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Me gusta mucho

20181111_173438.jpgEs ist morgens… im Urlaub bereits um 7 Uhr startklar zu sein, ist schon abartig. Startklar heißt, gefrühstückt und geduscht zu sein. Aber es lohnt sich hoffentlich.
Unterwegs erfahren wir eine Grundregel: Solange ein Auto noch fährt, ist es zugelassen. So sehen die Autos auch aus. Der Führerschein kostet ca. 40-50 € für 5 – 10 Jahre. Mittlerweile mit Sichtprüfung, da in Argentinien ein Blinder einen Führerschein gemacht hat. Blinker setzen, rückwärts in Parklücke, 1 Stunde Theorieprüfung mit 30 Fragen, die in einem Film vorab gezeigt werden. Dann hat man den Lappen erworben.  Noch Fragen? Wäre der Führerschein so teuer wie bei uns, würden alle schwarz fahren.
Wir besuchen eine Stadt, die Valodolid heißt. Sie ist nett, aber wie die meisten Städte in Mittel- oder Südamerika. Ich probiere eine Frucht, die ich noch nie gegessen hab und deren Namen ich nicht kenne. Die Regel lautet eigentlich, jeden Tag etwas Neues zu probieren, aber bislang galt das eher für Alkohol in diesem Urlaub. Aber ich hab auch erstmalig Kaviar probiert. Ok, aber auch nicht mehr.
Ich schaue mir an, was ein kleiner Opi da vor der Kirche feilbietet. Er erklärt mir ein Geschicklichkeitsspiel. Ich erkläre ihm, mit wie wenig Geduld ich versehen wurde. Er lacht. Obwohl ich nichts kaufe, reckt er sich in die Höhe und gibt mir ein Küsschen, was ich süß finde.
Dann geht es zu Chichen Itza, was zu den sieben (neuen) Weltwundern gehört. Übersetzt heißt es so was wie Wasserpriester. Wasser ist eben der Ursprung allen Lebens.
Wir hören, dass dies alles nicht etwa durch Sklaven erbaut wurde. Es gab ein anderes Prinzip, das für alle galt:
3 Monate musste jeder unentgeltlich arbeiten. Klingt hart, aber wenn man es mit unserer Steuer vergleicht, kommen sie noch gut weg.
Immer wieder wird betont, dass die Maya kein primitives Volk waren/sind. Heute arbeiten viele in der Gastro und verdienen 70 – 80 Pesos pro Tag, also 3,5-4 €. Sie leben quasi vom Trinkgeld.
Mayas haben gemeinsame Wurzeln mit den Enuit und Mongolen und haben ab Geburt ein blaues Mongolenmal über den Pobacken, das im Alter zwischen 4 und 8 Jahren verschwindet.
Wie bei den Inkas schon, spielt Wasser die zentrale Rolle. Ohne Wasser kein Leben. Daher vermutet man, ist Chichen Itza auch auf einer unterirdischen Grotte gebaut. Bislang hat man noch keinen Tunnel dorthin entdeckt, ist davon aber überzeugt, dass es einen geben muss.
Es gab Ballspiele mit vielen Zuschauern – quasi der Vorläufer von Fußball? Und das bei der Hitze!!! Im Sommer werden es 50 Grad! Mir reichen die über 30, die wir gerade haben. Wenn nun kein Regen fiel, mussten Opfer dargebracht werden. Die Verlierer fallen einem da schnell ein. Gab es aber länger keinen Regen, hat man einen der Elite geopfert. Puh, da haben Messi, Ronaldo und Co. aber Glück, dass die Zeiten vorbei sind. Die deutsche Elf hätte hingegen entspannt zuschauen können. In diesem Hitzesommer hätten sie nur die wirklich Guten gebrauchen können.
Interessanterweise galt Selbstmord bei den Maya als ehrenvoll, was einen sofort ins Paradies beförderte. Völlig konträr zur Ansicht der katholischen Kirche. Wer zu alt  war und nicht mehr so konnte, hat gebetet und sich dann erhängt. Peng, aus die Maus. So einfach. Und dafür kam derjenige dann in den Himmel.
Ein anderer, großer Unterschied: Die Schlange steht für Fruchtbarkeit bei den Maya, in der katholischen Kirche jedoch als Sünde. Viele Kulturen Südamerikas haben den neuen und alten Glauben kombiniert. Für die Maya ist der christliche Gott lediglich ein weiterer ihrer zahlreichen Götter.
Alles in allem ist es eine interessante Ausgrabungsstätte, aber überall stehen kleine Tische, wo Nippes verkauft wird. Es ist verboten, aber die Aufseher werden bestochen. Ich rede hier von Hunderten Ständen! Hammer. Auf Anraten des Guides sollen wir nichts kaufen. Ein Verkäufer ist dann so sauer, dass er mir: „Be kind to the Maya!“ hinterherruft. Ich war nicht unkind, aber egal.
 Am nächsten Tag besuchen wir Uxmal (gesprochen Uschmaal). Es gehört zwar zum UNESCO Weltkulturerbe, jedoch nicht zu den Weltwundern. Übersetzt heißt es „3 Mal gebaut“. Ein Zauberer wird als Gründer dieser Stätte in Märchen überliefert. Ich wünsche mir meinen Germain aus Cusco herbei. Unser Guide erzählt so viel Unnützes, dass ich nicht mehr zuhören kann. Wir starten beim Wahrsagertempel, der beeindruckend ist, aber erst richtig majestätisch wirkt, wenn man ihn später vom Gouverneursgebäude aus betrachtet. Wahrhaft wunderschön. Etwas Mystisches umgibt ihn, das man nicht greifen kann. Ich bin beeindruckt. Und wieder erfasst mich diese Demut, das hier sehen zu dürfen. Touristisch ist wenig los, weshalb eine Pyramide tatsächlich noch begehbar ist. Die Sonne brennt erbarmungslos, es geht hoch hinauf, und kein Seil oder Geländer ist in Sicht. Rutscht man ab, war es das. Das überlebt keiner. Meine Muthöckerchen singen, also laufe ich los. Belohnt wird man mit einer schönen Aussicht, Schatten und einem leichten Lüftchen. Keine Frage, das war es wert. Schwieriger ist im Grunde der Abstieg. Es gibt Maya, die sofort gerufen werden, wenn sich – O-Ton – wieder mal dicke Amis hochgeschleppt haben, aber dann nicht mehr runterkommen. Leider erleben wir so ein Kunststück nicht. Dann laufen die Maya nämlich hoch und nehmen die Amis ans Händchen – immer mehrere für einen Ami.
Ich sollte mehr Respekt haben, aber ich fühle mich nur frei. Es ist toll, es ist berauschend… Ich liebe dieses Gefühl.
Izamal hätte ich mir gern gespart. Eine tolle Klosteranlage, die von hinten genial aussieht, ist vorne gelb-weiß gestrichen, weil seinerzeit Papst Johannes Paul vor Ort war. Gelb und weiß sind immerhin die Farben des Vatikan. Puh, wie unwichtig, oder?
Die Cenote (gesprochen: Tschenote) ist eine unterirdische Grotte, die Wasser gespeist ist. Nett, aber neben den Ausgrabungsstätten nicht so beeindruckend.
Todmüde nach zwei Tagen und ca. 900 km falle ich ins Bett. 
 

