Die Nacht beginnt bei mir nicht so früh wie am Vortag. Da war ich so richtig platt. Ich starte meinen Tag trotzdem ausgeschlafen und gemächlich, schaffe es aber nicht, erst auf den letzten Drücker da zu sein. Bei der Justiz sollte man sich angewöhnen, sich Zeit zu lassen. Doch das lerne ich in diesem Leben nicht mehr. Entsprechend warte ich wieder fast 15 Minuten im Auto. Aber mittlerweile kennen die Jungs mich an diesem Tor. Der Lustige mit den „Doktorspielchen“ steht schon grinsend mit dem Fieberscanner hinterm Tor. Er misst und sagt: „Eiskalt, diese Dame.“ In Zeiten von Corona ist das wohl ein Kompliment. Da wir auf einen Wärter warten müssen, fragt er mich, was ich schule? „Lean Management. Jetzt sind Sie schlauer, hm?“ Er winkt ab. „Na, des is net moans.“ Ich erkläre ihm, worum es geht. Wenn nach Möglichkeit jeder seine Arbeitsprozesse auf den Prüfstand stellt und dabei nach Verschwendung Ausschau hält, man permanent nach der Verbesserung strebt. Er wirkt nicht angetan. „Ich könnte das auch gern mal für die Justiz anwenden und Sie alle schulen.“ Da gehen gleich drei Herren in Deckung und behaupten, das nicht zu brauchen. „Wetten, ich finde Verschwendung in Ihren Abläufen?!“ Doch sie bleiben bei nein. Wer hätte das gedacht, hm?

Ein älterer Wärter holt mich ab, während ihm die drei Kollegen vom Tor noch viel Spaß mit mir wünschen. Jungs bleiben einfach Jungs. Ich winke zum Abschied und wünsche Ihnen weiterhin viel Langeweile ohne mich. Der Produktionsverantwortliche klärt mich kurz auf, noch ca. eine Viertelstunde zu brauchen, dann würde er seinen Inhaftierten Bescheid geben. Ich lasse mich bereits in den Schulungsraum bringen, den ein anderer Kollege aufschließen muss. Doch das ist gar nicht mehr nötig. Bei Öffnen der Tür, sitzen die Jungs schon da. Bumm, wie eine Wand. Das ist recht normal, dass die Teilnehmer zu Beginn nicht gerade einen Freudentanz aufführen. Aber wenn alle schon da sitzen, es von jetzt auf gleich still wird und man die Abwehrhaltung förmlich spüren kann, ist es nicht gerade der Kracher. Also direkt in die Vollen: „Ich merke schon, Sie konnten vor Vorfreude nicht richtig schlafen, hm?“ Zwei, drei grinsen leicht, der Rest (elf, zwölf) verziehen keine Miene. Na, das kann ja heiter werden.

Ich kann sie schon verstehen. Da sitzen harte Jungs vor mir und haben Sorge, belehrt zu werden. Da hätte ich zunächst auch mal keinen Bock drauf. Ich sage: „Juut, dann legen wir mal los. Der Chef braucht noch 15 Minuten, aber den brauchen wir ja auch nicht wirklich, um arbeiten zu können.“ Einer fragt sofort: „Juut? Wo kommen Sie denn her?“ „Rheinland. Sie haben also Pech, es wird auch lustig heute.“ Hier und da bröckelt das Eis. Es ist immer ein Testen, ein verbales Abtasten und Beschnuppern. Geschenkt wird einem hier nichts. Leider kristallisiert sich heraus, dass der Teamgeist hier alles andere als gut ist. Es gibt verschiedene Unstimmigkeiten und einen, der quasi permanent lügt, alles besser weiß und nach seiner Haft nach Nizza zurückgeht, wo er angeblich eine Tauchschule betreibt. Er habe ausreichend Geld, um für sein Leben ausgesorgt zu haben. Puh, mit solchen Kandidaten ist es schwer, eine Schulung zu halten – vor allem, weil seine Kollegen hier genervt von ihm sind.

