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wie wohl ein Schneider schmeckt?

Heute ist der maximal eine Tag im Monat, an dem ich gerne ein Mann wäre. Mal schlägt mir das mehr aufs Gemüt, mal weniger. Da ich heute mit mehr Bauchkrämpfen zu tun habe, bin ich etwas angeschlagen. Daher steht auch nichts Großes auf dem Programm, außer Schonhaltung mit warmem Traubenkernkissen – und das bei dem Wetter! Ich sage ja: Hin und wieder ist da so ein Wunsch, ein Mann zu sein. Doch ich kann alle beruhigen: Morgen ist das im Nu wieder verflogen…für mindestens einen Monat.

Da die Sonne so herrlich scheint, will ich sie dann doch irgendwie auch nutzen. Und so lese ich ziemlich viel auf meinem Balkon. Die Kinder ströpen durch die Grünanlage und freuen sich mit der Sonne um die Wette. Meine liebgewonnenen Feldwespen sind auch wieder munter im Einsatz und bauen ihr Mininest in meinem Balkonschrank. Ich krame kurz darin, als es mir plötzlich auffällt. Normale Wespen würden ja jetzt Terror veranstalten und einen auf Attacke machen. Doch die Feldwespen leben hier in friedlicher Co-Existenz mit mir. Ihr Volk ist recht klein, ihr Gemüt eben nicht aggressiv, also bin ich entspannt. Doof wird´s erst im Sommer, wenn ich den Sonnenschirm aufspanne und die Guten sich dann wieder zum anonymen Stecher-Treffen darauf breitmachen. Irgendwann muss ich den Schirm ja doch zusammenklappen. Nach Möglichkeit möchte ich dabei keine von ihnen verletzen und auch nicht selbst gestochen werden. Ach ja, so hat man seine kleinen Herausforderungen im Leben, gell?

Doch nicht nur die Bienen geben sich ein munteres Stelldichein. Nein, auch ein mächtig brummender Rosenkäfer gibt sich die Ehre. Ich habe vorhin erstmal gegooglet, was das für ein Käfer ist. Er brummt schon recht laut, macht dann aber vor allem durch seine Farbe auf sich aufmerksam. Wie steht´s im Netz: Ein fliegender Edelstein. Meine Cousine ist Goldschmiedin. Vielleicht bringe ich ihr so ein Exemplar mal vorbei, damit sie mir einen Ring daraus fertigen kann. Natürlich ist das ein Spaß! Ich würde niemals einen Käfer, der 2000 zum Insekt des Jahres gekürt wurde, einen Fühler oder Flügel krümmen. Der dicke, grünlich-gold schimmernde Käfer legt in der Sonne eine Rast auf meinem Balkon ein. So mächtig, wie der aussieht, ist es bestimmt auch nicht leicht, durch die Gegend zu fliegen. Irgendwann beginnt es, wieder zu brummen, und ich verabschiede mich von dem Käfer.
Warum machen Spinnen so was nicht einfach? Ein kurzes „Hallo“ und dann einfach weiterziehen? Oder Schneider? Die sind mir ja so was von suspekt. Und die ertrage ich auch echt nicht in der Wohnung. Neulich meinte eine, in meiner Küche herumpogen zu müssen. Wobei…beim Pogen kann man erahnen, in welche Richtung sich jemand bewegt. Bei einem Schneider weiß man das hingegen nie so genau. Und gerade das macht ihn für mich so unerträglich. Ich habe beim Anblick dieser Viecher automatisch eine Ganzkörpergänsehaut, die sich auch komplett über meine Kopfhaut zieht. Finde ich schon schräg. Es könnte allerdings genetisch bedingt sein, denn meine Sis – darauf angesprochen – bestätigt mir exakt auch diese Form der Ekelbekundung, wenn sie eines Schneiders gewahr wird. Ich hoffe doch, es geht noch mehr Leuten (wobei ich eher auf Frauen tippe) so, wenn sie Schneider im wilden, chaotischen Flug umherschwirren sehen? Widerlich! Dabei können sie ja nix dafür. Das ist mir schon klar. Nur zu diesen Insekten habe ich ein noch gespalteneres Verhältnis, als ich es bei anderen schon habe.
Vielleicht liegt es auch an meinem jüngsten Cousin, der heute zum Glück mit seinen 30 Jahren nicht mehr so drauf ist. Er konnte gerade mal krabbeln und robben, als meine Tante einen Schneider in der engegengesetzten Zimmerecke entdeckte. Da es an der Haustüre klingelte, war sie kurz abgelenkt, um nachzuschauen, wer denn zu Besuch kam. Als sie zurück ins Zimmer kam, hing nur noch ein Schneiderbeinchen aus dem Mund meines Cousins. Äääääh…kann man da sein Kind noch lieben? Ich vermute, ich hätte die Keramikschüssel liebevoll umarmen und erstmal die Fische füttern müssen, bevor ich mich meinem Sohn hätte nähern können. Vielleicht ist dies ein weiterer Grund, weshalb ich keine Kinder habe? Man weiß es nicht. Leider ist er heute nicht mehr in der Lage, mir die Frage nach dem Geschmack des Schneiders zu beantworten. Natürlich habe ich ihn darauf angesprochen! Ich mag ihn sehr gerne. Ihn hat die Frage eher amüsiert. Er nimmt mich nicht so ganz ernst, wenn ich so drauf bin. Ach, braucht nicht jeder eine schrullige Cousine, Tante oder Freundin in seinem Leben? Eben.

„Hast Du die es gesagt?“

Heute starte ich mit weniger Elan. Ist auch nicht schlimm. Die Fenster schaffe ich dann noch, zu putzen. Auch wenn ich mich vorher noch rausgeredet habe mit den Worten: „Wenn die ganz sauber und klar sind, sehen noch weniger Vögelchen diese Scheiben. Und dann? Ist es Vorsatz meinerseits. Also besser, wenn die Fenster dreckig bleiben.“ Doch auch ich weiß, wie lahm diese Ausrede ist. Also putze ich sie. Das ist der Vorteil einer kleinen Wohnung: Es gibt auch nicht so viele Fenster, wie ein ganzes Haus sie normalerweise hat. Positives Denken, hm?

