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Leben und doch so unwirklich…

Da hocke ich nun in meiner Ferienwohnung und verbummel´ den Tag. Sie hatten gemeldet, heute wäre überall strahlend blauer Himmel zu sehen. Ist aber nicht so. Daher habe ich meinen Hintern auch nicht aus der Butze bewegt und mir – wie ursprünglich gedacht – ein Eis gekauft. Die Eisdiele soll nämlich super sein…und der italienische Eisverkäufer quasi die Kirsche auf dem Eishörnchen. Naja, das bzw. den muss ich mir wohl ein anderes Mal anschauen.

Tja, die ersten Tage sind also geschafft. Mein Gefühl dazu? Es läuft… Ich fühle mich bisweilen wie in einem out-of-body-Erlebnis. Irgendwie schaue ich aus der Vogelperspektive zu. Das mag daran liegen, dass mein Hirn mich wohl etwas schützen will, damit ich nicht in Panik verfalle. Zwei Tage habe ich gearbeitet, bevor ich dann fürs Theater mal eben so 1300 Kilometer an einem Wochenende abgerissen habe. Zusätzlich zu all den Informationen, mit denen ich hier privat und fachlich gefüttert werde, war das schon etwas üppig. Wahrscheinlich war ich aus diesem Grund gar nicht aufgeregt, als ich meinen ersten Tag hatte. Gedanklich hat es mich da nämlich schon sehr gegruselt, wie ich bei der Wetterlage am Wochenende so mit dem Auto durchkommen würde.

Nun könnte ein schlauer Mensch einwerfen: „Wieso nimmst Du da nicht den Zug?“ Tja, hätte ich glatt gemacht, nur wohne ich gerade echt am Arsch de Brie. Ich hätte mehrfach umsteigen müssen und für eine Strecke achteinhalb bis elfeinhalb Stunden einkalkulieren müssen. Nein, nicht doch, da muss man nicht auf die Bahn schimpfen. Die ist in der Tat echt nicht schuld. Es liegt an meinem etwas abseitigen Wohnort, der aber auch ganz idyllisch ist. Die Ferienwohnung ist superschön und die Nähe zu meiner Freundin auch richtig toll. Da nimmt man eben solche Einbußen hin. Und es ist gut so, denn dadurch wird mir deutlich, dass ich meine zukünftige Wohnung nicht hier herum suche.

Und da kommen wir zu des Pudels Kern: Die Wohnungen hier sind seeeehr dünn gesät. Sie sind überteuert, aber vor allem einfach sehr rar. Da muss man dann auch manches inkauf nehmen. Die erste Bude war der Klopper: Die Wohnung war kleiner, als angegeben. Damit aber nicht genug. Ich hätte 2,4 Brutto-Monatsmieten Honorar zahlen müssen. Nicht erlaubt? Richtig, aber der Typ war ja Österreicher – genau wie seine Immobilienfirma. Daher gelte österreichisches Gesetz. Is klar. Und auch damit noch nicht genug. Der alte Mann meinte dann auch noch, mich anbaggern zu müssen. Äääääh…selbst wenn die Wohnung ein Träumchen gewesen wäre – und davon war sie meilenweit entfernt – hätte ich mich für die Bude garantiert nicht selbst verkauft. Das Gute an meiner alten Tätigkeit bei der Versicherung: So was kann mich nicht mehr schocken.

Zwei andere Wohnungen habe ich mir nun noch angeschaut, aber beide sind wohl zu weit ab vom Schuss. Mit Familie wären beide Orte sehr schön gewesen, aber ich bin nicht in den Süden gegangen, um hier allein auf dem Land zu hocken. Daher muss ich weitersuchen. Ihr dürft gerne die Daumen drücken.

Die Arbeit macht bislang Spaß, und ich kann mich sogar schon etwas einbringen, was mir natürlich sehr gefällt. Erstmalig habe ich nicht das Gefühl, hier nicht lange bleiben zu können. Bisher war es immer recht schnell klar, dass ich nur für eine bestimmte Zeit verweilen würde, aber dieses Mal scheint es anders zu sein. Ich lass mich überraschen. Das Konzept wirkt stimmig auf mich, die Perpektiven interessant und das Produkt einfach genial – auch wenn ich so gar nichts von technischen Dingen verstehe. Muss ich ja aber auch nicht…was hab´ ich nur für Glück! So wie damals, als ich im Abi Mathe abwählen konnte. Wenn´s läuft, dann läuft´s.

Gerade bin ich noch etwas platt von den letzten zwei Wochen, schätze aber, der Gewöhnungseffekt stellt sich schnell ein, so dass ich dann auch bald innerlich ankomme. Und dann werde ich zu meinem geliebten Ammersee fahren, den Englischen Garten genießen und durch München schlendern, als sei ich nie weg gewesen. Spätestens wenn ich meine erste Brotzeit in einem Biergarten auspacke, weiß ich, dass ich in Bayern bin. A guat´n.

To pöngel´ or not to pöngel´…

Die Sonne ist draußen!!! Die Vögel zwitschern, ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Zu früh gefreut, ich weiß. Es bleibt natürlich nicht so, aber die Sonne genieße ich dann doch sehr. Sie hilft mir zwar auch nicht bei der Wohnungssuche in München, aber sie beflügelt zumindest ein bisschen beim Gedanken daran, was auf mich wartet. An dieser Stelle: Sollte einer eine Idee haben, wie ich an eine Bude am Rand von München kommen kann, ohne dafür Rockefelle heißen zu müssen, dann immer her mit den Vorschlägen.

Was mich bei diesem Wetter wundert: Wieso macht es die Leute nicht etwas schneller? Wie viele Schnarchnasen hatte ich nicht vorhin wieder im Auto vor mir? Sind sie bereits jetzt von der Sonne geblendet? Bei 35°C kann ich verstehen, wenn sie langsam werden, aber es ist was um die sechs Grad! Da kann man also noch frohgemut Gas geben.

Im Einkaufsladen waren die Leute dann auch wieder völlig verwirrt. Manche bleiben ja tausend Jahre stehen, gucken doof durch die Gegend und legen NIX in den Wagen. Ganz schlimm: Begleitmänner. Ja, nicht solche, die man für eine Nacht buchen kann. Nein, die Sorte: EHEMANN. Meist älteren Semesters, die es nicht hinbekommen, sich allein anzuziehen. Und so verhalten sie sich auch beim Einkaufen. Krampfhaft halten sie den Einkaufswagen umschlungen. Mütterken könnte sie ja sonst nachher nicht mehr finden. Vermutlich würde Mütterken sich darüber mal freuen. Und dann stehen diese Herren in ihrer verkrampften Haltung wirklich nahezu ausnahmslos im Weg herum. Aaaaaah! Da könnte ich dann verzweifeln. Und ja, auch da lebe ich meine Gewaltphantasien aus…immer nur theoretisch, klar. Einmal Anlauf nehmen und mit Vollkaracho in die Hacken fahren. Oder sie ins Gemüse oder gar in die Kühltheke schubsen. Hach, meine Vorstellung vom Himmel.

