Sport anfangen. Dann laufe ich auch mal schneller weg.

Nicht falsch verstehen. Es gibt prestigeträchtige Projekte. Die bekomme ich nicht. Letztes Jahr wurde mir die Lernwerkstatt versprochen, die dann eine andere bekommen hat. Hatten wir ja so nie besprochen. Komisch, dass das ja viele andere auch mitbekommen hatten. Die scheele Minka, die es bekommen hat, hat es nicht umsetzen können. Das Projekt ist gestorben. Meiner lieben Kollegin ist versprochen worden, dass sie eine Ausbildung zu einer Methode erhält, für die sie sich interessiert. Verkündet wurde im Dezember, es bekäme ausschließlich die scheele Minka. Da die jetzt aber so häufig krank war (extrem, extrem häufig und wochenlang), wurde das immer und immer wieder geschoben. Aber sie bekommt es trotzdem noch… als einzige, wohlgemerkt.

Jetzt ist es auf einmal also wieder richtig toll für meinen Chef und Chef-Chef, dass ich Feuerwehr spielen kann. Denn meine Stärke sei ja, dass ich nie nein sagen könne. Immer noch seine Aussage, nicht meine. Auf meiner Liste läuft sie unter fettem Bug. Da springt also eigenartigerweise jetzt kein Stolz in mir an – auch die Ehre rührt sich nicht und pennt einfach weiter.

Nach 60 Minuten bin ich dann aufgegleist (nicht wirklich). Jetzt darf ich mir Schulungsunterlagen anschauen (höchst rudimentär) und mir morgen ein Buch in der Firma zu dem Thema abholen. Ich gedenke so was von gar nicht, das in meiner Freizeit zu lesen. Aber: „Des schaffst locka.“ Wie gut, dass „loca“ gleich klingt und auf Spanisch diese völlig andere Bedeutung hat, die hier einwandfrei passt. Es wird also verrückt.

Dafür ruft dann jemand aus einem anderen Center an, in dessen Austauschrunde ich wöchentlich sitze. Es sei ja sooooo toll gewesen, dass ich nicht locker gelassen hätte, als es um die Qualifizierung der Coaches gegangen sei, die ja alle noch nicht einmal in ihrem Leben ein Gesprächstraining mitgemacht hätten. Und das sei ja soooo was von mein Thema! Nebenbei bemerkt, ist der Punkt meiner Hartnäckigkeit der, der ihn für gewöhnlich am meisten triggert und den er immer abzubügeln versucht. Und dann kommen wir auch zum eigentlichen Kern. Er müsse am Donnerstag zu einer Führungsrunde. Da könnte ich doch den Termin leiten, da ich das doch am besten könne.

Warum muss immer dieser Schmu vorher sein? Warum kann ich nicht die Karten auf den Tisch legen? Einfache Fragen: „Wir haben niemanden für die Ausbildung. Kannst Du das übernehmen? Ist nicht trivial, aber Du bekommst eine Schulung.“ So was. Oder: „Ich brauche Deine Hilfe. Da ich Donnerstag zu einer Führungsrunde muss, müsste ich den Austausch absagen, was mein Chef nicht will. Kannst Du übernehmen, denn sonst will es keiner machen?“ Das wäre die Wahrheit, mit der ich einfach besser kann. Ich halte das mit den Studis auch so. Ich sage ihnen, wo ich ihre Kreativität brauche. Und genauso, wenn es sich um scheißlangweilige Arbeit, wie die Erstellung eines Fotoprotokolls, handelt. Andere wollen denen das als herausfordernde Arbeit verkaufen, die sie wirklich fordern wird. Was glaubt Ihr, wie geil die das finden – denn dumm sind die in der Regel nicht. Wenn ich es ihnen erkläre, dass es zwar dazugehöre, trotzdem stumpfsinnig sei, sagen sie normalerweise: „Ist doch klar. So was gehört eben auch dazu.“ Richtig. Ist ja kein Ponyschlecken.

Meine Welt wäre noch schöner, wenn die Leute etwas ehrlicher wären und den Schmu irgendwem anders überlassen würden. Aber… es scheint immer noch in Mode zu sein, was auch die Firmenpolitik im Ganzen widerspiegelt. Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Bei wem klingelt es, wenn er den Satz hört: „Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen.“? Genauso empfinden es die meisten in meiner Arbeit auch…

Paralleles Reden für Fortgeschrittene

Obwohl Montag, stehe ich heute ganz gerne auf. Heute steht nämlich ein Workshop an, der Fensterbauer soll ab 16 Uhr vorbeikommen, und unsere ehemalige, süße Studentin kommt spontan mit der lieben Kollegin zu Besuch. Es wird also voll, aber eben auch voll toll.