Am Nachmittag hocke ich mich auf den Balkon. Das Wetter ist ganz nett, daher kann ich auch draußen lesen. Gut, der kleine Brüllhannes ist auch wieder draußen. Doch irgendwann reicht es ihm. Wenn ich so runterluge, muss ich feststellen: Die Mädels sind eindeutig in der Mehrheit. Der Kleine, der gerne Ronaldo wäre, geht mit seinem Kumpel den Weg entlang, als sie auf die Mädels treffen. Ich weiß zunächst nicht, was den kleinen Kerl so erschüttert, aber er brüllt seinen Kumpel an: „Hast Du die es gesagt?!“ Ach, herrlich. Sein Kumpel zögert noch, aber er fragt erneut: „Hast Du? Hast Du DIE ES gesagt?!“ Ich versuche, nicht zu lachen. Das Mädel, also DIE, versucht noch zu retten, was zu retten ist: „Ich weiß kein Geheimnis.“ Doch der kleine Brüllhannes durchschaut das Spiel und weiß es besser: „Du hast mich ausgelacht! Du weißt es!“ Was auch immer „es“ ist, scheint brisant zu sein. Der Kumpel knickt ein und sagt dramaturgisch gewichtig: „Es tut mir leid, aber es ging einfach nicht anders.“ Oh, ich denke immer, es gäbe nur Dramen im Erwachsenenleben, doch das ist sooo weit gefehlt. Der Angeschmierte lässt seinen Freund stehen: „Ich mag nicht mehr mit Dir befreundet sein“ und zieht von dannen.
Ach Jungs, es gilt immer und überall: Bruder vor Luder! Es sind meist Mädels, über die sich Jungs in die Haare bekommen. Ich dachte, in jungen Jahren sei das noch anders, doch es scheint sich hier genauso zu verhalten. Aber wie lange Ronaldo das durchhält, wird sich zeigen. Ich genieße derweil das ausbleibende Gebrüll, auch wenn der Kleine mir natürlich schon leidtut. Das ist es auch, was Kindern am meisten durch den Lockdown gefehlt hat: Die Auseinandersetzung mit den Freunden. Da haben sie ganz schön was nachzuholen. Ich bin gespannt, wann er wieder brüllt.

Damit der Tag ein wirklich wichtiger und toller werden kann, muss Köln das Unmögliche wahr machen und in Kiel gewinnen. Ich rede natürlich von Fußball. Daran hängt ganz viel…also das Seelenheil meines Schwagers beispielsweise. Und als rheinisches Mädel muss ich natürlich auch die Daumen drücken, damit nach Möglichkeit viele rheinische Mannschaften erstklassig bleiben. Ja gut, so wirklich glaubt keiner daran, dass sie das vermasselte Hinspiel im Rückspiel noch mal drehen können, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so rufe ich zwischendurch mal den Live-Ticker auf und bin völlig perplex, dass die Kölner drei Tore geschossen haben – Holstein Kiel hingegen nur eins. Es wird ein Krimi, da die Kölner zwar gut feiern können, im Siege Einfahren aber eher mäßig sind – selbst wenn sie im Vorteil sind. Und dieses Spiel findet in Kiel mit Fans statt, also nicht auf geweihter, rheinischer Erde! Ich schreibe meinem Schwager, mit ihm einen Hochmoorgeist zu trinken (schlappe 56 %), sollten die Kölner dieses Ergebnis bis zum Ende retten können. Doch das schaffen sie nicht, sondern erweitern ihren Vorsprung auf ein 1:5. Hammer. Also rufe ich brav meinen Schwager an, der wohl sichtlich angespannt war, und trinke nun mit ihm einen Hochmoorgeist, nach dem es mich immer schüttelt. Doch was sein muss, muss sein. Die Jungs haben alles gegeben, dann können wir das auch. Das Zeug brennt sich langsam Richtung Magen und beschert mir einen Schluckauf. Trotzdem bin ich selig. Dabei ist mir Fußball nahezu egal. Aber rheinisches Mitleiden ist einfach ein Muss. Ein Hoch aufs Rheinland!!!

Kindheitsideen

Heute kann ich ausschlafen. Und das genieße ich auch. Trotzdem möchte ich nach wie vor den Schwung nutzen, wenn ich einmal im Leben im Total-Aufräummodus bin. Auf meinem Balkon steht eine Rattan-Truhe, die eigentlich zur Aufbewahrung von Auflagen und Polstern gedacht ist. Ich habe sie vor drei Jahren mit allem vollgestopft, was gerade noch im Weg war. Habt Ihr auch so was oder bin ich da als Einzige so dämlich? Wenn am Ende immer noch Umzugskisten herumstehen und man nicht mehr weiß, wohin mit allem? Und dann will man einfach nur noch fertig werden. Jetzt könnt Ihr Euch vorstellen, wie diese Truhe aussieht. Alles mögliche findet sich in der Kruschpelkiste. Also ist die heute dran.
Und da staune ich nicht schlecht, welche „Schätze“ ich darin finde. Wegschmeißen und entrümpeln wirkt echt befreiend. Meine Cousine hat noch gebeten, was übrig zu lassen, damit sie sich austoben könne. Sie meinte gestern Abend am Telefon (kurz vor dem fulminanten Ende einer wirklich verkackten Finalshow von Germany´s Next Topmodel!!!), sie könne sich so was beruflich vorstellen: Entrümplerin. Ich weise sie mal drauf hin, in was für Buden sie dann tatsächlich käme. Aber nein, sie verfolgt einen ganz anderen Plan: Entrümplerin bei den oberen Zehntausend. Ach ja, wenn wir zwei telefonieren, kommen immer spannende Spinnereien dabei heraus…bisweilen auch ausgetüftelte Folter-Methoden, wobei ich da ganz eindeutig die Nase vorn hab´. Beim Entrümpeln gewinnt sie hingegen haushoch.