An der Kasse lasse ich dann einen Typen mit verwirrtem Welpenblick vor. Ich weiß, falsche Erziehung. Aber der Kerl hat nur ein Brötchen in der Hand. Wenn der nun hinter mir zappeln würde, ginge mir das noch mehr auf den Zeiger. Und dann kommt Ömken angezockelt. Da liegt meine Ware schon auf dem Band. Doof nur, ich komme nicht an das Trennstück heran und sie noch nicht ans Band, um aufzulegen. Kurzerhand packe ich mir ihre Waren aus dem AOK-Shopper und lege sie aufs Band. Gut erzogen, wie die Dame ist, bedankt sie sich lieb bei mir und sagt dann: „Da komme ich ja nisch so juut dran, auch wenn isch sonst noch fit bin, ne?“ Ich nicke. Das ist sie in der Tat. „Isch bin nämlich im Dezember 90 geworden.“ Ich halte inne. WIE BITTE???? Und wieso sieht die dann noch so fit aus? Sie grinst, als ich sie die Zahl wiederholen lasse. „Ja, isch hab´ misch immer beweecht. Datt is datt Rezept dafür. Zum Ausruhen hatten mer keine Zeit, wa?“ Hammer. Diese kleine, grinsende Omma ist echt schnuffig. „Un watt soll ich misch jetz beschweren? Hab´ ich kein Zeit für. Mein Mann is auch 90 jeworden. Aber der kühmt und kühmt. Datt wär´ misch zu lästisch! Immer: `Kannste misch ma hier pöngeln, kannste misch ma da pöngeln´?! Nee, datt wär´ et noch, wenn isch auch mit so watt anfangen tät.“

Ok, kurze Übersetzungshilfe für Nicht-Rheinländer: „Kühmen“ steht für „stöhnen, sich beschweren, jammern“. Und pöngeln? Tja, kann man das überhaupt übersetzen? Kleine Babys werden gepöngelt, wenn man sie auf den Arm nimmt und durch die Gegend trägt. Das macht Ömken natürlich nicht mit ihrem Mann…es geht eher um das Sich-Kümmern-Hegen-und-Pflegen.

Die Omi gefällt mir, also zwinker´ ich ihr ein Auge und frage: „Tun das nicht alle Männer?“ Da lacht sie und stimmt mir zu: „Meine Omma hat schon gesaacht, wennste alle Männer in nen Sack packst und drauf schläächst, triffste immer der Rischtije.“ Recht hat sie – grammatikalisch nicht so recht, aber inhaltlich eben schon. Und darauf kommt es doch wohl an.

Die Menschheit teilt sich wohl in die, die gepöngelt werden wollen/ müssen, und die, die gut allein zurechtkommen und sich einfach durchschlagen. Die Kassiererin und ich sind uns dann aber einig: Wir wollen wie die Omma mit 90 auch noch so rumpesen und über die Männer lästern. Dann sind wir nämlich noch fit geblieben.

Mach halt ´s Maul auf

Ganz schön komisch, wie schnell sich die Dinge immer wieder ändern. Manchmal sitze ich da und frage mich, wieso alles immer nur so vor sich hinplätschert. Und dann, Rubbeldiekatz, überschlagen sich die Ereignisse. Die reißen mich mal mehr, mal weniger mit. Hinterher schaue ich dann nur etwas verwirrt zurück und denke: „Ja, wennde das ma eher gewusst hättest…wär´ der ganze Stress ja gar nich nötig gewesen.“ Hätte, hätte liegt im Bette. Und was lerne ich daraus für die Zukunft? Nix, versprochen.

Im Grunde weiß ich ja, dass sich immer alles fügt. Aber wer zum Teufel ist eigentlich für die dämliche Verteilung von Geduld zuständig gewesen? Und wieso hat mich dieser dumme Sack so wenig bedacht? Und: Wo kann ich mich – verdammte Axt – beschweren?! Ehrlich. Ich bin absolut dafür, dass mal einer eine Abreibung für dieses Versäumnis bekommt. Man hat mich da nämlich sträflich vergessen. Dabei ist es ja gar nicht mal so einfach, mich zu übersehen.

Apropos Abreibung: Kennt Ihr das auch? Rachegelüste. Ich schwelge manchmal regelrecht darin. Allein, ich setze sie nie um. Mir reicht es ehrlich aus, mir das vorzustellen. Bei manch einem juckt es schon in den Fingern, das gebe ich zu. Aber nach Ausleben meiner Phantasie bin ich echt zufrieden. Irgendeiner müsste ja anschließend auch immer sauber machen. Und dazu hätte ich mal so gar keine Lust. Blut soll ja ganz schön klebrig sein. HALLO?!?!?! Nein, ich tu´echt nichts…also fast nichts.

Ganz anders ist es da, wenn es dann mal zu solchen Erlebnissen kommt, die einen irgendwie zum Handeln zwingen. So geschehen letzte Woche. Ich habe mich über meine Bankfrau geärgert. Sie hat geredet – und zwar über mich zu anderen. Nein, nicht, wie traurig die Bilanz meines Kontos sei, sondern über Privates, das wir zuvor bei einem Bankgespräch ausgetauscht hatten. Keinen Klatsch und Tratsch. Dumm nur, dass sie es an der falschen Stelle gesagt hat. Zum Glück war es ein Samstag, an dem ich das erfahren habe. Da blieb genügend Zeit, sich so richtig aufzuregen, ganz viel Phantasien durchzuspielen und wieder auf dem Boden anzukommen. Trotzdem geht so was nicht. Nächste – wie ich finde schon rationalere – Überlegung: Ich kündige mein Konto auf. War nicht das erste Mal, das mich die Bank aufgeregt hat. Aber…wenn ich jetzt noch umziehe und tausend Dinge erledigen, recherchieren und packen muss, brauche ich nicht noch eine neue Bank. Da müsste ich allen Abbuchenden die neue Verbindung zukommen lassen. Wenn ich da eine vergesse, kommt die drecks Schufa schon direkt angerannt.

Hm…also blieb mir nur die Konfrontation. Meine Erziehung sagt, dass man respektvoll sein soll. Wenn die Person gegenüber auch noch älter ist, dann muss man noch respektvoller sein. Und die Bankfrau ist so ca. 10 Jahre älter. Mit klopfendem Herzen (und das, obwohl ich 41 bin!) habe ich also angerufen. Nach drei Versuchen habe ich auch tatsächlich die Dame erreicht. Ich war ruhig (und mein Herz schlug und schlug wie ein irres Ding), ich bin nicht laut geworden, ich wurde nicht unsachlich. Manchmal finde ich Unsachlichkeit auch spaßig, beispielsweise, wenn Möbel nicht geliefert werden und ich unsachlich frage, ob sie das Holz dafür noch in Timbuktu fällen müssen? Aber hier war mir nicht nach Unsachlichkeit…vermutlich, weil meine Privatsphäre gestört worden war. Die Bankfrau war zunächst erfreut, mich zu hören, weil ich ihr wohl sympathisch war. Ja, so was gibt´s auch. Komisch, ich weiß. Dann kamen kleine Verteidigungen, bis sie ganz schnell sehr kleinlaut wurde und sich entschuldigte. Sie hörte sich an, als würde sie gleich zu weinen beginnen. Da krabbelte dann mein schlechtes Gewissen in mir hoch. Ich will niemanden zum Weinen bringen. Oh je. Als sie merkte, ich wollte gar nichts von ihr erpressen, sondern sie wirklich nur darauf hinweisen, dass das nicht gerade Vertrauen erweckendes Verhalten von ihr war, hat sie es fast komplett zerrissen.