Der Workshop…äääh, nun ja, er läuft etwas zäh an. Ich ziehe und zerre an den Hirnen da vor mir, aber es kommt wenig Reaktion. Gut, ok, dann schalte ich eben auf den totalen Rheinisch-Modus. Ich bringe Vergleiche von ihrem Zuhause und spreche von einem als „Ömmes“. Also quasi: „Juut, jetzt kommste heute Abend nach Haus. Und watt machste so als Erstes?“ Er schaut mich ratlos an. Die Frage war ja jetzt nicht so schwer. Also schau ich in die Runde und sage: „Na, die arme Else Zuhause. Die kann es vermutlich nicht erwarten, dass der Ömmes endlich heimkommt und dann wieder ohne Ende labern will.“ Sie lachen – auch der Ömmes. Nur einer hört erstmal nicht mehr auf. Das Problem: Er kannte den Begriff Ömmes nicht. Tja, die Bildungslücke kann ich schließen. Ich berichte ihnen auch von meinen Einparkkünsten. Auf so was stehen die Herren immer (weil es sie sich männlich-kompetent fühlen lässt) – und ich kann mich auch sehr gut zum Affen machen. Auf dem Heimweg läuft mir der Ömmes dann übern Weg und erklärt mir großzügig, dass seine Tochter beim Einparken auch bisweilen Probleme habe. Das sei nicht weiter schlimm. Ich packe tiiiiiief in die alte Witzekiste und frage: „Du weißt aber schon, warum wir Frauen so schlecht einparken können, oder?“ Er schüttelt den Kopf. Dann halte ich Daumen und Zeigefinger in fünf Zentimeter Abstand auseinander: „Na, weil Ihr Kerle uns immer weismachen wollt, dass das 20 Zentimeter wären.“ Er schmeißt sich weg vor Lachen. Ich sehe schon: Hier braucht es echt noch gaaaanz viel Entwicklungshilfe. Zum Glück bin ich ja jetzt da.

Der Workshop verläuft unterm Strich ganz gut, aber heute hab ich mir mein Geld echt hart verdient. Puh! Ganz schön anstrengend. Der Chef kommentiert: „Und jetz stell Dia vor, Du woarst a ganz a Stille! Do tät jo nix kimme! Och woas – no weniga ols nix.“ Jo, und dabei mache ich gerade hier seinen Job. Das sieht er schon ein und versichert mir seine Dankbarkeit. Mal schauen, wo ich mir die aufstellen kann.

Ich hetze wieder zur letzten Sekunde raus und habe keine Zeit. Ursprünglich wollte ich die Studentin in der Firma treffen. Da ich die Arbeitszeit sonst überschreiten würde, haben wir es dann nach außerhalb verschoben. Da mich mein Vermieter dann aber informiert hat, dass der Fensterbauer heute ab 16 Uhr käme, biete ich an, dass wir es entweder verschieben oder sie zu mir kommen könnte. Sie entscheidet sich, zu mir zu kommen. Mein schlechtes Gewissen rät mir, dann meine liebe Kollegin auch besser zu fragen, die auch noch spontan Zeit und Lust dazu hat. Noch mal zur Info: Es war die Rede von einem Kaffee. Finales Treffen gestern am frühen Abend besprochen.

Und dann sitze ich da auf meiner Couch und denke: Och, nur so’n blöder Kaffee ist ja auch nix. Wie sieht das denn aus? Nee, da kann ich ja noch was zaubern. Also bereite ich einen Möhrendip und mediterrane Butter zu. Direkt nach der Arbeit sause ich dann schnell zum Einkauf, denn Baguette backe ich nicht mehr selbst. Mein erster Schwachpunkt: Ich kann mich nicht entscheiden, welches Baguette ich nehmen soll, daher entscheide ich mich für vier unterschiedliche. Ja, richtig, die Personalanzahl liegt nach wie vor bei drei. Ich kaufe noch ein paar Zutaten, aber in der Tat fertige Käsewürfel, Schinkenröllchen mit Frischkäse- und Frischkäse-Feigenfüllung und Oliven. Zuhause angekommen, ist es 15:30 Uhr. Um 16 Uhr kommt der Fensterbauer. Die Mädels dann so ab 16:15 Uhr. Also mache ich von zwei Baconpaketen Datteln im Speckmantel, dazu noch eine Frischkäse-Dattel-Creme, bringe den Müll raus und stelle Teller auf den Tisch. Ich wusel herum und komme noch gar nicht runter, als dann die Studentin schon da ist. Kurz danach trudelt die Kollegin ein. Wer durch Abwesenheit glänzt, ist der Fensterbauer. Vermutlich wurde er vom Türklingler mit den Blumen vollgeheult, weil ich dem ja vorgestern nicht die Tür geöffnet habe. Die Wege des Herrn und so… und unergründlich… und überhaupt.

