Das Zimmer kann nichts dafür – draußen kühlt es nämlich auch nicht ab. Da höre ich von Gewitter und schaue nur dumm aus der Wäsche. Hier in Niederbayern ist davon nichts zu sehen. Um 22 Uhr öffne ich dann mal sperrangelweit mein Fenster. Vorher ist das nicht ratsam, weil genau darunter der Biergarten des Hauses ist, der bis 22 Uhr geöffnet hat. Doch das macht so gar nichts, wie die Herren dort unten meinen. Sie labern in einer Lautstärke weiter, als gelte es, einem Kindergeburtstag Konkurrenz zu machen – und das im breiten Sächsisch. Ich sterbe! Ernsthaft.

Was ist das eigentlich, wie manche Männer sich gebärden? Das Handy klingelt eine volle Länge durch, während der Besitzer grölt: „Wenn meine Olle um die Zeit anruft, ist das immer schlecht.“ Hä? Deswegen geht er nicht ran. Das ist so einer, der Zuhause Frauchen die Pantoffeln nachträgt, aber unter Männern einen auf dicke Eier macht. So was liebe ich ja.

Das Doofe: Ich kann jetzt entweder ersticken, weil es so warm ist oder muss mir dieses Geschwätz anhören. Ich will nicht ersticken. Also bleibt nur das Ärgern. Der Typ muss aus Plauen kommen. Vor Jahren war eine Reisegruppe in dem Landgasthof, in dem ich ein paar Jahre Schulungen gegeben habe. Diese Reisegruppe bestand aus schnatternden Weißkopfadlerinnen und einem einzigen älteren Herrn. Letzteren konnte man nicht hören, weil die Ladies in einem durchgesabbelt haben. Mein älterer Kollege hat sich so über den Dialekt amüsiert, dass er die Hühner meinte fragen zu müssen, woher diese denn seien? „Nooo, öus Pläuwn“. Da kann ich nicht mal ne Schriftsprache draus machen. Und exakt so hören sich die Kerle da unten an. So gegen 23:30 Uhr und zweifacher, freundlicher Aufforderung der Bedienung, gehen sie dann endlich auch schlafen. Besser is, weil mir so langsam die Gewaltphantasien ausgegangen sind.

Aber was kommt nach der Nacht? Richtig, das Frühstück. Ich sitze gerade an meinem Tisch, da betritt einer den Raum. Ein Blick auf diese Hose (Rooooobert-Geiss-für-Arme-Stil) reicht, da bin ich mir schon sicher, dass es einer der Typen ist. Als sein Kollege kurz darauf reinkommt, mich gemächlich scannt und dann die Sabbel öffnet, identifiziere ich den sogar als den Anrufverweigerer von gestern Abend. Während sein Gegenüber die weißen Brötchen einsacken möchte, da er ja nicht wie seine Frau ist („die immer nur die mit den Körnern frisst„), zieht der andere so richtig schön alles hoch, was in seiner Nase, dem Rachen und eventuell sogar im Magen sitzt. Mmmmh… mir liegt auf der Zunge zu sagen: „Stückchen Brot dazu?“

Entsprechend bin ich megaglücklich, als ich meine Kollegen dann wiedersehe. Sie wirken auf den ersten Blick etwas grantig, haben das Herz aber auf dem rechten Fleck. Und ihr Niederbayerisch wird in tiefer Tonlage kredenzt – nicht in Kopfstimme, wie es bei Sächsisch ja leider der Fall ist. Der Härteste unter meinen Kollegen würde vielen vermutlich Angst einflößen. Ich bin mir auch fast sicher, dass er mit Kippe auf der Schnüss und Tätowiermaschine in der Hand auf die Welt gekommen ist. Er ist einfach grottenhart und manchmal für mich semantisch nicht greifbar. Aber dann droh‘ ich ihm an, mit ihm zu kuscheln, wenn er es mir nicht begreiflich übersetzt, und schwups: Es geht plötzlich. 😊 Sein Spitzname ist Hellboy – und der passt perfekt.

Wir entwerfen ein Layout für die Produktionshalle, was sich so easy anhört und doch echt schwierig ist. Meine Arbeitszeit überziehe ich dabei mal wieder sauber, aber das wird ja schon fast zur Normalität. Derweil haut Heinz sich wieder Kolben raus, die jeden Normalsterblichen Scheiße schreien ließen… doch er kommt, wie immer, damit durch. Nur dieses Mal prangert er per Mail andere Kollegen an, was mir die Galle überlaufen lässt. Ich verstehe es einfach nicht, und meine Toleranz ist quasi auch gar nicht mehr vorhanden. Wie kann ein Mensch so sein? Und wie können andere ihn so lassen? Dass er nicht schon häufiger Schläge kassiert hat, wundert mich.