Zurück blieb ich – stolz, was gesagt zu haben, zufrieden, weil ich eben nicht den Weg über ihren Vorgesetzten gesucht hatte und dennoch mit Magengrummeln, einen Menschen quasi gemaßregelt zu haben. Alles in allem kein schönes Gefühl. Zwei Tage später lag dann ein Brief in der Post – handschriftlich, wie ich es so liebe. Es wird viel zu wenig geschrieben, finde ich. Und das vermisse ich sehr. Der Dame war es ein Bedürfnis, sich zu bedanken, weil ich eben nicht über den Vorgesetzten gegangen bin, weil ich es sachlich und „wohlformuliert“ an die Frau übermittelt hätte… Da dachte ich nur: Wow, da hat aber eine Eier in der Hose. Jaja, eine Frau, also keine Eier, sondern eben Rückgrat. Das imponiert mir und finde ich mächtig groß von ihr. Und es zeigt mir einmal mehr: Auch wenn es mich Überwindung gekostet hat, war es das wert. Nur wenn jemand etwas offen anspricht, weiß der andere, was er getan hat und kann – so er denn geneigt ist, natürlich – etwas daran ändern. In der Regel fällt es mir leichter, fortan diesen Menschen zu meiden. Nur entsteht dadurch nie Veränderung. Wenn es auch weh getan hat, so war es für mich doch der richtige Weg. Und all die Rachegelüste sind verpufft. Damit gewinnen wir doch alle, oder?

 

Ääääh…wer ist „Papa Staat“?

Herrlich, ich liebe es, Ämter aufsuchen zu müssen. Immer wieder stelle ich fest, wie unnütz dieser Zeitvertreib doch ist, aber was soll´s? Hoch lebe der Vorgang. Was aber immer wieder spannend ist, sind die Menschen, die man dort trifft. In der Tat sind es Menschen, die ich so kaum sonst treffen würde. Keine Ahnung, woran das liegt.

So jedenfalls lernte ich eine…wie umschreibe ich das freundlich….? Ich lernte eine außergewöhnliche Frau im Wartebereich kennen. Sie wurde in Deutschland geboren, aber ihre Eltern kamen aus der Türkei. Sie könne noch türkisch sprechen, ihre Kinder hingegen nicht mehr, was ich sehr schade finde. Je mehr Sprachen ich spreche, mit desto mehr Menschen kann ich mich austauschen, was meinen Horizont ja nur erweitern kann. Leichter lernen kann man nicht, als wenn man zweisprachig groß wird, oder?

Ich kann aber auch verstehen, wie so was einfach im Sande verläuft. Die Frau meinte, sie hätte sich einfach den Kindern angepasst, weil sie überall – im Kindergarten, in der Schule, mit Freunden – nur deutsch sprachen und somit auch Zuhause nur untereinader ausschließlich so quatschten. Ich fand den laufenden Meter neben mir wirklich sehr unterhaltsam, und sie hatte richtig Feuer im Hintern. So was mag ich ja. Sie würde voll gemobbt werden, dabei wäre sie doch soooo lieb! Ihr Chef wollte, dass sie krank feiern würde, wie alle anderen das auch täten. Hä? Ja, sie arbeite ausschließlich mit „halb Kaputten“. Den Ausspruch fand ich wieder amüsant. Nun habe sie die Kündigung erhalten. Ich fragte noch: „Und warum?“ Sie: „Weil…die sagen, ich bin eine Hexe! Musste Dir ma vorstellen, ich! Eine Hexe! Nur weil ich sage, ich bin nicht der Prinzessin sein Köter.“ Ich muss mich jetzt noch wegschmeißen, wenn ich daran denke, wie sie selber darüber lachen musste. Humor hatte sie, keine Frage.

Und dann kam der Klopper: Wir kamen kurz auf Erdogan zu sprechen, den ich zutiefst verabscheue. Sie jedoch meinte nur: „Erdogan und Merkel, sind doch beide Nazis.“ Hääää? Doch, da war sie sich absolut sicher. Aaaaaber, die haben ja doch nichts zu sagen. Das Regiment führe nämlich „Papa Staat“. Ich muss wohl ziemlich verdutzt geschaut haben. Dann habe ich nachgefragt: „Äääh, und wer ist ´Papa Staat´?“ Sie zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Na, `Papa Staat` eben.“ Logisch, oder? Ich konnte es dennoch nicht lassen: „Hm, aber das ist ja keine Maschine. Das sind ja Menschen, oder? Also: Welche Menschen sind das denn?“ Da nickte sie weise und meinte: „Das ist eine gute Frage. Aber davon bin ich fest überzeugt.“ Es scheint, wir sind da gestern auf ein großes Rätsel gestoßen.

Als mir dann ca. 20 Minuten nach dem vereinbarten Termin endlich eine Audienz gewährt wurde, erfuhr ich dann, dass ich vergebens vor Ort war. Die Sachbearbeiterin hatte sich tags zuvor noch mal meine Unterlagen gründlich durchgelesen. Damit war die Nachreichung der heute mitgebrachten Dokumente überflüssig. Ich habe einmal durchgeatmet und wirklich sehr freundlich nachgefragt, wieso sie mich denn nicht angerufen hätte, um mir diesen Weg zu ersparen? „Ja, gestern war ja kein Publikumsverkehr.“ Häääääää? Da finde ich „Papa Staat“ als Antwort fast noch aufschlussreicher.

Ich schätze, ich muss an meinem Verständnis arbeiten. Ich kapiere nämlich an Tagen wie gestern nicht wirklich, was man mir da sagen will. Wer weiß, wer wohl dahintersteckt? Ob es der ominöse „Papa Staat“ ist? Wenn einer eine Idee hat: Ich bin da ganz offen, wenn es denn weiterhilft…?

Freiheit

Das ist ein großes Wort, oder? Es ist ein Schlagwort, das so vieles in sich vereint. Und jeder legt es anders für sich aus. Freiheit ist auch eine Lebenseinstellung. Wer wirklich frei ist, der verrichtet locker lächelnd sein Geschäft auf der Meinung anderer. Genau das finde ich erstrebenswert.

