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Geduld und abwarten

Es gibt sie immer wieder: Momente, in denen ich mit offenem Mund staune. Am liebsten natürlich, weil ich positiv überwältigt bin. Doch leider ist es heute wieder einmal mehr Fassungslosigkeit, die mich staunen lässt. Meine Überlegung war es ja, meine Kapselmaschine zu verschenken. Immerhin gibt es zwei Kartons Kapseln noch oberdrauf. Also rufe ich erneut bei der Caritas an. Dieses Mal ist ein Herr am anderen Ende des Telefons. Nein, sie hätten einfach alles voller Porzellan, weiteres könnten sie gerade nicht gebrauchen. „Äääääh, ich wollte eigentlich eher meine Kapselmaschine abgeben, kein Porzellan.“ Aber nein, so was würden sie nicht verkaufen. Auch nicht verschenken. Höchstens gerenalüberholen. Wie alt denn die Maschine sei? In der Hektik sage ich: „Fünf Jahre.“ „So oid scho? Na, do moch ma gor nix.“ Dabei habe ich gelogen, es sind bereits sieben Jahre, die die Gute auf´em Buckel hat. Krass, oder? Ich will sie sogar echt mit ca. 150 Kapseln abgeben. Aber nein, ist nicht gewünscht. Ich frage ihn, ob er sonst noch eine Anlaufstelle wisse, wo Menschen froh seien, wenn sie so was kostenlos bekämen? Nein, weiß er nicht. Und da sitze ich hier und staune eben Löcher in die Luft. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die sich wirklich über so was freuen würden. Nur wenn nicht mal die Caritas weiß, wie man die erreicht, wie will ich das denn wissen? Und etwas, das funktioniert und einwandfrei in Ordnung ist, kann ich einfach nicht wegschmeißen. Das widerstrebt in jeder Hinsicht allem, wie ich erzogen wurde. Krass…für Ideen Eurerseits bin ich also voll empfänglich! Allerdings würde ich ein Elektrogerät nicht unbedingt irgendwo an die Straße stellen.

Der Arbeitstag zieht sich heute in die Länge. Gleich mehrere Meetings warten auf mich und lassen mich gähnen. Starten darf ich allerdings mit meiner Rücksprache mit dem Chef. Und es ist, wie es ist: Es wird zu einem Jammern seitens des Guten. Wie schlecht er die Zukunft sehe, wie blöd doch alles laufe, wie sehr er doch jetzt erwarten würde, dass die neue Chef-Chefin sich endlich positionieren würde. Hä? Ich kläre ihn – der wesentlich mehr Erfahrung auf dem Gebiet in dieser Firma haben sollte, weil er seit 46 Jahren im Unternehmen ist – auf, wie wenig diese Frau sich gerade positionieren könne, da sie ja noch gar nicht wisse, welche Bereiche und welche Mitarbeiter ihr zugeschlüsselt würden. Darauf kommt von ihm: „Do host a wieda recht.“ Und trotzdem wolle er jetzt wissen, wie es für ihn weitergehe. Zefix! Er ist der Chef. Er sollte Stabilität und Zuversicht ausstrahlen. Dabei heult er sich regelmäßig bei mir aus…und gelegentlich auch bei meiner lieben Kollegin. Kein Wunder, bei den anderen kommt er ja kaum zu Wort, da die auch durchgängig jammern. Normal ist das alles nicht mehr.

Mein Betriebsratspezl verkündet mir wieder ein paar interessante Sachen. Vor allem aber mahnt er zu Geduld. Wie hieß der Spruch letztens: „Als die Geduld verteilt wurde, riss bei mir bereits der Faden.“ Und meine Umzugspläne, weiter raus zu ziehen, sind vermutlich auch erstmal zu beerdigen. Denn so, wie es ausschaut, werden wir ab nächstem Monat wieder mindestens drei Tage pro Woche in die Arbeit gehen müssen. Dann sind die Tage des Home Office gezählt. Und ja, ich habe es lange verflucht, aber dann den Nutzen darin erkannt, viele meiner nervigen direkten Kollegen nicht sehen zu müssen. Vor allem aber die Möglichkeit, weiter raus zu ziehen, hat mich fasziniert und völlig neue Optionen ins Spiel gebracht. Doch wenn ich nun wieder häufiger ins Büro fahren muss, platzen diese. Wir werden sehen. Ich glaube irgendwie nicht mehr daran, dass die Arbeit tatsächlich wieder zu einem „business as usual“ zurückkehren wird – zumal wir ein Flächenproblem haben, wie die meisten Firmen in Deutschland. Wir werden damit beginnen, und auch daran werde ich mich wieder gewöhnen – keine Frage. Die Zukunft wird dann zeigen, was sich nachhaltig doch ändern wird. Immerhin ist ja auch die Rede von einer Rente ab 68…wie ich mich freue! Nicht. Um mit den Worten von Franz Beckenbauer zu schließen, den ich trotzdem nicht mag: „Schau´n mer mal“.

vom sinnvollen Einsatz der Mücken

Die schlichte Wahrheit? Ich hatte gestern einfach überhaupt keinen Bock, etwas zu schreiben. Kommt auch mal vor. Rumgammeln bekommt mir einfach nicht. Während ich Donnerstag und Freitag noch voll in meinem Element war, ließ es ja schon Samstag merklich nach. Gestern war dann nur tote Hose angesagt. Mit anderen Worten: Ich habe den Tag nahezu mit Fernsehen zugebracht. Keine Meisterleistung, aber doch hin und wieder wohl normal. Es war auch so richtig herrliches Schmuddelwetter. Am Meer wäre selbst das toll. Am Meer ist nahezu alles genial. Nur so? Ist es eben ein Wetter, bei dem man so ungern unter der Kuscheldecke hervorkrabbelt.