Die Mädels schaffen es zu zweit, die Datteln mit den zwei Baconpaketen allein zu futtern. Überhaupt freuen sie sich, dass der Fensterbauer vorbeikommen wollte, da sie so zu diesem „Kaffee“ kommen. Und dann schnattern wir auch schon alle durcheinander. Die Eine darüber, dass sie immer sofort alle Wasserflecken wegwischen muss, die andere, dass sie ihren Freund zu selten sieht. Ah, das! Na, sie sieht ihren oft, aber er hat so selten Lust auf Sex. Die andere seufzt auch: Bei ihr ist es manchmal auch nur einmal pro Tag, wenn sie sich sehen. Ich verweise auf mich: Halloooooooo? Single?!?! Naja, ich hätte ja vorgestern die Tür öffnen können. Äääääh…nö.

Und so geht das in einer Tour, parallel, kreuz und quer. Wobei wir dann auch alles voneinander verstehen. Da hat sich zuletzt der Schwiegervater meiner Schwester drüber ausgelassen, dass so was doch nicht funktionieren kann? Doch, kann es. Ich hab ja schließlich auch zwei Ohren, oder? Eben. Also quasseln wir, als gäbe es kein Morgen. Einzig, der Tuppes vom Fensterbau geht noch ab… und zwar den ganzen Abend. Na, alles geht wohl nicht. Aber immerhin: Das war doch schon ’ne ganze Menge.

Nach knapp sechs Stunden (wohlgemerkt, ein Kaffee sollte es werden!!!!), vollgefressen und mit einem Kaffeelikör versüßt, verabschieden sich die Hühner dann doch noch. Zwar laufen sie vor lauter Jeckigkeit bis in den Keller, statt ins Erdgeschoss, doch lassen sie wenigstens dabei noch alle im Haus fahren teilhaben, weil sie so laut gackern. Und ich? Krabbel jetzt ins Bettchen, denn mein Pulver ist für heute verschossen. In diesem Sinne: Pfiat Eich!

Wenn es zweimal klingelt…

Wie endet mein Abend? Richtig, mit einem ausgiebigen Telefonat. Eine Bekannte ruft noch an. Ihre Kiefer-OP ist überstanden, aber die Auswertung dauert noch. Alles konnte nicht entfernt werden. Voraussichtlich ist es ein gutartiger Tumor. Doch auch dieser wuchert und wächst rasant, so dass eine weitere OP nahezu unumgänglich ist. Und trotzdem witzelt sie noch: „Aber immerhin – ein Kilo ist runter.“ Ja, auch das sind wir Frauen. Das ständig leidige Kilo-Thema.

Heute ist die Verbindung deutlich besser, weshalb wir die Schulung dann auch durchziehen. Doch das Thema Sucht fangen wir gar nicht erst an, sondern verschieben es auf Mitte August. Depression ist eben so ein großes Feld, dass man da schon sehr lange und ausführlich drüber reden kann und muss. Nicht so lustig.  Wir kommen dann auch darauf zu sprechen, dass Hausärzte gerne hier aktiv werden. Sinnvoll ist es schon, dass bei schwerer Depression Medikamente verordnet werden, aber begleitend sollte es dann doch auch eine Verhaltenstherapie geben. Ist die Depression nicht schwer, reicht häufig eine Therapie ohne Medikamente auch aus. Aber nein, da wird munter verschrieben. Leider dann auch alte Präparate, weil die damals ganz gut waren. Die neueren, die weniger Nebenwirkungen aufweisen, kennen viele ältere Ärzte leider nicht. Ihr könnt Euch vorstellen, wie prächtig sich so ein Patient entwickelt. Aber hey, Ärzte haben nun mal weit mehr Rechte als Normalsterbliche. Und Ihr oberstes Recht ist immer noch, dass sie immer Recht haben und alles besser wissen. Hinzukommt das Kompetenzgerangel. Bei einem Bruch verweist man an einen Orthopäden, bei einem Herzinfarkt an einen Internisten. Aber bei psychischer Erkrankung? Da kann das der Allgemeinmediziner hübsch selbst. Ich kapier´s nicht.

Ansonsten…jo, wundere ich mich über bestimmte Menschen immer wieder. Es gab einen Kerl, nicht Weltbewegendes, nichts Nachhaltiges, nichts ans-Herz-Gehendes. Wenn sich ein erwachsener Mann von knapp zwei Metern Länge wie ein Giftzwerg aufführt, finde ich das in etwa so sexy wie Fußpilz…oder eine Hämorrhoide. Ich weiß auch nicht, wie deutlich ich ihm noch sagen muss, dass er sich nicht mehr melden soll – und ich habe es deutlich gesagt, mehrfach. Gestern ging dann plötzlich meine Türklingel. Da er vorher versucht hat, mich anzurufen, habe ich mal auf ihn getippt, wobei er noch nie unangekündigt bei mir war und wir uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen haben. Frauen und ihr sechster Sinn. Ich ignoriere also die Türklingel. Auch beim zweiten Mal. Und dann ruft er noch mal an und teilt mir mit, dass er mir Blumen vorbeibringen wollte, weil er mir das doch versprochen hätte, aber ich sei ja leider nicht da. Ääääääääääääh? Darüber haben wir vor zwei Jahren mal gesprochen. Er hat nichts versprochen. Eher gemoppert, dass er sich nicht sagen ließe, was er zu tun hätte. Wenn ich sage, dass ich Blumen mag, ist das kein Befehl für mein Gegenüber. Aber gut. Scheint ein klares Sender-Empfänger-Problem zu sein.