Ein lustiges Beispiel hierfür ist eine Omi, die mir neulich aufgefallen ist. Leider hatte ich keine Kamera zur Hand, und mein Handy wollte ich auch nicht zücken. Besagte Omi saß auf ihrem AOK-Shopper, also diese Dinger, die häufig ältere Menschen zur Unterstützung bei der Fortbewegung nutzen. Die Omi schob sich jedoch gerade nicht vorwärts, sondern saß. Dazu genoss sie einen Zigarillo. Das an sich klingt jetzt nicht besonders frei oder gar besonders – wobei ich bei dem Zigarillo schon schmunzeln musste. Wann sieht man schon Menschen Zigarillo rauchen? Das scheint nicht mehr so in Mode zu sein. Bei der Omi schien es aber nach wie vor im Trend zu liegen. Doch das war es ja gar nicht, was ich so herrlich fand. Sie rauchte sitzenderweise ihren Zigarillo vor einem Orion-Shop. Nein, ich habe mich nicht ins Rotlichtmilieu verirrt. In Aachen liegt der Laden nun mal an einer großen Straße, die ich entlanglaufen muss, wenn ich in die Stadt gehen möchte. Und die Omi saß nicht wie zufällig vor einer großen Fensterscheibe, sondern direkt vorne am Eingang. Neben ihr prangte eine überdimensionale Werbung für einen Vibrator. Die Ausführung war lila. Das Bild sah einfach göttlich aus – dieser überdimensionierte Freudenspender mit der selig vor sich hinrauchenden Omi. Es hatte was von „die Zigarette (oder eben der Zigarillo) danach“. Ich dachte nur: Die meisten wären um die Ecke gefahren, aber sich nicht auf dem Präsentierteller niedergelassen. Aber diese Omi nicht. Sie pfiff einfach drauf, was irgendwer denken könnte. Ich hoffe, es war in der Tat „der Zigarillo danach“. Das würde ich ihr wünschen.

So wäre ich auch gerne. Also nein, nicht Zigarillo rauchend…und ich brauche auch keine Vibratorenwerbung neben meiner Sitzfläche. Ich meine vielmehr diese Nonchalance. Ich arbeite auch daran, so ist es nicht. Dennoch bin ich sehr normenbehaftet, was manchmal schon lächerliche Züge annimmt. Was „man“ nicht alles tut bzw. besser lassen sollte, davon könnte ich stundenlang berichten. Sich ordentlich zum Deppen machen, mal nicht so erwachsen sein, das würde ich mir wünschen. Und dabei dann am besten noch so cool wirken wie das Ömken. Hätte doch was, oder?

Auch wenn ich mir – wie bereits früher schon geschrieben – keine festen Vorsätze für ein neues Jahr vornehme, finde ich geplante Veränderung durchaus erstrebenswert. Es hat nur nichts mit einem bestimmten Jahr zu tun. Daher nehme ich mir vor, verrückter zu sein, auf mein Herz bzw. Bauchgefühl zu vertrauen und über missbilligendes Kopfschütteln herzlich zu lachen. Ich muss nicht völlig das gute Benehmen vergessen, aber einfach mal zu mir stehen.

Der innere Schweinehund

Och jo, jetzt werden viele nicken und sagen: Den kenn´ ich auch. Aber wirklich darüber sprechen tut man eher wenig. Warum? Weil wir uns wohl alle schämen. Was ist denn eigentlich der „Schweinehund“? Interessant wird es, wenn man sich mal anschaut, woher das Wort an sich kommt. Gut, jeder kann Wikipedia bemühen. Aber es ist schon erstaunlich, dass es wieder mal ein typisch deutsches Wort ist, das nicht in andere Sprachen übersetzt ist. Genau so, wie unser nettes Wort „Rabenmutter“. Gibt es in keiner anderen Sprache – nur bei uns. Was sagt das aus? Wir schauen mit Freude auf alle Defizite, mögen es, zu bewerten und katalogisieren.

Im Grunde reden wir beim Schweinehund immer davon, etwas überwinden zu müssen. Meist klingt es so, als sei man zu faul für etwas. Ich gebe zu, beim Sport ist das tatsächlich bei mir der Fall. Ich kann es nicht ausstehen, mich körperlich zu quälen. Also kein „Shades of sports“ für mich. Nö. Ich leide aber nicht per se an Faulheit. Wenn ich genau darüber nachdenke, ist es im sportlichen Sinne eher der Unmut, nicht sofort alles perfekt zu können. Viel besser fände ich es, wenn alles sofort schon glücken würde. Und ich verabscheue es, so richtig zu schwitzen. Ja klar, narzisstisch, verrückt, weltfremd…ich kann diese Liste beliebig fortführen. Ich denke jedoch, dass es von außen betrachtet immer leicht zu bewerten ist. Die Frage ist doch vielmehr, woher diese Denke kommt?

Nun ist Sport aber gar nicht mein Thema. Nehmen wir andere Dinge, bei denen ich den „Schweinehund“ überwinden zu müssen glaube. Mir geht es in der Tat weniger darum, eine etwaige Willensschwäche zu überwinden, denn das ist garantiert nicht meine Herausforderung. Ich bin so was von willensstark, was schon manche leidvoll erfahren durften. Es ist eher die Angst davor, zu vermessen zu sein, nach den Sternen zu greifen, arrogant zu wirken. „Was meinst Du eigentlich, wer Du bist?!“ Das ist mein „innerer Schweinehund“. Wieso muss eigentlich immer ein Stempel auf alles gedrückt werden? Wieso ist man automatisch faul, wenn man etwas Bestimmtes nicht tut?

Hinter den meisten Dingen, die wir nicht probieren, liegt wohl eher die Angst vor dem Scheitern. Und ist das so was Schlimmes? Für mich schon. Ich mache mich gerne bewusst zum Deppen. Das finde ich lustig und verfolge dabei das Ziel, andere zum Lachen zu bringen. Aber richtiges Scheitern??? Aua, darauf habe ich so was von gar keinen Bock. Dabei lerne ich aus solchen Begebenheiten immer am meisten. Trotzdem: Wer rammt sich schon gerne selber Nadeln in den Körper (jaja, ich weiß, auch diese Menschen gibt es!)? Ich tu´ mir nicht gerne vorsätzlich weh. Und wenn ich es nicht ausprobiere, dann kann auch nichts schief gehen und nichts weh tun. Nichts, außer dieser gähnenden Langeweile, dem Zweifeln und den „Was wäre wenn“-Spielchen…

Hm, scheint also, ich bin doch auch ein wenig masochistisch? Nein, kein „Shades of irgendwas“, darauf ziele ich so gar nicht ab. Die Angst, zu scheitern, die Angst, zu hoch hinaus zu wollen, die Angst davor, was andere denken könnten…die lähmt. Es ist weniger Faulheit, und ich denke, das gilt für die meisten. Ein bisschen gnädiger dürfen wir schon zu uns sein, oder? Das letzte Jahr und vor allem die Zeit in Peru sollten mich gelehrt haben, mich mehr zu trauen. Und dann bin ich doch wieder zu schnell im ewig gleichen Fahrwasser angekommen. Es wird wohl Zeit, das wieder zu verlassen. Es muss ja nicht immer das gegen-den-Strom-Schwimmen sein, aber abseits des Stroms ist auch schon mal ein Anfang, oder? Ich bin gespannt, was die Zeit bringen wird und wieviele Scheinehunde ich meinerseits zum Metzger bringen kann.