Unter anderem komme ich auch an meiner Tücherbox aus. Die steht natürlich nicht auf dem Balkon. Wobei – was ich da alles so finde…puh! Von einigen meiner Tücher trenne ich mich sofort. Aber von dem Tuch, das Tim mir in der neunten Klasse geschenkt hat, kann ich das nicht. Das war damals bei uns voll in. Wir haben uns gegenseitig Tücher geschenkt, die wir gefaltet und um das Handgelenk geknotet haben. Oh mein Gott! Wenn ich das gerade selbst noch mal lese, muss ich echt lachen. Waren wir bescheuert!!! Aber er war mein bester Freund, mein Schwarm und einfach ein cooler Typ, den schlichtweg jeder mochte.
Ich stoße aber tatsächlich auf ein noch viel älteres Tuch. Und ich weiß, dass es bestimmte Begriffe nicht mehr geben soll, was ich absolut verstehe. Als Kind waren wir davon noch meilenweit entfernt. Und so habe ich – entgegen vieler anderer Mädchen, die lieber Prinzessin sein wollten – Zigeunerin sein wollen. Keine Ahnung, woher das kam? Dieses Herumziehen fand ich spannend, aber eben auch die Farben und dieses geheimnisvolle Leben. Dazu habe ich einen Tellerrock (ich nenne ihn so, weil er immer wie ein Teller aussah, wenn ich mich schnell gedreht habe) getragen und mein Zigeunertuch. Es ist ein schwarzes Tuch mit Goldfäden durchsetzt und anderen Farben, wie lila, türkis, grün und blau. Ich habe mir ein „fahrendes Leben“, wie man es uns früher erzählt hat, toll vorgestellt, was Zuhause eher als Spinnerei abgetan wurde. Im Grunde habe ich wohl einen Anteil davon noch in mir. Das Tuch weckt einfach schöne Erinnerungen, daher wird es nicht aussortiert. Alles andere fliegt im hohen Bogen raus.
So ein umherziehendes Leben finde ich nach wie vor spannend. Manchmal denke ich schon auch, es wäre toll, „anzukommen“. Aber ich denke, das definiert eben jeder anders. Mein Fernweh juckt mich ja schon wieder. Ob ich noch mal den Mut aufbringe, einfach so herumzulaufen, wie ich das in Peru getan habe? Dabei lernt man die spannendsten Menschen kennen und sieht andere Kulturen auch völlig anders. Wenn es auch dieses Jahr noch nichts wird, so glaube ich gerade fest daran, dass es dann eben nächstes Jahr wieder möglich sein wird. Und dann wird´s kein Halten mehr geben.
Bis dahin werde ich mich von noch mehr Sachen trennen, damit ich beschwingt losfliegen kann, wenn es denn wieder unter „normalen“ Umständen gehen wird.

was mit dünnem Kaffee beginnt und mit Pfingstrosen endet

Heute ist der letzte Arbeitstag dieser Woche, daher stehe ich so was von beschwingt auf. Ich kann es kaum fassen. Trotzdem bin ich etwas verpeilt…oder einfach nur alt. Ich lasse mir einen Kaffee aus der Maschine und starre auf das Getränk. Ääääh, Bodenseekaffee soll ja schonender sein. Nicht so viel Koffein drin, das den Magen reizen könnte. Da ich aber nur zwei Tassen pro Tag trinke, muss ich eventuell nicht ganz so arg darauf achten. Bis es mir dämmert: Dieses Getränk, das nahezu glasklar daherkommt, ist einfach mal ohne Kapsel ausgestattet worden. Ich habe echt vergessen, eine einzulegen. Guten Morgen! Vielleicht will das Universum mir ja etwas sagen…?

Unser Chef-Chef verkündet heute seinen Weggang. Es dauert noch ein paar Wochen, aber dann verlässt er uns. Nicht das Haus, aber doch unsere Abteilung. Toll, dass ich in diesen Wochen noch erfahren darf, was Ober sticht Unter bedeutet, da ich aufgrund seines zweistündigen Termins das Gebäude mit meinem Workshop, der für vier Stunden angesetzt ist, verlassen darf. Ich mag ja Fragen, wie: „Ist es möglich, dass Du ausweichst?“ Dann habe ich das Gefühl, ich dürfe auch nein sagen. Und so sage ich, dass es zu umständlich sei, da ich Teil eins des Workshops in diesem Raum abhalten und sämtliche Flipcharts und Brownpaper mit den Ergebnissen dort belassen wollen würde für Teil zwei – eben diesen vierstündigen Termin. Die Anfrage kam letzte Woche. Diese Woche fragt die Assistentin noch mal nach, woraufhin ich frage, ob denn nicht der Chef-Chef mit dem kürzeren Termin in den anderen Raum ausweichen könne? Drei Stunden später erhalte ich die Antwort, er könne das nicht. Keine Ahnung, ob er bis dahin eine Fuß-OP hat? Ich muss jetzt auf jeden Fall meinen Termin verlegen. Warum fragt man dann vorher und gibt nicht direkt die Anweisung? Damit die Menschen in der unteren Kaste das Gefühl haben, mitentscheiden zu können? Ach ja, solche Spielchen brauche ich nicht. Dann bevorzuge ich schon fast das Militär. Die geben wenigstens zu, nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam zu leben.

Dann ist es endlich so weit: Ich darf zur Caritas fahren und verspüre ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend. Nicht etwa, weil ich mich von meinem Porzellan trenne, sondern weil die Dame am Telefon letzte Woche so herrisch war. Wer weiß? Vielleicht hat die ja auch beim Militär gelernt? Die Frau, die ich vor Ort antreffe, ist dann aber doch freundlich. Lediglich ihr: „Haben Sie einen Termin?“, erinnert mich an Arztbesuche: „Haben Sie Ihr Versicherten-Kärtchen dabei?“ Ich packe die Ausbeute auf einen Tisch – alles im Freien. Die Dame hinter dem Tisch steht hingegen in der Halle. Sie schaut in die Kartons, dann mich begeistert an und bedankt sich. Im Gegenzug reicht sie mir einen Flyer, auf dem auch die Kontaktdaten stünden, um einen „Click and Collect“-Termin zu vereinbaren, wenn ich denn auch mal etwas kaufen wolle? Ich schaue ihr verzweifelt in die Augen: „Danke, aber…ich habe eher noch mehr abzugeben, als dass ich was Neues kaufen wollen würde.“ Da reagiert sie wieder superfreundlich, dass ich gerne einen neuen Termin ausmachen könne und sie sich über die Spenden freuen würden. Klingt doch völlig anders, als die Dame letzte Woche am Telefon.

Ich habe also wieder Ballast über Bord geworfen. Und dann klingelt es plötzlich an der Tür. Etwas misstrauisch, frage ich über die Gegensprechanlage, wer da sei? Ein „Habe Post“ wird mir entgegengeträllert. Ich habe nichts bestellt. Nun gut, schauen wir mal, ob der Gute sich nicht doch vertan hat. Beschwingt und pfeifend hüpft ein Herr die Treppe hinauf und hält mir ein Paket unter die Nase. Mein „Äääääääh?“ ist für ihn Anlass genug, mich anzugrinsen und zu sagen: „Kriegen Sie Bluuuumen! Toll!“ Dann dreht er sich um, lässt mich verdutzt zurück und hüpft die Treppe wieder abwärts. Mir schießen ein paar Ideen durch den Kopf, bis ich die Karte entdecke und lachen muss: Meine Kollegin, die auf Junggesellinnenabschied war, will sich mit den Blumen bei mir bedanken. Witzigerweise habe ich am Wochenende noch überlegt, meine größeren Vasen eventuell auch auszurangieren, da ich ja doch nie Blumen erhalte. Der unbedingte Glaube daran, mal einen blumenschenkenden Kavalier (was ein schönes, altes Wort!) kennenzulernen, hat mich in letzter Sekunde davon abgehalten. Nun ist es kein Kavalier, was den Blumen keinen Abbruch tut. Die Pfingstrosen werden umgehend mit Wasser und Schnittblumendünger in eine fast ausrangierte Vase gestopft und strahlen mich nun an. Was geht´s mir doch gut, oder?! Damit habe ich nicht gerechnet und finde es auch unnötig…aber ich freue mich wie ein Schnitzel!