Ich liebe den Süden Amerikas, der für mich hier schon beginnt..Die Menschen sind offen, leben weniger hektisch und entschleunigen. Für einen Plausch ist immer Zeit. Me gusta mucho!

Mas o menos…

20181108_131246.jpg20181107_145119.jpgIch liege am Meer und genieße das Rauschen. In Deutschland soll es auch warm sein, obwohl ja November ist. Hier sind es ca. 30 Grad. Das Meer kühlt nur bei den ersten zwei Schritten. Dann fühlt es sich angenehm warm an. Trügerisch, denn die Sonne brennt dabei ganz schön.

Mein größeres Problem ist jedoch das Spazieren. Gestern habe ich nämlich eine kleine Wanderung ins Nirgendwo unternommen. Ich bin am Strand entlang und habe das Hotelgelände verlassen. Und da entdecke ich wahre Schätze. Gut, dadurch, dass dort kein Hotel ist, werden weder angeschwemmter Müll noch Algen entfernt. Der Geruch schreckt zunächst ab, was gut so ist. Ich hab nämlich lediglich vier Leute gesehen, die – wie ich – nicht umgedreht sind, als es zunächst müffelte. Ich sehe wunderschöne Vögel, die nicht durch Touris und deren Lautstärke gestört werden. Ein großer weißer Reiher residiert majestätisch auf einem Stein im Wasser, aber schon sehe ich Junior aus dem peruanischen Dschungel vor mir, der sich den Bauch reibt und „me gusta mucho“ von sich gibt – natürlich begleitet von Garys entsetztem Gesicht. Kleine Fische schwimmen in kleinen Aushöhlungen von Steinen, und kleine Echsen flitzten durch die Gegend. Es ist so unglaublich schön, dass ich die doofe Sonne vergesse, was mich….äääh…un poco rojo hat werden lassen. Trotzdem war es das wert.

Doof nur, dass man nach ausgiebigem Sonneneinfluss und tagsüber keinem Essen ganz schnell einen kleben hat. Wenn dann der Barkeeper nicht nur einen Shit on the grass nach dem obligatorischen Tequilla suave (mild) bringt, sondern meint, ich müsste unbedingt noch einen „Ronsito“ probieren, dann ist das ein heftiger Start in den Abend. Der Kellner im Restaurant meint es auch nur gut, als er mir das zweite Radler bringt. Ich trinke hier so viel Alkohol wie sonst in 5 Jahren zusammen. Puh… Der Vorteil: Ich rede einfach drauf los. Erick (so geschrieben ein sehr beliebter Name in Mexiko) von der Rezeption ist geduldig und lobt meine Sprachkenntnisse. Ha ha, dabei ist er komplett nüchtern. Wir reden über Peru, wo er nächstes Jahr hinfährt. Ich schwärme und sage ihm, dass ich ein Teil meines Herzens dort verloren hab. Wir philosophieren, ob die Mayas und Inkas wohl Verwandte gewesen sind, welche Kultur wohl älter ist und dass wir doch mehr oder weniger alle dieselben Wurzeln haben. Ich verstehe wieder, warum ich den Süden Amerikas und seine Bewohner so liebe. Sie sind herzlich, genießen „la vida“ und sind offen, wenn man ihnen gegenüber gleichberechtigt auftritt. Sie reagieren nur gereizt, wenn man sie von oben herab behandelt – verständlicherweise.

Wir lauschen den Karaoke-Sängern, und es juckt mich irgendwie. Doch ich überwinde mich nicht. Beim Händewaschen sage ich der Kanadierin neben mir, dass sie Vorteile hätten, weil sie Native Speaker seien. Da schaut sie mich entgeistert an und fragt, was ich denn sei??? Amis und Kanadier staunen immer, wenn einer mehr als einer Sprache mächtig ist. Das sagt schon eine Menge aus, hm?

Der einzige Wermutstropfen ist der Besuch der Disko. Verdammt, bin ich alt! Und puh, was trage ich viel Stoff am Leib. Man kommt mit 17, 18 mit einem Bikinioberteil und Hotpants, die diesen Namen nicht einmal mehr verdienen, gut aus. Hammer! Hätte ich Kinder…..ääääh, dann so nicht. Verdammt, ich bin dermaßen scheißalt!