Ist ein Einhorn „zu viel“?

Das neue Jahr ist da. Und wie ich es begrüßt habe! Das Ende des Jahres habe ich ruhig eingeläutet – nein, keine Geburtstags-Depression. Aber nach klassischem Feiern war mir nicht zumute. Kurzfristig habe ich Jumanji geschaut, was wirklich ein Augenschmaus ist. Ich vermisse Robin Williams, aber mal ehrlich: Dwayne (the Rock) Johnson ist eine willkommene Ablenkung. Er ist nicht sonderlich tiefgründig, aber hey, dafür ein Fest für die Augen! Die Frau hinter mir empfand das wohl in einem noch stärkeren Maße. Hallelujah, war die drauf!

Als ich dann zeitig ins Bett krabbelte (ca. 23 Uhr) und dachte, dass ich nach kurzem Lesen noch vor dem Neujahr schlafen könnte, habe ich diese Rechnung ohne die anderen Menschen in Aachen gemacht. Im Innenhof ging die Knallerei ab 23:20 Uhr los. Da ich aber zur Straße hin schlafe, ist mir das wurscht. Ääääh, die auf der Straße meinten aber, wir müssten das neue Jahr mit dem ganzen Arsenal beschießen, was es auf dem legalen und ebenso vermutlich Schwarzmarkt zu kaufen gab. Da man(n) dafür mehr Zeit braucht, haben diese Knallköppe bis 4:10 Uhr benötigt, aber auch wirklich alles zu verpulvern. Es ist herrlich entspannend, wenn man das neue Jahr mit Mordgelüsten beginnt. Ich habe überlegt, was ich mir zum nächsten Geburtstag wünschen kann: Einen Baseballschläger. Hätte ich über diesen jetzt schon verfügt, wäre ich wohl rausgerauscht. Bis 4:10 Uhr hatte ich ausreichend Zeit, mir in allen Farben auszumalen, wie ich mit so einem Ding auf die Übeltäter einprügel. Jaja, Gewalt ist keine Lösung. Böllern bis 4:10 Uhr aber auch nicht. Überall wird Angst und Hass geschürt, was uns nicht alles weggenommen wird, weil die Flüchtlinge da sind. Uns bliebe gar nichts mehr. Und dann werden mal ebenso Millionen in die Luft geschossen. Ich liebe Feuerwerk, keine Frage, aber muss es so verdammt viel sein? Es liegt auch nicht nur an meinem Alter, sondern auch Fakten belegen es: Es wird von Jahr zu Jahr mehr. Wenn es uns doch sooo schlecht geht, frage ich mich, woher die Kohle berappt werden kann?

Das neue Jahr führt mir eine Frage deutlich vor Augen: Wie viel ist „zu viel“? Die Grenzen scheinen sich komplett verschoben zu haben. So auch in der Mayerschen Buchhandlung, wo ich am 2. Januar mit einer Freundin war. Ich höre ein Geräusch, blicke hoch und entdecke dabei auch den Erzeuger. Niemand scheint es zu registrieren, aber ich täusche mich. Meine Freundin fragt, ohne aufzublicken: „Ist es das, was ich denke?“ Ich muss die Perlen, die sich so langsam ihren Weg nach oben bahnen wollen, wieder versenken, damit ich nicht schallend loslache. Ja. Dieser Mann hat ohne jeden Zweifel mal richtig ordentlich einen abgerissen. Nicht leise oder kurz, sondern mit ordentlich Kawumm. Mitten in einer Buchhandlung. Und er scheint sich nicht mal zu schämen! Vielleicht ist das sein verspäteter Silvesterkracher?

Um ein deutliches „zu viel“ handelt es sich auch bei meiner nächsten Bahnfahrt. Durch den Sturm fallen einige Züge aus, weshalb alles übervoll ist. Ein Asiat sitzt in einem Vierer und versperrt mit seinem Koffer zwei Sitze, da dort niemand mehr seine Beine parken kann. Zugegeben, die Züge sind mittlerweile so dämlich konzipiert, dass die Kofferablage zu kurz für Koffer ist, aber das könnte man dennoch anders regeln. Ich quetsche mich dann aber auf den Sitz direkt am Fenster – ihm gegenüber. Es ist ein Fehler. Noch kann ich es nicht benennen, aber ich bin mir sicher. Und dann kommt mein „zu viel“. Er popelt und popelt, dass ich befürchte, er stößt auf Öl, wenn er so weitermacht. Er schaut, inspiziert, popelt weiter. Und dann? Streicht er den Finger an seinem Sitz ab! Ich bin sprachlos, angewidert und irgendwie auch fsaziniert. Wie jenseits muss man eigentlich sein, um sich so ungeniert aufführen zu können? Und dann geht die Reise seines Fingers wieder weiter. Wieder ins Nasenloch. Irgendwann fördert er ein Taschentuch zutage. Er hat ein ganzes Päckchen davon, der Doof! Warum streicht er es dann vorher noch am Sitz ab? Und wie soll ich mich verhalten? Soll ich sagen: „Herzchen, wenn Du nicht mit dem Taschentuch über den Sitz gehst, werde ich das gleich mit Deinem Gesicht erledigen!“? Und wenn er kein Deutsch spricht? Auf Englisch bekäme ich es eventuell noch hin, aber mein Spanisch reicht dafür nicht aus. Und wieso, bitte, habe ich Latein in der Schule genommen? Die Sprache ist ja ganz tot. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich an Ekelfaszination leide. Wenn ich was ganz Fieses sehe, wenn ich Fremdscham für andere empfinde, dann muss ich da immer wieder mal hinschielen. Bei Unfällen auf der Straße oder dergleichen habe ich das nie. Nur wenn ich unterwegs bin in Cafés, Veranstaltungen, im Zug… Zum Glück neige ich nicht zu Herpes. Aber mal ehrlich: Wie verhält man sich da korrekt?

Als ich schon zweifel´, dass nun wirklich die ganze Welt auf jegliche Etikette verzichtet, sehe ich beim Aussteigen einen jungen Mann, der eine Tasche und einen Rucksack trägt. In seinem Rucksack steckt ein Einhorn. Nein, das ist keine Tierquälerei, weil es ja ein Stofftier ist. Ein Einhorn! Und das bei einem Kerl?! Und so, wie der Rucksack aussieht, hätte er das Tier auch ganz darin verschwinden lassen können, aber nein, er will, dass sein Freund auch was von der Welt sieht. Ist das „zu viel“? Hm…das Einhorn produziert keine Exkremente, es verursacht keinen üblen Geruch und verhält sich still. Es bohrt auch in keiner Körperöffnung herum. Nur ein ziemlich zugepierctes Mädel mit türkisen Haaren quietscht: „EINHORN!!!!!“ Der Besitzer trägt Kopfhörer und bekommt davon nichts mit. Ok, das Quietschgeräusch war deutlich ein „zu viel“ für meine Ohren, aber trotzdem muss ich lachen. Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? Ich für meinen Teil kann da nur kräftig nicken.