brummelhohl

Auch heute ist ein guter Tag. Potzblitz, wenn das mal nicht unfair ist. Im Grunde ereignet sich auch nicht viel. Die Arbeit ist, was sie ist: Arbeit. Und auch Heinz ist, wer er ist: Heinz eben. Eine Kollegin regt sich heute mal wieder über die Maßen auf, weil er sich an getroffene Vereinbarungen nicht hält. Wann hat er das je? Daher bin ich auch da entspannt. Ob das die Ruhe vor irgendeinem Sturm ist? Ich weiß es nicht. „Loope lotte“ – heißt es bei uns so schön. Und so lass´ ich es dann auch laufen. Kostet mich weniger Energie, also ist alles fein.

Doch ein Wort wird heute zu meinem Lieblingswort des Tages gekürt: „Brummelhohl“. Meine liebe Kollegin bezeichnet unseren Chef so. Er sollte sie eigentlich informieren, was er und der Rest der Führungsmannschaft beschlossen haben. Ratet mal, wer das nicht gemacht hat? Richtig. Never change a running system. Und mein Chef ist mit der Methode nun mal seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Doof nur, dass meine Kollegin heute die Info erhält, ab heute ein Projektteam zu betreuen. Das erste Meeting findet knapp zwei Stunden später statt. Die Info hat sie nicht von unserem Chef, der ihr diese vor zwei Wochen schon hätte zukommen lassen sollen. Da schreit man doch hurra, oder? Und wie sie sich da so aufregt, resümiert sie: „Der ist einfach brummelhohl.“ Isser. Auch nix Neues. Aber das Wort schon. Zumindest kannte ich es noch nicht. Und mir gefällt´s. Es passt einfach zu einigen Menschen, die derzeit wieder so kreuchen und fleuchen. Anstatt mich über diese zu ärgern, lache ich lieber darüber, wie brummelhohl sie doch sind.

Und da es nicht mehr zu sagen gibt, ist es heute einfach mal kurz und knackig. Ich hoffe, Euch geht´s gut, Ihr genießt, was Ihr tut, und meidet nach Möglichkeit die bummelhohlen Menschen in Eurer Umgebung. Das macht das Leben nämlich lebenswerter. Darauf ein Likörchen!

Liebeserklärung?

Heute ist ein guter Tag. Warum? Weil es kein Team-Meeting gibt!!! Ja, manchmal braucht´s so wenig, um mich glücklich zu machen. Ich bin entspannt, weil ich kleinen Pöddelskram erledigen kann. Zwischendurch erfahre ich dann von einem ehemaligen Coachee von mir den „neuesten Shit“, wie er es nennt. Ich weiß nun, in welcher Abteilung wir aufgehen werden und wer da Chef bzw. Chefin wird. Von unserer Führungsriege? Schweigen im Wald. Wurde schon x-fach angemeckert, doch bitte immer umgehend die Infos weiterzugeben. Aber auf dem Ohr sind sie wohl taub. Genial auch, dass mein Chef sich bei meiner lieber Kollegin ausjammert, weil der oberste Boss keine Berater mehr haben wolle. Da sehe er seine Felle davonschwimmen. Es ist so bodenlos, was dieser Kerl sich in den letzten eineinviertel Jahren herausnimmt. Er war vorher schon nicht der Hellste, steht mittlerweile allerdings nur noch für Egoismus und Ignoranz. Ich bin so weit, dass mir scheißegal ist, was mit ihm wird…vermutlich weil ich ja weiß, wie weich er fallen wird.

Meine Kollegin, die wir Freitag wegen des Junggesellinnenabschieds vertreten sollten, hat sich heute Morgen auch bedankt und Bilder sowie Videos geschickt. SAT1 hat sie wohl unterwegs zufällig auch noch getroffen, die nun eine kleine Story darüber rausbringen wollen. Ein weiteres No-Go für mich, aber zum Glück sind wir ja alle so hübsch unterschiedlich, damit für alle was dabei ist.

Und dann telefoniere ich mit Herrn Leckebusch. Der Gute hatte gestern Geburtstag. Stolze 82 Jahre ist er geworden. Gestern haben wir uns leider verpasst, was wir dann heute nachholen können. Er ist gutgelaunt, zufrieden und überhaupt. Ach, das tut echt immer gut. Heute erinnert er allerdings auch unsere gemeinsamen beruflichen Zeiten, und schwärmt, wie viel diese ihm bedeutet haben. Wir würden uns ja einfach blind verstehen. Und ich sei ihm ja soooo wichtig…wie sehr, könne er gar nicht in Worte fassen…also nicht am Telefon. „Ach Mädchen, wir zwei könnten ja auch im Taxi heiraten, ne?“ Ääääh. Zunächst schiebe ich das noch auf die Aussage, wie wenig uns mittlerweile die Auflagen und Ansprüche der anderen jucken würde. Aber wie er da so rumdruckst, klingt es fast nach einer Liebeserklärung. Der Schönne ist ja nur 37 Jahre älter als ich, zum dritten Mal – wenn auch nicht sonderlich glücklich – verheiratet, und wir sind immer noch per Sie, woran ich auch nichts ändern möchte. Aussagen, wie: „Ich freu´ mich drauf, Sie mal richtig ausgiebig in den Arm zu nehmen und zu spüren“, befremden mich ein wenig. Ich mag ihn…und er ist ein toller Mentor. Aber ich will nicht SO WAS zwischen uns. Wie kommt Frau aus so einer Nummer raus? Ich sende keine Zeichen, echt nicht! Und ich frage auch immer brav nach seiner Frau. Er war immer schon ein Schwerenöter, aber hört das nicht irgendwann auch mal auf? Alter, er ist 82!!! Ich glaube, er schätzt dieses sich-verstanden-Fühlen, was ich ja auch sehr mag. Es gibt Menschen, mit denen reitet man quasi eine Welle. Und das tun wir in gewisser Weise. Aber mancher Kommentar lässt mich dann doch etwas ratlos zurück.