Ein Ronsito und eine kaum geschlafene Nacht später, erlebe ich mal wieder Amis, die ihrem schlechten Ruf alle Ehre machen. Ein kleines, durchaus süßes Mädel darf allein essen. Sie ist weit davon entfernt, es tatsächlich zu können. Die Tischdecke sieht aus wie Sau, der Boden mit Rührei, Tomaten, Brot und Melonen übersät wie ein Schlachtfeld. Eltern und Großeltern finden das alles nur süß. Weg machen darf es das Fußvolk. Puh. Das geht so gar nicht. Da pullert sogar eine Ratte mitten in den Speisesaal und macht dann einen großen Bogen um die Sauerei der Kleinen. Nicht mal dieses Nagetier fühlt sich bemüßigt, den Unrat der Amis zu beseitigen. So weit sind wir schon. Aber zumindest schreit niemand beim Anblick der Ratte… dabei ist sie nicht gerade klein. Ich verstehe manches nicht, was aber voll ok ist. Daher genieße ich einfach mal die Zeit und lass den lieben Gott, Pacha Mama, die Maya-Gottheiten oder wen auch immer einen guten Mann oder eine gute Frau sein.

Schön und doch mit Geschmäckle…

Ich bin in Mexiko. Der ein oder andere hat es schon mitbekommen. Und es ist schön. Die Sonne strahlt vom Himmel, das karibische Meer ist angenehm warm, und die Cocktails und Shots schmecken sehr gut. Nur… ja ja, es gibt immer ein „Nur“ oder ein „Aber“. Wir Deutschen sind hier klar in der Minderheit. Wenn die Kellner das merken, werden sie sofort freundlicher. Krass…

Die Leute sind alle freundlich, grüßen, sind aufmerksam. Ihr Lächeln wird allerdings aufrichtiger, wenn sie merken, dass wir keine Amis sind. Zuerst dachte ich, das liegt an Trump. Tut es vielleicht auch zum Teil. Aber die Amis sind zum Teil so, wie die Spanier in Peru waren. Sie nehmen es als selbstverständlich, dass sie bedient werden, sind laut und überheblich.

So ein Fall ist Patrick. Er trägt eine Schwimmshorts mit amerikanischer Flagge. Als er uns anquatscht, spreche ich ihn darauf an und sage: „Würde ich das mit Deutschland-Flagge tragen, wäre ich ein Nazi.“ Er zuckt mit den Schultern und sagt, er würde damit kein Problem haben. Schließlich habe er blaue Augen und blonde Haare. Dann säuft er weiter und grölt ab Mittag an der Bar am Strand herum mit anderen besoffenen Amis. Sie sind nicht etwa 18, sondern Mitte 30 aufwärts. Abends spielen sie dann besoffen Nachlaufen – mit Hinfallen natürlich. So kann ich verstehen, dass sie nicht beliebt sind.

Doch dann gibt es die anderen. Gestern Abend hole ich mir meinen obligatorischen Tequila. Links von uns sitzen sieben Amis, die einen grünen Shots trinken. Ich bin neugierig und frage sie, was das ist. „Shit on the grass“. What the f***???? Ok, ich probiere es. Ganz klar, das wird mein neues Lieblings-Getränk. Der Mann neben mir ist John, seine Frau Lorelai. Er ist „jealous“, weil wir fließend Englisch sprechen und ein bisschen Spanisch. Er und seine Landsleute seien einfach arrogante Idioten. Oh… Und dann kommt sein Freund zu mir, ein kleiner Glatzkopf, nimmt meine Hand und entschuldigt sich für ihren saudämlichen Präsidenten. Ääääh. Gut. Dafür bekommt er ein Küsschen meinerseits auf die Glatze.

Spätestens jetzt sind wir Freunde, quatschen über Politik, trinken fleißig Shots und wünschen uns dann eine tolle Zeit. Ich hab leicht einen sitzen. Es war einfach schön.

Wir gehen essen, wobei ich kichern muss. Abimael, unser anfänglich schüchterner Kellner, hat sichtlich Spaß. Ich frage ihn nach seinem Alter. „36….and Single!“ Ok, da muss ich dann laut lachen. Er kommt immer mal wieder an, fragt, ob ich einen Mexikaner suchen würde und albert ein bisschen rum. So sind sie nicht zu den Amis. Da versteinert ihr Gesicht leicht.

Ich steige nicht ganz dahinter, warum sie hier so strikt gegen die Amis sind? Ich fühle mich selbst kaum besser. Es ist, wie so meist: Ich sehe die Angestellten, die hier sauber machen, unser Essen zubereiten und Drinks mixen und weiß, sie werden sich so was hier nie leisten können. Es beschämt mich, auch wenn ich dafür zahle, mich bedanke und freundlich bin. Da war es schon „ehrlicher“ im Dschungel von Peru, wo alle dasselbe Essen bekamen und wir mitgearbeitet haben.

Nein, ich habe keinen Moralischen. Und ja, ich genieße meinen Urlaub auch. Trotzdem ist es wohl sehr ungleich verteilt. So viel weiter sind wir wohl in der Zivilisation nicht gekommen….20181106_101335

Der Herbst ist da!

Endlich ist er da. Der Herbst! Nicht nur, dass ich Christoph Maria Herbst vergöttere. Nein, der Herbst ist auch meine Lieblings-Jahreszeit. Dieser ewige Sommer in diesem Jahr ist mir persönlich auf die Nerven gegangen. Jetzt ist das Wetter, bei dem es Spaß macht, auf der Couch rumzulümmeln und heiße Getränke zu schlürfen. Und derer gibt es ja viele: Kaffee, Milchkaffee, Latte Macchiato, Espresso, Cappuccino, Tee, heißer Holunder, heiße Zitrone, heißer Kakao – mit oder ohne Bums, Eierpunsch, heißer Apfel mit Zimt… Ich kann noch weitermachen. Da kenn ich ja nix.