Kurz vor meinem Feierabend schreibt mein kleiner Neffe dann noch, dass er Boxershorts braucht. Er hat zu wenige eingepackt. Auch das passiert nur Kerlen. Auf dem Rückweg ihres Urlaubs kommt meine Familie ja hier an. Mit ollen Schlüppern ist das wohl nicht der Hit. Also stürze ich mich auf dem Rückweg noch in einen Klamottenladen. Morgen wasche ich sie durch, so dass wieder „alles fit im Schritt“ und „fresh in de Täsch“ ist. Wenn jetzt nicht schon wieder der Himmel winkt, verhebe ich mich noch am Karma. Aber alles halb so wild, da es schon merklich abgekühlt ist. Da schwitz ich bei der Anstrengung des Karma-Stemmens wenigstens nicht.

Auch jetzt rauscht der Regen hier wieder. Es grollt der Donner (also es hummelt gewaltig), mein Kopf wird mir schwer und ich höre keine frauenfeindlichen Chauvis vor meinem Schlafzimmerfenster kampieren. Was freue ich mich auf mein eigenes Bettchen! Das Leben kann so schön sein. Da schießt mir eine alte jüdische Weisheit in den Kopf, die ich so mag:

„Zu einem alten Rabbi kam ein Mann und klagte: „Rabbi, mein Leben ist nicht
mehr erträglich. Wir wohnen zu sechst in einem einzigen Raum. Was soll ich nur machen?“ Der Rabbi antwortete: „Nimm deinen Ziegenbock mit ins Zimmer.“
Der Mann glaubte nicht recht gehört zu haben. „Den Ziegenbock mit ins
Zimmer?“ „Tu, was ich dir gesagt habe“, entgegnete der Rabbi, „und komm nach einer Woche wieder.“
Nach einer Woche kam der Mann wieder, total am Ende. „Wir können es nicht mehr aushalten, der Bock stinkt fürchterlich!“ Der Rabbi sagte zu ihm: „Geh nach Hause und stell den Bock wieder in den Stall. Dann komm nach einer Woche wieder.“
Die Woche verging. Als der Mann zurückkam, strahlte er über das ganze Gesicht: „Das Leben ist herrlich, Rabbi. Wir genießen jede Minute. Kein Ziegenbock – nur wir sechs.““

Ja, manchmal ist es so einfach. Aber dann kommen die Heinzis und penetranten, ignoranten, lauten  Chauvinisten ums Eck. Ehrlich? Da wünsche ich mir den Ziegenbock. Wer hat welche im Angebot?

4 Kommentare

  1. Liebe Claudi, in Ihren Text klingt ganz schön viel Abwertendes hin zu den Dialekt oder Mundart Sprechenden. Das stoßt mir sauer auf. Ist jemand deshalb mindergebildet weil er/sie mit einer Sprachfärbung spricht. Ist jemand gebildeter, wenn er/sie Hochdeutsch spricht? Ich glaube, dass immer noch das Gesagte zählt, in welchem Idiom auch immer.
    Sprache ist ein Machtmittel, damit kann man ganz schön Gewalt ausüben. Ich meine Sprache ist auch etwas Wunderschönes und ich meine damit auch alle Mundarten und Dialekte in all ihren Färbungen. Was man sagt, dass ist dann schon etwas anderes und das soll immer wohlüberlegt sein. Denn: Sprache kann auch mundtot machen. Einen lieben Gruß von der Gärtnerin mit dem gruenen Daumen, die Paradeis zu den Tomaten sagt.

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    1. Liebe Gärtnerin,
      es tut mir leid, wenn ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Ich liebe Dialekte – und spreche selbst häufiger mit einem. Mit Intelligenz hat Dialekt kein bisschen zu tun. Die Bayern sind zudem sehr stolz auf ihren Dialekt, was meinem Landstrich hingegen leider fehlt. Ich bin absolut für die Erhaltung aller Dialekte.
      Es gibt allerdings Dialekte, die ich eher sexy nennen würde und andere, die ich unsexy finde. Das hat aber etwas mit der Tonlage zu tun. Je tiefer, desto ohrschmeichelnder. Hat sogar eine Studie ergeben.
      Ich wünsche weiterhin viel Spaß beim Gärtnern.
      Liebe Grüße
      Claudia

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