Entsprechend schlecht war die Nacht. Wenn ich nur abgehangen habe (wie sich das für guten Schinken ja auch gehört), schlafe ich mies. Dabei muss ich heute ja wieder richtig früh raus, da ich ins Büro fahre. Nach langer, langer Zeit gebe ich mal wieder einen Workshop. Darauf freue ich mich schon. Ich kenne allerdings nur eine Hälfte der Truppe. Doch die anderen machen auch einen netten Eindruck. Reine Männertruppe, alles Werker. Das ist ja nach meinem Geschmack. Und dann bayern die „umanand“, dass es eine wahre Wonne ist, zuzuhören. Ich komme mir vor, als wäre ich in der Bully-Parade gelandet, was ich ihnen natürlich auch stecke. Sie sehen mir im Gegenzug meine rheinische Schnüss nach. Erst zum Schluss, als ich locker flockig „Pfia God“ trällere, dreht sich einer noch mal um und sagt: „Pfia God? Ah, sie ko nix dafüa, sie is halt a Preiss.“ Warum man das nun nicht sagt, haben wir nicht klären können. Donnerstag sehe ich ihn wieder, und da muss er mir Rede und Antwort stehen. Ich will ja nicht dumm sterben. Und im Internet finde ich auch nichts darüber. Ach, es soll mal einer aus den Bayern schlau werden! Ich werd´s jedenfalls nicht.
Besonders putzig ist einer, der mir nach fünf Minuten steckt, er wolle mir ja nichts, aber das sei alles Kindergarten. Er habe schon sooooo viele Workshops „do herinnen“ mitgemacht, nur brächten sie alle nichts. Weil die „Leit hoit deppert san“. Prinzipiell mag ich es, wenn man seine Meinung sagt. Doch diese Haltung, dass alle doof seien und nicht wollten, die mag ich nicht so. Wenn ich am Anfang schon denke, dass alles Mist ist, wird auch Mist dabei herumkommen. Dabei bringt gerade er dann gute Ideen für Abstellmaßnahmen. Ich weiß schon, was er meint. Es sind unterm Strich immer dieselben, die Dinge antreiben, umsetzen und was weiterentwickeln. Das ist auch schwer zu durchbrechen. Nur darüber zu jammern, bringt eben auch nichts. Manchmal denke ich echt, es geht uns noch viel zu gut. Da greift der Spruch meiner lieben Omma wieder: „Wenn Du willst, kannst Du viel; wenn Du musst, noch viel mehr.“ Solange die Not noch nicht groß genug ist, wird sich auch nur schwerlich etwas bewegen lassen.

Aber es ist schon eigenartig, wie unterschiedlich die Menschen sind. Die meisten mögen keine Veränderungen. Allgemein wird den Menschen ja nachgesagt, sie vermeiden Veränderungen nach Möglichkeit. Mir wird hingegen sehr schnell fad (ein Hoch auf Bully!). Wenn es zu lange gleichbleibend ist, werde ich schon kribbelig. Daher tu´ ich mich bisweilen schwer, zu ertragen, wie träge manche Menschen sind und nach dem Credo „Der liebe Herrgott hat es so gefüget“ leben. Ich weiß, manch einem müsste ich sogar dankbar sein, denn sonst müsste ich noch irgendwo als Archivar arbeiten. Wiederkehrende, routinierte Arbeit ist mir schlichtweg ein Graus. Ich brauche nicht jeden Tag was Neues…aber nach ein bis zwei Jahren darf gerne was Anderes daherkommen. Kennt Ihr das auch? Oder gehört Ihr eher zu denen, die gerne die Routine mögen?

Und dann wird mir heute noch ein toller Spruch zugeschickt, der mir direkt aus dem Herzen spricht: „Die Welt wäre so viel schöner, wenn Mücken Fett statt Blut saugen würden!“ Wenn es dann noch anschließend nicht jucken könnte, wäre das der Himmel auf Erden. Ich würde glatt eine Mückenzucht beginnen, eine Herberge aufbauen und die besten Bedingungen für die Viecher schaffen. Wenn sie doch heute innerhalb eines Jahres einen Impfstoff erschaffen können, können sie nicht da auch mal in so eine Richtung forschen? Ich bin sicher, das fänd breiten Anklang. Vielleicht sollte ich das mal in Berlin vorstellen? Welche Partei wohl als erste zuschlagen würde? Fragen über Fragen – und keine davon sinnvoll, was es gerade so schön macht.

so richtig zappeln, wäre noch mal schön

Was mich glücklich macht, ist die Tatsache, dass sich ein Van Halen-Spross auch mit Musik auseinandersetzt bzw. die Musik des Vaters und Onkels weiterführt. Ich höre mir über YouTube ein Live-Konzert an. Vermutlich sagt den Wenigsten hier Van Halen was. Aber bei Jump, das auf nahezu allen 80er Parties gespielt wird, flippen dann doch alle mit aus. Ach, ich glaube, ich kann dem Metal niemals ganz abschwören. Guter Rock ist schon auch was Feines. Doch so richtig fett auf die Ohren zu bekommen, gefällt mir echt sehr gut.
Da denke ich mal wieder an die „gute, alte Zeit“. Was bin ich gerne in die Rockfabrik gefahren. Bei uns gab es eigentlich nur zwei richtige Läden, in die man ging: Himmerich oder die Rockfabrik. Ich weiß noch, wie mein ältester Cousin zur Rocke gefahren ist und eine Tante völlig naiv fragte: „Wo geht der Jung denn jetzt noch nähen – um die Uhrzeit?“ Nee, mit Nähen hatte der Gute mal so gar nichts am Hut. Da er ein Junge war, konnte er sich in unserer Familie schon weit mehr erlauben als wir Mädels. Und es war ihm (und ist es, glaube ich, bis heute) völlig wurscht, was andere von ihm dachten. Er hat lange Jahre lange Haare getragen – sehr gewagt in einem kleinen, katholischen Dörfchen. Erst viel später bin ich mitgefahren – wenn auch unerlaubterweise. Während die andere Disco größer war und gleich mit drei Räumen aufwartete, bestand die Rockfabrik über viele Jahre nur aus einem größeren Raum. Und während man sich für Himmerich eher rausputzte, galt es für die Rocke, eher cool auszusehen. Es war ein wenig versifft, eher düster. Das passt ja auch besser zu Hard Rock und Metal. Meinem Vater war das mehr als suspekt, weil er Drogen witterte. Gab es da auch. Aber die reicheren Teenager haben weit mehr Drogen in Himmerich konsumiert. Da kamen dann auch Leute von über 100 km Entfernung angereist. Und das in unsere eher verschlafene Gegend.
Doch den schlechteren Ruf hatte die Rockfabrik und behielt ihn. Ist das nicht immer so? Wenn etwas düster aussieht, muss es gleich viel gefährlicher sein. Dabei können sich harte Drogen eher reiche Menschen leisten. Die lieben Klischees. Heute ist es noch schlimmer, doch auch früher gab es schon Drogen in der Schule. Ja, auch an einem bischöflichen Gynasium. Mich hat´s nie gereizt. Und es war bekannt, dass man auf die Nuss bekam, wenn man mir was anböte. Ich wusste eben immer schon, was ich nicht wollte. Ist ja auch leichter als umgekehrt.
Wenn ich die Musik höre, würde ich gerne wieder mal in die Rocke fahren und den ganzen Abend abzappeln. Vermutlich würden sie aber denken, ich sei aus dem Altenheim entflohen und nach meinen Pflegern Ausschau halten. Außer an Weihnachten. Da war es ein Brauch, noch mal dorthin zu pilgern und viele Leute von früher zu treffen. Doch die Discotheken sterben ja irgendwie aus, was ich echt schade finde. Wieviele Pärchen haben sich da gefunden? Gut, dafür gibt es heute Parship, Tinder & Co., denen ich nichts abgewinnen kann. Und mir fehlen wirklich Läden, in denen ich noch mal richtig abfeiern kann. In München gibt´s schon auch manchen Laden, doch keiner hat mich bisher richtig begeistern können. Kommt dann noch ein DJ hinzu, der sämtliche Lieder verhunzt, abkürzt oder gar andere Beats druntermischt, dann kriege ich so richtig schlechte Laune.
Mein Schwager wird dieses Jahr 50, vielleicht geht da ein bisschen was…also eine Möglichkeit, ein wenig zu tanzen. Allerdings wird es da eher Schwofmusik geben, die ich nicht wirklich mag. Paartanz sieht echt ganz nett aus, doch ich zapple lieber zu „richtiger“ Musik alleine ab. Ich weiß, das könnte ich in meiner Bude ja auch machen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Da kommt doch keine Stimmung auf! Es braucht schon das Drumherum, das Lichtspiel, andere zappelnde, schwitzende Leute, die richtige Lautstärke…so was eben. Ist, wie im Kino. Zuhause ist es nicht dasselbe.

