Es ist Montag, aber er fühlt sich anders an. Irgendwie hallt das Wochenende noch nach. Das macht sich natürlich auch in der Müdigkeit bemerkbar, weil es ganz klar anstrengend war. Vor allem jedoch wirkt das Positive nach. Ist das nicht saugenial?! Ich bin jedenfalls unendlich froh darüber, weil die Montage zuletzt mit Kopfschmerzen und schlechter Laune bestückt waren. So ein Wochenstart macht ja wohl niemandem Spaß.

Heute Morgen steht wieder unser Meeting an. Mit meinem Coachee habe ich die Absprache getroffen, dass wir uns nur einmal monatlich sehen. Das wiederum weiß mein Chef ja nicht. Die Versuchung ist also groß, einfach meine Arbeit zu verrichten und dem Meeting fern zu bleiben. Aber ich heiße nun mal nicht Heinz. Ich kann so was nicht. Meine liebe Kollegin schreibt dann noch, ob ich da sei, weil sie nur dann reinkomme. Das ist schon süß. Sie ist dann auch kurze Zeit später da. Wir wählen uns jede vom eigenen Rechner ein. Innerlich denke ich an so eine Losbudenröhre: „Eine neue Runde, eine neue Runde…Gewinne, Gewinne, Gewinne!“ Das kann meine Sis herrlich nachahmen. Mein Chef ist nach all der Zeit immer noch mit der Technik überfordert. Krass. Aber es regt mich gerade Null auf! Hammer. Als der liebe Heinz (ich brech‘ in die Ecke wie die Dame vorletzte Nacht an der S-Bahn-Haltestelle) dann wieder zu referieren anfängt, spiele ich lautlos Tetris auf meinem Handy und bleibe ebenfalls ruhig. Mein Report dauert heute ganze 19 Sekunden! Wahnsinn. Ich bin so stolz auf mich. Zum Allgemeinwohl beteilige ich mich kurz konstruktiv an einer Diskussion. Ich bin hellauf begeistert. Kann das bitte immer so laufen?!

Meiner Kollegin geht es so ganz anders. Ihre Lieblingstante hat einen Tumor in Leber und Niere. Sie ist völlig aufgelöst. Seit drei Wochen schon (also noch vor der Diagnose) weine sie jeden Abend. Bei uns im Süden haben sich die Infektionszahlen verschlechtert, weshalb es in München nun wieder strengere Regeln gibt. So langsam halte sie das nicht mehr aus. Wenn sie ein Glas Alkohol getrunken habe, setze dann endlich auch wieder Entspannung ein. Auch hier laufen ihr die Tränen. Sie ist sehr klar und weiß, wie gefährlich sich das gerade bei ihr entwickelt. Da ich heute leider gegen Mittag schon los muss, bin ich erleichtert zu hören, dass sie morgen einen Arzttermin hat und sich Hilfe holen will. Sie sagt selbst, von außen betrachtet sei ihre Welt ja in Ordnung. Sie hat einen Job, eine große, schöne Wohnung, einen tollen Freund, sei körperlich gesund… aber innen fühlt es sich eben völlig anders an. Krasses Pferd, hm? Und es geht schlimmerweise immer mehr Menschen so. Ich bin gespannt, wie sich die gesamte Gesellschaft entwickelt. Anfangs hieß es, jetzt würden sich die Menschen wieder auf die Werte besinnen. Tatsächlich sehe ich, wie der Egoismus sich bei vielen verstärkt. Irgendwie bin ich dankbar, dass sich viele Menschen nun outen und ihr wahres Gesicht zeigen. Das macht das Aussortieren leichter.

Mein letztes Coaching für heute ist dann wieder ein Highlight. Die Führungskraft ist noch nicht lange auf dem Posten. Letzte Woche war er sehr defensiv und unsicher seinen Leuten gegenüber. Diese Woche hat er die Anregungen umgesetzt, was er wirklich hervorragend löst. So was freut mich ungemein. Sowie es ans Feedback geht, wird er wieder unsicher, was ich ihm spiegele. Ich frage ihn, woran das läge? Ich wisse ja um meine direkte Art. Ob ich zu forsch sei? Nein, gar nicht. Er kenne Coaching bislang nur nüchtern-sachlich. Mein Feedback würde er so sehr schätzen, weil ich auch so kompetent sei und ihm bereits so viele wertvolle Tipps gegeben habe. Ich hole tief Luft und kläre ihn auf, gar nicht mehr zu wissen als er. Ich bin nicht besser. Warum auch? Und dann frage ich ihn, ob ich wohl Selbstzweifel hätte? „Kann ich mir nicht vorstellen.“ Trocken entgegne ich: „Willst Du die stündliche oder tägliche Anzahl?“ Es ist immer wieder auch für mich spannend, wie weit Fremd- und Selbstwahrnehmung auseinanderdriften. Er ist völlig geplättet, was ich putzig finde. Wir werden das Gespräch noch weiterführen, aber jetzt wird er vermutlich nicht mehr so unsicher mir gegenüber sein.

Die Fahrt nach Straubing absolviere ich souverän in einem Mercedes mit Automatik (denn es heißt ja angeblich nicht Handschaltautomatik, auch wenn die Automatik-Bedienung über einen Schalter am Lenkrad gesteuert wird). Ha, wie locker ich mittlerweile Automatik fahre, wovor ich mich vor einem Jahr noch eingeschissen hab! Aber ich lerne am besten auf die harte Tour mit ins-kalte-Wasser-Schmeißen. Oder auch durch die beliebte Variante: Lernen durch Schmerzen. Wer weiß, vielleicht lerne ich irgendwann einmal, dass es auch leichter geht… nur müsste ich dafür vermutlich meine Hörner abschrauben. Da wär’s doch dann auch schade drum. Wir werden es erleben – oder auch nicht.

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