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man riecht sich

Mannomann, die Nacht war ein kleines Desaster. Ich konnte nicht pennen und habe mich nur hin- und hergewälzt. Das Schlimme: Ich muss dann permanent zur Uhr schielen, ob ich noch ausreichend Schlaf bekomme. Das löst dann noch mehr Unwohlsein aus. Völlig bekloppt. Aber tu´ mal was dagegen! Als dann der Wecker geht, gehe ich im Geiste meine Termine durch, weil ich spontan überlege, doch von Zuhause aus zu arbeiten. Aber nicht alles ist per Skype regelbar, weshalb ich mich doch fürs Büro herrichte. Und das ist auch die richtige Entscheidung, wie sich später herausstellt…

Aber zunächst erfreue ich mich an meiner hektischen Müsli-Kollegin. Sie besteht darauf, selbst im 20qm großen Büro nur alleine zu sitzen. So sozialphob sie ist, dürfte Corona ihre beste Freundin sein. Es hält ihr die Leute per Regel auf Abstand. Da sollte man meinen, es würde dieses kranke Stück erfreuen, was sich in ihrer Laune widerspiegelt. Aber Matsch am Paddel. Sie ist nach wie vor dauergestresst und -zickig. Da machste nix. Heute will sie dann aber nahbarer sein, was mir so völlig scheißegal ist. Ehrlich? Sie hat ihre mistige Laune nun x-fach über Monate an mir ausgelassen. Da lasse ich sie im Gegenzug auch einfach an mir abperlen. Das scheint ihr allerdings auch nicht zu schmecken. Naja, belasse ich einfach ihr Problem dort, wo es auch herkommt: bei ihr. Jo, da gefällt es mir am besten.

Der Informationsfluss ist bei uns herrlich….ääääh…für den Pöppes. Im Jour Fixe über beide Teams gibt es Infos, die nur dort zu einem gelangen. Ist man nicht anwesend, werden wichtige Informationen nicht gar von den Chefs an seine eigenen Leute weiterkommuniziert. Nein, wo kämen wir denn da hin? Dann müssten die ja am Ende des Tages noch das Denken anfangen! Also wirklich, das geht doch nicht! Wie könnte mein Chef dann noch die Zeit finden, an regelmäßigen Weißwurschtessen teilzunehmen? Und nein, das war keine einmalige Sache. Diese Treffen hat er regelmäßig in seinem Kalender stehen. Ist doch auch wichtig. Man, man, man, wo ist eigentlich die viel gerühmte „Führung“ als Wert zu erkennen? Ich entdecke sie nirgendwo.
Auch so ein Kracher: Mein Hinweis auf die Fortbildung, die man uns im nächsten Jahr angedeihen lassen wollte, die ja nun vorgezogen werden muss, damit wir sie überhaupt bekommen. Alles ist recherchiert, die Fakten sind bekannt. Aber nein, die Herren schreiben sich das als Agendapunkt für die Klausurtagung nächste Woche auf ihre Liste. Ääääh, dann ist die Frist mit 10 % Nachlass abgelaufen?! Jepp, ist zur Kenntnis genommen und wird – O-Ton – in Kauf genommen. Hammer, oder? Klar, da sitzen ja auch drei Köppe, die ihren kompletten Bonus ausbezahlt bekommen. Im Gegensatz zu uns, die eben gar nichts bekommen. Liegt auf der Hand, warum ich in der Lage bin, unternehmerischer zu denken und die nicht, oder? Ich fass´ mir so oft ans Hirn, dass ich überrascht bin, nicht schon Dellen dort zu haben.
Aber die andere Info, die ich schon gerne gehabt hätte, ist die Grippeschutzimpfung. Wurde wohl letzten Donnerstag angesprochen, wo ich – wie ich schriftlich im Vorfeld angekündigt hatte – einen Kundentermin hatte. Letzte Möglichkeit, sich impfen zu lassen, ist heute. Per Zufall stolpere ich darüber. Da wächst mir ja echt ein Horn. Und nein, ich bin nicht impfgeil. Nur gerade möchte ich mich für den Winter rüsten, damit ich keine Co-Infektion (Influenza UND Corona) gleichzeitig riskiere. Ich überlege wirklich, ob ich dies machen soll und entscheide mich letztlich dafür. Das ist dann auch der Moment, in dem ich denke: Wie gut, dass ich doch zur Arbeit gefahren bin.
Mich „bedient“ oder eher „behandelt“ einer der Werksärzte. Typisch für mich: Ich beantworte an den Stehtischen vor dem Eingang zwar alle Fragen des Formulars, aber übersehe den kompletten Kopfteil. Da stehen nur so unwichtige Daten, wie mein Name, meine Personalnummer, Geburtsdatum und Krankenkasse. Das ist echt, wie mit dem Schild letztens auf Augenhöhe, dass die Tür defekt ist. So was sehe ich nicht. Krank. Dann darf ich zum Werksarzt in den mit Stellwänden abgetrennten Bereich. Wir einigen uns sofort darauf, dass er in den linken Oberarm sticht, woraufhin ich sage: „Aber ich kann nicht hingucken!“ Darauf erwidert er lässig: „Dann guck´ ich auch nicht.“ Äääääääh… Nee, nee, mein Freundchen! Er lässt sich dann aber drauf ein und schaut doch hin. Der Piekser ist quasi nix, was ich mit einem: „Das war´s schon?! Dann war es ja echt die Aufregung nicht wert.“ quittiere. Darauf grinst er lässig (was ich an den Augen ablesen kann) und sagt: „Jaja, umsonst so angestellt, hm?“ Ob ich den wohl mal hauen soll?! Ich unterdrücke den Impuls. Er ergänzt noch: „Dann bis nächstes Jahr?“ Ich wiederum: „Nö, wenn was gegen Corona kommt, dann nicht. Habe mich bislang ja nie grippeschutzimpfen lassen.“ Und dann klärt mich der Gute hier auf. Nein, keine Bienchen und Blümchen. Aber er sagt mir unverblümt: „Wenn wir mal ehrlich sein sollen, ist diese Impfung hier eh nur eine Art Teilkaskoversicherung und schützt Sie eventuell zu 60 %.“ Aaaaaah ja. Er gibt auch unumwunden zu, dass er glaubt, eine Impfung gegen Corona wird ähnlich aussehen, also auch eher einer Teilkaskoversicherung entsprechen, die man dann jährlich wiederholen lassen dürfe. Außerdem würde er die erste Million Impfungen abwarten bzw. deren Ergebnisse/Reaktionen. „Wissen Sie, ich bin Akademiker und glaube nur an Zahlen.“ Es juckt mich zu entgegnen: „Wissen Sie, ich bin auch Akademiker, aber ich glaube an den Menschen.“ Doch im Grunde schätze ich seine Ehrlichkeit, weshalb ich meinen Kommentar runterschlucke. Im Laufe des Gesprächs sagt er: „Sie sind ein Impf-Skeptiker. Damit kann ich gut leben. Mit Impf-Gegnern braucht man nicht zu streiten. Das bringt nichts. Bei allem, was Sie tun, sollten Sie immer persönlich abwägen. Aber Sie befinden sich hier im Süden ja in bester Gesellschaft. Hier sind viele Impf-Kritiker.“ Ich kläre ihn auf, aus dem Kreis Heinsberg zu stammen. „Ach so! Dann muss ich ja gar keine Überzeugungsarbeit leisten!“ Irgendwie kam er mir impf-kritischer vor, als ich es war. Aber gut. Besonders süß fand ich, als er meinte: „Naja, wenn man – wie Sie – mit 30 Jahren schon anfängt, sich impfen zu lassen, dann haben Sie ja auch noch gute 60 Grippeschutzimpfungen vor sich. Die machen schon in der Summe auch was mit einem.“ 30! Ha! Jetzt will ich ihn lieber knutschen als hauen. Nur, wenn man Risikopatient sei, mache so was normalerweise Sinn. „Also Grippeschutzimpfungen empfehle ich erst ab 60, mit Vorerkrankungen, wie Diabetes, Vorschädigung der Lunge durch Rauchen und so auch früher.“ Ich warte ab, ob er sagt: „Na, und bei Ihrem Gewicht, sollten Sie schon auch so was machen.“ Aber das sagt er nicht. Er sagt hingegen: „Sie fallen nicht unter diese Kriterien. Dann ist das in diesem Jahr durchaus sinnvoll – zumal als Trainerin, wo sie ja viele Leute treffen. Aber dann erst wieder ab 60.“ Jo, mache ich doch glatt, oder?

Was mich dann wiederum nervt, ist meine Reisekostenabrechnung. Unsere Assistentin ist dafür zuständig, aber sie ist…äääh…langsam…wenig motiviert…und ich glaube, auch nicht die hellste Kerze am Christbaum. Es stehen nur vier Abrechnungen aus, die mittlerweile eine Summe von ca. 1.000 € erreicht haben. Macht ja nix, ich bin ja außertariflich, daher kann ich Geld ja sch***. Ach nee, ich gehöre ja zur anderen Gruppe, ich Depp! Heute bekomme ich die erste Abrechnung zugemailt. Hat auch nur exakt zwei Monate gedauert, bis das was wurde. Zur Info: Derzeit reist kein anderer, also ist sie da auch nicht belastet. Ich frage per Telefon nach meinen anderen Abrechnungen, ob ich die denn nun mal langsam unterschreiben dürfe? „Nee, das dauert noch. Eine habe ich dann so weit fertig. Aber ich habe auch schon angeregt, dass ich Euch zeige, wie das geht, damit Ihr das zukünftig dann selbst machen könnt. Das ist soooo viel Aufwand, weißt Du?!“ Ich zähle bis zehn, weil ich mich frage, was sie sonst so sehr beschäftigt hält?! Man, man, man. Ich sehe es positiv: Wenn ich mich zukünftig selbst drum kümmer´, werde ich auch keine zwei Monate auf mein Geld warten müssen. So einfach.