Ja, ich weiß. Nicht jeder teilt meine Vorliebe. Als ich dem netten Herrn in der Druckerei erklärt hab, was meine Lieblings-Jahreszeit ist, hat der auch mit dem Kopf geschüttelt. Gut, er ist auch Westfale. Da muss man Verständnis haben. Er hat mir auch recht schnell auf den Kopf zugesagt, ich könne nur Rheinländer sein. Also clever ist er schon. Er mag diese Mentalität. Jo, was soll ich sagen? Ich auch. Und einer muss die Bayern ja schließlich unterwandern und Spaß unters Völkchen bringen. Da sehe ich meinen Beitrag zur Entwicklungshilfe.

Diese Woche war für mich als doch eher Frohnatur eher eine Herausforderung, aber ich hab mal wieder an meinen alten Chef gedacht, der mir damals sagte: „Wissen Sie, Neid muss man sich erarbeiten. Mitleid gibt’s umsonst. Insofern: Seien Sie stolz! Den Neid haben Sie sich hart erarbeitet.“ Klingt ja noch ganz nett, finde ich aber trotzdem Scheiße. Ich mag es harmonisch und kollegial lieber. Aber hey, ich mag ja auch Sturm, Regen und Gewitter. Vermutlich bin ich also nicht ganz barre.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen jetzt mal leckere Heißgetränke, kuschelige Partner auf der Couch und jede Menge harmonische Gemütlichkeit.

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Wie einfach war’s doch als Kind…

Ein kleiner Junge – vielleicht 7 oder 8 Jahre alt – geht schnurstracks auf ein kleines Mädel zu, das ich auf etwa 6 Jahre tippe. Klar und laut fragt er: „Und? Geht’s Ihr a auf d’Wiesn?“ Ein schüchternes: „Ja“ ist die Antwort. Er sagt noch zwei, drei Sätze, bis er sich umdreht und seiner Mutter laut zuruft: „Los Mama, trau di! Der Mo (Mann) is a nett.“ Gemeint ist der Vater der kleinen Maus. Dessen Frau und andere Tochter sitzen neben mir auf der Bank. Die Frau neben mir lacht. Der Mann grinst vor sich hin. Es ist ja auch ein Kompliment.

Und ich denke nur: Warum kann es nicht immer so unkompliziert und einfach laufen? Warum muss es immer komplizierter werden, je älter wir werden? Es scheint, als würden wir alle mit jedem weiteren Lebensjahr lernen, uns mehr zurückzunehmen. Oder geht es nur mir so? Ich fand den kleinen Jungen einfach genial.

Ich komme wieder aus dem Krankenhaus. Die Atemzüge sind mittlerweile auf zwei reduziert, bevor eine lange Pause entsteht. Es dauert also nicht mehr lange. Und doch schlägt das Herz noch… vielmehr ist es ein Flattern. Es wirkt, als hätte er sich schon verabschiedet, nur der Körper kämpft noch. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie so ein Körper noch seine allerletzten Reserven mobilisiert. Und die Welt dreht sich immer noch… so wie gestern noch und auch morgen wieder. Die S- Bahn ist auch wieder voll. So, als würde gerade nichts passieren.

Vor mir sitzen zwei kleine Lausbuben in Lederhosen… schätzungsweise 2 und 4 Jahre alt. Sie wissen noch nichts von der Welt. Sie strahlen, mampfen ihre Brezn und sind völlig unbeschwert… und ich wünsche ihnen, dass es möglich lange so bleiben wird.

… und die Welt dreht sich weiter…

Manchmal ist das Leben schon eigenartig. Während man noch fleißig dabei ist, sich über Kleinigkeiten fürchterlich aufzuregen, passieren gleich nebenan wirkliche Dramen.

Der Mann einer Freundin stirbt. Was so schlicht klingt, ist es nicht und dann irgendwie doch. Es gehört zum Leben dazu, dass wir alle sterben müssen. Und doch leugnen wir dieses Thema. Ich kenne so viele, die nicht bereit sind, über das Thema zu reden oder darüber nachzudenken. Was will man damit erreichen? Leugnen hilft so gar nicht. Keiner kann sich verstecken.

Gerade komme ich aus dem Krankenhaus. Wir waren zu viert im Zimmer: Drei Frauen und der Sterbende. Und es war friedlich. Wann er stirbt, kann keiner genau sagen. Er ist stark mit Morphium sediert. Nach sechs Atemzügen folgt eine längere Pause. Wir zählen alle automatisch mit. Es waren Stunden zuvor noch acht Atemzüge, teilen mir die beiden anderen Frauen mit.

Und was fühle ich? Frieden. Die Stimmung ist vollkommen friedlich. Wir tauschen Erinnerungen aus und lachen sogar, während ständig zwei von uns seine Hände halten. Er stirbt nicht allein, was ich sehr gnädig finde. Es gibt einige, die sagen, sie könnten das nicht – diese Begleitung des letzten Weges. Letztlich muss das jeder selbst für sich entscheiden.

Und da sitze ich dann und frage mich, wer bei mir sitzen wird? Ich habe keine Angst vor dem Tag X, aber ich möchte nicht allein sein, schätze ich. Das macht mich mal wieder sehr dankbar all den Menschen gegenüber, die das tagtäglich beruflich tun. Ich bin so froh, mittlerweile eine Arbeit zu haben, bei der ich sehe, wie sich etwas entwickelt. Auf einer Palliativ-Station oder im Heim sieht man nur den Rückschritt. Das stelle ich mir enorm schwer vor…

Und doch gibt es mir etwas, diesen Frieden zu erleben. Da ist eine Ruhe, die sanft wirkt. Mir wird so deutlich, wie sehr das hier auch zum Leben dazugehört. Wird es noch hart werden? Ganz bestimmt. Und die schlimmen Zeiten stehen seiner Frau noch bevor – wenn sie richtig realisiert, dass dieser Schritt endgültig ist. Dann werden wir wieder unsere Erinnerungen hervorkramen, gemeinsam lachen und genau so manche Träne verdrücken. Und vor allem: Gemeinsam weiterleben.