Ansonsten mache ich heute erstaunlich wenig. Ich müsste mir endlich mal meine Bücher schnappen und lernen. Leider liegt mir das Lernen so wenig. Hat da irgendwer eine Idee, wie man daran Spaß entwickeln kann? Ach, wenn wir schon mal dabei sind: Weiß einer die wirklich echte Formel, wie man Spaß am Sport generieren kann? Ich rede nicht vom Zuschauen, was mich auch eher wenig reizt, sondern schon vom aktiven Selbermachen. Naja, vielleicht wäre ja ein Hard Rock-Metal-Tanzkurs das Richtige. Ob ich da aber Leute gewinnen kann, die mitmachen, ist fraglich. Und Headbanging ist in meinem Alter jetzt auch nicht mehr soooo lustig. Ich werde berichten, sollte ich auf so ein Angebot stoßen. In diesem Sinne: Rockiges, zauberhaftes Wochenende Euch allen!

viel warme Luft um nichts

Heute lese ich weniger und entsorge dafür wieder mehr. Wenn das so weitergeht, bleibt hier echt kein Stein mehr auf dem anderen. Meine Sis hat schon gewitzelt, wenn ich alles entsorgt hätte und immer noch diese Motivation empfände, könne ich bei ihr weitermachen. Äääääh…nö. Das ist jetzt kein neues Hobby von mir geworden. Es ist schlichtweg eine Notwendigkeit – auch wenn ich nicht weiß, wieso ich dafür 44 Jahre benötigt habe?

Jetzt geht es meinen Sofakissen an den Kragen. Ehrlich, irgendwann sind die dann doch auch zu oll und aus der Form geraten, als dass man sie noch bequem nennen könnte. Es sind ganz einfache, wobei bei vier größeren schon ein Reißverschluss eingenäht ist. Den trenne ich in geduldiger Kleinarbeit auf. Immerhin näht meine Sis. Und Reißverschlüsse kann man wiederverwenden. Ach ja, was bin ich plötzlich grün. Nee, das ist es gar nicht. Aber wenn man so was noch benutzen kann, wieso sollte man es da wegschmeißen? Das ist es ja vor allen Dingen, was mir schwerfällt: Ich kann nichts wegwerfen, was nicht defekt ist. Daher bin ich froh, wenn es andere noch verwenden können, was bei mir über Jahre eingestaubt ist.

Ist es eigentlich normal, dass jetzt plötzlich schwül-warmes Wetter herrscht? Erst will es gar nicht warm werden, dann ist es plötzlich schwül. Da soll mein Kopf noch mithalten können. Das scheint selbst die Kinder da draußen zu schaffen, weil ich heute nur sehr wenig von ihnen höre. Einzig Flecki, die mutmaßliche Corona-Katze, höre ich maunzen. Die Kinder machen sie immer nach, was die Gute noch nicht richtig zu nerven scheint. Würde mich jemand dauernd nachäffen, wäre ich nicht entspannt. Also: Nehmt Euch bloß in Acht! Passend dazu schickt mir heute Morgen ein Kollege einen Spruch: „Ich reg´ mich nicht auf! Ich reg´ mich nicht auf! Ich reg´ mich nicht auf! Ich leg´ sie einfach alle um!“ So, jetzt wisst Ihr, was Euch blüht, sollte es wer wagen, mich nachzuäffen. Vielleicht sollte ich Flecki die What´s App-Nachricht weiterleiten?

Von meiner Sis höre ich per Telefon, dass der Kleine Damenbesuch hatte. Es sei „nur eine Freundin“. So was wollte meine Mom mir bei Jungs auch nie glauben. Dabei war das bei mir wirklich etwas völlig Normales. Ich hatte immer schon Jungs als Freunde. Hallo? Frau muss doch schließlich auch Experten an der Seite haben, wenn die Kerle mal wieder völlig unlogisch – zumindest aus Frauensicht – handeln. Ich mag dieses Nüchtern-Abgeklärte. Wenn ich denke, wie viele Frauen alles wirklich bis ins Kleinste interpretieren…und dabei gab es gar keinen tieferen Sinn in einer Aussage, wie sich im Nachhinein herausstellt. Darin bin ich Expertin, wobei es deutlich besser geworden ist. Warum? Weil die Realität mein bester Lehrmeister war.
Schönes Beispiel für so ein Frau-Mann-Missverständnis: Mein holländischer Ex-Freund hat mir mal die Ohren zugehalten. Nicht lange, nur ein paar Sekunden. Ich dachte natürlich – das ist die Logik einer Frau – er habe mir etwas ganz Romantisches gesagt, eine Liebeserklärung gemacht, irgendwas in der Art jedenfalls. Und er wollte nicht allzu gefühlsduselig rüberkommen. Immerhin ist er ein Elite-Soldat. Mein Nachfragen brachte mir erstmal nichts ein, aber als ich nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht lockerlassen wollte, kam seine Antwort mit einem fetten Grinsen: „Ich hab´ gepupst.“ Mmmh, ich fand meine romantische Vorstellung irgendwie schöner und hätte besser die Illusion bewahren sollen. Unterm Strich wäre wohl beides nur warme Luft gewesen, oder? Besser als die schwüle heute…wobei: Gerade regnet es. Ich hoffe auf bessere Luft im Anschluss – so oder so.

mit Lachen und mit Tränen

Heute Morgen ist es schon so warm, dass ich mich auf den Balkon fläze und etwas lese. Es dauert nicht allzu lang, bis auch die Kinder aus ihren Verstecken gekrabbelt kommen. Wenn ich die kleinen Mädels dabei beobachte, wie sie hintereinanderherlaufen und dann auf diesen Schaukelgeräten (die Pferdchen mit der riesigen Feder darunter, die hin- und herwippen) rumtoben, dann freue ich mich über diese Leichtigkeit, Unschuld und unbändige Freude. Zwischendurch kreischen sie wie wild, wenn sie einander fangen wollen. Oh man, war ich auch mal so jung? Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie wir in unserem Dorf rumgeströpt sind. Da haben wir auch nichts anderes wahrgenommen, als den Moment. Der hat einfach allen Raum eingenommen. Schade, wie mir das verloren gegangen ist…

Dialoge, die es vor zwei Jahren so jedoch niemals gegeben hätte, vernehme ich dann aber auch noch: „Lass die Katze in Ruhe!“ Hatte ich erwähnt, gegen Katzen allergisch zu sein? Zum Glück hocke ich im zweiten Stock. Das andere Mädel entgegnet: „Aber warum? Flecki ist sooo süß!“ Die Erste stellt mal altklug fest: „Und wenn sie Corona hat?!“ Was zum Henker??? Das sind kleine Mädels. Aber da sieht man, womit leider auch Kinder tagtäglich konfrontiert werden. Ich hoffe sehr, dass wir nicht allesamt zu großen Schaden von dieser Zeit davontragen.