Und dann erreicht mich die Mail eines Instituts, das ich gestern angemailt habe. Sie wollen eine Dozentenauskunft meinerseits haben. Puh. Ich fülle sie brav aus und überlege bei der Pauschale meines Tagessatzes. Hier haben wir ja wieder den Klassiker: Männer geben ohne zu zögern einen hohen Preis an, während Frauen eher tiefstapeln. Und dann denke ich nach: Was kann ich? Bin ich Anfänger? Nö. Was passiert, wenn ich mal klar sage, was ich wert bin? Im schlimmsten Fall käme die Antwort: „Sie sind uns zu teuer.“ In einem anderen Fall würden sie zur Verhandlung einladen. Im besten Fall sagen sie: „Jo, das sind Sie auch wert.“ Ich habe nachgeschaut: Die Teilnehmer zahlen pro Veranstaltung das, was ich aufrufe. Und die Schulungen sind keine Einzelbespaßung, sondern Gruppenveranstaltungen. Es sollte also ok sein. Todesmutig verharre ich kurz über der Taste „Versenden“, drücke sie dann aber fest. Und dann muss ich kichern, als hätte ich gerade etwas Unerhörtes angestellt. Na, und wenn schon.

Mein kleiner Neffe ist dann aber heute mein Highlight. Er hat sich zum Geburtstag (Anfang November, aber er kennt sein ungeduldiges Tantchen) Fußballschuhe gewünscht. Diese sind in einem Paketshop abgegeben worden. Als wir kurz deswegen telefonieren, sage ich noch: „Ach, in gut zwei Monaten fahre ich ja auch schon zu Euch.“, woraufhin er entgegnet: „Ist ja nicht mehr so lang. Nur noch ein Mal Duschen bis Weihnachten.“ Bäääääääääh! Das tut er natürlich nicht, aber die Vorstellung ist schon ekelig. Daher schmettert er mir zum Abschied ein: „Man riecht sich!“ in den Hörer. Ach, er bringt mich immer wieder zum Lachen. Solche Menschen hätte ich gerne mehr um mich herum.

Schubladendenken mit Süßkram

Das Abhängen gestern war wohl nötig – auch wenn mich mein schlechtes Gewissen dann immer plagt. Im Gegensatz zum Rumlungern, stehe ich heute beschwingt auf, stelle eine Waschmaschine an und frühstücke kurz. Als Nächstes nehme ich das Badezimmer in Angriff und reinige es wieder einmal gründlich. Das Bett liegt abgezogen da…aaaah, es wird ein erfolgreicher Tag. Nächstes Wochenende bin ich nämlich wieder in meiner Ausbildung. Da komme ich zu wirklich gar nichts. Und die Inhalte wirken doch auch immer sehr nach, was mich selten dazu veranlasst, mich im Haushalt auszutoben.
Dabei fällt mir ein: Ich muss noch Mitschriften abtippen. Puh! Und, das ist mir sehr wichtig, ich will heute zumindest zwei Initiativbewerbungen raushauen. Ich lasse das Anschreiben in der Tat so, wie ich es ursprünglich im Schnellschuss konzipiert habe.
Irgendwie meine ich ja immer, es muss dauern und sich zäh ziehen, damit es was werden soll. Da irritiert es mich, wenn mir was so schnell von der Hand geht – wenn ich dann endlich mal starte. Es gibt Menschen, die bringen damit Tage zu. Ich habe hingegen wenig investiert. Naja, daher versende ich das neue Konstrukt auch einfach nur an zwei Institute. Wir werden sehen, was dabei rauskommen wird. Und schwups, sind sie auch schon weg.

Manchmal frage ich mich schon, wie ich zu diesen Glaubenssätzen komme: Es muss alles hart verdient sein im Leben. Man kriegt ja nichts geschenkt. Warum eigentlich nicht? Irgendwie meine ich immer, dass alles, was mir quasi in den Schoß fällt, nicht wirklich was wert ist. Es muss mich Schweiß und Tränen gekostet haben, damit ich stolz darauf sein kann. Völliger Blödsinn, das weiß ich – rational betrachtet zumindest. Aber überzeugt bin ich im Innen noch lange nicht davon. Ich bewundere andere Menschen manchmal um ihre Leichtigkeit… Es gibt ja die Leute, denen alles zuzufallen scheint und die alles mit Leichtigkeit meistern. Dahinter steckt ganz oft auch harte Arbeit, damit es leicht aussieht, aber das kann man von außen nicht wirklich erkennen. Letztens habe ich eine Reportage über Sammy Davis jr. gesehen. Er verkörpert für mich total die Leichtigkeit. Ich freue mich jedes Mal wie Bolle, wenn ich Mr. Bojangles von ihm höre. In der Reportage erfahre ich dann, wie hart sein Leben war, wie sehr er oft als Mensch zweiter Klasse behandelt worden ist und staune einmal mehr darüber, wie er sein Singen und Tanzen so leicht hat aussehen lassen können. Vor so was habe ich höchste Achtung. Wer weiß? Vielleicht stimmt es ja doch: Ohne Fleiß, keinen Preis. Trotzdem, schätze ich, darf ich mich auch über die Dinge freuen, die mir leicht von der Hand gehen. Ach ja, ich darf noch sooooo viel lernen.

Das Bad erstrahlt wieder in neuem Glanz – sofern das denn überhaupt geht. Ich versteh es ja nicht, wie viele Mietwohnungen mit innenliegenden Bädern bestückt sind. Ich würde gerne mal eine Statistik erheben, wie viele Vermieter in ihrer eigenen Butze innenliegende Bäder ohne Fenster besitzen. Nicht viele, da bin ich mir echt sicher. Ich weiß, es gibt wirklich Wichtigeres im Leben, aber es fällt nun einmal auf.
Mittlerweile habe ich alle Aufgaben erledigt. Die Unterlagen sind frisch abgetippt, zwischendurch habe ich noch gekocht, vorher die Bewerbungen rausgehauen usw. Einzig das Bett will noch bezogen werden. Aber dann habe ich wirklich alles erledigt. In der nächsten Zeit werden auch meine Fenster noch mal meiner Aufmerksamkeit, einiges Wassers und des Abziehers bedürfen, aber das wollte ich dann heute nicht auch noch machen. Obwohl es schon interessant ist, wie viel ich erledigen kann, wenn mein Plan voller ist. Ich bin definitiv der Mensch, der unter Druck Höchstleistung zu bringen vermag. Andere lähmt es ja eher, aber mich beflügelt es. Andererseits ist das auf Dauer bestimmt nicht der Brüller. Huch, ich habe noch was vergessen: Bügeln muss ich wohl auch noch! Wo sind die Heinzelmännchen, wenn man sie mal braucht?!

Morgen bin ich bei unserem Meeting nicht dabei, weil ich coache. Es wird also ein netter Tag. Diese Woche arbeite ich zwei Tage von daheim aus, was keine Begeisterungsstürme in mir entfesselt. Nebenbei warte ich darauf, dass die Stunden noch weiter runtergefahren werden. Es liegt was in der Luft. Blöd nur, wenn man sein Jahr schon mit Terminen durchplant, um alles unter einen Hut zu bekommen und im Hintergrund mitbekommt, dass aller Voraussicht nach ein ganzer weiterer Tag gestrichen werden soll. Derweil warte ich händeringend auf die Mail des Sozialarbeiters, damit ich endlich loslegen kann. Seine Freude in allen Ehren, soll er mal zu Potte kommen! Unterbeschäftigung ist wirklich nichts Potisives für mich. Und ja, ich sehe schon, wie manch einer gerade die Augen verdreht. Es braucht durchaus auch Langeweile, um kreativ werden zu können. Aber ich kann mich nun mal nicht in Bildern ausdrücken oder filzen. Da fällt mir ein: Gefilzt habe ich wirklich mal, damals, als ich noch Arbeitsanleiterin in einem Wiedereingleiderungsbereich war. Ich habe es….äääääh…wahrlich nicht lange durchgehalten. So was ist so gar nichts für mich. Und noch heute kriege ich Albträume, wenn ich diese Müslifrauen mit gefilzten Blumen auf ihren Taschen sehe. So not my thing! Und ja, das ist böses Schubladendenken. Ich weiß das und gestatte es mir. Wie war noch der Satz, den ich heute gelesen habe? „Wenn Du mich schon in eine Schublade steckst, dann bitte in die mit dem Süßkram.“ Jo, genau da will ich hin. Und nach meinem arbeitsreichen Tag (haha), habe ich mir das auch verdient. Jawoll!