„Zu viel“ ist also per se nicht zwangsläufig schlecht, aber bitte, liebe Mitmenschen: Bläht bitte an der frischen Luft, wenn andere Menschen um Euch herum sind, popelt nicht so fies vor anderen in der Nase und streicht es ab…und böllert vielleicht ein bisschen weniger. Damit wäre mir schon ungemein gedient. In diesem Sinne: Frohes Neues!

Ode an 2017???

2017…nun endest Du bald. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich einen Katalog an unzumutbaren Vorsätzen fürs nächste Jahr diktieren. Wenn ich etwas ändern möchte, dann immer am besten sofort – und nicht immer ab Januar. Was ich aber schon mache: Ich ziehe Bilanz. Und da muss ich seeeehr aufpassen. Meine erste Bilanz war: Was ein verkacktes Jahr?! Wieso hänge ich so in den Seilen? Wieso sind meine Aussichten so…äääh…bescheiden derzeit?! Es ist so einfach, mich da in eine hübsche Endlosschleife zu drehen.

Aber einfach ist ja dann auch wiederum nichts für mich. (Hier fällt mir gerade ein Rechtschreibfehler auf: Laut der Deutsch-Lehrerin meines jüngsten Neffen wird „wiederum“ nicht so geschrieben, sondern: „widerrum“, also gegen den Rum??? Ich liebe unser heutiges Bildungssystem!)

Nun aber zurück zu „einfach kann jeder“, was ich ja nicht so mag. Im Grunde war es ein gutes Jahr. Es verleitet viele – mich leider eingeschlossen – dazu, voreilig zu sagen, wie blöd ein Jahr gelaufen ist, weil bestimmte Dinge nicht ein getreten sind, die man ja unbedingt wollte. Wenn aber alles immer sofort in Erfüllung gehen würde, wäre es ja fad, wie Franz (Bully-Parade) zu sagen pflegte. Ernsthaft. Wenn alle Wünsche sofort Wirklichkeit würden, dann wüsste ich sie auch nicht zu schätzen. Gut, bei dem ein oder anderen Thema würde ich mir vom Universum schon gerne nicht die ständige Keule wünschen, aber im Großen und Ganzen…ist es wohl ok.

Dieses Jahr hatte ich Gelegenheit, eine neue Sprache zu lernen (rudimentär, zugegeben), mich einen Trekking-Pfad entlangzuquälen und dabei nicht zu sterben (und niemanden zu töten – fast noch herausfordernder), von keiner Bullet Ant gebissen zu werden, die Dschungel-Läuse erfolgreich los zu werden, tolle Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennenzulernen, einen Paragleitflug zu absolvieren, das Meer mehrfach zu sehen, Motorrad zu fahren, ein weiteres Theaterstück zu schreiben, den Weihnachtsmarkt mit lieben Menschen zu besuchen, Freunde zu sehen, Night of the Proms zu besuchen und und und. Ich habe Zuspruch von Freunden und Bekannten erfahren, was mir sehr viel bedeutet. Also im Grunde…? Ja, das Glas ist definitiv mehr als halbvoll. Es ist längst nicht alles, wie das Böckchen in mir es gerne hätte, aber es ist schön.

In diesem Sinne wünsche ich mir nicht, dass sich alles ändern mag im nächsten Jahr. Ich wünsche mir, meine Freunde zu „behalten“, ihnen gerecht werden zu können und Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich wünsche mir selbstverständlich einen neuen Job mit ordentlichen Herausforderungen. Ich wünsche mir wieder Abenteuer und dass ich meinen Schweinehund überwinden muss. Und vor allem wünsche ich mir Gesundheit und Zufriedenheit – zwei Dinge, die ich immer gerne als selbstverständlich hinnehme, die es aber nicht sind.

Und von allem das Beste wünsche ich auch den Menschen um mich herum. Wenn Ihr andere Wünsche habt, fügt sie ruhig an. Wünschen darf man. Achtet nur drauf, dass nicht immer alles (sofort) in Erfüllung geht und mancher Wunsch auch besser unerfüllt bleibt.

In diesem Sinne: Danke 2017!

Entwicklungsfeld

Mein doofer Schuhschrank will am Wochenende nicht mehr so, wie ich das will – tut das im Moment eigentlich überhaupt irgendwer??? Menschen, die mich kennen, werden sich nun vermutlich fragen: Welcher der vier Schuhschränke? Einer aus dem Schlafzimmer – wobei das unerheblich ist. Nun meint dieser böse Schuhschrank also, einfach umkippen zu müssen. Der Boden in meiner Wohnung ist uneben, die Bausubstanz eher schlecht, weshalb also auch eine Verankerung in der Wand fraglich wäre…aber hinzu kommt noch ein Sockel, der überwunden werden müsste. Alles in allem ist also klar: Hier spielt sich ein arges Drama ab.

Nun bin ich aber in Eile, weshalb ich dem Schrank den Mittelfinger zeige und einfach ignorant lostrotte. Ich ignoriere das dumme Ding auch noch einen weiteren Tag – zumal sonntags auch die Wertstoffhöfe nicht geöffnet haben. Es ist ja klar, dass der Schrank weggeworfen werden muss, oder?! Nachts reift dann aber eine Idee (ich weiß, dass ich nachts schlafen soll): Ich könnte das dumme Ding wieder zusammenbauen! Gut, das obere Brett ist rausgebrochen, aber ich – Meisterin des Handwerks – könnte ja links und rechts einen Winkel anbringen. Frohgemut springe (oder krieche – hey, wer hat es da schon mit den Feinheiten?!) am Montagmorgen aus dem Bett, um zu OBI zu fahren. Bis dahin läuft es noch richtig Bombe. Da ich kein Mann bin, ist OBI für mich in etwa so, wie für die meisten Männer ein Schuhladen: Ein Ort des Grauens. Lauter fachmännisch wirkende Männer laufen hier herum. Wahrscheinlich sehe ich schon so aus, als könnte ich nix und hätte noch weniger Ahnung von allem. Bevor ich Schilder lese (tu´ ich auch beim Autofahren nur äußerst ungern), frage ich eine freundliche Frau im OBI-Dress. Und siehe da, die ist auch tatsächlich nett! Gut, hätte ich die Knöppe aufgemacht, hätte ich gesehen, dass direkt der nächste Gang auf der rechten Seite Schrauben, Winkel und so einen Kram aufweist, aber hätte, hätte….Fahrradkette. Ich fange schon an zu lachen und entschuldige mich bei der freundlichen Frau, die aber lächelnd abwinkt und meint: „Ach was, dafür bin ich doch da!“ Ich antworte nicht: „Naja, meine Augen eigentlich auch“, sondern strahle sie an und gehe meines Weges.