Gegen Mittag wird es mir dann allerdings doch zu heiß und stickig. Ich gehe rein und will noch etwas wuseln. Es gibt noch eine Kiste mit Briefen, die ich durchforsten möchte. Dann sollte ich wirklich alle meine Briefe und Karten mal erledigt haben. Oh man, ich habe sogar die Briefe von meiner ersten Lauferei von vor 29 Jahren! Auch nicht übel. Nicht besonders eloquent, der Gute, aber immerhin bemüht. Heute ist er Vierfach-Vater und – was ich so gehört habe – wohl ganz zufrieden mit seinem Leben als Hausmann, während die Frau Hauptverdiener ist. Ha, es gab sie also auch schon früher, die emanzipierten Männer!
Über manche Briefe muss ich mich dann regelrecht schlapplachen. Ich habe vor Uuuuuuuurzeiten mal einen Betreuerschein gemacht. Bei der Fortbildung wurde ich Krawallbiene getauft. Oder ein anderes Mal, als ich in Taizé war, habe ich auch wieder neue Leute kennengelernt und jahrelang Kontakt gehalten. Neue Menschen kennenzulernen, war nie ein Problem für mich. Und da ich immer gerne Spitznamen verteilt habe, wurde ich ebenfalls mit selbigen bedacht. Eine Reihe von Briefen wurde von einem Bekannten an „Diplom-Hektikerin Claudia“ adressiert. Herrje, ich scheine manch einen inspiriert zu haben, sich einen netten Namen für mich auszudenken.
Ich lese Briefe, in denen Menschen mir schreiben, was sie in mir sehen. Beispielsweise hatten wir vor gefühlt 120 Jahren ein rumänisches Flüchtlingspaar bei uns Zuhause. Zu ihr hatte ich ein besonderes Verhältnis. Sie war so völlig anders als das, was ich sonst in meinem Dorf so zu sehen bekam. Sie war eine Art Vorbild für mich – so klug, belesen, mutig und herzlich. Als ich ihre Briefe lese, sehe ich sie wieder ganz genau vor mir. Mein jüngster Onkel war damals nach Amerika in Urlaub geflogen – was ganz besonderes! Und er hatte ein tolles, französisches Bett. Irgendwie war er durch die beiden Tatsachen schon viel cooler als die anderen Spießer. In seinem Zimmer haben wir sonntags oft rumgelungert und Filme geschaut, als wir zu alt waren, im Keller mit den Kleinen zu spielen. Das Bett habe ich immer bewundert, weshalb ich es bekommen sollte, als er sich ein neues Schlafzimmer bestellt hatte. Ich weiß noch, wie aufregend ich das fand, endlich mein altes, grünes Kinderzimmer loszuwerden. Es kam mir so erwachsen vor, ein französisches Bett zu haben. Und dann sehe ich meine Mom, die sich zu mir ins Zimmer setzt und mir erklärt, mir stünde das Bett zwar zu, aber Roxana und Horea würden es doch dringender brauchen. Sie hatten nur einen Lattenrost und eine Matratze. Meine Eltern und die Familie hatten einiges zusammengekratzt, nur ein Bett war keines dabei. Ob ich mir nicht vorstellen könnte, doch auf dieses Bett zu verzichten? Puh…ich hatte so lange darafhin gefiebert, aber da gab es doch keine andere Möglichkeit, oder? Und so habe ich es ihnen überlassen. Sie haben es bei ihrem Umzug nach Wuppertal mitgenommen, wo sie dann Stipendien für ihr Medizin-Studium erhalten haben. Ich glaube, ich habe sie noch ein Mal gesehen…und ein paar Briefe mit ihr geschrieben. Ist das lange her!
Auch ein Brief von der schottischen Freundin meiner Sis ist dabei. Sie ist in etwa im Alter meiner Mom. Als sie zu Besuch war, hatte meine Sis nicht durchgehend Zeit für sie, weshalb ich manche Stunde mit der witzigen Mary verbracht habe. In ihrem Brief schreibt sie mir, wie sich mich ihrem Mann beschrieben hätte, der danach gefragt hatte: „She is a one-woman-party – all over!“ Das verbuche ich mal als Kompliment.

Und wie das so ist, wenn die Erinnerungen mit den Briefen kommen: Ich lache aus tiefstem Herzen, und ich vergieße manche Träne. Es ist schön, das zu lesen. Manche Briefe werfe ich aber trotzdem weg. Es hat alles seine Zeit…und jede war auf ihre eigene Weise schön, traurig, lehrreich, verrückt und herausfordernd. Ich wünsche den Mädels (und später kommen die Jungs dazu) da unten, auch tolle Begegnungen zu erleben, schöne Erinnerungen zu sammeln und ihre Leichtigkeit dabei nicht zu verlieren. Und dabei denke ich an den Satz, über den ich stolpere: „Der Mut, der Lächerlichkeit zu trotzden, ist es, den wir am meisten brauchen.“ Also: Seid mutig, und sucht Euch Eure Abenteuer!

nebulöses Jammern neben Entspanntheit

Hoch die Hände – WOCHENENDE! So schaut´s aus, meine Lieben. Ach, da war doch noch was? Richtig. Vorher darf ich schon noch arbeiten. Doch das geht recht leicht von der Hand. Nur noch zwei Tage pro Woche zu arbeiten, könnte mich durchaus auf den Geschmack bringen. Natürlich wird das in absehbarer Zukunft nicht drin sein. Träumen darf ich allerdings schon davon, oder?