Unattraktive Großstädte

Wie soll ich starten? Ich bin genervt. Aber so richtig!!! Ehrlich, ich kann die Bahn einfach nicht verstehen. Es gibt extra eine App für den MVV. Die habe ich auch brav auf meinem Handy installiert. Und so schaue ich gestern Abend nach, wobei mir angezeigt wird, alle S-Bahnen seien pünktlich. Fein. Ich buche also meine Fahrten und stapfe rüber. An der S-Bahn Haltestelle angekommen, vernehme ich dann die Durchsage, die S-Bahn falle aus. „Wir bitten um Entschuldigung.“ Keine Erklärung, keine weitere Info, keine Alternativen. Einfach schnöde eine Ansage, dass da was ausfällt. In solchen Momenten möchte ich der Bahn auf den Vorstandstisch sch***. Grummelig denke ich, wie gut es wieder einmal war, mit ausreichend Puffer losgegangen zu sein. Die nächste Bahn kann mich zwar nicht mehr ganz so pünktlich transportieren, aber immerhin käme ich noch im akademischen Viertel zur Verabredung. Und dann höre ich die nächste Durchsage nach weiteren zehn Minuten, dass die S-Bahn in die andere Richtung auch ersatzlos gestrichen sei. Auch hier bittet man um Entschuldigung. Da stutze ich dann. Als ein junger Studi am Bahnsteig ankommt und ein Ticket lösen will, mache ich ihn auf den Ausfall aufmerksam. Er schaut nach, und sagt, die Bahn komme nach Plan. Jepp…hat meine App auch gesagt. Dann schaut er bei der DB-App nach. Und da steht´s dann doch: Die Bahn fällt aus. Ich frage mich echt, wie kundenorientiert die Bahn doch ist…und dass sie sich das immer noch leisten kann?! Dann frage ich den Kleinen, ob er nachschauen könne, ob dann die nächste Bahn von mir auch ausfalle? Tut er. Und was sagt die DB-App? Jepp, die fällt auch aus. Meine Halsschlagader pocht. Können die Arschgeigen dann nicht durchsagen, dass es ein Problem XY gibt und die nächsten Züge nicht fahren werden? Muss man als Kunde der verkackten Deutschen Bahn einfach demütig am Bahnsteig ausharren? Ich habe noch ihre Werbung von vor ein paar Jahren im Ohr: „Mit den Besten ist man am strengsten.“ Vollpfosten!
Ich bin also so weit, alles zu canceln. Meine Laune liegt unter dem Gefrierpunkt. Da will ich einmal abends nach München reinfahren, und dann das. Ich sage per What´s App ab. Und sofort schreiben beide Ladies, sie würden mich mit dem Auto abholen, was ziemlich sinnfrei ist. Mit dem Auto könnte ich auch fahren, nur muss ich nach Schwabing, wo eh schon eine angespannte Parkplatzsituation herrscht – und zu allem Überfluss wird dort gerade noch an einer großen Baustelle gearbeitet, was noch weniger Parkplätze bedeutet. Und das an einem Freitagabend. Passt doch hervorragend. Ich blocke ab, woraufhin ich Worte geschrieben bekomme, wie „Sturkopf“ oder „Dickschädel“. Als sei das was Neues! Ich habe echt keinen Nerv mehr. Um des lieben Friedens Willen gebe ich irgendwann nach – wobei ich wirklich absolut gar keine Lust habe.
Und so werde ich dann eingesammelt. Wir fahren zur U-Bahn Station, von wo aus wir dann zur Münchner Freiheit düsen. Alles verzögert sich, und ich denke noch an die Mitteilung, die Thomas Gottschalk immer bei „Wetten dass“ mit sich brachte: „Die nachfolgenden Sendungen verzögern sich um wenige Minuten…“ Nur – ähnlich wie damals bei Gottschalk – sind es dann nicht nur wenige Minuten, sondern insgesamt ca. eine Stunde. Ich reiße mich auch zusammen, ein freundliches Gesicht zu zeigen und beruhige mich allmählich wieder. Der Herr des Hauses hat ein Pilzrisotto gekocht, was wirklich richtig gut schmeckt – wenn auch erst noch eine Stunde später kredenzt wird. Wir reden also mittlerweile von 21:30 Uhr. Beim perfekten Dinner gäbe das Abzüge in der Bewertung.
Irgendwann erinnern wir uns dann allerdings unseres eigentlichen Zwecks: Wir wollten gemeinsam etwas spielen. Und so spielen wir dann Anno Domini in der Frauen Edition. Ich bin geschichtlich nun nicht sehr bewandert, aber hier werden so viele bekloppte Dinge aufgeführt, dass einem Geschichtswissen nicht wirklich viel nutzt. Spätestens, als eine der Damen die Karte vorliest: „Vicky Leandros singt `Theo, wir fahr´n nach Lodz“ und nur mit den Schultern zuckt und ergänzt: „Ich kenne das Lied nicht, geschweige denn diese Vicky!“, merke ich wieder einmal, wie alt ich bin. Die vier am Tisch sind alle im Schnitt zehn Jahre jünger. Also lasse ich es mir nicht nehmen, meine Karte mit dem Vermerk zu legen: „Aaaah, da erinner´ ich mich noch genau dran, als das damals im Fernsehen kam.“ Ist natürlich völliger Blödsinn, wirkt aber kompetent, weshalb bei mir selten jemand etwas anzweifelt. Das macht Spaß. Noch viel mehr Spaß macht allerdings die Reaktion des italienischen Freundes meiner Kollegin. Immer, wenn sie etwas bei ihm anzweifelt, fängt er an, auf italienisch zu fluchen, was sich einfach zu süß anhört. Ich glaube, er könnte eine Bedienungsanleitung von einer Klodeckelmontage vorlesen – wir würden immer noch dahinschmelzen. Aber auch er hält die Vorurteile hübsch hoch und schimpft sie aus: „Typischä Deutschä…imma spieläään Policia!“ Einfach köstlich. Dazu lerne ich dann einen mir völlig fremden Begriff: „Sechserbremse“. Was das ist? Die schlechteste Schulnote ist bei uns ja bekanntlicherweise die sechs. Nun gab es in den Klausuren meist eine Frage, die so kicki war, dass sie wirklich jeder Depp hätte beantworten können. Und diese Frage nennen sie die „Sechserbremse“. Auf das Spiel bezogen heißt das, es gibt manche Karten, da weiß man eindeutig, wann dieses Ereignis stattgefunden haben muss. Komisch, ich habe früher nie solche Arbeiten gehabt, in denen eine Sechserbremse eingebaut wurde. Immerhin habe ich in meiner Laufbahn schon zwei Mal eine sechs zurückbekommen. Ich konnte das immer wieder ausbügeln, aber die Note „ungenügend“ hat eben unter der Klausur geprangt – sehr zum Leidwesen meiner Mom. Tja, man kann nicht alles haben…
Bevor das Spiel wirklich beendet werden kann, müssen wir aber auch schon wieder aufbrechen. Die Bahnen fahren ja nicht die ganze Nacht hindurch. Und bis morgen früh um vier Uhr will dann keiner hierbleiben. Wir packen zusammen und trotten zu dritt Richtung U-Bahn-Station – wo sich unsere Wege dann trennen werden. Unterwegs bin ich echt überrascht, wie viel doch noch los ist. In einer Shishabar sitzt alles dicht an dicht. Nee, so wirklich verstanden haben das viele noch nicht, wie man Abstand hält. Aber gut, ich gehe im Stechschritt dran vorbei. Ist ja nicht mein Zirkus.
Die U-Bahn fährt nun leider nicht den Marienplatz an (was sie normalerweise täte), denn es gibt wohl wieder Bauarbeiten oder sonst was. Macht völligen Sinn, so freitagnachts. Es ist zum Mäusemelken. Ich muss also zunächst die erste U-Bahn nehmen und zwei Stationen fahren. Dann muss ich in eine andere U-Bahn steigen, um zum Hauptbahnhof zu gelangen. Alles umständlich. Und darin sitzen – wie könnte es anders sein? – auch ein paar Vollidioten, die stramm wie ´ne Haubitze sind. Aus solchen Gründen trinke ich mal so gar nichts außerhalb, weil ich alle meine Sinne benötige, um diesen Schwachmaten auszuweichen. Masken werden auch – vermutlich aus modischen Zwecken – nur bis unter die Nase gezogen. Dann könnten sie sie auch ganz weglassen. Aber wer will schon einen vollgesoffenen Typen, der rumgrölt und pöbelt, auf so einen Fauxpas aufmerksam machen? Eben, ich hänge auch an meinem Leben. Und auch, wenn ich nicht mehr so jung bin und Falten werfe, möchte ich kein neues Gesicht aufgrund von Trümmerbrüchen in selbigem. Man merkt allen drumherum an, wie unwohl sie sich fühlen. Und niemand sagt was, aus Angst, direkt eine aufs Maul zu bekommen. Ich frage mich, wo wir gelandet sind, wenn es schon so weit gekommen ist? Die Innenstädte von Großstädten werden immer unattraktiver. Nicht nur, weil die Bahnen sehr schlecht fahren. Nein, vor allem das Gewaltpotential, das sich hier regelmäßig entlädt, vergellt es mir völlig, abends noch in die Stadt fahren zu wollen. Und nein, das liegt nicht daran, dass ich alt geworden bin. Das Unwohlsein erkenne ich bei Jung und Alt – quer durch die Bank.
Am Hauptbahnhof angelangt, bringe ich möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen mich und die Stockbesoffenen. Ich pese quer durch den Hauptbahnhof, um zur S-Bahn zu gelangen. Entspannt lese ich, dass ich noch zwöf Minuten Zeit habe. Da ich zwar keinen Alkohol, aber dafür reichlich Wasser getrunken habe, will selbiges dann doch mal raus. Ich steuere die Sanitäranlagen an, die ja nur einen Euro (was ein Schnapper) kosten. Aber hey, da hängt ein Schild: „Wegen Corona geänderte Öffnungszeiten von 5 bis 22 Uhr.“ Was hat das mit Corona zu tun? Am Münchner Hauptbahnhof! Ich versteh´ es einfach nicht. Vielleicht hilft mir jemand, meine selten dämliche Wissenslücke zu schließen? Was soll man denn tun? Einfach Hose runter und auf den Boden pinkeln? Ehrlich, das erschließt sich mir mal wieder nicht. Aber gut, dann kneife ich mal zusammen, was zusammenzukneifen ist und denke nicht an Flüsse, das Meer und sein Rauschen oder Wasserhähne.
Es ist mittlerweile bereits halb zwei, und ich kann nicht bis zur letzten Station fahren, sondern muss eher aussteigen. Busse fahren ohnehin nicht mehr. Man zahlt in den Außenbereichen mehr Miete, weil es eine S-Bahn-Anbindung gibt, die regelmäßig ausfällt und in der Nacht mehr als bescheiden ist. Ich liebe es! Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein Taxi zu nehmen. Der Fußweg führt an den Gleisen entlang, die tagsüber schon nicht so anheimelnd sind. Nachts ist mir mein Leben aber auch noch was wert. Der Taxifahrer freut sich, was ich sehen kann, weil er – im Gegensatz zu mir – keine Maske trägt.
Der ganze Spaß kostet mich also nicht nur einiges, sondern bringt mich in gleich mehrere Situationen, in denen ich mich nicht wohl gefühlt habe. Und ich bin weder geizig, noch überängstlich. So macht das echt keinen Spaß mehr.
Mein Fazit: Ich mag Spieleabende. Aber ich mag nicht mehr mit S- oder U-Bahnen fahren. Die Bahn ist einfach ein schlecht organisiertes Unternehmen, das auch noch viel Geld kostet. Und nein, ich meine nicht die armen Schaffener und Kontrolleure. Ich meine das Gesocks, das in den Vorstandsetagen sitzt, sich Bonis zuschustert und „mimimimi“ macht, wenn es kritisiert wird. Den Samstag verbringe ich enstprechend meines Alters nach so einer langen Nacht im völligen Gammelmodus. Ich vermute, ich ziehe irgendwann doch noch aufs Land…wer hätte das gedacht?

