Die Nacht läuft besser, so dass ich frisch zur Tat schreiten kann. Mein Lieblings-Wärter misst mal wieder meine Temperatur. „Rauchens eigentli?“ Ääääh… nö. Hab ist nie. Warum auch? Na, da käme es häufiger vor, dass die so niedrig temperiert seien. Meine 35,4 Grad überfordern ihn wohl. Ich bin eben ein eiskaltes Scheißerchen. Da wundert sich wohl keiner mehr, wie wenig ich die Sonne mag, oder? „Mochns heit wieda Erna Voatrog?“ „Nö, ich schule, aber halte keinen Vortrag.“ Er verdreht die Augen: „Des moan i do!“ „Dann sagen Sie es doch richtig.“ Er schnaubt: „Wo is’n do da Unterschied?“ „Beim Vortrag halte ich einen Monolog. Bei der Schulung machen die Leute aktiv mit und bekommen nur ein bisschen Theorie.“ „Ah.“ Als hätte er es jetzt echt kapiert. Ich mag ihn trotzdem. Er brummelt vor sich hin, sucht nach einer Unterlage und fragt: „Wos datn Sie jetz moche?“ Ich schau ihn frech an und kontere: „Besuchen Sie meine Schulung. Dann finden Sie die Lösung selbst. Ich geb doch nicht hier mein Wissen zwischen Tür und Angel preis.“ Sein Kollege lacht. Von ihm kommt nur: „A, is scho recht. So sans holt, die Weiba. Oba i bin a scho sechzge. Mia bringns nix mehra bei.“ „Richtig. Mit der Einstellung garantiert nicht.“ Ach, es ist zu schön mit ihm. Wir haben beide Spaß an der Kabbelei.

Ein Produktionsverantwortlicher vom letzten Mal berichtet mir breit grinsend, einer seiner Leute hätte nachgefragt, wann die nächste Schulung sei. In der zweiten Septemberwoche habe er Urlaub, aber er würde an dem Tag reinkommen wollen. Oh man, da bin ich schon gerührt. Heute sind auch zwei dabei, die eigentlich Urlaub hätten. Doch sie wollten den zweiten Teil ebenfalls mitmachen. Eigentlich hätte ich ja erst im September den zweiten Teil geschult, musste ja aber umdisponieren. Dadurch sind jetzt die beiden noch da, die sich beim letzten Mal verabschiedet hatten, weil sie bei Teil 2 entweder entlassen bzw. verlegt worden wären. Doch so gibt es ein Wiedersehen. Vor allem derjenige, der verlegt wird, freut sich wie ein Schnitzel. Als ich noch den Raum umkrame, überschlägt er sich beim obersten Boss hier, wie genial ich das machen würde, wie toll das doch wieder gewesen sei usw. Er ist völlig euphorisch. Mein Kollege macht den Scherz: „Der war so hin und weg, dass er einen neuen Teppich knüpft.“ Dazu muss man den Hintergrund kennen: Dieser Herr hat seine Lebensgefährtin ermordet und in einen Teppich eingerollt. Ja, dieser Art sind die Witze in so einer Einrichtung. Und das Schlimme: Ich kann mich über so was echt beömmeln. Auch sie haben einen Anspruch auf Witze.

Die Truppe an sich ist wieder richtig fit. Das sind hier schon die Cleversten, was es auch so spannend macht. Heute muss ich mir ihr Vertrauen auch gar nicht erst erarbeiten, da sie mich ja schon kennen. Die Russen sind wieder herrlich unterhaltsam. Ihrem Boss berichte ich, wie vielen Bekannten und Freunden ich seine Antwort auf die Frage, ob ich einem auf die Füße getreten sei, erzählt hätte: „Chätten Sie gemerkt, wenn.“ Er lacht: „Aber war Spaß!“ Ich weiß. Und trotzdem doch auch die Wahrheit.