Während ich am Laptop sitze, habe ich bei dem Traumwetterchen schön die Balkontür geöffnet. Den ganzen Tag über lausche ich also dem munteren Vogelgezwitscher, was eine nette Begleitmusik ist. Ab Mittag ist dann allerdings Essig damit. Bei dem Wetter sind irgendwie auch immer gleich alle Handwerker und Gärtner draußen. Die Anlage ums Haus herum wird von einem Hausmeister in Schuss gehalten. Die Herrschaften im Erdgeschoss nennen zudem einen kleinen Garten ihr Eigen, um den sie sich auch selbständig kümmern dürfen. Und das macht jede(r) zu einer anderen Uhrzeit, an einem anderen Tag und mit mehr oder eben weniger Engagement. Es ist also selten mal ruhig, da bin ich für den Vormittag schon recht dankbar. Gerade, als ich dann aber mit meinem Chef skype, schmeißt draußen jemand seinen Rasenkantenschneider oder was auch immer an. Völlig aus dem Zusammenhang fragt mein spürbar irritierter Chef: „Is des a Muezzin bei Dia?“ Klar, mein Balkon ist zu einer Moschee umfunktioniert worden. Das Ganze läuft unter dem Projektnamen „Flächenverdichtungsplan“. Oh man! Natürlich nicht.
Mein Chef ist derzeit eh nicht auf der Höhe (wann war er das je?). Unser Chef-Chef sei ja quasi aufs Abstellgleis geschoben worden. Grund für unser heutiges Gespräch war meine Idee, doch den Team-Workshop eventuell noch mal zu verändern, weil ja einige Kollegen ziemlich verunsichert seien, was die kommenden Monate an Neuerungen bringen würden. Es sollte eigentlich sein Ansinnen sein, doch darauf warte ich ja immer vergebens. Wobei er schon auch fragt, wie es mir denn damit gehe? Eine ehrliche Antwort wäre: „Ach weißt Du, ich wittere es als Chance und puste in sämtliche Fanfaren, da es durchaus immer wahrscheinlicher wird, dass Du abgesetzt wirst und manchem anderen faulen Sack auch mal Feuer unterm Hintern gemacht wird.“ Doch ganz so hart möchte ich dann doch nicht sein. Daher sage ich schlicht, dass ich entspannt sei, was da auf uns zukomme, Veränderung ja auch Chance bedeute und ich reagieren könne, wenn ich alle Fakten wisse. Bis dahin seien wir doch alle erstmal versorgt. „Ah“, kommt´s aus den Lautsprechern: „So entspannt hob i no von koam ondan wos gheert. Des daat i mia a wünschn, des so nüchtan zum Betrachtn. Des wöa ja au mei Aufgabä als Chäf.“ Da bin ich doch überrascht ob dieser Einsicht. Allein, sie nutzt nichts. Und schon legt er los: Wie ungerecht das alles sei, wie man seinen Chef-Chef aufs Abstellgleis gestellt hätte und überhaupt. Um es mit den Worten meines polnischen Kollegen („Correct me if I´m wrong,…“) zu sagen, haue ich raus: „Was ändert sich denn nun für ihn? Er bekommt einen anderen Posten – inklusive seines bisherigen Standes, also Titels, und seines vollen Gehalts, oder?“ „Ja, des scho.“ Ich steh´ noch auf der Leitung bzw. stelle mich darauf. Ach nein, die neue Aufgabe sei ja gar nicht die richtige Herausforderung für ihn, und man habe ihm doch quasi fast schon was versprochen, was nun doch nicht wahr werden würde. Und der verkackte, niemals vergessende Steinbock in mir merkt an: „Quasi wie vor zwei Jahren bei mir, als Du mir was versprochen hast und dann die andere ins Team geholt hast. Und? Ich bin immer noch hier und habe mir andere Aufgaben gesucht.“ Nein, das könnte man in keiner Weise miteinander vergleichen. Is klar. Mein Chef überlege nun mittlerweile auch, ob er überhaupt noch weitermachen wolle. Er könne ja nur ein Angebot zur Altersteilzeit in Anspruch nehmen, aber dann wäre er auch noch anderthalb Jahre da. Dass man ihn vielleicht gar nicht mehr als Führungskraft aufstellt, kommt ihm gar nicht in den Kopf. Mir auch einerlei. Er wird´s schon merken, wenn es so weit ist. Und dazu gibt er sich nebulös…die nächsten beiden Wochen hätte er nämlich Urlaub, dabei habe er nun mindestens die nächste gecancelt. „Du vastehst, wos i main, wenn´s so weit is.“ Jo, und wenn nicht, heul´ ich mich auch nicht ins Kissen.

Mittlerweile läuft draußen auch wieder eine Schar Kinder herum. Der Brüllhannes will natürlich erneut auftrumpfen und dieses Mal sogar ein Mädel beeindrucken. Ich schrieb ja unlängst: So ein bisschen Macho mögen manche von uns Frauen ja dann schon auch. Ob der Kleine aber nur ein bisschen Macho ist, glaube ich eher nicht. Die Holde lässt ihn auch etwas abblitzen und fragt rotzig, wie nur Kinder das richtig können: „Stört es Dich, dass ich nur mit anderen Jungs spiele und nicht mit Mädchen? Ich habe nämlich nur Jungs als Freunde. So!“ Direkt mal Kante zeigen, damit die Fronten geklärt sind. Herrlich – zumindest als Zaungast.
Derweil lese ich bei warmen Temperaturen im Schatten und genieße es, gerade keinen Macho um mich zu haben, dem ich Kante zeigen müsste. Das Leben kann schon schön sein. Jetzt noch Meeresrauschen, salzige Luft in der Nase und einen Mojito, dann wäre es perfekt. Alles geht (noch) nicht.

erlernte Hilfslosigkeit mit ausreichend Klopapier

Gestern Abend telefoniere ich noch mit meiner Ex-Schwiegermutter in spe. Ich weiß, krasses Wort. Sie hat Geburtstag, daher rufe ich sie an. Ihre Antwort kann ich schon voraussagen: „Ich wusste, Du vergisst mich nicht. Andere ja, aber Du nicht!“ Sie ist einsam…und ängstlich…und immer schon schwermütig. In einer Zeit, wie der unseren, ist das natürlich keine leichte Kombination. Auf der anderen Seite stellt sie aber schon auch ihre Forderungen. Da bleiben dann nicht mehr so viele Leute übrig, weil so was die meisten nervt. Altwerden ist nicht so einfach.
Ihr Mann hat ganz viele Entscheidungen getroffen, der nun allerdings auch bereits acht Jahre tot ist. Das ist so ein Phänomen, das ich schon häufiger beobachtet habe – vor allem in meiner Außendienstzeit: Es gibt immer noch einige Frauen, die ihren Mann schalten und walten lassen, weil es auch herrlich bequem ist. Der Mann kümmert sich um die Bankgeschäfte, Steuererklärung und anderen Schriftkram. Bei uns Zuhause war es umgekehrt. Dann stirbt der Partner plötzlich (oder erleidet – wie im Fall meiner Eltern – einen Schlaganfall). Von heute auf morgen sind dann da nicht nur die Trauer oder das Begreifen, was sich nun alles ändert. Nein, sie stehen dann plötzlich wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg und sind heillos überfordert. Es war ja immer bequem und nett aufgeteilt, da mussten sich ja nicht beide kümmern. Ich verstehe das schon in Teilen, aber man spricht hier nicht umsonst von „erlernte Hilflosigkeit“. Viele jammern und hadern mit dem Schicksal – vorzugsweise vor den Kindern, damit die sich erweichen lassen und das fortan übernehmen…und damit die erlernte Hilflosigkeit weiterbedienen. Nur ist damit niemandem wirklich geholfen. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität. Effizient ist das schon, wenn der Sohn oder die Tochter so was übernehmen, denn dann ist es schnell gemacht, das Problem zackig vom Tisch. Effektiv wäre es, dem Menschen beizubringen, das fortan selbständig zu erledigen. Das dauert länger, kostet oft Schweiß, Nerven und Tränen, aber unterm Strich steigert es dann die Lebensqualität der betroffenen Person. Im von mir geschilderten Fall meiner Ex-Schwiegermutter in spe, ist das nicht mehr zu ändern, da alle Beteiligten mitspielen.
Als der andere obligatorische Satz dann kommt: „Ich sag´ ja immer wieder: Dich hätte ich mir als Schwiegertochter gewünscht“, kontere ich: „Ja, im Rückblick. Wer weiß, wie das heute wäre? Vielleicht ist es dann besser für Dich, dass ich es nie geworden bin.“ Ich habe dieses Spiel hinter mir, neben meiner Mom zu stehen und ihr dabei zu helfen, es selbständig zu regeln, während spezielle Tanten ihr einfach alles abgenommen und erledigt haben – und mich nebenbei noch böse und gemein zu schimpfen. Heute bereuen sie es, laut eigener Aussage. Entschuldigt hat sich dafür nie jemand. Dafür hat meine Mom fast alles wieder verlernt, was sie in mühsamer Arbeit in der Reha in Holland erlernt hat. „Nur gut gemeint“ ist eben nicht automatisch „gut“. Naja…öfter Mal dasselbe Spiel…