Sterne hin oder her

Heute krieche ich wenig begeistert aus dem Bett. Die Aussicht auf den Kackophanten ist nicht gerade eine berauschende. Er schafft es natürlich auch nicht, sich rechtzeitig einzuwählen. Ich bin alles andere als eine Technik-Queen – wie manche von Euch wissen. Aber ich weiß nicht, ob er den gemeinen Computer nicht auch heimlich ausräuchert – um böse Geister zu vertreiben, die in diesem Kasten mit den Tasten allem Anschein nach wohnen. Heute referiert er allerdings über Astrologie. Er hat wirklich viel Wissen – es ist häufig alles andere als auf neuestem Stand, aber er hat eine Menge davon. Dann erzählt er sich einen, lacht über angebliche Scherze, die kein anderer versteht, was mir immer den Spruch aufdrängt: „Der hat sich ´nen Witz erzählt, den er noch nicht kannte.“ Hat der Vater von meinem Ex immer gesagt. Der war allerdings lustig. So ein richtiges Ruhrpott-Urgestein. Die liebe ich ja. Den Kackophanten hingegen nicht. Er stiehlt Zeit und reichert sie mit altem Wissen und bisweilen auch Falschwissen an. Schnaaaaaaaarchiiii.
Mein Blick schweift auf unendlich Richtung Fenster. Und da sehe ich dann wieder meinen alten Bekannten – das Oachkatzl. Flink huscht es hin und her. Ich würde gerne ein wenig mit dem kleinen Kerlchen plaudern. Das würde mir vermutlich mehr bringen. Vielleicht könnte er mir den neuesten Klatsch von den Vögeln, Mäusen und seinen anderen Freunden erzählen. Da lerne ich mehr vom Leben als hier. Oh Gott, es ist schon so weit gekommen, dass ich ein Eichhörnchen um sein Leben beneide.
Und hoppla, da fällt dem Dozenten doch glatt der Strom aus. Ich frage mich, was ich hier mache?! Das macht er jetzt nicht wirklich…neeeeee, oder? Neiiiiiin! Doch. Er referiert über Lady Di und deren Sternbild. Warum sie so unglücklich in der Königsfamilie war. Ääääh, das wird dann selbst mir zu lächerlich. Damit kann ich nicht. Das ist so weit entfernt von dem, was ich hier lernen möchte! Und dafür bezahle ich ernsthaft Geld. Ich breche so was von ab! Zur Pause werde ich mich ausklinken. Da lese ich lieber irgendein anregendes Buch. Dann tu´ ich was Sinnvolles. Immerhin hat er heute die Worte „anal“ und „Kotstange“ nicht in den Mund genommen. Man, man, man, dieser Mensch ist so lustig wie Fußpilz.

Ich habe es getan: Ich bin raus. Das tu´ ich mir echt nicht länger an. Meine Energie kann ich für was Besseres nutzen. Und ich bin mir sicher: Die Sterne dafür stehen gut – haha. Und so kommt es, dass ich dann doch einen Entwurf für mein Bewerbungsanschreiben verfasse. Oh man, bin ich da unsicher. Am Ende steht ein Produkt, zu dem ich mir von drei Seiten den Segen abgeholt habe. Und doch zögere ich noch. Warum? Mmmh, ich kenne es bisher nur klassisch: Mit Bluse, Blazer und vom Fotografen abgelichtet, im Anschreiben bringen, was man gemacht hat und dass man die Firma gewinnbringend in die Zukunft begleiten will. Aber dieses Mal will ich ja was anderes. Ich will im Grunde hierbei nur noch machen, worauf ich Bock habe. Verkaufsschulungen gehören beispielsweise nicht dazu – auch wenn ich das kann. Ich möchte Führungskräften mal einen neuen, anderen Weg zeigen. Und dazu würde ich eben nicht im Blazer und Kostümchen vor ihnen Männekes machen. Trotzdem ist dieser Standard so in mir verankert, dass es schwerfällt, genau diese Grenzen zu sprengen. Ich werde also noch ein bisschen darüber grübeln, bevor ich dann endgültig was auf die Reise schicke. Wir werden sehen, von welchem Erfolg das gekrönt sein wird. Vielleicht hätte ich doch in der Schulung bleiben sollen, damit er mir die Sterne deuten kann, also ob sie günstig sind oder ich eventuell ein Schicksal wie Lady Di erleide?
Und ja, ich liebe Sternzeichen und ihre Eigenschaften. In vielerlei Hinsicht trifft auch einiges davon zu. Aber ich mag es nicht, nicht Herrin meines Schicksals sein zu können. Es kann ja sein, dass manches mir eher liegt oder eben nicht. Nur habe ich ja meinen freien Willen. Wobei…gerade überlege ich ja, ob ich wirklich so frei bin, diese Art von Bewerbung verschicken zu können. Wer weiß, vielleicht hat am Ende des Tages der Kackophant doch noch Recht gehabt. Ist mir dann aber auch wurscht.

Jetzt habe ich – ganz alte Frau – ein Stündchen vorgepennt (als gäbe es so was tatsächlich), bevor ich mich nun auf den Weg in die Münchner Innenstadt mache. Von den vier anderen Personen kenne ich nur zwei – die Ladies. Ihre Kerle lerne ich dann heute mal kennen. Mal schauen, ob wir sie dann noch mitspielen lassen. Nur, wenn sie lieb sind und die Sterne günstig stehen. Irgendwo muss ich doch meinen Sack mit den Runen und Knochen haben, den ich dafür auf den Tisch kippen werde. Und wer nun glaubt, ich besitze so was wirklich, dem wünsche ich wunderbare Sterne – nach dem x-ten Likörchen oder so. In diesem Sinne: Stößchen!

Kleiner Zankapfel

Es beginnt recht englisch – mit Nebel. Aaaaah, diese Jahreszeit ist immer wieder der Hammer. Ich mag diese neblige Atmosphäre, die so an den „Hund von Baskerville“ erinnert. Schaurig schön…jo. Auf so was stehe ich ja voll. So sieht´s auch heute Morgen aus, als es dann mal allmählich hell wird. Da ich heute wieder arbeite (im Home Office), stehe ich brav bereits im Dunkeln auf. Mit Blick Richtung Fenster kann ich dann das wabernde Spektakel verfolgen. Mit und mit lichtet sich der Nebel, und Sonnenstrahlen zaubern sich durch die Herbstfarben der Blätter. Ach, am Ende werde ich hier noch poetisch!

Ich hatte es doch dieser Tage von Manipulation. Und ja, ich muss einräumen, dass ich das nicht immer nur zum Zweck anderer einsetze, sondern doch auch mal eigene Themen vorantreibe. Allerdings ist es nichts Schlimmes, was ich da tu´. Sagen sie alle, ich weiß. Mein Chef ist ja jemand, der zwar nett sein mag, aber den Horizont eines trockenen Brötchens leider nicht übersteigt. Da muss ich dann schon mal steuernd eingreifen, weil sonst gar nichts zustandekommt. Und so kommt es dann, dass ich ihm heute Morgen eine Lösung präsentiere. Ich frage nicht: „Können wir nicht dieses Jahr schon die Fortbildung machen?“, sondern präsentiere ihm die Lösung. Entweder, wir machen die Schulung in diesem Jahr zum vollen Preis oder wir machen sie um zehn Prozent vergünstigt, wenn er das bis zum 12.10. regelt. Die Schulung dauert zwei Tage, wovon einer davon auf einen Freitag fällt. Großzügig biete ich ihm an, dass wir den Tag „Freizeit“ opfern, ohne die Stunden dafür aufzuschreiben (da ja freitags Kurzarbeit angesagt ist). Er kann also zwischen a und b wählen, was ihm richtig gut gefällt. Na, wenn er das so vorbereitet braucht, dann bekommt er das doch gerne von mir. Hauptsache, wir gehen die Schulung noch dieses Jahr an, da im nächsten Jahr alle Gelder gestrichen sind. So haben wir am Ende alle was davon und verpassen die Chance nicht, weil keiner aus dem Pudding gekommen ist. Irgendwie frage ich mich, wieso so vielen nur ein bisschen Weitsicht und strategisches Denken fehlt? Dabei habe ich so gar keinen BWLer-Hintergrund.