Aber es sind auch Spaßvögel dabei. Ich habe schwarze Kugelschreiber (das Beste an der gesamten Schulung) für jeden. Kritisch betrachtet ihn einer und merkt an: „Der ist ja schwarz!“ Und ich: „Klar, pink mit Strass war leider alle.“ Er grinst mich an: „Och, wir hätten durchaus ein paar, die darauf spünden.“ Wir reden hier von der Sorte Jungs, die andere als Frauenersatz „benutzen“. Oder als ich den Spruch von meiner lieben Omi bringe, dass man so lange lernen könne, wie die Finger alle gleich lang seien und einer seine Hand hochhält und lachend viereinhalb Finger präsentiert. Interessanterweise kommt er aus Italien, aber hat den halben Finger nicht an die Mafia verloren. Ich lach‘ mich schlapp und sage ihm, wie bewundernswert ich doch fänd, bei so vielen von ihnen noch Humor zu erleben. Sie zucken nur mit den Schultern: „Ohne überlebst Du hier drin nicht.“

Und das stimmt buchstäblich. Alle ein bis zwei Jahre begeht jemand hier Selbstmord. Selten sind es die Neuzugänge. Es erschüttert meine Kollegen jedes Mal, wenn sie ihn tags zuvor noch am Arbeitsplatz gesehen haben, wo noch alles in Ordnung schien. Die Arbeit bringt sie auf andere Gedanken, aber zwölf bis dreizehn Stunden sind sie auf Zelle, was 8 qm bedeutet. Da müssen sie witzeln, um nicht zu verzweifeln. Nach dem Essen, das Corona bedingt jetzt einzeln in der Zelle zu sich genommen wird, sagt einer: „Der Vorteil: Sie sitzen auf dem Bett direkt neben dem Klo. Und bei dem Festschmaus müssen sie nicht weit gehen, um den dann wieder loszuwerden. Oder ein anderer Vorteil: Haben Sie einen Fernseher auf Ihrem Klo? Wir schon.“ Und ich lache in dem Moment mit ihnen, was sie wohl brauchen. Das ist ihr Leben, ihr Alltag. Als Rückmeldung kriegt der schwierige Teilnehmer eine klare Ansage von den Jungs, dass sie sich mehr dieser Schulungen wünschten und es sie wütend mache, wie manche Vollidioten es jemandem von draußen mit ihren Nörgeleien und Sticheleien schwer machten. Sie hofften, ich käme wieder – und zwar genauso, wie ich heute war. Es ist also alles gut. Bis auf einen Russen, der mich leider so gar nicht verstehen und dem man den Frust darüber ansehen konnte.

Der Wärter am Tor erzählt mir, traurig zu sein, weil ich morgen nicht mehr zu ihnen käme. Ich eröffne ihm, in zwei Wochen wieder da zu sein. Er schaut sofort in seinen Kalender und verkündet freudestrahlend, dann auch Tagesschicht zu haben. Dann würden wir zwei uns mal privat treffen und über Verschwendung reden. Ääääh, ich weiß nicht, wie ernst er das meint, aber ich nehme es mal mit Humor.

Weniger humorig verläuft derweil der Tankversuch. Es bleibt auch nur bei einem Versuch, denn der Deckel lässt sich partout nicht öffnen. Schlüsselkratzspuren zeigen mir, dass es meinen Vorgängern ähnlich ergangen sein muss. Wider meine Natur, will ich in der Bedienungsanleitung nachschauen, die aber nur in einer Sprache vorhanden ist – und zwar nicht der meinen. Wenn schon nicht deutsch, dann zumindest englisch? Auch nicht.  Ich breche ab und bringe den Wagen unbetankt zurück. Dabei ist es schon wieder so stickig und ich bin langsam unleidlich.

Ich komme zeitgleich mit Oppa von gegenüber an, als ich nach der Post sehen will. Als ich zwei Minuten später in meiner Küche ankomme, ist er schon wieder oberkörperfrei auf seiner Terrasse unterwegs. Puh, so weit gehe ich dann nicht, aber ich entledige mich auch vieler Klamotten, schenke mir ein Radler ein und setze mich auf den Balkon. Für diese Woche reicht’s echt. Und doch denke ich an die Jungs, die all das nicht haben und noch für einige Jahre entbehren müssen. Da geht es mir doch verdammt gut – mit und ohne öffenbarem Tankdeckel und Nudisten-Oppa…

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