Ich rege mich mal wieder über die armen Lehrer auf. Und jaaaaaa doch, ich weiß, es gibt sie: Die Guten. Aber es gibt leider mehr von der Sorte „stinkend faule Sau“. Möge man mich dafür steinigen, ich bleibe dabei. Das beste Beispiel ist der „Kleine“ meiner Sis. Er ist nach wie vor gemütstechnisch gut unterwegs. Dabei ist sein Unterricht eine Farce. Es bleibt bei dem, was ich ja schon mehrfach berichtet habe: Unterricht findet regelmäßig unregelmäßig statt. Von Präsenzunterricht wurde gar nicht mehr gesprochen. Mal hat er eine Stunde pro Tag, dann hat er zwei Stunden am Abend – so, wie es gerade irgendwie passt. Da ist Null Struktur, Null Routine, gar nichts mehr vorhanden. Dabei haben Lehrer doch auch ihre festen Arbeitszeiten? Sie bekommen ja auch nicht weniger Gehalt, wenn sie weniger arbeiten – so, wie das bei uns der Fall ist. Ich frage mich, was ein Sportlehrer so mit seiner Zeit anfängt? Wenn manch einer zu dämlich ist, sich mit den digitalen Varianten zu befassen, dann könnte sich ein Sportlehrer doch hier mal reinfuchsen und seine Kollegen aufschlauen? Aber nö.
Der Deutschlehrer des Kleinen ist ja ohnehin der Oberkracher. Seine Krankmeldung ging bis zum 26.02. Damit war er im Februar mal eben so gar nicht anwesend. Als ich nachfrage, ob der Tünnemann sich denn mittlerweile mal gemeldet hätte, kam nur ein Lachen. Naja, der Gute sei wohl untergetaucht. Sie hätten bisher nichts mehr von ihm oder über ihn gehört. Ist das noch normal??? Und jetzt meldet er sich am Freitagabend (!!!) mit einer Aufgabe, die die Schüler bis Sonntagabend (also heute) abgeben sollten. Ich frage mich, was die Schule eigentlich macht? Wen stellt die ein? Haben die eine Suche nach dem größten Vollhorst ausgegeben? Ich fasse es nicht. Da versucht jemand sein Unvermögen zu kompensieren – nach dem Motto: „Die hatten doch jetzt soooo lange frei, weil ich ja krank war.“ Anders kann ich es mir gar nicht erklären. Naja, zum Glück ist der Kleine nicht so krawallig wie seine Tante. Ich hätte mit 16 Jahren auf die Pauke gehauen. In dem Alter? Puh, da habe ich mir nicht wirklich viel außerhalb der Familie gefallen lassen.

Apropos Familie…Heute ist der eine komische Tag im Jahr. Der Tag, an dem ich automatisch nachdenklich bin und meinen Erinnerungen nachhänge. Heute auf den Tag genau ist es 22 Jahre her, dass meine Mom ihren Schlaganfall hatte. Das war quasi die Halbzeit meines bisherigen Lebens… Es ist der Tag, an dem ich sie im Badezimmer gefunden und den Rettungswagen gerufen habe. Es ist der Tag, an dem alles irgendwie völlig anders wurde. Niemand hat damit gerechnet, dass sie es so lange überleben würde. Aber sie beweist, was meine Omma immer schon gesagt hat: „In kraake Bööm schlüet der Bletz net in.“ Sie ist zwar angeschlagen, aber zäh wie Leder. Sie war immer die Starke Zuhause, auch wenn sie meinen Vater so hat wirken lassen. Dabei hat sie alles geregelt. Auch das ist eine Kunst. Ich frage mich oft, was sie an meinem Vater finden konnte? Er war gut aussehend, keine Frage. Aber er war immer schon schwach, wobei er nach außen hin gepoltert hat. Er hat auch immer für alle Regeln aufgestellt, die für alle anderen galten, nur für ihn nicht. Wäre er krank geworden, hätte sich meine Mutter gekümmert, ohne sich auch nur einmal zu beklagen. Aber nein, es musste sie treffen. Sie, die stark war (und ist). Sie, die fleißig gearbeitet und nie gejammert hat. Ich kenne meine Mutter nicht nörgelnd oder jammernd. Meinen Vater hingegen kenne ich nicht anders als rumnölend. Mein Vater war von Anfang an überfordert, hat aber auch nichts dafür getan, sein Schicksal anzunehmen und etwas daraus zu machen. Stattdessen ist er eifersüchtig über jede Aufmerksamkeit, die meiner Mutter zuteil wird. Er schnauzt mit ihr rum, hat nichts Liebevolles. Aber er schiebt sie – gerne gramgebeugt – beim Einkaufen durch die Gänge, damit jeder sagen kann, welch´ arge Bürde auf ihm laste.