 

 

 

Pädagogisch für den Pöppes

Wisst Ihr, was mich nervt? Pädagogisch wertvolle Mütter. Solche, die ja ach so toll sind und noch tollere Kinder haben. Schon mal aufgefallen? Es gibt nur noch hochbegabte oder ADHS-Kinder. Wo sind die normal gestörten Kinder hin, wie ich eins war? Alle ausgestorben? Folgen der Klimaerwärmung?

Ich hatte eine „nette“ Unterhaltung mit einer Kollegin. Sie ist mir ohnehin schon nicht sympathisch. Und dann erzählt sie von ihren Kindern. Ihre Tochter sei hochbegabt. Und sehr sensibel. Aaaaah ja. Sie habe schon bei der Geburt der Tochter so viel Blut verloren, aber nach der Geburt ihres Sohnes sei es noch viel schlimmer geworden. Sie hätte heute noch (4 Jahre später) nicht die volle Literzahl Blut erreicht (wohl eher Hirnmasse). Äääh? Daher sagt sie auch jedem ungefragt, was er/ sie essen und trinken solle. Und dann labert sie mit stolz geschwellter Brust: „Meine Kinder dürfen ausschließlich französisch-sprachiges Fernsehen schauen.“ Hallo? Da würde ich auch ADHS bekommen. Das sei ja wohl das Mindeste. Wie kann man eine 8-Jährige und einen 4-Jährigen zu französischem Fernsehen zwingen und darauf hoffen, sie würden dann normal? Ein anderer Kollege musste da mithalten. Seine Kinder hätten dieses Jahr zum ersten Mal erfahren, dass das schwarze Ding auch Bilder zeigen kann – nämlich zur Fußball-WM. Die Kinder dürften 2 Mal pro Woche eine halbe Stunde fernsehen. Vergessen sie es, darf es nicht nachgeholt werden. Und das Beste: Sie dürfen nicht den Fernseher einschalten, sondern ausschließlich YouTube schauen. Logisch, oder? Für mich nicht. Und da darf Papa auch nicht schauen, was die Kinder auswählen. Die Entscheidung treffen die Kinder allein. Aaaaaah, wenn Ihr so ’ne Kacke macht, müsst Ihr Euch nicht wundern, wenn Ihr Psychos großzieht.

Ich weiß, dass viel Müll im Fernsehen läuft. Ich finde es gut, wenn Eltern auf ihre Kinder achten…schauen, was sie tun, was sie sich angucken usw. Aber diese Eltern, die sich darüber definieren, welche Sprachen ihre Kinder schon mit 8 können, gehen mir auf den Sack. Und ihr mitleidiger Blick, weil man ja kinderlos ist, der ist schon schwer anmaßend. Wisst Ihr was? Ich bin froh, dass ich kein Kind habe, dass mit Euren Psycho-Kindern in eine Klasse gehen muss!

Da sind mir die „einfachen, normalen Menschen“ schlichtweg lieber. Ich gehe durchs Werk und lausche folgendem Dialog:

Wenn der kimmt, der wos g’soagt hat, dess er kimmt, dann soagst mia B’scheid. Denn bast des.“ „Wer kimmt?“ „Na, der wos g’soagt hat, dess er kimmt.“ „Aaaah… und wos bast dann?“ „Na DES!“ „Aaah.“ Klingt nicht französisch, sondern einfach herrlich bekloppt.

Das ist der normale Wahnsinn, ganz unpädagogisch. Da wird man auch nicht belehrt. Fein auch, wenn diese komische Kollegin mir das völlig asoziale Verhalten eines Kollegen als „der ist ja auch sooo intelligent…vermutlich auch hochbegabt“ verkaufen will, weil das da normal sei, wenn man dann keine Sozialkompetenz hätte. Is klar. Jeder, der sich also Scheiße aufführen möchte, ist einfach kurzerhand hochbegabt. Funktioniert ähnlich wie das Pippi-Langstrumpf-Prinzip, nur gefiel mir der Ansatz von Astrid Lindgren besser.

Also, liebe Mütter: Ich weiß, es gibt auch Euch Normale da draußen. Ich hoffe, Ihr erzieht Eure Kinder so, dass sie den vermeintlich Hochbegabten mal den Spaß am Leben zeigen – ob auf Französisch oder mit dem Hammer, das ist mir egal. Lasst Euch von den Helikopter-Trutschen nicht verunsichern. Ich zähl‘ auf Euch!

Zeeland

Ich bin am Meer…genau mein Element – auch wenn mir dieses Mal entschieden zu viele Menschen hier sind. Das Wetter war dieses Jahr so bombe, dass etliche den September gleich mitgebucht haben.