Da ich noch zur Post muss und einen weiteren Termin in der Stadt habe, beschließe ich kurzfristig – nach elender Wartezeit bei der Post – mir ein fettes Eis zu gönnen. Das bringt einen ja auf andere Gedanken und lenkt von vermeintlichen Liebeserklärungen ab. Zuerst denke ich noch: Das ist mein erstes Eis des Jahres. Doch das stimmt nicht. Ich habe bereits im April eins mit dem Kleinen meiner Sis gemampft. Also ist es mein erstes Eis in „meiner“ Stadt. Ich kann schon manchmal wie Pippi sein und mir die Welt machen, wie sie mir gefällt. Das habe ich Sonntagabend auch gemacht, als ich einfach mal die Top 10 Reiseziele gegooglet habe. Dauert noch, aber ich möchte vorbereitet sein, wenn es dann losgeht…nächstes Jahr oder so. Und dann…ha, dann werde ich es wieder ausgiebig genießen. Mein Winterschlaf scheint gerade durchbrochen. Hoffen wir, dass es anhält – mit oder ohne Liebeserklärung.

Bewerben ist nix für schwache Nerven

Das ist heute der dritte Tag infolge, den ich frei habe. Nur fühlt es sich nicht so an. Das Gute an dieser Woche: Ich arbeite nur drei Tage und habe dann wieder überstundenfrei. Das Vogel-Drama habe ich zum Glück auch überstanden. Es ist allerdings interessant bzw. gut zu erfahren, dass es anderen Frauen auch so geht, wie es mir gestern ging. Ich habe dann schon das Gefühl, völlig übersteigert zu reagieren. Ach ja, das ein oder andere Mürmelchen muss da oben ja auch nicht immer richtig rollen, oder?

Heute packe ich wieder ein paar Dinge in der Bude an. So einen Eifer habe ich noch nie dabei entwickelt. Und so vieles auf einen Schlag, habe ich auch noch nie entsorgt. Meine Cousine meinte schon, meine Bude sei jetzt völlig leer, aber…weit gefehlt. Es ist immer noch einiges, das hier ein Zuhause hat. Doch ich reduziere. Irgendwie ist mir danach, gerade richtig auszumisten und Ballast abzuwerfen. Ich bin wohl so einiges satt. Auch dieses nicht-loslassen-Können allgemein in meinem Leben, möchte ich wohl gerade auf den Prüfstand stellen. Und dabei hilft es mir eben, im Außen einiges zu entsorgen – so esoterisch das auf den ein oder anderen auch wirken mag. Wenn dann weniger einzupacken ist, packe ich vielleicht auch schneller einen Umzug an? Denn irgendwie stehen die Zeiten gerade auf Bewegung und Umbruch. Noch nicht sofort, aber in den nächsten Monaten. Und dann will ich nicht erst in dem Moment alles ordnen, sortieren und kramen müssen.

Und dann schreibt mich plötzlich mein kleiner Neffe an und bittet mich darum, doch mal über seine Bewerbung zu schauen. Puh! Ich gebe ja zu, das ist mir früher auch schwergefallen. Was mich heute manchmal befremdet, ist die Selbstverständlichkeit, die „die Jugend“ an den Tag legt. Oh Gott, dass ich mal so was sage! Aber die Schulen bereiten so gar nicht auf das Wesentliche im Leben vor. Dann gibt es mal eine Stunde „wie schreibe ich eine Bewerbung“, aber wirklich nachhaltig, ist das nicht. Wenn ich dann so zurückschaue, stelle ich entsetzt fest, dass es das bei uns auch schon nicht gab. Und geholfen hat uns damals auch keiner. Wie auch? Ich weiß nicht, ob meine Mom jemals eine Bewerbung verfasst hat? Sie war zunächst in einer Fabrik beschäftigt und später Putzfrau. Und mein Vater hat, seit ich ihn kenne, immer nur die Stelle als Hausmeister gehabt. Von dieser Seite konnte also keine Unterstützung kommen. Ich hatte damals fest auf eine Krankenschwester-Ausbildung gehofft und bin ins Bodenlose gestürzt, als die keine Abiturienten genommen haben. Wäre mein damaliger Freund nicht mit dem Studi-Verzeichnis um die Ecke gekommen, weiß ich auch nicht, was ich gemacht hätte. Ich wusste nur eines ganz sicher: Keine zehn Pferde hätten mich in ein Amt bekommen. Schon lustig: Mir ist es immer besser gelungen, zu sagen, was ich nicht will, als das zu äußern, was ich denn wirklich will.
Wir haben damals nicht unbedingt gedacht, alle würden nur auf uns warten. Mir wurde noch eine Demutshaltung beigebracht. Selbst heute sagt meine Mom noch zu mir: „Du kannst so dankbar sein, dass Du einen Job hast!“ Ääääh, ich arbeite auch dafür – wenn auch derzeit nicht so glücklich und beschwingt, wie es eigentlich sein sollte. Und der „Kleine“ hat natürlich so richtig Bock, sich da gerade reinzuknien…ääääh, richtig, gar nicht. Ich bastel´ noch für ihn an einem Lebenslauf herum, was ihm auch schon auf den Zeiger geht. Bei „Hobbies“ will er nur Fußball angeben. Er hat auch andere Interessen. Und so fragt die blöde, lästige Tante: „Jetzt wirst Du eingeladen, und der Personaler fragt Dich: `Was hast Du denn während der ganzen Corona-Zeit gemacht?` Was antwortest Du ihm dann?“ Seine ehrliche Antwort: „Ja, nicht viel, ne? Was soll man denn da auch machen?“ Dabei hat er schon an den handwerklichen Projekten seines Bruders mitgeholfen. Oder ich frage nach seinen Stärken und ernte ein: „Weiß ich nicht.“ Auf so etwas sollte Schule auch hinarbeiten: Dass die Kinder und Jugendlichen sich viel mehr ihrer Stärken bewusst werden und damit auch besser herausfinden, was zu ihnen passt. Es ist schon zäh. Und so sitze ich dann zwei, drei Stündchen nur an dieser Bewerbung samt Lebenslauf. Sein trockener Kommentar von ihm, als ich noch mal anrufe: „Musst Du auch nicht alles heute machen. Es reicht irgendwann diese Woche.“ Da bin ich aber dankbar.
Wenn doch schon so viel Unterricht ausfällt (ja, immer noch), sollten die Schulen so was ins Programm aufnehmen und die Schüler bei ihren Bewerbungen unterstützen, oder? Vermutlich erwarte ich mal wieder zu viel von den armen, gebeutelten Lehrern. Sie haben ja schon genug Energie aufzubringen, indem sie sich standhaft gegen die Umstellung auf digitalen Unterricht wehren. Ja, es gibt sie immer noch, die rühmlichen Ausnahmen. Die Regel sieht allerdings anders aus.

