Schon eigenartig… wie gehemmt man manchmal sein kann. Ich bin allein in Peru und Bolivien gereist, aber dann gibt es wieder diese Momente, in denen ich zögere. Die einfache Variante wäre es gewesen, heute einfach auf Netflix die Gilmore Girls zu schauen.

Richtig, geplant war ein Trip nach Sanibel Island. Da gab es dann nur leider gestern die Info, dass der Vize-Präsident der USA dort Urlaub macht. Was das bedeutet? Sperrungen für die normal Sterblichen – leider. Dabei hätte ich nicht mal die Absicht, mit ihm zu reden, geschweige denn, ihm was zu tun. Ich kenne ihn ja nicht einmal.
Selbst ein echt guter Burger und die Titan-Show mit Dwayne the Rock Johnson (ich liebe dieses Schnittchen) trösten mich nur wenig.

Es bleiben zwei Alternativen: Ich schaue mir heute die Gilmores an oder ich fahre nach Fort Myers Beach. Klingt einfach, aber es gibt da trotzdem dieses Stimmchen. Ich will mit dem Bus fahren, aber weiß nicht, wo der hält. Meine Cousine erklärt es mir zwar, aber meine fehlende Orientierung ist ja legendär. Die Gilmores klingen auf einmal wieder sehr verlockend.

Nix da, das könnte ich auch Zuhause. Mit leicht flauem Magen gehe ich los. Äääääh… ist das ernst gemeint? Es gibt eine kleine Holzbank auf einem Rasen, was wohl die Haltestelle sein soll. Es ist eine Schnellstraße, aber was soll’s. Ich warte und entdecke tatsächlich irgenwann den Bus. Ein Tagesticket kostet 4 Dollar. Ich reiche ihm 10. „I can’t give out, Lady.“ Well, die Lady in mir hab ich noch nicht entdeckt, aber gut. Ich habe 3 einzelne Dollar oder einen 5er. Ich gebe ihm also schulterzuckend den 5er und erhalte mein Ticket. Es ist auch gar nicht so schwer mit dem Umsteigen in die andere Linie. Allerdings ist der Bus ein bisschen so aufgemacht, wie man es von St. Francisco Filmen kennt – echt nett.

Zwei Haltestellen weiter wird es dann richtig voll, wobei so ein kleiner Opi grinsend mit dem Busfahrer schäkert und sich dann neben mich setzt. Er quatscht so schnell und verwaschen, dass ich ihn bitte, das mal langsamer zu wiederholen, was er auch tut: Wenn man neben der richtigen Person im Bus sitzt, kann es ein toller Trip werden. Ah ja. Er fragt mich, woher ich sei. Dann frage ich natürlich zurück. Ursprünglich kommt er aus Ontario in Kanada. Na juut. Er quasselt weiterhin schnell und mit starkem Slang, bis ich irgendwann frage, wie er eigentlich heißt? Keith. Ah, wie Keith Richards? „Well…. yes. But I am Keith without teeth.“ Da hat er mich. Ich schmeiß mich weg.

Er hat einen Isolierbecher in der Hand und riecht ganz klar nach Alkohol. Und die Stumpen sind mir auch sofort aufgefallen, weil er so eine eingefallene Mundpartie hat. Aber dazu strahlen seine blauen Augen vor lauter Schalk. Nachdem ich über den Zahnwitz ausgiebig gelacht habe und längst die gerümpften Nasen ausmachen konnte, die Keith gelten, freu ich mich richtig, diesen Trip mit der Begleitung zu machen. Dieser Opi ist Spaß pur. Durch den elend-langen Stau haben wir ausreichend Zeit, dass er mir alles zeigen und erklären kann.