Gestern bin ich gemütlich hergefahren und habe meine Pension gefunden. Sie gehört den Betreibern eines Muschelrestaurants. Äääh, jo, so gar nicht mein Geschmack. Nun war die Bedienung etwas überfordert, obwohl ich zur vereinbarten Zeit hier war. Sie ging drei Schritte voraus, drehte sich dann noch mal um Richtung Theke, dann wieder Richtung Ausgang. Watt denn nu? Hin, zurück, Linden küssen. Mei, so kommen wir nicht weiter. Auf einmal kommt eine Omi des Weges und will zahlen. Das macht die Dame noch konfuser. Sie fragt verwirrt, ob ich kurz warten könnte? „Klar, kein Problem. Soll ich den Koffer schon mal aus dem Auto holen?“ Darauf fragt die alte Holländerin, die gerade bezahlen wollte: „Haben Sie keinen Urlaub?“ Hä??? „Doch. Ab heute“, sage ich noch freundlich, woraufhin sie nur sagt: „Warum dann die Hektik?“ Dreht sich um und lässt mich stehen. Ich gebe zu, es brennt mir auf der Zunge, ihr zu stecken, dass sie sich reingedrängelt hat…oder noch besser: „Sind Sie nicht Rentner?“ Und auf ein „doch“ ein „Warum machen Sie dann nicht von Ihrem sozialverträglichen Frühableben Gebrauch?“ Ich habe es gelassen. Reine Körperbeherrschung.

Aber ehrlich? Gerade regen mich die alten Menschen auf, die meinen, sie hätten alles Recht auf ihrer Seite. Dieses „Ich, ich, ich“ kann ich langsam nicht mehr ab. Den krassen Gegensatz dazu bieten die jungen Eltern, die ihre Kinder pausenlos quengeln lassen, weil „der Kevin das noch lernen muss, sich anders auszudrücken.“ Lern schneller, Kevin!

Genial fand ich vorhin aber einen deutschen Vater, der sein Kleinkind (noch kein Jahr alt) als Trottel beschimpft, weil es sich nicht gut genug beim Umkippen festgehalten hat. Und als sich die kleine Lütte hinzustellen versucht, blafft er nur: „Stell Dich gefälligst komplett auf die Füße und nicht auf die Zehenspitzen.“ Äääh, ich bin nicht für „Hutschi, täti, bumm trara“, aber mit dem Kind zu sprechen, als wären wir gerade an der Front, finde ich dann doch daneben.

Da lobe ich mir die eigentliche – von der Omma gestern mal abgesehen – holländische Entspanntheit. Ich hab mir nämlich heute ein „Fiets gehuurt“. Zu deutsch: Ein Fahrrad gemietet. Blöderweise hatte ich keinen Perso dabei. Macht nix, ich kann einfach 20 Euro Kaution hinterlegen. Äääh, es ist ein Gazelle-Rad. Die glauben einfach nicht an das Schlechte im Menschen. Einfach schöööön. Dazu dann heute der echt starke Wind, der mir die Haare in alle Richtungen weht, und ich bin glücklich. Das Meer rauscht, ich werde ruhig und weiß, dass ich hier immer eine Anlaufstelle habe.

Ist das Glück oder was? Ja, gut, Kibbeling gehört natürlich noch dazu, aber auch das hatte ich schon. Ich bin also ein Glückskeks…huiiiiiii.

Definitiv ein Meer-Mensch

Gott, bin ich froh, dass die Hitze gerade mal eine Pause macht. So stelle ich mir meine Wechseljahre vor. Alter Falter, wie ich dieses Wetter verabscheue. Gestern Abend konnte ich dem Regen lauschen, was ich so sehr liebe. Jaja, ich weiß, alle Welt schimpft, wenn es dauerregnet. Ich persönlich mag Regen ja. Und nach so einer Dürrezeit war es ein noch tolleres Geräusch.

Und da denke ich dann an meinen bevorstehenden Trip nach Holland. Ja, ich war gerade erst ein paar Tage in den Bergen. Und ja, es ist wohl schön, sich da umzusehen. Aber nichts, wirklich gar nichts, ersetzt mir das Meer. Ich liebe das Rauschen, den Wind, einfach alles. Das lässt mich manches geraderücken in meinen Gedanken, manches belächeln und Frieden finden.

Noch ein Vorteil vom Meer: Es muss kein Helikopter kommen, wenn man sich den Fuß verknackst. So geschehen in den Bergen. Mich wundert es ja immer, wieviele Menschen es in die Berge zieht, obwohl das Wandern dort sehr schweißtreibend und anstrengend ist. Und wie unterschiedlich diese Leute sind! Am besten haben mir drei Ladies gefallen, die bestimmt schon jenseits der 60 waren, perfekt geschminkt und herausgeputzt. Sie waren nicht übertrieben, sondern einfach flotte Damen. Natürlich gibt es dort auch die üblichen Müslis, die ich immer pädagogisch waaaaaaahnsinnig wertvoll finde. Von Weitem riecht man da meist schon den Mate-Tee.

Noch gruseliger finde ich die Mountainbiker. Allerdings hat sich da etwas verändert. Vor Jahren hätte ich diese Vollidioten noch am liebsten vom Fahrrad getreten. Einfach so. Wenn sie die Puste haben, sich den Berg per Rad hochzuquälen, haben sie auch die Puste, wieder nach so einem Tritt aufs Rad zu steigen. So einfach. Nun habe ich aber eine Kollegin, die das auch macht. Und sie ist Veganerin. Die Überraschung? Sie ist nett!!! Also ehrlich nett. Nicht militant öko oder missionarisch vegan unterwegs. Das macht leider was mit meinem hübschen Schubladendenken.

Nun gut, weil besagte Kollegin so nett ist, habe ich dieses Mal nur den Kopf geschüttelt und einen sich Abstrampelnden gefragt, warum er sich das antäte? Er hat mich angelächelt (wow, was für ein Lächeln das war!) und schnaufend hervorgebracht: „Weil es einfach nur geil ist.“ Gut, unter „geil“ würde ich ein paar andere Dinge verbuchen, aber es gibt ja sogar Menschen, die es geil finden, Rasierklingen zu schlucken. Also: Jedem das seine.