Jetzt geh´ ich Richtung Bett und lese noch etwas. Mein Chef hat zum Glück vergessen, unser wöchentliches Meeting zu verschieben. Der Montag fällt also mit all seiner Konsequenz aus. Wenn das mal kein Grund zur Freude ist! Ich wünsche Euch einen zauberhaften Wochenstart. Es wird schon werden…

die Reife einer Fünfjährigen

Der heutige Tag startet eigentlich besser. Zwischendurch plästert er draußen (=starkes Regnen), bevor dann wieder die Sonne durchkommt und sich verstrahlt gibt. Mein Elan ist nicht ganz so groß, daher lasse ich es gemütlich angehen. Doch gegen Mittag überkommt mich dann wieder der Eifer, weil ich unter anderem die CD-Schublade noch nicht aussortiert habe. Mal ehrlich: Wer von Euch hört noch ganz klassisch CDs? Ich nicht mehr. Ich konsumiere Musik nur noch über MP3. Ich weiß, dafür ernte ich jetzt wahrscheinlich einen Shitstorm, aber es ändert nichts daran, dass ich diese CD-Schublade bereits 2011 angelegt habe. Damals bin ich nach Germering gezogen. Dann habe ich diese volle Schublade von Germering nach Aachen mitgeschleppt. Dabei habe ich in Germering nur noch ein bis zwei CDs überhaupt im Einsatz gehabt. In Aachen habe ich dann gar keine CD mehr hieraus in den Player gelegt. Nostalgische Gründe oder weiß der Henker, was, haben mich dazu bewogen, sie dennoch nicht auszuräumen. Und nun öffne ich also die Schublade eines alten Schranks und packe die CDs in Tüten. Ich werde sie wegwerfen. Da ich sie in den Hausmüll werfe, was ja erlaubt und auch richtig ist (das würde ja kein Sperrmülldienst der Welt abholen), schaue ich schon noch durch, ob da nicht auch Foto-CDs dabei sind. Die und auch ein paar Datensicherungs-CDs sortiere ich natürlich aus. Und dann fällt mir plötzlich auf: Auf ganz vielen CDs steht hinten mein Vor- und Zuname drauf. Mein Ex, dessen Briefe ich vorgestern ja noch letztmalig gelesen habe, hat vor Urzeiten (die Bezeichnung verdient es, denn wir reden hier von einer Zeit vor ca. 24 Jahren) mal unsere CDs beschriftet. Einige mit seinem Namen, einige mit meinem Namen. Mir fällt gerade auch, das hätte ich mal mit unseren Möbelstücken, Porzellan und dergleichen auch veranstalten sollen. Da hätte er nahezu ohne alles in seiner Bude gehockt. Egal. Jedenfalls will ich natürlich nicht, dass im Hausmüll zwei Tragetaschen voller CDs liegen, die zur Hälfte meinen Namen tragen. Jetzt war mein Ex ein Mensch, der sehr….ääääh…akribisch war. Er hat nicht etwa das Booklet mit Edding verziert, sondern das Blatt, das hinter der CD steckt. Es reicht also nicht, die CD zu öffnen. Nein, ich muss auch noch alles einzeln auseinanderziehen, um an das beschriftete Blatt zu gelangen – nicht selten bricht da was aus Plastik ab. Wieder mal eine Arbeit, um meine Geduld zu üben. Bei den Datensicherungs-CDs packt mich dann doch die Neugierde, also schaue ich rein und lache mich über die Fotos schlapp. Mein Gott, wie viele Fotos habe ich allein von meinen Neffen gemacht??? In allen möglichen und unmöglichen Stadien. Ich könnte etliche Fotobücher von ihnen erstellen.

Und als ich da so sitze und vor mich hinlache, gibt es plötzlich einen Laut von der Balkontür her. Ein Vogel ist dagegengeflogen. Voller Panik laufe ich hin und sehe das arme Kerlchen am Boden liegen. Aber er ist nicht tot, sondern atmet. Allerdings liegt er auf dem Rücken. Ich bin vollkommen hilflos. Kennt Ihr das? Ich weiß, es ist „nur“ ein Vogel. Aber es ist ein Lebewesen. Da leide ich ja mit. Er bewegt seine Krallen und hechelt vor sich hin. Als ich ihm mit einer Pipette Wasser geben möchte, versucht er, auf die Beine zu kommen. Er schafft es kurz, kippt dann wieder auf den Rücken. Wie so ein alter Mensch, der sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Und ich weiß, dass das manch einer lächerlich finden mag. Doch mir blutet das Herz. Entsetzt beobachte ich, wie der kleine Kerl sich abmüht, um dann irgendwann auf dem Rücken liegen zu bleiben, die Flügel kurz zu spreizen, bevor dann ein richtiges Beben durch ihn hindurchgeht. Danach bleibt er regungslos liegen und atmet auch nicht mehr. Ja, es klingt dramatisch…und ist es für mich auch. Mir rennen die Tränen nur so runter. So was kann ich gar nicht aushalten. Es wäre schon schlimm genug gewesen, wenn er gegen die Scheibe gedonnert und sofort tot gewesen wäre. Aber so? Das kann ich nicht ertragen. Ich weiß, ich vermenschliche ihn gerade. Doch weiß man ja mittlerweile, dass auch Tiere trauern können und auch Gefühle haben. Nein, nicht nur Affen. Dann denke ich: Da draußen wartet jetzt jemand auf ihn und erfährt nie, was passiert ist. Ja, völlig überzogen…und trotzdem fühlt es sich so an.
Ich bin so schlecht darin, Abschied zu nehmen. Vom wichtigsten Menschen in meiner Kindheit konnte ich das nicht. Auf der einen Seite bin ich sehr nüchtern und rational. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, ich sei „digital“. Und das bediene ich durchaus auch. Und dann gibt es Momente, da bin ich so hochemotional, dass ich denke, mein Herz bricht beim Anblick eines sterbenden Vogels. Das war als Kind schon so. Alle Tiere, die ich tot aufgefunden habe, habe ich beerdigt – mit Gesang und gebührender Trauer. Schon bekloppt, ich weiß.
Irgendwann ruft dann meine Sis an, die was Positives nach all dem Mist der letzten Tage hören will. Aber ich kann nicht und plärre so richtig los. Zum Glück versteht sie es. In ihrer Einfahrt lagen zwei tote Vögelchen, die aus einem Nest gefallen waren. Da hat sie nur ihre Jungs beauftragt, die zu entsorgen, weil ihr das auch zu leid tut. Woher kommt so was? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es besser, als ich mal so richtig vor ihr rumgeheult habe. Dass Vögel gegen Fensterscheiben fliegen und sterben, passiert tagtäglich…auch wenn es das für den Moment nicht besser macht. Hoffentlich verirrt sich kein Vögelchen mehr mit Vollkaracho in die zweite Etage. Ich stehe solche Schluchzer nämlich nur alle sieben Pfingsten durch. Dabei haben wir gerade Pfingsten – wie passend. In meiner Welt soll einfach keiner sterben – weder Mensch, noch Tier. Stellt Euch vor, wie ich gerade auf den Boden stampfe. Ja, in etwa die Reife einer Fünfjährigen…so fühlt´s sich auch an. Ist wohl manchmal so.