Was geht in so einem Hirn vor? Die meiste Zeit lache ich darüber, aber vielleicht gibt es ja einen Mann unter den Lesern, der mir so ein Verhalten mal erklären kann? Heute hat er dann nur ein paar Mal versucht, mich anzurufen. Meine Türklingel blieb verschont. Und nein, ich muss ihn nicht bei der Polizei melden. Ich fühle mich nicht bedroht. Ehrlich. Aber ich finde es respektlos, sich jedes Mal (ja, ist schon häufiger passiert) über meine Aufforderung, mich in Ruhe zu lassen, hinwegzusetzen. Ich bin sogar soweit gegangen, ihn bei What´s App zu blockieren und ihn für Handyanrufe und SMS zu sperren. So was finde ich eigentlich kindisch. Aber es scheint nicht anders zu gehen. Leider kann ich ihn auf Festnetz nicht blockieren…wobei: Vielleicht ist das auch besser so, denn sonst hätte ich gestern doch auf die Türklingel reagiert.

Wieso kommen manche Menschen erst in Aktion, wenn alles verloren ist? Ist nicht so, dass dieses Phänomen von Euch keiner kennt, oder? Ich kenne da mehrere Geschichten dieser Art. Häufig kenne ich sie über Männer. Das mag daran liegen, dass ich natürlich mit mehr Frauen über solche Themen spreche, also bitte: Nicht angegriffen fühlen, liebe Jungs! Ich fand Blumen immer schon schön, mochte immer schon Kerzen. Mein Ex, der seit 19 Jahren diese Bezeichnung verdient, hat damals immer die Kerzendochte so kurz abgeschnitten, dass ich sie nicht mehr entzünden konnte. Angeblich rußten sie ihm zu sehr. Und Blumen? Nee, so ein Typ sei er nicht. Als ich gehen wollte, war an einem der letzten Abende unsere Wohnung ein regelrechtes Blumen- und Kerzenmeer. Und zu allem Übel, stand auf meinem Silberrahmen mit Edding (!!!AAAAAH!!!!) über unser Paarfoto geschrieben: „Ich liebe Dich“. Damals schoss mir nur durch den Kopf: „Hoffentlich bekomme ich den Dreck wieder ab.“ Das mag herzlos klingen, aber in sieben Jahren Beziehung durfte ich mir immer anhören, dass er das nicht sagen oder schreiben könne. Und dann auf einmal geht es. Aber erst, wenn alles verloren ist. Wenn Mann (oder Frau) in so einer Situation auf einmal etwas tut, worum Frau (oder Mann) ihn so oft gebeten hat, dann ist das leider nicht romantisch, sondern ein Schlag ins Gesicht. Es heißt, dass er (oder sie) sich vorher des Partners zu sicher war und/oder sie/er es ihm/ihr nicht wert war. Vermutlich mag das verdrehte Frauenlogik sein. Aber ehrlich: Ich kenne bislang keine Frau, die das wirklich anders sieht.

Sei es drum: Der Türklingler fällt nicht mal in die Kategorie, mich enttäuschen zu können. Er ist mir wurscht. Trotzdem wünschte ich, dass er mit der Kontaktaufnahme aufhören würde. Was ist so schwer an den Worten: „KEIN INTERESSE“ zu verstehen? Vielleicht muss ich es mal in seinem fränkischen Dialekt versuchen? Oder mich einfach weiter darüber amüsieren und es ignorieren. Verstehen kann ich es in jedem Fall nicht.

In diesem Sinne hoffe ich, dass an Eure Tür nur die richtigen Menschen klingeln, Ihr ein tolles Wochenende hattet und Euch die neue Woche tolle Abenteuer präsentieren.

Bell sei Dank!

Wisst Ihr, was nur Frauen können? Dreieinhalb Stunden telefonieren, ohne sich zu langweilen, ohne dass das Gespräch ins Stocken gerät und ohne zu denken, dass jetzt alles gesagt sei. Klar, mit einem Mann kann man auch länger telefonieren, aber das dient meist nur in der Anfangszeit zum Ich-streng-mich-mal-an-und-zeige-mich-von-meiner-besten-Seite-Modus der Herren. Ich kenne keinen Mann, der aus Überzeugung sagt: „Ach, ich telefoniere saugern!“ Oder: „Gestern habe ich stundenlang mit meinem Kumpel telefoniert.“ Gibt´s nicht. Entweder gemischtes Doppel mit Vorsatz im Hinterkopf oder eben Freundinnen unter sich – ohne irgendeine Absicht, sondern mit purer Freude daran, sich auszutauschen. Ich weiß, das ist der Graus für viele Männer. Als ich früher in einer Hotline gearbeitet habe (NEIN, nicht soooo eine, sondern technischer Support für SonyEricsson Mobiltelefone…und ja, da war die Technik noch so lächerlich gering, dass sogar ich Support leisten konnte…krass…), habe ich entsprechend acht Stunden tagsüber telefoniert. Das hat mich nicht davon abgehalten, auch abends noch drei bis vier Stunden zu telefonieren. Ja, ich habe einfach ein verdammt großes Wörterbuch. Und irgendwie erschöpft sich das nie. Manchmal sogar nicht einmal im Schlaf.