Heute fahre ich dann nach über einer Woche mal wieder einkaufen. Ich habe die Hoffnung, wenn die Sonne draußen schein, ein langes Wochenende vor uns liegt, dann sind die Menschen entspannter. Ich Depp! An der Kasse staut es sich zurück, weshalb eine Kassiererin eine zweite Kasse ausruft. Natürlich schwenken die zuletzt Angekommenen sofort zur neuen Kasse, denn: „Wir ham ja keine Zeit, ne?“ Ich bleibe brav in meiner Schlange stehen und rücke kontinuierlich auf. Die andere Kassiererin ist aber noch nicht eingetroffen. Die erlaubt sich aber was! Na, sag´ amol! Der Herr ganz vorne am neuen Band mault die Kassiererin an meiner Kasse an: „Können Sie nicht noch mal die Kollegin ausrufen?!“ Die erklärt dann ruhig und sachlich, dass sie den Knopf betätigt hätte. Daraufhin würde eine Durchsage erklingen, die wir ja alle gehört haben. Zudem blinke ein Alarmlicht auf, das erst beendet werde, wenn die Kollegin an der Kasse sitze und selbige aktiviere. „Ja, aber da können Sie doch noch mal ausrufen lassen?!“ Die Kassiererin bleibt immer noch ruhig: „Nein, das geht nicht. Der Alarm ist ja schon ausgelöst. Da kann man keinen zweiten draufsetzen. Da müssen Sie sich bitte noch kurz gedulden, denn die Kollegin kann ganz hinten im Lager sein, wenn sie diesen Aufruf erhält.“ Nein, das passt dem Mann nicht: „Aber Sie können doch wohl noch mal die Durchsage machen!“ Spätestens jetzt möchte ich dem Mann was ins Gesicht drücken, das nur seeeeeehr langsam da rauseitert. Die Kassiererin atmet durch und bleibt immer noch ruhig: „Ich kann keine Durchsage machen. Das wird automatisch erledigt, wenn ich diesen Knopf drücke, was ich ja getan habe.“ Der Mann mault weiter: „Na, wenn das schon zu viel verlangt ist…?!“ Alter, ich fange an zu lachen. Die Kassiererin schaut mich an und verdreht die Augen. Das kommentiere ich mit: „Sie wissen schon, manche sind wichtiger als wichtig, oder?“ Mittlerweile trudelt die Kollegin an der Nachbarkasse ein. Meine Kassiererin sagt mir: „Wissens, des geht den gonzn Tog scho so. I bin froh, wenn der Dog rum is…so viele Deppen!“ Ja, ich möchte ihren Job echt nicht machen. Wahrscheinlich hätte ich schon am ersten Tag die Kündigung auf dem Tisch, weil ich so einen Kunden fragen würde, ob er auch zu doof sei, ein Loch in den Schnee zu pieseln? Ob ich ihm das mit dem Knopf mal zeigen solle, den ich drücken müsste – allerdings nur mit seinem Kopf als Auslöser des Knopfs? Mir würden da immer wieder neue Beispiele einfallen – ganz individuell. Ich dürfte sie vermutlich nur nicht lange ausleben. Mei, man hat´s nicht leicht, aber leicht hat´s einen, gell?

Auf der Rückfahrt sammle ich Karma-Punkte, da ich dauernd irgendwelche Leute vorlasse. Das bringt mir mehr Ruhe und den anderen wahrscheinlich auch. Irgendwann fährt dann ein Auto vor mir, bei dem ich laut lachen muss. Dort prangt eine Klopapierrolle auf der Ablage, die liebevoll umhäkelt ist und auf der dann Arielle die Meerjungfrau trohnt. Ach ja, das ist Deutschland. Ich glaube, es gibt in keinem anderen Land der Welt umhäkelte Klopapierrollen auf der Hutablage. Das hat man ja auch letztes Jahr beim Hamstern gesehen. Ich mag unser Land. Das Meckern und Jammern auf hohem Niveau nicht unbedingt, aber dafür viele andere kleine Schrulligkeiten.

ein bisschen Macho ist ok

Das Wetter ist geradezu traumhaft. Die Temperaturen klettern nicht über 19 Grad. So mog i des. Dazu ist der Himmel blau, ohne auch nur von weißen Wolkenfetzchen befleckt zu sein. Gut, die Allergie feiert auch wieder ein Hoch. Aber das macht nichts, denn so ist es echt schön. Es reicht sogar, um draußen zu frühstücken, da ich ja heute noch frei habe. Man gönnt sich ja sonst nichts. Zwischendurch schreibt mir meine liebe Kollegin dann aber doch, wie sehr sie unsere Kollegen beim Meeting aufregen. Gemeinsam ist es irgendwie leichter zu ertragen.