Heute sind die Jungs sehr diskutierfreudig. Das strengt schon auch sehr an. Aber es erfüllt mich mit unbändiger Freude. Nur so entsteht was Tolles. Und sie sind echt hochmotiviert. Ich will mit ihnen an einem ihrer Beispiele eine strukturierte Problemlösung durchgehen, erfahre aber einmal mehr, dass bei ihnen schon alles perfekt laufe. Zwischendurch bringe ich wieder meine Fußball-Analogien. Und schwups, wird als Beispiel von ihnen Barca ins Feld geführt. Problem = 8:2 verloren, Lösung = alle „Verantwortlichen“ rausgeschmissen. Aus meiner Sicht eine völlige Kurzschlussreaktion und daneben. Und so biete ich an, dass wir für die strukturierte Problemlösung auch dieses Beispiel verwenden könnten, was zunächst auf großen Beifall stößt. Effizienter ist natürlich eher ein eigenes Beispiel, aber sinnvollerweise verstehen sie überhaupt erst einmal die Struktur. Nach einer Weile lasse ich sie abstimmen und staune wieder einmal über diese Männer: Sie wählen nicht die spaßige Variante, sondern die, die ihnen mehr bringt, also ihr eigenes Beispiel. In jedem einzelnen Schritt quälen wir uns, bis wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen – nicht ohne lustige Passagen, natürlich. Da ein paar das beim letzten Mal erwähnt haben, frage ich also: „Wer von Ihnen war Jäger?“ Die absolut göttliche, weil völlig ernstgemeinte Antwort von einem: „Dürfen wir ja hier nicht mehr!“ Ich schmeiße mich fast weg vor lachen. Das ist so eine Situationskomik, die ich schwer beschreiben kann, uns aber alle erheitert. „Ja, hier nicht mehr! Ich meinte vorher, Sie Schönne!“ Ja ja, da sind es ein paar von ihnen durchaus gewesen. Ich wollte nur darauf hinaus, dass sie ihr Jagdwerkzeuge doch auch immer geschärft haben, bevor sie raus zur Jagd sind. Mit diesen Prozessen ist es dasselbe. Im Laufe der strukturierten Problemlösung helfen solche Analogien. Und peu à peu macht es klick, klären sich viele Missverständnisse, und sie finden gemeinsam tolle Lösungen. Bei solch einem Prozess dabei sein zu dürfen, ist ein grandioses Gefühl. Ich erkenne an ihren Gesichtern, wie sie anfangen, das Gehörte umzusetzen und zu verstehen. Herauskommt ein gemeinsames Erfolgserlebnis. Einfach unbezahlbar. Selbst der schwierige Grummler strahlt, was weit mehr ist, als ich zu hoffen gewagt hab. Jetzt bin ich völlig erledigt, aber wieder von der guten Sorte.

Zum Ende hin frage ich sie wieder nach Feedback. Ich habe spontan ein neues spielerisches Element ergänzt, was sie bewerten sollen. Es hat ihnen geholfen, das Ganze spielerisch zu begreifen und soll auf ihren Wunsch hin bleiben. Ich fordere sie auf, sich Gedanken zu machen, in welchem Bereich sie gerne noch unterstützend einen Workshop oder eine Schulung wünschen, damit ich ihnen bedarfsgerecht helfen könne. Da haut der russische Anführer raus: „Ich bin für alles offen.“ Bevor ich nachdenken kann, fällt es mir auch schon aus dem Gesicht: „Dann sind Sie ja auch nicht ganz dicht?!“ Alle lachen, während er es völlig anders interpretiert. „Aaaaah, Sie denken aber schlimm!“ Zum Glück lacht er. Dabei habe ich natürlich keineswegs DARAN gedacht, was aber nun mal in einem Knast aus Mangel an Frauen gang und gäbe ist. Ein heikles Thema, aber dadurch, dass er Alphatier durch und durch ist, bleibt er völlig entspannt und lacht.

Es ist ein eigenes Volk, das sehr, sehr stolz ist. Das habe ich heute wieder einmal deutlich gemerkt. Es kam zu der Redewendung: „Auf die Knie gehen“. Da waren sich die russischen Jungs sofort einig: „NIE!“ Der junge Putin ergänzt: „Ich will im Stehen sterben und niemals auf die Knie gehen!“ Es klingt pathetisch, aber es ist zu 100 Prozent authentisch. Irgendwie imponiert mir ihr unbändiger Stolz schon sehr. Es ist etwas völlig anderes, als das, was ich kenne. Und doch erinnert es mich an etwas, das meine Sis mal zu mir gesagt hat: „Eher bricht Dein Rückgrat, als dass Du Dir selbst nicht treu bleibst.“ Und das stimmt. Ich kann durchaus dankbar sein, so wie für den heutigen Tag. Aber ich krieche niemals zu Kreuze. Und so habe ich wieder eine ganze Menge gelernt. Allen voran, dass wir doch gar nicht so unterschiedlich sind.

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