Und so habe ich dann gestern noch fast eine Stunde mit einer Frau telefoniert, die ich bislang nur von Erzählungen kannte. Sie ist Trainerin, und wir haben uns verxingt. Gestern haben wir dann erstmalig telefoniert. Es kann sogar sein, dass ich mich bei ihrem Institut melde, um dort stundenweise zu arbeiten. Denn Training macht mir ja riesigen Spaß. Nur, dass ich mittlerweile immer genauer weiß, was ich will und was nicht. Ich kann Verkaufs- und Produktschulungen. Ich kann prozessoptimierende Workshops und Trainings abhalten. Allein: Ich mag sie nicht sonderlich. Mein Fokus wird mehr auf Führungskräfte-Training im Soft Skills Bereich liegen. Und da hat mir die Trainerin dann Mut gemacht, dass sie genau in diesem Bereich arbeiten und zukünftig auch ausbauen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass dies immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Denn, sind wir mal ehrlich: Wer sagt von seiner heutigen Führungskraft, dass sie wirklich „führen“ kann? Ich kenne da wenige. Wir haben einfach zu viele Manager und zu wenige echte Führungskräfte.

Dem nicht genug, habe ich dann am Abend noch dreieinhalb Stunden mit meiner „Schwester im Geiste“ telefoniert. Wie heißt es so schön: „Wir sind Freundinnen, weil uns keine Mutter der Welt als Schwestern ertragen hätte.“ Ist was dran. Und nach solchen Telefonaten fühle ich mich immer ein wenig leichter ums Herz, habe ein Lächeln im Gesicht und wieder was dazugelernt. Ist das nicht toll? Und nein, wir reden nicht über Nagellack. Wir gehen schon ans Eingemachte. Es tut gut zu wissen, dass ich die besten Freundinnen der Welt habe. Also noch einmal: Ein Hoch auf uns Mädels! Und ja, wir haben Euch Jungs schon auch gerne. Immerhin brauchen wir ja auch irgendwas, worüber wir uns aufregen können, das als Lästerobjekt herhält und gegebenenfalls den Müll rausbringt. 🙂 (ACHTUNG: Ich sehe durchaus auch noch mehr Nutzen bei den Männern, möchte aber nicht zu Höhenflügen anregen…könnte sonst beim Absturz so wehtun.)

So „gestärkt“, schlafe ich angenehm durch. Trotz offenem Fenster bekomme ich nicht wirklich etwas von draußen mit – dabei muss es ganz schön geregnet haben. Manche Keller sind gar vollgelaufen. Nicht wirklich lustig.

Und da sind wir auch schon beim Thema: Nicht lustig ist auch mein heutiges Webinar-Thema. Wir haben heute die Depression als Inhalt. Und diese Dozentin macht das richtig gut. Ich erfahre ganz nebenbei auch, was wohl zukünftig eine Nische sein könnte: Die Gerontopsychologie. Während des Berufslebens hat man viel mehr Angebote, auf Hilfe zurückzugreifen. In der Kinderförderung ist das Bewusstsein auch schon sehr gestiegen. Ich weiß, dass da überall noch Bedarf ist, aber es gibt immerhin bereits einiges. Anders sieht es bei den älteren Menschen aus. Aus dem Berufsleben ausgeschieden, fehlen ihnen nicht nur Aufgaben, sondern auch soziale Kontakte. Die eigenen Kinder wohnen nicht mehr in der Nähe (so, wie ich ja auch), so dass viele Menschen vereinsamen. Ein Wohlstandsproblem in Teilen, keine Frage. Aber es macht viele Menschen psychisch krank. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, folgen körperliche Beschwerden usw. Also ist das ein Feld, auf dem viel zu tun sein wird. Mal schauen, ob das etwas für mich sein könnte? Prinzipiell kann ich es mit älteren Menschen gut. Wir werden also sehen.

