Heute Morgen komme ich gut aus dem Bett. Klar, ich freue mich ja auch auf den Tag. Trotzdem schlaucht es natürlich schon auch. Die Sonne scheint, es ist herbstlich frisch, ach, ist das Leben schön. Und so schlender´ ich zur S-Bahn und freue mich des Lebens. Dort angekommen, entdecke ich als erstes eine kopflose Rose. Oh, oh, oh, hier scheinen sich Dramen abgespielt zu haben. Nur, muss man dafür eine arme, unschuldige Rose köpfen? Ich finde nein. Zack, kommt mir das Bild von einer wütenden, enttäuschen Carrie Bradshaw in den Kopf, die von Mr. Big beim Standesamt stehen gelassen wird. Sex and the City – für die Nicht-Kenner und Banausen. Filmreif (und es ist ja auch ein Film) schlägt sie den Blumenstrauß auf ihm kaputt. Ob sich hier eine ähnliche Szene abgespielt hat? Wobei: Wer wartet an der S-Bahn-Haltestelle schon auf seinen Verlobten und will ihn vor Ort heiraten? Eher unwahrscheinlich. Als nächstes entdecke ich eine aufrecht stehende, leere Sektflasche. Ich sollte vielleicht doch Komissarin werden oder noch besser Profiler, was mir so alles auffällt. Vor einem Metallsitz schimmern noch die Reste der Kotze, die der- oder – was ich eher vermute aufgrund der Alkoholart, also Sekt – eher die Brechende hinterlassen hat. Kein hübscher Anblick. Wer weiß, vielleicht fand die Rose es letztlich so eklig, dass sie kopflos gehandelt und sich selbst hingerichtet hat? Keine Ahnung, was in den Köpfen einer Rosen so alles vor sich geht und wie leicht sie diese verlieren können.

Im Schulungsraum ist die gleiche Sitzordnung wie gestern. Gestern hat mich das nämlich auch schon fasziniert. In Zeiten von Corona (China liest übrigens immer noch fleißig hier mit…der Klopper, oder?) weiß ein jeder mittlerweile, wie wichtig regelmäßiges Lüften ist. Und? Wer sitzt immer am Fenster? Richtig, die Fröstler. Die, die sofort aufspringen und jammern: „Ich muss das Fenster schließen, es ist soooo kalt.“ Ja, warum sitzt Du Usche denn auch am Fenster? Geh´ doch ins hintere Eck, wo es weniger frisch ist. Aber nein, das brächte wahrscheinlich ihr inneres Juju durcheinander. Und ja, verdammte Axt, ich werde mit Freuden in die Hölle kommen…und gaaaaanz viele tolle Menschen wiedertreffen, die gerne mit mir schandmäulig sind.

Eine Thematik, die wir heute streifen, ist die Unterrepräsentanz von Männern in vielen wichtigen Bereichen. Klar, wer will heute noch als Mann Kindergärtner oder Grundschullehrer werden? Und doch wäre das so wichtig. Ich hätte auch meine Bedenken, wenn ich ein Mann wäre. Irgendwie wird man dort ja schnell abgestempelt, was in der überwältigen Mehrheit völlig deplatziert wäre. Ein interessanter Aspekt ist für mich dann aber auch, wie die Dozentin berichtet, dass bei den angezeigten Sexualdelikten der prozentuale Anteil der Männer überproportional hoch sei (noch klar für mich), es aber eine sehr hohe vermutete Dunkelziffer auch bei Frauen gäbe (eher neu für mich). Hier ist der Missbrauch nur perfider angestellt. Es ist schon erschreckend, zu was manche Menschen imstande sind. Ich staune da immer wieder aufs Neue. Und doch faszinieren mich die Hintergründe für derartiges Verhalten auch ungemein. Ich sage es wieder einmal: Niemand kommt als Monster zur Welt.