Ich sehe Schrauben, Schrauben und…äääh, Schrauben. Und dann erblicke ich endlich Winkel! Juchuuuuu! Welche nehme ich nur am besten? Da ich mich nicht entscheiden kann und mutmaße, so was könne man immer mal benötigen, nehme ich gleich verschiedene Ausfertigungen und ebenso Stückzahlen mit. Man, bin ich stolz auf mich! Da fällt mir ein, ich möchte ja auch versuchen, den doofen Schrank an der Wand zu verankern. Dazu brauche ich laaaaaaaange Schrauben. Warum? Na wegen der Sockel!!! Welche ich nehmen soll? Ich weiß es nicht. Ich nehme irgendwelche. Moooment, mein Vater nimmt ja immer noch Dübel hinzu. Gut, dann nehme ich davon auch noch ein Paket. Die Männer um mich herum scheinen genau zu wissen, was sie nehmen sollen. Mir ist es aber zu peinlich, sie um Rat zu fragen. Es ist so klischeehaft, wie nur irgend möglich. Nachher denken die noch, ich hätte in der Bunten gelesen, so könne man sich einen Mann angeln. Nee…

Da ich ja schon mal hier bin, kann ich ja auch gleich Nägel mitnehmen. Einen Hammer habe ich mittlerweile in meinem Sortiment (es könnte ja mal ein Einbrecher vorbeischneien). Allerdings fehlen mir dazu noch Nägel. Ich schlendere den Gang entlang, bis ich zu den Nägeln komme. Nee, die großen müssen es nicht sein. Ich nehme kleinere. Um nun nicht wieder an all den klugscheißend aussehenden Kerlen vorbei zu müssen, nehme ich den nächsten Gang, gehe diesen hinauf und steuere die Kasse an. Und da fällt mir dann ein, dass ich zwar laaaange Schrauben samt Dübel habe, aber womit zum Henker soll ich die Winkel eigentlich anbringen? Mit Spucke hält so was ja wohl nicht, oder? Ich lache, drehe mich um und gehe wieder in den Schrauben-Dübel-Winkel-Nägel-Gang, nur um auf die Männer von vorhin zu treffen. Ich muss wieder lachen, was mir einen sehr schrägen Blick von einem dieser Herren einbringt. Das wiederum lässt mich noch mehr glucksen. Ich schaffe es dann aber, kürzere Schrauben zu besorgen, bevor der Herr mich maßregeln oder das Sicherheitspersonal rufen kann.

Bestens ausgestattet, beginne ich meine Arbeit. Zum Glück ist der Akkuschrauber noch geladen. Danach hatte ich selbstverständlich im Vorfeld nicht geschaut. Aber hurra! Das Werkzeug ist auf meiner Seite. So, wie fange ich nun an??? Die unteren beiden Schütten sind noch im Rahmen, die drei oberen sind rausgefallen. Wenn ich also nun das Brett oben befestige, kann ich ja nicht mehr die Schütten reinquetschen. Ha, wenn das mal keine bestechende Logik ist! Ich lege den Rahmen hochkant auf die Seite und versuche, die Schütten einzufügen. Es klappt auch – nur halten sie nicht. Ich bringe sie provisorisch zum Halten und bin mir sicher, wenn ich das Abschlussbrett (OBEN!!!) nun anbringe, zieht sich das schon irgendwie fest. Keine Ahnung, wie viele Anläufe ich benötige, bis ich denke, den Schrauberkopf doch besser zu wechseln, aber mit dem nun passenden gelingt es mir tatsächlich, die Winkel zu befestigen. Zunächste habe ich sie ausschließlich am Brett angebracht und darauf geachtet, dass sie bündig mit der Kante abschließen. Da der Deckel aber bündig mit den anderen beiden Brettern abschließt, ist dies natürlich falsch. Mein Akkuschrauber hat auch die Rückwärtsfunktion. Was ein geiles Teil! Ich drehe die Schrauben also wieder raus. Mühsam, wirklich mühsam bringe ich dann aber doch den Deckel oben an, dass die Winkel auch halten. Ein Aufstellen des Schranks ist aber nicht möglich, weil dann immer wieder die Schütten rausdonnern. Da gebe ich mir hier echt alle Mühe, und die doofen Kühe spielen nicht mit. Ich lass´, wie meine Mama immer so hübsch sagt, das Messer im Schwein stecken. Ehrlich, wenn ich jetzt weitermache, bringe ich den Schrank nur noch um…mit dem kleinen Hammer, den ich ja immerhin besitze. Damit oder mit meinem Dickschädel, ich weiß es noch nicht genau. Fakt ist nur, ich muss das irgendwie zusammenbekommen, bevor mein Vermieter Mittwoch in meiner Bude aufschlägt. Aber für heute ist erstmal Schluss.

Nun kommt also einen Tag später die Fortsetzung. Wenn das nicht zackig funktioniert, fahre ich die sterblichen Überreste des Schranks doch noch zum Wertstoffhof. Ich versuche, die Schütten in die Einbuchtungen links und rechts zu stecken, muss aber aufgrund des Nichtgelingenwollens einsehen, dass es nichts wird. Hm… Meine liebe Oma hat früher beim Sticken (was ich auch schon nicht konnte) immer gesagt: „Langes Fädchen, faules Mädchen.“ Was soll ich sagen? Meine Fäden waren immer unendlich lang! Ich hatte doch keine Lust, alle-Furz-Nase-lang wieder einen neuen Faden einzufädeln. So ist es bei mir bis heute. Wenn man sich einen handwerklichen Arbeitsschritt sparen kann, bin ich immer dafür zu haben. So hatte ich gedacht, ich könnte die Frontbretter (was weiß ich, wie ich das anders ausdrücken soll?!?!?!) der Schütten dran lassen, was natürlich nicht ging. Durch den Rückwärtsdrehgang meines Akkuschraubers (immer noch nicht neu geladen und doch noch funktionstüchtig!) drehe ich also die jeweils sechs Schrauben heraus, was bei fünf Schütten immerhin 30 Schrauben bedeutet. Das ist endloses Einfädeln von 180 Fäden oder so. Danach lege ich den Schrankkranz wieder hin und kann so die Knöpfe wieder richtig in die Verankerungen reindrücken. Es gibt aber noch eine Querverstrebung, und der Macgyver in mir sagt: Da müssen links und rechts zur Verstärkung auch noch Winkel dran. Wozu habe ich denn so viele Winkel gekauft?! Richtig, damit sie verbaut werden können. Fachmännisch (und krumm) bringe ich die Winkel an und richte anschließend mein Werk auf. Von außen betrachtet vermutlich völlig krank, aber im Schweiße meines Angesichts (und tausender Flüche) schraube ich im Vorwärtsdrehgang dann die Bretter wieder an die Schütten. Es ist vollbracht.