Leider ist die Internetverbindung so grottig, dass wir kurzerhand ab Mittag abbrechen müssen. Wenn ein Webinar mal so spannend und anregend ist, ist das schon doof. Die Dozentin ist entsprechend sehr gefrustet, was mir leid tut. Irgendwann werden wir das Ganze also noch mal nachholen müssen. Morgen versuchen wir es erneut, aber dann starten wir bereits mit dem Thema Sucht. Na, das wird ja auch wieder ein positiver Klopper werden, schätze ich. Ob ich gleich zu Beginn mal ein paar Likörflaschen vor mir drapieren soll? Und dann mache ich die Webcam an? Das kann ich mir ja noch überlegen.

Nur: Was mache ich jetzt mit meinem plötzlich frei gewordenen Nachmittag? Richtig, ich telefoniere. Gleich drei Telefonate führe ich – keines davon weniger als 30 Minuten. Ich danke dem lieben Alexander Graham Bell für seine Erfindung. Was wohl damals seine Intention war? Ob er wohl eine Frau hatte, die ihm ein Ohr abgequasselt hat, so dass er dachte, wie er das Problem ohne Blutvergießen lösen könne? Wie könnte er also das Gequassel seiner Frau auf andere umleiten? Jo, hört sich logisch für mich an. Ich hätte gerne mal eine Statistik, wie viel der Durchschnittsbürger in Deutschland telefoniert…und um wieviel länger die Frauentelefonate dauern als die der Männer. Und dazu dann den Vergleich, um wieviel ich das Ganze noch prozentual übertreffe. Jo. Wäre schon mal interessant zu wissen.

Ich habe als Kind und Jugendliche eben schon nur zu gerne telefoniert. Und bei der Telefonrechnung hat es jeden Monat Ärger gegeben. Nur gut, dass ich damals auch wusste, wie häufig und ausführlich meine Mutter vormittags mit einer Tante telefoniert hat. Eine Rufnummernauflistung kam Gottseidank erst nach meinem Auszug. Ich glaube, da hätten meine Mutter und ich auch jedes Mal zum Monatsende gleichermaßen gezittert.

Ach, ich liebe auf jeden Fall das ausführliche Telefonieren. Ich mag es auch sehr, meine Freunde real zu treffen, aber wenn es a) nicht geht, weil wir zu weit auseinanderleben und ich dann b) in Schlabberklamotten ohne BH dabei rumlaufen kann, dann kann ich c) Herrn Bell nur immer und immer wieder danken, dass er so geistesgegenwärtig war, diese Technik zu erfinden. Ein Hoch also nicht nur auf uns Frauen, sondern auf die tollen Männer, die geniale Techniken, wie Telefone, erfinden. Macht ruhig mehr davon! Aber dabei bitte nicht vergessen, den Müll rauszubringen. Danköööööö!

Zahnbürschtl-Beziehung

Gestern Abend schickt mir mein erster richtiger Jugendschwarm ein Foto von sich und seiner ältesten Tochter von Juist. Da weilt er gerade mit seiner Familie und erkennt – laut eigener Aussage – nichts mehr von unserer Klassenfahrt, an der wir mit 14 Jahren teilgenommen haben. Und er fragt mich, ob es damals auch schon so kalt gewesen sei? „Na klar! Deswegen haben wir auch immer so eng beieinander im Strandkorb gehockt. Deswegen UND weil wir Mädels scharf auf Dich waren.“ 😂 Ach, wir waren so jung. War das schön! Dort habe ich mir die erste und einzige Bravo in meinem Leben gekauft. Die Zeitschrift stand bei uns Zuhause vollkommen unter Strafe. Muss man sich mal vorstellen! So was gab es. Schon lustig. Damals nicht so, aber heute schon. Darüber wurde doch die meiste Aufklärung betrieben.

Relativ kurz entschlossen, geht es heute zum Frühstück zu einer Freundin. Es ist schon jetzt recht warm. Puh! Ich hoffe, es dauert nicht zu lang, bis das Gewitter losgeht und ich endlich wieder meinen Besen packen und losfliegen kann. Oooooh, ich kann es echt kaum erwarten!

Es gibt ein großes Hallo, als wir drei Ladies aufeinandertreffen. Es ist was dran an der Aussage: „Mach mehr von dem, was Dich glücklich macht.“ Und das hier macht mich definitiv glücklich. Einfach göttlich, wenn Frauen plaudern – da gibbet nix! Wenn das dann noch mit Dialekt gespickt ist, ist es umso lustiger. Die beiden Schnecken waren gestern schon auf Tour, waren zur Walhalla und am Kloster Weltenburg. Und da rutscht mir ein fetter Fehler von den Lippen: „Ja, wir Bayern haben schon nette Sehenswürdigkeiten – dem verrückten Ludwig sei Dank!“ Anita starrt mich entsetzt an: „WIR Bayern?! Du bist net von doa!“ Nö, aber ich bin ja eingebürgert. Nee, nee, nee, Bayer wird man allenfalls durch Geburtsrecht. Und außerdem könne ich den Rheinländer in mir ja so kein bisschen verstecken – was sie durchaus gut findet. Gnadenlos zeige ich auf die Dritte im Bunde: „Dann ist dieser Schluchtenscheißer aber auch kein Bayer!“ Zustimmendes Nicken. Und die Ergänzung, dass doch jeder stolz sein dürfe, woher er/ sie denn käme. Im Grunde ist es ja wurscht, aber in Teilen stimmt es schon: Ich bestehe auch darauf, Rheinländer zu sein. Wir haben eben et Sönnsche innet Hätz.