müde, platt, ausgepowert

Kennt Ihr das? Das Bett ist abgezogen. Ihr malocht den ganzen Tag über so sehr, dass Ihr Euch am Abend dann nur noch hinsetzen wollt. Aber Ihr wisst auch: Wenn Ihr jetzt das Bett nicht neu bezieht, seid Ihr nachher nicht mehr dazu in der Lage. So fühle ich mich gerade. Aber schön der Reihe nach.

Ich habe keinen Wecker gestellt und blinzle irgendwann auf die Uhr. Das kann nicht wahr sein. 8:31 Uhr! Krass. Ich hätte wetten können, ich werde wieder gegen sechs Uhr war. Herrlich. Ich fahre einkaufen und amüsiere mich mal wieder über die Hektik der Leute. Irgendwann lädt eine Frau einen Kasten Bier in den Einkaufswagen ihrer Mutter. Ihr eigener steht daneben – mit dem kleinen Rotzigen inklusive. Ist ja gleich erledigt, also warte ich kurz, denn so ist da kein Durchkommen. Dann nehmen mich Mutter und Tochter wahr und entschuldigen sich postwendend, sie seien sofort weg. Ich zucke mit den Schultern und sage: „Machen Sie mal langsam. Wer samstags einkaufen geht, sollte keine Ungeduld im Gepäck haben, oder?“ Die ältere Frau nickt: „Aber trotzdem sind alle motzig drauf und schnauzen einen sofort an.“ Ich zwinkere ihr ein Auge und sage: „Ach, einfach weglächeln. Das ärgert solche Deppen am meisten.“ Da meldet sich ihre Tochter zu Wort und kommentiert: „Mit Maske sehen die das doch nicht.“ Ich grinse und sage: „Doch. Ich sehe das ja jetzt auch an Ihren Augen.“ Sie lacht auf und sagt: „Ok, da haben Sie gewonnen.“ Da meldet sich der Rotzige aus dem Hintergrund und zeigt auf mich: „Eins zu Null für Dich!“ Da prusten wir dann alle los. Manche Menschen sind einfach nett. Und die Grummelpitter sterben eben nie aus. Also ignoriere ich sie einfach.

Zurück Zuhause, schmeiße ich die erste Waschmaschine an. Und dann geht´s auch schon den Taschen und Schuhen ans Leder – wortwörtlich. Bei den Taschen komme ich auf acht, die jetzt nicht mehr hier wohnen. Bei den Schuhen….ääääh…habe ich nicht gezählt. Da kam ein ganzer blauer Sack zusammen. Ich bin echt ein Hamster. Aber wer noch Briefe aus der Schulzeit aufbewahrt, bis er 44 Jahre alt wird, ist wohl mit allem so. Meine Cousine hat sich gestern angeboten, an meiner Stelle bei mir auszumisten. Äääääh, nö. Dann habe ich nachher nur noch ein Zehntel meiner Sachen. Aber sie hat mir einen Tipp gegeben: Die Sachen, die ich nicht der Caritas geben kann (weil die ja nur vollständige Service haben wollen), soll ich in eine Kiste packen und an die Straße stellen – mit einem Schild „zu verschenken“ versehen. Das kann ich ja nicht. Gut, als ich in meiner Butze in Aachen Sperrmüll angemeldet und am Abend vor der Abholung alles rausgestellt habe, war innerhalb von zwei Stunden alles weg. Da staune ich ja immer. Ich packe also vier Kisten für die Caritas und dann noch eine für die Straße. Aber alles packe ich nicht ins Auto. Zunächst mal nur Schuhe, Taschen und Bettzeug (nicht das frisch abgezogene!). Und dann die Kiste, die ich an die Straße stellen will. Ich komme mir wie ein Schwerverbrecher vor. Oh man, kann mal einer mein Über-Ich ausknipsen?! Zunächst bestücke ich den Altkleider-Container, bevor ich mich dann hektisch umschaue. Da kommt gerade keiner…doch, da hinten erblicke ich jemanden. Ich tu´ so, als müsste ich irgendwas am Auto nachschauen. Mit mir könnte man keine Bank überfallen – so viel steht mal fest. Irgendwann, als ich niemanden erblicken kann, packe ich die Kiste auf den Bürgersteig. Und dann fahre ich zügig weg. Hoffentlich regt sich keiner über die Sachen auf, sondern es findet jemand Gefallen an all den großen Schalen, Teelicht-Halterungen, Vasen usw. Meinen Kofferraum belade ich als Nächstes mit den Kisten für die Caritas. Ich mag es nicht, wenn dann tagelang alles hier vollsteht. Durchs Home Office würde es mir dann permanent ins Auge fallen.

Die Wäsche ist versorgt, noch mehr Papier in der Tonne verstaut, die Spülmaschine ausgeräumt, das Bett neu bezogen…und mein Rücken ächzt. Das euphorische Gefühl der letzten beiden Tage will sich nicht einstellen. Dafür bin ich wohl zu müde. Wer weiß, ob ich morgen noch ein bisschen krame und prusche oder ob ich einfach nur rumlungere? Wir werden sehen. Das entscheide ich, wenn ich weiß, was mein Rücken morgen sagt. Ja, meiner spricht zu mir. Eurer nicht zu Euch? Aber mehr Platz in den Schränken ist schon schön. Morgen freue ich mich auch wieder. Doch heute bin ich zu müde und erledigt dafür.