Zum Glück bin ich immer noch gut gelaunt, wobei ich mir manche Spitzen auch nicht verkneifen kann. Wir haben eine unsägliche Fortbildung von einem externen Trainer erhalten. Eine neue Methode soll eingeführt werden, die sie leider per Brechstange durchpeitschen. Nun sollten wir umfassend dafür qualifiziert werden. Der Trainer war leider eine Nullnummer – wenn er auch dafür 150.000 € (!!!!!!!! ALTER!!!!!) kassiert hat. Wie sagte letztens mein Coachee zu mir: „Bei Fragen will ich mich gar nicht an den wenden. Du hast mehr Ahnung von der Methode als der.“ Ääääh…klingt unlogisch, ist es wahrscheinlich auch, aber stimmt traurigerweise sogar. Diese „Qualifizierung“ – so man dieses Unsägliche so nennen möchte – hat im März stattgefunden. Für unseren internen Bildungslebenslauf müssen wir alle Zusatzqualis in unserer Akte ablegen lassen. Also frage ich nach dem entsprechenden Zertifikat. Oooooh, das hören alle – einschließlich Trainer – zum allerersten Mal, was mich immer wieder amüsiert. Glauben die echt, wir sind alle so dämlich? Irgendwann (ich frage noch zwei weitere Male nach), heißt es, wir würden in die „Hall of Fame“ der erfolgreichen Coaches aufgenommen werden, wenn unsere Coachees erfolgreich ihr Ziel erreichen. Äääääh….nee, nee. Diese „Hall of Fame“ für absolute Schwachmaten kann sich der gute Herr dorthin schieben, wo normalerweise keine Sonne hinscheint. Er hat uns seine komische Theorie vermittelt, daher gibt es für so was auch einen Nachweis. Mittlerweile habe ich noch ein paar Mal nachgefragt. Der koordinierende Kollege, der so viel Struktur hat wie Schlamm in der tiefsten Pfütze, sagt dann jedes Mal: „Ah ja, ich nehme das Thema noch mal mit.“ Wenn ich Politiker-Antworten hören möchte, fahre ich zu einer entsprechenden Veranstaltung. „Ich nehme das mal mit“….pff, den Satz kann ich ja leiden!
Nun sind einige Wochen vergangen, in denen ich an dem Austausch der Coaches (auch ohne jegliche Struktur) nicht teilnehmen konnte. Also frage ich zu Beginn freundlich: „Ist es nur an mir vorbeigezogen oder gibt es in der Tat immer noch keine Zertifikate?“ Der Chaot seufzt und sagt: „Ich nehm´ das noch mal mit. Aber ich habe schon mal nachgefragt.“ Ui, da sind wir aber dankbar, dass er die Mindestanforderungen seines Jobs in Teilen erfüllt. Ob er ein Einhorn-Glitzerbild erwartet? Ich lasse nicht locker: „Mmmmh, woran scheitert es denn? Hat der gute Mann kein Papier? Ich stelle da gerne einen kleinen Stapel zur Verfügung – gerne auch in bunt, wenn ihm das lieber ist. Dann dürfte es doch keine Schwierigkeiten mehr bereiten, oder?“ Ich verstehe das nicht.
Als dann später noch mal die Sprache auf die Coach-Rolle kommt, ist der Koordinator völlig perplex: „Wie, die Rollen sind nicht klar?“ Wohlgemerkt: Wir sind bereits seit Monaten im Coaching-Prozess zugange. Und dieses Dilemma hatten wir schon weit im Voraus angesprochen. Er weiß es…oder hat es zumindest schon gehört. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie häufig er kifft und wie sehr sich das auf sein Kurzzeitgedächtnis ausgewirkt hat. Im ganzen Prozess hakt es.
Ich stelle noch eine böse Frage: „Ääääh, hat denn die Ansprache des Centerleiters zu der neuen Methode mittlerweile stattgefunden?“ Nein, aber das liegt an Corona. Aaaah ja. Die Idee wurde erst geboren, als es Corona schon gab. Derzeit läuft alles über Skype. Wieso nicht auch das?
Sie kommen einfach bei nichts zu Potte, schießen alle anderen Kollegen an, suchen Schuldige und übernehmen an keiner Stelle Verantwortung. Da bin ich dann ja gerne der kleine Zankapfel, der mit dem Zaunpfahl winkt. Und mit diesem Mist dürfen wir uns Woche für Woche beschäftigen. Ich glaube, der Knilch hier freut sich, dass ich so oft nicht dabei bin. Bei anderen, die Fragen stellen, die ihm nicht passen, rennt er zu seinem Chef und beschwert sich, der das dann an seine Untergebenen weitergibt, weshalb alle schweigen. Ich gehöre zu einem anderen Center. Na gut, und ich würde auch so nicht meine Klappe halten können. Normal ist das doch wohl auch nicht, oder?

Morgen habe ich dann die Aussicht auf den Kackophanten, was mich diese Nacht vermutlich vor lauter Aufregung nicht schlafen lassen wird. Ich weiß nicht, ob ich die volle Zeit anwesend bleiben werde oder mich einfach ausklinke, wenn es mir zu bunt (oder braun…schließlich ist er ja ein Kackophant) wird. Abends fahre ich dann zu Bekannten, wo wir zu fünft spielen. Das ist die Obergrenze, woran wir uns auch brav halten. Und dann ist auch schon Wochenende…huiiiiii. Mein Blick wandert nach links, wo sich drei dicke Wälzer tümmeln. Noch weiter links sehe ich mein Bücherregal, wo noch mehr Fachliteratur steht. Oh man. Und die Anschreiben haben sich auch – komischerweise – noch nicht von allein geschrieben. Sachen gibt´s! Es gibt also viel zu tun…aber das Jahr hat auch noch einige Tage, gell, Scarlett? Genau, verschieben wir´s einfach auf morgen. Für heute genieße ich noch ein bisschen die Aussicht vom Balkon.

Wissen zahlt keine Miete im Gehirn

Aaaaah, die Sonne scheint, ich darf ausschlafen und muss nicht bereits in der Dunkelheit aufstehen. Ja, die Tage werden eindeutig kürzer, was ich ja duchaus sehr mag. Ich weiß allerdings auch, dass viele Leute genau damit Probleme haben. Und auch den Corona-Kollaps befeuert so was natürlich immer stärker, denn die Leute wollen ja am liebsten immer raus. Ich bin gespannt, wie sich die Lage verändern wird. Ich glaube fest daran, dass sich die gesellschaftliche Haltung ändern muss. Die Leute, die am lautesten schreien und ihre Pfründe sichern wollen, sind die Reicheren. Die Leute, die wirklich vor dem existenziellen Aus stehen, sind stumm. Sie haben auch keine große Lobby. Die Reichen kaufen gerade noch mehr Wohnungen, Häuser usw. In den Boulevard-Formaten zeigen sie uns die gebotoxten, fettabgesaugten Beautywahn-Reichen, die sich noch ein Ferienhaus irgendwo schießen wollen, damit sie eine Zuflucht finden, wo sie ungestört vom Pöbel ihren überteuerten Champagner schlürfen können. Wenn das die Realität widerspiegelt, was die Deutschen wirklich interessiert und sie sehen wollen, dann ist das echt ein Armutszeugnis. Ich bin kein totalitärer Mensch, aber die Idee von Zwangsenteignung finde ich mittlerweile gar nicht mehr so schlimm. Manche Menschen haben so die Bodenhaftung verloren, dass ich nichts dagegen hätte, sie mal von ihrem hohen Ross runterzuholen. Oh je, jetzt werden manche vermutlich heftig nach Luft schnappen. Nein, ich will nicht radikal anmuten. Aber findet das irgendwer noch normal, wie weit die Schere auseinandergeht, ohne dass noch irgendwer Skrupel hätte?
Ich erlebe tagtäglich Menschen, die im sechsstelligen Bereich verdienen – wobei das Wort „verdienen“ an sich schon geschmacklos ist. Einige werden mit Geld zugeschissen, die das auch völlig normal finden – und dabei leisten sie quasi nix! Und das sind ja im Verhältnis noch die kleinen Fische. Omma Erna oder die Bäckereifachverkäuferin müssen schauen, wie sie sich noch eine bezahlbare Wohnung leisten können, brauchen aber dann auf jeden Fall ein Auto, um zur Arbeit oder zum Supermarkt zu kommen, was aber auch wiederum höher besteuert werden soll. Das Ganze läuft doch langsam echt in eine immer verrücktere Richtung. Sorry für diesen politischen Exkurs. Und nein, ich gehöre nicht zu den Linken. Ich finde mich derzeit nirgends wirklich wieder, aber rechts und links sind für mich absolute No-Go´s.

Doch kommen wir zu anderen Bereichen, bevor ich hier noch Auswüchse niederschreibe, die ein falsches Bild zeichnen. Gestern habe ich einen tollen Satz gehört, den die brasilianische Mama von dem Mann meiner Mitschülerin immer bringt: „Wissen zahlt keine Miete im Gehirn.“ Ich wünschte, das würden mehr Menschen so sehen. Leider erkennt man ja, dass durchaus dumme, emotional verkrüppelte Menschen weit kommen. Und doch hoffe ich fest darauf, dass sich langsam mal was wandelt. Und das kann am besten über Wissen und Aufklärung geschehen. Wenn ich mir die Schulbildung von ganz früher anschaue, dann sind wir auf dem besten Weg, uns wieder zurückzuentwickeln. Von der klassischen humanistischen Ausbildung sind wir wahrlich weit entfernt. Gut, die war damals nur den besser Gestellten zugänglich, was nicht Sinn und Zweck der Sache sein kann. Aber ich höre immer wieder: „Wie, Du machst noch eine Weiterbildung? Wann ist denn damit mal Schluss? Das kann doch auch nicht gut sein!“ Warum nicht? Und jetzt bin ich ja froh, einen Satz zu haben, mit dem ich gegenhalten kann. Unser Hirn ist groß genug, noch mehr Wissen zu speichern, offen zu bleiben und immer Neues entdecken zu können. Oh je, jetzt denkt Ihr bestimmt: Sie sollte die Medikamente anders dosieren – mehr oder weniger, aber so wie jetzt, kann es nicht richtig sein. 🙂 Ich nehme gar nichts. Vielleicht steckt darin der Fehler?!
Nein, mal ernsthaft: Wenn wir uns zurücklehnen und sagen: „Mehr muss ich nicht wissen“, werden wir so borniert wie so viele andere. Ich mag ja Sprichwörter. So auch dieses:

„Wenn eine deutsche Eiche so denken würde wie ein Mensch, würde sie bei 3 Metern aufhören zu wachsen und sagen: `Ich kann nicht mehr.`“ (T. Harv Eker)

Ich will fest daran glauben, dass Werte wieder mehr wert werden. Es gibt gewiss manches, was überholt ist. Aber manches eben nicht. Ein Wort sollte immer noch ein Wort bleiben. Nehmen wir das Beispiel von dem Mann der Mitschülerin. Er gibt IT-Nachhilfe in der Flüchtlingshilfe. Sein Zögling hatte eine mündliche Zusage für einen Ausbildungsplatz und ist schier vor Stolz geplatzt. Dann kam Corona. Mündlich ist heute nichts mehr richtig bindend. Man hat ihm recht schnöde mitgeteilt, es gäbe nun doch keinen Ausbildungsplatz mehr für ihn. Ja, es gibt Firmen, die in der Krise gebeutelt sind. Alles, was allerdings mit IT zu tun hat, ist eigentlich eine sichere Bank, dachte ich immer. Und ausgemacht ist ausgemacht. Die Firma hat auch nicht Insolvenz oder dergleichen angemeldet. Denken Personaler eigentlich daran, was das mit so einem plötzlich doch wieder abgewiesenen Menschen macht? Ich schätze, nicht. Und so etwas rächt sich meines Erachtens nach irgendwann auch wieder.
Aber was weiß ich denn schon? Nur weil ich meine idealistischere, empathischere Gesellschaft wünsche, muss diese ja nicht Wirklichkeit werden. Ich kann nur meinen Beitrag leisten – nach bestem Wissen und Gewissen…und ich werde weiter hoffen. Wenn ich auch ungeduldig bin, aber die Hoffnung verliere ich nicht so leicht. In diesem Sinne: Hofft mal mit. Vielleicht bewirkt kollektives Hoffen doch etwas mehr?