Die Dozentin haut auch heute wieder einige Kracher raus, was sie mir nur immer noch sympathischer macht. Ich haue auch raus – getreu meinem Naturell. In der Pause sag´ ich was und schiebe dann gleich hinterher: „Sorry, manchmal ist es aus dem Gesicht gefallen, bevor ich drüber nachgedacht habe.“ Da lacht sie nur und sagt: „Wie bei mir.“ Ja, so sind wir Extrovertierten eben, hm? Bei einer Übung gibt es wieder keinen Freiwilligen. Sie versucht es echt sehr angenehm, setzt niemanden unter Druck und erklärt noch einmal, dass wir zum Lernen hier seien, aber nüscht. Hammer. Ich bin raus, weil ich gestern bereits aktiv war. Ich verstehe so ein Verhalten nicht. Mich fängt´s dann immer an zu kribbeln und zu jucken. Und nein, ich fühle mich auch nicht pudelwohl in solchen Situationen, in denen ich bei den Übungen unter Beobachtung stehe. Aber was will ich denn hier? Also. Zum Patienten kann ich ja später auch nicht sagen: „Ach, wissen Sie was? Ich trau´ mich nicht so recht. Können wir die Stunde verlegen?“ Irgendwann fragte sie dann gezielt eine Teilnehmerin, ob sie bereit sei, mitzuspielen. Dann geht es komischerweise. Ich halte das schlecht aus, weil mir die Dozentin leid tut, was natürlich auch völliger Schwachsinn ist. Sie hält durchaus mehr aus. So auch, als ein Narzisst in ihrer Praxis ihr sagt, er müsse sie leider beseitigen, sollte er denn Bundeskanzler werden (was nie passieren wird, weil wir ja in Deutschland und nicht in den USA seien – ihre Aussage, nicht meine….aber ich teile sie. Ist die Frau toll oder ist sie toll?). Ihr Kommentar dazu zu uns: „Da bleibt Ihnen irgendwie das Hirn stehen.“ (Das denke ich bei Aktionen von Heinz ja auch regelmäßig.) Das war aber das Schlimmste, was ihr je passiert sei. Und das habe nicht wirklich eine Bedrohung dargestellt – aus ihrer Sicht zumindest.

In der Pause rede ich mit einer Justizvollzugsbeamtin – wie passend, wo es ja morgen nach Straubing geht. Allerdings arbeitet sie in einem anderen Knast. Ich finde es spannend, stelle tausend Fragen und erfahre, wie sehr sie sich von unserer Politik verraten fühle. Puh. Was sie schildert, kann ich absolut verstehen. Und das ist auch das Dilemma, was ich bei der Polizei sehe. Es wurde ein Sparkurs gefahren und auf viele Hinweise von den Praktikern vor Ort nicht eingegangen. Die Rechte werden weniger, die Gefahren bleiben hoch (oder steigern sich noch), die Ausrüstung ist oft dürftig, und dann darf man nicht einmal etwas Kritisches sagen, da sonst direkt die Karriere gegessen sei. Auf einmal schaut sie mich schockiert an: „Oh je! Nicht, dass Du meinst, ich sei rechts! Das bin ich absolut nicht!“ So schätze ich sie auch nicht ein. Ich glaube, so eine Fortbildung, bei der man die Psyche der Menschen besser verstehen und Wege zur Unterstützung bei der Heilung finden möchte, zieht keine Menschen an, die eine rechte Gesinnung haben. Und doch ertappe ich immer mehr Menschen dabei, die sich sofort meinen erklären zu müssen, was sie nicht sind, nämlich rechts. Das finde ich echt auch eine schlimme Entwicklung. Irgendwie scheint es nur noch links oder rechts zu geben, was ich beides strikt für mich ablehne. Alles, was man sagt, gleicht bisweilen einem Minenfeld. So richtig gefällt mir das nicht. Wie es besser geht, weiß ich auch nicht…oder doch: Mit ein bisschen mehr Zuhören und Verständnis, ohne den anderen immer argumentativ direkt platt machen zu wollen. Das tu´ ich ja auch, wenn mir Meinungen zu pauschal und zu rechts sind. Aber so langsam frage ich mich, ob das der richtige Weg ist?

2 Kommentare

    1. Mmmh… echt? Ich erlebe viele Rohrspatzen, die Gift und Galle spucken. Die Gemäßigten höre ich leider eher wenig. So, wie gestern auch die nette Beamtin, die schnell zurückgerudert ist. Aber die Hasstiraden höre ich verdammt laut. Schwierige Zeit… dabei geht es uns eigentlich objektiv betrachtet so gut, wie kaum einer anderen Generation vor uns.

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