Als wir endlich ankommen, erklärt er sich zu meinem Guide und schleppt mich sofort zu einer Bar, wo er wohl arbeitet. Jeder grüßt ihn, er stellt seinen Kram ab und stellt mich allen vor. Mir fallen sofort zwei Pepsi-Lieferanten auf. Der eine hat so lustige Dreads, dass ich – ohne nachzudenken – frage, ob ich die mal anfassen dürfe? Ich darf. Hmm, der ist echt lecker. Keith will mir den Pier zeigen, als mich dann das Teufelchen reitet. Ich frage das Leckerchen, ob wir ein Foto machen könnten? Er strahlt mich an: „Sure!“ Oh ja, so was von sure! Keith grinst mit seinen 7 Stumpen (seine Zählung, nicht meine. Ich würde jeden dieser 7 maximal als halbe Zähne werten). Ich grinse zurück und sage, wenn ich schon mal die Chance bekäme, ein Foto mit so einem süßen Typen machen zu können, müsste ich doch zuschlagen. Da legt das Schnittchen mir den Arm um die Hüfte. Ach, ist das Leben doch lustig. Ich bedanke mich, was mir ein: „was a pleasure“ (und erst für mich!!!) einbringt, bevor wir dann gehen.

Keith zeigt mir alles Mögliche. Er grüßt Hinz und Kunz und ich versuche ihm zu erklären, dass er ein „colered dog“ sei. Damit ist er fein.

Er erklärt mir alles, bis wir wieder zur Kneipe kommen, wo die Plätze der Lieferanten leider verwaist sind. Ich trinke einen Mojito, den Jim mir mixt. Schnell rufe ich noch: „Not that strong, please!“ Aber er kesselt trotzdem rein. Gut, liegt vermutlich auch am Jetlag und der Sonne. Keith will mir den besten Platz überhaupt zeigen und winkt mich hinter sich her. Jim warnt mich noch, aufzupassen, weil die Stufen nicht eben seien. Hä? Keith schleppt mich also aufs Dach. Zugegeben, die Aussicht ist echt sehr nett, zumal man rundum schauen kann.

Wieder unten, drängt er mich, doch auszutrinken, damit er mir die Bibliothek zeigen könne. Ich sage noch, dass ich nicht so schnell Alkohol trinken könnte, da probiert er an meinem Strohhalm. Ääääh…. Ich mag ihn, aber ein bisschen gruselt es mich dann doch. Aber dann denke ich, dass er so viel trinkt, dass sich keine Viren oder Bakterien halten können. Ich trinke also den Rest, bevor es dann weitergeht.

Der kostenfreie offene Bus fährt uns zur Bibliothek, die ganz ok ist, aber bestimmt nicht der Burner. Allerdings verweist Keith auf Bilder des Gründers mit Kerzen und Blumen davor. Der Gute ist vor 4 – 5 Wochen von einem Irren mit einer Machete enthauptet worden – einfach so. Jo, das ist mal krass. Schusswaffen sind hier wohl ohnehin erlaubt, aber mit einer Machete jemanden zu enthaupten? Da denke ich doch eher an Südamerika.

Zwischendurch beschwört mich Keith, ich müsse unbedingt zur Sanibel Island, woraufhin ich ihm das mit dem Vize-Präsident und der Sperrung erkläre. „Your Vice President?“ „No. Yours!“ „Oooh, nobody’s gonna kill him. Well, the President for sure but not the Vice President. Our President has the IQ of a dead frog…“ Hätte der Gute doch Zähne, dann würde ich ihn glatt knutschen. So kommt der Impuls aber nicht wirklich auf.

Es ist ein runder Tag. Ich stecke zwar nicht die Füße ins Wasser, wie ich es geplant hatte, aber dafür war es richtig lustig und entspannt. Keith war einfach nur hilfsbereit und nett, ohne dafür etwas zu fordern. So mag ich die Menschen. Eine Umarmung zum Abschied und ein Küsschen auf meine Wange später steige ich müde in den Bus. Gute Entscheidung, nicht die Gilmores zu gucken, sondern rauszugehen. Das denke ich im Nachhinein immer, aber der Schweinehund muss immer wieder mal überwunden werden.

 

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