Ganz langsam Schritt für Schritt

Heute Morgen schiele ich um sechs Uhr auf den Wecker, der stumm ist. Nö. Ich habe frei. Da bleibe ich doch glatt liegen, drehe mich um und mummel´ mich tiefer in meine Decke. Zwischendurch werde ich nochmals wach und horche in mich hinein: Muss ich arbeiten? Ach, nö. Gut, nochmals umdrehen. Um 7:45 Uhr halte ich es aber nicht mehr aus. Ich schwinge mich aus dem Bett und frühstücke im Nachthemd. Das ist für mich Luxus. Ja, ein schönes Haus, ein fetter Urlaub, eine PS starke Schleuder laufen normalerweise unter Luxus und sind bestimmt auch nett, aber es sind eher die kleinen Dinge, die es so schön machen, oder? Da hat die DM-Werbung mal recht.

Nach einem ausgiebigen Telefonat mit meiner Sis, freue ich mich – mittlerweile mit eiskalten Füßen – dann doch auf die heiße Dusche. Und erst dann, ganz allmählich, denke ich: Es wird Zeit, mal den Lebenslauf anzugehen. Das tu´ ich dann auch. Ich experimentiere herum und versuche, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gar nicht so einfach. Mein Lebenslauf enthält mittlerweile zu viele Auflistungen, die zwar alle ihre Daseinsberechtigung haben, aber einfach überfluten. Was jetzt rauskommt, ist echt schlicht. Und auch optisch so vollkommen anders als alles zuvor. Ob das wohl ok ist? Ich muss es erstmal sacken lassen und schicke es meiner Freundin, die im Firmenkundenberatungssektor tätig ist. Und dann beginne ich mit meiner Recherche von Insituten. Ein paar habe ich schon mal fleißig in eine Excel-Tabelle gepackt. Irgendwie spüre ich, dass es einfach so weit ist, die ersten Schritte zu gehen – langsam, nicht übereilt und auch (noch) ohne allzu großen Druck.

Das ist etwas, das der Betriebsratsmensch gestern meinte: Ich gehöre nicht zu denen, die warten, von einer Welle erfasst zu werden und einfach ausharren. Ich packe an. Manchmal geht es mir zu langsam, bewege ich zu wenig und zweifle, ob ich nicht eine faule Pratschkuh bin. Doch dann drehen sich die Rädchen im Kopf, und ich fange endlich an. Das tut gut, weil ich Aktion immer besser finde, als die leidige Reaktion. Ich möchte gestalten…und weniger gestaltet werden.
Mittlerweile ist die Antwort auch zurück – ratzifatzi, was mich natürlich begeistert. Und für die Ausbesserungen und Anregungen bin ich außerordentlich dankbar. Das ist auch so was, was ich gelernt habe: Früher hätte ich so etwas nie weitergeschickt – aus Angst, jemand anderes könnte über meine Ideen lachen. Oder einfach nur den Kopf schütteln und sagen: „Lass´ das. Dafür bist Du nicht gut genug.“ So ein Quatsch. Jeder Mensch schaut anders auf bestimmte Aspekte. Wir können alle voneinander lernen, wenn wir das nur einfach zulassen. Jetzt sieht der Kurz-Lebenslauf echt richtig gut aus. Der nächste Schritt wird nun sein, Anschreiben zu formulieren, die ähnlich auf den Punkt verfasst sind. Auch hier muss ich mal komplett die alten Wege verlassen, um nicht zu erschlagen.

Das hat sich ebenso vollkommen verändert. Früher wollte ich immer alles, was ich weiß, präsentieren. Dabei gilt es doch eher, Interesse zu wecken. Glück habe ich natürlich auch (noch), nicht darauf angewiesen zu sein, eine andere Trainertätigkeit zu finden. Ich kann, muss aber nichts, da ich ja (immer noch „noch“) einen festen Job habe. Aus diesem Bewusstsein heraus ist es um ein vielfaches leichter, mit mehr Gelassenheit anzutreten. Wobei…naja, mein innerer Ehrgeiz ist natürlich schon vorhanden. Ich mache das ja nicht nur als Zeitvertreib, sondern weil ich mir mindestens ein zweites Standbein sichern möchte.

Aber die Anschreiben schiebe ich noch einmal weiter, da ich jetzt zum Kaffeetrinken mit ausgiebigem Ratschen verabredet bin. Meine Mitschülerin aus dem Grundlagenkurs und ich wollen ohnehin bald anfangen, gemeinsam zu lernen. Und da wir beide Böcke sind, wollen wir das ein wenig planvoller angehen. Der Zwilling (Aszendet – kein Augenrollen von den Ungläubigen, bitte!) in mir bedient selbstverständlich auch den Chaoten in mir, der nicht alles in eine Struktur gegossen haben will. Aber ein paar Absprachen können ja nicht schaden. Doch – wie ich uns kenne – werden wir in erster Linie über andere Sachen plaudern. Weiber, eben. Da ist das Sternzeichen fast egal. Spannend auch hierbei: Eine andere Mitschülerin schreibt mich an, weil sie sich über das Institut geärgert hat und fragt dabei, ob wir da nicht mal geschlossen ans Institut schreiben wollen? Wie gerne mich manche immer wieder vor ihren Karren spannen wollen…und wie gerne ich das immer bedient habe. So ein Retter in der Not ist schon eine nette Rolle, die ich nur zu gerne ausfülle. Aber da mir das immer mehr bewusst wird, gehe ich auch gerne mal einen Schritt zurück und fordere andere dazu auf, ihre Forderungen mal selbst zu stellen.

Bei dem Kaffeeratsch läuft es dann genau so, wie vorher vermutet. Wir quatschen, quatschen und…ääääääh, quatschen. Ihr lieber brasilianischer Mann lässt uns den Raum und die Zeit, die wir brauchen. Ich wollte nur so zwei Stündchen bleiben. Daraus werden kurzerhand vier. Und selbst da stellen wir fest, dass es noch etliches zu bereden gibt. Ich glaube, so was kennen nur Frauen. Es war also ein rundum guter, zufriedenstellender Tag. Weiter so, oder?

Herr Spinnerich hat nicht performt

Es ist Montag, aber trotzdem ok. Keine Kopfschmerzen, keine miese Laune. So soll sich das doch auch bestenfalls anfühlen, oder? Gut, dass es heute eher schmuddelig werden soll, ja, so eine Info aus dem Radio kann einen schon dazu verleiten, im Bett liegen bleiben zu wollen. Aber da ich Regen ja grundsätzlich nicht negativ gegenüber eingestellt bin, passt selbst das. Unten im Treppenhaus begegnet mir eine alte Bekannte – die Drecks-Riesenspinne von letztens. Ja, das ist eindeutig der Nachteil vom Herbst. Aber die Olle sieht irgendwie anders aus als zuletzt. Alle acht Beine sind so komisch zusammengeklappt. Entweder, die hat sich eine Behinderung zugezogen oder aber das Viech ist tot. Todesmutig puste ich sie mal an. Leicht weht der Körper dahin. Eindeutig: Die Gute wurde dahingerafft. Gegen Erschlagen des Achtbeiners steht, dass sie nicht zermatscht aussieht. Und ein Vogel hat sie auch nicht geholt, sonst wäre sie im verdauten Zustand auch eher unkenntlich. Was also ist passiert? Nicht, dass ich traurig wäre. Aber es interessiert mich. Wenn nun ein Mörder umginge, daat i des scho gean wissn, gä? Vielleicht ist das aber hier auch ein männliches Exemplar und die gute Frau Spinne hat von der Cousine, also der schwarzen Witwe, gehört, wie die so mit den Herren der Schöpfung verfährt. Allerdings hatte sie wohl nicht wirklich ganz so viel Hunger wie ihre Verwandte und hat sich gedacht: „Er hat’s nicht gebracht, also mach ich ihn platt. Essen kann’s wer anders.“ Die Idee hat was, finde ich. Die könnte durchaus Schule machen! Also auch bei uns Menschen. Dann gäben sich die Herren der Schöpfung vielleicht auch mal mehr Mühe? Sie würden die Frauen umgarnen, würden Blumen mitbringen und sie wie Königinnen (die wir ja auch sind!) behandeln. Ja, ich hab morgens schon die besten Ideen. Wartet nur ab, bis ich mal vom Volk gewählt werde. Da werde ich auch einen Milchreis- und einen Käsekuchentag einführen. Und nein, ich habe nichts geraucht, geschnupft, getrunken oder intravenös zum Frühstück gehabt. 😉

Und so fahre ich gut gelaunt und im Auto lautstark mitsingend zur Arbeit. Keine Ahnung, aber ich bin froh, gute Laune zu haben. Nicht mal meine Müsli-Kollegin mit ihrer Dauer-schlechten-Laune kann mir was anhaben. Nicht mal Heinz, dem ich sogar noch helfe, weil er technisch wieder mal aufgeschmissen ist. Ich bin fassungslos! Ich glaube fast, er auch. Mein Chef ist wieder tendenziell überfordert. Frau Müsli hat in ihrer Art auch so was von zuvor geschilderter Frau Spinne. Irgendwie haben alle Angst vor ihr – also alle männlichen Kollegen. Meine Kollegin im Krankenstand schickt mir interessanterweise einen Artikel zu so einem Team-Phänomen. Es gibt so negative Menschen, die immer nur klagen, dass alles Scheiße sei und keine noch so ausgebuffte Idee daran etwas ändern könne. Sie binden alle Energie und saugen noch den letzten Sonnenstrahl weg. Und die einzig sinnvolle Möglichkeit, damit angemessen umzugehen, ist was? Richtig, solche Menschen schleunigst rauszusetzen. Da müssen wir dann beide doch mal laut lachen. Das wird leider nichts werden, aber mein Maß sie betreffend ist ja reichlich voll, so dass sie bei mir gar nicht mehr andocken kann. Mittlerweile hat es sogar selbst diese stumpfsinnige, völlig unempathische Summse geschnallt. Na, geht doch. Sie darf also gerne ihre Probleme behalten. Sind ja auch immer ihre gewesen.