Gegen Mittag breche ich auf, weil ich mit meiner Mitschülerin von der Fortbildung letztes Jahr zum Spazieren verabredet bin. Ich weiß, ganz altmodisch. Wir wollen in den Pasinger Stadtgarten, doch vorher treffe ich noch auf ihren Mann. Brasilianer sind einfach temperamentvoller, was ich süß finde. Er spricht mit mehr Gestik und Leidenschaft. Ach ja, die Südamerikaner fehlen mir.
Im Wald bin ich überrascht, wie wenig doch los ist. Wir begegnen schon einigen Spaziergängern, aber ich hätte gewettet, bei diesem Wetter durchaus größeren Massen zu begegnen. Im Schatten ist es angenehm, zumal wir auch viel in der Nähe der Würm entlanglaufen. Und da plaudern wir ausgiebig über die Machos. Ich kann mir schon vorstellen, dass es heutzutage auch nicht so einfach ist, ein Mann zu sein. Da war es früher schon einfacher, als die Frau nicht mal eben so abhauen konnte, da sie abhängig war. Dann bekamen die Frauen das Wahlrecht und sollten nun doch bitte endlich zufrieden sein. Ok, dann sollten sie auch noch selbst entscheiden dürfen, ob sie arbeiten gehen, wenn sie verheiratet sind, ohne dass der Mann seinen Otto unter den Vertrag schreiben musste. Dem nicht genug, gibt es mittlerweile auch Frauenparkplätze, was ja eine Benachteiligung der Männer ist. (Nebenbei bemerkt: Kein Mann weiß, wie es sich anfühlt, im Dunkeln zum Auto zu gehen und sich bei jedem Geräusch panisch umzuschauen. Ich möchte auch noch den Mann kennenlernen, der von einer Frau vergewaltigt wurde…böse, ich weiß.) Vielleicht muss Frau da ein bisschen nachsichtiger sein. Der Oberkracher kam dann mit einer Frau als Bundeskanzler. Das war ja schon ein Affront. Und jetzt kommt auch noch so eine Junge daher, die sich erdreistet, auch nach dieser Krone zu greifen.
Ehrlich, auch wenn das bisweilen ironisch klingt, wie ich es schreibe: Da hat ein großer Wandel stattgefunden, was nicht immer ganz einfach ist. Und ich glaube auch, dass manche blöden Thekensprüche gar nicht böse gemeint sind – auch wenn sie entwertend für Frauen sind. Das kann ein Mann nicht nachvollziehen, weil er es – ebenso wie die Angst an dunkeln Plätzen – nicht kennt. Bei den letzten Debatten ist mir das erst aufgefallen: Ich persönlich fand die Bezeichnung „Mohrenkopf“ nie schlimm. Aber ich bin mit so was ja auch nicht gemeint. Wenn ich betroffen bin, dann kann ich mir ein Urteil erlauben – nicht aber als Außenstehende, die etwas bewerten möchte, das sie nicht nachfühlen kann. Das hat was mit Umdenken zu tun, was nie leicht von der Hand geht. Daher wird es immer wieder Männer geben, die meinen, sie müssten wie die Gorillas losbrüllen, um ihr Revier zu markieren. Solange sie das nur polternd tun, ist alles ok. Damit können wir alle leben. Es darf nur nicht unter die Gürtellinie gehen – weder buchstäblich, noch sprichwörtlich.
Und genau bei diesem Gorilla-Macho-Gehabe erkennt meine Mitschülerin derzeit auch ihren Mann etwas. Ich mag ihn, er ist einfach sympathisch. Aber ja, so ein bisschen Macho ist er schon auch. Und eigenartigerweise stehen wir Frauen ja auch häufig darauf. Ich gebe also zu: So ganz einfach ist das alles nicht. Doch wir können ja gemeinsam üben. Dafür braucht´s nur eine Voraussetzung: Die Beteiligten müssen es auch wollen. Und da ist es wurscht, ob wir von Sexismus oder Rassismus sprechen. Wir brauchen ein anderes Bewusstsein, das uns allen nicht so leicht fällt. Bei manchen Dingen bin ich auch zu unbedarft. Aber zumindest will ich es verstehen und auch niemanden bewusst verletzen. Ist noch ein weiter Weg…für uns alle – egal, ob Mann oder Frau, Macho oder Feministin.

wie wohl ein Schneider schmeckt?

Heute ist der maximal eine Tag im Monat, an dem ich gerne ein Mann wäre. Mal schlägt mir das mehr aufs Gemüt, mal weniger. Da ich heute mit mehr Bauchkrämpfen zu tun habe, bin ich etwas angeschlagen. Daher steht auch nichts Großes auf dem Programm, außer Schonhaltung mit warmem Traubenkernkissen – und das bei dem Wetter! Ich sage ja: Hin und wieder ist da so ein Wunsch, ein Mann zu sein. Doch ich kann alle beruhigen: Morgen ist das im Nu wieder verflogen…für mindestens einen Monat.

Da die Sonne so herrlich scheint, will ich sie dann doch irgendwie auch nutzen. Und so lese ich ziemlich viel auf meinem Balkon. Die Kinder ströpen durch die Grünanlage und freuen sich mit der Sonne um die Wette. Meine liebgewonnenen Feldwespen sind auch wieder munter im Einsatz und bauen ihr Mininest in meinem Balkonschrank. Ich krame kurz darin, als es mir plötzlich auffällt. Normale Wespen würden ja jetzt Terror veranstalten und einen auf Attacke machen. Doch die Feldwespen leben hier in friedlicher Co-Existenz mit mir. Ihr Volk ist recht klein, ihr Gemüt eben nicht aggressiv, also bin ich entspannt. Doof wird´s erst im Sommer, wenn ich den Sonnenschirm aufspanne und die Guten sich dann wieder zum anonymen Stecher-Treffen darauf breitmachen. Irgendwann muss ich den Schirm ja doch zusammenklappen. Nach Möglichkeit möchte ich dabei keine von ihnen verletzen und auch nicht selbst gestochen werden. Ach ja, so hat man seine kleinen Herausforderungen im Leben, gell?