Wir plaudern über die Männer, was alle Frauen gerne tun. Aber das tun wir schon anders als Männer. Anita hat nämlich gestern eine Truppe 60-70- Jährige auf dem Schiff gehört. Überhören konnte man sie wohl nicht. Zu laut, zu ungehobelt seien sie gewesen. Das ist ja so eine Faszination, wie bei einem Unfall: Ekelig, aber man muss trotzdem hinschauen. Empört schaut sie uns an: „Jo kennan denn die net über woas and’res red’n als ständig übas Fegeln? In dearna Oida?“ Ich schmeiß mich weg. „Du nennst das fegeln??? Ich kenne ja schon viel: pimpern, knöpern, vergenusswurzeln, schnackseln, vögeln usw., aber fegeln? Köstlich!“ Österreich eilt mir zu Hilfe: „Fegeln is die Übasetzung von Vögeln.“ Göttlich! Und wieder als Saupreiss geoutet. Dabei fand ich „fegeln“ so scheeeee.

Und so schnacken wir eben weiter – eine verheiratet, eine verwitwet und eine Single (ich). Die Verheiratete sagt nur trocken, dass sie ja nicht Single sei, aber sollte sie es noch mal werden, wolle sie keinen festen Partner mehr. „Jo bin i denn deppert? 30 Joar long hob i scho hinta mia, wo i oan Mann und die Kinda bedien, wasch, putz und koch. Na, des bräucht i donn nimma!“ Österreich setzt nach: „Des g’langt mia a. A Zahnbürschtl-Beziehung.“ Ich lach mich wieder kringelig. Was soll das denn sein? Die Aufklärung folgt: „Er konn sei Zahnbürschtl mitbringa un a do loass’n. Oaba er kimmt nua zua B’such und fahrt hernoch hoam.“ Geilo. Ich stelle mir dabei den Mann vor: Die beiden machen einen Ausflug, fahren zurück zu ihr, landen im Bett. Er – völlig entrückt nach dem Nümmerchen – grinst noch debil vor sich hin, während sie ihm die Decke wegzieht und „un jetz schleich di“ zu ihm rüberhaucht. Ein Bild für die Götter! Davon hätte ich gern einen Abzug.

Die beiden haben ja aber auch bereits 30 Jahre Ehe hinter sich und wissen, was sie daran haben/ hatten, aber auch, was sie heute nicht mehr wollen (würden). Pure Frauenpower. Aber so ausgedrückt, hört sich so eine „Zahnbürschtl-Beziehung“ doch viel besser an. Ähnlich Spaß haben die beiden, wenn ich meine plattdeutschen Begriffe raushaue. Bayern bringen vieles ähnlich knackig auf den Punkt wie Holländer – nur dass es bei Letzteren niedlicher klingt. Ein Hoch auf Dialekte und unterschiedliche Sprachen.

So langsam zieht sich der Himmel zu, und der Wind frischt auf. Die Blätter auf den Bäumen rauschen schon verheißungsvoll. Das ist die beste Musik in meinen Ohren – zusammen mit Rock und Metal. Alles eben zu seiner Zeit.

Ich will Pillen – je bunter, desto besser

Oh man, was für ein Tag. Ich schwanke zwischen Betroffenheit und ich-steh-im-Wald. Kennt Ihr das, wenn Ihr nicht wisst, ob Ihr lachen oder weinen sollt? So, genau da befinde ich mich gerade. Aber gut, das scheint derzeit Mode zu sein. Ich befinde mich also in bester Gesellschaft.

Aber von vorne: Ich habe heute den Folgeworkshop mit dem Team von letzter Woche. Es ist um die Hälfte geschrumpft. Nein, nicht mir geschuldet. Der Teamleiter hat sich entschieden, nur einen kleinen Kreis von Auserwählten um sich zu scharen. Dabei ist er selbst nicht mal mit von der Partie. Im Grunde geht das gar nicht und ich müsste den Termin canceln, aber ich bin (leider?) kein Hardliner. Dazu dann der O-Ton der Teilnehmer: „So delegiert eine heutige Führungskraft. Und sind wir mal ehrlich: Ohne ihn haben wir die Chance, überhaupt was zu erreichen.“ Einstimmiges Grinsen und Nicken. Auch nicht schlecht.