Nun sind wir also an einem Tag auf unserer Gratwanderung unterwegs (die lässig werden sollte, mir aber auch nach Tagen noch die Muskeln schreien lässt), als ich eine adrette Dame – wieder mal top gestylt mit tollem, rotem Lippenstift – am Rand sitzend entdecke, während ihr Mann auf der anderen „Straßenseite“ steht. Der Rheinländer in mir flötet ja immer einen raus, also sag´ ich zu ihm: „Na, da haben Sie doch ein schönes Motiv. Ich würde ja an Ihrer Stelle ein paar Bilder von ihr machen.“ Und da erfahre ich, was der guten Frau passiert ist. Sie sitzt da nicht aus Dekogründen, sondern ist umgeknickt. Es muss ein lautes Knackgeräusch erzeugt haben. Ich frage noch, ob ich helfen könne, aber beide winken ab. Sie rasten noch etwas, bevor sie dann den Abstieg beginnen. Ich wünsche ihnen das Beste.

Der Abstieg geht nun für mich weiter. Ehrlich? Es ist alles andere als lustig. Mit zwei operierten Füßen und nicht vorhandener Sportlichkeit ist es noch schlimmer, seit ich weiß, dass selbst sportliche Menschen (die Dame zuvor) sich so derbe den Fuß verknacksen können. Ich weiß, dass ich diese Nacht kaum Schlaf finden werde, weil die Panik in mir immer größer wird, hier heil herauszukommen. Meine Trittsicherheit sowie Balance sind nicht gerade gut zu nennen – nach den OPs noch weniger als zuvor. Ich denke wieder an die Frau und frage mich, wie sie hier herunterkommen soll, wenn sie verletzt ist? An der Alpe holt uns dann der Mann ein – allein. Es gehe nicht anders, er müsse die Bergwacht rufen. Dann wird alles spektakulär: Ein Heli („Roooooooobert, hol´ schon ma der Helllli!“) kommt geflogen, kann aber natürlich oben nicht landen. Dann landet er bei der Alpe zwischen. Alles stürmt zum Spektakel – selbst eine Mutter mit einem Säugling im Arm, obwohl alles durch die Roteren aufgewirbelt wird. Ich bleibe sitzen und denke an die Frau da oben. In solchen Momenten könnte ich heulen, wenn ich daran denke, wie sie sich fühlen muss. Klar, es ist toll, dass es so eine Rettungsmöglichkeit gibt. Der Heli wird mit einem Seil und Sitzmöglichkeit daran präpariert, bevor es wieder in die Lüfte geht und die Frau abtransportiert wird. Aber all der Aufriss, all die Aufmerksamkeit, nur weil die Frau sich den Knöchel verstaucht, die Bänder gerissen oder sonst was hat.

Diese Art von Attraktion wäre mir ein Gräuel. So viel Aufwand nur für mich? Die Sanitäter hätten mir vermutlich vorher einen Liter Valium spritzen müssen, damit ich das sediert überstehen könnte. Andernfalls würde ich vermutlich an Scham und einem Herzinfarkt verscheiden. Den Flug am Helikopter hingegen, den würde ich zu gern erleben.

Und dann denke ich wieder, wie kompliziert ich doch denke. Während die meisten ganz normal annehmen könnten, was in solchen Momenten vonnöten wäre oder gar sagen: „Na, dafür gibt es ja die Bergwacht, die macht nur ihren Job“, würde ich darüber hyperventillieren. Nur eben nicht aus Angst, sondern aus Scham. Schon verrückt…

Und was lehrt mich das? Am Meer bin ich definitiv besser aufgehoben. Ja, auch da kommen Hubschrauber zum Einsatz, aber ich schwimme ja in Holland nicht raus – wenn ich überhaupt schwimmen gehe. In diesem Sinne fahre ich in zwei Wochen entspannt in meine Heimat des Herzens. Holland, ich komme!

what a difference a day makes…

Tja, nun, wie könnte ich starten? Erklären, was mich so lange vom Schreiben abgehalten hat? Hm, nö. Es ist, wie es ist. Umzug & Co. haben ihres dazu beigetragen, aber ich war wohl schlichtweg zu faul oder zu beschäftigt oder zu genervt oder was auch immer. Ausreden habe ich immer genügend auf Lager.

Meine Wohnung ist leider noch nicht ganz das, was ich mir für diese Zeit erhofft hatte. Schon witzig, wie viel Lehrgeld man auch noch in meinem Alter zahlen darf. Andererseits: Ich lerne ja nie aus. Oder, wie hat es eine nette Kollegin vor Jahren mal gesagt: „Gib Dir doch einfach die Chance, noch ganz viel zu lernen.“ Naja, dann gebe ich mir mal die Chance.

Gerade zwitschern die Vögelchen, ich fläze mich auf meiner Hängeliege und lasse meine Gedanken kreisen. In den letzten Tagen hatte ich verdammt oft das Lied im Kopf: „What a difference a day makes…twentyfour little hours…“ Es ist erschreckend und schön, aber vor allem stimmig. Manchmal fliegt man hoch, hat Träume und denkt, alles läuft gerade schikko. Und dann – kawumm – platzt diese Blase. Und dann gibt es die Momente, wo es genau anders herum ist. Man sitzt so richtig schon am Bodensatz des Lebens und denkt sich: „Alles Scheiße, alles Mist, wennste nich besoffen bist…“, und im nächsten Moment strahlt die Sonne mit aller Macht durch die Wolken und erinnert einen daran, dass alles halb so wild ist. Bisweilen reicht die richtige Musik auf dem Hinweg zur Arbeit, um mich so richtig zum Strahlen zu bringen. Und wenn ich dann mit fettem Grinsen den Kollegen begegne, steckt die das immer an. Geht also, oder?

Trotzdem ist es erschreckend, wie schnell ein Ereignis uns abheben lässt oder aber auch auf den Boden zu schmettern vermag. Nun fehlt mir ja das Gen zum Drama, wofür ich sehr dankbar bin. Dennoch: Manches haut auch mich um.

