Sorgen… Tja, Sorgen sind vielfältig. Objektiv ist es immer einfach, sie zu bewerten, aber wenn man selbst mittendrin steckt? Da sieht die Welt dann doch anders aus. Nehmen wir meinen Neffen. Er tritt heute zum zweiten Mal zur theoretischen Fahrprüfung an und hat natürlich Sorge, es noch mal zu verhauen. Ich bin mir sicher, die Prüfung heute unvorbereitet nicht bestehen zu können, obwohl ich nahezu täglich Auto fahre.
Ein paar Minuten vor ihm kommt ein anderer junger Kerl raus. Seine Mutter strahlt ihn an, während er blafft: „Die haben so nen Scheiß zu Kennzeichen gefragt, die Dreckshurensöhne! Mach‘ endlich die scheiß Autotür auf!“ Oooh je, die arme Mutter muss als Blitzableiter herhalten. Nicht schön.
Prüfungen sind eben immer ätzend – egal, in welchem Alter. Und Feindbilder braucht man da auch immer. Das habe ich ja selbst gerade erst hinter mir. Ich bange also weiterhin… Dann kommt mein kleiner Neffe raus und ballt die Faust – wie ein Gewinner. Mir ist es gerade recht einerlei, ob er sich schämt und hüpfe aus dem Auto. Kurz dann doch zögerlich, frage ich: „Ist das jetzt uncool oder darf ich Dich mal fest drücken?“ Er nickt mir grinsend zu. Da bin ich aber dankbar. Ich freue mich ernsthaft riesig für ihn. Anspannung kennen wir alle in Prüfungen, oder? Und er wollte es auf keinen Fall ein zweites Mal versemmeln. Dabei wäre auch das ok. Es sagt nichts über die Intelligenz aus. Und doch lassen wir uns davon gerne überzeugen, was die Sorgen nicht gerade verringert. Andere Kulturen kennen diese Art der Sorge gar nicht so. Sie haben weit weniger Prüfungen im Vergleich zu uns. Wer braucht beispielsweise im Dschungel einen Führerschein? Wenn die ein Auto zu Gesicht bekommen, wird einfach ausprobiert, bis es klappt.

Dagegen gibt es völlig andere Sorgen…kleine, wie: Was soll ich anziehen? Obwohl auch diese bei Mädels (und manchen erwachsenen Frauen) ebenfalls einen Nervenzusammenbruch nach sich ziehen können. Und dann gibt es solche, bei denen man das Gewicht fast selber spüren kann und die den anderen nahezu erdrücken. Wenn der eigene Sohn Drogen nimmt und man gefühlt so gar nichts dagegen machen kann. Das eigene Kind rutscht immer tiefer in den Sumpf, will sich dies aber nicht eingestehen. Da leidet die ganze Familie mit…die anderen Geschwister, aber vor allem auch die Eltern. Kinder verhalten sich dann plötzlich vollkommen anders. Die lieben, netten, gut erzogenen Kinder sind dann plötzlich Aliens, die man gar nicht mehr kennt. Die Schuldfrage wird gestellt, weil wir Menschen nun einmal so funktionieren. Wir brauchen jemanden oder etwas, worauf wir unsere Wut und Verzweiflung richten können. Seien es blöde Prüfer oder eben Umgang mit falschen Leuten. Zwischendurch blitzen dann aber auch die Selbstanklagepunkte auf: Habe ich versagt? Als Vater/Mutter/Schwester/Bruder? Habe ich zu spät etwas bemerkt? Habe ich zu viel verlangt? Zu viel Druck gemacht? Wo hätte ich was bemerken müssen? Und diese Fragen sind so müßig. Versteht mich nicht falsch: Reflektion ist etwas, das ich sehr schätze. Bei manchen Menschen würde ich mir eindeutig mehr davon wünschen. Doch in solchen Situationen ist vor allem Selbstliebe gefragt. Gerade für Männer klingt das esoterisch. Und dennoch ist es so verdammt wichtig. Denn wenn ein Mensch krank wird (und Sucht ist eine Krankheit), dann erkrankt eben nicht nur dieser Mensch, sondern das ganze System drum herum. Umso mehr muss man dann darauf achten, sich auch selbst zu schützen und zu stärken. Doch ich habe natürlich leicht reden, denn ich habe ja keine Kinder. Allerdings habe ich Eltern, bei denen das auch passt. Da hat es lange gebraucht, bis ich mich um mich gekümmert habe. Selbst heute stelle ich mir oft noch Fragen, ob ich ein schlechter Mensch bin? Oder was ich anders hätte machen können, damit unsere Familie besser miteinander umgehen könnte?
Jede(r) von uns muss auf sich selbst Acht geben und sich selbst Gutes tun. Wir dürfen unsere Widerstandsfähigkeit nicht als selbstverständlich annehmen, sondern müssen sie stärken. Und vor allem: Wir müssen uns verzeihen…für alle Unzulänglichkeiten, verpassten Momente, vermeintlichen Fehlentscheidungen. Das meine ich nicht als Freifahrtschein, sich egoistisch – wie die Axt im Walde – aufzuführen. Ich rede von gesundem Egoismus, von Selbstfürsorge und dergleichen. Ich sehe schon, wie der ein oder andere von Euch zuckt. Klingt komisch, dieses Wort, richtig? Ist es aber nicht. In besonders schweren Momenten ist es wahnsinnig wichtig, sich noch mehr selbst zu lieben. Das ist eine verdammte Herausforderung, für die wir jede Unterstützung brauchen, die wir bekommen können. In Momenten, in denen alles wie geschnitten Brot läuft, ist es einfach, stolz auf sich zu sein, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Man, bist Du eine Wucht! Zusprache und Bestätigung brauchen wir aber in den dunklen Stunden viel mehr. Da wünschte ich mir, wir würden alle genauer hinschauen bei den Menschen, die um uns herum sind. Wenn sie leiser werden, sich zurückziehen, dann ist die Not am größten. Und ja, es tut bisweilen weh, so einen Prozess auszuhalten und mitzugehen. Aber es lohnt sich – für unsere Mitmenschen und auch für uns selbst. Wenn die dunklen Täler durchschritten sind, ist die Aussicht vom Gipfel aus phantastisch. Wenn man diese dann gemeinsam teilen kann, ist es etwas ganz Besonderes. Dazu braucht man die Menschen nicht einmal gut zu kennen – wie das in meinem Beispiel der Fall ist. Es tut einfach nur gut, nicht allein zu sein. Weise Worte sind auch nicht nötig, sondern da zu sein und das Leid aushalten zu können. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir so uns und andere stärken, gesünder sind und glücklicher leben. Ich glaube fest an ein gutes Miteinander.

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