Selbst die Ausführungen meines Betriebsrats-Spezis verhageln mir den Tag nicht. Und er malt ein echt düsteres Bild. Schlimm finde ich, dass man an unsere Verträge rangehen kann, um den Arbeitsplatz zu sichern (und es auch tun wird) – an die der außer tariflich Bezahlten nicht. Und es sieht stark danach aus, dass wir kein Weihnachtsgeld erhalten, die außer tariflich Bezahlten aber ihre vollen Boni – dazu zählt auch der Vorstand. Das ist schon geschmacklos, denn da reden wir von Summen, bei denen mir schwindelig wird. Die mit den kleinsten Einkommen sind darauf angewiesen! Aber es zählt nicht. Wer viel hat, scheint immer noch mehr anhäufen zu wollen, ohne dabei andere und deren Not überhaupt wahrzunehmen. Doch auch das vermiest mir nicht den Tag. Ich denke mir, dass diese Menschen abends nicht aufrecht in den Spiegel schauen können. Ich schon. Ich werde nie reich, berühmt oder mächtig sein. Aber das ist auch nicht, was wirklich zählt. Und daher habe ich weiterhin gute Laune. Passt.

Ehrlich und gerade heraus

Nach zwei Tagen nahezu Dauerregen, scheint heute echt die Sonne. Damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Aber sie scheint so, wie ich das mag: Angenehm und nicht stechend. Dazu gibt es immer mehr Gelb-, Rot- und Rosttöne um mich herum. Ich liebe diese Farben an den Bäumen und Sträuchern. Wenn dann die Sonne scheint, ist es einfach wunderschön. Und so fühle ich mich innerlich friedlich.

Heute geht’s zum Frühstück in die Münchner Innenstadt. Auf S-Bahn angewiesen, kann ich es eh nicht richtig timen, also bin ich 20 Minuten zu früh vor Ort. Dabei bin ich schon geschlendert und nicht im Stechschritt – wie sonst – unterwegs. Die Luft ist klar und frisch, was total gut tut. So macht das Schlendern Spaß. Und im Glockenbachviertel sieht es zudem auch nett aus.
Ziemlich überrascht bin ich davon, wie viele Leute in dem Laden sind, den wir ausgesucht haben. Zum Glück habe ich reserviert. Es gibt tatsächlich einige ganz Harte, die draußen in der Kälte sitzen. Da der Außenbereich vormittags komplett im Schatten liegt, ist es hier echt zapfig. Das würde ich echt nicht packen.
Wir reden über alles Mögliche und kommen an Corona natürlich auch nicht vorbei. Eine der beiden ist seit März bereits zweimal geflogen. Für mich derzeit noch unvorstellbar. Die andere hofft, dass ihre Reise übernächste Woche nach Griechenland nicht noch gestrichen wird. Sie wird von dort aus einen Segelturn machen. Mmmh, ich bemerke mal wieder, wie konservativ ich wohl bin. Mein Chef nennt mich zwar gerne eine Grenzgängerin, aber bei Vorschriften bzw. Ermahnungen zur Vernunft bin ich einfach linientreu. Oder…vielleicht hänge ich auch mehr an meiner Gesundheit? Die beiden über zehn Jahre jüngeren und deutlich sportlicheren (wieso eigentlich die Steigerung „sportlicher“? Nahezu jeder ist sportlicher als ich, weil ich eben so gar keinen Sport betreibe…) Ladies hätten vermutlich auch mildere Verläufe, sollte es sie erwischen? Aber es gilt auch, solidarisch zu sein, finde ich. Auch wenn es mich nicht so schwer treffen würde wie einen 80-Jährigen, kann ich diese Gruppe doch auch stärker gefährden, da ich zum Überträger werden kann. Keine Ahnung, was da richtig ist. Ich merke nur ganz klar den Altersunterschied.
Ein anderer Punkt, an dem ich das festmache: Beide Mädels sagen, dass ein Raucher für sie als Partner partout nicht infrage käme. Ich schaue von einer zur anderen und bemerke trocken: „Ok, ich bin eindeutig alt. Ich mag es zwar auch nicht sonderlich, würde aber niemanden rigoros ablehnen, der raucht. Allerdings ist das in meiner Alterssparte auch weit häufiger vertreten als in Eurer.“ Tja, da geben sie mir recht.
Irgendwie gibt es hin und wieder Hinweise, dass ich nicht mehr taufrisch bin, aber meist kann ich das gut verdrängen, doch in solchen Momenten wird es mir wieder ganz deutlich. Aber mit der inneren Reife, die mit dem Alter einhergeht (haha), tut es auch nicht wirklich weh. Wenn ich daran denke, welche Gedanken und Vorstellungen ich noch vor 11, 12 Jahren hatte, dann bin ich froh, dass manche dieser von sich aus in Wohlgefallen aufgelöst haben.

In der Bahn registriere ich mal wieder Menschen, die brav die Maske tragen und solche, die zwar den Mund bedecken, nicht aber die Nase. Und da bin ich immer hin- und hergerissen: Soll ich sie auffordern oder einfach die Schnüss halten? In der Regel halte ich tatsächlich die Schnüss, weil ich keinen Bock auf Diskussionen habe. Andererseits…wenn wir alle so denken, steigen die Zahlen unaufhörlich weiter. Es sind zwei schwarze Frauen, die sich miteinander unterhalten. Bei beiden endet die Maske unter der Nase. Ich erinnere mich an etwas, das der Sozialarbeiter am Freitag gesagt hat: Das Bewusstsein der Geflüchteten zu Corona sei ein völlig anderes. Während einige Deutsche Panik schieben oder sich zumindest Sorgen machen, winken die Geflüchteten bei dem Thema ab. Sie hätten einen Krieg überlebt, seien tausende Kilometer durch diverse Länder geflohen, wo schlimme Zustände geherrscht hätten. Wenn sie das überlebt hätten, was wolle ihnen dann ein Virus anhaben? Und ehrlich? Diese Argumentation verstehe ich. Ich habe meine liebe Mühe, die Menschen zu verstehen, die Corona leugnen, es abtun als etwas, das „die da oben“ erfunden hätten, um uns zu kontrollieren. Alles Schwachfug aus meiner Sicht. Aber Menschen aus Kriegsgebieten muss so eine „Lappalie“, wie ein fürs Menschenauge unsichtbares Virus, unwichtig erscheinen. Die liebe Relation, hm?

Und ein anderes Thema kreist noch in meinem Kopf herum. Letzte Woche habe ich mit einem Kollegen in höherer Führungsposition gesprochen. Im Grunde mag ich ihn, aber er ist nicht umsonst an der Stelle, an der er ist. Als ich ihm das in einer Unterhaltung so auf den Kopf zusage, meint er grinsend: „In meiner Position und drüber findest Du ganz klar die größten Narzissten.“ Stimmt, wobei ich denke, dass es auch anders gehen kann – und muss. Aber vor allem die Frauen, die es auf diese Position geschafft haben, sind oft noch härter als die Männer. Das ist so schade. Es sind die „weiblichen Eigenschaften“, die manche Unternehmen gerade auch in der Unternehmsführung vermissen lassen. Stattdessen sind die Frauen in den Positionen aber meist weit entfernt von weiblich. Und ja, ich weiß auch, dass es schwer ist, sich zwischen all den Herren zu behaupten. Dennoch ist es kein Zustand, der so bleiben sollte. Meinem Kollegen sage ich dann auch, dass ich nicht wisse, wie ich es positiv formulieren oder abgeschwächt sagen könne, was ihm ein Lachen entlockt: „Warum eierst Du auf einmal so rum? Du bist doch sonst so direkt!“ Stimmt auch wieder. Also setze ich wieder an: „Ich nehme Dich als manipulativ wahr.“ Jetzt ist es raus. Er nickt und ergänzt stolz: „Ich kann Menschen die reinste Scheiße als etwas Tolles verkaufen. Das kann ich richtig gut.“ Puh. „Ob das erstrebenswert ist? Jeder manipuliert auf seine Art.“ Da verstärkt er sofort: „Eben! Jeder, auch Du!“ Ich pflichte ihm bei: „Und doch verfolge ich dabei nicht meine Ziele und Überzeugungen, sondern unterstütze denjenigen darin, seine selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Du lenkst die Geschicke so, dass sie Dir in die Karten spielen. Das ist für mich ein riesiger Unterschied.“ Er stutzt, überlegt und sagt dann: „Da könntest Du Recht haben. Aber das ist für mich ok. Ich sage immer: Gut, dass keiner meine tiefsten Abgründe kennt.“ Spricht´s und grinst dazu. Meiner Miene kann man entnehmen, dass ich das eher humorlos sehe. Wenn das etwas Tolles sein soll, dann passe ich. Interessanterweise schockiert es ihn nicht mal, dass ich durchschaue, was viele um ihn herum nicht wahrnehmen. Die meisten sehen in ihm einen Menschenfreund, sozialen Typen, der immer positiv daherkommt. Dabei schart er ausnahmslos Gleichgesinnte um sich. Anders Denkende tötet er karrieretechnisch sofort. Dumm. So wird sich ja nie etwas verändern, Probleme immer auf die ewig gleiche Art gelöst und keine Entwicklung stattfinden. Es geht immer nur ums Schachern, darum, wie man sich selbst ins beste Licht rückt. Mir fehlt die Ehrlichkeit. Jemand, der sagt, was er wirklich denkt, fehlt. Wenn dies nämlich einer tut, wird er zwangsläufig zurückgestuft. Und das im 21. Jahrhundert! Ist niemandem dieser Leute mal aufgefallen, dass die Monarchie in Deutschland abgeschafft wurde?