Genau so gibt es aber auch diese lustigen Momente, in denen ich einfach nur laut über mich selbst lachen kann. So geschehen gestern. Ich habe seit ewigen Jahren wieder ein Fahrrad. Das Gleichgewicht (ja doch, natürlich im nüchternen Zustand!!!) ist nicht mein bester Freund, weshalb Fahrradfahren nicht gerade zu meinen liebsten Fortbewegungsarten zählt. Ich wage es dann aber doch noch und schwinge mich auf mein Radl. Und schon geht´s los zu Obi, wo mein Obimann auf mich wartet. Es ist wie früher in der Schule: Die Mathelehrer mochten mich immer am meisten, was ich schlichtweg nur auf meine Talentfreiheit schiebe. Und so ist es auch beim Obimann. Er mag mich wohl besonders, weil ich handwerklich so viel Geschick aufweise wie eine Taube beim Benehmen. Nein, ich sch*** nicht bei Obi in den Laden, aber ich schaffe es nicht einmal, ein sauberes, gerades Loch zu bohren, obwohl ich mittlerweile stolze Besitzerin eines Schlagbohrers und eines besseren Akkuschraubers bin. Besitz heißt aber nicht Können. Ganz wichtig. Ich besaß auch immer Mathebücher – allein, geholfen hat das nie.

So, nun fahre ich aber zum Obimann, die Sonne scheint, und ich spüre dieses pure Glück der inneren Freiheit. Ehrlich wahr, ich könnte einfach nur grinsen. An der letzten Ampel schalte ich dann in einen anderen Gang und schwups, ist die Kette ab. Nee, oder? Doch. Eigentlich müsste ich mich ärgern. Kann ich aber nicht. Ich lache nur – und zwar ziemlich laut. Zum Glück hat mich keiner in die Klapse gesteckt.

Der Obimann sieht mich schon grinsen und fragt bereits, während ich noch auf ihn zuschlendere: „Was hast Du jetzt schon wieder angestellt?“ Ich grinse noch breiter: „Jo, was soll ich sagen? Die Kette am Fahrrad ist ab. Kannst Du so was auch?“ Er schüttelt den Kopf: „Kann das sein, dass Du ein Händchen für so was hast?“ Hab´ ich das? Immerhin war es mein rechtes Händchen, das den Gang umgestellt hat…bzw. beim bloßen Versuch daran gescheitert ist. Ergeben geht er mit mir zum Rad und frickelt drauflos. Wir stellen es irgendwann sogar auf den Kopf, damit er das auch hübsch hinbekommt. „Wie hast Du denn geschaltet?“ Ich zucke mit den Schultern: „Na, da vorne eben.“ Selbst ich weiß, dass man einen Gang nicht mit dem Hammer reinkloppt. „Aber schon beim Fahren, oder?“ „Klaro!“ Und dann überlege ich. „Ääääh, also meistens schon. Zum Schluss aber im Stehen, weil die Ampel rot war.“ Der Blick, den ich kassiere, schwankt zwischen „das ist jetzt nicht Dein Ernst?!“ und „Samma, wie bekloppt muss man sein?!“. Ein zögerliches: „Falsch?“ von mir zeigt ihm, ich weiß es echt nicht. „Seit wann hast Du das Fahrrad?“ „Einen Monat.“ Er nickt: „Ok, für die nächsten Monate: Schalte nur, wenn Du fährst. NIEMALS im Stehen.“ Das darf man also echt nicht? Sieh mal einer an…

Als Dankeschön möchte er kein Eis von mir, sondern lediglich, dass ich ein wenig mit ihm plaudere, weil ihm die Kunden auf den Sack gehen. Einer kommt vorbei und sagt: „Das Fliegengitter hier…das kostet 95,- €.“ Oh, der Kerl kann Preise lesen. Ganz ein Großer! Pause. Keine Reaktion. „Bei Amazon gibt es das für 75.“ Der Typ stellt keine Frage, weshalb der Obimann auch noch keine Antwort gegeben hat. Also wieder Pause. Der Kunde starrt den Obimann an, der schaut sparsam zurück. Jetzt schnallt er es und fragt dann endlich: „Wie kann das sein?“ Der Obimann deutet um sich herum: „Amazon hat kein Lager, keine Beratung und all das, was Du hier siehst, auch nicht.“ Der Typ schaut sich um und fragt: „Also, kann man nix machen?“ Der Obimann nickt. Ich steh´ daneben und denke an Loriot. Es gibt so eine Situationskomik, die kann man nicht beschreiben. Ich könnte mich wegschmeißen. Der Typ zieht von Dannen. Der Obimann sieht mich genervt an: „Verstehst Du jetzt, warum ich Kunden, wie Dich mag?“ Ich nicke: „Ich stelle mich nicht nur blöd an, ich kaufe anschließend auch das, was Du mir rätst.“ Der Obimann ist ganz Gentleman: „Du stellst Dich nicht blöd an.“ Er sieht meinen Blick. „Gut, Deine Talente sind eben andere.“ Wenn der wüsste!!! „Aber ich hasse diese Arschlöcher, die sich alles lang und breit erklären lassen und dann bei Amazon kaufen.“ Und das kann ich – bei all dem Spaß drumherum – dann doch gut verstehen.

Daher habe ich auch kein Problem, weiterhin handwerklich im Entwicklungsbereich zu agieren (hübsch ausgedrückt, gell?). Wenn ich gut beraten werde, kaufe ich dort auch.

Und jetzt mache ich mal wieder Schluss für heute und bin mir sicher, ich schreibe nun wieder häufiger. Habt eine gute Zeit, schaltet während des Fahrens und habt den Mut, Euch auch mal blöd anzustellen. Damit gebt Ihr anderen die Chance, noch mal richtig zu lachen.