Aaaaaber, es fehlen ja noch die Winkel ganz oben, mit denen ich den Rotz an der Wand montieren will. Gut, auch diese schraube ich noch fest. Und dann kommt die Stunde der Wahrheit. Ich nehme die langen Schrauben zur Hand und schraube, was das Zeug hält. Hm, kann man machen, kann man aber auch lassen. Die Schrauben halten nicht. Die Dübel lassen sich auch nicht in die nun entstandenen Löcher kloppen. Es rieselt nur einfach die marode Bausubstanz gen Boden. Ich gehe auf die Suche, finde einen Glasuntersetzer aus dünnem Kork und einen Pappkarton. Beides stecke ich vorne unter den Schrank, so dass er sich leicht nach hinten neigt und nicht mehr nach vorne kippelt. ES GEHT!!!

Gut, es darf kein Erdbeben kommen, aber ganz ehrlich? Dann donnert noch mehr zu Boden. Was das handwerkliche Geschick betrifft, würde ich dies als Entwicklungsfeld angeben, sollte man nach meinen Stärken und Schwächen fragen. Klingt irgendwie besser als „absolute Talentfreiheit“, oder?

Ich muss nur wollen!

Die Sonne scheint – zumindest noch. Da mein Hintern voller Hummeln ist (ja, ist ja auch genug Platz), mache ich mich auf in die Stadt. Ein bisschen was bummeln, Leute beobachten, eben all so was. Hinter mir geht irgendwann ein junges Pärchen. Mittlerweile weiß ich nun auch, warum er unmöglich mit Nico und Fred in eine WG ziehen kann. „Ich kenn´ dem Nico sein Standard, und ich kenn´ dem Fred sein Standard. Ich hab´ ja schon mein Standard, aber bei Nico? Wenn der sagt, der Löffel is ok so, dann würd´ ich nich ma drauf sitzen.“ Hätte ich nur all die Jahre gewusst, dass man auf Löffeln auch sitzen kann! Aber so was lernt man nicht im Bildungsfernsehen.

Ich schlendere durch einen kleinen Laden, der lauter nette, kleine Dinge hat. Im Grunde könnte ich hier alles kaufen. Brauchen tu´ ich davon nichts, aber hey, schön sind die Sachen deswegen trotzdem. Es ist alles sehr eng in diesem Lädchen, fast schon wie ein Hindernis-Parcours. Ein Mann will mir den Vortritt lassen, aber ich möchte genau dorthin, wo er nun ist. Ich zeige auf den Schmuck, der dort liegt, und er entschuldigt sich auf Englisch. Süß. Ihn trifft ja gar keine Schuld. Aufgrund der Beengtheit entschuldigt sich seine Begleiterin kurz danach auch noch bei mir – ebenfalls in englischer Sprache. Ich kann es mal wieder nicht lassen und frage die beiden, woher sie seien? New York. Hä? Äääääh, was machen sie dann hier in Aachen? Ich meine, es gibt ja keine Direktroute New York – Aachen? Und auf der Liste „the ten places to be“ steht Aachen auch nicht – soweit ich das weiß. Sie seien derzeit ein paar Tage in Düsseldorf. Vor zwei Jahren haben sie wohl Köln besucht, dieses  Jahr wurde ihnen Aachen empfohlen. Gut, unser Dom ist von innen auch tausend Mal schöner als der Kölner Dom, der allerdings von außen wesentlich mehr hermacht.

Da kommt mir der Gedanke, dass sie unsere Printen probieren müssen. Dafür sind wir ja schließlich bekannt. Aber nicht irgendwelche! Nein, es müssen die von Klein sein, weil die die letzten Printen-Bäcker sind, die noch tatsächlich in Handarbeit herstellen. Die Verkäuferin des Lädchens ist keine Hilfe, weil sie Printen nicht möge. Mir fällt hingegen der Straßenname partout nicht ein. Ich kritzel´ auf Bettys Bahn-Unterlagen das Wort „Printen“, den Namen „Klein“ und erkläre, wie sie vom Puppenbrunnen aus dorthin kämen. Und dann denke ich an meine spektakuläre Orientierung. Die ist fast so gut wie meine Wegbeschreibungen. Die beiden hätten wahrscheinlich jede Menge Spaß, wenn sie so liefen, wie ich es ihnen beschriebe – allein, sie kämen nie dort an.

Kurzentschlossen biete ich mich an, sie dorthin zu begleiten. Sie wirken einfach sehr nett, offen und wissbegierig. Ich denke an meine Zeit in Cusco. Ein paar Insider-Infos fand ich da auch immer schön. Und so schlendern wir drei dann eben gemeinsam durch Aachen, während ich erfahre, dass sie beide bei einem Medizin-Kongress in Düsseldorf sind. Es geht um Rehabilitation, woraus sich ein reger Austausch erstreckt – natürlich mit meinem Lob für die Holländer, die uns in dem Bereich um Längen voraus sind. Zwischendurch zeige ich den beiden, wie sie später zum Dom gehen können, erkläre ihnen den Puppenbrunnen und bringe sie so zu Klein. Die haben am Fenster nur die trockenen Gewürzprinten, aber auf Nachfrage lassen sie die Amis auch die mit Schokolade überzogenen kosten. Gottseidank schmeckt es den beiden. Betty fragt noch, welche ich am besten finde. Ich zeige sie ihr, woraufhin sie drei Tüten kauft und mir eine davon reicht. Als Dankeschön, was ich natürlich nicht möchte. Sie bestehen aber darauf.

Er entschuldigt sich dann irgendwann bei mir für ihren Präsidenten, was ich immer wieder spannend finde. Auch sie sei völlig erschüttert, wie so ein Mensch ihr Land regieren könne. Wir reden über alles mögliche, bis Betty irgendwann meint, ich hätte so waaaaahnsinnige Ähnlichkeit mit Meryl Streep, ob ich die kenne? Klar, ich bewahre als ihr Double natürlich ihre Oscars für sie auf. Auch das erinnert mich an Cusco, als die liebe Ellie mich auf meine Ähnlichkeit zu Brené Brown aufmerksam gemacht hat. Ich scheine ein Allerweltsgesicht zu haben…wer also ein Double braucht: Einfach kurz Bescheid geben

Zum Abschied umarmen wir wildfremden Menschen uns einfach, wobei Betty mir noch sagt, dass alles Gute im Leben zu einem zurückkomme. Und es sei unwahrscheinlich lieb und toll gewesen, dass ich mir Zeit für sie genommen hätte. Ääääh, so was überrascht mich immer wieder. Es war ja nicht uneigennützig von mir. So konnte ich Englisch quatschen, hatte intelligente Gesprächspartner und habe spannende Dinge erfahren. Und ja, ich habe leckere Printen abgestaubt, aber das war keineswegs meine Intention.

Ich denke wieder an Peru, wie leicht ich mit anderen Menschen ins Gespräch gekommen bin und wie wohl ich mich dort gefühlt habe. Ich vermisse dieses Land und seine Leute, aber stelle auch fest, dass – wenn ich mit etwas Zeit und offenen Augen durch die Stadt laufe – ich auch hier auf fremde, interessante Menschen treffen kann. Ich muss es nur wollen…also will ich mal!