Ich schaue in die Runde und stelle die Frage: „Mehr kommen jetzt echt nicht mehr?“ Nö, alle anderen seien eh auf Kurzarbeit Zuhause – außer Yuri. Der ist ganz weg. Bitte was??? Das ist der, dessen Schwester sich mit Brustkrebs in Kroatien rumschlägt. Ich bin perplex: „Ääääh, wieso war er dann letzte Woche überhaupt noch dabei?“ Tja, da habe der Gute es noch nicht einmal gewusst. Was zur Hölle?!?! Am Montag war noch alles ok. Der Dienstag war der letzte Tag seiner Probezeit. Da hat er dann erfahren, dass er am Mittwoch dann nicht mehr zu erscheinen brauche. Ich bin fassungslos… Und denke einmal mehr an das Sprichwort: „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Fleck.“ Es tut mir unendlich leid für ihn, zumal er echt genügend andere Sorgen hat.

Getreu dem Motto von Ruth Cohn „Störungen haben Vorrang“, frage ich die anderen, wie es ihnen damit gehe? Zunächst kommt nur zögerliches Schulterzucken. Ich sage ihnen, dass mich das völlig umhaue und ich es als unverhältnismäßig unfair empfinde, bis zum letzten Tag mit so was zu warten. Sie bestätigen, er sei ein guter Kollege gewesen, aber… und dann kommen wir der Wahrheit nahe: „Es klingt hart, aber besser er als ich. Ist nicht schön, aber so sehe ich es letztendlich. Und keiner von uns ist sicher in diesen Zeiten, oder?“ Puh, ja, ich denke, da ist was dran. Wenn es auch schlimm ist, aber am Ende ist sich jeder selbst der Nächste. Ehrlich, aber doch auch sehr ernüchternd.

Wir schaffen es, den Workshop durchzuziehen, finden auch gute Lösungen, aber irgendwie schmeckt das Ganze schal für mich. Naja, so sieht derzeit der Alltag aus, nur muss er mir ja deswegen noch lange nicht gefallen. Ich muss mit meinem Chef was klären, was die Ausbildung im Hause betrifft, die ich für unsere Abteilung federführend übernehmen soll. Und da kommen wir dann auch auf das leidige Thema zu reden, da der Vorstand ja klar von 15 % Stellenabbau gesprochen hat. Jooooo, aber soooo schwarz müsse man da nicht sehen. Ääääh, hallo?! Einige Führungskräfte gehen durchaus von noch größerem Abbau aus, aber mein Chef ist gechillt – wobei er schon darauf hinweist, dass die 15 % Abbau auf jedes Team runtergebrochen werden müssen. Das kommentiere ich damit, dass er ja bereits 60 sei, ein anderer Kollege sogar 62, womit wir unsere Quote (durch Vorruhestandsregelung) ja erfüllt hätten. „Naaaa, des konnst so net seng. Des muss koana anneam.“ Und ich bin sicher, beide werden auch widersprechen und unbedingt weiterarbeiten wollen – ohne es effektiv wirklich zu tun.

Aber es soll schließlich niemand gezwungen werden zu gehen. Hä? Vielleicht bin ich ja allein damit, hier keine Logik zu erkennen? Ich erkenne sie jedenfalls nicht. Ich muss Stellen abbauen, aber ich setze ausschließlich auf Freiwilligkeit und will/muss mindestens 15 % damit erreichen? Und er ist sicher, das funktioniert? Ich will was von seinen Drogen abhaben. Und zwar ganz viele. Je bunter sie sind, desto mehr Bock habe ich auf sie, glaube ich. Einen Versuch wäre es in jedem Fall wert.

Der Kracher: Ich versuche, ihm den Ernst der Lage zu erklären und ziehe dafür das Beispiel von Yuri heran. Aber dann erfahre ich, dass dies so nicht sein könne. Ihm sei nicht wegen des Personalabbaus gekündigt worden. Das müsse andere Gründe gehabt haben. Ich kläre ihn auf: „Doch. Sie waren zufrieden mit seiner Arbeit. Aber sie müssen abbauen. Und bei der Probezeit bewegen sie sich in arbeitsrechtlich sicherem Raum.“ „Na, des konn net sei.“ Ist logisch, oder? Er kennt den Kerl nicht, weiß nichts von diesem Vorgang, kann es aber besser bewerten als alle anderen, die daran beteiligt sind. Da pack‘ ich mir einmal mehr an den Kopf und frage mich, ob er sich doch einer Lobotomie unterzogen hat?

Ich denke an Yuri, den ich nicht gut kannte und frage mich, wie es ihm wohl gerade geht? Wird er in Deutschland bleiben? So viele Firmen, die gerade Personal reduzieren – da wird es kein Leichtes sein, auf die Schnelle etwas Neues zu finden. Die Wenigsten von uns können wohl derzeit abschätzen, wie weit die Folgen dieser Krise noch reichen werden. Hoffen wir, dass die Verrückten, die gerade mal wieder über Maskenpflicht oder besser -abschaffung diskutieren wollen, weniger werden, ein besseres Bewusstsein für die Allgemeinheit entsteht und wir weiterhin mit einem blauen Auge davonkommen.