Doch nicht nur die Bienen geben sich ein munteres Stelldichein. Nein, auch ein mächtig brummender Rosenkäfer gibt sich die Ehre. Ich habe vorhin erstmal gegooglet, was das für ein Käfer ist. Er brummt schon recht laut, macht dann aber vor allem durch seine Farbe auf sich aufmerksam. Wie steht´s im Netz: Ein fliegender Edelstein. Meine Cousine ist Goldschmiedin. Vielleicht bringe ich ihr so ein Exemplar mal vorbei, damit sie mir einen Ring daraus fertigen kann. Natürlich ist das ein Spaß! Ich würde niemals einen Käfer, der 2000 zum Insekt des Jahres gekürt wurde, einen Fühler oder Flügel krümmen. Der dicke, grünlich-gold schimmernde Käfer legt in der Sonne eine Rast auf meinem Balkon ein. So mächtig, wie der aussieht, ist es bestimmt auch nicht leicht, durch die Gegend zu fliegen. Irgendwann beginnt es, wieder zu brummen, und ich verabschiede mich von dem Käfer.
Warum machen Spinnen so was nicht einfach? Ein kurzes „Hallo“ und dann einfach weiterziehen? Oder Schneider? Die sind mir ja so was von suspekt. Und die ertrage ich auch echt nicht in der Wohnung. Neulich meinte eine, in meiner Küche herumpogen zu müssen. Wobei…beim Pogen kann man erahnen, in welche Richtung sich jemand bewegt. Bei einem Schneider weiß man das hingegen nie so genau. Und gerade das macht ihn für mich so unerträglich. Ich habe beim Anblick dieser Viecher automatisch eine Ganzkörpergänsehaut, die sich auch komplett über meine Kopfhaut zieht. Finde ich schon schräg. Es könnte allerdings genetisch bedingt sein, denn meine Sis – darauf angesprochen – bestätigt mir exakt auch diese Form der Ekelbekundung, wenn sie eines Schneiders gewahr wird. Ich hoffe doch, es geht noch mehr Leuten (wobei ich eher auf Frauen tippe) so, wenn sie Schneider im wilden, chaotischen Flug umherschwirren sehen? Widerlich! Dabei können sie ja nix dafür. Das ist mir schon klar. Nur zu diesen Insekten habe ich ein noch gespalteneres Verhältnis, als ich es bei anderen schon habe.
Vielleicht liegt es auch an meinem jüngsten Cousin, der heute zum Glück mit seinen 30 Jahren nicht mehr so drauf ist. Er konnte gerade mal krabbeln und robben, als meine Tante einen Schneider in der engegengesetzten Zimmerecke entdeckte. Da es an der Haustüre klingelte, war sie kurz abgelenkt, um nachzuschauen, wer denn zu Besuch kam. Als sie zurück ins Zimmer kam, hing nur noch ein Schneiderbeinchen aus dem Mund meines Cousins. Äääääh…kann man da sein Kind noch lieben? Ich vermute, ich hätte die Keramikschüssel liebevoll umarmen und erstmal die Fische füttern müssen, bevor ich mich meinem Sohn hätte nähern können. Vielleicht ist dies ein weiterer Grund, weshalb ich keine Kinder habe? Man weiß es nicht. Leider ist er heute nicht mehr in der Lage, mir die Frage nach dem Geschmack des Schneiders zu beantworten. Natürlich habe ich ihn darauf angesprochen! Ich mag ihn sehr gerne. Ihn hat die Frage eher amüsiert. Er nimmt mich nicht so ganz ernst, wenn ich so drauf bin. Ach, braucht nicht jeder eine schrullige Cousine, Tante oder Freundin in seinem Leben? Eben.

„Hast Du die es gesagt?“

Heute starte ich mit weniger Elan. Ist auch nicht schlimm. Die Fenster schaffe ich dann noch, zu putzen. Auch wenn ich mich vorher noch rausgeredet habe mit den Worten: „Wenn die ganz sauber und klar sind, sehen noch weniger Vögelchen diese Scheiben. Und dann? Ist es Vorsatz meinerseits. Also besser, wenn die Fenster dreckig bleiben.“ Doch auch ich weiß, wie lahm diese Ausrede ist. Also putze ich sie. Das ist der Vorteil einer kleinen Wohnung: Es gibt auch nicht so viele Fenster, wie ein ganzes Haus sie normalerweise hat. Positives Denken, hm?

Am Nachmittag hocke ich mich auf den Balkon. Das Wetter ist ganz nett, daher kann ich auch draußen lesen. Gut, der kleine Brüllhannes ist auch wieder draußen. Doch irgendwann reicht es ihm. Wenn ich so runterluge, muss ich feststellen: Die Mädels sind eindeutig in der Mehrheit. Der Kleine, der gerne Ronaldo wäre, geht mit seinem Kumpel den Weg entlang, als sie auf die Mädels treffen. Ich weiß zunächst nicht, was den kleinen Kerl so erschüttert, aber er brüllt seinen Kumpel an: „Hast Du die es gesagt?!“ Ach, herrlich. Sein Kumpel zögert noch, aber er fragt erneut: „Hast Du? Hast Du DIE ES gesagt?!“ Ich versuche, nicht zu lachen. Das Mädel, also DIE, versucht noch zu retten, was zu retten ist: „Ich weiß kein Geheimnis.“ Doch der kleine Brüllhannes durchschaut das Spiel und weiß es besser: „Du hast mich ausgelacht! Du weißt es!“ Was auch immer „es“ ist, scheint brisant zu sein. Der Kumpel knickt ein und sagt dramaturgisch gewichtig: „Es tut mir leid, aber es ging einfach nicht anders.“ Oh, ich denke immer, es gäbe nur Dramen im Erwachsenenleben, doch das ist sooo weit gefehlt. Der Angeschmierte lässt seinen Freund stehen: „Ich mag nicht mehr mit Dir befreundet sein“ und zieht von dannen.
Ach Jungs, es gilt immer und überall: Bruder vor Luder! Es sind meist Mädels, über die sich Jungs in die Haare bekommen. Ich dachte, in jungen Jahren sei das noch anders, doch es scheint sich hier genauso zu verhalten. Aber wie lange Ronaldo das durchhält, wird sich zeigen. Ich genieße derweil das ausbleibende Gebrüll, auch wenn der Kleine mir natürlich schon leidtut. Das ist es auch, was Kindern am meisten durch den Lockdown gefehlt hat: Die Auseinandersetzung mit den Freunden. Da haben sie ganz schön was nachzuholen. Ich bin gespannt, wann er wieder brüllt.

Damit der Tag ein wirklich wichtiger und toller werden kann, muss Köln das Unmögliche wahr machen und in Kiel gewinnen. Ich rede natürlich von Fußball. Daran hängt ganz viel…also das Seelenheil meines Schwagers beispielsweise. Und als rheinisches Mädel muss ich natürlich auch die Daumen drücken, damit nach Möglichkeit viele rheinische Mannschaften erstklassig bleiben. Ja gut, so wirklich glaubt keiner daran, dass sie das vermasselte Hinspiel im Rückspiel noch mal drehen können, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so rufe ich zwischendurch mal den Live-Ticker auf und bin völlig perplex, dass die Kölner drei Tore geschossen haben – Holstein Kiel hingegen nur eins. Es wird ein Krimi, da die Kölner zwar gut feiern können, im Siege Einfahren aber eher mäßig sind – selbst wenn sie im Vorteil sind. Und dieses Spiel findet in Kiel mit Fans statt, also nicht auf geweihter, rheinischer Erde! Ich schreibe meinem Schwager, mit ihm einen Hochmoorgeist zu trinken (schlappe 56 %), sollten die Kölner dieses Ergebnis bis zum Ende retten können. Doch das schaffen sie nicht, sondern erweitern ihren Vorsprung auf ein 1:5. Hammer. Also rufe ich brav meinen Schwager an, der wohl sichtlich angespannt war, und trinke nun mit ihm einen Hochmoorgeist, nach dem es mich immer schüttelt. Doch was sein muss, muss sein. Die Jungs haben alles gegeben, dann können wir das auch. Das Zeug brennt sich langsam Richtung Magen und beschert mir einen Schluckauf. Trotzdem bin ich selig. Dabei ist mir Fußball nahezu egal. Aber rheinisches Mitleiden ist einfach ein Muss. Ein Hoch aufs Rheinland!!!