Ich mag Menschen, die auch mal anders sind. Ich muss nicht ihre Meinung in allem teilen, um sie zu schätzen. Wohingegen mir diese Speichellecker einfach zuwider sind. Aber genau die schaffen es auf die höheren Posten. Schrecklich. In meinem nächsten Leben werde ich ein Einhorn. Dann habe ich mit diesem Driss einfach nix zu tun. Politische Ränkeschmiederei konnte mich noch nie faszinieren. Da scheine ich aber relativ allein dazustehen. Naja, Einhörner wurden zuletzt ja auch eher selten gesichtet. Die wissen schon, warum. Clevere Wesen…

so unterschiedlich in der Weltanschauung

Gestern Abend klingelt um 22:18 Uhr noch mein Mobiltelefon. So was verknüpfe ich seit dem Schlaganfall meiner Mutter vor 21 1/2 Jahren automatisch mit schlechten Nachrichten. Ich greife zum Telefon und erkenne auch noch die Nummer meiner Eltern. Aufgewühlt melde ich mich und habe meine Mutter am Rohr, die nur mal hören wolle, wie schlimm Corona denn gerade in München sei? Ääääh…Ok, jetzt ist sie knatschjeck, wie man bei uns im Rheinland sagen würde. Ich frage sie, warum sie um diese Uhrzeit noch anrufe? „Wieso? Wie spät isses denn?“ Ich teile ihr die Uhrzeit mit. Zunächst glaubt sie mir nicht und eröffnet mir dann, sie müsse nun denn wohl ins Bett. Wir vermuten ja schon länger Anzeichen für Demenz. Wer weiß, ob dies Hinweise sind oder ob sie einfach nur „normal tüddelig“ ist? Jedenfalls geht sie dann doch nicht sofort ins Bett, weil sie mir erst noch alle schlimmen Neuigkeiten, schrecklichen Entwicklungen und überhaupt mitteilen muss. Was ist das, warum so viele Menschen gerne nur von Negativem erzählen? In der Generation meiner Eltern erlebe ich das noch häufiger als in anderen. Ich mag so was gar nicht. Also frage ich sie kurzerhand: „Gut, was ist denn Positives passiert?“ Kurze Pause, dann: „Positives? Was soll denn Positives passieren?“ Alles eine Frage der Einstellung, oder? Sie will wieder Negatives erzählen, aber ich schlage ihr ein, zwei positive Dinge vor, wie beispielsweise, dass die Tagespflege nach langer Schließung endlich wieder offen sei. „Ja, das stimmt. Da gehe ich ja gerne hin.“ Aha. Aaaaaaaaaber da ist auch einer, der krank geworden/gestorben ist, die Bezahlung der Pfleger ist Scheiße, Corona hat… Ich werde es nie begreifen, wie jemand es schafft, immer in allem auch das Negative zu sehen. So war sie nicht immer. Ein richtiger Optimist war sie früher auch nicht – eher jemand, der sich stets ins Schicksal gefügt und sich klein gemacht hat. Nur ist sie in den letzten Jahren negativer und negativer geworden, was nicht – wie manche jetzt bestimmt gerne entgegnen wollen – an ihrem Schlaganfall liegt. Wie lautet das alte Sprichwort: „Sag´ mir, mit wem Du Dich umgibst, und ich sage Dir, wer Du bist.“ Wenn ich permanent von Nörglern, Pessimisten und Miesepetern umgeben bin, färbt das ab. So auch hier. Und natürlich treten dann all die Vorwürfe und Erpressungsversuche erneut zutage. Ich bin stolz auf mich, wie ruhig ich bleibe und ihr sage, was sie gerade wieder tue. Nur verletzt es mich natürlich trotzdem. Ich wünschte, ich hätte diese „gesunden“ Familienstrukturen, in denen Kinder auch als Erwachsene noch die Geborgenheit im Familienkreis erleben. Ein Spruch ist dann auch wieder so ein Nädelchen: „Du bist Deine Einsamkeit ja auch selbst schuld.“ „Wer sagt, dass ich einsam bin?“ Ihre Welt ist einfach: „Weil Du ja nicht hier, sondern weit weg bist.“ Ah ja. Das macht mich zwangsläufig einsam. Wieso können viele Menschen nicht einfach andere Lebensentwürfe akzeptieren? Wieso gibt es so viel schwarz und weiß? So was erschöpft mich. Daher halte ich mich von dieser Einstellung – und zwangsläufig dann auch von solchen Menschen – fern.

Ganz anders erlebe ich es dann heute Vormittag. Zunächst frühstücke ich in Ruhe, bevor ich meine Sis anrufe. Anschließend möchte ich ins Badezimmer schlurfen, um mich zu duschen, als mein Handy klingelt. Beim Namen im Display huscht schon ein Grinsen über mein Gesicht, und so melde ich mich mit: „Aaaaaaaach, guten Morgen, Herr Leckebusch!“ Und es ertönt ein donnerndes Lachen: „Frau Möhrenfeld, ich hoffe nicht, Sie aus dem Bett geworfen zu haben?!“ Es ist mein ehemaliger 81-jähriger Kollege aus Düsseldorf. Er fragt, ob ich mal wieder im Knast war? Ich berichte ihm alles ausführlich, auch meine Trauer, dass die Schulungen vorbei seien, ich aber ein neues Betätigungsfeld in der Flüchtlingshilfe gefunden habe. Es fällt mir so leicht, mit ihm darüber zu reden, weil er in vielen Dinge so ähnlich tickt.
Ein Beispiel hierfür: Der Radiologe fragt ihn letzte Woche, ob er noch wisse, wann er zuletzt da gewesen sei? Nö. Nach seinem Fahrradunfall vor 14 Jahren. Aha. Da ergänzt der Arzt: „So fit, wie Sie sind, können Sie locker 100 Jahre alt werden.“ Darauf entgegnet er: „104!“ Der Arzt stutzt und fragt, warum denn nun in Gottesnamen 104? „Ich habe noch so viele Ideen, da brauche ich die Zeit!“ Das finde ich eine geniale Haltung. Er hat x Ideen im Kopf, hört aber auch aufmerksam zu, wenn ich ihm meine erzähle. Und dann bestärkt er mich, wie kein Zweiter, dass ich all das schaffen werde, ganz einfach, weil ich das wolle. Und das Beste: Ihm glaube ich das. Er sagt das auf eine besondere Art, erklärt mir, warum er weiß (nicht glaubt!), dass ich dazu in der Lage sei und zählt mir meine besten Voraussetzungen dafür auf. Es tut gut, Menschen zu haben, die einen bestärken. Und ja, es gibt Freunde, die mich auch unterstützen, wofür ich sehr dankbar bin. Aber er füllt wohl die Lücke des stolzen Vaters, schätze ich. Er vermittelt mir zumindest diesen Stolz und ist mein stärkster Befürworter. Wunderbar, solche Menschen an seiner Seite zu wissen, oder?
Beim seinem letzten Treffen mit Bekannten jammern diese über ihre Urlaube in Golfressorts. Bei den einen war der Rasen nicht akkurat genug getrimmt, bei den anderen waren die Polsterungen des Golfwagens nicht gut genug. Und dann mussten sie ja aus diesen Ländern abreisen, weil die Coronazahlen gestiegen seien. Als sie ihn und seine Frau fragen, wo sie denn gewesen seien, dass sie so knackebraun und erholt aussehend hat werden lassen, antwortet er gelassen: „Ach, wir hatten die beste Unterkunft mit allem Zipp und Zapp. Perfekte Radwege, die super ausgebaut sind, feinstes Essen – und vor allem: Überall ohne Mundschutz!“ Die anderen – ganz neidisch – wollen den tollen Insider-Tipp erhalten, als er nur leise flüstert: „Balkonien! Ist noch sehr geheim, aber echt idyllisch.“ Und dann sagt er mir, wie glücklich er doch dran sei. Er und seine Frau seien gesund, er könne täglich mit dem Rad am Rhein entlangfahren und immer dann ein Pöttchen Kaffee oder Tee schlürfen, wenn ihm danach sei. Ich denke wieder an seinen Oppa, der ihm ja von kleinauf erzählt hat, wie glücklich er sich schätzen könne, da die ganze Straße ihm gehören würde. Er könne überall herumlaufen und mit dem Fahrrad fahren, wo er wolle. Alles eine Frage der Sicht…
Das sind Menschen, an denen ich mir nur zu gerne ein Beispiel nehme. Und nein, er ist nicht frei von Fehlern. Aber er nimmt das Leben, wie es ist und zieht dabei das Beste für sich heraus. Ein Telefonat mit ihm ist besser als eine heiße Schokolade im Winter. Es ist, als könne ich dadurch meine Batterien auftanken. Und was sagt er zum Abschied? „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut es mir immer tut, mit Ihnen zu plaudern. Sie sind einfach eine verwandte Seele, die genauso viel Temperament hat wie ich…und anpackt, statt zu jammern.“ Naja, manchmal jammer´ ich auch. Aber im Grunde stimmt es schon. Wenn ich mal wieder denke, ob ich eigentlich noch alle Latten am Zaun habe oder es doch die Verrückten da draußen sind, die eher sauber ticken, dann bin ich froh, eine „verwandte Seele“ zu kennen, die mit dieser Art so alt geworden ist. Im Dezember werden wir uns sehen und gemeinsam klönen. Darauf freue ich mich sehr. Das letzte reale Treffen liegt nämlich schon wieder drei Jahre zurück.

Derart beschwingt, geht mir die Hausarbeit leichter von der Hand. Ich freue mich auf all die Abenteuer, die da draußen auf mich warten – die positiven, als auch die lehrreichen. Jetzt schlürfe ich ein Pöttchen Tee, denke an all die lieben Geister in meinem Leben und dass mein Glas mehr als halbvoll ist.