Befreites Aufatmen

Gestern Abend ist es noch nett mit den Meeeeedchen. Es läuft nicht ganz so, wie ich das gedacht habe, aber am Ende stehen die Mädels im Finale, auf die ich getippt hatte. Ob mich das nun glücklich macht? Nö. Das zeigt nur, wie vorhersagbar manches ist. Und das ist ja hin und wieder auch ganz nett in dieser Zeit, wo so vieles eben nicht vorhersehbar ist.

Heute Morgen sagt die Kollegin, die heute zu ihrer Junggesellinnenparty startet, Termine in der nächsten Woche ab. Ich bin fast schon panisch, da wir ihre Termine im Kalender ja nicht gelöscht haben. Nicht, dass sie sich noch in ein Meeting einwählt, bevor ihre Freundinnen sie einsammeln und die Kollegen dann die Tour vermasseln – nach dem Motto: „Watt machste denn noch hier? Wir dachten, Du bist schon angeschickert auf der Party?!“ Daher rufe ich sie zügig über Skype an und erwische wohl den richtigen Moment. Im Hintergrund wird rumgekreischt. Die Mädels sind also angekommen und schlürfen jetzt erstmal Prosecco. Na, dann hat ja doch noch alles geklappt.
Beruhigt widme ich mich den weniger aufregenden Themen dieses Tages. Meine liebe Kollegin hat gerade richtig die Schnauze voll. Sie muss schon seit längerem Aufgaben machen, die eigentlich in den IT-Bereich fallen. Das nimmt unser Chef zum Vorwand, ihr zu sagen, sie würde sich ja nicht zur Beraterin weiterentwickeln, weshalb sie in keine höhere Entgeltstufe gelangen könne. Dabei ist das der Hohn schlechthin. Und so langsam reicht´s ihr auch. Sogar der Chefchef ist sich voll und ganz im Klaren darüber, dass sie eigentlich Arbeit macht, die eine andere Abteilung machen müsste und nur sie das retten könne, aber er hält daran fest. Sie übernimmt also Programmier-Arbeiten, bekommt aber weiterhin Micky Mouse Geld. Bei einem kurzen Austausch kotzt sie sich aus und warnt mich vor, montags nun auch in das Jammerhorn zu blasen. Anders würde sich ja eh nichts bewegen. Sollte dann immer noch keine Veränderung reinkommen, wolle sie sogar das Team verlassen. Oh, wie gut ich sie verstehen kann. Die nächsten Monate werden ja ohnehin einige Umstrukturierungen stattfinden. Mal schauen, wo wir uns dann wiederfinden?

Ich mache zeitig Feierabend, weil es mich gerade echt juckt. „Ausmisten“ ist das neue Yoga – zumindest in meiner derzeitigen Welt. Als Erstes rufe ich bei der Caritas an und frage nach, ob sie in ihrem Sozialkauf an Porzellan interessiert seien? Die echt ruppige Dame antwortet: „Einzelteile brauchen wir nicht! Was haben Sie denn?“ `Freundlichkeit im Gepäck´, möchte ich schon sagen, verkneife es mir dann aber doch lieber. Ich habe schon zusammenhängendes Service abzugeben. Sechs Teller mit Schüsseln und Platten. Oder auch ein sechsteiliges Tee-Service. Mir wird dann – immer noch pampig – ein Termin nächsten Donnerstag vorgeschlagen: „Aber nur eine Viertelstunde! Und wir packen hier nix um. Die Kiste, in der Sie das Zeug bringen, bleibt also hier.“ Ah ja. Irgendwie kommt es mir gerade nicht wie eine gute Tat vor, sondern fühlt sich eher an, dass ich noch dafür zahlen darf, Geschirr abzugeben. Ich kann´s auch in die Tonne schmeißen…nur gibt es meines Erachtens nach genügend Menschen, die sich eben nichts kaufen können. Dazu habe ich ausschließlich teures Porzellan, weil ich in meiner Oberstufen- und Uni-Zeit in einem Porzellanladen gejobbt habe. Wir reden also von Rosenthal und Villeroy & Boch. Und selbst, wenn es von IKEA wäre, fänd ich diese Unfreundlichkeit deplatziert. Aber es ist Freitag. Wahrscheinlich ist die Dame einfach genervt von der Woche.

Als Nächstes packe ich eine große Kiste aus, die voll mit Kram ist, den ich jahrelang nicht angeschaut habe. Rigoros, wie ich sonst nie beim Entsorgen vorgehe, schmeiße ich etliches sofort in einen Müllsack. Unter den Sachen befinden sich auch sechs vollgeschriebene College-Blöcke mit meinem besten Freund (und Schwarm) aus der Mittelstufe. Richtig, Mittelstufe! Da war ich noch nicht mal 16. Das schmeiße ich ungelesen nun doch endlich mal weg. Und dann entdecke ich noch einen Karton mit Briefen und Karten von meinem Ex. Puh! Der konnte im ersten Jahr richtig nett schreiben. Ich lese mir die Briefe in der Tat alle noch einmal durch. Da stehen durchaus auch nette Sachen drin…aber es sind eben auch schon seine Dämonen zu erkennen. Irgendwie ist das schlimm, oder? Er war echt sehr intelligent…fast schon hochintelligent. Aber er hängt dennoch an der Flasche und hat dadurch so vieles zerstört – nicht nur seine Intelligenz. Keine Ahnung, warum ich das so lange aufbewahrt habe…und auch, warum ich das jetzt noch mal lese? Nur jetzt kann ich das gerade loslassen. Ich lese es, erinnere mich auch an die erste, schöne Anfangszeit…ans Erwachsenwerden…und kann es verabschieden. Ich mache quasi gerade Frieden damit. Man, man, man, das fühlt sich schon echt gut an.
Mit Bodylotions, Tübchen, Cremes mache ich weiter. Heute bin ich in Wegwerf-Stimmung. Zwischendurch telefoniere ich mit meiner Sis, die leider absagen muss. Es wird ohnehin über Pfingsten voll werden, aber in erster Linie kommen sie nicht vorbei, weil sie wieder ganz arg Rückenprobleme hat. Das ist schon schade, aber ich sage ihr auch ehrlich, dass ich die Zeit so auch ganz gerne nutze, um hier noch viel mehr auszumisten. Wenn ich einmal dabei bin, möchte ich diesen Flow nutzen, weil ich den in dem Maß nicht kenne. Es ist herrlich befreiend! Ok, und staubig. Meine Augen sind richtig gereizt. Aber das befreiende Gefühl macht es allemal wett. Loslassen, entrümplen, um dann zu neuen Abenteuer aufbrechen zu können. Das fühlt sich wunderbar an. Das Wochenende kann also kommen.