Ich weiß, wie bitter ich gerade klinge. Diesen Teil kann ich nicht ganz loswerden. Ich habe diesen Tag von Anfang an mit meiner Mutter gefeiert und ihr gesagt, es sei ihr zweiter Geburtstag. Und vorhin am Telefon sagt sie mir auch: „Kannst Du das fassen? 22 Jahre? Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber ich bin froh, dass ich sie erleben durfte.“ Damit habe ich lange gehadert, weil ich die Entscheidung getroffen habe. Ich habe entschieden, dass sie operiert wurde und habe fünf Jahre gewartet, bis ich sie gefragt habe, ob das eigentlich in ihrem Sinne gewesen sei? Früher habe ich ihr auch Blumen zu dem Tag vorbeigebracht. Seit über drei Jahren fahre ich nun nicht mehr heim. Und meine Mom kann ich auch nicht mehr außerhalb treffen, weil sie meinem Vater davon berichten würde. Der wiederum würde dann toben und rumschnauzen, was ihr das Leben nur schwerer macht. Das finde ich bitter. Als ich vor zwei Jahren in den USA war, habe ich ihr zuletzt Blumen von Fleurop schicken lassen. Als ich anrief, erzählte sie mir, dass sie nicht Zuhause gewesen seien, als die Blumen geliefert werden sollten. Jetzt müsste mein Vater sie abholen fahren, was ihn wieder hat wütend werden lassen. Das wäre ja wieder mal so typisch für mich! Also schicke ich auch keine Blumen mehr.
Es gibt einen Teil in mir, der weh tut. Ich spüre ihn nicht täglich, weil genug drüber geschüttet ist. Das Leben lebt sich weiter. Und doch ist es traurig, eine Mutter zu haben, die man nicht sehen kann, ohne dass es mit dem Vater eskaliert. Um sie zu schützen, muss ich darauf verzichten, sie zu sehen. An diesem speziellen Tag im Jahr, da tut es am meisten weh. Da erinnere ich mich an die intensive Zeit mit meiner Mom, als sie noch nicht so negativ geredet hat. Sie jammert immer noch nicht über ihr Leben. Aber es gibt nur noch schlechte Dinge, die passieren. Sie berichtet davon, wer krank oder gestorben sei. Sie erzählt mir, wieviele Corona-Tote es gebe. Es gibt nie positive Dinge. Daran erkenne ich, wie wahr das Sprichwort doch ist: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Wenn ich mich permanent in einer grauen Gewitterwolke bewege, dann sehe ich irgendwann auch nichts anderes mehr. Mein Vater ist diese graue Gewitterwolke. Sie hat so ein Leben nicht verdient. Und doch verläuft es so. Dabei hat sie auch gute Zeiten, keine Frage. In der Tagespflege blüht sie auf und gibt ganz klar den Ton an. Wenn dort einer trüber Stimmung ist, dann muntert sie ihn auf. Und dabei hat sie eine verdammt freche Schnüss. Das sind dann so Momente, in denen ich merke, doch auch manches von ihr zu haben. Nur würde ich mit so einem Mann nicht leben wollen. Mein Vater war schon als junger Mann mit wenig Antrieb ausgestattet und pessimistisch. Sein ganzes Leben empfand er immer als unfair und sich selbst als Opfer – nie als Gestalter. Dabei war seine Mutter meine liebe Omma, die ein Optimist vor dem Herrn war. Komisch, wie unterschiedlich Menschen doch sind, oder?
Ich schwelge noch ein wenig in Erinnerungen, sehe die ersten Schritte meiner Mom Monate nach ihrem Schlaganfall wieder vor meinem geistigen Auge, wo eine Tante und ich wie die Schlosshunde geheult haben. Ich sehe, wie ich meine Mom am ersten Tag im Rollstuhl nach draußen schiebe, als sie endlich auf die Normalstation verlegt wurde. Das waren die kleinen Erfolge, die wir uns erkämpft haben. Wieviele Bücher habe ich ihr vorgelesen, weil sie das vorübergehend nicht mehr selbständig konnte? Wir haben gelacht, wir haben geweint…aber wir haben vor allem gekämpft. Und auch, wenn ich manches nicht verstehe, was sie getan und gesagt hat, wenn mich manches auch verletzt hat, was sie so von sich gegeben hat: Sie ist meine kleine Mutti, und ich hab´ sie lieb. Ich weine nicht oft, aber da rollen mir schon ein paar Tränen übers Gesicht. Ob ich sie wohl noch mal wiedersehe? Ich weiß es nicht…nicht mal, ob es mir gut täte.

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